17 02 25
Wahrscheinlich komme ich nur von einem sehr alten, indisponiblen Kunstbegriff her, wonach die Genese des Werks ein zu dominantes Kriterium für dessen Wert- oder vielmehr Wesensbestimmung ist. Wohl bereits mein Werkbegriff ist ein fragwürdiger. Außerdem denke ich das Ganze auf eine Verbindlichkeit hin, die mir, je näher ich sie sichte, immer unmöglicher erscheint. Was wann wie wem Kunst sein kann, ist nicht auf einen Nenner zu bringen. Vielleicht ist Kunst mehr ein Ereignis als ein Gegen- oder Zustand. Aber solches Ereignis bedarf doch mindestens der Korrelation zweier Verhältnisse oder Entitäten? Und wenn man immerhin von Entität sprechen kann, so muss die eine, das sog. Kunstwerk, doch etwas Insichstehendes sein? Womöglich ist ‚Kunstwerk‘ indes mehr Urteil als Definition. Und auf diese Weise, wenn man so will, ein Zirkelschluss: Es setzt voraus, was erst bewiesen werden muss. Wenn es freilich unbeweisbar ist, wäre der Ausdruck ‚Kunstwerk‘ eine unaufhebbare petitio principii.
18 02 25
Wenn niemand wüsste, wie die Bilder erzeugt wurden: wäre man dadurch weniger in der Lage, an ihnen eine ‚Kunsterfahrung‘ zu machen als an einem Gemälde, das einem bereits als Kunst vorgestellt oder das als Kunst im Voraus schon deklariert wurde? Mal erscheint mir Unkenntnis dieser Art als starker, mal als schwacher Einwand. Seine Stärke könnte zugleich seine Schwäche sein: Wenn die Bestimmung eines Realisats, ob Wert- oder Wesensbestimmung, nicht auf dessen Entstehungsverlauf angewiesen ist, erscheint sie mir ebenso prägnanter wie voraussetzungsärmer, wobei letzteres die Prägnanz wiederum restringiert. Prägnanter aber wird sie vielleicht insofern, als die Kenntnis vom Entstehungsverlauf die Verständigung übers Erzeugnis, gerade wo sie sie mutmaßlich vertieft, auch wieder erschwert, weil solche Kenntnis bereits wappnet gegen jenes Ereignis, das man genau dann Kunst nennen will, wenn es eine Entfremdung kennzeichnet. Aber wahrscheinlich ist auch das wieder eine jener Bedingungen, deren Gültigkeit erst noch bewiesen werden müsste.
19 02 25
Aber wenn man es eben doch weiß: ist es dann nicht ein Schwindel? Die Vortäuschung von ἔργον? Auch das vielleicht eine überholte Anschauung, oder eine thetische Phrase: dass alles Kunstmachen je Arbeit sein müsse und alle Kunst je der Mühsal abgerungen. Der Wert wird ans Gearbeitete wie ans Pensum gebunden. An eine Könnerschaft, die (wie man aus vermeintlicher Erfahrung annehmen will, die aber im Grund bloß ein Gerücht ist oder eine dem Klischee ergebene Schlussfolgerung) nur in strapaziöser Dauerbeschäftigung erlangt werden könne. Scheidern, scheidern, besser scheidern. ÜBUNG MACHT DEN MEISTER. Usw. Und, immerhin: sich über Jahre immer wieder bei schlechten Sätzen, schlechten Perspektiven, schlechten Strukturentscheidungen ertappt zu haben, hilft dem kommenden Schreiben notwendig bei. Aber dass der eine Text besser oder schlechter sei (als ein anderer), sagt nichts drüber, ob er ‚Kunst‘ (oder ‚Literatur‘) ist. Und keine Kenntnis über den Weg zu ihm hin sagt etwas darüber aus.
20 02 25
Sagt solche Kenntnis wirklich nichts darüber aus? Wenn man Kunst vielleicht mehr als Verfahren denn als Objekt nähme. Das würde auch den Topos der Bedeutsamkeit weiter rechtfertigen können, wenn man dieselbe an Eigenschaften wie Intentionalität bindet. Wer allein das Erzeugnis schaut und zum selben nichts mehr als die Ahnung eines Kunstwerks hat, kann Intentionalität nur unterstellen. Die Sichtbarmachung des Verfahrens würde sie aber vielleicht bezeugen. Zu welchem Zweck? Zu dem vielleicht geringen der Begreifbarmachung. Nur viel wird dadurch wohl nicht begreiflich. Höchstens gewinnt man den Eindruck, mit mehr Fug von ‚Kunst‘ sprechen zu können.
21 02 25
Ich weiß nicht, ob Intentionalität eine Bedingung für Kunst sein muss oder für die Berechtigung, von derselben reden zu können. Aber in der Literatur erscheint es mir beinahe unmöglich, sie zu übergehen. Jedes geschriebene wie auch gesprochene Wort nimmt man als Spediteur von Sinn und Bedeutung – und ich glaube, nicht nur aus Prägung, auch aus der Sache selbst heraus. Nicht allein die Sprache selbst, die so notwendig an den Gedanken gebunden ist, schon der Impuls zu sprechen, oder zu schreiben, beweist trivialerweise eine Intention – und wenn die sich zumal alphabetisch oder logographisch transportiert, kann man selbst dann, wenn man das Vokabular nicht versteht, kaum umhin, dem Vorgetragenen einen Bedeutungsanspruch zu unterstellen. Er liegt dann vielleicht nicht notwendigerweise auf der propositionalen Ebene (s. Finnegan’s Wake), sondern mehr auf jener der Darstellung, der Vermittlungsweise, altmodisch gesagt: als Formwille.
22 02 25
Nein, ich muss unterscheiden: zwischen Bedeutung & Bedeutsamkeit. Auch das ja trivial: dass alle Kunst Bedeutung hat. Obwohl sie vielleicht gerade keine Habe des Werks ist, sondern etwas, das sich vornehmlich rezeptiv ergibt. Aber was ich mir unter Bedeutsamkeit vorstelle, als Phänomen von Kunstschaffen und Kunstbetrachtung, könnte problematisch sein. Um etwas am Werk relevant zu finden, muss es meinem Bedürfnis nach gewichtig sein. Sich irgend vom Alltäglichen, Funktionalen abheben. Diese Gleichschaltung, von Relevanz und Gewichtigkeit, ist aber eine Chimäre. Relevanz ist ein gemeines wie zugleich subjektives Phänomen, Gewichtigkeit indes nur ein gemeines von jener Art, zu dem sich das Subjekt, wie im Bann einer kosmischen Verordnung, nur rezessiv verhalten kann. Und solches wäre bereits in den Bedingungen des Objekts kaum konkret ermittelbar. Aber es ließe sich auch zu leicht überwinden, etwa durch eine Gleichgültigkeit, die das Subjektivische vom Gemeinen nachgerade isoliert. Allein genügen sie beide nicht, weder das Subjektivische noch das Gemeine je für sich, um ästhetische Relevanz auszumachen.
