blg 22-23

05 03 22, morgens

Bei der Diagnose Tod, selbst nur bei der eingebildeten, oder vielmehr antizipierten: die totale Gewissheit, und wenn man sie nur im allergeringsten Moment wirklich fassen kann, wie sagenhaft unbedeutend man ist; jeder Einzelne. Man bleibt ein Geschiss. Nur den Nächsten bricht man ernstlich weg. Was mit ihnen bleibt, ist der Abschied, die letzte Erkundigung: wie sehr man gilt. Die Vorfreude darauf, sich von ihnen die volle Dosis Nächstenliebe abzuholen, wofür man sie einzeln aufsuchen muss. Jedem wird man einen Text aufsagen, unaufgeregt, aber nicht ohne Sentiment. Mehr hat man nicht mehr.

abends

Was man sich von ihnen erhofft, dem letzten Wort zufolge, ist keine Aussicht: dass man fehlen werde usw. Davon, man weiß es, hat man nichts, selbst wenn man bliebe; später nicht, aber auch jetzt schon nicht. Aus der Zukunft lockt kein Trost. Auch Ruhm nicht. Man will, stattdessen, einen Verdacht finalisieren, ihn ins beinah Dingliche einer Gewissheit bringen: dass, was man für Freundschaft hält, wirklich welche ist. Noch einmal soll sie eskalieren, paradoxerweise, in ihrer Auflösung. Wenn man es ausdenkt, hat es aber doch was Trostloses. Man geht ja nicht im Überschwang. Wo man endgültig verlässt, geht man von Einsamkeit gekränkt. Der Abschied ist eben doch nicht das Letzte. Das Letzte ist die Verlassenheit. Vielleicht Erinnerung, mal sehen.

06 03 22, morgens

Darf ich bei dir sterben? Ob man L. den Satz zumuten kann, weiß ich noch nicht. Im Spital will ich es nicht, auch zuhause nicht. In der Vorstellung, seit Jahrzehnten, krauche ich in den letzten Augenblicken auf verwittertem Boden; unter Regen, abseits vom Zivilen. Mit dem Kopf auf Gestein wird eine Nacktschnecke vielleicht das letzte sein, was ich sehe. Verlassenheitskitsch, ich weiß es. Die innere Erzählung seit der späten Kindheit, nach der man vom Sozialen isoliert gehört. Aber wenn ich mich wirklich, wirklich einsam fühle, wende ich mich an L. Gedanklich, körperlich, im Gespräch. Und vermutlich schlag ich innerlich auch zuletzt nach ihr aus. Wenn mir jemand das Sterben schönmachen kann, wohl nur sie. Das desolateste Leben hat sie schöngemacht, und aus mir den uneinsamsten Menschen. Auch deshalb ist es kokett, die letzten Augenblicke ohne sie zu denken. Aber soll sie mich als Wegsiechenden erinnern? Soll sie das für immer im Kopf haben; wie ich von der Welt geh, entkräftet? Vielleicht tät’s ihr besser, mit einem letzten Witz von ihr zu gehen. Dass sie an eine Souveränität glauben kann, auch im Sterben. Dass es insgesamt doch irgendwie heil bleibt für sie. Das Unheile hab ich ihr ja dreizehn Jahre lang zugemutet.

mittags

Im Übrigen sind die Schmerzen, solang ich schreibe, weg. Und auch, bezeichnenderweise, beim Masturbieren. L. sagt, wenn sie’s jetzt noch beim Essen wären, hätte ich gar keine mehr.

