25 09 23
Beim Schreiben von Erinnerungen tritt es besonders hervor: ich erinnere mich nur vage an Umgebungen. Ich nehme sie je nur so ungefähr wahr, schon als Kind. Nur einzelne Wände, Tapeten, Farbverläufe hab ich länger geschaut, wenn ich im Spital auf Untersuchungen wartete. Aber eingeprägt hat sich auch davon nichts; es war nichts in Bewegung. Aber mehr als eine ungefähre Wahrnehmung von Umgebungen braucht es auch nicht, um nicht aus ihnen herauszufallen, sie sind Kulisse, viel mehr Bedeutung haben sie nicht. Ich erinnere mich aber auch nur schlecht an Namen, Gesichter, Gerüche, Akustik. All das bleibt nicht haften in mir, oder nicht da jedenfalls, wo das Gedächtnis die zum Schreiben brauchbaren Erinnerungen verwahrt. Ich stelle mir vor, sie lägen dort deponiert in derselben Bettung wie einst in der Wirklichkeit, in derselben relativen Klarheit. Zu vieles Falsche in meinem Gedächtnis musealisiert sich; kann vielleicht nicht anders, wenn ich bei jeder Sache darauf dräng, sie endgültig abzuklären; danach ist sie ohne Belang. Was fortdauert, ist die aufgeschriebene Einsicht, selten mehr. Woran ich mich so erinnere, als geschähe es mir heute, ist immer nur das eine: an mein Gefühl für einen Menschen. Eigentlich in der Hauptsache nur daran. Und das reicht nicht für Literatur. Notwendig ist es, hinreichend nicht. Also komme ich beim Schreiben in die Verlegenheit des Ausdenkens, des Ausmalens, geographischer Einfälle – nur bindet sich das Ausgedachte nie ans Gefühl. Und jene Umgebungen, in denen sich das Gefühl einst erzeugt hat, bilden sich in meiner Vorstellung bloß rudimentär nach, in vagen Standbildern, ohne positionelles Verhältnis zum Übrigen; sie haben meine Wahrnehmung, angesichts einer menschlichen Begegnung, nie interessiert. Aber wohl braucht ein Mensch, der schreiben will, genau diese Begabung: noch im packendsten Moment alles Äußre wahrzunehmen, ohne den Fokus aufs Innige der Begegnung einzubüßen. Mir geschah das je nur fallweise, in zu wenigen Momenten; aber Begabung heißt ja: es immer können, ohne Zutun.
30 11 23
Eine Longcovid-Erfahrung, vertraut schon aus der Kindheit: in der Krankheit ist man allein. Territorial, weil man isoliert wird – und sozial, weil das Kranksein nicht teilbar ist. Man erfährt Hilfe vom andern, im akuten Fall, oder Toleranz, wenn man auf einer Steigung pausieren muss. Aber Toleranz ist aufbrauchbar, sie ist keine unendliche Ressource. Drüber zu reden, jeden Tag, das ist einem andern nicht aufbürdbar; kein Mensch verkraftet eine tägliche Alarmierung, die ihn nicht selber betrifft und die ihm nur begrenzt nachempfindbar oder vermittelbar ist. Für den Betroffenen aber wird die Dauerschwächung des eigenen Körpers sehr bald zu einem Konstituens seiner Identität, so wenig er es auch will. Es ist belastend, sich täglich von der Schwächung her zu begreifen und zu behandeln, es konfligiert genuin mit dem Selbstverständnis desjenigen, dem alles Vornehmbare leistbar sein soll. Nur ist es das nicht mehr. Und jeden Tag aufs Neue die Spekulation: ist das, was sich morgens im Hals ausbreitet, nur ein Kratzen, das die nächsten Stunden schwinden wird, oder ist es die Ouvertüre zum Ausbruch tags drauf? Man selber verkraftet schon kaum diese dauernde, panische Selbstbefragung, dem Unbetroffenen aber ist sie nicht tragbar. Die Betroffenheit ist der hauptsächliche Nexus zur Bürde, sie zwingt zum Verhalt, dem man sich nicht