Heute den Satz geträumt: „Menschen sind mobile Tatsachen.“
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In der Literatur findet meine Sprachlosigkeit ihr Asyl.
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Große Überzeugung wächst am Mangel an Argumenten, der Wille zum Argument am Mangel an Überzeugung.
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Ich suche eklektisch Anlässe zusammen, Angst zu haben.
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Mündigkeit: bewusst schweigen zu können.
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Etwas tun aus Herzlichkeit oder aus Anstand – beides kann rührend sein.
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Warum ich Figuren keinen ausländischen Akzent sprechen lasse: Angst vor meiner Lust am Ressentiment.
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Er fühlte sich auf seine schlechten Eigenschaften reduziert. Und nur wenn er allein war und die Hausarbeit verrichtete und dabei mehr erledigte, als sie offen oder auch insgeheim von ihm erwartete, erinnerte er sich daran, dass er sich selbst keineswegs für einen schlechten Menschen hielt. Und er nahm sich vor, auch sie wieder einmal, bei günstiger Gelegenheit, daran zu erinnern.
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Meine Moral: wie ein U-Boot; es taucht auf, wenn die Luft rein ist. Sobald sich Tumult anbahnt oder auch nur ein schwarzer Fleck in der Ferne, erspäht durchs Periskop, der ein feindliches Schiff sein könnte, taucht es umgehend ab, zieht sich zurück, verschwindet.
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Erkenntnis: ein Moment positiver Panik.
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Verstummen als lexikalische Einsicht.
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Mein Gewissen schielt.
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Montiere jetzt den Spiegel ab; Schatten sollen genügen, mir ungefähr vertraut zu bleiben.
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Obdachlos in den eigenen vier Wänden, als Lebensgefühl.
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Glück erschöpft sich nicht in der Abwesenheit von Pech.
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Diese unendliche Gier nach Versöhnung. Vielleicht aus Dankbarkeit, doch nicht allein zu sein.
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Mein unsympathischer Mangel an Lebenspech, allein durch L.
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Tagebuch als nötige Indiskretion fürs künftige Ich.
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Ihr Lob war so genau, erfasste so sehr, was er sich von seinem Sosein wünschte, was er sich selber an Menschlichem abverlangte, dass es schon kein Lob mehr war, sondern eine Liebeserklärung. Keine anrüchige, an ihr war nichts Vulgäres. Eine Liebeserklärung von Mensch zu Mensch. Ihr Lob war das Zeugnis einer Liebenden, einer wahrhaften Menschenfreundin: er wurde sich selber sichtbar in ihrem Lob, wie in einem magischen Spiegel, der alles, was in ihn blickt, als Liebenswertes reflektiert.
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Mein Traum-Ich ist ohne Defizit. Undenkbar, dass es sich (bzw. mich) als Invaliden ausgibt. Im Traum drohen Eskapaden immer nur, sie liegen nie hinter mir. Der Traum ist in Gegenwart gestaute Zukunft. In ihm ist Historie das eigentlich Virtuelle.
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Der Mensch als Symptom einer göttlichen Krankheit.
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Mir fällt Gott nicht ein.
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Langeweile ist für mich ein ebensolcher Mythos wie Glück; beides sprachliche Chimären, virtuelle Bojen im Ozean der Einsamkeit, die das Individuum von seiner Verlassenheit kurieren sollen. Rhetorische Aufhänger, die sich in der Welterfahrung des Individuums nicht substantiieren.
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Mein moralisches Immunsystem ist schwach; leicht fühl ich mich von der „Lust zur Missetat“ (L.) infiziert. L.s moralische Integrität als Antibiotikum, auf das sich der Erreger aber mit der Zeit auch einstellt. Und dann bricht sie wieder durch: die Lust, mich an L. moralisch zu verfehlen. Das heißt: sie zu necken. Diese bizarre Vergnügtheit, wenn ich einen Plan aushecke, mit dem ich ihr eins auswischen kann.
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Sein Herz wurde nicht extern verunreinigt. Er selbst war es, der immer wieder, mit teuflischer Lust, Dreck dahineingewühlt hat.
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„Sie war ein böser Mensch. Es wusste nur niemand.“ L., in einer improvisierten Totenrede auf sich selbst, nachts auf dem Balkon.
