blg 11-14

05 09 11

Die Schwierigkeit ist, von anderen zu sprechen, als spräche man von sich selbst. Dieses Als-ob ist aber keine naive Identifikation, kein „ich tue mal so, als wäre ich“ – es ist aber gleichwohl mehr als nur eine Vorstellung, viel­leicht literarisches Method Acting, eine psychologisch raffinierte Imaginati­on, die sich im Schreiben realisiert. Aber diese Psychologie muss frei von Terminologie sein – mit medizinischem Vokabular beschreibt und bewertet man, aber man fühlt und denkt und handelt sich mit ihm nicht ein in einen Fremden. Wenn die Ahnung den Gedanken und der Gedanke das Wort er­zwingt, ist es fast zwangsläufig Poesie. Wenn man vom anderen spricht wie von sich selbst, ohne insgeheim sich selber zu meinen, wenn wirklich eine Anverwandlung stattfindet, ist es wahr – auf eine, wenn man so will, magi­sche Weise. Fiktion bedeutet eben nicht: unecht; sondern sie ist ein Habitat der Möglichkeiten, das Spielzimmer der Authentizität oder deren Laborato­rium, vielleicht mehr noch – deren Kreißsaal. In der Fiktion gebiert man sich selbst als ein anderer.

März ’12

Am Abend zwei junge Obdachlose hinterm Bahnhof Zoo. Niemand spricht mehr auf sie an, also fragen sie sich gegenseitig aus, im Spaß, in der Ironie der Verlassenen: „Haben Sie eine Zigarette für mich?“ fragt der eine, „Geh arbeiten“, antwortet der andere, und der erste wieder: „Danke, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Diese Persiflage offenbart die Ratlosigkeit, mit der soziale Genres sich begegnen und die sich sprachlich nur in der Phrase ausdrücken lässt. Die was haben und die nichts haben – zwischen ih­nen gibt es keine soziale Intimität. Man verständigt sich miteinander nur mehr binär: durch Gabe oder Ablehnung.

April ’12

Wegkommen vom Glückszwang, der sich aus der Todessorge verursacht. Stattdessen sich zugestehen, auch als Unglücklicher sterben zu können. Das Unglück ganz zulassen, wenigstens im Sterben. Einig sein mit seinem Grund­leid. Vielleicht wird es mir unmöglich sein; mein Lebenssinn hat sich je vom Trotz her begründet. Nur in der Liebe bin ich vom Trotz erlöst; was nicht im­mer so war. Ich erinnere mich, noch bei D. war es so: waren wir nur ein paar Tage glücklich, nicht mehr als drei oder vier, wurd ich aufsässig dagegen, be­sessen von der kritischen Reibung. Nur im Zerwürfnis konnt ich mich be­haupten. Im dauernden Einvernehmen hatte ich keine Identität.

27 09 12

Früher meine Scheu vor dem Wort Einsamkeit, auch Alleinsein; heut sind sie mir näher, wenigstens als Begriffe. Mit Alleinsein verbinde ich nicht sehr viel. Alleinsein ist mehr eine Feststellung, in ihm spielen sich keine Dramen ab. Es ist, wie Woolf sagt, eine Art Nicht-Sein; man erinnert sich nicht an einzelne Momente, in denen man allein war; kann nur im Nachhinein eine Phase ausmachen, in der Regel eine tote, in der man da war, trotz allem. Es fehlt dem Alleinsein das schöpferische Moment. Auch in der Einsamkeit ist es nicht notwendig zugegen. Es gibt eine Einsamkeit, in die man hineingenö­tigt ist, als Sklave fremder Gewalten, etwa in der Kindheit. Oder mehr noch in der Jugend, da sich langsam eine Ahnung von der Zeit entwickelt. In sol­cher Einsamkeit verfügt man nicht über das eigene Bewusstsein, die Gestal­tung der eigenen Lage, über die innere kaum mehr als über die äußere. Auch die Situation eines Verlassenen, der ganz in einem unverwindbaren Schmerz gefangen ist, bedeutet diese Einsamkeit. Eine stechende Gewalt, niederdrückend, lähmend, der man wehrlos ausgeliefert ist. Man kann aus ihr nicht schöpfen, weil man nicht Herr im eigenen Hause ist. Nachträglich, bestenfalls, wenn sie sich gelöst hat.

