blg 16-18

21 12 16

Scheitern als soziale Krankheit, die man nicht in der Isolation, nur im selbst­angestrengten Tumult oder durch günstige Zufälle kurieren kann. Meine Sehnsucht nach günstigen Zufällen; dagegen der Widerwille, sich von Zufäl­len aushelfen zu lassen – der protestantische Leistungskitsch, den ich nicht aufgeben kann. Disziplin als Phantom, das man nicht anders als durch An­verwandlung verschwinden machen kann. Scheitern als Krankheit: den ‚in­neren Schweinehund‘ als Dopaminmangel beschreiben. Sich zum Gelingen hinmedikamentieren. Dagegen: die familiale Pädagogik, die solche Optionen der psychischen Regeneration als unredliche Erleichterung, als Erschlei­chung von Leistungsbereitschaft verunglimpft. Nicht nur ein Ergebnisleben führen; auch die Ergebnisse statthaft erwerben. Das Resultat erobern; nicht erbeuten. Als Ausweis sozialen Anstands. Dann aber: mein Widerwille ge­gen diese gesellschaftlich gehypte Ergebnisromantik, dieses mehr sentimen­tale Verhältnis zum Ergebnis als Ausdruck eines ökonomischen und damit sozialen Funktionswillens. Gegen diesen sozialen Dienstfleiß. Sage L.: ein Le­ben, in dem ich mich nicht künstlerisch ausdrücken und produzieren könne, komme mir wie Horror vor. Verstehe sie. Aber, sagt sie, wenn das nicht ge­länge: stattdessen einfach glücklich sein? Sei keine Option, sage ich. Ich wür­de nur glücklich gemacht von Dingen, auf die ich keinen souveränen Zugriff habe: von ihr, z.B., oder von Zufällen, von Erinnerungen. Ich sei unfähig, sage ich ohne Bedauern, mich selbst glücklich zu machen. Sie erneuert den Vorschlag einer temporären Medikation. Mal durchweg entspannt sein, in­nerlich windstill. Ängstige mich, sage ich. Und, wirklich: die Vorstellung voll­kommener Ruhe, es sei denn nur eine zeitweise, versetzt mich in Panik. Je­derzeit von meinem Unglück alarmiert werden zu können, gibt mir den An­schein besonderer Souveränität über mich selbst, über mein Leben. Ich wehre mich nicht gegen ihren Verdacht, ich würde mich einer naiven Be­sorgnis-Rhetorik ergeben. Ich dürfe mir, sagt sie, die Wirkung einer Medikat­ion nicht als wesensverändernden Eingriff vorstellen, mir würde ja nicht meine Identität amputiert. Ich bliebe ich selbst. Mit besserem Zugang aller­dings zu meinen Ressourcen. Sie sagt es halb mit Spott über meine neuro­wissenschaftliche Unbedarftheit, halb rührend fürsorglich. Und, ja: die Aus­sicht darauf lockt mich. Aber die Anmutung einer Unredlichkeit büßt sie auch durch L.s beschreibende Anpreisung nicht ein. Nur, woher mein Be­dürfnis nach totaler Redlichkeit? Nur die Erziehung? Wahrscheinlich ist es schon ein vornehmlich kulturell vermachtes Bedürfnis; ein überdurch­schnittlich redlicher Mensch bin ich nicht. In allem, außer im Schreiben, ten­diere ich dazu, mir alles irgend Beschwerliche zu erleichtern. Und eben im Schreiben: alles so weit zu erschweren, dass ich vor der Last erstarre. In bei­den Fällen läuft es auf Ignoranz und Verdrängung hinaus. Und das sei doch schade, sagt sie mit viel Liebreiz. Was so viel heißt wie: Ich könnte noch durchdrehen angesichts deiner Furchtsamkeit.

25 12 16

Etwa der Traum: Fluchtphantasien, immer wieder. Die dauernde Rasanz. Die Metaphorik einer peinlich erigierten Angst, einer priapistischen Angst. Den­noch: immer, oder fast immer, das Entkommen. Zwar ohne je ein Entkom­mensein zu statuieren, aber immer entwische ich den Drohungen, die im Traum, in einer Angst-Landschaft, wie Metastasen ausschlagen. Eine Flut ge­radezu günstiger Zufälle. Mein Traum produziert günstige Zufälle wie am Fließband. Aber ebenso Bedrohungen. Daher auch keine Art Frohsinn über die zufälligen Vergünstigungen, weil Angst das hauptsächliche Gefühl ist. Und wo mich die Angst tagsüber oft lähmt, also etwas Statisches hat, macht sie mich im Traum dynamisch. Und diese Dynamik, die mir tagsüber fehlt, erzwingt die fortlaufenden Momente der Verschonung, die es in der Wirk­lichkeit so nur in der Obhut der Kindheit gibt, und auch dort nur im Tausch mit besonderen Grobheiten, etwa: wie man als Kind von der väterlichen Gewalt suspendiert war, wenn man im Spital lag.