entbinden kann. Für den Unbetroffenen ist die Bürde eine kontingente, und wenn man ihn aber täglich mit derselben konfrontiert, kommt sie ihm alsbald als eine notwendige vor, und in dieser Dissonanz reibt er sich anders auf als der Betroffene, dem Bürde und Betroffenheit ident sind – die dauernde Spekulation ist ihm notwendig Teil der Krankheit, dem Unbetroffenen ist sie nur Thema, zu dem er sich alternativ verhalten kann oder könnte, wenn ihn der Betroffene ließe. Und aus der sozialen Pflicht zur Rücksichtnahme gegen den Unbetroffenen bleibt dem Betroffenen nichts, als seine Verlassenheit als endgültige anzunehmen. Seine Hauptaufgabe ist aber, die Trauer darum zu verheimlichen, oder nicht nur die Trauer, den Eindruck der Verlassenheit schlechthin. Denn aus den Bedingungen des sozialen Gefüges, das vor allen übrigen ein intimes ist, ergibt sich die wechselseitige soziale Zueignung und aus der wiederum eine Verantwortung, von der der Unbetroffene nicht meinen soll, sich an ihr verfehlt zu haben ob einer Sache, zu der er sich im günstigsten Fall gar nicht anders als bloß helfend und tolerant verhalten kann, womit er alles ihm Leistbare ja getan hat. Der Kranke muss einsehen, nur allein krank zu sein, und alle Solidarität mit ihm kann je nur eine temporäre und niemals eine grundlegende sein. Und was dem Kranken pervers vorkommen mag, dass er noch im Kranksein rücksichtsvoll gegen andere zu sein habe, gleichwohl er als Kranker wohl aller Rücksicht anderer bedürfe, ist dennoch das moralisch Gebotene, weil seine Krankheit, so wesentlich sie ihm auch geworden ist, ihn dennoch für den anderen nicht ausmacht und sich demnach nur rezessiv verhalten darf zum Verhältnis, das man zu ihm hat. Andernfalls denkt auch der Unbetroffene den Betroffenen allein noch von seiner Betroffenheit her, was aber das soziale Gefüge an und für sich derart lädiert, dass das Gebot der Rücksichtnahme gar nicht mehr in jener Weise gelten kann, in der es für Liebende unbedingt gelten muss, nämlich als freisinnige und gerade nicht verpflichtete.
27 02 24
Lese die Nachrufe auf Polleschs Tod teils mit Unbehagen. Nach meiner Vorstellung verkörpern sie, wogegen er und sein Theater sich immer vehement gewandt haben. Nicht das Bekunden einer Traurigkeit, die ich auch empfinde. Aber das feierliche Sentiment, das Pathos und die Aufrichtigkeitsposen, mit der diese Traurigkeit inszeniert werden. Oder: der Mangel an Bewusstsein dafür, dass Traurigkeit, wo sie im üblichen Nachruf ausgefaltet wird, notwendig Inszenierung sein muss.
17 03 24
Die Grausamkeiten des Vaters: sie kamen oft genug, um sich bei geringsten Verfehlungen – und irgendwann schon nur, wenn er von der Arbeit kam – vor ihnen zu fürchten, aber nicht oft genug, um sich an sie zu gewöhnen. So war immer die Spannung gegeben, eine Atmosphäre schwelender Gewalt, Gewalt als dauernd gegenwärtige Möglichkeit, der Konjunktiv als Drohkulisse.
Vielleicht, ich weiß nicht, lässt sich an Gewalt nicht gewöhnen, weder für Täter noch Opfer. Körperliche Gewalt muss auch für den Täter, stell ich mir vor, etwas Außerordentliches sein, das Überwindung oder Anstrengung bedarf, wenigstens etwas, das nicht auf Autopilot durchgeführt werden kann. Ein Unterdrückungs- oder Vernichtungssystem jedenfalls muss es so richten, dass die Exekutoren nicht sozusagen selbst Hand anlegen müssen – oder wenn, nur auf Droge -, dass sie in sich nichts zu überwinden haben.