Aber es gibt auch eine andere Einsamkeit, eine beglückende, die zwar mit dem Alleinsein verwandt ist, aber darüber hinausgeht, weil man sie tiefer oder überhaupt empfindet. Eine Einsamkeit, über die es kein Entsetzen gibt, die man nicht fürchten muss, die dem Movens der Seele assistiert. Sie ist der höchste Grad von Freiheit. Was einen in ihr umgibt, bedrängt nicht mehr, verursacht keine Panik, keinen Fluchtreflex. Sie öffnet der Neugier die Schleusen. Endlich kann man, worauf das Auge auch fällt, entdecken. Diese Einsamkeit ergibt sich, für Momente, wenn man sich mit der Unerledigbar­keit der Dinge verträgt, wenn man ein Auskommen mit ihr hat, das an Gleichgültigkeit grenzt. Aber eine Gleichgültigkeit, der die Not fehlt, das pa­nische Element. Aus dieser Vertragung gelingt mir das offenste Schreiben. Es hat dann etwas Unabgezwungenes, fast schon Organisches, in dem Sätze nicht mehr die Nachgeburt einer Not, sondern Proben der Lust sind, Erzeug­nisse einer Einigkeit. Kein Du, auch kein noch so imaginäres, ist dann zuge­gen, aber es fehlt auch nicht. Beinah ist darin eine Auflösung des Subjektivi­schen, ich werde identisch mit der von den Sätzen entworfenen Möglich­keitswelt.

01 10 12

Die Notizen über „Das Haus“: mehr ein Diktat dessen, was zu vermeiden ist. Ein halbes Notizbuch voller Dinge, die ich nicht will. Als müsste ich mich ab­schälen, die Häute abschälen, die ich mir so fest erlesen habe und die, woll­te ich sie selber ins Wort bringen, schon ledrig wären; sie sind es nicht, die mich in eine neue Sprache führen. Etwas ist nötig, wie immer etwas nötig ist, um Neues hervorzubringen, nur weiß ich nicht, was. In mir ist nur die Not, mich ans Wort zu wenden, eine Not, die keine Alternativen kennt. Aber sie allein ist noch nicht schöpferisch; sie treibt mich nur weg von der dräu­enden Ahnung einer Bedeutungslosigkeit, die mir so radikal vorkommt wie der Tod.

03 10 12

Heute den Satz geträumt: „Jeder, der weint, sollte Eltern haben.“

13 03 13

Am Abend, als ich aus der Bahn aussteige, will ich Tabucchis Erklärt Pereira zunächst ins Außenfach meiner Umhängetasche stecken. Dann ziehe ich es zurück und lege es in ein Innenfach. Der Gedanke: es sei im Außenfach zu kalt fürs Buch. Als könne es frieren. Für einen Moment werde ich heiter über diese Gefühlsblödeligkeit, über die Ahnung: meine Vorstellung, die ich vom Buch entwickle, könne einen Kälteschock erleiden. Dann der Verdacht: vielleicht kommt die Ahnung vom Buch her, aus der Szene, in der Pereira, während er den Koffer packt, das Foto seiner Frau mit Konterfei nach außen hin hineinlegt; damit sie besser atmen könne.

16 02 14

Wochen des Nichtstuns. Vom Lesen schnell müde, fang ich das Schreiben gar nicht erst an; seit Dezember. Mehrarbeit in den letzten Wochen vorm Jahreswechsel, drauf die Arbeit für L., dazu andere Sorgen minderer Art; immer verfing ich mich in Gründen, nicht zu schreiben. Lesen, gelegentlich, aber nur wenig, nichts Episches; Briefe von Lowry, Frischs „Berliner Journal“, dazwischen eine Erzählung, immer dieselbe, einzweimal in der Woche: „Erste Liebe“, Beckett. Sie macht manches mit mir, wenn auch still, nur das eine nicht, dass ich wieder schreibe. Bin ohne Fokus. Vielleicht geht es demnächst nach Magdeburg, für L.s Master; bis dahin bin ich ohne wichtigere Beschäftigung. Ein Freifahrtschein, eigentlich, fürs Schreiben. Aber Freifahrtscheine, vor allem zeitliche, habe ich immer ungenutzt verstreichen lassen. Die Lockung ins Nichtsmüssen war immer bezwingender als die ins Endlichkönnen. Ich kann nur arbeiten, wenn mir die Zeit davonrennt. Wahrscheinlich würde mich eine Krebsdiagnose disziplinieren.

19 02 14

Ein paar Tage zuhause; Magen-Darm. Draußen herumgehen konnt ich ein bisschen, eine Stunde vielleicht. Wollte nur zur Apotheke, die Bücher von der Packstation holen. Bin dann aber einem Eichhörnchen nachgewandert, das sich aus einem Meter Entfernung, was sich fast wie Streicheln anfühlte, fotografieren ließ. Ein irritierender, auch nahegehender Anblick, wie es gefressen hat. Der ganze Körper still, die kompakten, im Verhältnis zum Körper auffallend großen aber noch niedlichen Händchen hielten ruhig – vielleicht eine Kastanie, ich weiß es nicht mehr – aber der Mund! Wie hektisch die Zähne auf und ab gingen, als hätte der Mund krankhaft gezittert, worauf den Zähnen nichts übrig blieb, als panisch auf die Kastanie einzuhacken. Dazu der große, buschige Schwanz, der wie eine Flamme den Rücken hochschoss. Irgendwann ist es im orangenen Laub verschwunden und ich hab es nicht mehr gesehen.