Frühjahr ’17


Bei Eschenz auf der Holzbrücke zum Werd-Inselchen, wo wir uns das Franziskaner-Kloster ansehen wollen, bleibt L. stehen und schaut auf einen im Rheinstrom beinah stehenden Schwarm Fische hinunter; für Barsche nicht breit, für Forellen nicht schmal genug; vielleicht Hechte. L.s Kleid am Busen mit zwei dunklen Kreisen; ihr BH, noch nass vom Baden. Wir haben die Brücke momentweise ganz für uns. Die Sonne fällt wie ein zufälliges Glück im passenden Winkel, ich dränge sie zur Pose am Geländer. „Nur ein paar Fotos“, verspreche ich. Aber L. kommt von den Fischen nicht los, über denen eine Blässrallen-Familie nach den Brotkrumen stürzt, die L. verzückt hinabwirft. „Die Babys sind so hässlich“, kichert sie. Ich gönne ihr das Vergnügen, will es ihr nicht nehmen; kann aber von der Vorstellung, sie allein auf dieser Brücke abzulichten, nicht ablassen. Der fotografische Eros, nach dem ich die Welt tageweise nur in Motive portioniere. Einmal sagt L., als ihr meine Fotografierei zu viel wird: „Du verpasst ja die ganze Action!“ Sie will mich zu mehr Wirklichkeit ermuntern, zum Erleben. Zwar stecke ich das Handy ein, bin aber nicht überzeugt; das Fotografieren sei meine Action, sage ich müde. Unter der Brücke verscheuchen die Blässrallen-Eltern, die unermüdlich nach den Brotkrumen schnappen und sie ihren Kindern in die epileptisch aufklaffenden Schnäbelchen stopfen, einen Erpel. Dann verharrt unser Blick wieder auf den Fischen, die sich von dem Treiben über Wasser nicht beeindrucken lassen. „Wie Wolken“, sagt L.

Mai ’17

Im Park gesessen, Kinder umher; hüpfen, toben, bespritzen einander mit Wasser. Die Jungen dabei mit Pistolen; hellgrünen, hellorangen, hellgelben. Die Farbe nimmt der Schusswaffe den Ernst. Dagegen die Mädchen: ihnen ist egal, womit sie hantieren, nur nützlich muss es sein. Am effektivsten: Sprühflaschen – ihre Reichweite ist größer und ihr Volumen ermöglicht mehr Wasservorrat als das der Pistolen. Die Jungen quieken, ducken sich weg und sprinten davon. Die Wirkung ihrer Waffen ist dagegen kläglich. Aber sie, im Gegensatz zu den Mädchen, üben noch etwas anderes ein: den äußeren Schein, die Pose. So sind ihre Wasserpistolen nicht in erster Linie funktionale, vielmehr Utensilien auch der sozialen Rollen-Aneignung, Identi­tätsattrappen, deren Gebrauch sich nicht vornehmlich im Effekt, sondern in dessen artgerechter Inszenierung erweist. Gleichwohl ist ihr Engagement er­greifend: Sie nehmen ihr eigenes Theater für wahr. Im Spielen generieren sie sich nicht nur einen provisorischen Existenzsinn, sie konstituieren sich und anderen, während sie dem Reiz ihrer Pose erliegen, auch einen charak­terlichen Avatar, einen sozialen Nimbus.

01 07 17

Selbstbeschreibung auf einem Profil, unter der Kategorie ‚positive Eigenschaften‘: „nicht perfekt sein und auf keinen Fall etwas daran ändern“. Keine Beschreibung eigentlich, mehr ein Anspruch, vom Trotz entstellt.

Jan 18

Zahnschmerzen, die man nicht behandeln lässt, sind wie Gläubiger. Sie mel­den sich eine Zeit lang, mitunter sehr aggressiv, und lassen dann wieder ab von einem. Wenn man sie soweit vergessen hat, dass man sich schon kuriert meint, kommen sie wieder. Mal sind es andere, mal dieselben. Aber immer erinnern sie einen daran, dass man Schulden hat. Sie sind das schmerzliche Exponat des Unerledigten, des immer noch nicht ins Reine gebracht Haben­den. Und die Schmerztabletten, die man gegen sie nimmt, sind wie die Wei­gerung, die Briefe überhaupt noch zu öffnen. Für eine gewisse Zeit hat man den Willen, sich der Schmerzen einmal wirklich anzunehmen und ihre Ursa­che zu beseitigen. Bis es sich so oft wiederholt hat, dass man glaubt, man werde es bis ans Ende der Tage schon irgendwie durchstehen. Die endgülti­ge Katastrophe droht immer nur, aber tritt nie ein, und so wird die ständige Vertagung zum Modus Operandi, der eine ernstliche Erneuerung verhindert, weil man verlernt hat, etwas abzuschließen. Aber jetzt rede ich schon nicht mehr von Zahnschmerzen und Schulden, sondern vom Schreiben.

