blg 21-22

17 09 21

Ein beruhigendes Gefühl, fast Trost, unbekümmert in die letzte Stunde des Tages zu gehen. Einverstanden mit der Einkehr. Jetzt erst begreife ich, wie sehr es auch ein Reiz war, über 0 Uhr hinaus wach zu bleiben. Mitternacht als Schwelle, an der ich mir meine Eigenmächtigkeit beweisen konnte. Ich breche den Tag an, ohne Beistand, aber auch ohne Hindernis. Dass diese Schwelle mir egal ist, mittlerweile, ist der wahre Triumph der letzten Zeit.

30 10 21

Vielleicht komme ich wirklich über Nizon nicht hinaus. Dem Selbstsein immer wieder nur einen neuen Wortlaut geben, die eigene Verstoßenheit nicht verwinden können. Das radikale Desinteresse an Story. Das Gefühl der Verfälschung, wann immer ich an Figuren, an Handlung gehe. Die Sehnsucht nach unverfälschter Darstellung hebt sich nur im Hang zu den Ich-Wirren auf. Und im Grunde ist es nicht mal Darstellung, nur ein Benennen, ein wörtliches Draufzeigen. Wo etwas Geschichte werden soll, fiktiv, muss Entwicklung forciert werden; aber ich habe keinen Sinn für Entwicklung. Ich kann nur Status quo an Status quo aufreihen, wie Polaroids. Und nicht mal aufreihen wirklich; wo es zur Reihung wird, da zufällig. Entwicklung, an anderen, ist mir immer entsetzlich; verdaulich nur retrospektiv. Ich kann nicht schildern, nur eruieren und benennen. Dahin geht mein ganzes Denken, auch im Schreiben. Und da es sich in der Hauptsache auf mich fokussiert, bleibt es je bei der Selbstmitteilung. Also bei Nizon, der – als Erzähler – nichts taugt.

25 12 21

In gleich welchem Medium, nirgends könnte ich eine Geschichte erzählen. Nicht li­terarisch, nicht cineastisch, am ehesten noch fotografisch. Weil die Fotografie nicht wirklich erzählt, sie deutet nur den Erzählraum an, the potential story bal­loon around a scene. Fotografie und Musikvideos; vielleicht die einzigen Formen, in denen ich meine Mengung aus Wahrnehmung und Ausdruck originär modulie­ren könnte. Zufällig aber bin ich aufs Schreiben verfallen. Das freilich, was ich an künstlerischer Begabung überhaupt habe, nicht ädaquat aufnimmt. Eine bizarre Art der Anmaßung; die wohl anstrengendste, aber zugleich befriedigendste Weise, mein Leben zu vergeuden.

11 01 22

Bob Dylan über Johnny Cash: es gebe Künstler, die den Zug führen, und solche, die Gleise bauen – Johnny Cash sei einer, der Gleise baut. Und von dieser Idee komme ich nicht los, auch wenn ich für beides eigentlich kein Talent habe. Den Zug führen kann ich nicht, ich weiß nicht einmal, wie ich ihn starten soll. Aber vom Gleisbau verstehe ich auch nichts. Trotzdem sitz ich am Boden, auf eingeschlafenen Beinen, und frickle besessen an einem Gleisstück herum, auf dem niemand einen Zug führen kann, nicht mal ich selbst. An einem Gleis ins Nirgendwo, verwinkelt und von vornherein defekt. Vielleicht eine insgeheime Sehnsucht: dass mir, wohin ich auch baue, wohin ich, ob ich es weiß oder nicht, auch will, wirklich niemand folgen solle. Aber ich will es mir nicht als Motiv hersagen, es bleibt Unvermögen.