07 03 22, morgens

Lese in Sinn & Form, Briefwechsel Adorno/Lenya – er erwähnt das von ihr gesungene Lied Ich bin eine arme Verwandte, „beeindruckt von […] der wirklich grandiosen Utopie, nicht mehr verwandt zu sein, verwandt schlechthin“. Ein erschütternder Fund. Im Lied heißt es: „Ich hab einen Koffer voll Habe / den schlepp ich überall hin“ – ein treffliches Bild, das aber mehr das Äußere des Verwandtschaftlichen benennt. Fokussiert wird der Besitz, weniger die Existenz, das ‚Sein‘ des Verwandten. Denn wenn auch diese besondere Form der Angehörigkeit als wechselseitige gefasst wird, gilt sie hier doch als zu Tragendes und nicht als etwas, das auch ins Selbstbild eingreift, als Markstein der eigenen Identität. Aber das ist ja vielleicht das ganz Ungeheuerliche an Verwandtschaft, dass sie, gleichwohl sie kontingent ist, gleichso konstitutiv wirkt. „Ach, das wär ein Leben, das wär ein Genuss / wenn man vergessen könnte, dass man verwandt sein muss“ – hier, im finalen Vers, tönt das Existenzielle an, die Verhältnisbeschaffenheit als Unvergessbares, was die Existenz, wie ich’s mir selber dachte, als Zwang und so gerade nicht als Existenzielles ausweist. Das ist ja das Paradox. Das sich aber in der Extraktion der Bedingungen auflöst. Und da Adorno es eine „Utopie“ nennt, was dem Motiv des Liedes wohl entspricht, und sich Verwandtschaft weiter als „Naturzusammenhang“ denkt, samt „seiner Schuld, die immer zugleich die gesellschaftliche ist“, wovon man „herausgenommen sein möchte“, dann denkt er es zwar dialektisch, als Wider des Gegebenen und Gemachten, aber sein spekulatives Moment, indem es nur ins Wollen und nicht ins Können zielt, verneint das Individuum als Gestaltendes. Und zwar, glaube ich, weil schon das Gegeneinander der Prämissen kein so gleichwertiges ist, wie diese Gegenüberstellung insinuiert. Der „Naturzusammenhang“ ist ab der Entbindung nahzu ein einstiger und das Verhältnis von nun an ein überwiegend kulturelles (die übermäßige Ausschüttung von Oxytocin kann allein wohl nicht als „Naturzusammenhang“ gelten, aber meinetwegen als zeitweiser Bindungspusher). Wo also der Entschluss zur Exklusion reifen und sich festigen kann, ist das Individuum längst dem „Naturzusammenhang“ entwachsen. Es sei denn, man nimmt das psychologische Verhältnis als ein naturmäßiges. Das aber wiederum ein zwar nicht fakultatives, freilich kontingentes ist, insofern es in einem Fall alternativ, im andern ein abhängiges ist, was seinen Kulturcharakter preisgibt und so nicht als notwendige Bedingung der Individuation gewertet werden kann. Es ist nur so gewaltig und wirkmächtig, weil es den Anschein einer notwendigen Bedingung hat. Und dieser Anschein lässt die verwandtschaftliche Auftrennung gleichermaßen als „Schuld“ und „Utopie“ erscheinen. Oder als entzückenden Traum: „Manchmal kann ich das träumen / Ich wäre gar nicht verwandt“.

07 03 22, abends

Es hat doch was sehr Flaues, im eignen Heim zu verenden. Was man dem Tod abringen will, oder eben dem Sterben, ist wenigstens ein letztes Erlebnis. Ein letztes erstes Mal, die letzte kleine Perversion, die einem nicht mal ein Wagnis abverlangt – im herkömmlichen Umfeld wäre es eine Enttäuschung. Obgleich es wohl nichts Privateres als das Sterben gibt, bricht es ja gerade mit allem Privatimen, und das reflektiert sich vielleicht nicht besser als auf unvertrautem Territorium. Überwogen nur von der Vorstellung, bei L. zu sterben. Umfasst von ihren Büchertürmen, halb überschirmt von ihren gewaltigen Pflanzen. Und am Fenster die Vögel, an der hängenden Etagere, zuletzt vielleicht das rührende Taubenpärchen. Was ja nicht ernstlich eine Idylle ist. Bis die Tauben allein sind, haben sie längst die Spatzen und Meisen vom Gestell gefetzt; und in den umliegenden Literaturen geht es immer mindestens um die innigste Abweisung des Individuums. Und dazu eben L., am Fußende vielleicht, wie sie mich in den Tod witzelt. Einer ihrer schönsten Sätze, nachdem ich sie um Gründe für ihre romantische Ausdauer bat: „Ich seh dir so gern beim Scheitern zu.“ Und das Sterben wäre, in diesem Sinne, ein würdiges Finale, denn es vereint in sich, wie nichts anderes, Gelingen und Scheitern. Leben und Tod. Hans Kruppa hätte es nicht schöner sagen können.

13 03 22

Morgen entscheidet sich’s. So hab ich die letzten Stunden, um mir das mögliche Ende ins Erträgliche zu erzählen. Was sich geändert hat, zu suizidalen Vorläufen früher: ich unterteile die Bücher nicht mehr; wenn L. will, kann sie alle weghauen. Keines soll ihr Last sein. Was ich mir aber wünsche, worunter ich mir wirklich eine Würdigung vorstelle: dass sie jedes einzeln ansieht. Dass sie es prüft: behalt ich’s, verkauf ich’s, verschenk ich’s. Nur eine letzte Beschäftigung, in der der Nachhall meiner Gegenwart reflektiert wird. Alles andere kann man sich dafür sparen, Beerdigungen, Trauerreden, im Zeremoniellen bin ich nicht zugegen. Und ich soll ja auch nicht bleiben. Nur einmal noch gewürdigt werden, über die Bücher als Bande.