03 03 18

Die Gewaltausbrüche beim Bruder: es war nie Hass. Kam nie aus einem Gefühl für ihn, das sich aus einer bestimmten Situation ergeben hätte. Und Anlässe, natürlich, hatte er mir auch keine gegeben. Es war eine bodenlose Aggression. Herkunft und Ausrichtung, wie es mir damals schien, ebenso anonym wie der Zweck. Aber einen Grund, mehr noch als eine Ursache, muss es gehabt haben, dass ich diese monströse Art der Gewalt vor allem an ihm ausübte. Es war manchmal unerträglich, ihn zu lieben. Und wenn wir allein waren, die Eltern außer Haus, dann war diese Liebe ungeschützt, nicht mehr eingehegt in einen sozialen Schutzraum, in dem die Geltung von Verhaltensnormen vor Umgangsexzessen feit. Zumal ich bei den Eltern als der Tugendhaftere galt. In ihren Augen war ich das brave, unbescholtene Kind. Und auch wenn das ein Irrtum war, glaubte ich selbst daran. Es war ein Gerücht, dem ich nicht widerstand. Und es war wenigstens in Teilen nicht ganz falsch. Denn die Verantwortung, die sie mir damit auferlegten, empfand ich ganz selbst. Und die wirkte etwa dann, wenn wir die Wohnung verließen, wenn wir draußen zum Kicken gingen oder in die Stadt. Dann achtete ich auf ihn wie ein Vater. Ließ ihn nicht aus den Augen, schärfte ihm unbedingte Aufmerksamkeit für den Straßenverkehr ein, wachte über jede seiner Regungen – und wenn ihm einer doof kam, verdrosch ich den. Zwar hasste ich es, die elterlichen (oder vielmehr väterlichen) Konsequenzen für sein Fehlverhalten tragen zu müssen, aber ich genoss es, draußen in Verantwortung für ihn zu sein. Ihm manches zu erlauben, manches zu versagen, je nach den Gesetzen der Vernunft, die ich mir situativ einbildete. Mich im Verbot als Wächter und in der Erlaubnis als gütig zu empfinden. Nur wenn die Eltern uns in der Wohnung zurückließen, schlug diese Verantwortung in blanke Herrschaft um. Die ‚Gesetze der Vernunft‘ waren dann bloß nach Sadismen verfasst. Es fing mit Neckereien an; ich stellte mich vor den Fernseher, nahm ihm die Sicht oder schaltete wahllos zwischen den Sendern hin und her. Ich ergötzte mich an seiner Unfähigkeit zu resignieren. Vom Fernseher abzulassen. Seine Vorfreude auf den Moment, da die Eltern fort sein würden, hatte ihn eine Freiheit fühlen lassen, die ich ihm umgehend wieder nehmen wollte.

Damals hielt ich für Spaß und Amüsement, was eigentlich Zuneigung war. Nur eben krankhafte, unbewältigbare. In diesen Momenten wollte ich meinen Bruder ganz für mich haben, und die Umstände ermöglichten es. Nur bei ihm zu sein, genügte mir aber nicht, er sollte sich ganz und gar auf mich beziehen müssen, sich nicht innerlich abseilen und mir auf die Art entkommen können. Wäre ich vor dem Fernseher geblieben, hätte er sich doch mit der Zeit anders beschäftigt. Ich musste näher an ihn heran, auch in anderen, ähnlichen Situation war es immer dieser Ablauf; immer kam ich ihm, auf die eine oder andere Weise, körperlich näher. So griff ich mir etwa die Fernbedienung; er sollte sich beraubt und dieser Beraubung gegenüber ohnmächtig fühlen. Und wie wehrlos er dann war, wie ausgesetzt, das beeindruckte mich. Was dann zugegen war, als Gefühl, war natürlich keine Verantwortung mehr, nur konnte ich damals, in der Empfindung so wenig wie im Intellekt, zwischen Macht und Verantwortung unterscheiden. Aber dieses Gefühl von Verantwortung wuchs mit jedem weiteren Beweis seiner Unterlegenheit. Er war nicht imstande, mir die Fernbedienung wieder zu entreißen oder die Hoheit über die Schalter am Fernseher zu gewinnen. Er versuchte es auch körperlich, aber nicht, wie ich, mit der letzten Entschiedenheit. Es wär ihm auch dann nicht gelungen. Vielleicht, ich erinnere es nicht mehr genau, hab ich es manchmal auch drauf angelegt; von späteren Jahren weiß ich, dass ich andere in Eskalationen nötigen wollte, vielleicht war es schon damals so. Denn seine Unterlegenheit war auch verdrießlich; einerseits labte ich mich dran, andererseits, wenn er immer verzweifelter, immer hektischer nach einer Ausflucht oder Überwindung der Situation suchte, war es kaum auszuhalten, wie abhängig er dann von mir war. Seine Ausgeliefertheit ganz in mir aufzunehmen, sie physisch zu spüren, hat mich unendlich gerührt. Ich weiß noch, wie meine Zähne, von den Kiefern gedrängt, sich aufeinanderpressten, und wie sich in diese umfassende Rührung, in dieses perverse zwar, aber aufrichtige Lieben plötzlich eine Aggression mengte, die mich und dann auch mein Verhalten bald ganz beherrschte. Nichts mehr dann als rasende Wut. Dieses ergreifend süße, noch in der Verzweiflung furchtbar anständige Kind, das in seiner Hilflosigkeit die reinste Liebe verdient hatte – ich gierte regelrecht danach, darauf einzuschlagen.

Die hellen, dünnen Schreie, fast ein Quieken, wenn ich ihn schmerzlich traf. Es hat mich nur angespornt. Anfangs wenigstens war ich nicht unkontrolliert, schätzte jeden Hieb auf seine Wirkung ab. Aber immer kam der Moment, in dem es umschlug. Dann traf ich ihn so heftig, dass er laut aufschrie. Einmal, als ich mich vor die Haustür gestellt hatte, weil er rauswollte zum Spielen, endete eine Rangelei im Bad, wo ich ihm zuletzt mit dem Duschkopf mehrfach auf den Schädel schlug und es den Charakter einer Rangelei verlor. Bis mit einem Mal, ich weiß nicht woher, das Erschrecken kam. Entsetzt von seinem Leid, drehte sich wieder alles in mir. War ich eben noch erbost, kniete ich jetzt mit einer wilden, panischen Zärtlichkeit neben ihm und flüsterte mit sanfter, zugleich flehender Stimme: „Was machst du denn, was machst du denn?“ Ich wog ihn in meinen Armen und hätschelte ihn, strich ihm liebevoll über den Kopf und gab ihm für alles die Schuld.