13 01 22

Ich glaube, sie hieß Sarah. War ein oder zwei Klassen unter mir, aber auf einer hö­heren Schule. Gesehen habe ich sie für gewöhnlich nur im Bus, oder an der Halte­stelle, nachdem wir ins Dorf gezogen waren. Ihre Familie hatte keinen guten Ruf. Man sah sie nicht auf dem Dorffest oder beim Ochsenrennen. Stattdessen ging sie ins Theater. Ein paar Monate lang war Sarah mit Flo zusammen, der auch nicht gut gelitten war. Man sah ihn jeden Tag, von der Hauptstraße aus, vor seinem großen Fenster im Dachgeschoss tanzen. Sie war größer als er und versessener auf ihn als umgekehrt. Er verließ sie, als er in die Stadt zog, und das letzte, was man von ihm mitbekam, war sein Comingout. Jetzt führte sie ihren Hund alleine durchs Dorf. An einem sonnigen Tag einmal in einem blauen Sommerkleid, barfuß den Kirchweg entlang, überwältigend schön. Da sprachen wir kurz, ganz heiter und innig zugewandt, ich weiß nicht mehr was. Dienstags und donnerstags, wenn sie am Nachmittag Musikschule hatte, stand ich zu ihrer Zeit an der Haltestelle. Manchmal kam sie nicht, und dann fuhr ich allein in die Stadt und einen Bus später wieder zurück. Wenn sie kam, sprachen wir nicht viel. In der Regel lief ich, wenn sie vorn im Bus Platz genommen hatte, an ihr vorbei bis hinten durch. Nur wenn ein bestimmter Busfahrer fuhr, den wir beide mochten, blieb ich vorn. Ein Österreicher, der sich Blinki nannte und Musiker war. Eine Zeit lang fuhr auch seine Frau mit, eine Russin, die er kürzlich geheiratet hatte. Dann lernten wir Deutsch mit ihr. In der Stadt teilten sich nach einigen hundert Metern unsere Wege; sie ging in die Musikschule, ich in die Bibliothek. Manchmal fuhren wir gemeinsam heim, manchmal wurde sie von ihrer Mutter abgeholt, und manchmal blieb ich auch länger, um nicht verdächtig zu wirken. Bildhaft erinnern kann ich mich eigentlich nur an zwei Rückfahrten. Während einer saß sie im Sitz vor mir, am Fenster, und inmitten der Fahrt stellte sie ihre Lehne zurück. Ihr blondes Haar lag fast auf meiner Brust. Bis wir ausstiegen, habe ich mich kaum gerührt. Nur einmal die Knie angezogen und gegen den Sitz gestemmt, für ein paar Minuten, ganz sanft. Die ersten Kilometer sah ich ihr nur aufs Haar. Irgendwann schaute ich auch aus dem Fenster. Ob es frech gemeint war, die Lehne so zu verstellen, oder eine zarte Annäherung: sie sollte das Gefühl haben, dass beides an mir möglich war. Dass ich nicht irritiert sei oder ihr fallweise auf den Kopf spucken würde. Eine Haltestelle vor unserer stieg ein Junge aus, den ich vom Fußball kannte; draußen, als er uns so sah, blickte er neckisch-verschwörerisch zu mir hoch. Ein paar Wochen später saßen wir nebeneinander. Es ging in den Winter, war schon früh dunkel. Sie las in meinem Notizbuch, ein langes Gedicht. Ein Liebesgedicht an niemanden. Im Lesen sank ihr Oberkörper in meinen Schoß, das offene Buch dicht vors Auge gehalten. Mit zwei Fingern fuhr ich ihr durch den wirren Scheitel, nahm eine Strähne zwischen zwei Fingerkuppen und strich mit dem Daumen darüber. Kraulte auch ihren Schädel leicht, ohne ihr mit der ganzen Hand durchs Haar zu wühlen. Obwohl ich für Augenblicke den Impuls hatte, ging ich nicht auf ihre Wangen über. Am Ende hatte sie feuchte Augen. Es sei so traurig, sagte sie, solche Gefühle nicht adressieren zu können. Sie erhob ihren Kopf, kurz vor unserer Haltestelle, und sah mich fast verzweifelt an. Ich habe es nicht verdient, sagte ich leise. Draußen zögerte sie beim Abschied, und ich nahm ihn ihr ab, ging mit üblichem Gruß von ihr weg. Dann sahen wir uns länger nicht. Nur einmal noch, bevor ich selber in die Stadt zog, am Abend, im Neubaugebiet, zufällig. Es gab dort einen Spielplatz mit einer Nestschaukel. Ich hatte oft darin gelegen und in den klaren Sternenhimmel gesehen, den ich aus der Stadt nicht kannte. Sie leinte den Hund an der Bank an und kroch mit mir darauf. In der Mulde stauchten sich unsere Schultern. Weil ich keine Sternenbilder kannte, erzählte ich ihr von der Entstehung der Sterne. Ich hatte in der Bibliothek davon gelesen. So nah an ihr, ohne was zwischen uns, habe ich sie nicht gestreichelt. Wenn ich zurückschaue, sehe ich sie vor allem barfuß im blauen Kleid, vage den schwarzen Hund um sie her. Letzte Nacht, glaube ich, habe ich von ihr geträumt.

