blg 02-06

Nov 02

[…] Tagebuch ist eine Lüge; als würde man sich selber ein Versprechen auf Unausfindbarkeit geben. Aber natürlich möchte man entdeckt werden. Der Unterschied zum Schreiben fiktionaler Texte ist nur, dass letztere einen of­fensiven Anspruch auf Öffentlichkeit haben, Tagebuch dagegen nur einen defensiven. Das Tagebuch macht einem eher vor, man verfüge über sich selbst. Aber wie man sich dabei eine Souveränität vorschwindelt, zeigt nur, wie unsouverän man tatsächlich zu sich selbst eingestellt ist. Aber ich fühle mich wohl, oder sagen wir: heimisch in der Lüge, in ihr bin ich beweglicher als in der Wahrheit, die einen auf einen Starrsinn verpflichtet, der mir bald fad wird. (Und trotzdem: das Spinnrad der Lüge webt etwas zusammen, worin sich letztlich doch ein wahres oder auch nur wirkliches Muster von mir zeigt.)

Es fühlt sich an, als wurde ich missbraucht. Nur kann ich von niemanden sa­gen, er habe sich an mir vergriffen. Bloß von mir selbst kann ich es sagen. Aber von einem Teil in mir, der mir fremd ist. Auf jene anonyme Urmacht des Triebhaften, auf das düstere Nichts, das außerhalb meines Verstandes liegt und ihn in Umfang und Potenz um ein Vielfaches überragt. Inwiefern dann missbraucht? Weil das Unnennbare, wovon mein Gemüt besessen ist, allem Konsens trotzt und sich damit ganz und gar gegen die Stoßrichtung meines Verstandes stellt. Die permanente Desintegration. Der fast wahn­hafte Eindruck des Einsamen: sich fehl am Platz zu fühlen, nicht nur im Le­ben anderer, in der Familie, auch im eigenen. Nicht mal in mich selbst fühle ich mich integriert. Und die Familie? Ich weiß nicht, was Familie heißt; sie meint Zugehörigkeit, kann diese Verheißung aber nicht einlösen, denn auch im Mit- oder Beieinander dominiert die Einsamkeit in mir.

Manchmal denke ich, es ist die Voraussetzung für einen, der Kunst machen will. Auch wenn ich nicht das Gefühl habe, dass das Schreiben wirklich Kunst ist; meines jedenfalls nicht. Ich entwerfe keine Ideen, ich konstruiere nicht, führe keine Pläne aus, keine Konzepte, ich schnappe Worte auf im vernebelten Labyrinth meiner Gefühlswelt – wie Pac-Man. Nur dass ich nicht ma­schinell betrieben werde, sondern von einer echten, verzweifelten Gefräßig­keit. Ich habe mir immer vorgestellt, ein wirklicher Schriftsteller bewege sich selbst in seinen Werken inkognito – ich hingegen kann nichts verbergen, vor allem mich selbst nicht. Das ist die größte Pein. Meine Phantasie reicht nicht, und auch meine Disziplin nicht, hinter einem Schleier von Ideen, näm­lich ganz in der Fiktion zu verschwinden. Mein Bedürfnis nach Unsichtbar­keit; mein Schreiben konterkariert es. Vielleicht mache ich mir auch was vor; vielleicht will ich ja vortreten, hinaustreten in die Welt, aber nicht vornehm­lich aus Eitelkeit (ohne sie leugnen zu können), denn das Verlangen ist nicht, in die Welt hinaus oder hinein, sondern aus mir selbst herauszutreten. Nur kriege ich’s nicht hin. Der Ekel, diese unendliche Scham, man selbst sein zu müssen.

Das unterscheidet das Schreiben von der Familie: im Elternhaus habe ich mich verborgen, die ganzen letzten Jahre hindurch. Kein ernstes Wort über mich selbst. Gewappnet gegen die Eltern, als seien sie Spione. So auch in der Schule. Nie ein Wort dazu, wonach es mich verlangt. Eine Zeitlang tat ich mich auf, vor E., vor meinem Bruder, später vor M. Ansonsten habe ich mich isoliert. Meine Mutter, die über Jahre fast entmutigt insistiert: mit mir sei doch was, warum spreche ich denn nicht. Ja, warum nicht? Hab ich mich insge­heim verlacht gefühlt? Ich war nie mein eigener Herr. Im Schreiben bin ich es. Da kann ich eine Existenz wagen, ohne sie mir im Voraus von ihrem Ende hersagen zu müssen. Vorm Vater gilt immer nur das Folgerichtige. Und zwar nicht aus meiner, nur aus seiner Sicht. Unmündig unter ihm, konnte ich nicht sprechen. Irgendwann nicht mal mehr unwahr. Das Unwahre war vor ihm so nichtig wie das Wahre, und dann kann einem nicht klarer werden, dass von einem nichts abhängt.