Auf dem Rückweg Herrn K. begegnet, der mich, trotz tief in die Stirn gezogener Wollmütze und hochgezogenem Schal, gleich erkannte. „Wollten Sie nicht eigentlich weg sein von hier?“ Ich zögerte, druckste etwas herum. Er sah ganz gut aus, das Gesicht von der Kälte frisch errötet. Seine neue Wohnung gefalle ihm, er habe jetzt einen Balkon. „Die nennen das altersgerechtes Wohnen. Das heißt, ich muss von meinem Auto zu meinem Bett keine einzje Treppe steigen!“ Meinen Glückwunsch ließ er sich gefallen. „Wissense“, sagte er zum Abschluss, „Sie sind ja noch jung – Sie können noch ’n ganzes Haus bauen.“

20 02 14

Für gewöhnlich, wenn ich Magenkrämpfe habe – oder Darmkrämpfe, ich weiß es nie genau -, leide ich daran einzwei Tage. Dann beruhigt es sich und ich fresse selbstvergessen wieder dieselbe Scheiße. Jetzt aber schon über eine Woche. Wenn ich etwas esse – nicht viel dieser Tage -, spannt sich der Bauch so hart, als trüge ich einen Stein vor mir her, in einer Art Kängurubeutel. Auch Durchfall jeden Tag, vierfünfmal. Von der Ärztin Omeprazol bekommen, zu dem ich nicht gerade Beglückendes google. Nehme es zunächst nicht. Vielleicht ist eine Magen- oder Darmspiegelung doch unumgänglich, aber dazu google ich noch Unbeglückenderes.

War Bücher kaufen, um mich abzulenken. Endlich „Wiedersehen mit Brideshead“ gefunden, für einen Euro. Habe seither nur reingelesen, scheint aber dem Lob standhalten zu können. Dazu Harbachs „Die Kunst des Feldspiels“, bin auch hier angetan. Bislang nur die ersten hundert Seiten, aber bis dato ist es sehr klar, sehr plastisch, trotzdem subtil, für ein Debüt unvorstellbar souverän. Das innigste Vergnügen aber, natürlich, mit Frischs „Berliner Journal“, von L. geschenkt. Wenige Sätze genügen, Frisch tatsächlich zu erleben. Neben ihm kommt mir das meiste andere angestrengt und ungelenk vor. Etwa lese ich nebenher in H.W. Richters Tagebüchern, darin aber nahezu nur Klatsch & Tratsch über diesen oder jenen. Wenn Frisch über Grass schreibt oder Johnson oder Andersch, dann portraitiert er, geht einem Phänomen wenn nicht auf den Grund, wenigstens diskret an die Gurgel; Richter äußert nur Gehässigkeiten (Walser z.B., den er wahlweise einen Psychopathen oder Affen nennt) oder gibt plakative Bilder von literarischen Mitstreitern (Aichinger u.a.). Traurig, auf seine Weise: seine Furcht, von den andern nur als Initiatior der Gruppe 47 wahrgenommen zu werden – als soziales Genie, nicht als literarisches. Aber gerade im Tagebuch beweist er – selbst wenn man nicht Frisch zum Vergleich läse -, dass er letzteres niemals sein kann. Krampfhaft versucht er sich an Darstellungen von Autoren, kaum Autorinnen, aber es bleibt überwiegend beim polemischen Namedropping. Nur selten ein literarisches Zucken, etwa wenn er von der Begegnung mit Huchel und Biermann schreibt, da gewinnt man dann momentweise kleine anschauliche Einblicke. Richters literarischer Anspruch scheitert an seinem juvenilen Vernügen an peinlichen Sensatiönchen, die oft nur dadurch zustandekommen, dass er Menschen Absurdes zuschreibt, statt es in ihnen zu entdecken, wie es bei Frisch der Fall ist. Richter fehlt es an aufrichtiger Selbstbefragung; wie Grass oder Raddatz glättet er sein Selbstbild, das so auch dann, wenn er es kritisch betatscht, unangefochten bleibt.

21 02 14

Lese jetzt im BJ, was Frisch bei Besuch in Ost-Berlin den dortigen Autoren über H. Kant abluchst: einer, „der sich selbst befragt und doch nie in Frage stellt.“ Sehe hierin Verwandtschaft zwischen Kant und Grass, aber seit je. Seine Bücher, zumal die Aula, sind von derselben hohlen und sinnlosen Brillanz wie Grass‘ Bücher. Wie eine gewachste und polierte Rodelbahn, die immer nur geradeaus geht.

Gestrigen Nachmittag beinah in Ruhe verbracht. Nur einmal auf Toilette mit zuversichtlich stimmendem Resultat. Ein Musterexemplar für Genesung, dachte ich. Darauf der heutige Morgen, an dem ich zwischen 9 und 11 fünfmal ins Bad musste; Stuhl von ernüchternder Konsistenz.

