blg 18-19

02 Aug 18

Auf dem Weg zum Discounter ein alter Mann, der in ein tragbares Radio spricht. Eine Frau liest die Nachrichten vor. Stark gekrümmt und in langsamen, kurzen Schritten biegt er in eine Seitenstraße, hält sich das Radio ans Ohr und ruft immer wieder hinein: „Hallo? Hallo? Ja, ich bin’s! Hallo? Ja, ich!“ Eine erheiternde Auflehnung gegen die Einsamkeit.

28 01 19

Morgens, in Stein am Rhein, durch die engen Gassen; bevor ich zum Rathausplatz hochsteig, seh ich im Augenwinkel was Weißes vor einer Haustür. Sehr flach, rundlich, fein geriffelt, nach oben hin leicht ausgewölbt – eine Porzellan-Figur, denk ich, auch wenn ich es seltsam finde, sie zwischen Haustür und Gehweg abzustellen; ich erkenne nicht, was hier dekoriert werden soll. Dann bewegt es sich plötzlich. Kaum merklich erst, so dass ich selber nicht sicher bin, bis sich, an einem länglichen Hals, ein Köpfchen aus dem schneeweißen Korpus windet. Ein Höckerschwan, wunderschön, in sich eingerollt wie eine Katze. An diesem Ort allerdings wirkt er verblüffend. Als ich mein Handy aus der Tasche ziehe, ruft hinter mir eine junge Mutter mit Kind, die sich an einen Hauseingang gestellt hat: „Ich hab schon angerufen.“ „Oh, ok“, sage ich, als wisse ich, wen sie aus welchen Gründen angerufen haben könnte. „Die kommen gleich und holen ihn ab.“ „Gut, gut“, sage ich und überlege, ob ich mich jetzt vor ihr blamieren will, indem ich ihn doch fotografiere. Ich war nicht drauf gekommen, dass er geschwächt sein könnte. Aber ich will aufs Foto nicht verzichten; als ich mich dem Schwan vorsichtig nähere, kotet er. Ich knie mich hin und lichte ihn ab, aus mehreren Perspektiven. Die junge Mutter sagt, sie könne nicht weg, bevor sie ihn nicht geholt haben. Mich rührt ihr aufrichtig besorgter Ton; auch ich selber empfinde Mitleid mit dem Schwan, kann aber trotzdem nicht ab vom Gedanken: was für ein famoses Motiv. Von der anderen Seite kommen zwei Männer, der Montur nach Handwerker, und schauen irritiert-neugierig auf den Schwan; sie zücken umgehend ihre Handys und fotografieren ihn. Ich sage ihnen: Der sei geschwächt, die vom Tierschutz holen ihn gleich. Sie nicken mir anerkennend zu und ich lasse mir ihren Eindruck gefallen, das wäre mein Einfall gewesen. Die junge Mutter spricht mit einer Frau, die ihren Kopf aus dem Fenster hängt: Es bräche ihr das Herz, den Schwan so daliegen zu lassen, das würde sie nicht ertragen. Wäre ich allein, denke ich, würde ich versuchen, ihn zu streicheln. Eine dumme Idee, klar, und obwohl ich’s leicht bedauere, bin ich froh, dass es nicht dazu kommt. Die beiden Männer ziehen vorüber, die Frau am Fenster zieht ihren Kopf wieder ein; nur ich und die junge Mutter, die ihren Sohn an sich zieht, stehen noch da. Obwohl ich den Schwan gern weiter beobachten würde, drehe auch ich endlich ab. Ich habe Angst vor einem Betroffenheitsdialog; „Ja, versteh ich, versteh ich wirklich gut“, das kann ich jetzt nicht sagen. Auf dem Weg zum Bus geh ich über den leeren Rathausplatz, an den Fachwerk-Bauten mit den Fassadenmalereien vorbei, und bearbeite auf dem Handy das erste Bild vom Schwan.

06 Feb 19

Heute bei der Friseurin mal wieder unsicher, ob sie mich nun kennt oder nicht. Ich gehe alle zwei Monate zu ihr, und vielleicht ist diese Spanne zu lang, um mich bei ihr prominent zu machen. Vielleicht auch, weil ich nichts erzähle. Beim ersten Mal hat sie angesetzt, mich auszufragen, da sagte ich: Das sei mir, sie möge entschuldigen, zu intim. Ich neige, mein Gesicht im Spiegel, nicht zur Geschwätzigkeit. Wie wenn man am Telefon spricht und sich doppelt hört. Ich kann nicht erzählen vor mir. Einmal erschrak sie leicht, als sie über die Erhebung am Schädel fuhr; da erzählte ich ihr: ein Schlauch, der das Hirnwasser usw. „Ich bin ganz vorsichtig“, sagt sie heute, als sie mit der Hand darüber geht. Trotzdem, am Ende, dieselbe Frage wie je: ob ich schon einmal hier gewesen sei. Ich antworte immer gleich: Ich hätte sogar die Stempelkarte. Am Tresen schaut sie drauf, erkennt ihre Handschrift von den vorigen Malen und stempelt erneut ab. Vielleicht erkennt sie mich auch, meint aber, aufgrund meiner Schweigsamkeit, ich würde sie nicht schätzen. Ich rufe nie im Voraus an, sondern gehe immer vorbei und frage, ob in Kürze noch was frei sei. Bei den letzten beiden Malen hat sie gesagt: „Sie können gleich, aber das wäre dann bei mir.“ Dabei bin ich so froh um sie wie vielleicht noch um keine zuvor. Ich mag ihre ruhige, unaufdringliche Art. Sie hat einen östlichen Einschlag, vielleicht Tschechin, dazu was angenehm Mütterliches. Sie strahlt Bescheidenheit aus und zugleich Bestimmtheit; so sieht auch mein Haar nach ihrer Behandlung aus. Aber eigentlich, wenn ich’s bedenke, bin ich gar nicht sehr uneinverstanden mit dieser Unvertrautheit; wäre ich ihr vertraut, oder auch nur bekannt, ergäbe sich vielleicht die Not einer Verhältnisentwicklung. Aber wie das Beste an einer neuen Serie je nur die erste Folge ist, können wir immer wieder eine neue erste Folge bestreiten.

07 Feb 19

Im Bus ein Gespräch von zwei Schuljungen. Sie rechnen einander die Stunden vor, die sie am PC verbringen. „Zwei Stunden Youtube, zwei Stunden Netflix“ usw. „Zwei Stunden Pornhub“, wirft der Ältere ein und beide lachen. Dann wird es ernster. Um 15 Uhr setze sich der Jüngere an den PC zum Zocken; das gehe bis 23 Uhr. Er will zeigen, wie unabhängig er von den Eltern ist, dass er selbst über seine Zeit entscheiden kann. Der Ältere staunt auch wirklich, aber eher herablassend – er selber zocke nur von 20 bis 22 Uhr. Sieben Stunden Zocken, da käme er ja zu nichts anderem mehr. Der Jüngere, der seinen Triumph gefährdet sieht, rudert leicht zurück: Na, jeden Tag zocke auch er nicht sieben Stunden durch; wohl nur jeden zweiten. Um wieder die Oberhand zu bekommen, stellt er die Hardware-Ausrüstung seines PCs vor – das Beste vom Besten, natürlich. Dann fragt er den Älteren nach dessen Prozessor – der nennt irgendeine Zahl und der Jüngere, mit dem verständnislosen Ton eines reichen Dorfkindes: Mit so einem Prozessor würden doch viele Spiele gar nicht flüssig laufen. Das sei „ja richtige Scheiße“. Der Ältere aber uneingeschüchtert: Warum solle er Geld für einen neuen Prozessor ausgeben, wo er doch auf einen Führerschein spare? „Das bringt mir mehr fürs Leben.“ Mit dem Verweis aufs (‚echte‘) Leben meint er den Jüngeren ausstechen zu können und er setzt gleich nach: Außerdem müsse er das ja alles selber zahlen. Er bekäme eben nicht alles von den Eltern geschenkt. Er ginge ja noch arbeiten fürs Geld. Der Jüngere sieht sich überrumpelt und will nachziehen: Seinen Monitor habe er auch selber bezahlen müssen (allerdings, das gibt er zu, vom Taschengeld der Eltern). Wollte er den Älteren bis eben noch übertrumpfen, will er ihn nun eilig unterbieten: Überdies besitze er nur drei Paar Hosen, ein Paar Winterschuhe, eine Jacke – auch ihm werde das Geld „nicht in den Arsch geschoben“. Ein dritter Junge, aus der Sitzreihe gegenüber, nennt ihn daraufhin einen „Kanakensohn“. Der Jüngere kontert: „Deine Mutter isn Kanakensohn“, und will seine Aufzählung fortführen. Aber der Ältere lässt sich auf diesen Wettbewerb nicht weiter ein und klopft gegen das Fenster – eben ist ein Mädchen ausgestiegen, dem er zuwinkt.