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Die Seele als Graben: Man wird in sich hineingescheucht, von allen Seiten, von dämonischen Winden, die man, was ein fürchterlicher Euphemismus ist, soziales Umfeld heißt, und statt sich nach allen Seiten zu zerstreuen, statt seine Identität als diasporisches Ereignis zu begreifen, werden sämtliche Dinge, die einen ausmachen, in einen eingedrückt – man implodiert und der Effekt ist ebenderselbe wie bei einer Explosion: man verliert sich; man kann der Masse an Seinsoptionen, die plötzlich alle zugleich akut sind, nicht Herr werden. Was dann folgt, ist sprachlich nicht mehr seriös zu beschreiben.
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Die peinliche Dysbalance in meinem Schreiben zwischen Pathos und Ironie: Immer ist’s ein Tick zu pathetisch, zu leicht verführbar vom vermeintlich Urgründigen. Und weil ich, wenn mir dieser Existenzialitätskitsch bewusst wird, immer beschämt von ihm bin, verfalle ich in eine Art Panik-Ironie, in eine aktionistische Ironie. Es gelingt mir nie, ins Ernste eine sanfte Ironie zu legen, immer bin ich aggressiv ironisch, wie ein Bildungsprolet oder ein zu verspieltes Kind. Balance! Ich habe kein Gespür für Balance.
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Der psychologische Vorteil in der Annahme von der Schicksalhaftigkeit des eigenen Lebens: Man ist nicht zur Reue genötigt, sogar grundlegend von ihr entlastet. Man begreift sich nicht mehr vom Mangel her. Gelingt einem etwas, so war es Schicksal, gelingt es einem nicht, ebenso. Die Einsicht ins eigene Schicksal löst einen vom psychischen Widerspruchsdruck und bindet einen in die Illusion vom Einssein mit den Dingen.
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Ich kann mir nicht widerstehen. Mit den Jahren aber eine leichte Zwietracht in meinem Verhältnis zu mir: dass ich mir selber nie langweilig werd, langweilt mich in seiner Banalität. Diese Einsicht, und das ist das Fürchterliche, bleibt aber folgenlos. Ich greife weiter nach jedem Strohhalm, der zu mir führt. Nicht zuletzt: der andere zu mir führt. Wie gern ich zugegen bin, wenn über mich gesprochen wird. Und selbst, wenn ich ein Lob abwehre: noch so, dass ich die Anwesenden mit mir versöhnen will. Dass ich darin einsichtig bin, wie gesagt, hilft dem Theater nicht ab. Es macht es besten- und daher schlimmstenfalls subtiler. Denn die Neigung bleibt, auch wenn ich mich verdächtige. Aber die Neigung hat sich mit der Zeit gegen den Verdacht gewappnet, der nun seinerseits an Geschick zunimmt. Ein Katz- und Maus-Spiel. Langweilig, manchmal, in der Regel ermüdend. Aber wär ich nicht so sinnlos und ausdauernd fasziniert von mir, ich würd mich nicht ertragen.
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Das Klischee vom introvertierten Literaten: Fan sein zu müssen von der eigenen Wahrnehmung. Ich bin bestenfalls ihr Interessent, und auch nur ein launischer. Ich ‚beobachte‘ nicht, ich glotze. Und in der Regel auf die, die selber bereits glotzen; Männer, die sich augenblickweise an einer Frau verlieren. So kann ich’s mir besser rechtfertigen: da bin ich Spitzel im Dienste der Majestät, ein ‚Aufpasser‘. So pervertiere ich meinen Voyeurismus.
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Mein Interesse vor allem daran, warum Menschen etwas tun. Mein Interesse an Motiven, an psychologischen Bedingungen. Vielleicht eine Art Rückgriff auf die Kindheit, in der ich nie antworten konnte, wenn mein Vater fragte: Warum? Warum ich dies oder jenes tat oder unterließ. Ich wusste darauf nie etwas zu sagen. Und im Grunde beschäftigt mich diese Frage bis heute. Damals habe ich sie als Terror empfunden, heute ist sie Ausgang all meines Interesses.
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Schlafmangel, seit einer Woche. Erhöhte Emotionalität, aber keine Aggression – dafür das Bedürfnis, in Bus und Bahn die Köpfe von Kindern und alten Leuten zu streicheln.
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Sich jahre-, jahrzehntelang hinter demselben Zitat verstecken; oder: jahre-, jahrzehntelang dasselbe Zitat für immer gleich wahr halten; auch eine Form der Lebenslüge, vielleicht die erträglichste.
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Träume sind Wirklichkeitsausbeuter. Piraten, sie entern die Wirklichkeit. Oder Raubtiere; jagen und zerfleischen das Wirkliche.