Was aber schön war, die letzten Tage: endlich Ruhe. Eine langsam und immer langsamer atmende Stille. Seit dem Bücherkauf nicht mehr außer Haus gewesen. Nicht mal das Fenster aufgezogen, nur angekippt, heute Morgen, und zehn Minuten den Kindern beim Ballspielen zugesehen, auf dem eng umzäunten Hof des Kindergartens. Auf der anderen Seite des Zauns ist gleich wieder ein Spielplatz, und manchmal, wenn auf beiden Betrieb ist, hängen einzelne Kinder an den Zäunen und sehen den jeweils anderen beim Spielen zu. Erst war ich von ihnen gerührt, dann von mir selbst: Zäune als Trauma-Material. Im Spital, die ersten drei Jahre, immer im Kinderbett, umzäunt von Stäben. So hab ich das Krabbeln nicht erlernt, das ungetrübte Erforschen der weiteren Umgebung. Nur das Nächste wurde mir vertraut. Vielleicht erklärt das mein Isolationsbedürfnis. Auch heute bleib ich immer bei mir, zumal im Schreiben.

22 02 14

Heute Morgen bei der Ärztin, für eine weitere Woche krankgeschrieben. War mir fast peinlich, auf Arbeit anzurufen und die folgende Krankenzeit anzugeben. Brauchte eine halbe Stunde, um auch atmosphärisch zu erfühlen, eine weitere Woche völlige Ruhe zu haben. Dann sekundenweise euphorisch, aufs Bett gelegt und weiter Frisch gelesen. Etwas bizarr, dass mich die Tatsache, wirklich krank zu sein, wirklich Schmerzen zu haben, beruhigt. Schwierig nur, mich auf Schonkost einzustellen. So bestehen meine Tage aus Suppe, Tee und Zigaretten. Kein Süßkram, kein Fastfood. Aber so vertändle ich weniger Zeit. Der Süßkram verleitet mich oft zu blödsinnigen Dingen, Serien schauen usw. Seltsamerweise esse ich dieses Scheißzeug nie, wenn ich lese; beim Lesen kann ich nur rauchen, sonst nichts. Aber natürlich les ich immer noch viel zu wenig (und rauche zu viel).

Im Fernsehen – nur Fußball, sonst nichts – Werbung für Omeprazol gesehen. Gleich Verbindung zum Rezept gezogen; wahrscheinlich eine ärztliche Gefälligkeit an die bedürftige Pharma-Industrie. Dann las ich was zum Wirkstoff Loperamid; stoppt zwar den Durchfall, indem er die Darmbewegungen hemmt, aber mögliche Bakterien und Krankheitserreger verbleiben so weiter im Darm und tun dort schlimme Dinge. Sie verschreibt es mir ohne nähere Abklärung. Vielleicht eine Art Trial & Error: Erreger und Wirkstoffe bekriegen einander bis zum Patt – und dann muss man sehen, wer länger ausharrt: die Medikamente mit der Pharma-Industrie im Rücken, die fortlaufend Nachschub liefert; oder die Erreger, mit nichts im Rücken als göttlicher Spiellust. Schutzlos ist man diesem dämonischen Gefecht ausgesetzt, wenn man zumal schon Misstrauen gegen die eigene Ärztin haben muss. Zwar hol ich mir alle verschriebenen Medikamente von der Apotheke, lese aber zuhause erst die Beipackzettel, google, und nehme dann nichts davon.

Momentan tendiere ich zu Morbus-Crohn. Nachdem es mir heut, wenngleich der Morgen unruhig war, etwas besser geht, bin ich von Darmkrebs abgerückt. Meine Hypochondrie ist geschwächt, fühle mich aber dadurch kaum stärker. Wie ein Hundebaby paddle ich, von diversen Killerfischen umkurvt, im Ozean herum und warte angsthechelnd darauf, mir versehentlich die Zunge blutig zu beißen.

23 02 14

Die Tage wie ein Pingpong-Spiel zwischen Schwarz und Weiß, die sich im Wettkampf gegenseitig aufhetzen. Verlebe ich einen ruhigen Tag, folgt darauf ein nahezu verschissener. Heute also wieder ein rabiates Grollen im Magen oder Darm, das mich kaum eine Tätigkeit beenden lässt. Immer wieder Unterbrechungen, dass sich etwas anzufangen schon gar nicht mehr lohnt. Als wüsste ich nicht, was Dankbarkeit ist; als müsste sie mir martialisch eingetrichtert werden. Wie den Deutschen die Demokratie usw. Wahrscheinlich ist es Lupus.