In jedem Falle aber brauchen Gewalttäter, wenn sich ihre Gewalt verstetigt, ein Narrativ. Das meines Vaters war Liebe. Das erklärte er oft: Wer seine Kinder liebe, müsse hart zu ihnen sein. Dabei hatte er, wie in vielem, uns mit sich verwechselt, Kinder mit Erwachsenen. Er hatte sich eine Weise vorgestellt, nach der wir uns von ihm unterjochen lassen und, von dieser Unterjochung angereizt, zu einer Selbstständigkeit gelangen. Aber fürs Kind ist die Gewalt des Vaters absolut, es kann nicht dahinter oder darüber hinaus schauen, fürs Kind gibt es zu ihr keine Alternative, zumal keine, die aus ihm selbst kommt. Und wenn die Gewalt jedes fürs Kind durchschaubare Maß übersteigt, wenn sie plötzlich kommt und vernichtend, dann ist das Kind unfähig, irgendwelche ‚Lektionen‘ daraus zu ziehen und das eigene Verhalten so zu reflektieren, dass daraus Eigenständigkeit resultiere. Er war dann oft enttäuscht, hat insbesondere zu mir immer wieder gesagt: „Ich dachte, gerade du würdest das verstehen.“ Dann hob er auf das Gerücht meiner Klugheit ab, und dann war wiederum ich enttäuscht, von mir selbst, weil ich dem Gerücht nicht gerecht wurde.
Aber ich war nie so ratlos wie in jenen Momenten, wenn seine Gewalt (scheinbar) aus dem Nichts ausbrach und er uns in der Folge zur Rede stellte: Warum er wohl genötigt gewesen sei, so zu handeln und dies oder jenes an uns zu verrichten. Es war dann nur Leere in mir, ich hatte keinen Anhaltspunkt. Diese Befragung war – ich sage nicht schlimmer, bestimmt nicht mal schmerzlicher, aber vielleicht gewaltvoller als die vorherigen Prügel oder die Verwüstung unseres Zimmers. Es ist eine andere Art von Entsetzen, sich als Kind an seiner Unkenntnis aufgehängt zu fühlen. Man weiß da schon, so ungefähr, was Recht, was Unrecht ist, kann sich auch beides schon nachsagen, aber nur in den gröbsten Dingen. Nachlässigkeit, als Beispiel, ist fürs Kind nicht auf dieselbe Weise augenscheinlich wie Handgreiflichkeit oder Lügen oder unerlaubte Aneignung von Spielzeug, dem der Bruder lauthals nachwimmert. Beim Staubsaugen was übersehen oder eine gebotene Geste unterlassen zu haben, habe ich nicht als Delikt begriffen.
Knapp gesagt: Versehen ungleich Vergehen – falsch war, für mein Verständnis, was vorsätzlich und annähernd gemein war. Auch dafür hätte ich mir selber keine Prügel verordnet, es aber als irgend strafbar anerkennen können. Stattdessen Dresche für lauter Irgendwas, das meinem Bruder und mir wie ausgedacht vorkam. Hiebe in die Magengegend, nach denen ich kotzend über der Kloschüssel hing, Gürtel und Schuhe auf den blanken Arsch, dass ich nicht mehr sitzen konnte, stundenlanges nächtliches in der Ecke stehen bei schmerzenden Krampfadern im Skrotum, aus dem Nichts mit Bier übergossen in der Küche, im Winter jackenlos für Stunden vor die Haustür, um in der Kälte zur Einsicht über meine Schuld zu kommen. Ob diese Vorsätze, die väterliche Autorität zu festigen, wahrlich erfunden waren, kann ich heute nicht sagen – denn ich erinnere, wie schon mal geschrieben, die Anlässe nicht mehr. Außer die fürs in der Ecke stehen; weil wir geschwatzt haben statt zu schlafen; drum wurde uns der Schlaf erst recht versagt. Skibidi.