09 Feb 19

Mit L. vor ein paar Tagen über Schindlers Liste gesprochen. Sie, unterm Strich, für den Film. Ich, mit Wut, spreche gegen ihn, bis mir die Tränen kommen. Filmische Ästhetisierung, hollywoodsche Dramaturgie auf der Grundlage der Shoa, das könne ich nicht akzeptieren. Sie führt an, durch die Schilderung von Einzelschicksalen werde einem das Grauen wieder neu begreiflich. Ich verstehe das, nur – und vielleicht bin ich dadurch ungerecht – ich brauche das nicht. In jeder Einzelheit, die ich von der Shoa erfahre, und seien es nur statistische Daten, kapituliere ich vor diesem Grauen. Und filmisch zu insinuieren, dies Grauen sei einem tatsächlich begreiflich, halte ich, wenn nicht für unredlich, so doch für einen Irrtum. Der Film kokettiert mit dem Triumph der Menschlichkeit, wo die Shoa genau das Gegenteil bezeugt hat, nämlich den Untergang, die völlige Vernichtung von Menschlichkeit.

Man kann von der Shoa erzählen, Kertész, Levi oder Begley haben es bewiesen. Und obwohl gerade sie alles Recht dazu gehabt hätten, haben sie es ohne Rührseligkeit getan; ihnen hat sich der Kitsch verboten, weil er sich in den Lagern verboten hat. Auch in ihren Werken waltet die Menschlichkeit, und vielleicht nicht nur ex negativo, aber sie ist bei ihnen keine dramaturgische Erbmasse. Wie Spielberg über die Frage, ob nun Wasser oder Gas aus den Duschen komme, einen cineastischen Tonus generiert – das ist degoutant, und es ist gefährlich, weil er die Shoa popkulturell trivialisiert.

Das gesteht L. zu: dass der Film emotionalisiere. Darin sei aber auch eine Möglichkeit, sich aus der konditionierten Abschottung gegen das Thema zu lösen. Dagegen fällt mir nichts ein. Aber ich beharre darauf: nicht auf diese Weise. Ich könne es nicht hinnehmen, dass der Film die historische Wirklichkeit frisiere zum Zwecke dramaturgischer Effekte, die auch noch das Falsche ableiten. Der Film will Hoffnung aus der Shoa schöpfen – diese leichtsinnige Perversion verkrafte ich nicht. Hier kann man nicht sagen: Es sei eben Hollywood, da müsse man Konzessionen machen. Nein. Hier gerade nicht.

25 02 19

In Zürich, am Sechseläutenplatz, am frühen Abend. Es ist schon dunkel, ein kleiner Kreis Jugendlicher spielt laute Musik. Immer noch viele Menschen auf dem Platz, alle mit Blick auf den See; nur ich habe zwei an den Füßen aneinandergekettete Metallstühle so umgestellt, dass mir der See im Rücken liegt. Mein Blick geht auf die Stadt, auf die hell erleuchteten Geschäfte, das Treiben der Trams. Auch die andern, die auf den See schauen, sitzen vor mir. In genügendem Abstand; fallen ihre Blicke auf mich, so zufällig. Rechts ein Paar, kaum erwachsen, im Streit. Auf Schweizerdeutsch, ich verstehe fast nichts. Am Ton des Jungen, asiatischer Abstammung, höre ich aber: es handelt sich wohl um Vorwürfe. Ebenso anklagend wie enttäuscht spricht er auf sie ein. Dann steht er plötzlich auf; es drängt ihn wortlos fort von ihr. Sie – brünett und hübsch wie er – stellt sich ihm in den Weg. Er versucht es, einen Koffer hinter sich herziehend, rechts wie links an ihr vorbei, aber immer baut sie sich entschieden vor ihm auf. Weiter links eine junge Frau auf einem der Stühle; die Beine übereinander geschlagen, den Blick friedlich ins Nirgendwo gehängt, stochert sie in einer Salatschale herum. Das junge Pärchen weiter uneins. Sie will ihn, scheint es, nicht so einfach gehen lassen. Als müsse einmal genau jetzt etwas geklärt werden. Ihr Blick fixiert ihn beeindruckend starr. Rechts von den beiden sitzt ein Mann, den Kopf weit zurück in die Kapuze geschoben. Zwischen seinen Beinen eine Tüte. Ein Obdachloser, nehme ich an. Er zeigt seinen Mittelfinger. Wem nur? Dann sehe ich, etwas weiter weg, einen anderen Mann mit Handy – er schwenkt es einmal über den Platz, eine Film- oder Panorama-Aufnahme. Das streitende Paar zieht nun doch weiter. Und obwohl sie nun neben ihm hergeht, scheint es mir, als wolle ihn noch immer nicht davonkommen lassen. Energisch klemmt sie sich, ohne sich einzuhaken, an ihn. Mir imponiert ihre Entschiedenheit. Sie wird nicht laut, gestikuliert nur im Ansatz, und ihr Blick, der mir vertraut ist, hat etwas ergreifend Aufrichtiges. Wie jemand, der sich im Disput selbst aufs Spiel setzt, aber nicht leichtfertig, sondern erstaunlich selbstbewusst. Sie schultert nicht nur sich selbst, auch ihn. Dann blicke ich weiter umher, absichtslos, ohne den Vorsatz des Beobachtens, und als ich schauen will, bis wohin die beiden gekommen sind, sind sie fort.

27 02 19

In Stein am Rhein, am Gleis nach Winterthur, lass ich einer alten Dame den Vortritt in den Zug. Sie wirkt etwas unsicher, als wisse sie nicht genau, ob sie hier richtig sei. In einem längeren roten Rock, drüber ein ebenso roter Blazer, sieht sie sich unschlüssig im fast leeren Zug um. Ihre dünnen blonden Haare fallen bis knapp zu ihren Schultern herab, ihr schmaler Mund ist mit rotem Lippenstift überzogen. Während ich mich setze, in Türnähe, tritt sie wieder aus dem Zug. Macht ein, zwei halbe Schritte, schaut auf eine Weise umher, als wolle sie sich versichern, und kommt wieder rein. Als sich unsere Blicke zufällig treffen, lächle ich sie mit ganzem Herzen an. Sie soll sich bedingungslos willkommen fühlen. So zugewandt das Lächeln auch wirken soll, es hat schon was peinlich Hilfloses, will es doch für diesen einen Moment die Missbilligung der übrigen Welt nichtig machen. Wie ein Rehkitz, in leicht zögernden Schritten, geht sie den Gang durch und setzt sich in einen Vierer. Da drehe ich mich wieder in Fahrtrichtung und nehme ein Buch aus der Tasche. Komme aber, als der Zug schon fährt, nicht zum Lesen. Ich denke mich, entlang der Angst, durch ein fremdes Leben, bis mir, erst nur spärlich, bald wie in einem Sturzbach, die Tränen übers Gesicht laufen. Leise, fast stumm, weine ich verzweifelt in mich hinein. Vielleicht war sie aus anderen Gründen unsicher, vielleicht wirklich, weil sie über den Zug oder die Strecke nicht im Klaren war. Vielleicht war sie nicht mal unsicher. Vielleicht habe ich ihrem Gesicht das Zaudernde nur unterstellt. Aber es erfasste mich so stark, dass ich es nicht anders deuten konnte. Die Vorstellung, ein Leben lang von einer sinnlos repressiven Umwelt in die Vertuschung der eigenen Identität genötigt zu werden – für nichts -, entsetzt mich maßlos. Mit einmal aber lächle ich wieder, noch unter Tränen, bei der Einsicht: wie lange auch unterdrückt, und wie unsicher auch immer, letztlich hat sie den Mut gefunden, sich zu zeigen. Sie ist eine Frau, und jeder kann es sehen.