26 01 22

Selbst in guten bis sehr guten, nicht gerade euphorischen, aber Phasen existenzieller Einverstandenheit, in denen ich mit dem Schrecknis, am Leben zu sein, vollkommen ausgesöhnt bin, kommt irgendwann der Morgen, an dem es mich enerviert, schon wieder aufzuwachen. War dann alles bloß Chimäre? Denn, wahrlich, so fühlt es sich an, als sei alle Affirmation der vorigen Zeit nur eine Billigung der joli mensonge, um nicht dauernd der prinzipiellen Pein des Daseins ausgesetzt zu sein. Aber dann vergegenwärtige ich mir die blühende Wachheit, mit der ich zuletzt an der Arbeit saß, und sie kommt mir ebenso substanziell vor. Die Pathologisierung der Schwermut, an so einem Morgen fühl ich’s, ist auch ein Manöver, eine psychologische Taktik, denn wenn das Gefühl den Status konstituiert, kann es nicht anders als wirklich und wahr sein. Es gibt keinen untrüglicheren Informanten übers eigene Sosein als das Gefühl, das unbegabt zur Fälschung ist. Aber übers eigene Sosein hinaus trifft es keine Aussage. Ob die Welt oder das Leben, ob irgendein Sosein außerhalb meiner selbst mich zur Depression nötigt, darüber gibt das Gefühl keine Auskunft. Und so ist das eine, die Daseinsfreude, ebenso gültig wie das andere, die Daseinstrauer oder vielmehr die Daseinsscham, wenn sie sich auch sekundenweise ablösen. Wer den fassbareren Grund hat, darüber lässt sich nur spekulieren. Und was dann trügt, in dieser Spekulation, ist nur die Perspektive. Daraus mag man nicht unbegründet ableiten, diese Spekulation sei prinzipiell unergiebig. Und überdies, dass es keine Frage der Legitimität ist, auch keine von Falsch und Richtig. Aber man kann sich vorstellen, in dieser wie jener Lage, die jeweils andere sei ebenso möglich, auch und gerade jetzt. Wie man dazu kommt, bleibt allerdings nicht selten mentalen Zufällen überlassen.

27 01 22

Auffällig im Tagebuch: ich beschreibe keinen Alltag. Auch gegenüber Freunden, im Gespräch, kaum einmal Wiedergabe. Ihnen gegenüber immer das Bekenntnis: es sei mir fad, interessiere mich nicht, mein Alltag finde im Kopf statt. Ganz falsch ist es nicht. Aber mein Interesse an ihrem Alltag, auch am Alltag in fremden Tagebüchern, bezeugt einen Schwindel. Wenn ich zurückschau, habe ich immer dasselbe gedacht, mit derselben Schwere wie jetzt: dass mir mein Alltag peinlich ist, die Umstände, in die mich mein Unvermögen genötigt hat. Ich kann Blamage immer nur rückwirkend gestehen. Die Konstante: dass mir alles als Blamage gilt, nur Beziehung und Freundschaft nicht. Mein Glück, mit L.: dass es zwischen uns kaum je arg ist, mag um uns auch alles desolat sein. Aber wenn es eine Krise gäbe, wenn L., was weiß ich, fremdginge, würde ich das erzählen, würde ich davon schreiben? Ums Verrecken nicht. Ich kann mich nicht in Not zeigen. Das schwächt auch mein Schreiben; es ist zu oft ein Geraderücken des Wirklichen. Mit ihm bring ich mich in Souveränität. Und es soll mich als Souverän zeigen. Als eine Freundin einst in Not war, war ich kurz davor, ihr meine zu gestehen, als Trost. Aber ich habe es nicht über mich gebracht. Ich scheue die Pein, von den psychosozialen Maßstäben der Unreife betroffen zu sein. Ich glaube ja daran, auch in der Not noch autonom zu sein, aber ich trau mich nicht, es andern situativ zu beweisen. Und da mein Alltag immer Not ist, verschweig ich ihn durchweg. Aber vorstellen kann ich mir auch, dass ich ihn, wenn er harmlos wäre, ebenso verschweigen würde, denn was wäre dann von ihm zu erzählen.