14 03 22

Wo Erleichterung sein sollte, ist nur eine andere Form der Besorgnis. Krebs ist es nicht. Dafür weiß man nicht, was sonst. Der Schmerz aber zu grob, auch zu stet, um ihn abzutun. So belagert mich der Fall und hindert mich am Aufbruch. Wenn, muss er einer des Trotzes sein, wo er bislang einer der Lust war, der Vorfreude.

15 03 22

Der Himmel den ganzen Tag in Sepia eingetrübt, wunderschön aber dräuend, wie vorm letzten Schlag gegen den Menschen. In den Nachrichten les ich: Sahara-Staub. Wenn es regnet, wird er „vom Himmel gewaschen“, man nennt es „Blutregen“. Es ist erleichternd: nur ein meteorologisches Ereignis, poetisch aufgehübscht – aber die Stimmung, in der Wohnung, verkehrt sich in solcher Tönung. Was man spürt, ist Befürchtung. Aber eine beseelende, ganz stille, als Erwartung, und wenn sie bloß täuscht, fühlt man sich bei der Zukunft, die einem wuchtig schien, gar wie abgeblitzt. Und so bleibt, was einen deprimiert, nichts Himmlisches, Jenseitiges, nichts überweltlich Dämonisches, sondern je nur das eigene Leben.

19 03 22

L.s Geburtstag nachgefeiert. Am Tag vorher alles verpackt, verschroben wie je. Am ersten Packerl kurz vorm Heulkrampf, weil wieder alles drüberhängt, schief verklebt ist, verfranst. Der Stich, von dem mir fast die Tränen kamen, war nicht, wie sonst, Verzweiflung übers Unvermögen – es kam was auf, aus der Kindheit, was mir damals die unterste Gewissheit war: alles, was von mir kommt, ist hässlich; was ich selber schaff und fertige, immer nur Müll; als Reflektor meines Wesens. Ich kann nur Schande, nicht Würde. Und an etwas so Lächerlichem wie meinem Umgang mit Geschenkpapier wurd’s wieder kenntlich, ich kann’s nicht verdrängen. Wie ein Mensch sich schämen kann, für sich selber, ohne Grund, nur mit Anlass – weil er sich vom Hässlichen her begreift, unbekümmert, die meiste Zeit, aber bedingungslos. Davon bin ich nie abgekommen. L. aber gerührt; sie sieht überhaupt nichts Schändliches, nur die Hingabe, die Mühe, und fühlt sich gewürdigt. Und obwohl das begründeter ist als meine Beschämung, durchdringt’s mich nicht entscheidend.

26 06 22

Man will, muss auch, aber es geht nicht. Wohin man wendet, die Luft ist tranig. Atmen belebt nicht mehr, hält nur gerade noch da. Ohne Unterlass liegt ein schwerer warmer Mantel auf dem Körper. Die Stirn drückt, von innen, als würde bei dieser Schwüle das Gehirn nichts mehr können als sich auszuweiten. Alles Denken, wenn es überhaupt aufkommt, erlahmt nach Sekunden. Ein Leben, in diesem Umstand, heißt ein Leben ohne Lust. Ein Leben, sry isso, ohne Schreiben. Gestern kauft mir L. einen Ventilator. Was er taugt, spürt man so recht erst, wenn man ihn ausstellt. Was dann dräut, und was bis eben nur suspendiert war, ist schiere Glut. Als wär die Luft von Fieber gebannt. Also stellt man ihn wieder an, es reicht schon die niedrigste Stufe, aber schreiben, oder nur denken, kann man noch immer nicht. Das Gewirbel von Luft, als stramm blähender Wind, bewahrt allenfalls vorm stillen Ausgleiten in die Ohnmacht. Durchs Geräusch aber, auch durch den Druck, untersteht man einem dauernden Alarm, nach dem die Ausnahme die Norm besorgt. So schreiben, und es käme kein Wort – denn wenn man jederzeit erwischt werden kann, und wenn es einem klar ist, dann hält man sich nur, so gut es geht, beisammen. Verfängt sich aber nicht, wie es nötig wär, in Phantasie. Darin ist Schreiben mit Stehlen verwandt.