03 03 19

Bei Max Frisch, in einem der Tagebücher, von einem Fußballspiel gelesen. Deutschland gegen Jugoslawien, glaube ich, in den Siebzigern. Er erwähnt es beiläufig, als wisse er schon: wenn das Buch einmal gelesen wird, wird das Spiel nicht mehr relevant sein. Es wird irgendein Spiel gewesen sein. In der Rückschau nicht mehr als Zeitvertreib, als hätte man Karten gespielt. Viele wichtigere Dinge könnte man tun, statt ein Spiel zu schauen. Und trotzdem, während man es schaut: als gäbe es nichts Wichtigeres. In der Retrospektive sagt man manchmal: ein unbedeutendes Meisterschaftsspiel. Wenn ich Ausschnitte früherer Tagesschauen sehe, aus den Achtzigern, und am Ende die Ergebnisse des Spieltags genannt werden: Hamburger SV – VfB Stuttgart 0:2 usw. – dann, in der Tat, kommt es mir auch unbedeutend vor. Aber wenn ich ein Spiel seh, aus gleich welcher Liga zu gleich welcher Zeit: immer das Gefühl, es gehe gerad um alles. Als entschiede sich in diesem einen Spiel die Zukunft. Ich kann ein Spiel nicht ohne Anspannung schauen. Aber diese Anspannung ist ein Ding der Akuität, in ihr bildet und erschöpft sie sich, sie konstituiert sich nur im Gegenwärtigen. Wenn ich ein Spiel für bedeutend nehme, dann auch, weil ich meine, es stelle unwiederbringlich Weichen für die Zukunft. Aber in dieser Zukunft, die dann Gegenwart ist, hat es seine Bedeutung ebenso unwiederbringlich eingebüßt. Ausnahmen gibt es, Final-Spiele etwa. Weil in diesen Spielen auch wirklich um Bleibendes gerungen wird; Pokale, die den Erfolg (oder Misserfolg) konservieren, die eine bleibende Gewissheit von diesem Ringen geben. Aber Spiele, die nicht in diesem Sinne bedeutend genannt werden können, ein torloses Unentschieden in einem Vorbereitungsspiel, ich schau sie mit einer beeindruckenden Intensität. Ich werde später nicht angeben können, weshalb es mir wichtig vorkam, dies Spiel zu sehen. Es wird vielleicht überhaupt keine Gründe geben. Aber künftig werde ich, in einer ähnlichen Situation, ein solches Spiel wieder schauen. Die Neugier, gar nicht mal so sehr aufs Ergebnis, mehr auf den Umgang mit der Herausforderung, die nimmt nicht ab, auch nicht mit der Kenntnis um eine zukünftige Irrelevanz. Die Anspannung, mit der ich auf andere schaue, in deren Tun ich meinen Erwartungshaushalt verlagere, erlöst mich vom mal stärker, mal schwächer lodernden Existenzdruck, gerade weil es, für mein eigenes Leben, um nichts geht. Das Spiel suspendiert das Bewältigungsgebot, das mich dauernd in diverse Verhältnisse zwingt. Einmal der Wirklichkeit nichts zutun müssen. In der absoluten Anspannung präsent sein können, aber mit einem sozusagen annullierten Ich. Das Relevanz-Paradoxon des Fußballs: Es geht um alles, während es um nichts geht. Man erlebt es noch viel stärker, wenn man selber spielt. Wie man sich drangibt ans Spiel, obwohl einem kein Grund einfällt. Man kann das Spiel auch theoretisch begreifen, kann Sacchis Trichter gegen Guardiolas Triangel stellen, die statische gegen die dynamische Dreierkette abwägen, die Bedingungen und Strukturen ausforschen. Aber das ist die Ebene der Profession. Als bloßer Zuschauer erliegt man dem Reiz der folgelosen Anspannung.

04 03 19

Wenn Leute angeben, was sie täten, wären sie einmal allein: nackt in der Wohnung herumlaufen. Nacktheit als Synonym fürs Allein-, mehr noch: fürs Beisichsein. Man trägt die Kleidung nicht für sich in erster Linie, sondern für oder gegen andere. Und wenn sie fort sind und man sich uneinsehbar eingekapselt hat, wenn die Beobachter im doppelten Sinne ausgeschlossen sind, hat sie keinen Zweck mehr. Aber hier muss man trennen zwischen sozial isolierten und sozial eingefassten Menschen. Einsame kleiden sich in der eigenen Wohnung nicht selten vornehm; die Kleidung dann wie eine Ermahnung, nicht zu verwahrlosen. Sozial umfasste Menschen drängen mehr danach, sich frei zu machen; nicht nur von Mitmenschen, auch von allem andern. Mit der Ablegung der Kleider ist die Ablegung aller Verhältnisse gemeint. Alle Dinge tun, die man auch sonst täte, nur eben nackt: der psychische Trend zum Nichtsozialen, der die dauernde Rücksichtnahme als Inhibitor der eigenen Freiheit begreift. Es ist auch anstrengend: je mehr einer um sich hat, desto mehr muss sein Gehirn an Prognose und Antizipation leisten, bis es sich von Eindrücken bald so bedrängt fühlt, dass es die Fantasie von seiner eigenen Stilllegung bildet. Oder von der Flucht, die zum Projekt wird. Von der Flucht ins Embryonale, ins Invisible, in die absolute Intimität mit sich selbst. Das repräsentiert die Vorstellung von der eigenen Nacktheit. Freilich: dauerhaft befriedigend ist es nicht, nackt zu sein. Es gibt einen Moment der Angetanheit, das momentweise Fieber der Emanzipation – aber dann wird es fad, denn die Nacktheit, wenn sie wirklich nur einem selber dient, hat in der Dauer keinen Vorzug gegen Bekleidung. An ihr reizt nur der Akt der Befreiung; wenn er getan ist, verliert sie ihre Bedeutung. Das Alleinsein selber moderiert sie nicht besser als Bekleidung. Es ist mehr die Vorfreude auf das Ausschlüpfen, die dann, wenn man nackt ist, obsolet geworden ist.

10 04 19

An der Bushaltestelle; ein alter Mann stellt sich zu mir, fängt an zu reden. Schweizerdeutsch, genuschelt, ich verstehe ihn erst nicht. Dann höre ich heraus: der Bus werde bald kommen. Ich nicke, lächelnd. 10 Grad, sagt er, das sei eigentlich Winter, nicht Frühling. Ich lächle und drehe mich weg. Er unbeirrt: 10 Grad im Frühling, sagt er, das sei ja wie in Sibirien. Da sei er mal gewesen. Ich drehe mich wieder halb zu ihm und sage süffisant, mehr aus Spaß: Schon bisschen länger her? Er plötzlich ganz ernst, für einen Moment versunken: Das sei sehr lange her. Nach einer Pause: Er sei viel herumgekommen in der Welt, habe viel gesehen. Asien, Australien, vor allem Südamerika. Als müsse er’s beteuern: Wenn man sich’s leiste kann, he? Aus einem Reflex schau ich ihn mir näher an: dunkles Cap mit dem Logo eines Automobil-Herstellers, beiges Jäckchen, beige Hose, verschmutzte Schuhe – und ein abgespanntes Gesicht mit wässrigen Augen. Ich nicke; wenn man sich’s leisten kann. Zuletzt sei er auf den Osterinseln gewesen. Kenne Sie die? Ich nicke; schon gehört. Da glaubt man, sagt er mit sehr müder Stimme, man sei am Ende der Welt. Es klingt ein bisschen wie aus einer Doku. Als der Bus kommt, lasse ich ihm den Vortritt. Bitte, Sie zuerst. Er hebt sich hinein und dreht nach rechts ab, Richtung Fahrer. Ich folge hinein und drehe nach links ab, in einen Vierer, gegen die Fahrtrichtung.

Mai ’19

Eine alte Frau im Zug; ihr Handy klingelt in der Handtasche. Sie sucht und kramt, findet’s aber nicht. „Bisch du ruhig! Bisch du ruhig!“ bellt sie in die Tasche hinein. Aus dem Fenster seh ich eine steil abhängende Weide; braune Kühe, verteilt wie auf einem Gemälde. „Schaue Sie“, sagt die Kontrolleurin, „des eine Ticket gilt nur bis Etzwile – und des andere erscht ab Stammheim.“ Ich sehe an ihr vorbei auf die alte Frau, die immer noch nach ihrem Handy kramt, jetzt aber stumm; es klingelt nicht mehr. „Da ischt eine Lücke, verstehn Sie?“ Sie hält beide Tickets gleichauf, zieht sie auseinander und wieder zusammen, wie eine Zugtür. „Die müsse mir schließe.“ Vor dem Fenster jetzt weiter Feld, in der Ferne die Berge; wenn ich sie fixiere, wirkt es, als führen wir auf der Stelle. „Die Lücke ischt ja eine ganze Zone.“ Vereinzelte schmale Bäumchen, eingemengt in dicht formierte Stauden, säumen das Gleisbett; es geht immer voran. „Meine Zone“, sage ich leise. Sie schaut irritiert. Erst will ich mich auf Unwissenheit herausreden; mein Ausweis würde es bezeugen, ich bin fremd hier. Aber dann kann ich mich nicht aufraffen. „Zahle Sie mir eifach die Zone, dann isch es gued.“ Sie sieht müde aus. Oder gutmütig, ich kann es nicht sagen. Unter Dank, wenn auch tranig, vergüte ich ihr die Inanspruchnahme der Lücke.