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Die Lust am Predigen, sie kommt meinem assoziativ strukturierten Denken zupass – die Predigt gliedert, was in mir ausufert. Daher hab ich die Analytik so nötig, viel nötiger als andere, denn in mir denkt es kaum, es spukt vielmehr – und aus dem Spuk das Notwendige zu destillieren, das Sagenswerte, dazu dient mir die Predigt. Mein Glück: die Gnade der Geburt, insofern, als ich ins Predigen kam, das Internet verfügbar war.
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Jeder will mitbekommen, dass er ein guter Mensch ist. Aber es gibt keine zentrale Anlaufstelle für diese Frage, und das eigene Umfeld, Freunde oder Feinde, mag im besten Fall noch aufrichtig sein, aber das allein genügt nicht, jeder von ihnen müsste auch ein wandelndes Vademecum sein, in dem die wesentlichen Kriterien sogleich nachschlagbar wären, um es ein für allemal festzusetzen: Du bist ein guter Mensch! Oder eben nicht. Aber wenn es so wäre, wenn man nur jemand Bestimmten aufsuchen müsste, die Sache verlöre ganz ihren Reiz. Man will ja irgendwie selbst drauf kommen. Bezuschusst aber vom gefälligen Nicken des Umfelds. Und vielleicht wäre es überhaupt kein Ding, das Gutseinwollen der Menschen, wenn man es testieren könnte. Erst das Ungewisse zeugt die Spannung. Wenn man nichts drum denken, nichts drum reflektieren müsst, wer wollt noch danach streben. Vielleicht ist die Reflexion der notwendige Weg dorthin. Denn was sollte schon passieren, wenn man sich’s Zeugnis abholen könnte: guter Mensch, schlechter Mensch – es würd ja eh weitergehen, mit den schlechten gleichso wie mit den guten.
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Alle paar Jahre, mehr aus Zufall, werde ich drauf gestoßen: Was ist Freundschaft heute für mich? Von selber kommt mir nicht der Drang, meinen Begriff von Freundschaft zu reformulieren; ich bin mit dem alten zufrieden. Oder: der alte stört mich nicht. Auch wenn er, zugegeben, schon sehr alt ist, ein eingesessener, um ein Vielfaches älter als etwa mein Begriff von Zufriedenheit. Nur mein Begriff von Liebe ist noch älter, obwohl er am ehesten mir vormacht, ein je ganz neuer zu sein. Müsste er sich öfter häuten? Mir schwindet zunehmend das Bedürfnis, dem energetischen Treiben von Eindrücken, in dem sich das Erlebnis von Freundschaft verdichtet, eine vokabularische Fassung zu geben. Am Anschein von Freundschaft, aber auch Liebe, pausiert meine Benennungslust.
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Ab einem gewissen Alter will man sich erzählen, wer man ist. Bei mir, dem sonst alles immer erst verspätet gelang, kam das zu früh. Ich musste lernen, mich nicht auf mich festzulegen. Früh hat sich in mir das Selbstbild vom Glücksmagneten etabliert; ich wurde in so regelmäßigen Abständen von günstigen Zufällen attackiert, dass ich mir eine besondere Glückseignung zusprach. Mein Glück wurde mir zur Routine. „Wenn er wollte, könnte er“, habe ich mir gern nachsagen lassen und mir noch lieber selber vorgesagt – und, durchaus, wann immer ich, was ich wollte, tat, gelang es. Nur tat ich es immer seltener. Ein paar Jahre lang, von Karlsruhe an bis in die zweite Berliner Zeit hinein, habe ich das Glück nicht mehr willentlich konsultiert. Und als ich es, nach diesen Jahren, wieder versuchte, erinnerte es sich nicht mehr an mich. Es war, als sei ich aus der Kartei für Glücksberechtigte gefallen. Ich wurde vom Glück ignoriert. Was ich nun versuchte, erwies sich je als Fehlschlag. Nun Routine war das Fiasko. Und ich durfte mich nicht auf den Versager, als der ich mir in meiner eigenen Geschichte erschien, festlegen. Ich musste mir die Illusion von meiner Unschuld neu vors innere Auge projizieren. Aber das wird mühsamer mit den Jahren; irgendwann akzeptiert man das Scheitern als seine Hauptsache im Leben. Befehdet man aber sein eigenes Bedürfnis, sich selbst zu akzeptieren, stirbt man dereinst als ein Zerrütteter, als Aufgeschrammter, und was bleibt, ist ein Leben im Unglück, ein vergeudetes Leben.
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Der Vater, der nicht ins Gesicht schlägt – nicht nur, dass andere es nicht sehen; auch dass er es selber nicht sieht.