28 07 22

L. meint, ein Unterschied zwischen uns: ich bliebe auch im Unglück heiter. Umgänglich, dem Humor noch zugewandt. (Ich glaube, so sehr unterscheiden wir uns darin nicht; im Unglück kommt auch in mir die Heiterkeit nicht ohne Sozius aus; und bei ihr ist’s doch gleich: auch in Trauer noch lässt sie vom Ulk sich reizen, kann auch selbst dann noch bespaßen.) Aber wenn es mit mir so ist, dann wohl auch in Abgrenzung zur Jugend: nie wieder (Ausnahme Liebeskummer) war es so schlimm, nie wieder war ich so machtlos. Manches war auch später noch traumatisch, bisweilen gab es auch das Gefühl der Ausgeliefertheit, aber immer war ich mir dann selbst zugegen, und sei es in nichts weiter als der Verantwortung. Liebeskummer, gewiss, hat was Bodenloses, aber nichts anderes mehr. Keine Obdachlosigkeit, keine Depression, kein sonstiger Konflikt. Noch in suizidalem Schwang war ich wehrhaft, wenn auch nur noch in der Entschlussfassung. Aber nichts, im Erwachsensein, hatte mehr was Tyrannisches. Ich bin nie wieder an diesen Grund geführt worden wie in der Jugend. Wo man schon ein Bewusstsein von sich hat, aber es nichts gilt. Und wo der Geltungsanspruch, da man ihn äußert, wie auch immer, lächerlich gemacht wird. Strafe als Reflex, verkauft als pädagogische Maßnahme wie jede Übertretung. Als sei meine Existenz ein Affront, der vergolten werden muss, immerzu. So viele Strafen im Gedächtnis und keinen einzigen Anlass. Verprügelt in allen Zimmern, bis aufs Schlafzimmer der Eltern; der permanente Einbruch ins eigene und die spontane Verwüstung desselben; in der Küche, während ich erstarre, plötzlich von Bier übergossen; und der einzige Auslöser, den ich erinnere, war ein Fussel auf dem Teppich, den ich beim Staubsaugen übersehen hatte. Aber das Wesentliche war der Ton. Ich hörte ihn vor Jahren wieder, auf einem uralten Familienvideo, und erschrak in Sekunden, dieselbe Angst im Magen wie einst. Als wär man Dreck, unwürdig von Grund auf, selbst wenn man nichts getan hat. Der Ton eines Mannes, der seine Kinder kleinhalten will, in jedem Moment. Dass sie nicht auf die Idee kommen, sich selber eine Erlaubnis zu erteilen. Wenn mein Bruder zu wild war, wurde er auf mich verwiesen; meine Stille solle ihm Vorbild sein. Weil es als Erziehungserfolg galt, wenn ein Kind das Maul hält und sich nicht rührt. Nur war das keine Erziehung, sondern Tyrannei. Und davon erlöst und dem entronnen zu sein (wenn auch nicht durch einen eigenen Entschluss), ist (neben der Liebe) das unschätzbarste Glück meines Erwachsenseins. Und es zeigt sich auch im Unglück, indem ich selbst da noch frei bin, etwa zur Heiterkeit.

05 10 22

Die Enttäuschung, morgens, wenn die Differenz klar wird – zwischen Wachsein und Traum. Nun habe ich’s wohl begriffen: Ich sehne mich nicht ernstlich nach dem Szenischen (heute, u.a., auf Mission mit junger Hillary Clinton, zwischen Pfarrhaus in F. und U-Boot im Ozean, fast übergangslos). Ich sehne mich nach der Dringlichkeit, die im Traum einen klaffenden Gegensatz aufhebt, da sie zugleich situativ und permanent ist. Manchmal bin ich morgens, nach dem Aufwachen, noch so flehentlich erfüllt, ja: vom Gefühl einer Mission, die aber gar nicht meinen Verstand braucht oder überhaupt mein besonderes Zutun, nur meine unbedingte Anwesenheit – sie ist es, die ich spür, auch in den Sekunden noch nach dem Erwachen. Die dauernde Dringlichkeit, weil nie etwas in Frage steht, nicht das Absurdeste; der Traum kennt das Absurde nicht, er schließt es aus, alles in ihm ist wirklich und folgerichtig. Die Irritation nach dem Aufwachen, weil ich mich des Wirklichen erst wieder versichern muss, aber in diesen Augenblicken kein Kriterium dafür habe.

12 11 22

Im Traum die Bitte an L., wo ich doch nun sterbe, meine Wäsche zu reinigen. „Ich möchte nicht sterben bei ungewaschener Wäsche.“

21 11 22

Heute der BW von Frisch/Bachmann per Post, von L. veranlasst. „Sie küsste und sie disste ihn“, hat sie das Kärtchen beschreiben lassen, „title of our sextape“. Direkt ein innrer Rückstoß in die letzten Tage, nachdem meine Ankunft hier, infolge der Abreise, eine raue Trostlosigkeit verursacht hatte. Die Woche zuvor war ich täglich erfüllt von Lebensfreude, die ich mir nicht selber beschaffen musste, die allein von L.s Anwesenheit herkam. Jetzt muss ich sie mir wieder erringen. Nur kommt mir alles schal vor, bezugslos. Bloß das Lesen hebt mich etwas heraus. Ich muss wohl die Trostlosigkeit aussitzen, denn gleich, was ich tät, es käm dem Glück ihrer Präsenz nicht nah. Vielleicht habe ich eine andere Art von Glück und es dauert nur wenige Tage.