Endlich die Briefe von Márai an Simányi gefunden, worin ich mich gleich eingekuschelt habe wie ins eigene Bett nach einer schrecklichen Reise. Der Ton von Márai ist mir nach Frischs der vertrauteste, auch liebste. Seine Tagebücher, zumal sein letztes, las ich lieber als selbst zu schreiben. Seine Melancholie hat kaum mehr was Heiteres, aber sie erdrückt nicht. Sie ist noch fühlbar, ohne dass man gleich emotionale Verstopfungen kriegt. Sie entwirft einen Raum, eine historische Tiefe, sie ist nicht bloß kokettiert oder eine rhetorische Flucht vor der Vernunft. Bei Márai ist sie die Vernunft, oder jedenfalls deren existenzielle Atmosphäre. Seine Sprache in den Briefen, auch in den Tagebüchern, ganz entgegengesetzt zu seinen Romanen, von denen ich San Gennaro immer am schönsten fand, vor allem sprachlich, vielleicht nur sprachlich. Obwohl die Sprache in Briefen wie Tagebüchern eine reduzierte ist, bleibt sie originär und lebendig. Sie hat einen Ton wie niemandes sonst. Márais Sentiment birgt noch ungarische Elemente, sein intellektueller Horizont aber ist der der westlichen Hemisphäre. In dieser Hinsicht erinnert er mich an Nabokov. Sie unterscheiden sich aber darin, dass Nabokov in der Fremde vielleicht immer schon heimisch war. Márai hingegen blieb noch in der weitesten Fremde ein Budapester Jude, ein inniger Magyar, der ungarischen Sprache bis zuletzt bedürftig. Noch nach dem Tod seiner Frau, die Augen kaum noch sehtüchtig, las er ungarische Gedichte. Ein Unikum der Weltliteratur, aber in Ungarn lange unbekannt. Als ich meinem Vater, der sein halbes Leben lesend verbracht hat, seinen Namen nannte, kannte er ihn nicht. Er war zur Kinder- und Jugendzeit meines Vaters aus den ungarischen Bibliotheken verbannt, ein Aussortierter. Wiewohl ein Romantiker, ein gebildeter Romantiker, sah er doch politisch sehr klar. Im Alltag aber hatte er sicher was Niedliches; im letzten Tagebuch beschreibt er die Funktionsweise eines für ihn neuartigen Geldautomaten mit der halb rührenden, halb komischen Naivität eines technikfremden Modernitätsskeptikers, der bis zum Lebensende die Verhältnisse der Kindheit wachhält. Vielleicht ein lebensweltliches Indiz, dass Márai sich auch in seiner Literatur für anderes interessierte, für das zeitlos Wertige, so vage das auch tönt.

25 02 14

Bezüglich der Medikamente oder der Ursachenforschung dachte ich schon: vielleicht mal eine zweite Meinung einholen. Aber das wird wohl auf der Karte vermerkt? Dann sähe meine Ärztin, dass ich mich ihr nicht zur Gänze ausliefern wolle. Es reicht, wenn einer von uns beiden misstrauisch ist. Sie ist schon auch ein netter Mensch. Sie duzt mich. Was mich nach vier Jahren noch immer irritiert. Und sie hat einen Vorzug, den ich nicht leichthin herschenken will: Wenn ich komme, ganz gleich, was ich habe oder vorgebe zu haben, schreibt sie mich tagelang krank, meist für den Rest der Woche, ohne Verhör. Manchmal melde ich mich vorn bei der Schwester an, und nach zehn Minuten kommt dieselbe heraus mit einer AU für mich. Einmal war ich bei einem anderen Arzt, sie hatte Urlaub: Ungewohnt detailliert befragte er mich nach meinem Leiden (auch damals der Magen), und so genau wie möglich gab ich es an. Dennoch schrieb er mich nur widerwillig krank, rang sich erst auf meinen rhetorischen Einsatz hin noch den nächsten Tag ab. Bei ihr aber oft das Gegenteil: komme ich Montag und sie sagt: Bis Freitag dann?, sage ich: Nein, nur bis Mittwoch. Seither jedenfalls bin ich im Widerstreit mit mir: wechsle ich Analyse und abgestimmte Heilmethoden gegen die Möglichkeit, unkompliziert einige Tage frei zu bekommen? Wahrscheinlich ein Anzeichen dafür, dass ich meine Gesundheit nicht ernstnehme.

Einmal sitzen L.s Mutter und ich am Tisch zwischen Wohnraum und Küche. Wir sprechen über die Manns. Golo hat sie persönlich kennen gelernt, auch Frido. Sie äußert Respekt für TMs literarische Könnerschaft (ähnlich schreibt es Frisch im BJ), aber Skepsis gegen seine Art der familiären Ausschlachtung. Sie findet es abscheulich, wie grauenvoll er Frido im Faustus sterben ließ. Wie er ihm das hat „antun“ können, mag sie nicht nachvollziehen. Ich habe es nicht als so abscheulich wahrgenommen, sage das aber nicht; ich bin um Wiedergutmachung für mein Verhalten am Vortag bemüht. Im Gegenteil befürworte ich die Rücksichtslosigkeit sogar, auch wenn ich verstehe, dass solche literarische Handhabung dubios wirken kann. Aber es ist, wie ich glaube, gerade nicht Kaltherzigkeit. Vielmehr die flirrende Hitze eines, wenn man so will, schuldigen Herzens, das sich offenbaren will. So verstehe ich auch seine Notizen im Tagebuch dazu. Aber L.s Mutter spricht mit so klarer Abneigung dagegen, mit so unwiderruflichem Abscheu, dass ich dazu nichts weiter sage. Worin wir einig sind: der nervige Dilettantismus desjenigen, der mit allem gerade erst Angelesenen unbedingt triumphieren will; was inhaltlich beitragen will, ist oft nur Rhetorik (Schopenhauerlektüre in den Buddenbrooks, Zwölfton-Gequatsche im Faustus). Natürlich ist nichts zu sagen gegen Recherche, gegen Pastiche, und auch muss man zwischen dem Geschopenhauere in den Buddenbrooks und der (adornitisch geschulten) Konzeption des Faustus-Romans unterscheiden. Aber der schon fast zu berühmte Vorwurf des überambitionierten Bildungsbürgers, der seine Sentimentalität soweit dressiert hat, dass sie nur mehr wie eine Karikatur erscheint, und der dafür ein Experte in Geistesdingen sein will, ist eben nicht ob seiner Berühmtheit bereits obsolet. Auch z.B. Lowry hat viel Angelesenes in seinen Büchern untergebracht, und nicht selten viel Uninteressanteres, aber es ist immer geleitet von einem stürmischen Gefühl, einer Offenheit, die mich, was der Autor will, mitwollen lässt. TM isoliert sich und lässt den Leser am Zaun stehen. L.s Mutter hier mit ähnlichem Eindruck. Auch kann sie nicht leiden, wie wenig er die literarischen Ambitionen seiner Kinder unterstützt hat. Mir fallen Zweigs Briefe an Klaus ein, in denen er ihn rührend fürsorglich mit Lob und Zuspruch sponsert. Aber was will man es TM vorwerfen, wo er es selbst klar gesehen und, so denke ich, nahezu entschuldigend literarisch verdichtet hat.