Und was mich verstörte und ebenso faszinierte: er wendete sich nicht gegen mich. Er nahm die Liebkosung bereitwillig an. Auch später am Tag würde er den Eltern nichts von der Gewalt erzählen. Manchmal schien’s mir, als hätte er sie bald wieder vergessen. Aber es schien mir wohl nur so, weil ich sie selbst rasch verdrängt habe. Vielleicht hatte er die Sorge, die Eltern würden ihm nicht glauben, wie sonst oft, wenn es zwischen uns krachte. Ich kann mir auch vorstellen, dass er es aus Sorge um mich verschwieg; manchmal hatte er was auf sich genommen, dass ich verschont bleibe. Oder er hatte es tatsächlich selber verdrängt, auf eine Art überwunden. Oder er war, was das Grausamste wäre, im Wortsinn wirklich erfasst vom Glauben an meine Liebe, als Motiv für meine Barbarei. Oder hatte er mir wahrlich verziehen? Konnte er das überhaupt, war er überhaupt in dieser Lage; kann ein Schwächerer dem Stärkeren verzeihen? Aber es war etwas, das mich noch viele Jahre, auch im Erwachsenenalter, im Verhältnis zu Frauen, wesentlich bestimmte: nie, nie verlor ich sein Zutrauen. Ich konnte ihn mir nicht abspenstig machen, auch nicht in der Gewalt. Vielleicht vor allem nicht in der Gewalt.

Lange, lange war es so: Ich konnte, in dieser Tiefe, nur tosend lieben. Ich konnte die Liebe nicht genießen, nur mich an ihr stärken oder in ihr verrückt werden. Und immer sehnte ich mich danach, und fürchtete es gleichso, jemanden wieder so innig, so unverbrüchlich, so bodenlos zu lieben wie damals meinen Bruder. Es war mit L., und näherungsweise vielleicht mit D., die stärkste Liebe meines Lebens. Und doch war es mit Frauen anders, vielleicht nicht am Urgrund, aber knapp drüber: Es hat mich – und wenn ich sie auch nicht einsehe, muss es Gründe dafür geben – nie zu einer duldsamen Frau verschlagen. Immer wieder, vor allem bei S. und bei D., erzwang ich Eskalationen, um die mutmaßliche Unverbrüchlichkeit der Bindung zu prüfen. Aber die ließen sich nichts gefallen. Wenn ich boshaft sprach, gaben sie Boshaftes zurück. Wenn ich wütete – meine körperliche Gewalt wandte sich freilich nicht an sie, aber an Sachen, an Möbel, Türen etc. -, behandelten sie mich entsprechend. Sie waren nicht eingeschüchtert. Und wenn es dann eskalierte, zeigte sich vor allem andern meine eigene Abhängigkeit. Dann war ich es, der um Vergebung bettelte; und wenn ich auch in der Sache, an der sich der Streit entwarf, einmal nicht ganz im Unrecht war, so nahm ich trotzdem alle Schuld auf mich. Aus nichts als der Angst, verlassen zu werden.

Erst im Verhältnis zu L. im Grunde wurde das in mir freigelegt: meine Achtung der Autonomie eines andern. Dieser dann unbedingte Wille, dem andern dieselbe Autonomie zu ermöglichen, die ich für mich ermöglicht haben wollte. Bis zu L. war das nicht so, und auch bei ihr nicht von Beginn an. Aber im Laufe der Jahre – und insbesondere durch L.s unbeschreibliche Eigenschaft, andere gewähren zu lassen – haben sich Neigungen gegen Prägungen durchgesetzt. Nunmehr war und ist es das Schönste, – und es tönt so banal, wenn es auch für mich das Unerreichbarste schien – wenn ein anderer sich wohlfühlt, zugleich bei mir und bei sich sein kann und am besten durchweg.