Allerdings hüte ich mich, den heute angekommenen BW zu öffnen. Ich will fort in den BW von Anders. In einer Notiz auf einen nicht abgeschickten Adorno-Brief an Anders nennt Horkheimer diesen einen „Dreckskerl“, „zugleich anbiedernd und unverschämt“. Man könnte anfügen: dialektisch geschult! Aber obwohl mir die zirkelhafte Bromance Horkheimer/Adorno insgesamt etwas säuerlich anmutet, leicht ankränkelbar von Unbewunderung, habe ich diesen Eindruck von Anders auch – vielleicht kein „Dreckskerl“, was weiß ich schon, aber seine gespaltene Zunge züchtet doch manchen Verdacht. Frappant geradezu eine längere Notiz, in der er ein Gespräch mit Adorno festhält: er nennt es ein „freundschaftliches Treffen“, bezichtigt Adorno aber im nächsten Satz bereits der „Unwahrhaftigkeit und Feigheit“ und zwar so, als könne es dran keinen Zweifel geben. Im Anschluss nennt er eine Antwort Adornos „absolut verlogen“ und erkennt in seiner vermeintlichen Begründung nicht, dass es Sache der Auslegung, des Standpunktes ist. Insbesondere will er Adorno an den Kragen, weil dieser sich nicht an öffentlichen Protesten beteilige – Anders nennt das „feige“, fragt in diffamierender Manier, was Adorno denn „gegen die Straße“ habe. Nichts hatte Adorno dagegen, nur war er für die theoretische Grundierung und nicht für die ‚Tat‘ gemacht. Einem Menschen seine Disposition vorzuwerfen, ist haltlos. Aber das Missverständnis ist hier ja nicht einmal ein psychologisches, sondern eines um die Sache: bereits bei Marx war ‚kritische Theorie‘ eine theoretische Emanzipationsform, und zumal in der ‚Frankfurter Schule‘ war sie expressis verbis der theoretische Flügel kritischer soziopolitischer Praxis oder ihr theoretisches Element. Ihr Format, worin sie sich gründete und erschöpfte, war die Erklärung. Was diese Aufzeichnung aber im Besonderen zeigt: Anders war vorne so, hinten so – und in gewisser Weise trifft das auf jeden zu, nicht zuletzt auf Adorno und Horkheimer, aber in der Regel ist das, wie man ‚hinten‘ ist, nur schärfer, meinetwegen galliger, als wie man ‚vorne‘ ist. Bei Anders war beides diametral. Und darüber war er nicht ein Iota verschämt, sondern nahm seine Doppelzüngigkeit mit Stolz; ein Mensch, der sich selber ehrte – bei allem, was man weg- und draufdenken muss, bleibt das unausstehlich.

30 12 22

Sich aus der Müdigkeit heraus vornehmen, aus der Müdigkeit zu kommen – früh ins Bett, früh wieder raus, dann Beschäftigungen, um sich ins tätige Leben wieder einzuschulen. Aber man ist eben zu müde, sich was vorzunehmen, und wenn man sich aber noch vornehmen kann, so ist man zu müde, es umzusetzen. Die Unausgeschlafenheit wird zur natürlichen Barriere zwischen Einsicht und Entschluss. Der Tatkraft, die den Entschluss bedingt, steht eine Schlaffheit entgegen, die das Gegengift zur Einsicht, die Indifferenz, gleich mitliefert und so den Übertrag vom Epistemischen zum Operativen genuin verhindert.