Dennoch bleibt es schwer für mich, Relevanz dieser Art genauer zu fassen. Ich halte sie unbedingt für ein ästhetisches Phänomen, für eine notwendige Bedingung aller Kunst. Und ihre eigenen Bedingungen? Vielleicht: ethische Ambition, kritisches Normverständnis, antitypologische Charakteristik, die Anlage zur operativen Selbstaufhebung, nach der das Notwendige als das Mögliche und das Mögliche als das Notwendige nicht nur beworben, sondern realisiert wird.
24 02 25
Keine Kunst, vielleicht, weil ich die Details auf den KI-Bildern nicht selber ausforme. Die selbe Anleitung wird zu je ungefähr gleichen Bildern, aber immer zu verschiedenen Details führen.
25 02 25
Gespräch zweier älterer Frauen, ich kriege nur Fetzen mit, der schönste: „Weisch, wemma selber so herzlich is und der andre ischs nit, da fragtma sich doch: Was is falsch mit dem? Des is was, wo i sag: Danke für dieses Realitätsangebot, ich lehne es ab.“
26 02 25
Über M. darauf verfallen, meinen Begriff der Freundschaft zu problematisieren. Ich habe mir manches dazu gedacht. Aber es zerfällt zu Staub vor der Einsicht, dass ich mich selber nicht als Freund empfind. Jemand zum Reden, das schon, aber es ist von allen sozialen Handlungen die unverbindlichste. Ich habe sie einmal für die verbindlichste gehalten. Die wiederholte Bezugnahme durch ein offenes Wort, das war für mich schon Freundschaft, und gleich die festeste. Wenn man sich über die Dauer eine gemeinsame Sinnstruktur schafft, wonach das Verhältnis vom Kontingenten ins Notwendige übergeht. Aber das deckt nur mein Bedürfnis; das von anderen habe ich nie bedacht. Sie habe ich zwar im Sinn als Freunde, mehr noch im Gefühl als im Sinn, nur mich selber nicht. Eine feste Koordinate in ihrem sozialen Kosmos zu sein, erscheint mir so absurd, dass ich mich als solche gar nicht erst denken kann. Aber Verantwortung für einen andern wird sich erst ergeben, wenn man sich als relevanten Faktor für ihn begreift. Wenn ich mich auf andere hin denke, dann über meinen Abscheu, mich ihnen präsent zu machen. Solange man nur spricht, am Telefon, oder schreibt, kann von mir abgesehen werden. Aber im körperlichen Beisein rumort mein Naturell unvertreibbar in den Sinnen des andern. Aus Rücksicht wird er oder sie sich der Situation nicht flugs entziehen und bekommt mich so übers Maß aufgedrängt. Diese Vorstellung ist unerträglich. Dazu das Äußere. Selbst vor L. ist es mir oft unangenehm, dass sie dem ausgesetzt ist. Ich leide dabei nicht am aesthetic gap, den nehme ich mit Gleichmut. Aber um wohlwollend mit mir umzugehen, müssen sie beständig den Ekel überwinden; eine Mühsal, die mein Wesen nicht rechtfertigt. So ist die räumliche Distanz eine Art territorialer Schützenhilfe: man kann mich jederzeit wegtun. Aber wer das braucht, um sich selber vor andern zu ertragen, kann ihnen kein Freund sein.
27 04 25
Eine Geschichte geträumt, von der ich nahezu kein Teil war. Nach dem Krieg, aber noch vor der Aufteilung des Landes, lieben sich zwei Frauen. Es ist die vollendete Liebe, romantisch sowohl wie freundschaftlich, mit der Anmutung von etwas, das in seinem Grund unverwüstlich ist. Ich sehe sie in der U-Bahn; sie hängen lachend aneinander, und ihr Lachen ist offen und im selben Moment so intim, als wäre das eine unmöglich ohne das andere. Dann Staatsgründung, aus heiterem Himmel, und fortan leben sie in der DDR. Anfangs noch wie bisher, wenn auch schon nicht mehr so offen. Aber lang können sie sich ihrem Umfeld nicht mehr zeigen, die Staatsdoktrin missbilligt es, erst subtil, dann rigoros. Sie lieben sich im Verborgenen und behelfen sich weiters durch eine Scheinehe; eine der beiden heiratet einen gemeinsamen Bekannten, vielleicht ist es ein loser Freund, er ist immerhin willens, beide zu decken. Aber – eine Ehe muss es schon sein, nicht nur fürs Umfeld, auch für den Mann. Er arbeitet, sie macht den Haushalt. Und ein Kind braucht es natürlich. Als der Sohn dann kommt, stellt sich auch wirklich ein wahrliches Familienleben ein, sie sind eine junge Kleinfamilie ohne nähere Verwandte, mit einem im Lande üblichen Alltag, unaufregend, wie unter einer Glasglocke. Alles geht so hin, nichts Wesentliches geschieht, weder Gutes noch Schlechtes. Und je länger es so geht, desto echter wird es – wenigstens für den Mann, für den Sohn ohnehin.
Der ahnt zunächst nichts von der ernsten Liebe zwischen seiner Mutter und der anderen Frau, wird aber eines Tages flugs eingeweiht: Die Mutter nimmt ihn zu ihrer Geliebten mit dem Vorsatz zu fliehen. Es ist ein herbstlicher Tag, der Himmel, das Laub der Bäume, die Farben überhaupt: alles sehr kräftig und ebenso trostlos. Auf einer weiten leeren Straße, vor einer haltenden Tram (nur ein Wagen, hochgestellt und an den Enden leicht abgerundet wie die früheren), wird der Vater aufgeklärt: Sie nehmen den Sohn und gehen in den Westen. Dort können sie leben, wie sie sind. Mein Blick fällt auf die schmalen Gleisrillen. Sie liegen ganz eng beieinander, kaum fünf Zentimeter zwischen ihnen, es scheint, als lägen die Räder mittig des Tramwagens. Erstmals die leise Ahnung, der Sohn könne ich sein. Der Vater versteht, nimmt es auch hin, aber bedrückten Herzens. Die Trennung fällt ihm schwer. Er hatte sich an die Ehe gewöhnt, an das gemeinsame Leben, an die Uneinsamkeit. Jetzt wird er aus seiner Aufgehobenheit gerissen. Seine Körperhaltung macht den Eindruck, als drücke sie Einwände aus, sein Mund aber bleibt still. Gegen die Liebe zwischen den beiden Frauen hat er keine Beschwerde, und ihr Wunsch nach der Freiheit ist auch ihm das Begreiflichste. So steigen die Frauen, den Jungen bei sich, in die Tram und fahren dahin.