28 01 22

Jahrelang hab ich mich abends, vorm Schlafen, heillos überfressen. War der Bauch überspannt, wie mit Steinen gemästet, geriet mein Denken nicht so leicht in den Panik-Tornado. Wie eine Robbe lag ich auf dem Bett und erschöpfte mich im Atmen, bis es meinem Gehirn zu anstrengend war, wach zu sein. Das war nun länger nicht nötig. An den letzten Tagen aber verfiel ich wieder drauf; gegen Mitternacht machte ich mir pompös zu essen und kroch alsbald behäbig ins Bett. Nötig war es auch jetzt nicht. Solang ich schreibe, tagsüber, kann ich einschlafen. Aber nie so friedlich wie nach einem Festmahl, nie so beseelt, und das hat mich jeden Abend neu angereizt, allem medizinischen Rat zum Trotz. Es muss, ich weiß es, eine Ausnahme bleiben. Nicht allein, weil es ungesund ist; auch weil das Friedliche, in meinem Leben, immer nur eine Ausnahme war. Künftig werd ich mir das Schlafen wieder abverlangen müssen, mit Geduld und Willen.

29 01 22

Eine falsche Bewegung, von der man nicht mal weiß, dass es eine falsche Bewegung ist, und von einem Moment auf den andern, in nicht mal einer Sekunde, ist, wo bislang, aus einer unerklärlichen Gegenwartsheiterkeit heraus, Vorfreude auf den Tag war, nur noch Schmerz, Schmerz, Schmerz, ein so einnehmender, aus dem diffusen Zwischenraum von Rücken- und Sägemuskel über den ganzen Rumpf ausstrahlender, dass man sich augenblicklich kaum mehr bewegen und nur unter dem Eindruck, gleich zu verrecken, noch atmen kann und darauf, von diesem dorsalen Unglück angestachelt, zu seinem Laptop kraucht, ins Tagebuch, um hilflos seine jähe Empörung irgendwo hinadressieren zu können, freilich am allernutzlosesten Ort.

03 02 22

Wenn ich, was mich betrifft, in Gedanken verhandle: immer als Monolog an L. Ihr will ich mich erklären, und noch in ihrer Abwesenheit.

08 02 22

Gott als Trost: jemand habe etwas mit uns vor. Andererseits lebten und stürben wir, lebte und stürbe überhaupt alles, wäre also alle Existenz für nichts und wieder nichts. Wie soll ein Mensch das denken können. Allein den Selbstzweck kann er sich davon ableiten. Aber dem steht alles soziale Leben dawider. Jedes Wollen, jedes Hoffen, jedes Wünschen – ein Widerspruch zur kosmischen Sinnlosigkeit. Das All – nicht im hegelschen, mehr im trivialen Sinne – als bloßes An-sich, in dem jedes Für-sich eine Fata Morgana ist, eine temporäre Illusion zu keinem andern Zweck als sich selbst. Warum das alles? Um diese Frage kommt man ja nicht herum. Nur bildet Gott hier nichts weiter als eine Zusatzannahme, mit der vorausgesetzt wird, was erst noch zu beweisen wäre. Und was sich aus ihr ergibt, ist wahrlich allzumenschlich, um den Elefanten im Raum, den kosmischen Nichtsinn, ädaquat zu erläutern. So kann unsere Existenz, wenn man sich den weitern Verlauf des Universums denkt, nur eine absurde sein. Eine kosmische Pointe. Was man davon hat? Die Frage ist ja schon falsch. Aber wenn, dann Trost: die Menschheit als Scherz, den man vor sich selber macht, und von dem sonst keiner Notiz nimmt. Die heiter und also trotzig aufgenommene Nichtigkeit als Fundament aller menschlichen Schöpfung.