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A: „Du bist ein Geschenk des Himmels.“
L: „Wie Vogelkacke.“
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L. im Traum beim Aufräumen und Umstellen zu mir: „Der Schrank kommt nicht in den Schrank.“
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Bin bald tot im Traum und bitte L., meine Wäsche zu reinigen: „Ich will nicht sterben bei ungewaschener Wäsche.“
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L.: „Du bist der Schwan in ‚Mir schwant Übles‘.“
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L: „Ich glaub, ich fall gleich um. Dabei lieg ich schon.“
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Wir kommen heim, geschafft vom Vertun der Zeit, vor der Haustür liegt etwas Kleingeld. L.: „Das Geld liegt auf der Straße. Und ich leg mich daneben.“
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Gerührt von L., die auf dem Wannenrand vor dem Fenster raucht, umarme ich sie plötzlich sehr innig. Streichle ihr über den Rücken und lobe, die Sonne habe ihn so schön gewärmt. Sie, ungerührt: „Aber mein Herz nicht.“
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Ich: „Du siehst aus wie frisch aus einem von Gott geküssten Ei geschlüpft.“
L., Naturalistin: „Küken, frisch geschlüpft, sind eigentlich superhässlich.“
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Tiefnachts, in düsterer Klause, steigt L. über mich, auf dem Weg zum Klo; ihr Knie erwischt meinen Oberschenkel am Rand und quetscht die Haut, verschreckt jaule ich auf. Sie, verschlafen säuselnd: „Da bin ich wohl ins Fettnäpfchen getreten.“
Und als sie einmal, beim Schmusen auf dem Bett, ihren Kopf auf meinen Arm legt, erwischt sie meine vom Oberarm abhängende Unterhaut und wieder jaule ich. Sie: „Da hab ich wohl auf der faulen Haut gelegen.“
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Das Nachbarspärchen streitet lauthals, es geht hin und her, bis L. es mit einmal besänftigt: in vergleichbarer Lautstärke spielt sie The Power of Love ab.
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Für einen längeren Moment stürmt es gewaltig, L. trägt einen Blumentopf vom Balkon herein, ich sage mit Blick hinaus: „Schon geil, aber auch schrecklich – aber auch geil – aber auch schrecklich.“ Sie: „Title of our sextape.“
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„So. Gleich ärger ich dich noch, dann geh ich schlafen.“ Sie liegt auf der Couch, bis zum Kinn unter der Decke vergraben. Ich stehe an ihrem Kopfende, schaue zu ihr runter und wappne mich schon, das heißt, ich schütze meine Eier. „An deiner Stelle wär ich vorsichtig“, warne ich sie, „sonst furz ich dir die Hucke voll.“ Jetzt scheint es, als hätte ich mich den Tag über absichtlich für diesen Moment präpariert, indem ich unzählige Joghurt-Becher weggeschaufelt habe. Sie bleibt für einige Zeit still, fast reglos, als falle ihr zu mir nichts mehr ein. Die Augenblicke vergehen und ich überlege, gleich noch die restlichen Joghurts zu essen, damit ich morgen nicht mit mir hadern muss; vielleicht ist es klüger, denke ich, das schlechte Gewissen, das sich so über zwei Tage ziehen würde, in einen zu stauen. Dann rafft sie sich zu einer letzten Bemerkung auf: „Komm, ärger dich einfach selbst. Ich bin zu müde.“
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Als ich ihr ein Bild sende von Luhmann auf einem Pferd und druntertexte: „Luhmann reitet den Problemen der Deprimäuse davon“, schreibt sie: „Oder wie Luhmann sagen würde: Ich habe ein kybernetisches System mit vier Ohren entdeckt.“
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L.: „Diese Rolle ist mir wirklich auf den Leib geschrieben.“
– „Welche?“
– „Dich vor mir zu beschützen.“
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Ich: „Warum heißt es eigentlich ‚abnippeln‘?“
L.: „Lass es uns rausfinden.“
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Ich: „Du wurdest nicht geboren, du wurdest ziseliert.“
L.: „Ja, von ’nem Dreijährigen.“
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Beschaue fasziniert die Druckfurchen auf ihrer Haut nach dem Schlaf, streiche drüber wie ein Kind, das die Wunder der Natur erkundet, sage: „Kunst im Schlaf produzieren, du lebst meinen Traum.“ Sie, noch verschlafen, aber schon ironisch säuselnd: „Ich bin das Tagebuch der Nacht.“
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