22 05 19

Mittags auf einer Bank am Münster, Konstanz. Neben mir zwei alte Frauen, Österreicherinnen. Die Ältere schaut versonnen auf drei Tauben; das Männchen hüpft aggressiv um eines der beiden Weibchen herum. „Na, jetzt schimpf net mit dei’m Weiberl“, sagt sie leise. Die andere blickt vom Prospekt auf, sagt: „I hosse die Viecher.“ Und nach einer Pause: „Die wecken mi immer.“ Wieder Stille. Dann die Ältere: „Aber net die.“ Die Jüngere einsichtig: „Na, net die.“

25 07 19

Martin Seels „Nichtrechthabenwollen“: Er will, schreibt er so ungefähr, nicht das Ordentliche. Stattdessen das Abwegige, Abschüssige, das Aus- und Abschweifende. „Gedankenspiele“ nennt er es. Aber er will es wiederum sehr ordentlich machen. Die Sprache lässt nichts aus. Er geht nicht das Wagnis der gedanklichen oder sprachlichen Leerstelle ein; zwar folgt er einer Struktur des Assoziativen, aber er folgt ihr sehr stringent, wie abgemacht. Die Assoziationen sind kein Zufall; und sie fallen ihm auch wirklich nicht zu – er beabsichtigt sie: „Vorführen, wie Gedankenspiele gehen“. Aber so gehen sie gerade nicht. Er grast das Land des Sagbaren ab, bis nichts mehr über ist, und käut es wieder und wieder. Er meint es als Prinzip. So kommen Sätze heraus, die man so oder nicht viel anders alle schon mal gelesen hat. Ein wirkliches Abschweifen, vielleicht auch ein Ausufern, das also, was nicht mehr ohne weiteres vom Adressaten gebilligt wird, findet nicht statt. Er scheut das Risiko, als ein Versehrter aus dem ‚Spiel‘ herauszugehen, als ein Geschlagener. Aber ein Spiel, in dem das Risiko keine Konstante ist, ist kein Spiel; es ist nur die Simulation eines Spiels. Eben ein „Vorführen“. Wer mutwillig assoziiert, der assoziiert nicht. Wer sich das Abschweifen vornimmt, der schweift nicht ab. Der unterhält einen Betrieb. Ein solcher Betrieb aber isoliert das Systematische vom Zufälligen. Seel will ‚auf etwas kommen‘ – aber da er dem Zufälligen das Notwendige abverlangt, weil es ihm sonst nicht gelten kann, gerät er nicht auf Unvertrautes. Das Jähe, das alles originäre Denken und Dichten ausmacht, versagt er sich. Da aber das Jähe seine eigene Bewertung nicht gleich mitliefert oder, besser noch, vorausschickt, sondern die Frage, ob es günstig ist oder nicht, sich erst in seiner Erfahrung entscheidet, bezeugt das Buch eine frappante epistemische Impotenz. Es ist nicht dumm, bestimmt nicht. Aber da Seel alles, was er andenkt, gleich auch ausdenkt, ohne aber etwas durchzudenken, das ihm bislang nicht eingefallen ist oder dessen Resultat ihm nicht ausreichend vorhersehbar ist, initiiert er beim Leser kein Nachdenken. Schweift der Leser ab, so ist die Abschweifung nicht Seel zu verdanken.

’19

Im Traum erreicht mich das Gerücht, E. werde heiraten. Umgehend reise ich in die Heimat, um mein Unglück zu verhindern. Vom Bahnhof in eine Wohnung, wo ich in der Küche auf sie einrede wie mit Messern; auf keinen Fall, auf keinen Fall, auf keinen Fall. Sie hat sich entschieden, K. zu ehelichen, was mich erstaunt: sie waren doch getrennt? Sie wirkt resigniert: Nach so vielen Jahren habe sie niemanden, und dann sei es eben K. Ich bin so ratlos wie verzweifelt. Im Traum scheint ausgemacht, unsere Verbindung stehe vor allen anderen, als himmlische Blaupause für jede soziale Fusion. Aber etwas steht zwischen uns; etwas Anonymes, das sich schwerfällig in uns senkt und das doch unaussprechlich ist, das irgendwie ermuntert, aber noch mehr bedrückt. Die stille Vertröstung auf die Möglichkeit, auf ein Bündnis im ewigen Potentialis. Offenbar will mein Unterbewusstsein sie als Sehnsuchtsreferenz nicht aufgeben.

Das erweist sich, nachdem sich die Konstellation, ich weiß nicht wie, plötzlich ändert: nämlich will sie von einem Moment auf den andern nicht mehr K., sondern meinen Bruder heiraten. Ich beteuere: Sie könne nicht jemanden heiraten, den sie nicht so liebe wie mich. Bei K. wäre sie fort gewesen, bei meinem Bruder endlich in meiner Nähe – ich sage: das würde mich glücklich machen, aber es wäre nicht das Richtige. Das Richtige: ist es im Traum ihr Glück? Ich kenne mein Traum-Ich nicht als unlauter, es hat, so weit ich weiß, keine Begabung zur Lüge. Also bin ich im Traum selbst davon überzeugt: ihr Glück sei mein dauernder Leitgedanke. Aber wie ich mich drangebe ans vermeintlich Richtige, entblöße ich meine Befangenheit – zwar beschwingt mich wirklich die Aussicht auf ihre dauernde Nähe, aber mehr noch belastet mich die auf ihre endgültige Unverfügbarkeit. Die ich übrigens mir selber ohne weiteres zugestehe: Ich könne sie nicht heiraten, sage ich, ich sei glücklich mit L. verheiratet. Dennoch, solange sie nicht mich heiraten kann, könne sie niemanden heiraten, das müsse sie einsehen.

Es ist erstaunlich, wie wenig mich mein Besitzanspruch im Traum beunruhigt. Ich halte ihn, im Traum, für das Allernatürlichste. Dass ich zwar ihr, aber keineswegs mir selber eine neue Liebe bestreiten will, kommt mir im Traum nicht mal in den Sinn. Das chauvinistische Motiv des sozialen Eigentums; mein Zureden im Traum ist von der Art einer Eroberung, als wolle ich sie besetzen, aber eigentlich will ich mich meines Besitzes nur versichern. Ich habe sie einmal, in der Jugend, gekapert (meine ich im Traum); das müsse für alle Zeit genügen. Dass sie mir seinerzeit zugetan war, begründe meinen unaufhörlichen Besitzanspruch. Das zeigt sich auch in dem Umstand, sie sei allein geblieben – „Nach so vielen Jahren habe ich niemanden“ – als sei es das Natürliche, nach mir in ewig einsam zu sein und nahezu krankhaft an meinem Verlust zu leiden. Da scheint es auch keine Rolle zu spielen, dass ich mich damals, vor über zwanzig Jahren, gar nicht getraut habe, ihr meine Zuneigung zu gestehen. Im Traum fühlt es sich an, als sei eine Art von ungünstigem Schicksal dafür verantwortlich gewesen, dass wir uns damals verpasst haben. Aber die Reue, die ich empfinde, verweist auf ein eigenes Verschulden. Und erhellend ist zudem, dass sie im Traum überhaupt davon weiß.