Nach der Geburt wurde mein Harnleiter nach außen verlegt, für drei Jahre, der Urin floss durch einen Katheter heraus – und manchmal habe ich mir ge­dacht: mein Schwanz in dieser Zeit, das bin ich, mein Leben lang. Ohne Funktion, ohne Nutzen, ohne Willen. Und also ohne seriöses Anrecht auf ein selbstbestimmtes Leben. Das schien mir unerreichbar. Und jetzt, wo ich es leben müsste, kann ich es nicht. Weil ich mich dem wie unpräpariert ausge­setzt fühle. Das Unmögliche hat sich realisiert und ich begreife es nicht. Aber im Schreiben! Da fühl ich es. Niemand kann mich, wenn ich schreibe, ficken. Die Welt kann mich tausendfach attackieren, im Schreiben bin ich immun dagegen. Denn das Schreiben verlangt nur eins von mir: mündig sein. Sonst ist es einen Dreck wert. Und einen Text, wenn er aufrichtig ist, kümmert es auch nicht, in meiner Vorstellung, dass mich der Anspruch von Folgerichtigkeit ratlos macht. Oder dass sich verschiedene Seinsweisen in mir bewegen und immer gegen- und nie miteinander. Dass sie nicht verschmelzen. Für andere, manchmal, aber sie sehen nur Ausschnitte und es bleibt ihnen nichts, als mich auf eine Auswahl dieser Ausschnitte zu reduzieren. Wie ich’s ja auch mit ihnen mache. Aber wie sich die Komplexität meines Ichs permanent in mir aktualisiert, das sehen sie nicht, weil sie es nicht erfahren können.

Dabei sehne ich mich nach Folgerichtigkeit. Der einzige Weg, alles zu klären, schien mir immer der über den Verstand. Mir war, als ließe sich denkend al­les ordnen; und in der Ordnung, hoffte ich, würde ich alles aushalten kön­nen. Aber das reflexhafte Sentiment, die Scheißgefühligkeit, und vor allem die unbeherrschbaren Impulse – all das beansprucht Relevanz. Und ich muss einsehen, dass die Entwicklung eines Intellekts, der alles Phänomen zugleich durchdringt und überschaut, d.h. in der pursten Weise begreift, nicht der tatsächliche Spiegel eines Lebens sein kann, das diesen Prozess selber scheut. Was ich denke, deckt sich nicht mit dem, wie ich handle. Wie ich empfinde. Ich denke zum Ideal hin; handle und empfinde aber vom Ideal weg. Und zudem berücksichtigen meine Empfindungen, meine Intuition, was mein Intellekt in allem, was er anfertigt, übersieht: den Tod. Er ist das letztlich Unvorstellbare. Vielleicht scheint er deshalb so mächtig: weil er, in seinem Vorlauf oder seiner Antizipation, mehr Fatum als Faktum ist. Und vielleicht ist er aber gerade deshalb eigentlich machtlos.

Davon ab ist mein Befinden leidlich. Die momentane Zeit reicht mir eine Zu­friedenheit hin, die man auch einen blassen Frohsinn nennen könnte. Eine nüchterne Heiterkeit. Manchmal hab ich für die diversen Ausprägungen ei­ner Empfindung nicht genügend Worte, manchmal für ein einfaches Gefühl zu viele. Es mangelt mir noch an einer rechten Kontrolle der Sprache. Man könnte also auch Ausgeglichenheit dazu sagen, aber ich weiß das exakte Wort nicht. Nur echtes Glück, das weiß ich, ist es nicht, kann es nicht sein. Manchmal, weil ich es mir in meiner Borniertheit nicht zugestehe, manch­mal, weil ich auch in der reinsten Empfindung noch das Denken nicht lassen kann. Und das Denken strebt dem Glück immer zuwider.