15 01 23

Auf dem Weg zu Blumenberg, im Traum, mit nicht mehr als der Absicht, den Alten noch einmal zu sprechen; als könne er jederzeit usw. Er kennt mich nicht, weiß nichts von mir, ich bin eine Art Praktikant, fühl mich jedenfalls in diesem Modus. Bald steh ich vor einem weißgetünchten, mit Blattwerk umrankten Gebäude, sehr mediterran, ein Traumbrei aus Palermo und Tanger. Auf mein Klingeln öffnet eine Frau; ich wolle gern zu ihrem Mann, aber sie lacht nur. Offenbar nicht seine Frau, mir ist nur nicht klar, ob seine Mutter oder Tochter. Sie bittet mich herein, „der Herr Professor“ komme gleich; wohl seine Sekretärin. Der Herr Professor kommt aber nicht, ich gehe zu ihm. In einem der vielen Zimmer (ich weiß nicht mehr, ob ich in jedes oder auch nur in ein weiteres hineingesehen habe) finde ich ihn, er spricht vor sich hin, auf dem Tisch sehe ich ein Diktiergerät. Sein Äußeres wundert mich, es wandelt sich, von dem Böckenfördes zu dem Sean Connerys. (Am Abend zuvor hatte ich L. erzählt, Connerys grandioses Gesicht lange mit schauspielerischer Begabung verwechselt zu haben.) Ob ich ihm, Blumenberg, ein paar Fragen stellen dürfe? Etwas distanziert aber sehr freundlich willigt er ein. Was ich ihn frage, weiß ich nicht mehr. Aber wir werden rasch vertraut, bald schon lachen wir miteinander. Ich nenne ihn im Spaß „Karl Wispers“, er muss fürchterlich lachen, und ich auch, obwohl ich in diesem Moment überlege, was mir daran eigentlich lustig ist. Ich wiege den Namen hin und her auf der Zunge, Wis-pers, Wispers, Wispers, aber ich komme nicht drauf. Nach dem Aufwachen die Assoziation „Jaspers“, vielleicht habe ich das gemeint im Traum. Wir wechseln die Räumlichkeit, er muss sich herrichten für ein Familienfest am Abend, ich frage ihn weiter aus. Zuletzt bitte ich ihn, vor einer Kamera Platz zu nehmen, für ein gefaktes Interview mit Quatschfragen, die ich auf ernst stelle. Er hält die Idee für ebenso großartig wie ich. Seriös platziert er sich an einem kleinen Tisch an der Wand, ich starte die Aufnahme. „Was bedeutet der Tod für Sie?“ Aber wir verfallen beide gleich ins Lachen; die Frage, ob wir es rausschneiden oder drinlassen. Hinter uns ein großes Fenster mit Blick auf den steinernen Hof; Jungs spielen dort Fußball. Er schwärmt von seiner Liebe zum Fußball, ich schaue hinter mich und plötzlich, das Fenster ist augenblicklich weg, rollt der Ball zu uns herein; ich kann nicht widerstehen und trete ihn zurück. Der Drang, jetzt mit den Jungs zu kicken, überwältigt mich. Ich bitte den Professor um Entschuldigung, gleich sei ich wieder da! Draußen stochere ich zwischen lauter Beinen um den Ball, zweidreimal treffe ich ihn famos. Glücklich abgehetzt hopse ich wieder herein ins Zimmer, aber Blumenberg ist weg. Ich fühl was Großes in mir abgewürgt. Flehentlich jage ich durchs Haus, öffne Zimmer um Zimmer, finde ihn aber nicht. Stattdessen seine Tochter. Im Jugendalter, sie probt Ballett. Aus dem Nichts heraus führen wir (ich im jugendlichsten Gefühl) ein intimes Gespräch; über das, was wir wirklich seien, wonach es uns im Leben am innigsten verlange. Ballett, sagt sie im Stand einer Arabesque, sei es nicht. Sie mache es für den Alten. „Er stirbt, sobald ich aufhöre zu tanzen.“ Ich muss ihn finden! Auf dem Flur, durch den ich nunmehr zu schweben scheine, erblicke ich eine sehr alte Frau, sie nickt mich in ein Zimmer mit offener Tür. Es ist das, in dem wir zuerst waren. Blumenberg sitzt mit geknicktem Kopf am Tisch. Ich bitte inständig um Verzeihung. Er ist nicht bös, aber sehr gekränkt. „Sie haben eine Idee für einen Jux fallen lassen.“ Als habe ich das Ethos des Schaffenden verraten. Gleich sehe ich meine gesamte Existenz an diesem Satz scheitern, spüre aber: er ist auch persönlich verletzt; versetzt worden zu sein, hat ihn getroffen. Ich fühle es nach wie selten was. Halb um Vergebung bittend, halb ermunternd bewege ich ihn dazu, das Interview erneut aufzunehmen. Ich richte die Kamera her und er nimmt wieder Haltung an. Mit einem Mal löst sich seine Gesichtsspannung, die Idee hat sich ihn zurückgekrallt, das Mürrische ist verflogen – aber mir ist auch, als sei ihm ohnehin unwohl dabei, zu grollen. Wie ich ihn so sehe, stellt sich mir umgehend das Gefühl der Initiation ein, ich bin erwartungsfroh und versessen aufs angehende Gespräch. Jetzt werden wir uns einen feinen Spaß erlauben! Aber bevor ich die erste Frage stellen kann, wache ich auf.