Manchmal nannte ich sie andern gegenüber meine Jugendliebe; aber dieser Begriff gibt eine Distanz vor, die ich zu ihr nie hatte. In meiner Vorstellung war sie der erste Mensch, mit dem ich mich wohler gefühlt habe als mit mir selbst. Allerdings viel Umgang miteinander hatten wir nicht. Unser Verhältnis erschöpfte sich lange darin, dass ich sie über ein paar Schulbänke hinweg anstarrte. Und obwohl ich das jahrelang tat, kann ich bis heute nicht mal ihre Augen, ihre Nase, ihre Züge oder ihren Gang, ihre Körperhaltung beschreiben. Was mir von ihr geblieben ist, ist nur das Ungefähre. Auch weil ihre Schönheit, in meinen Augen, wie ein Schleier war: er enthüllte die numinose Idee von ihr, die nur sinnlich zu erfassen ist, und zugleich verhüllte er alles Weltliche. Das Wirkprinzip solcher Schönheit ist nicht die Vermittlung, sondern die Eskalation. Natürlich, ich beschreibe damit nicht E., sondern den Mythos, den ich mir von ihr gebildet habe, in einer Sprache der Ehrfurcht, die ohne ironische Impulse ist. Aber anders kann ich von ihr nicht denken. Für gewöhnlich betrachtet man Dinge, um sie sich verständlich zu machen; aber meine Betrachtung von E. erzog mich regelrecht zur Ungläubigkeit. Ihre Schönheit schien sich vollkommen isoliert von ihrer Umwelt zu ereignen, sie warf keine Schatten und erzeugte keinen Widerhall. Im Milieu solcher Schönheit, nahm ich an, könne ich nicht stattfinden. Bis heute habe ich den Verdacht, dass mich jede unhintergehbare Schönheit naturgemäß abstoßen muss, aber damals war dieser Verdacht, der über die Jahre immer mal wieder irritiert wurde, noch Gewissheit. Es war wie ein stilles Naturgesetz, dessen Geltung ich nicht prüfen wollte. Und das immer zwischen uns stand; obwohl ich später, als wir uns für sehr kurze Zeit etwas näher kamen, zunehmend ahnte, sie könne in mir einen Vertrauten, einen Verbündeten finden, habe ich mich immer als Schmach für sie empfunden. Außerdem war ich derart ohne soziale Routine, ohne intime Du-Erfahrung außerhalb der Familie, dass ich ihre Perspektive auf unser seltsames Verhältnis nie einschätzen konnte. Das hat meine Scheu über die Jahre verfestigt – und dass ich diese Scheu nie überwunden habe, hat sich über die Jahrzehnte zum Skandalon in mir entwickelt.

Erst viele Jahre später hat mir meine Mutter, ganz beiläufig, als wüsste ich’s längst, erzählt: Die E. war ja damals schrecklich in dich verliebt; das arme Mädchen hat so gelitten, dass du nicht dasselbe empfunden hast. Ich fiel aus allen Wolken. Woher sie das wisse? Na, die habe manchmal hier angerufen. Bitte, was?! Ob ich mich denn nicht erinnern würde: E. habe doch eine Zeit lang diese Scherzanrufe gemacht. Und, tatsächlich, das hatte ich vergessen. Ich hatte mich davon blamiert gefühlt und schon damals versucht, es zu verdrängen. Mal legte sie gleich wieder auf, mal fragte sie nach mir und kicherte so selbstvergessen, dass ich nur verwirrt war. Das brachte mich auch in Erklärungsnot gegenüber den Eltern: Ob ich nicht dafür sorgen könne, dass das aufhört? Ich konnte nicht. Ich hätte nie gewagt, E. darauf anzusprechen; diese Blöße hätte ich nie riskiert. Damals hatte ich mir, auch im Verhältnis zum Vater, angewöhnt, jene Unbill mit Ignoranz zu passieren, die ich nicht mit Gewalt beenden konnte. Auf diese Weise, hoffte ich, würde sich alles undurchsichtige Interesse an mir verlieren. Einmal jedenfalls, sagte meine Mutter, habe sie mit E. dann näher geredet, und da sei es aus ihr herausgesprudelt. Wie sehr sie mich usw. Und so hätten sie dann manchmal gesprochen. Meine Mutter als Trösterin. Ich war so verblüfft, ich konnte nicht mal verärgert sein.

Eine gute Geschichte erzählt sich am besten in ausgesuchten Szenen, in Wendepunkten, die den weiteren Verlauf bestimmen, an denen sich Charaktere erweisen, im Spannungsfeld von Zufall und Bestimmung. Nur gab es die zwischen uns eigentlich nicht. Unsere Geschichte ist vielmehr eine der versäumten Momente. Nach dem Umzug kam ich zur Sechsten neu in die Klasse, am ersten Tag leicht verspätet. Ich stand vorn und sah, während die Lehrerin mich vorstellte, von links nach rechts einmal über die Sitzreihen. Rechts außen, am Fenster in der vorletzten Reihe, blieb mein Blick haften. Ich kann gar nicht sagen, was mich im Besonderen an ihr bezwang. Sie war einfach schöner als die anderen Mädchen. Nach der Vorstellung setzte ich mich an den letzten Tisch der rechten Reihe, allein an der Wand, und sah, weil mich niemand dabei beschatten konnte, den ganzen Tag quer zu ihr herüber. Und das ganze Jahr über fiel mir eigentlich keine bessere Betätigung ein. Mit der Zeit kam zu ihrer Schönheit auch anderes hinzu, etwa war ich angetan von ihrem Desinteresse am Unterricht. Ich hatte schon im vorigen Jahr, noch in Rheinsberg, allmählich das Interesse an Schule verloren gehabt, der Eifer der ersten Jahre war erloschen. Es ergab sich aus den Noten einfach nichts, aus guten so wenig wie aus schlechten, und Wissen erlangte ich in der Bücherei, nicht in der Schue. Aus E.s wenigen Wortmeldungen wusste ich, dass sie schlagfertig und charmant war; sie boykottierte den Unterricht also nicht aus Dummheit. Näherer Kontakt ergab sich selten, aber sie mied mich nicht so entschieden, wie sie die meisten anderen mied. Manchmal blieben wir für Augenblicke am Spind aneinander hängen, verhakt in neckischen Wortwechseln. Ich war nicht schön und konnte diesen Mangel auch nicht durch Charisma ausgleichen, trotzdem schien sie meine Art, direkt zugleich und doch verwickelt, ergiebiger zu finden als die der anderen.

Am Ende der Sechsten stand der Ausflug ins Schullandheim. Ich hatte die Woche in der Hauptsache mit einem gläubigen Jungen verbracht, der später auf eine Bibelschule gehen sollte; Tag für Tag versuchte ich, ihm Gott auszureden. Erst am letzten Abend, vorm Lagerfeuer, kamen E. und ich uns näher, aber mehr in einer vor-romantischen Dynamik; wir erschreckten einander, bewarfen uns mit Essen und sagten gemeine Dinge über den andern. Das muss einen Vorlauf gehabt haben, aus dem Nichts kommt es zu einer solchen Annäherung nicht, aber ich erinnere mich nur noch an eine eher beiläufige Begebenheit. Bei einem Stadtausflug während dieser Woche kamen wir an einem kleinen Zirkus vorbei; die Tiere standen in engen Gehegen auf einer Art Marktplatz. In einem jähen Übereifer erkundigte ich mich bei den Beschäftigten nach dem Auslauf der Tiere. Natürlich versicherte man mir: davon gebe es durchaus genügend, aber ich wollte mich mit ihrer Eingezäuntheit nicht abfinden; ich fand diesen Anblick entsetzlich. Die Lehrerin, sichtlich genervt, entschuldigte sich bei den Angestellten für meine überambitionierte Quengelei und mahnte mich, die Leute nicht bei der Arbeit zu stören. Aber ich konnte nicht aufhören, ich hatte mich, wie so oft, festgebissen. Und plötzlich stellte sich E. neben mich – und löcherte die Mitarbeiter nun gemeinsam mit mir. Natürlich war unser Engagement erfolglos, zu was hätte es auch führen sollen, aber für einen Augenblick vertraten wir dieselbe Sache. Und vielleicht hat das die Atmosphäre am Lagerfeuer begünstigt. Diese heilige Aufgekratztheit, dieses seltsame Ineinander von ‚ungestüm‘ und ‚behutsam‘ in der Annäherung, diese waghalsige Selbstvergessenheit. Ich kann noch die Wehmut nachempfinden, erst den letzten Abend so zugebracht und die ganze vorige Woche, bei aller Sympathie für den Bibel-Jungen, letztlich vergeudet zu haben.

Danach die Sommerferien, in denen ich wie nie zuvor nach dem erneuten Schulbeginn trachtete, der dann aber eine Ernüchterung war. E. ignorierte mich zwar nicht, aber in ihr schien die Erinnerung an diesen Abend nicht so lebendig zu sein wie in mir. Als hätte es diesen Abend nicht gegeben, oder als würde er nichts gelten. Ich empfand das als krasse Anomalie, als irgendwie irregulär. Meine fast zwanghafte Loyalität zu intimen Bündnissen, seien es auch nur momentweise, wurde lächerlich gemacht. Nach meinem Empfinden hätten wir fortan jede freie Minute miteinander verbringen müssen; stattdessen war ich wieder, wie alle anderen, nur ein Klassenkamerad. Ich fühlte mich wahnsinnig düpiert. Und reagierte wieder, wenn auch nur nach außen hin, mit Ignoranz.