Selbst wenn aber diese Vorsätze nicht erfunden waren, wenn es wahrlich Gründe gegeben hat, die in unserm Verhalten lagen, so waren sie uns als solche nicht ersichtlich. Die Gewalt war nur die Kokarde für eine Fehlleistung, über deren Art wir nicht im Bilde waren. Unwissenheit, hieß es dann, schützt vor Strafe nicht. Und die Strafe wurde von der Schikane geschieden, indem sie uns zur Reflexion motivieren sollte. Gewalt; das war es, was wir an die Hand bekamen, um auf den rechten Weg zu kommen.
‚Gelernt‘ habe ich so jedenfalls nichts. Und ich musste eben für einen Moment auflachen bei der Vorstellung, er hätte uns stattdessen unser Fehlverhalten erläutert, ein für Kinder verständliches Argument aufbereitet – wie abwegig das damals war, und wie alternativlos es mir aber vorkommt, wenn ich versuche, es objektiv zu sehen. Stattdessen eine Kindheit voller Angst und eine spätere Vaterlosigkeit nicht zuletzt aus Sorge, auch nur annähernd so auf einen wehrlosen Menschen zu wirken wie er auf mich.
23 03 24
Ich kann mich an eigene Vorsätze, selbst wenn sie in Freude oder Vorfreude gefasst wurden, kaum einmal halten. Es gelingt fast nie. Gelingen kann mir nur, was aus Impuls kommt, was plötzlich aufscheint und allein dadurch seine unbehelligte Erledigbarkeit beweist. Was hingegen abgemacht ist, Gefühl & Verstand gleichermaßen als Grundlage, hat kaum Bestand vor meiner Laune.
27 03 24
Wenn wir geraucht haben, auf dem Balkon, mittlerweile hilft L. mir hoch, von allein komm ich nur selten noch aus dem Sitz. Dann stützt sie mich, meinen linken Arm um ihre Schulter, durchs Wohnzimmer in den Flur, wo ich mich an die Wand lehne, während sie mir das leichte Jäckchen abstreift. Bin ich an einem Tag zwei- oder dreimal die Treppen in den ersten Stock hoch, weil ich Müll rausbrachte oder zum Briefkasten ging, kann ich mich den Rest des Tages kaum noch bewegen. L. ist dagegen, dass ich die Treppen steige; in den Keller, zum Wäsche machen, will sie mich gar nicht mehr lassen. Aber ganz kann ich dem nicht abschwören; ein Auflehnen gegen die Schwäche, die drohende Nutzlosigkeit, das Bedürfnis nach der vorherigen Bedenkenlosigkeit. So auch beim Taschentragen, nach dem Einkaufen – sie will mir alles abnehmen, und ich wehre mich dagegen, nehme nur aus Trotz bisweilen noch ihre Taschen. Zuhause dann büße ich’s; für den übrigen Tag bin ich, für was auch immer, verloren. Wenn wir spazieren gehen abends, nach den Aussichtsplattformen hin oder zum Spielplatz, fahre ich im Schritttempo auf dem E-Scooter neben ihr her. Manchmal können wir überhaupt nur so noch raus. Jede bloß leichte Steigung strengt mich so an, dass ich meine Beine nicht mehr spür. Dann muss ich mich an sie lehnen oder an einen Zaun, minutenlang, um überhaupt wieder geradeaus gehen zu können; so langsam wie ein Greis, nahezu in Zeitlupe. Wenn wir danach in die Wohnung kommen und beide müssen, kann sie aufs Klo am Ende des Flurs gehen und braucht nicht zu spülen; ich bin von der Wohnungstür aus dort angelangt, während sie bereits alles erledigt hat und schon am Waschbecken steht, die Hände unterm laufenden Wasser. Oftmals hebe ich gar nicht die Füße beim Gehen, ich schlurfe übers Parkett, als würde ich mich auf Skiern durch tiefen Schnee schieben. Treppensteigen, Bücken, in der Hocke bleiben – wenn ich das vermiede, überstünde ich beinah ohne Schmerz und Schwindel, ohne Atemnot den Tag. Und zusätzlich müsste ich auf alles verzichten, was eine Bewegung der Glieder verlangt, dürfte nicht meinen Arbeitstisch noch die Küchenplatte wischen, kein Bein anwinkeln außer beim Sitzen. Und nicht sprechen. Nicht lesen, nicht schreiben. Vor allem nicht arbeiten am Abend. Wenn ich mich daran hielte, nur dasitzen oder daliegen würd, käm ich ganz erträglich durch den Tag.