Kurz kommen wir zu Grass, den sie in ihrer stillen, andeutungsweisen Art spöttisch kommentiert; ich im Ton viel schärfer. Aber es ist leicht, eitle Menschen anzugreifen. Ich gerate in einen Monolog darüber, weshalb Grass durch seine politische Arbeit literarisch geschädigt wurde, Frisch aber nicht. Ein Punkt: Frisch war kein Parteimitglied (Grass zwar auch erst spät und nur für zehn Jahre, aber er war die kulturelle Gusche der Brandt-Ära). Ein anderer: Sein Weltbild war nicht konsistent; oder, worin seine Klugheit war, er hielt es nicht dafür. Der Gegensatz zu Grass, der teils als Ein-Mann-Partei durch die Medien zog. Entscheidend, nach meinem Eindruck: Frisch blieb ansprechbar, politisch, zumindest in Teilen, wie literarisch. Sein Denken wurde nicht programmatisch. Es wechselte nicht die Temperatur. Grass geriet ins politische Denken – oder was er dafür hielt – und fand nicht mehr zurück. Das politische Denken ist ein antwortendes, das literarische ein fragendes. Frisch blieb ein Fragender, auch ein sich selbst Befragender. Das war Grass unbekannt, bis heute. Wenn er nun fragt (etwa in seinem Israel-Schmarrn), dann ohne Aufrichtigkeit, nur rhetorisch. Rhetorik, das war überhaupt immer das Vorderste, das ihn ausgezeichnet hat, im Guten wie im Schlechten.

26 02 14

Am Telefon, wenn L. dran ist, spiele ich den tapferen Patienten; zähle auf, worauf ich eisern verzichte. Am Abend, nicht lang vorm Einschlafen, rebelliert etwas in mir; gegen die Bravheit, den Stumpfsinn auch des immer gleichen Ablaufs, der immer gleichen Zutaten. Dann ein Joghurt, zwei Schokoriegel. Der Kühlschrank ist voll davon. Ich muss einmal ausbrechen. Aber es bleibt eine Dummheit, für die ich den Morgen darauf büße. Wobei ich nicht wirklich Buße tue; ich bin nicht einsichtig; nur aus Panik und Ängstlichkeit unterlasse ich den Tag weitere Ausbruchsversuche. Dann unterwerfe ich mich wieder dem Leiden, dessen Hoheit ich am Abend zuvor nicht anerkennen wollte.

Das Haus von L.s Mutter sehr schön. Ein orangen gestrichener Flachbau in L-Form, der von außen wirkt wie ein luxuriöser Bungalow. Seit November lebt sie drin. Vieles schon sehr wohnlich, nichts darin aufdringlich, nicht mal das Christus-Bild, die religiösen Signa. Daneben auch Kunst, das meiste noch nicht aufgehängt. Ein schönes Portrait von ihr als junge Frau, gemalt von einem Freund, steht am Boden im Arbeits- oder Gästezimmer. Darin noch Kartons, randgefüllt mit Büchern. Das einzige Zimmer, das noch Provisorium ist. Wie auch der Garten, mit dem kleinen Teich in der Beuge und dem größeren am längeren Ende des Hauses. Steine um den größeren Teich, wo es hinabgeht zum Teehaus, woraus die Einfassung des Teichs nahezu trassenartig aussieht. Da ich selber nur die Stille gewohnt bin, irritierte mich anfangs das Geplätscher, wenn wir uns schlafen legten. L. aber beruhigte es. Wie sie überhaupt sehr schwärmt vom Haus, ihre eigene Wohnung nur mehr als Exil begreift. Fast unheimlich, aber auch auf anregende Art erstaunlich, wie sehr sie sich um die Einrichtung bemüht. Alles macht sie selbst. Tapeziert hat sie (ohne es gelernt zu haben; es sah famos aus und ich geriet nicht in die Peinlichkeit, sie nur für den Eifer zu loben), demnächst will sie das Haus mit Stuck verzieren. Auch für den Garten hat sie Pläne. Ihre Hingabe ans Haus ist ergreifend, in manchen Augenblicken auch beängstigend; ob sie wirklich weg will von dort.