Nach innen hin freilich nicht. Jeden Morgen, wenn sie ins Klassenzimmer kam, war ich aufs Neue angefiebert. Ich weiß noch, wie ich eine Zeit lang jeden Abend im Bett lag und dachte: Schöner kann sie gar nicht mehr werden! Und am nächsten Abend wieder: Nein, noch schöner aber nicht! Und wieder und wieder, wochenlang. Trafen wir zufällig aufeinander, in der Pause oder nach dem Unterricht, gingen wir ungezwungener miteinander um als im Jahr davor, aber immer noch unverbindlich. Jedenfalls muss ich das im Nachhinein so sagen; damals habe ich bei jeder Begegnung gehofft, sie würde etwas Außerordentliches begründen. Aber dazu war ich selbst viel zu verhalten, ich konnte ihr meine endlose Hingerissenheit nicht gestehen. In der Regel tat ich das Gegenteil: ihr auf alle erdenkliche Art mitteilen, wie scheiße sie ist. Schon auf erkennbar unseriöse Weise, neckisch, aber beharrlich. Einmal trieb ich es zu weit; ich weiß den Anlass nicht mehr, aber irgendwas – nichts Großes, was Läppisches – haben wir verbrochen gehabt. Die Lehrerin stellte uns zur Rede und ich wies, fast teilnahmslos, jede Mitbeteiligung von mir. E. als Alleinschuldige; ungewöhnlich war das nicht. Die Lehrerin hatte es ohnehin vermutet. Und ich kannte das Schema von zuhause: Mein Bruder galt familienintern dermaßen als Übermütiger, als Lügner, als Kaputtmacher, dass ich nur zu sagen brauchte: Ich war es nicht. Mehr war nie nötig. Man hat mir Verstöße einfach nicht zugetraut, zuhause nicht und in der Schule nicht. Es gab sie ja, aber sie wurden immer als Ausnahme behandelt; weder Eltern noch Lehrkräfte konnten sie in ihr Bild von mir integrieren, und so blieben sie für gewöhnlich folgenlos.

Aber an diesem Tag hatte das seine Natürlichkeit verloren; was ich tat, ging auf E.s Kosten. Sie durfte nicht mit auf einen Schulausflug und musste für einen Tag in die Parallelklasse. Ich seh sie noch neben mir, in der Pause, am Lehrerpult stehen; wie überrascht sie ist. Dabei wollte ich sie gar nicht im Stich lassen; ich wollte ihr nur eins auswischen, sie necken, wie damals im Schullandheim. Aber ich verkannte die Umstände; am Lagerfeuer hatte ich sie unmittelbar gefoppt, ohne eine Autorität als Bande. Jetzt war sie gedemütigt. Nach dem Unterricht sah ich sie allein am Spind, der Flur menschenleer. Sie zog sich ihre Schuhe an, mit Tränen in den Augen. Zögerlich grub ich in der Hose nach einem Taschentuch, ließ es aber stecken. Stattdessen referierte ich abschätzig zum Thema Pechhaben. Noch immer wollte ich sie necken, aber gleichzeitig mein offenes Herz vor ihr abschirmen. Obwohl sie die Geschädigte war, fühlte ich mich verwundet. Sie so verletzt zu sehen, war krank, fast widernatürlich. Gleichzeitig fand ich sie schöner als jemals zuvor. Es war das erste Mal, dass mir die Tränen eines andern nicht peinlich waren. Das habe ich erst spät begriffen, lange, lange nach ihr: dass ich jemanden lieben muss, um ihn weinend zu ertragen, um ihn weinend schöner als alles zu finden. Erst im Begehren schwindet meine Aversion gegen den Kontrollverlust eines andern. Obwohl ich das von ihr gar nicht sagen kann; sie war in dem Moment nicht hemmungslos, nur angekratzt; ohne ihre zart vertränten Augen wäre mir ihre Stimmung wohl nicht mal aufgefallen. Und jetzt erinnere ich mich, dass sie durchaus nicht der erste Mensch war, dessen Tränen ich nicht als Blamage für mich empfand; ich hatte schon meinen Bruder weinen sehen, auch ohne Fremdscham. Aber wenn ich ihn dazu gebracht hatte, konnte ich es wettmachen; an meiner zärtlichen Zuwendung konnte er sich erholen. Er war meiner Liebe längst versichert; an E., vor dem Spind, wäre sie an ein Geständnis gebunden gewesen. Und ich war zu feige, mich derart vorzuwagen. Beschämt, aber immer noch großspurig, mit einer letzten abfälligen Bemerkung, ließ ich sie zurück.

Zeitweise sind wir uns dann aus dem Weg gegangen. Ich erinnere mich nicht an einen Bruch, wir verloren uns nur etwas aus den Augen, wenn auch nicht aus dem Sinn. Vielleicht wäre das so gekommen, wenn nicht die Lehrerin, genervt vom Tumult in der Klasse, am Ende der Siebten die Sitzordnung umgestellt hätte. Diverse Schüler räumten ihre Plätze und tauschten sie mit anderen. Dann der Donnerschlag: E., du setzt dich neben A.. Ich traute meinen Ohren nicht; aber E. packte tatsächlich ihre Sachen. Missmutig stöhnte ich auf: Oah, nee – um jedermann glauben zu lassen, ich wäre doch sehr uneinverstanden mit dieser Entwicklung. Und gleich reute es mich, weil ich fürchtete, die Lehrerin könne mich ernst nehmen und ihre Entscheidung revidieren. Ich blieb starr sitzen, den Blick streng von E. abgewandt; nur nichts tun, das ihren Umzug verhindert. Nicht mal still gefleht hab ich, vor Angst, es könne sich irgendwie auswirken; in Sorge werd ich abergläubisch. Und dann saß sie wirklich neben mir. In den ersten Stunden hab ich versucht, gleichgültig dagegen zu wirken, gerade nicht das Gespräch, den Blickkontakt, irgendeine Art von Umgang zu suchen, als sei ich über ihre Anwesenheit gar nicht informiert worden. Ein Vorfall dann löste die Blockade: F., ein kleiner ekliger Junge, der hinter mir saß, hatte sich eine vorwitzige Bemerkung auf meine Kosten gegönnt; er war der zweitkleinste Junge in der Klasse und saß neben B., dem kleinsten, vor dem er sich gern profilierte. Ohne Vorankündigung wandte ich mich zu ihm, scheuerte ihm eine und drehte mich wieder nach vorn. Die Klasse plötzlich stad; die Lehrerin unterbrach ihren Vortrag, sah mich verblüfft an und fuhr fort. Für mich selber war das nichts Besonderes; ich habe immer entweder mit Ignoranz oder mit Gewalt reagiert. Dann sah ich absichtslos zu E. und war mit einem Mal entwaffnet; sie lächelte. Sie war mir also, dem Verrat zum Trotz, noch nicht ganz abgeneigt.

Ich glaube, das habe ich immer geahnt: dass sie eine Neigung zu mir hatte. Ich wusste nur nie, von welcher Art diese Neigung war. Vielleicht habe ich sie immer unterschätzt. Aber in der Zeit, in der sie neben mir saß – zwei Wochen –, hatte ich sie ungefähr erfasst. Zwar konnte ich sie nicht mehr heimlich anstarren; meine Schwärmerei hatte sich vor allem in der Verstohlenheit aufgespannt. Dafür konnte ich sie jetzt ansehen, während sie unmittelbar auf mich reagierte, eine ungleich innigere Erfahrung. Da wir beide keine Hausaufgaben machten, konnten wir nicht mehr vorm Unterricht beim Sitznachbarn abschreiben, sie bei D., ich bei S. Aber das war mir einerlei; neben ihr verlor sich alle Bedrohlichkeit, die von der Schule ausging. Wir wurden zueinander gesetzt in der Hoffnung, E. würde neben mir ruhiger, aufmerksamer. Aber die Lehrerin hatte meine Schweigsamkeit missdeutet; ich folgte nicht ruhig dem Unterricht, ich hing nur Phantasien nach. Und in E. hatte ich nun jemanden neben mir, der endlich als Adressat für die ganzen Hirngespinste taugte. Sie wurde nicht ruhiger an mir, ich wurde lebendiger an ihr.