Als ich L. einmal von der Gewalt am Bruder erzählte – nicht sehr detailliert; als ich ein Detail nannte, fing ich gleich an zu heulen -, erklärte sie es mit der Gewalt vom Vater. Es liege auf der Hand, sei ein klassischer Fall etc. Aber das kann und es darf nicht gelten. Denn so leicht lassen sich Neigung & Prägung nicht trennen. Kein Kind ist ein ‚unbeschriebenes Blatt‘, auf dem nachher nur steht, was andere darauf schrieben. Ich glaube nicht – Spekulation, klar, aber eine aus der Erfahrung gespeiste -, dass mein Bruder, wäre er der Ältere gewesen, so mit mir umgegangen wäre. Er hatte nicht diese Neigung zum Exzess, auch überhaupt nichts Sadistisches an sich. Man könnte dafür halten, weder Neigung noch Prägung zu moralisieren, beides als Grund einer Freisprechung zu nehmen. Es liefe darauf hinaus, Kinder grundsätzlich nicht zu moralisieren, die Kindheit an sich als moralfreie Sphäre zu nehmen. Wie aber das Subjekt sich, sehr grob gesprochen, aus Neigung wie aus Prägung ergibt, so trifft dies auch auf dessen Moral zu. Auch sie ist eine Mengung aus Eingegebenem und selbst Dazugetanem. Mir war nach einem Beispiel, einer Metapher – Schwämme, Behälter, was immer – aber allem, was mir einfiel, fehlte das, was alles vom Menschen trennt, das Bewusstsein. Die Fähigkeit zur Urteilsbildung – und all dem, was ihr vorausgeht: Wahrnehmung, Empfindung, Abwägung usw. Und mag anfangs das Geschaute, Erlernte, Eingegebene überwiegen, so wandelt sich das Verhältnis doch. Aber was schon da ist vor aller Analytik, was Kindern sehr früh gegeben ist, ist ein Sinn – sagen wir mal so dazu – für Ungerechtigkeit. Mag sein, sie nehmen Unrechttun erst bei anderen wahr, später bei sich selbst – aber mit elf, zwölf, dreizehn Jahren weiß man, ob man etwas im Versehen oder mit Absicht tat. Ob Unrecht, wo man’s tat, aus eigenem Antrieb kam. Man spürt die Verfehlung, auch wenn man sie sich nur begrenzt erklären kann. Und ich weiß nicht, oder kann’s in der Rückschau nicht klar genug erkennen, ob ich situativ zu einem alternativen Verhalten imstande war – und wenn ich oben schrieb, Neigungen hätten sich später gegen Prägungen durchgesetzt, schiebe ich es in Teilen wohl auf Prägung. Aber eben wirklich nur in Teilen – einmal deshalb, weil Prägung hier auf Unterentwickeltes stieß; aber auch, weil ein anderer, in derselben Situation mit denselben Erfahrungen, sich zweifellos anders hätte verhalten können. Die meisten hätten’s wohl. Und wiederum ‚in Teilen‘, da ich zwar mein damaliges Verhalten restlos mit mir selbst identifiziere, darin also niemand anders wahrnehme als nur mich selbst, mich andererseits aber nicht mehr, was ich viele Jahre getan habe, insgeheim darauf reduziere. Viele Jahre nahm ich an, das Konfliktuelle sei mir Wesenskern. Und wenn ich heute annehme, das sei es durchaus nicht, dann agiere ich freilich nur einen Trugschluss aus – den nämlich über das Phantasma eines ‚Wesens‘; die Eigentlichkeitslüge. Ich bin über das Phänomen uneins in mir; das Proteische eignet einem Menschen gleichviel wie das Konstante, aber ich glaube wirklich, etwas in mir wurde ‚freigelegt‘. Denn was ich spüre, seit L., und was ich in allem Leben davor nicht – oder nur momentweise – gespürt habe, ist Wohlbefinden. Von morgens bis abends, jeden Tag. Und ich stelle mir vor, dass sich solches nur ergibt in der Identität von Naturell und Verhalten. Was bei S. und bei D. noch Standard war, entfällt bei L. grundlegend: das Gerangel um beziehungsinterne Positionen, um Deutungshoheiten (außer in theoretischen Fragen; da bin ich derselbe rechthaberische Idiot, der ich immer war), das Abstecken von sozialen Geltungszonen etc. Es gibt keinen Grund mehr, sich zu ‚behaupten‘. Und die Einsicht, wenn ich mich nicht täusche, ist die, dass es diesen Grund nie gegeben hat. Es hat ihn auch, nehme ich an, zwischen mir und meinem Bruder nicht gegeben. Ich habe ihn mir eingebildet oder ihn empfunden, aber das sagt noch nichts über seine Existenz. Oder es sagt nicht genügend darüber. Aber mindestens gab es eine Differenz zwischen den situativen Prämissen und meinem Verhalten, und in dieser Differenz bildete sich meine Verfehlung.

April 18

Kürzlich mit L. über Isolationsphantasien gesprochen; dabei vergessen, wie ich als Kind ein dauerndes Verlangen danach hatte, mich in engen Gehäusen zu verkriechen. Bevor meine Mutter, noch in Rheinsberg, im Wohnzimmer staubsaugte, stapelte sie die Sessel so übereinander, dass sich zwischen ihnen ein kleiner Hohlraum ergab. Als wir noch kleiner waren, kapselten mein Bruder und ich uns, während meine Mutter saugte, gemeinsam darin ein, später dann abwechselnd. Als Kind war das mein Lieblingsort; eine temporäre Klause, in der ich der Utopie der totalen Abgeschiedenheit nachhängen konnte. Es war für mich der endgültige Ort; so eingeigelt und weggeschlos­sen von der Außenwelt (durch den Staubsauger auch akustisch), hob sich das Primat der ständigen Entscheidungsfindung auf. Es ging von dort aus nirgendwo mehr hin. Die räumliche Nische war zugleich eine soziale, in der meine Anwesenheit keine bestellte oder verfügte mehr war. Der Reiz der Unsichtbarkeit, des unbedingten Beimirseins, zog mich, in einer merkwürdi­gen Vermengung von Fern- und Heimweh, unaufhörlich in diesen Bau.