16 04 24
Eine Erinnerung abzusetzen, im Tagebuch oder sonst wo, mag nur ergiebig sein, wenn ein Bezug zum Heutigen gebildet wird; meine Macke mit der Unaufschreibenswürdigkeit von allem Ungrundlegenden. Und wahrscheinlich gibt es sogar einen Bezug, aber ich bin zu müde, ihn zu stellen – ich dachte an Prügeleien, in der Kindheit, und an Fußballspiele: dass ich mit einem Unentschieden immer zufrieden war. Mein ganzer Fokus lag darauf, nicht zu verlieren, ums Verrecken nicht. Gewinnen war mir beinah einerlei; nur manches Lob ließ ich mir momentweise gefallen. Aber im Grunde hatte ich kein Gefühl fürs Gesiegthaben. Jeder Sieg war nur ein Davongekommensein, und darin unterschied er sich für mich nicht von einem Unentschieden. Die Schande vermeiden, das war alles, mehr konnte ich gar nicht beabsichtigen. Vielleicht deshalb, bei S. wie bei D. – aber auch bei M. schon -, das Heraufbeschwören einer Trennung, im letzten für mich möglichen Moment, um nicht der Besiegte zu sein. (Wenn ich mich auch, bei allen dreien, trotzdem als dieser gefühlt hab; besiegt nicht von ihnen, nur von meinem beispiellosen Versagertum.)
17 04 24
Intuition ist, was einem zu einer bestimmten Art von Situation am eingeprägtesten ist. Zutrauen in die eigene Intuition fasst aber nur, wessen Prägung nicht übermäßig komplex ist und noch nicht wesentlich erschüttert wurde – oder wer stur genug blieb, den Erschütterungen je unrecht zu geben. Wer blind auf seine Intuition wettet, tut sich demnach nicht leicht mit dem Nächsten, er tut sich im Gegenteil schwer, sich von der Prägung zu lösen.
12 05 24
Mich so von den Eltern abgemacht zu haben – wunderlich, dass es mir, da ich’s zum ersten Mal so schreibe, keine höhere Hürde ist -, dämpft auch die filiale Pietät, mit der ich mich dem Elterlichen, wo ich’s kritisierte und wo ich ihm huldigte, immer zu sehr aus der eigenen Betroffenheit und demnach je aus einer Art milder Bredouille näherte.
11 08 24
Schreiben, um die eigene Nichtigkeit zu sanktionieren.
12 08 24
Nichts korreliert mit der Schönheit als das Sein, das mit ihr auf verwandte Weise unbegründbar ist.