Ab dem zweiten Tag redeten wir fast unentwegt; wenn nicht, schrieben wir uns auf einem Block, der zwischen uns lag, selbst während Prüfungen. Wir hatten uns, abgeschirmt vor der trivialen Außenwelt, in einem imaginären Intimitätsschuppen verkrochen. Aus Sicht der Lehrerin war es ein kapitaler Schuss in den Ofen, E. neben mich zu setzen. Ich will nicht prätentiös von Erweckung reden, aber neben E. konnte ich nicht nur die Schule, die Zeit oder was immer, sondern vor allem mich selbst vergessen. Ich war mir nicht mehr unangenehm. Und ihr offenbar auch nicht. Ich hab sie zum indiskreten Reden, zum Lachen gebracht, sie gerührt, es war, als konnte ich nichts falsch machen. Anders als in allen anderen sozialen Konstellationen – bis auf die mit meinem Bruder – lösten meine Selbstauskünfte keine Verwirrung aus. Aus heutiger Sicht, natürlich, waren diese Gespräche juvenil. Aber ich kannte es nicht, mit anderen über Hoffnungen, Wünsche, Träume zu reden oder von diesen kleinen Beobachtungen an sich selbst, in denen man seine eigene Unstetigkeit entdeckt. Wie von Geisterhand waren wir uns vertraut, und so sehr ich auch darin aufging, zu reden, reden, reden, hörte ich noch lieber ihr zu, wie sie von der weiten Welt erzählte: Später würde sie Maskenbildnerin auf Tourneen von Michael Jackson. Das war ihr Traum. Ich war beeindruckt, wie leicht sie über den Status quo hinausdenken konnte. Zu der Zeit hatte ich selber noch kein intimes Verhältnis zur Zukunft. Fußballprofi, ja gut, aber das war sehr vage. Ich tat nichts dafür, ich wartete nur darauf, entdeckt zu werden. Obwohl ich die Ohnmacht in Kindheit und Jugend beklemmend fand, hatte ich keine feste Vorstellung, kein bestimmtes Verständnis von mir als erwachsenem, freien Menschen. Es war in allem so: ich wartete ab, wartete darauf, von gleich wem ausgemacht zu werden, auch von ihr. Und in diesen zwei Wochen kam es mir vor, als hätte sie es, als hätte sie mich so wahrgenommen wie ich sie vom ersten Tag an. Intuitiv fühlte ich immer, dass ihre dramatische Schönheit das Versprechen auf ein bewegendes Naturell war, und diese zwei Wochen lösten es ein. Es gab nichts, das mich an ihr ernüchterte. Meine ganze nörglerische Natur verwaiste an ihr. Aber obwohl ich meine Ehrfurcht nicht aufgab, verstummte ich an ihr nicht. Im Gegenteil, ich wurde endlich so gesprächig, wie ich es insgeheim immer schon war. Ich weiß nicht mehr, wie sie gerochen oder wie es sich angefühlt hat, wenn sich unsere Ellbogen berührt haben, aber es war nicht nur durch unsere Gespräche sinnlicher als je zuvor. Allerdings, turns out, auch als je danach. Denn nach diesen zwei Wochen musste ich zur Kur, die bis in die Sommerferien reichte. Und als ich zur Achten wiederkam, war es ähnlich wie ein Jahr zuvor: das Traute, Einträchtige war zwar nicht ganz weggeblasen, aber nur noch als schwaches Echo fühlbar.

Ich habe nie aufgehört, sie anzusehen, bis zur Neunten nicht. Aber gab es in der Achten noch manchmal trauliche Momente, hatten wir in der Neunten so gut wie keinen Kontakt mehr. An ein Referat erinnere ich mich noch, in der Achten: ich sprach über die Entstehung der Welt, und ich sprach in der Terminologie, die ich aus den Büchern kannte, das heißt, niemand hörte mir zu. Nur sie, die jetzt in der ersten Reihe saß. Wenn ich mir heute ihren Blick in Erinnerung rufe, mit dem sie mir folgte, dann weiß ich, das war innig. Damals fühlte ich es nur, traute aber meinem Gefühl nicht. Ab der Hälfte des Referats sprach ich fast nur noch zu ihr. Wie sie lächelte, ermunternd irgendwie, als solle ich der Vergeblichkeit meines Vortrags einfach trotzen. Da war ein zwischenmenschliches Interesse in ihrem Blick, das mir damals zu ungewohnt war, um es als Anlass für irgendetwas zu nehmen, das uns über die Schule hinaus zusammengeführt hätte. Ich hatte in all der Zeit nicht mal den Einfall, ihr das vorzuschlagen oder drum zu fragen, es war undenkbar für mich, außerhalb der Schule mit ihr zu sein, auch nur für Momente. Und am Ende des Schuljahres war sie dann mit K. zusammen. Ein Schock, den ich aber einigermaßen verdauen konnte. Zwar stellte ich mir damals nicht vor, dass sie sich auch wieder trennen könnten, aber es war, dem äußeren Anschein nach, eine andere Art von Verbindung als zwischen E. und mir. Ich sah das nicht als Konkurrenz-Verhältnis. Es war einfach etwas anderes. Aber als sie zu Beginn der Neunten dann doch getrennt waren, ergab sich daraus nichts – weder für mich noch für irgendjemanden.

Ich weiß nicht, was über den Sommer mit ihr geschehen war, aber sie kam völlig verändert zurück. Nicht mal äußerlich, obwohl sie sich nicht mehr so extravagant kleidete wie noch im Jahr zuvor. Es war irgendwas mit ihrer Einstellung. Sie hat plötzlich Hausaufgaben gemacht, schrieb gute Noten, war einfach nicht mehr verhaltensauffällig. Und sie hat sich, innerhalb der Klasse, abgekapselt, nicht nur von mir. Ich glaube, wir haben nicht einen Satz geredet in diesem Jahr. Das Spielerische an ihr war verflogen. Das gab es auch bei anderen, die jetzt plötzlich vom Ernst des Lebens ergriffen waren, die auf eine Ausbildung hinstreberten und sich funktionstüchtig machten für das, was kommen würde. Das hat mich generell verwundert, weil ich selber diese Art von Aufbruch nie empfunden habe. Aber bei E. hat es mich auf tiefere Weise ratlos gemacht. War sie denn nicht wie ich? War uns denn nicht beiden das Heimische immer fremd gewesen? Wollten wir nicht beide daraus fliehen? Der Unterschied: Ich floh nach innen, sie nach außen. Und das war beeindruckend: Bis dahin kann ich keinen Menschen meines Alters, der sich von fremden Ansprüchen so freimachen konnte. Ich habe das wahnsinnig an ihr bewundert. Sie konnte sich verwandeln, während eines einzigen Sommers! Und es durchhalten, das ganze Jahr über. Als ich mich, im Jahr nach der Kur, beim Fußball endlich bemühte und den besten Fußball meines Lebens spielte, hielt das nur ein paar Monate an – ich hatte gezeigt, wozu ich in der Lage war, und alle hatten es anerkannt. Dann flaute es ab, weil ich nicht spürte, wofür diese Anstrengung sonst taugen könnte. Mich hat nie die beständige Ausübung einer Sache gereizt; ich wollte immer nur schauen, ob ich es könnte. Momentelang ließ ich mich vom Lob blenden, bis ich endlich hindurchsah und erkannte: da ist nichts, das mich meint. Erst beim Schreiben, Jahre später, hat sich ein Ehrgeiz für eine Sache in mir entwickelt. E. aber konnte durchhalten, das bewies sie in diesem Jahr. Und sie war so still dabei, dass es kaum aufgefallen ist. Mit ihr musste wirklich etwas passiert sein; mir schien: entweder habe sie ein Ziel oder sie flüchte vor irgendetwas. Wie unter einer Glasglocke ging sie durchs Jahr. Und obwohl mich ihr Wandel beeindruckte, konnte ich ihr nicht nacheifern. Zu der Zeit oszillierte ich zwischen Sportfernsehen und Bücherei, und nach den Zwischenzeugnissen ging ich kaum noch zur Schule; anfangs schwänzte ich, später kam ich monatelang ins Spital. Als das Jahr rum war, fand ich mich damit ab, E. nie wieder zu sehen.