Nach der Flucht leben sie zusammen und ziehen ihn groß – obwohl das so nicht zu sagen ist, denn über all den Traum hin bleibt er ein Kind. Aber sie leben ein freies Leben, ihre Liebe bewahrheitet sich im repressionslosen Raum; sie hatte sich nicht aus den Umständen einer unfreien Gesellschaft ergeben, sondern allein aus der inneren Fürsprache für die jeweils andere. Der Mann hingegen, der zurückbleibt, für den es im Westen keine Verwendung gegeben hätte, zieht sich zurück, vereinsamt, und im Traum heißt es einmal: Seine Spur verliert sich. Auch nach der Wende: kein Wort von ihm, kein Lebenszeichen. Die Mütter warten darauf, mehr noch der Junge, aber es kommt nichts. Der Sohn daraufhin sehr traurig, und die Mütter traurig für ihn. Ein paar Jahre nach der Wende, der Sohn spielt mittlerweile begeistert Eishockey, trifft er in einem Turnier auf eine Mannschaft aus dem Osten. In einem älteren Spieler, einem sichtlich älteren Mann, macht er dieselbe Passion fürs Spiel aus, die er selbst einbringt. Er scheint einen Instinkt für diesen Mann zu haben, und mit dem Übermut des Kindes wagt er den Verdacht. Könnte er es sein? Auch die Mutter spekuliert: Das könnte er durchaus sein. Sie zögern zunächst, warten den passenden Moment ab, weitere Indizien, und wollen den Mann auch nicht überrumpeln. Den passenden Moment, der Junge erzwingt ihn mit einmal und traut sich: „Sind Sie mein Vater?“ Jetzt beinah mit Gewissheit der Eindruck: Ich sei nun dieser Sohn. Die Atmosphäre schwingt sich auf, bis zum Gefühl einer Erfüllung, dann sagt der Mann – und ganz ernst und mit fester Stimme, als sei das Aufrichtige ihre einzige Option: „Nein, das bin ich nicht.“
28 04 25
Von einer Bank aus einer Familie am See zugesehen. Eines der Kinder warf mit entzückender Ausdauer möglichst große Steine in den See. Ein anderes lief barfuß das Ufer entlang über kleinere wie größere Steine, von deren unebenem Lauf es zunehmend gnatzig wurde. „Die Steine nerven!“ rief es aus und bückte sich nun, um jeden einzelnen Stein, der vor ihm lag, trotzig aus dem Weg zu facken. Vom Trotz aber bald müde – oder vom Anheben der Steine -, versuchte es den Rest des Weges, zu den Eltern hin, souverän über den Steinlauf zu balancieren. Vorsichtig zugleich und wagemutig, wie es derart rührend nur Kindern gelingt. Das andere schleuderte noch immer Stein um Stein ins Wasser. Was daran wohl der Reiz ist? Ich empfinde ihn auch selber, wenn ich mit L. am Ufer bin. Die Vortäuschung einer Auswirkung, die von einem selber ausgeht, aber keine spürbare Konsequenz hat. Man kann es mal krachen lassen, auf beschauliche Weise rabiat sein, mit dem stillendsten Geräusch überhaupt: einem ins Wasser pflatschenden, plumpsenden, absackenden Stein, wie ein Schluckauf des Sees.
04 05 25
„Schönheit, nicht Wahrheit, war Märchenland.“ Marilyn French, The Women’s Room
12 05 25
„Wenn dir nichts mehr einfiel zu deinem Leben, dann hast du ganz wahr geredet, aber auch nur dann.“ Bachmann, Undine geht
22 05 25
Im Herbst und Winter, letzten Jahres, habe ich aus Träumen oft nicht mehr herausgewollt. Nicht weil sie sehr selige waren; davon erinnere ich nur einen. Sondern weil was los war in ihnen, weil ich mir darin als gravierende Existenz vorkam. Nun, nach den letzten zwei Nächten, habe ich mich an die vielen Phasen in meinem Leben erinnert, in denen ich nichts weniger wollte als je wieder zu träumen. Es waren kaum jemals Alpträume. Wahrhaft gruselige, verängstigende hatte ich im Leben nur wenige. Selbst Fluchtträume, von denen es viele gab, habe ich nicht als schaurige empfunden. Aber ich wollte nicht wieder und wieder diese Anstrengung. Nicht Nacht für Nacht eine neue Existenz, neue und wieder neue Probleme bewältigen. Das ging oft an die Substanz. Ich fühlte mich zerschlissen davon, und oft blieb ich abends lange wach, bis weit in die Nacht hinein, aus Furcht vor der wiederkehrenden Mühsal. Aber manchmal, wenn es sich so aufgestaut hatte, dass ich meinte, es kaum noch ertragen zu können, folgte aus dem Nichts eine Zeit angenehm traumloser Nächte oder wenigstens so belangloser Träume, dass ich sie am Morgen, gleich nach dem Aufwachen, schon nicht mehr erinnerte. Der Wunsch, nie mehr träumen zu müssen, wurde so lang übergangen, bis ich resigniert hatte. Und dann, als würden Wünsche nur wirklich, nachdem man sie aus Erschöpfung aufgegeben hat, wurde ich plötzlich beschenkt. Wie als Vergütung in die Einsicht meiner Machtlosigkeit. Vielleicht das hat mich gehindert, weise zu werden: dass mir diese Einsicht, in allen Belangen, zu selten kam. Erst eine untragbare Häufung von Fehlschlägen hat sie mir, für Momente, eingeschärft. Nur hat das Beschenktwerden sie immer wieder ausgeleiert.
05 06 25
In der Wohnung trage ich die Brille nicht. Alles ist ungefähr nah genug. Auch jetzt am Tisch nicht. Schaue annähernd gedankenlos durchs Fenster, auf das dicht gedrängte Areal von Bäumen und Büschen, vielleicht zehn Meter vom Haus weg, und sehe einen Hund den Kopf eines andern Hundes lecken. Erst als ich die Brille aufsetze, bin ich irritiert: anstelle der Hunde stößt der Wind ein größeres Blatt wiederholt gegen ein anderes.
07 06 25
Hoffnung als Statut des Sterbens; nicht im Hinblick aufs Jenseits, auf ein besseres Danach, sondern gewendet aufs annähernd trostlose Diesseits, als sei es, allem Offenbaren zum Trotz, doch noch möglich, aus ihm heraus das Wunder zu fällen. Darauf geht alle Hoffnung, auf jenes ‚doch noch‘, wider die unbegreifliche, indes folgerichtige Verwüstungslogik des Sterbens.