13 08 24
Heute geträumt (gemeint waren Wortwechsel, Gespräche): „Im Traum hat man keine Zeit zum Überlegen. Im Leben hat man etwas Zeit. Und im Paradies hat man alle Zeit.“
15 08 24
Mit L., im Traum, vor der Garderobe im Flur. Wir führen, nehm ich an, ein zwangloses Gespräch, plötzlich pieselt L. im Stehen auf den teuren Holzboden. Es läuft ihr einfach so raus, sie ist beinah noch überraschter als ich, der ich darauf sage – und ich merke im Traum, wie ich nach dem Reim suche: „Auch Inkontinenz … hat ihre Fans.“
16 08 24
Scham, Selbstekel, aber auch Rührung, wenn L. mich in der Wohnung stützt, weil ich meine Beine nicht mehr spür. Die zehn Zentimeter, die es vom Balkon hinauf ins Wohnzimmer geht, schaffe ich kaum mehr. An einzelnen Tagen noch, aber an zu vielen nicht. Vorgestern hat sie mich auf den Badvorleger gesetzt und mich vom Wohnzimmer über den Flur in mein Zimmer gezogen. Ich bild es mir als Ausnahme ein, aber die Blamage offenbart sich darin, dass es mir längst Norm geworden ist. Sie aber nimmt es, zumindest nach außen, als sei es das Normalste. Immer findet sie was, um es in Humor zu setzen. Wenn die Kraft aus dem Körper mit einmal schwindet und ich nichts mehr, nichts mehr bewegen kann, bin ich zunächst furchtbar beschämt, aber zuletzt muss ich doch lachen; irgendeine freche Formulierung findet sie immer. Nachdem sie mich einmal von hinten gestützt und angeschoben hat: „Ich schieb hier ’ne ruhige Kugel.“ Es ist ihr unangenehm, wenn ich mich entschuldige, oder bedanke. Aber was anderes weiß ich oft nicht zu sagen. Es sind die beiden hauptsächlichen Impulse: Es tut mir unendlich, unendlich leid + danke, danke, danke. Wenn meine Scham zu massiv ist, krieche ich auch durch die Wohnung und weiß dann nicht, wofür ich mich mehr schämen soll. Spazieren gehen kann ich kaum noch, den kürzesten Weg nehme ich mit dem Scooter, den sie im Hausflur runter- und wieder hochträgt. Anwesend zu sein ist die größte Strapaze, und es gibt von ihr keine Erholung mehr. Mit einer Ausnahme, wenigstens annähernd: im See zu schwimmen. Dort gelingt Bewegung ohne Beschwernis, im wahrsten Sinne: der Körper lastet, im Wasser, nicht mehr auf sich selbst. Leicht geschwächt bin ich zwar, nach einer halben Stunde, aber es ist kein Vergleich. Dazu die Ruhe, wenn ich weiter rausschwimm, auf die Berge zu – um mich herum mal ein Schwan, mal ein Entenpaar, eine Libelle, über mir für einen schönen Moment eine dahinrauschende Möwe, und auf dem Weg zurück L. am Ufer, die Ausschau hält, dass ich nicht ersauf.
25 08 24
Ich kann jetzt nichts mehr. Kaum noch stehen, mit Mühe für wenige Minuten, am ehesten noch an die Wand gelehnt. Ich spüre den Aufwand der Oberschenkel – als würde ich eine schwere Last auf mir tragen; aber ich stehe nur, nichts weiter. Spreche ich, während ich stehe, sacke ich nach einer halben Minute zusammen. L. dann oft an mir, will mich stützen; wenn es irgend geht, wehre ich es ab; wenn es mir möglich scheint, wie langsam auch, will ich den Weg zum Bett selbst gehen.