09 02 22

0902 – einmal ein Erkennungszeichen gewesen, zwischen LH und mir. Die Referenz muss der 09.02.2001 gewesen sein, aber ich weiß nicht mehr, weshalb der Tag uns bedeutsam war. Vielleicht der Tag, an dem wir uns kennen lernten? Das käme hin. Oder an dem sie mir auf der Gitarre vorspielte, am Telefon, irgendwas von den Dead Kennedys sang und nicht mehr aufhören wollte? Ein Jahr später habe ich für sie gesungen, auch am Telefon, auf der Straße; bis heute das einzige Mal, dass ich unironisch vor einem andern sang. Vor drei oder vier Jahren hat sie einen Text ins Netz gesetzt, der harsch angegangen wurde; ich habe ihn verteidigt, nicht aus literarkritischem Motiv, mehr aus heimlicher Loyalität. Sie wusste nicht, dass ich es bin. Wir hatten uns gut zehn Jahre nicht gesprochen. Der Text bot mir nicht viel für eine seriöse Verteidigung, also ging ich den Kritiker an. Genervt schrieb sie, man solle den Streit andernorts austragen. Dann die Versuchung, „0902“ zu schreiben, ohne weiteres Wort, als Chiffre. In meiner Erinnerung hat sie das immer sentimental gemacht. Aber ich erlag der Versuchung nicht. Ich wollte keinen Wiedersehensakt. Keine Strapazen um „was hast du gemacht, was machst du jetzt“ für etwas, das ich weder aufwärmen noch erneuern wollte. Manchmal wäre es mir lieb, man könnte solcherlei Codes einfach absetzen, ohne Konsequenz. Nur als Bürge für die Wartung des Gedächtnisses, in dem die Erinnerung, nachdem alles Ständische verdampft ist, als Wrase gezeugt ward und als solche nirgendhin abzog. Adorno fixiert ans Gedächtnis die „Liebe, die bewahren will, was doch vergeht“, und es ist wohl wenigstens le petit amour, was ich für jene fühle, ohne die mein vergangenes Selbst nicht auskommt. Wen die Erinnerung vorstellt, wenn ich mich aus dem Gestrigen erläutern will, den kann ich nicht anders schauen als liebend; es sei denn, er hat mir ein Trauma verursacht. Von LH schrieb ich vor einigen Jahren, sie sei der erste Mensch gewesen, dessen Nähe ich trotz kardinaler Verschiedenheit annehmen konnte. Aber es war auch umgekehrt: So gern wir uns hatten, viel anfangen konnten wir miteinander nicht. Wir litten an ähnlichem, aber auf verschiedene Weise. Nach zwei, drei Jahren haben wir es eingesehen. So ergab sich indes auch kein Trauma: wir waren uns nie nah genug, um einander zu kränken. Aber auch nicht ausreichend fern, um dem andern ganz zu entweichen.

10 02 22

Gott verkörpert den Willen en général, als kosmisches Kriterium. Das Vorsätzliche braucht, neben der Bedeutung, auch den Sinn. Im Universum (und daher nehm ich „Bedeutung“ und „Sinn“ hier nicht nach Frege’scher Art) bedeutet alles allem, alles Verhältnismäßige bedeutet einander, nur ohne Sinn – und den liefert Gott, im Kontext eines Universums, das sich die Pointe erlaubt, Dasein ohne Sinn hervorzubringen. Bringt man beides zusammen, theoretisch, so nur über die Spekulation. Der psychologische Kitt aber ist der Wille. Er liegt dem Sinn a priori zugrunde. Zugleich ist er auch dessen praktische Referenz. Sinn ist kein Fakt, und nur als Idee eine Tatsache; wir kontaktieren ihn je über die Vermutung, die ihn als Bedürfnis vidiert. Hierüber streckt sich der Wille, den wir als dauerndes Ereignis Streben nennen. Im Großen wie im Kleinen, psychisch, sozial, transzendental. Aber gerade die letztere Komponente, die uns vom Tierischen scheidet oder in ihm als Besonderes ausweist, wird uns vom Universum, das allem uns Betreffende die Grundlage ist, nicht reflektiert. Ihm gilt nur das Stoffliche, wenn auch in Bezug zueinander, als wechselseitiges Bedeuten verschiedener Kräfte. Diese Tatsache konfligiert genuin mit dem menschlichen Sinnverlangen, dem Willen zur sinnhaften Existenz. Weil wir es dem Kosmos aber nicht oktroyieren können, behaupten wir eine überkosmische Autorität, von der wir unsern Willen empfangen und der wir ihn widmen, die unsere „transzendentale Obdachlosigkeit“ (Lukács) aufhebt.