08 06 25
Und, natürlich, was ich ganz übergangen habe: KI schöpft nicht aus dem Nichts, sondern aus bereits vorhandener Kunst. Es ist dann schon mehr als Amalgamisierung, aber es ist eine Verwertung fremder Ideen – auch fremden Handwerks -, die über ‚Inspiration‘ oder Pastiche hinausgeht bzw. etwas durchaus anderes ist. Eine technische Rekombinatorik auf ein Hirngespinst hin, dem man selber nichts weiteres beitut.
10 06 25
Und vieles andere, das ich nicht bedacht habe; es fällt mir erst nach und nach ein und auch nur stückweise: Es ist ja nahezu nichts ‚Eigenes‘ an KI-Kunst. Man kann sagen: ‚die Idee‘. Aber in allen Köpfen aller Kunst machenden Menschen ist sie mehr Auslöser als Grund – und als Auslöser in der Regel ohnmächtig gegen ihre weitere Ausformung. Im sozusagen fertigen Stück ist sie oft nur mehr rudimentär enthalten oder hat sich zu was ganz anderm ausgewachsen. Sie ist einen Weg gegangen; sie ist gereift, wurde verwälzt, reformiert, hat sich gewandelt, in Teilen verzogen. Das findet durch Prompts nicht statt. Was von der Idee im fertigen KI-Bild geblieben ist, mag von ihrer ursprünglichen Art abweichen, aber diese Abweichung ist dann bedingt durch die Ungenauigkeit der Eingaben oder die fehlerhafte Verarbeitung durch die KI. Man ist, als schöpferisches Subjekt, diesen Weg der Devianz nicht selbst gegangen, der Weg an sich war kein künstlerischer Akt. Man war dabei nicht mehr als selber bloß Initiant’in einer nicht eigens vorgenommenen Kreation. Wie als hätte man eine Spende gegeben – was mit der Spende in der Folge geschieht, ist nicht mehr die eigene Sache. Wahrhaft zu verantworten hat man nur die Übergabe. Alles weitere kann man bloß noch hinnehmen. Aber Kunst machen heißt ja vielleicht das Gegenteil, heißt ja vielleicht gerade: nichts Uneigenes hinnehmen – oder das Uneigene, in Rekontextualisierung oder Verfremdung, doch noch selber zu verantworten.
11 06 25
Denn ich hantiere, mit KI, auch nur an Bild und (wenige Male) an Musik; fürs Schreiben fiele es mir nicht ein. Es käme mir absurd vor, das Bilden der Sätze gleich wem sonst zu überlassen. Es ist ja eben nicht nur Handwerk; ginge es bloß ums Hinschreiben, ließe ich’s mir gegebenenfalls abnehmen. Aber der Kitzel, an Kunstmachen, ist ja ganz und gar, wie nichts anderes, es selbst zu machen. Wie plausibel einem ein Einfall auch vorkommt, bestenfalls ist er vage, und ihn aus dieser Vagheit herauszuformen, daran ist ja schon aller Reiz. Es fertigzukriegen, hat mehr eine praktische Bewandtnis: damit man frei ist fürs Neue. Aber der Sinn von Schreiben ist ja die Bewältigung einer Idee, von Beschwernis und Komplikation, und die Erfahrung, eine Sache von vorne bis hinten allein zu verantworten (ohne dafür aus dem Haus zu müssen).
12 06 25
Es ist nicht nur Handwerk, aber auch und unbedingt. Wenn ich das Handwerk der KI überlasse, an Bild und Musik, dann deshalb so leicht, weil ich es nicht beherrsche. Ich kann es gar nicht auf eine Weise ausüben, die welche Idee auch immer adäquat inszenieren würde. Ja, es ist überhaupt erst die KI, die mich zur Ausprobierei in diesen Künsten verlockt. Vielleicht in der Musik, wenigstens am Handy, probiere ich mich auch ohne sie aus. Aber auch dann freilich, weil ich vom Handwerk keinerlei Kenntnis habe. Ich drücke wo drauf und dann kommen Töne raus, die ich bloß noch arrangiere. Von der KI leihe ich mir hauptsächlich das stimmliche Element aus, um mich an Songtexten zu versuchen. Aber alles, Bild wie Songtexte, sind dann nur Nonsense, nie wirklich Kunst, nicht mal in der Absicht. Meine Unkönnerei ist mir ja bewusst.
Aber was das Schreiben angeht, da ist mit Handwerk ja nicht das Tippen, das Hinbringen von Buchstaben gemeint. Da mischt sich ja Handwerk und Ideelles auf eine Weise, dass beides nur mehr punktuell voneinander scheidbar ist. Handwerk meint im Schreiben ja auch nicht bloß Form, auch wenn das von Menschen, die nicht schreiben, oft behauptet wird: dass es ‚guten‘ und ’schlechten Ausdruck‘ gäbe. Dass irgendjemand sich ‚gut ausdrücken‘ könne. Das alles sind Hirngespinste. Die Wertigkeit von Ausdruck ist nicht graduierbar, sie hängt allein davon ab, ob er dem Gegenstand, der Absicht, dem Kontext annähernd gemäß ist. Und im Schreiben, insbesondere im fiktionalen, ist das allein von dem*der zu entscheiden, der*die schreibt. Diese Entscheidung aber ist das sozusagen eigentliche literarische Handwerk, und das kann von einer KI nicht übernommen werden, weil es eben nicht nach Logik und Wahrscheinlichkeit verfährt, sondern von Bedingungen abhängt, die nur dem*der Einzelnen eigen sind. Nämlich weil es auch nur in Teilen eine bewusste Entscheidung ist. Manches begründet man sich im Schreiben, manches lässt man sich vom Geschriebenen begründen. Manche Entscheidung ist eine strukturbedingte, manche bloß Ausdruck einer konditionierten Unterbewusstheit. Etwas mutwillig pointiert könnte man sagen: Schreiben ist herrschaftliche Ohnmacht. Und nicht nur, dass ich das als Handwerk nicht hergeben kann, ich will es auch als Erfahrung nicht. Das ist ja überhaupt der Grund, weshalb ich schreibe.