Ich sah sie noch zweimal wieder. Einmal zwei Jahre später, für eine halbe Minute vielleicht. Am Abend zuvor hatte M. mit mir Schluss gemacht, und ich stand morgens im Zug, vorm Ausgang zwischen zwei Abteilen. Als er in Haunstetten hielt, sah ich plötzlich, wie E. aus dem einen auf mich zukam. Wieder extravagant gekleidet, mit Karohose und Jackett. Ich fühlte mich wie angestochen von ihrem Anblick und sah knapp an ihr vorbei; sie sollte meinen Blick nicht einfangen. Wie vor Angst faltete sich mein Magen ein. Sag was, dachte ich, noch eine Chance kriegst du nicht! Aber als sie aus dem Abteil trat, blieb alles in mir stehen; ich konnte nicht mal ihren Gruß erwidern. Sechs Jahre waren vergangen, seit ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, und ich war immer noch genauso passiv wie damals. Sie hat in ihrer Art immer was Herausforderndes gehabt, war kokett und unverfroren, aber wie sie jetzt auf mich zukam, wusste ich plötzlich, dass die eigentliche Herausforderung nicht in ihrer Art, sondern in mir lag; ich hätte meine Verlorenheit preisgeben müssen, meine beispiellose Besessenheit. Aber ich wusste nie, weshalb mir der Mut fehlte. Heute denke ich, es war mein primitives Zeitkonzept: Bis in die späte Jugend hinein meinte ich, wenn ich verlieren würde, in irgendwas, würde einfach alles aufhören. Als ginge es nach einer Niederlage nicht weiter. Wenn ich mich auf dem Schulhof prügelte, war das nie ein gewöhnliches Raufen unter Jungs; es war immer Final Fight. Ich hab so besinnungslos auf jeden Jungen eingeschlagen, bis er sich nicht mehr rührte oder andere Jungs mich von ihm wegzerrten. Schande war immer, was ich vermeiden wollte. Später, natürlich, habe ich erfahren: man kann sich von der Schande erholen. Aber als E. im Zug auf mich zukam, hatte ich noch keine Vorstellung davon. Ich war so beeindruckt von meiner Ergriffenheit, dass ich die Folgen ihrer Preisgabe nicht abschätzen konnte – und versteinerte. Ich erinnere noch die Zerknirschung, wie sie aus dem Zug steigt, die Treppen hinab, und plötzlich fort ist. Wie mir gewahr wird, sie endgültig verpasst zu haben. Und trotzdem war ich glücklich. Ich hatte die Schulzeit und alles, was mit ihr zusammenhing, abrupt hinter mir gelassen; aber sie war geblieben. Sie war in mir noch genauso akut wie früher. Die Trennung von M. hatte mich mitgenommen, aber nach diesem Morgen hatte sie den Anschein der Unaushaltbarkeit verloren. Ich war nicht kuriert, aber auch nicht mehr krank.

Das zweite Mal sah ich E. einige Monate drauf. Es war am Abend, auf dem Weg von der Bücherei zum Bahnhof. Vor dem Bahnhofsplatz musste man eine kleine Treppe hinunter, zwischen Bäumen und Büschen. Da saß sie, ganz allein, mit hängendem Kopf. In der Dunkelheit hatte ich sie erst im letzten Moment erkannt und nicht den Mumm, mich neben sie zu setzen. Wenigstens fragen, ob was sei. Als ich sie dann zurückließ, lief ich in feierlichen Schritten auf den Bahnhof zu. Ich versuchte, meinen Gang zu koordinieren, ihm was Erhabenes zu geben. Damals wusste ich nicht, dass er dadurch noch peinlicher wirkt. Ich wollte ihr vermitteln, sie zwar bemerkt zu haben, aber so, als kümmere es mich nicht. Statt ums Bahnhofsgebäude herum zu den Gleisen ging ich zu einer Bank davor und setzte mich mit Blick zu ihr. Wir waren zu weit voneinander entfernt, um das Gesicht des andern zu erkennen, also sah ich indiskret in ihre Richtung. Was ich dabei dachte, weiß ich nicht mehr. Nur dass ich einen Zug passieren ließ in der Hoffnung, es möge sich doch noch was ergeben, und dann genarrt war, weil sie kurz darauf ging und ich eine knappe Stunde auf den nächsten warten musste. Ich kann nicht sagen, wie oft ich in den Jahren danach an diesen Moment dachte, wie ich auf der Treppe an ihr vorüberziehe. Unzählige Male habe ich mir vorgestellt, was ich stattdessen tue, was ich ihr in diesem Moment alles sage, dass dieser Moment eigentlich der ideale Schauplatz für die eine große Beichte war. Ich habe nie darüber hinaus gedacht, etwa: was dann gewesen wäre. Vielleicht nichts. Denn wahrscheinlich war es ohnehin Jahre zu spät, um jetzt noch das Versprechen einzulösen, das wir womöglich mal gewesen waren. Und vielleicht hätte ich sie auch im berühmten falschen Moment erwischt. Vielleicht wäre ihr gar nicht nach einem Geständnis gewesen. Aber ich hätte noch mal bei ihr gesessen, und vielleicht hätte das weitere, innigere Zusammenkünfte ermöglicht.

Und umso schmerzlicher wurde die Erinnerung daran, nachdem mir meine Mutter von E.s Anrufen erzählt hatte. Das war eine Zeit lang kaum auszuhalten. Bis heute leide ich daran, ihr nichts von diesen Jahren erzählt zu haben. Und mehr möchte ich auch nicht; nur ihr einmal alles darlegen. Dass sie damals, auch wenn sie’s nicht wusste, Dreh- und Angelpunkt meiner Vorstellungen war. Die Phantasie, als Fußballer zu reüssieren, war immer motiviert von dem Bild, wie sie im Publikum sitzt. Vor ihr wollte ich großartig sein. Wenn ich mir vornahm, von Zuhause auszureißen, konnte ich den Ausblick nicht verkraften, sie nicht mehr zu sehen. Und wenn ich doch ausriss, quälte er mich so sehr, dass ich wieder zurückkam. Ich will ihr davon erzählen, wie maßlos ein Mensch in sie verliebt war, wie gründlich und grenzenlos angetan er von ihr war. Wie jemand, der nichts durchgehalten hat, sechs Jahre lang verrückt nach ihr sein konnte.

Manchmal habe ich es versucht; alle paar Jahre habe ich eine ganze Nacht lang im Internet nach ihr gefahndet. Schon auch mit Schiss davor, ich könne von ihrem heutigen Selbst ernüchtert sein. Vielleicht würde sie Lebensweisheiten posten, politisch irre Inhalte teilen. Vielleicht würde ich sie – peinlicherweise meine größte Sorge – nicht mehr so unendlich schön finden wie damals. Vielleicht noch erkennen: ja, das ist sie – aber nicht mehr neu infiziert werden davon. Nicht mehr so gebannt sein von ihr. Und ich fürchtete das auch: wieder von ihr gebannt zu sein, aber noch mehr fürchtete ich, es nicht zu sein. Vielleicht, dachte ich manchmal, ist es besser, sie nicht zu finden, sie bloß als imaginäre Chiffre meiner Jugend zu bewahren. Aber dieser Wunsch, ihr alles zu gestehen, hat seinen Hochdruck nie eingebüßt.

Freilich, ich fand sie nie. Vor vielen Jahren habe ich einmal geträumt, sie habe sich das Leben genommen. Weggefährten erzählten mir im Traum: „Weißt du denn nicht? Sie hat sich umgebracht.“ Und je länger ich sie nicht fand, desto realer wurde mir diese Vorstellung. Ich muss mich sehr konzentrieren, um mir bewusst zu machen: das war nur ein Traum. Denn bis heute fühlt sich diese Nachricht wirklich an. Auch weil E. ein ambivalentes Verhältnis zum Leben hatte. Wie für mich gab es auch für sie kaum Anschlusswerte in der Welt, die wir vorfanden. Nur, für einen Selbstmord reicht das nicht. Und vielleicht hat sie auch nur nie einen Sinn für Social Media entwickelt. Vielleicht ist sie wirklich, wie sie sich’s erträumt hatte, in der Welt unterwegs. Aber sehr oft habe ich mir das nicht vorgestellt. Und manchmal verdächtige ich mich, ihren vermeintlichen Tod als Erleichterung zu nehmen: dann könne sie mit niemand anderem als mir glücklich geworden sein. Aber viel lieber, weil es meinem Versäumnis vielleicht die Endgültigkeit nehmen würde, möchte ich ihr alles erzählen. Alles, alles, alles.