11 02 22

Die Beschränkungen fallen, so war ich, nach Monaten, vielleicht einem halben Jahr, wieder im Osiander. Obwohl umgeben von tausenden Büchern, die noch lang nicht ausgelesen sind, verlangt es mich immerfort nach neuen. Ganz anders werd ich zum Lesen angereizt, wenn sie mir frisch im Haus sind. Wär ich genötigt, bei den bisherigen zu bleiben, wäre es eine abgemachte Sache, so würd ich mich auch dann nicht langweilen. Aber wo das Neue lockt, schwindet der Reiz des Alten. Als mich der Gedanke anfiel, nur als theoretische Möglichkeit, ich könnte mir neue besorgen, sah ich mit schalem Blick ins Regal und auf die vielen Stapel umher, und mir war, als hätten sie ihre Kraft zur Stimulation verwirkt. In solcher Menge schwindet bisweilen der Eindruck von ihrer Singularität. Ich seh sie nicht mehr als Einzelne, nur mehr als Teil einer möblierenden Masse. Sie bekommen etwas Abgestandenes. Der Umgang mit ihnen, selbst – oder gerade – wenn er kein lesender ist, ist zur Routine geworden, ihr Anblick zu vertraut. So schrecken sie mich aus meiner geistigen Flaute nicht mehr auf. Da husch ich hinaus und hol mir neue. Und ganz gleich, oder nahezu gleich, was ich dann lese – es muss mir nur neu sein und wenigstens solide -, versetzt mich in jene vorliterarische Erregung, in der ich nervös zugleich und doch so fokussiert bin, dass ich in jenes ominöse Selbstgespräch gerate, aus dem dann Schreiben wird. Ist das schon ADHS? Denn wenn ich es mir versagte und ganz bei meinem Vorrat bliebe, wäre ich in eine tiefere Verstrickung genötigt und verstünde so wohl mehr und besser. Denn in der Regel denke ich das meiste nur an und nicht bis zu seinem notwendigen Grunde. Daraus folgt unweigerlich ein Leben im dauernden Ansatz, das über den Charme der Andeutung nicht hinausweist. Ein angedeutetes Leben; vielleicht mein Kismet. Verdichtet in meiner Art, unentwegt in neuen Büchern zu stöbern, statt die alten zu studieren.

14 02 22

Neutralität als politisches Phantasma; jedenfalls dort, wo sie Enthaltung meint und Unabhängigkeit. Dabei ist gerade die politische Neutralität von einer gravierenden Abhängigkeit bedingt. Wo sie nicht zugesichert wird, ist sie de facto nicht gegeben. Und auch ist Enthaltung immer Positionierung; wer sich in einem Konflikt, der von Für und Wider strukturiert wird, für ein Wedernoch entscheidet, unterlässt wenigstens in einem Falle Hilfe, was wiederum im andern Falle eben doch Hilfe sein kann. Aber insbesondere der Aspekt der Unabhängigkeit ist eine Illusion; Merz zur Überlegung, Russland aus Swift auszuschließen: „Die Stärke von Swift liege gerade in der Unabhängigkeit.“ (FAZ) Allein die Möglichkeit des Swift-Ausschlusses bezeugt bereits die politische Disposition von Swift und somit die Abhängigkeit von politischen Mächten, wenigstens von den USA, die über die nötigen Drohmittel verfügen, oder der EU, deren Recht für Swift gilt. Sobald ein Ausschluss aus Swift auch nur erwogen wird, öffentlich, sobald Swift Teil einer Sanktionsandrohung werden kann, ist es bereits ein konfliktueller Faktor. Neutralität heißt nicht Enthaltung, sondern nur eine Sonderform der Teilnahme. Gebilligt von den Mächten, die sie ebenso aufheben könnten. Neutralität kann nur der von Mächtigeren Gestützte. Und der Mächtigste kann Neutralität nicht ohne Verlust seiner Macht, weil die sich in ihrem extensiven Potenzial beweist.