16 01 23

Blumenbergs „absolute Metapher“: vielleicht ein Zirkelschluss? Das „nie übersehbare Ganze der Realität“ ist ihr Voraussetzung und Beleg in einem. Selbst im Sinne einer intuitionistischen Implikation, wonach aus ihr das „Ganze“ folge, nur eben nicht umgekehrt, hebt den Fehlschluss nicht auf, da die Existenz dieses „Ganzen“ weiters nur in ihrer Behauptung desselben besteht. Ihre Signifikation ist eine zirkuläre. Zumal es sich in Blumenbergs Ausdruck wohl auch um eine contradictio in adiecto handelt, insofern das „Ganze“, wenn es „unübersehbar“ ist, nicht seriös als solches behauptet werden kann. Es sei denn, dies Ganze ist evident – und trotz der Evidenz nicht „übersehbar“. Wenn man das „Ganze“ (wie auch die „Realität“), frei nach Kant, als „(regulative) Idee“ nimmt, kann es gelten als Bedingung der Erfahrung; aber wie etwas als solches erfahren, das nicht übersehbar ist? Blumenberg wendet hier vielleicht einen semantischen Trick an, indem er die Doppeldeutigkeit des „nie [Ü]bersehbaren“ ihr Werk tun lässt: demnach ist das „Ganze der Realität“ ebenso unüberschaubar wie unleugbar. Dann freilich müsste es sich um eine evidente Tatsache handeln, die gerade nicht nur als „Idee“ (im Sinne Kants) fungieren kann. Um eine evidente Aussage kann es sich nicht handeln, da eine solche propositional und logisch disponiert sein müsste, was nach Blumenberg für die Metapher gerade nicht gilt. Sei es aber eine evidente Tatsache, müsste es sich gerade um einen nachweisbaren Verhalt handeln, der sich nicht allein in der Unbegrifflichkeit einer Metapher verwirklichen kann. So ist die Totalität der Wirklichkeit vielleicht eine Zusatzannahme mit der Funktion eines imaginären Referenzsystems, innerhalb dessen die propositionalen Bezüge koordinativ und kontextuell gefügt werden können oder sollen. Und wenn ein Bezugssystem nicht aus sich heraus ein Abbild seiner selbst geben kann, diene hierfür das Sinnbild, das sich in der Metapher, wenn man so will, verwirklicht.