27 02 14

Tagelang nur zuhause geblieben. Wenn man dauerhaft in seine Wohnung gespannt ist, büßt sie den Status als Rückzugsort ein. Abends von der Arbeit zu kommen, die Tür zu öffnen, das Licht anzuschalten, Tasche und Jacke in die Ecke zu werfen und nichts mehr tun zu müssen, ist ein Ruheversprechen. Im Gegensatz zur Kindheit, da ich, von der Schule kommend, immer etwas tun, immer einem Plan folgen musste. Ein beschäftigungsloser Mensch, und wenn noch ein Kind, galt dem Vater als Affront. Die eigene Wohnung endlich mein sozialer panic room. Jetzt aber spüre ich doch, wie klein dreißig Quadratmeter sind. Bedrückend indes nur für wenige Momente. Gerad beim Lesen oder Schreiben büßt sie völlig ihre tatsächliche Größe ein.

Wieder den Kindern beim Spielen zugesehen. Selbst aus dem zehnten Stock heraus, wo man kein einziges Gesicht mehr erkennen und auch, was sie sprechen, nur mehr vage hören kann, verlieren sie nicht ihre Ansteckungskraft. Heute rannten sie alle hintereinander her, und wenn sie sich hatten, warfen sie sich sämtlich zu Boden. Das geschah in immer kürzeren Abständen und bald lagen sie nur noch. Bei jeder halben Berührung schienen sie geradezu fallen zu wollen. Erst nur kleinere Häufchen über den Spielplatz verteilt, zum Ende hin ein einziger großer Kinderhaufen. So sagenhaft unkonfrontativ, dass man sich am liebsten dazuwerfen wollte.

Gestern übrigens doch außer Haus, aber nur kurz. Weizenbrot kaufen und Tabak. Da ich nicht gleich nach Hause zurückwollte – es war eine Tortur, mich fertig zu machen: baden, rasieren, Kleidung überwerfen und in die Schuhe hineinzwängen; alles einzeln hat mich schon geschwächt -, bin ich, zum vierten oder fünften Mal in drei Wochen, in den Saturn gegangen. Die CDs und DVDs hatte ich alle schon gesehen – Laptops sehe ich mir nicht mehr an; es käme mir wie Verrat vor an meinem jetzigen -, es blieb noch die Abteilung für Küchengeräte. Aus den anderen Abteilungen habe ich mir in den letzten Wochen immer etwas mitgenommen, und so stand ich gestern da und hätte mir aus Langeweile fast einen Toaster gekauft. Als ich dann das Bild vor mir hatte, wie ich zuhause in der Küche stehe und wahllos Brot oder Brötchen toaste, nur um sie wegzuwerfen und weitere Brotscheiben zu toasten, habe ich ihn zurückgestellt. Zuhause saß ich dann vorm Laptop, sah einige Sitcom-Folgen und drehte wahllos Zigaretten.

Auch stark geblieben in Sachen Süßkram. Wenn man streng von ihm lässt, kommt man nicht mehr auf Einfälle wie: Ach, eine Folge noch und dazu die Tafel weißer Schokolade! Man geht früher ins Bett, reagiert umgehender auf die eigene Müdigkeit. Nicht weil man sie ernstnimmt; nur weil man ohnehin keine Alternativen hat und morgen derselbe stille Tag stattfinden wird wie heut.

28 02 14

Magen über die letzten zwei Tage etwas ruhiger. Schonkost schlägt offenbar an. Vielleicht ist es in ein paar Tagen doch vorüber. Aber die Ernährung muss ich wohl beibehalten. Das ist das Härteste daran, nicht die Magenkrämpfe oder die Scheißerei. Aber es wirkt schon in manchen Momenten; die Kühlschranktür aufgezogen, um fettarme Putenbrustscheiben herauszunehmen, die ich mir aufs trockene Brot lege, übersehe ich Schokolade und Joghurts mittlerweile. Aber im Hinterkopf spuken sie noch herum. Wie ein Krimineller, der zum guten Leben finden will, aber unablässig von seinen alten Freunden aufgesucht und gestichelt wird: er solle seine Vergangenheit, und damit seine wahre Natur, nicht leugnen. So viele gute Taten er auch vollbringt, und wenn er Krankenpfleger geworden ist oder Pfarrer, er steht immer auf der Kippe.