Das implizite Gebot meiner sozialen Verfügbarkeit, gegen das ich als Kind machtlos war, schuf, in Abgrenzung zu diesem Gebot, eine immer krassere Fiktion der glücklichen Einsamkeit. Das ging so weit, dass ich einmal, auf dem Hof der Großeltern in Ungarn, den Hund mit Futter aus seiner Hütte lockte und selber hineinkroch. Gekrümmt saß ich drin, mit angezogenen Beinen; es war so beengt, nur meine Hände konnt ich noch bewegen. Aber eben nicht mehr zu einem Nutzen; ihr Handlungsspielraum erschöpfte sich im Baumeln. Erst in dieser Beengtheit fühlte ich mich frei. Erst wenn ich mich nicht mehr bewegen konnte – etwa auch im Spital, wenn ich an Schläuchen lag –, tat sich mir der Anschein der Selbstbestimmtheit auf. Diese fanatische Sehnsucht danach, out of the game zu sein.

Mai 18

Die rührende Unsinnigkeit, beim Wrestling, des Referees. Gut, irgendjemand muss das Kampfende signieren, oder es auch hinauszögern. Aber die Attrappenhaftigkeit des Wrestlings wird durch kaum etwas so niedlich pointiert wie vom Ref. Kaum etwas verkörpert Kulisse ergreifender als er. Beinahe alles am Acting der Wrestler wirkt sich auf die Geschehnis-Ebene aus, manches wie nebenher Getane schärft immerhin Effekte: etwa wenn sie in der Ringecke auf den Körper oder das Gesicht des Kontrahenten einschlagen, stampfen sie mit den Füßen auf, um jeden einzelnen Schlag, der ja stets abgestoppt wird, bevor er eine Wirkung haben könnte, auch akustisch zu inszenieren. Auch der Ref greift mitunter ins Geschehen ein, und was dann rührt, ist, wie etwas völlig Nutzloses mit einmal funktionalisiert wird – wenn er einem der beiden Wrestler eine Mahnung erteilt und ihn so vom Kampfgeschehen ablenkt, dass der andere sich derweil erholen und hinterrücks angreifen kann. Oft genug sieht man, wie ein Wrestler den Ref einfach wegslammt und das ohne sozusagen rechtliche Folgen bleibt – kein Wrestler wird dafür sanktioniert, wenn er den Ref ausknockt. Und doch lässt sich mal einer auf ein Wortgefecht mit ihm ein, das ihm einen Kampfnachteil bringt.

Rührender ist wohl nur das Publikum, das all das so ergreifend naiv für bare Münze nimmt. Dabei sind die meisten über den Show-Charakter wohl aufgeklärt. Mit Ausnahme, vielleicht, von Kindern, die über denselben in Kenntnis gesetzt werden, wer weiß, wie über die Untatsächlichkeit des Weihnachtsmanns. Aber die Aussetzung der Ungläubigkeit, stell ich mir vor, ist beim Wrestling von einer anderen Qualität als beim Filmschauen oder beim Lesen. Vergleichbar vielleicht mit dem Theater. Nur wird die Ungläubigkeit des Theater-Publikums, spätestens seit Brechts Verfremdungsmanie, nicht in derselben Radikalität ausgesetzt. Man weiß noch, beim Schauen: der Harzer spielt den Astrow, und wie er ihn spielt. Beim Wrestling-Publikum scheint mir dieses Bewusstsein deutlich unausgeprägter zu sein. Aus ihm wird niemand sagen: Mark Calaway habe den Undertaker heute aber bravourös performt. Nein, wenn das Wrestling-Publikum über Wrestler spricht, dann über die Personae, nicht über die Darsteller. Die verschmilzen dort mehr mit ihren Figuren als beim Theater, nur auf einer primitiveren Authentizitätsebene, die mehr bespielt wird durch äußere Signa wie Kleidung und Ringname als durch das Spiel selbst. Eine Pervertierung, wenn man so will, von Kinskis Auskunft: „Ich spiele nicht, ich bin das.“

Zu dieser Authentizitätsvorgabe trägt auch vielleicht der kommentatorische Support bei: bei einem alten Kampf von 1968, Andre the Giant vs. Franz van Buyten, in dem sie sich wechselweise mehrere Faustschläge verpassen, wobei Van Buyten immer stärker zurückweichen muss als umgekehrt, damit das ‚Kräfteverhältnis‘ oder die körperliche Differenz zwischen beiden erkenntlich wird, ruft der belgische Kommentator nach Andres Schlägen immer wieder aus: „Oioioi!“ oder „O la la!“ nach einem Bodyslam, der seinerzeit noch für den Sieg genügt hat. Der Kommentar wird so zum operativen Immersionsbeihelfer, den es im Theater nicht gibt (den ich mir aber, ironisch gebrochen, im Pollesch-Theater vorstellen könnte).

Was das Wrestling dann mehr mit Hollywood als mit dem Theater gemein hat, ist die genuine Negation von Ambivalenz. Sowohl die hypertrophen Mimiken der Wrestler als auch ihre Personae sind ganz und gar frei davon, sie kennen nur den Switch vom Guten ins Böse oder umgekehrt. Das, was einer Ambivalenz am nächsten kommt, ist die Kooperation eines Guten mit einem Bösen gegen einen noch Böseren oder, beim Royal Rumble, gegen einen mutmaßlich Schwächeren. Gerade das Royal Rumble verkörpert den Show-Charakter auf eigene Weise: Alle machen mit, alle treffen aufeinander, auch solche, die sich in einem regulären Fight nie bekämpfen würden, etwa Hogan und die Bushwhackers. Letztlich siegt auch dort nur jemand aus der aktuellen Top-Riege und auch von denen nur jemand, dessen Sieg einen besonderen Aufreger beim Publikum verspricht. Dennoch wird eine Alles-ist-möglich-Situation inszeniert, eine Lightversion der Hunger Games; das Spektakel in seiner gröbsten Form. Das Publikum kann dem unbesorgt beiwohnen, etwas Lebensgravierendes wird nicht geschehen, und zugleich aber bietet Wrestling, anders als etwa das Boxen, die Garantie auf Spektakel.