16 06 25
Man könnte schlafen, von jetzt auf gleich, seit Tagen ist man wach. Man könnte – und man müsste, alles spricht dafür. An freien Tagen die Vernunft, an unfreien die Verpflichtung. Aber dann wäre man ‚weg‘, und etwas in einem sträubt sich dagegen. Lieber da als nicht da. Die ersten Uhrzeiten, die man sich tagsüber vorgenommen hatte, liegen schon lange hinter einem, 1 Uhr, 2 Uhr, ab 3 Uhr muss man den Schlaf schon kürzen, und ab 4 Uhr nimmt man sich vor, gleich noch kürzer zu schlafen, um am Abend drauf dann früher ins Bett zu gehen. Was sich hier als Plan tarnt, ist aber nur ein Freifahrtschein – ob man, bei drei beabsichtigten Stunden, um 5 oder um 6 ins Bett geht, spielt dann keine Rolle mehr. Wenn man für einen Moment vom Buch auf- oder vom Video absieht, vielleicht um aufs Klo zu gehen, spürt man die Müdigkeit als dringenden Makel des Daseins. Leicht wäre er behoben, es ginge ja problemlos. Aber dann beginnt man einen weiteren Absatz, oder eine weitere Passage des Films; nur noch eine Zigarette, nimmt man sich vor. Bloß verfängt man sich dann wieder, oft für eine weitere Stunde, in Gedanken oder was Sinnlichem. In diesen immer erlösend wirkenden Eindruck von Präsenz. Teils in gegensätzlichen Arten von ihr: beim Filmschauen in eine abseitige, beim Lesen in eine sehr diesseitige. Oder in eine nostalgische, in der man zugleich aufblüht und verwelkt, etwa wenn man in alten Briefen versinkt oder in Profilen von früheren Freunden. In jedem Fall in eine Art von Präsenz, die einem vormacht, es sei was los. Und wenn die abschwillt, raucht man wieder eine, zur stillen Nachbetrachtung, aus der sich nur der geringste und schwächste Einfall ergeben muss, um darauf wieder was anzufangen, schlimmstenfalls im Tagebuch. Und auch davon muss man wieder runterkommen, klar, mit einer Zigarette. Das Verlangen ist das nach dem idealen Abschluss: in einen finalen Gedanken zu finden, der nicht mehr ausgearbeitet werden muss, der keinen weiteren auslöst, nach dem sich alles wie erledigt anfühlt. Die Wonnen der Bedürfnislosigkeit, die hiernach gemeint sind, hängen ganz vom Zustand der Gedankenwelt ab oder sind ganz auf sie beschränkt. Denn ob man was geschaut oder was gelesen hat, wie arg auch das eigene Sentiment gefordert wurde, beschließen will man alles gedanklich. Ohne den Gedanken, der alles richtet, in dem sich Vergangenheit und Zukunft synthetisch aufheben, wonach sich die Bedingung der Möglichkeit gleich welcher Problematik verunmöglicht, will man nicht ins Bett. Man muss das Leben einmal erledigt haben, ehe man schlafen gehen kann. Für den aber, dem das Erledigen der Dinge nach Natur und Prägung nur schlecht gelingt, ist das ein Witz, an dem er halb lachend, halb weinend zugrunde gehen muss.
23 06 25
Ich fühle mich allem Bedeutenden nicht gewachsen, schon dem geringsten Bedeutenden nicht, einem bedeutenden Gedanken. Lesend wie schreibend zucke ich vor ihm zurück. Lese ich einen Gedanken, der mir bedeutend zumindest vorkommt, schlage ich das Buch direkt zu und leg es weg. Will erst darin fortfahren, wenn ich dem Gedanken gewachsen bin, was summa summarum auf niemals hinausläuft. Beim Schreiben gerate ich seltener in solche Defensive. Zum Bedeutenden muss man sich gedanklich hinarbeiten, ich aber assoziiere in der Regel nur, da lauert kaum einmal die Gefahr von Bedeutsamkeit. Eine spontane Denkweise, die zudem von Wünschen und Ängsten hinreichender gesponsert wird als von intellektuellen Notwendigkeiten, schützt einen nicht schlecht vor dem Relevanzrisiko. Als Impulsdenker schlägt man Haken ums Wesentliche wie der Feldhase vor dem Fuchs. Nur sehr gelegentlich tappt man in die Falle, tut eine falsche Bewegung und ist schon tot. Das klingt nach einem Scherz, aber wahrhaftig fühl ich mich oder mein Schreiben von einem Gedanken, der sich als Erkenntnis geriert, annähernd erwürgt. Nur ist zumindest Schreiben, das dem Bedeutsamen je entgeht, eben nichts wert.
24 06 25
Bisweilen schreib ich einen fremden Gedanken auf einen Zettel, in der Absicht, später einmal etwas zu ihm zu denken, d.h. zu schreiben. Aber es kommt selten dazu, fast nie. Wenn ich nicht imstande war, den Gedanken selbst zu fassen oder entsprechend zu formulieren, ist alles, was ich ihm hinterherdichten kann, nur schale Nachbildung, unbedeutendes Beiwerk.
25 06 25
Einen Hypochonder ernst zu nehmen ist wie einen Betrunkenen ernst zu nehmen; bei Verstand kann und sollte man beides nicht. Jetzt aber hat die Schwere der Krankheit meine Hypochondrie beinah abgelöst. Nicht vollends, aber doch beinah. Vorkehrungen, wie das Tragen der Maske in fremden Räumen, sind jetzt nicht mehr Übertreibungen einer Gefahr, sondern der vernunftgemäße Umgang mit ihr. Nur die Sorge ums Sterben fühlt sich mitunter noch wie aufgeputscht an, auch wenn es Gründe gibt, die sie in ihrer Krassheit durchaus rechtfertigen.
08 07 25
Immer wieder, zuletzt öfter, sehe ich Bilder von mir durch, auch Texte, für einen ungefähren Eindruck: was für ein Mensch ich gewesen bin – oder hätte sein können. Ob ich hätte zulässig gewesen sein können, unter Menschen, mit Hängen u. Würgen. Die Sehnsucht, klar, ist Gewissheit, aber sie ist verschwendet, sie versagt sich von Grund auf. Hätte ich Anerkennung verdient gehabt? Hätte die Idee, die ich von der Wirklichkeit, vom Leben und vom Menschsein, auch von der Kunst hatte, gelten können? Was sich einstellt, wenn ich die Bilder schau und die Texte les, ist ein inniger Leichtsinn, mit dem ich das halb süße, halb bittere Vielleicht auskoste.
19 07 25
Vor Jahren, noch in Berlin, habe ich einmal zwei fremden Frauen einen schönen Abend gewünscht. Auf ungarisch, in der S-Bahn. Sie hatten sich die Fahrt über angeregt unterhalten, und weil ich nur wenig verstanden hatte, stellte ich mir vor, sie hätten über Arbeitskollegen oder, besser, Familie gelästert. Ich nahm es als kleinen frechen Scherz, sie glauben zu lassen, sie hätten nun, in mir, einen Mitwisser. Ob sie sehr überrascht waren, kann ich nicht sagen, gleich nach der Verabschiedung erhob ich mich und zischte hinaus.