01 01 03

[…[ Vielleicht werde ich vo[m] reflektierten Misslingen zum Schreiben ge­trieben. Was mich aber von der Schriftstellerei dennoch wesentlich trennt: der Schriftsteller erschafft darüber etwas; ich destruiere nur. Und meine ständigen Notizen sind nicht, wie ich lange geglaubt habe, die Vorstufe zu echter Literatur, sondern die Verhinderung derselben. Sie machen mir ein Getan-Haben vor, das ich mit Gearbeitet-Haben verwechsle. Ich rede mir ein, ich schriebe aus Berufung, aber es ist doch mehr eine mittlerweile ver­festigte Laune, die zur Gewohnheit geworden ist. Es gelingt mir nur für Augenblicke, wie jetzt, eine Verpflichtung darin zu sehen – aber tagsüber, wenn sich meine Gedanken und Handlungen durch die Stunden hindurchas­soziieren, verfalle ich auf diesen Gedanken nicht. Mir fehlt jenes Leistungs­ethos, das mir meine Eltern all die Jahre eingeschärft haben wollten. Es wäre heroisch, könnte ich sagen, meine jetzige Verfassung sei eine Gegen­bewegung zu dieser erzieherischen Fürsorge; aber ich bin einfach nur be­quemlich. Und das Bizarre ist, dass sich mein Leben, nicht zuletzt infolge dieser Vermeidung jeder Mühsal, ganz und gar unbequem anfühlt.

Juli ’03

Weshalb meine Prosa nichts wert ist: sie kann Leidenschaft nicht darstellen, nur lächerlich machen. Ob die aufs Fressen, aufs Ficken oder auf die, nur den nächsten Tag noch erleben zu wollen. Daher habe ich bloß Worte für sie, mit denen ich genauso gut beschreiben kann, was ich verachte. Und das tue ich, insgeheim, ich verachte die Leidenschaft. Oder die Art, in der je von ihr berichtet wird; immer kommt sie mir prätentiös vor, nämlich wie ein Be­kenntnis, das ich für eine Dummheit halte. Wer zu seiner Leidenschaft steht, den verachte ich. Sie geschlagen hinzunehmen, als ein Malheur, das gar nicht mal entschuldigt, nur eben auch nicht heroisiert werden muss, scheint mir die einzig stilvolle Art zu sein, mit ihr umzugehen, vor andern ebenso wie vor sich selbst. Verhält man sich, insbesondere vor andern, zu ihr wie ein von ihr Übertölpelter, wahrt man jene Diskretion, die auch die Vermitt­lung von Intimem zulässt. Das muss gar nicht ironisch geschehen, auch nicht mal unbedingt beiläufig, nur aufrichtig muss es sein.

Sich zur Leidenschaft zu bekennen, das machen nur Idioten. Denn das We­sen der Leidenschaft ist, dass sie den Betroffenen zur Niederlage nötigt. Aber das Bekenntnis zu ihr kann je nur ein triumphales sein, und wer es von sich gibt, begreift nicht, dass man von ihr erfasst wird wie von einem Zug, einer Welle, in jedem Falle von etwas, gegen das man zu schwach ist, und aus seiner Marginalisierung einen Triumph zu folgern, ist geisteskrank.

Ich rede, als führe Leidenschaft dauernd in Schlechtes? Wohl nicht – aber der Augenblick der Übermannung ist immer ein beschämender, immer ei­ner, in dem man vom Ungeist zermalmt wird, in dem man den Anstand als erstes opfert und ihm keine Träne nachweint. Nur Idioten können sich das als Triumph verkaufen.

Und weil ich diese Unart so sehr verachte, ist meine Sprache für alle Leiden­schaft eine von latentem Groll geführte. Und weil ich selber mich zu oft habe hinreißen lassen zu den unsäglichsten Dummheiten, dass ich, wenn ich sie mir bewusst mache, kaum atmen kann, will ich sie aus allen Schilderun­gen tilgen. Mein Verhältnis zur Leidenschaft ist kein gesundes. Niemandes Verhältnis zu ihr ist das. Aber der sie schildern will, braucht es. Nur fehlt mir jede Gemessenheit für sie. Entweder ich ersaufe in ihr oder fliehe sie so fern, dass sie, aus der Ferne, alle Bedrohlichkeit einbüßt. Aber das eben ist Schriftstellerei: ihr so nah kommen wie ein Betroffener, mit dem Blick des­sen, der sie aus der Ferne schaut. Nur muss ich dazu endlich meine Feigheit überwinden.

17 03 04

Gehe nicht ins Bett; aus Angst, nicht einzuschlafen. Sich selber nicht in den Schlaf bringen zu können, und daran zu verzweifeln, ist beschämend. Im Bett, mit Blick in die Dunkelheit, kann ich mich nicht von mir ablenken. Da bin ich mir ausgesetzt, im peinlichsten Moment, über Stunden.