Freilich gibt es Anleihen vom Boxsport, vom wirklichen Kampf, und nicht nur Vorshow, Einlauf und all das, sondern bei einem Kampf zwischen Hogan und Vader fungiert Michael Buffer als Ansager, der selbst die Gewichtsangaben vorträgt, und im Publikum sitzen, wie beim Boxen, Prominente aus der Szene (Ric Flair etc). Und bei diesem ganz alten Kampf, Andre vs Van Buyten, der natürlich auch schon gescripted ist, wird die gegenseitige Wertschätzung der Kämpfer inszeniert. Das alles verstärkt den immersiven Effekt und begünstigt die Aussetzung der Ungläubigkeit. Obwohl alles daran, gerade im Vergleich zum Boxen, grundfalsch ist. Es gibt und gab nur sehr wenige Boxer, die ihren Einlauf zur Show machen – sie nämlich sind hochkonzentriert, und ihre Konzentration speist sich dialektisch aus Angst und Selbstbewusstsein. Sie kämpfen für sich, weil sie es müssen, weil sie vom Kampfgeschehen wirklich Betroffene sind, weil sie ihre Gesundheit, ihr Leben, ihr Prestige und auch ihre künftigen Einnahmen tatsächlich riskieren. Die Wrestler kämpfen fürs Publikum, und das will Spektakel, und zwar eines, das sich aus einem Narrativ ergibt und dasselbe zugleich novelliert. Und aus der Abgemachtheit des Kampfgeschehens, wie zudem durch die relative Statik der Persona, folgt auch eine gefestigtere Bindung zwischen Publikum und Kämpfer. Wenn ein Boxer unterliegt, kann man sich leichter von ihm abwenden. Oder zumindest wird der innere Hype um ihn abgeschwächt, wenn seine Vorzüge denen eines andern nicht gewachsen sind. Sieg oder Niederlage ändern am Status eines Wrestlers dagegen nahezu nichts.

Es ist ein Imitation Game, die übertriebene Nachbildung fremder Genres, in der alles – Fighting, Acting, Characters – bloß nachgeahmt ist von dem, was anderswo vorgemacht wurde: ob Film oder Sport, Politik, Kulturen oder Mythen. Und was nur nachahmt, kann nie innovativ sein. Und trotzdem ist Wrestling etwas Einzigartiges, ein eigentümlicher Hybrid aus Theater oder vielmehr Telenovela, Sport, Choreographie und Zirkus mit einer Nuance Freakshow. Und wie überall dort, genügt auch im Wrestling der Anschein von Menschlichem, von Sozialem wie Psychischem, der knappe Anriss einer Motivation, dass manches Publikum ‚mitwill‘. Die Identifikation bildet sich über eine ebenso eindrückliche wie leicht begreifliche, will sagen schablonenhafte Persona, in der sich etwas Menschliches gravierend zuspitzt, und deren je einziges Handlungsmotiv sich in jeder Geste, jedem Ausdruck, jeder Aktion innerhalb und außerhalb des Rings behauptet. Und diese Identifikation übersteht auch Einrisse des Tatsächlichen, sowohl vor Ort wie vorm Bildschirm: wenn die Wrestler außerhalb des Rings an der Metallabsperrung direkt vorm Publikum agieren, oder wenn die Kamera sie im Super-Close-Up zeigt, muss ja wahrlich jedem die Angetäuschtheit der Schläge und Tritte kenntlich werden. Aber es erzeugt dennoch keine Plausibilitätseinbuße. Die Erzählung bleibt in ihrer gerade durch Schlichtheit bewirkten Konsistenz, nicht zuletzt durch die über Wochen und Monate geführten serien-artigen Stränge, zu überzeugend, vielleicht wie bei Verschwörungsnarrativen.

2008 fand ein Wrestling-Event vor Kämpfern der US Army statt, Tribute to the Troops („armed forced entertainment“) – ich nahm an, die nun müssten sich endlich verarscht vorkommen, denn kaum jemand wisse doch wie sie von der Differenz zwischen Simulation und Ernstfall – aber nichts da, appreciation to the fullest, sie feierten das Ringspektakel frenetisch ab. Aber für sie war das vielleicht noch mal eine andere Art von Spektakel als für das gewöhnliche Wrestling-Publikum, für sie war vielleicht gerade das Simulative der Auslöser ihrer Begeisterung, die Gewissheit: hier steht kein Leben auf dem Spiel, von niemandem – hier können sie ein Gefecht miterleben endlich einmal nur in Wonne, allem Ernst und aller Tragik, ja allen Konsequenzen entledigt. Die reine Gaudi, aufgezogen aber als Schlacht, als Titanenkampf. Die Antäuschung von Gewalt hat also, wenn man es so nehmen will, ihr Pläsier nicht gemindert oder gar sabotiert, sondern erst ermöglicht. Denn nur diese Antäuschung hat die vermeintliche Gewalt – einer rundweg gefahrlosen Gewalt – vom Verdacht auf eine mögliche Traumatisierung erlöst.