Vor Deutschen wage ich nicht, ungarisch zu reden. Alles in mir stellt sich schon quer, wenn es nur um ein einzelnes Wort geht. Etwa um meinen Namen. Selbst Freunde wissen nicht, wie er ‚eigentlich‘ klingt, nicht mal L. Bevor D. das erste Mal mit zu meinen Eltern kam, habe ich ihr zweidrei Wendungen vorgesprochen, guten Tag, gute Nacht, wie geht es Ihnen etc. Sie hatte sehr darauf bestanden, und ich tat es, weil ich damals nicht erklären konnte, warum sich mein Magen dabei verkrampfte, warum es mir so peinlich war.
Zum Wachwerden höre ich manchmal ungarisches Nachrichtenradio. In Konstanz bin ich, für eine halbe Straße, die mir ein Umweg war, einem älteren Pärchen nachgegangen, nur um die beiden weiter ungarisch reden zu hören. Sobald ich jemanden auf ungarisch höre, ist es, als würde sich eine Muschel in mir öffnen, drin das wärmste Licht, das dann durch meinen gesamten Körper strahlt und mich wie neu belebt. Es ist etwas Einmaliges, ich kenne dieses Gefühl von nichts anderm her.
Im Roman wollte ich davon erzählen; von dieser Ambivalenz, etwas zu lieben und sich maßlos dafür zu schämen. Und davon, dass es mir die meiste Zeit nicht bewusst gewesen ist. Es gab eine Phase in der Kindheit, nur ein paar Tage in der Grundschule, da habe ich Mitschülern ‚Ungarisch beigebracht‘, wenige Worte bloß. Einem Mitschüler habe ich sogar ein Wörterbuch geschenkt. Später hat es mich sehr beschämt, weil es von meinem Vater war; und weil ich etwas Intimes, etwas allein unserer Familie Vorbehaltenes, verraten hatte für ein bisschen Aufmerksamkeit. Weil es dem Jungen nie so viel bedeuten konnte wie mir.
Von dieser Ausnahme abgesehen, diesen paar Tagen an der Schule, habe ich das Ungarische an mir – na, nicht geleugnet, aber vor anderen so vehement verdrängt, dass es von ihnen möglichst nicht thematisiert werden konnte. Wenn ich von Fremden nach meinem Namen gefragt wurde, habe ich gesagt, meine Eltern seien viel gereist, hätten den Namen in Ungarn aufgeschnappt. In Teilen stimmte das auch; meine Mutter hörte ihn in einem Zug nach Budapest.
Budapest – es ärgert mich (was dumm von mir ist), wenn man die Stadt deutsch und nicht ungarisch ausspricht. Aber ich selber scheue mich, sie ungarisch auszusprechen. Der sch-Laut macht mich befangen. Ihn vor andern zu betonen, ist, als würde er mich demaskieren. Ähnlich das gy – wenn es am Anfang steht, gyerek, fällt es mir leichter, weil ich es rasch überwinden kann, weil die übrigen Buchstaben es umgehend verdrängen. Am Ende eines Wortes beschämt es mich; da hallt es nach und ich kann es nicht einfangen und verschließen. Nagy ist, für mich, eines der schlimmsten Wörter. Kaum ein Wort fällt mir schwerer, selbst wenn ich allein bin und es nur für mich spreche, wie jetzt. Das gy ist, wie das sch, ein Offenbarungslaut, weniger ein Erkennungs- als ein Aberkennungslaut.
Nahezu alles, was mir mein Hirn an Gedanken zuschustert, drängt zur Auskunft. Ich erzähle nicht, ich teile mit. Im Schreiben wie im Sprechen. Wenn ich vor jemand anderm eine Anekdote aufbereite, dann annähernd formlos, zerfasert, ohne Sinn für Dramaturgie oder Pointe. Mir ist nicht nach Erzählen. Nur danach, meine Persona auszubuchstabieren. Der Drang ist, glaube ich, ein Lexikon von mir zu erstellen. Was in mir schwelt, locke ich so heraus, dass es sich in Sätzen vor mir zeigt. Oder wird von andern so herausgelockt. In der Regel aus dem Gefühl einer Verfehlung trotzt sich das Schwelende in eine Auskunft hinein. Aber nur das, was ich im Grunde eh zur Sprache bringen will. Oder was durch eine Formulierung so gepanzert scheint, dass eine mögliche Bloßstellung wie von mir selbst dirigiert wirkt. Manchmal ergibt sich allein durch das Formulieren einer Peinlichkeit der Anschein, man würde souverän über sie verfügen. Und manchmal habe ich den Eindruck, meine soziale Identität begründe sich allein in diesem Anschein.
Aber was schwelt, fühlt man meistens. Es ist einem, mal mehr, mal weniger, annähernd gewahr. Und in gewisser Weise verfügt man auch darüber, insofern man immerhin entscheiden kann, es anzusprechen oder nicht, vor anderen wie vor sich selbst. Meine Scham aber mit dem Ungarischen, die hat nie eigentlich geschwelt, sie war im Grunde wie im Koma, über Jahrzehnte hinweg. Oder wie eine fremde Person in mir, mit der sich, wie es schien, nie eine Begegnung ergab. Und erst später, bloß durch Zufall, erinnert man sich doch an die eine oder andere Situation, in der sie auf die eine oder andere Art zugegen war. Und über so etwas, über diese Art von Selbstverleugnung, kann und will ich keine Auskünfte geben. Davon wollt ich erzählen, im Roman.
Das meiste, im Leben wie im Schreiben, will ich benennen. Oder einsortieren, gedanklich wie sprachlich. Aber Scham ist etwas, das sich einer Bezeichnung immer entzieht. Oder etwas, an dem Benennung nichtig wird. Das sich auflöst, wo man meint, es zu erhaschen. Einer Schilderung kann sie sich weniger entwinden. Man muss sie evozieren, um sie begreiflich zu machen. Dafür wollt ich mich, im Roman, in die Not reinschreiben. Hier wäre es unsinnig. Sich im Tagebuch Not vorzunehmen, ist inauthentisch. Was ich auf gar keinen Fall erzählen wollte, war eine ‚Migrationsgeschichte‘.