26 08 24
Sterben, gleich jetzt, werde ich nicht. Es wird sich ziehen, vielleicht sogar für länger. Nur hat ein Körper wie meiner, zumal seit der letzten wesentlichen Schwächung, keine Aussicht mehr. Mit einem solchen Körper ist nichts mehr anvisierbar. Er kann nichts mehr. Jeder Tag, den ich nur mehr liegend, zwischendurch sitzend verbringe, ist eine Absage an die Gestaltbarkeit eines Lebens. Was bleibt, ist ein erlebnisloses Hinbringen von bloßem Dasein. So lässt sich auf nichts mehr hoffen. Hier scheiden sich dann Körper & Geist, in einem Dilemma: was der Geist noch will, wird vom Körper ebenso ignoriert wie die Einsicht ins Nutzlose einer solchen Existenz. Ich stelle mir eine Art insgeheimes Bewusstsein des Körpers vor, nach dem er einsieht, es lasse sich nichts Lohnenswertes mehr anstellen, und der es daraufhin sein lässt mit sich. Einfach aufhört. Wenn der Zustand bliebe wie jetzt, wäre es das einzig Sinnvolle. Nur weiß man’s nicht mit der letzten Gewissheit. Am Leben zu sein, und noch so versehrt, heißt immer, auf irgendwas zu hoffen. Nur spür ich zugleich: wie es jetzt ist, wird es bleiben. Das ist keine Flaute mehr, keine temporäre Einbuße, es ist das Absacken auf das nächstniedrige Level: Bettlägerigkeit. Denken geht nicht mehr, Lesen auch nicht, nur noch Handy & Netflix. Ich erschöpfe mich in meiner Vorhandenheit; es ist, in der zivilen Welt, der erbärmlichste Zustand.
27 08 24
Was ich nicht verloren geben will, sind Erinnerungen, oft belanglose, aber für mich (warum auch immer) bedeutende. Etwa aus dem Fußball; einzelne Momente, in denen mir was Besonderes gelang: ein Elfmetertor per Rabona oder ein Dribbling an der Torauslinie, in dem ich zuletzt vorm Torwart den Ball mit der Sohle vom Tor wegziehe und ihn, mit dem Rücken zur Tor, per Hacke reinmache. Ich spür, wie ich’s in Ewigkeit gewürdigt haben will. Warum bloß? Weil Fußball, für lange Zeit, meine Identität bestimmt hat? Oder weil mir, der sonst nur gestrauchelt ist im Leben, in diesen wenigen Momenten das Besondere aus einer gewissen Leichtigkeit heraus gelang? Ich habe mich immer nach Souveränität gesehnt, nur gab mein Leben – oder meine Art, es abzuwickeln – keine Bespiele dafür. (Manchmal ist das Tagebuch davon beseelt, zu seinem Unglück, wenn ich es hergenommen hab im Versuch, mir mein Leben oder mein Selbst annähernd pfiffig herzusagen.) Aber in diesen Momenten gab es immerhin einen nicht ganz unehernen Eindruck von Souveränität. Wenngleich souveränes Handeln oder Verhalten im Sport zwar in Teilen auch von der Haltung, der Ausführung, sehr wesentlich aber vom Resultat abhängt. So elegant man einen Ball mit der Hacke spielt – wenn er zum Gegner geht, war’s ein Flop. Im Sport also erweist sich Souveränität allein im Erfolg – und ist somit wohl keine. Denn was man souverän oder, pathetischer, würdevoll heißt, kann sich ja vielleicht überhaupt erst im Scheitern erzeugen. Und weil ich das nicht kenne – Würde wahren im Scheitern -, konnte ich je nur dem Anschein von Souveränität nachjagen, auch in Erinnerungen. Wenn ich diese alten Bilder durchgehe, dann in der Sorge – und ich kann es nicht geringer sagen – um ihren Weltverlust. Dieses furchtbare Bedürfnis, jemand gewesen sein zu wollen. Jemand Erinnerungswürdiges oder, schlimmer, jemand, den man feiern wollte. Gerne vorbehaltlos, notfalls auch mit kritischen Untertönen. Aber es ist ein trügerisches Bedürfnis, es kündet eigentlich von etwas anderem: verfickt noch mal nicht sterben zu wollen. Denn man will ja im Augenblick gelten, nicht irgendwann später. Man will seine Geltung ja mitbekommen. So hab ich andererseits ebenso das Bedürfnis, post mortem aus allen Gedächtnissen prompt zu verschwinden – ein kindischer Trotz: Wenn ich schon wegmuss, dann eben ganz. Aber auch diese Vorstellung betrifft nur den Lebenden; das wirkliche Wegsein ist mir unvorstellbar.