Die WWE, damals noch WWF, hat auch einmal mit wirklicher Gewalt experimentiert: Brawl for All, 1998, ein Shootfighting-Turnier – halb Boxen, halb Ringen. 5 Punkte fürs Niederringen, 10 fürs Niederschlagen. Zwar war das ‚echt‘, aber in einem Mix aus zwei Disziplinen, die vom typischen Wrestling nahezu nichts mehr hatten. In diesen Disziplinen waren die Wrestler nicht mal Amateure – sie bekämpften einander im Ring wie Kinder auf dem Schulhof, ohne Geschick, ohne Plan, ohne Klasse. Es war ein Desaster. Heillos vom Publikum abgelehnt. Denn zum einen war das unansehnlich; die athletischen Fähigkeiten der Wrestler, die spektakulären Choreographien, auch die narrativen Elemente wurden hier rigoros ausgelöscht, zu Gunsten einer Authentizität, die aber die akrobatischen und anekdotischen Parameter einer Kneipenschlägerei aufwies. Ein schlechter Tausch, der dem Wrestling gewohnten Publikum nicht gefallen konnte. Ihre Heroen sahen aus wie Idioten – bislang hatten sie das Standing einer Elite, jetzt gurkten sie im besten Fall wie Amateure durch den Ring. Aber es zeigte auch die ersten Ansätze eines Publikums, das ins Kayfabe-Konzept nicht nur eingeweiht, sondern mit ihm auch einverstanden war. In heutigen Diskussionen im Netz über Wrestling-Events wird teilweise mehr über die Schlüssigkeit von Storylines debattiert als über akrobatische Feinheiten oder darüber, was in den 90ern noch zwischen meinem Bruder und mir thematisiert wurde: welcher Wrestler ‚besser‘ oder wer von zweien der ‚krassere Kämpfer‘ sei. Stattdessen wird eher geschaut: wer performt gut, und neben weiteren Aspekten heißt das auch: wer führt seine Aktionen ’sauber‘ aus und verletzt nicht seine Gegner dadurch?

Goldberg war ein Showtalent, auch ein athletisches Talent, aber er hat zu wenig Zeit zur choreographischen Entwicklung erhalten, er hatte kaum Ringerfahrung, als man ihn pushte. Ein noch ungeschickter Wrestler, der seine Kontrahenten durch unsaubere Aktionen immer wieder geschädigt hat, ein Botcher. Zu seiner Zeit bereits ein Makel. Gar nicht viele Jahre davor, Ende Achtziger, Anfang Neunziger, war das noch Promotionsmaterial. Als Vader von der WWF zur WCW ging, wurde er damit beworben, seine Gegner auch real zu verletzen. Er war ein Dirty Fighter, ein Hooker, der immer wieder ‚echt‘ zuschlug oder -trat, der seine Gegner buchstäblich bluten ließ. Darum konnte man seinerzeit noch einen zumindest geringen Hype kreieren, später war das verpönt. Dem Publikum war der Gap zwischen Simulation und Ernst in Teilen also durchaus schon bewusst oder zumindest war der Verdacht virulent. Ich erinnere noch kindliche Diskussionen, in denen ein Nachbarsjunge darauf beharrte, alles Gezeigte sei echt, während ich schon dagegen opponierte und mein Bruder, drei Jahre jünger, immerhin schwankte.

Selbst wenn aber, angenommen, jeder ‚Bescheid weiß‘, selbst wenn Wrestling heute wirklich mehr Telenovela als anderes ist, immer noch ist man ‚für‘ jemanden oder gegen ihn. Ist sauer, wenn jemand auf bestimmte Weise verlieren musste, oder gehypt, wenn es ein vermeintliches Upset gab. Vielleicht ist es für Leute, die in die Kayfabe eingeweiht sind, für jene ‚Bescheidwisser‘, mehr eine Sache der Kohärenz, der dramaturgischen sowohl wie der personellen. Wie in der Telenovela muss eine gewisse Balance gehalten werden, in der Storyline nicht weniger als im Ring – ein Kampf, wie simuliert auch immer, wird erst zum Ereignis, wenn er bis zum Ende eng ist, wenn beide Fighter ihre Highlights kriegen, wie auch eine Legacy die Signature Wins ebenso benötigt wie die Signature Losses. Es muss ein gut austarierter, gut getimter Showdown von zwar simplen, aber mühsam geschliffenen Prinzipien sein, die einander akrobatisch, modisch, gestisch und nicht zuletzt moralisch kontrastieren. Die Simplifizierung aller dieser Elemente transzendiert das Geschehen ins Fiktionale und bildet in dessen Schablonenhaftigkeit eine Karikatur des Menschlichen überhaupt. Die Identifikation des Publikums – mit dem Geschehen, den Wrestlern, der Aufmachung – geschieht weder in toto noch essenziell, es staunt vor dem ihm selbst Unmöglichen und macht in dem allen Desiderata einer kindlichen Psyche aus (wie im Theater solche einer erwachsenen), eine ins Kindliche verzerrte Wahnwelt, in der das Gigantomanische als Prinzip aller Dinggenese postuliert ist, wonach, wie eine notwendige Ableitung, auch das Emotionelle ins Unermessliche anschwillt.