15 07 04

Habe Hunger, seit gestern, aber esse nicht. Auch geschlafen hab ich nicht. Es lag aber nicht am Magendruck; mir fehlt der Sinn zum Einschlafen. Ich will die letzte Müdigkeit initiieren, werde aber gehemmt vom Wissen um die Ab­sicht. Oder: vom Drang, mir die Absicht bewusst zu machen. Selbst wenn der Hunger nicht alles dominiert, komm ich nicht zur Ruhe. Ich werd geängstigt vom Unbestimmten und weiß mich dagegen nur zu wappnen, indem ich’s mir klarmache und mir einbilde, es zu bewältigen. Aber dann bin ich wie aufge­putscht, vom Verwirklichungsimpuls so erfasst, dass ich gleich noch alles wei­tere bedenken will, alles Belastende, alles Unerledigte und jede noch so schwache Sorge. Ich verwirkliche, zuletzt, nichts davon. Aber es mir vorge­stellt zu haben, so klar wie möglich, lindert die Unruhe. Und wenn ich dann doch darüber geschlafen habe, bedrückt es mich nicht mehr ausreichend, um es bewältigen zu wollen. Das selige Phantasma des Zustandebringens: es ku­riert mich nicht, hält mich aber davon ab, mich vor den Zug zu werfen.

31 10 04

Vor einer Woche Unfall in der Straßenbahn. Sie stoppte abrupt und ich fiel aufs Lehnenende eines Sitzes. Seither erhebliche Schmerzen im äußeren lin­ken Brustbereich. Bisher nicht beim Röntgen gewesen, auch wenn D. darauf drängt. Seit gestern indes steigende Schmerztendenz. Zudem Nasenbluten, das ich seit der Kindheit nicht mehr hatte, und analen Blutausstoß. Wäh­rend ich annehme, es werde sich von selbst erledigen, verschärft es sich nur. Den Schmerz an sich nehme ich leicht hin, nur dass er ein Indiz sein könnte, zusammen mit den Blutungen, besorgt mich. Nur reicht das nicht hin für den Gang zum Arzt. Was sich irgend bändigen lässt, darf nicht gewürdigt werden. Als ich es D. so sage, nennt sie mich einen Idioten. „Du bist doch total nass.“

17 04 05

Berlin; eine Stadt – ungeeignet für Trauernde, aber ein Paradies für Selbstmörder.

Mai 05

Kertesz: „Was treibt den unbegabten Schriftsteller?“

19 09 05

Mit zehn Jahren etwa setzten mich meine Eltern in eine Art Mini-GoKart, wo­mit ich mehrere Leitkegel zu umkreisen hatte. Einmal um alle rum, im Kreis, so war es vorgegeben. Ich aber, weil ich nicht anders konnte, fuhr Slalom, bog nach jedem Kegel wieder um den nächsten. Es war keine Absicht, nur das Unvermögen, diesem Reflex zu widerstehen, nach jedem Kegel wieder gegenzulenken. Ich kam nicht zur Ruhe. Wie von einer fast gespenstischen Not getrieben. Was aber die Peinlichkeit verschärfte und sie mir noch in der Nachbetrachtung beinah unerträglich macht, war, dass mein Bruder mit im Kart saß, zwischen meinen offenen Beinen halb im Schoß, und nichts zu tun hatte als nur dazusitzen, von mir gefahren. Ich habe also nicht nur mich, auch ihn noch blamiert. Er musste mir in diesem Moment zugerechnet werden, dem weltuntauglichen Subjekt, das schon in dem Alter immer zwischen die Dinge musste.

24 04 06

Die Tage sind ohne sinnlichen Wert. Alles ist Schmerz, aber fruchtloser. Wenn etwas zum Selben wird, in der Wiederholung, und wenn es wieder zu nichts anderem führt als zu seiner Wiederholung, dann kann man sich nur ergeben oder es aufgeben. Gestern nah dran, vom Aussichtsturm zu springen. Ich weiß nicht genau, was mich abhielt. Selbst die Höhenangst hatte ich in mir isoliert. Die soziale Schande war mir egal. Doch dann der Drang, mir selber davon zu erzählen, eine Erfahrung zu formulieren. Aber es ist ein perverser Drang; da er das Wahre bannen will, wird es nichtig.