Wenn ich heute auf Insta migrantische Deutsche sehe, beseligt mich das Selbstbewusstsein, mit dem sie das Migrantische an sich betonen. Ich gehöre, ich weiß es, nicht zu ihnen. Weder habe ich ihre Ausgrenzungserfahrung noch den etwaigen Zusammenhalt ihrer Gemeinschaft gespürt. Vielleicht auch deshalb habe ich kein sozusagen ungarisches Selbstbewusstsein entwickelt: weil ich je allein damit war, außer in der Familie. Aber ihre Erzählungen vom Fremdsein oder Fremdfühlen sind mir vertraut genug, um etwas wie Würdigung zu empfinden, auch für mich. Beim letzten Bachmannpreis war ein Text dabei, gar nicht sehr gut, aber diese absolute Barriere zwischen Drinnen und Draußen, zwischen dem Umgang in der Familie und dem unter Deutschen, die man als genuine Pein empfand und die anderen nicht vermittelbar war, wurde darin vielleicht mehr thematisiert als inszeniert, das aber so schmerzlich, für mich, dass mich der Text letztlich bezwang. Das geschieht mir selten, diese Diskrepanz: dass mir ein Text literarisch fern, aber stofflich nah ist. An und für sich interessiert mich das Genre „Migrationsgeschichte“ nicht, in keiner Kunstform.
Herkunft ist so unverrückbar wie Sommersprossen, wie meine Myopie oder mein nach unten gekrümmter Schwanz. Das alles ist belanglos, weil zufällig. Mit dem Zufall kann man sich nicht begreiflich machen. Mit nichts im Grunde, auf das man nicht einwirken, das man nicht wandeln kann. Wer mich über solche Dinge definiert oder ablehnt, soll sich halt ficken gehen. Das alles ist für mich kein Verständigungsmaterial.
Mit irgendetwas in mir, kein Zweifel, will ich hausieren gehen – daher das Schreiben. Aber bei Gott mit nichts, das mir angeboren ist. Und bei fremder Herkunft zudem, wo sie kapitalisiert werden soll, findet eine Exotisierung statt, die dann zu einer surrogativen Identität wird. Das lehne ich ab. Angehen kann es mich nur, wenn dies Angeborene, in der Reibung mit einer Normgruppe, wahrhaft individuelle Erfahrungen prägt, die eindringlich geschildert oder in besondere Einsichten überführt werden. Es muss mir zugänglich bleiben, und das kann es nur, wenn sich die Darstellung nicht in der Viktimisierung erschöpft oder aus ihr eine Identitätsattrappe gefertigt wird, die darüber eine thematische Autorität legitimiert. Als soziologische Perspektive mag das fruchtbar sein, als literarische nicht. Oder dann nur als soziopolitische mit literarischen Mitteln. Dafür muss das Sujet zwangsläufig sentimentalisiert werden, was aber der Literatur nichts Originäres einbringt. Onkel Toms Hütte oder so was. Gesellschaftlich wichtig, literarisch belanglos.
Und wenn ich mir vornahm, von Familie zu erzählen, dann von den Dynamiken innerhalb derselben. Stellenweise, vielleicht, noch vom Abgleich zu anderen Familien, aber mehr um die interne Dynamik dadurch kenntlicher zu machen. Aber nie war mir danach, eine kulturelle Besonderheit auszustellen oder irgendeine Art von Benachteiligung aufgrund der Herkunft, sei es jene der Nationalität oder der Klasse. Nach keiner Seite hin will ich gelabelt werden über Vokabeln, die eine Gruppenzugehörigkeit ausdrücken. Ungare, Arbeiterkind, Schwerbehinderter usw. – in diesen Begriffen finde ich von mir selber nichts vor. Mein Zusammenhang mit ihnen oder dem, was sie bezeichnen, ist ja zweifellos real. Aber zur Selbstbestimmung sind das keine für mich anwendbaren Koordinaten. […] mir fehlt der Sinn für solche Art der Zugehörigkeit.
Auch was das Ungarische angeht, erlebe ich sie kaum. Ob jemand ungarischer Herkunft ist, verbindet mich mit ihm nicht. Es ruft nur etwas wach in mir, baut mir eine Brücke zu meiner Kindheit, zu etwas, dem ich mich zwar nicht genuin angehörig fühle, aber das auf verschlungene Weise mit mir zu tun hat, das mir einen Kontext zu meinem Leben eröffnet. Es legt einzelne Spuren frei – nicht zu meinem Selbst, meinem Ich oder was immer, aber doch zu Umständen, in denen ich mich einmal zugetragen habe. Und ich nehme das als etwas, das mir gelungen ist – mich aus Umständen gelöst zu haben, die mich für andere definieren. Sie sind kein Stoff mehr zur Bestimmung, weder zur ex- noch zur internen. Aber das muss einmal anders gewesen sein. Nur so erklärt sich ja meine Scham, als ungarisch zu gelten. Sie ist heute eine andere als früher, weist aber noch charakteristische Elemente der früheren auf. Heute will ich gleich welchen Gruppen begrifflich nicht mehr zugeführt werden, früher explizit der ungarischen nicht.
Die Scham früher, sie war nicht absolut. Sie wirkte in der Darstellung, hob sich aber auf in sachlichen Auskünften. Ich erinnere keine Scham, wenn ich das Ungarische an mir schlechthin bekannt habe. Ich konnte das sagen, ohne weiteres: mein Vater ist Ungare, ich selber bin es – dem Pass nach – auch. (Der Wechsel vom ungarischen zum deutschen Pass, weil ich mich als Erstgeborener nicht vom Armee-Einzug freikaufen konnte.) Das waren keine Identitätskennzeichen für mich, dem Gefühl nach. Aber die Sprache schon. Indem man sie spricht, offenbart man etwas von sich, über das man dann nicht mehr verfügt. Das man nicht ebenso gut verleugnen kann, das nicht kontingent ist. In urtümlichen Momenten fuhr ich beinahe zwangsläufig in sie ein. Bis heute geschieht es mir manchmal. Etwa wenn L., ganz nach ihrer Art, eine Sache sehr eilig tut, nach meinem Gefühl zu überstürzt, rufe ich noch immer aus: Lassan, lassan! Sobald es mir, im Ausspruch, bewusst wird, senke ich die Stimme und vernuschle den Rest. Ich will noch immer darüber nicht identifiziert werden. Es ist, als ob man mich, wenn man mich so hörte, drankriegen könnte.