02 03 14

Ich dramatisiere wohl etwas. Vielleicht geschieht das zwangsläufig, wenn man sein eigenes Leiden ins Bild setzt. Ohnehin ist es albern, von sich zu schreiben, nur weil’s mal irgendwo Aua macht. Als würde man vom imaginären Leser mütterliche Fürsorge erwarten oder Lob für eine Tapferkeit, die eh nur Pose wär. Aber eine Pointe an Tagebuch ist eben, dass es nicht antizipiert. Ich kann schon den Gedanken fassen: das gehe vorüber. Aber wer so denkt – und wahrscheinlich sollte man so denken – aber wer so denkt, der braucht nicht zu schreiben. Der hat auch nichts zu schreiben. Vielleicht muss man das Jetzt wichtiger nehmen, als es ist, um schreiben zu können. Jeder schlägt Wurzeln im Jetzt, nur manchem fällt’s schwer, sie wieder zu lösen. Zwei Wurzelstränge haben sich ineinander verhakt, vielleicht ist nur die Aussicht gerad so überwältigend, dass er nicht weitergehen mag. Da beginnt dann das Schreiben. In dieser unnatürlichen Pause, in diesem Effizienzvakuum.

Kann sein, dass das Blödsinn ist. Ich schreibe soeben nur aus Laune, nicht aus Neigung, zumal in Müdigkeit. Die Hypochondrie ist ja Antizipation, nur eine fälschliche. Eine phantastische. Ein dystopisches Märchen, das den Bauchschmerz mentalisiert. Erst der Glaube an einen finalen Abschwung konzentriert mein Denken auf das wuchernde Ärgernis in meinem Bauch. Das Märchen vom Untergang wurzelt dann darin. Und indem es mein Denken darauf konzentriert, isoliert es sich und schottet sich ab. Würde ich den Bauchschmerz, wie auch sonst, als ein temporäres Ärgernis empfinden, wäre ich noch offen für Ablenkung. Jetzt aber findet eine rigorose Hinlenkung zu meinem Magen statt, und alles, was ich daneben noch denken kann, steht unter diesem dunklen Firmament, ist von dieser Bedrohung infiziert. Heilen davon kann mich nur ein Wunder, etwa der unerwartete Abklang des physischen Schmerzes. Da ich nicht weiß, woher er kam, wüsste ich nicht, weshalb er geht; dieser Faktenmangel bestimmt das Wunder. Nur – auf Wunder hofft man. Fürs Hoffen aber bin ich zu unentfacht; ich wundere mich nur noch zufällig.

04 03 14

Nun wirklich Besserung. Gestern zur Probe einen Burger, zwei Joghurts, dazu einen Berliner und irgendein anderes süßes Scheißteil. Keine wahrnehmbaren Auswirkungen. Dennoch kann ich nicht weitermachen wie zuvor. Dass ich den Süßkram ganz aufgebe, ist unwahrscheinlich. Aber ich muss zu einer Mäßigung finden, die mir die (eingebildete) Mangelerfahrung erspart. Initiation gäbe es bereits: der erste Joghurt – ich war überrascht, wie süß er war. Viel süßer als in meiner Erinnerung. Leichte Befremdung. Wie die erste Zigarette nach einer einwöchigen Raucherpause infolge einer Zahn-OP. Sie war widerwärtig, als würde ich mich selber narkotisieren, nur ohne müde zu werden. Die zweite war schon weniger abstoßend. So der zweite Joghurt, den ich in beinahe derselben Besinnungslosigkeit, ja mit derselben Teilnahmslosigkeit wegschippte wie die hundert davor. Es wird sich nichts ändern. Ich werde meinen Magen mit derselben Scheiße beschmieren wie zuvor. Jeder Joghurt, jeder Burger, jede Scheißpizza ein Peitschenhieb, den ich nicht spür. Erst spüren werde, wenn sich die Peitsche ins Innerste gefräst hat. Nicht der Fraß wird mich umbringen, sondern meine hohle Besinnungslosigkeit.

11 03 14

Muss manchen Eindruck aus Richters Tagebuch revidieren. Keineswegs ist er ein selbstreflexiver Blindgänger wie Grass oder Raddatz. Der Vergleich zu Frisch wohl ungerecht; hier ein Dokumentarist, dort ein Literat. Richter ist durchaus offen, auch wenn er sich selten schilt. (Und wenn – etwa als er jemanden geohrfeigt habe -, so mit einer leichten Koketterie, einem unterschwelligen Stolz, wie ich finde, mit der bibbernden Eitelkeit desjenigen, der für ein Sensatiönchen gesorgt hat.) Aber in seiner Beschreibung etwa von Grass ist manche Reife, die, wie ich denke, auch aus der uneitlen Selbstbefragung kommt. Auch in seinen politischen Einschätzungen nicht so horrend naiv wie Grass oder Walser. Wobei er letzteren, nach meinem Eindruck, dennoch zu krass angeht. Ohne Einfühlsamkeit, ohne Verständnis. Walser als permanenter Psychopath. Aber im Ganzen ein doch lohnenswertes Dokument nicht nur der sentimentalen Sperenzchen um die G47, sondern auch von Richter selbst.