03 02 23

Von E. geträumt. Irgendeine Wiedersehensangelegenheit der damaligen Klasse in einer Art Schulgebäude, in dem wir in der Hauptsache, alle in Brauntönen gekleidet, lange Zeit irgendwo anstehen, in einer Mischung aus Hausflur und Treppenhaus, ich weiß nicht wofür. Einer aus der Schlange bittet mich, das Wort „Diffusion“ zu erklären, ich sage: „wechselseitige Durchwanderung“, dann wendet er sich ab. Unermesslich die Freude, E. zu sehen, in ihrer Nähe zu sein. Ich brenne darauf, mit ihr zu reden; es ist, als müsste ich nur die Wartezeit herumkriegen, dann würde ich ihr meine frühere Liebe gestehen. Ganz knapp stehe ich vor ihr, im Umfeld von B. und D., obwohl letzterer nicht in diese Umgebung gehört, er war auf einer früheren Schule. Ihm habe ich, nicht im Traum, sondern tatsächlich meine Neigung zu C. gestanden, während der 5. Klasse; er lud mich zu sich ein, um gemeinsam einen Liebesbrief an sie zu schreiben, aber ich zierte mich und er zeigte mir stattdessen seine Briefmarkensammlung. (In meiner Erinnerung die erste Erfahrung mit Langeweile.) Im Traum stehe ich mir die Beine in den Bauch, der Anlass scheint dringend zu sein, es müssen hunderte (ehemalige) Kinder sein. Ich bin wie in Lauerstellung; die Vorfreude aufs Gespräch mit E. zerbirst mich bald. Warum ich sie nicht gleich hier, in der Schlange, anspreche? Das Gefühl ist wie damals: sie soll nichts mitkriegen von meiner Zuneigung, zu peinlich; ich will ihr gegenüber als bedürfnislos erscheinen. Aus dem Nichts eine intime Szene, aber zwischen ihr und B. – ergreifend aufrichtig entschuldigt sie sich bei ihm für eine uralte Aussage und will sie hier und heute zurücknehmen: „50 Cent ist keine Schwuchtel!“ sagt sie. Ich kann es nicht fassen. Ungläubig, dass sie sich für so eine Scheiße entschuldigt, für so eine Lappalie! Und dass B. noch immer total mitgenommen ist von ihrer damaligen Anschuldigung und ihr sie auch heute, vor nachtragender Verletztheit, nicht vergeben kann. Diese absurde Darbietung ertrage ich nicht. Einmal der Absurdität wegen – eine solche Nichtigkeit zu skandalisieren; einmal aber auch des Abgleichs wegen: in mir wabert eine jahrzehntelang ungestandene Liebe, es geht um alles – und dieser Trottel kann eine so unerhebliche Aussage nicht verwinden! Auflachend breche ich aus dem Gedränge aus, erst drängle, dann hüpfe ich an allen vorbei aus dem Gebäude heraus. Draußen sieht es aus wie vor einer Kirche, in mildem Sonnenschein. Ich bleibe für einen Augenblick stehen, noch immer fassungslos. Dann sehe ich E., nicht weit weg, an einem schmalen Bäumchen lehnen. Gehe zu ihr, spreche mit ihr. Es sei doch nicht zu fassen, dass B. zu diesem Thema eine Richtigstellung benötige, die er dann nicht mal annehmen könne. Ich werfe es ihr aber zugleich auch vor; für so was entschuldige sie sich, aber nicht dafür, mich mit meiner Liebe für sie allein gelassen zu haben. Das sei doch wohl das größere Übel. Ich sehe mich um, blicke einen Abhang hinab (es sieht aus wie in Winterthur, vom Lindenberg runter). Immerhin sei ich damals fürchterlich in sie verliebt gewesen. Im Schullandheim („Schulanteim“) sei ich ganz knapp vorm Geständnis gewesen. Sie blickt mich an, schaut mir aber nicht in die Augen. Habe sie immer irgendwie gewusst, sagt sie so, als wolle sie es nicht wieder oder weiter aufkommen lassen. Ich fühle: auch ihr ist es vertraut mit mir, wir fallen in einen gemeinsamen Ton, als sei es unser eigener und abgemachter, aber romantisch scheint ihr nicht zumute zu sein. In dieser Hinsicht wirkt sie reserviert. Ich empfinde den Hauch einer Kränkung, aber er verfestigt sich nicht, auch wenn wir nicht ganz zu jener Offenheit kommen, die ich mir zweifellos ersehnt hatte und, wenn auch nicht mehr so drängend und stürmisch, noch ersehne und die in meinem Sinn wohl notwendig eine romantische sein müsste. Für den Moment gibt es eine Art ‚Uns‘, und wiewohl nicht die von mir erträumte, begnüge ich mich ungefähr mit ihr. Die mögliche Trauer über: was nicht war und nicht sein wird, wird aufgewogen durch ihre Präsenz, ihre mir zugewandte Anwesenheit, die mich anfasst und erfüllt. Mein ihr geltendes Hinwollensbedürfnis ist annähernd gestillt. Vor meinem Auge laufen, wie von einem Generator erstellt, verschiedene Varianten ihres heutigen Gesichts ab, den ich an einer Stelle abstoppe. Fast jubelnd gestehe ich ihr meine Erleichterung, dass sie noch immer so schön sei. Dann gehen wir eine Zeitlang nebenher, es ist plötzlich dunkel, wir gehen unter Laternen in einer Altstadt (vom Gefühl her: Altstadt Friedbergs). Wir reden über Beziehungen. Das Erfolgsgeheimnis einer langen Beziehung, sagt sie, sei „eine Mischung aus Freundschaft und einer Rest-Crushheit“, die immer bleiben müsse. Ich stelle mir L. vor und sage laut: „Ja! Genau das ist es!“ E. spricht es nicht aus, meint aber ihre eigene Beziehung. Aus unerklärlichen Gründen weiß ich davon; ohne ernstliche Eifersucht, sobald ich mir L. vors innere Auge stell. Im nächsten Moment, es ist wieder Tag und die Sonne scheint ungetrübt, renne ich in einem Dorf (Mengung aus Braunsberg und Dorfanger in Marzahn) dem gemächlich schreitenden D. hinterher. Als ich ihn einhole, sage ich: Es sei in Ordnung gewesen, es E. zu gestehen – das offene Gespräch mit ihr, es habe alles bewiesen; es sei richtig gewesen, ich habe es ihm ja gesagt damals, habe es immer gewusst. Ein Plädoyer, nehm ich an, für mein Bedürfnis nach rückhaltloser Aussprache. Ich sage es wie zum Abschluss einer Angelegenheit, in der sich eigentlich nichts ergeben hat, die mir jetzt aber beigelegt scheint. Dann laufe ich, wie erlöst, davon.