Es ist auch die Frage, worüber man greifbar sein will für andere. Und ich zweifellos über etwas, das mir eigen ist, das mich positiv vereinzelt, das meine Identität von anderen isoliert. Zumindest dem Ideal nach. In Wahrheit aber dominieren Gruppenidentitäten mögliche Einzelidentitäten – so wird aus der positiven Absonderung, zur Individualbestimmung, eine negative. Zunächst und noch harmlos über Klischees. Gulaschfresser, was in der Art. Später expliziter, indem aus Hunnen- erst Hunde-, dann Hurenkönig wurde. Das Unvertraute wird da in ein Vertrautes übersetzt, das Unbekannte ins Bekannte hineinverfremdet, und weil es aber zur Absonderung getan wird, über Vokabeln der Lächerlichmachung. Die Bloßstellung soll über eine Gruppenzuweisung gelingen, nach der man nicht mehr der Normgruppe angehört. Fraglos unangenehm. Und doch ist die wirksamere Bloßstellung jene, dass man als Individuum aufgelöst wird. Natürlich, wenn man schon einer Gruppe zugehören muss, soll es die Normgruppe sein. Nicht weil man sich mit ihren Bestimmungsfaktoren identifiziert, nur weil man nicht als ausgegrenzt behandelt werden will. Das ist eine Belastung, die untragbar ist, da sie einen nötigt, zwischen zwei Alternativen wählen zu müssen, die einem beide fremd sind: sich entweder als der, als der man angegriffen wird, zu identifizieren und zu verteidigen – oder sich in eine soziale Nichtigkeit zu flüchten, die einem genauso wenig entspricht. Bei mir folgten beide Weisen aufeinander: erst verteidigte, d.h. prügelte ich mich, dann zog ich mich, innerlich wie äußerlich, zurück. Erschöpft allein von der Wahl, die mir keine zu sein schien. Die mir nichts anbot, auf das ich mich sozusagen intrinsisch beziehen konnte.
Man will ja intakt wirken für andere. Das ist nur einholbar durch die Stimmigkeit ganzer Kontexte, die in sich und miteinander ideologisch strukturiert sind. Gesund sein, deutsch sein, männlich oder weiblich sein, bürgerlich sein – und anderes mehr, das miteinander so verbildet ist, dass eine Abweichung in bereits einer Angelegenheit schon das Gesamtgefüge irritiert. Ist man weder männlich noch weiblich, ist allein schon das Bürgerliche dahin. Man kann nicht trans und bürgerlich sein, selbst wenn man wollte, die Bedingungen der Normgesellschaft verhindern es. Das Rechtliche verhindert das Soziale, wie das Soziale das Rechtliche verhindert. […]
Erst wollte ich sagen: äußerlich bin ich weiß, nur innerlich nicht. Aber das stimmt ja nicht. Das Nichtweißsein – und die ethnische Differenz überhaupt – ist nichts Evidentes, es wird einem oktroyiert, und diese Erfahrung fundiert wesentlich das Nichtweißsein. Es kann nicht innerlich nichtweiß sein, wem diese Erfahrung fehlt. Meine Unzugehörigkeit zur Normgesellschaft konstituiert sich über anderes, nicht über ‚race‘. Bei meinem Vater, ja; nicht bei mir. Innerlich kann nur nichtweiß sein, wer übers äußerliche Nichtweißsein zum Feind gemacht wird. Das Nichtweißsein, äußerlich wie innerlich, begründet sich überhaupt nur durch diese Feindschaft, durch nichts anderes. Und es ist auch wirklich eine gemachte Feindschaft – mancher wird zum Feind erkoren, mancher zum Feind degradiert. Und Nichtweiße alle Zeit letzteres. Denn die Parameter dieser Feindschaft hängen nicht von ihnen ab, bestimmen sich nicht durch ihren Willen oder ihre Macht, sie ist allein Rechtfertigung zu ihrer Vertreibung oder Vernichtung. Das Nichtweißsein kennzeichnet in der Hauptsache ein Unwürdigsein, die schmähliche Seite der Medaille Mensch, daher kann an solcher Feindschaft nichts Nobilitierendes sein. Obwohl, wahrscheinlich stimmt das nicht, „Medaille Mensch“ – in der Konsequenz, wie aber auch im Ursprung, muss diese Feindschaft auf der Annahme beruhen, nichtweiß sei gerade nicht menschenwürdig – denn welcher Würde wären Nichtweiße sonst verlustig.
[…]
Vielleicht wäre die Scham geringer gewesen, wenn ich ganz und gar Ungare gewesen wäre. Aber es war nur ein Teil von mir, der andere war deutsch und so allgegenwärtig, dass ich das Ungarische dahinter leicht verbergen konnte. Aber gerade das Verborgene hat dann die Scham gemacht. In der Familie war das Ungarische natürlich, einzelne Vokabeln, Sätze, Habitus, kulturelle Eigenheiten; bestimmte Imperative, Mitteilungen, Fragen kannte ich überhaupt nur auf Ungarisch. Das alles aber ging in einer eigenen Matrix vor sich, mit eigenen Paradigmen, Strukturen, die nicht auf die außerfamiliäre Welt übertragbar waren. Dort wurde der Gebrauch des Ungarischen unnatürlich und ich demnach zum Fremdkörper. Und mein Anliegen als Kind, wie unbewusst auch immer, war nicht, von der Normgesellschaft eingelassen, sondern nicht von ihr verstoßen zu werden. Und weil ich mit dieser Sorge, auch der Scham in mir nicht reflexiv umging, hat sie sich bis heute gehalten. Noch immer kann ich nicht, gleich vor wem, ungarisch reden. Es sei denn vor Ungarn selbst; auch da nicht ohne Scham, aber es ist eine mildere, eben weil ich mittlerweile kling wie ein Deutscher. Der ungarische Zungenschlag ist mir verloren gegangen, das Selbstverständnis für bestimmte Laute, für die Betonung einzelner Buchstaben. Etwa das gy – ich spreche es nicht mehr originär, auch bei mir ist es zu einem „dj“ geworden. Ich treffe den Laut dazwischen nicht mehr. Oder nur noch, wenn ich ihn mir nicht mehr vornehme; aber wann geschieht das schon. Problematisch sind auch die Vokale; wenn ich ungarisch lese, klingen sie deutsch in mir und ich muss mich sehr konzentrieren, zwischen kurzen und langen zu unterscheiden und den jeweiligen Lautwandel mitzulesen. Das ist keine Tragödie. Bloß der Verlust eines Vermögens, das ebenso vage wie bestimmt in meinen Identitätsraum einglitt.
Wie fürs Ungarische habe ich mich auch für Familie generell geschämt. Einmal, überhaupt einer anzugehören, d.h., mit irgendwem anders identifiziert zu werden. Das Grauen, für etwas haftbar gemacht zu werden, das man nicht selber verantworten kann. Hat wohl mit Kindsein zu tun; wie man identitär zu sich findet, bildet man sich weg von denen, über die man bis dahin nicht hinausdenken konnte. Zum andern aber war es das ungarische Element unserer Familie, das mich beschämte. Gar nicht die Sprache allein, auch Umgangsweisen, die sich, wie ich fand, kardinal von denen der andern unterschieden. Die Strenge, die Gewalt, die Restriktionen; allein am Esstisch: gerader Rücken, steife Sitzhaltung, Fresse halten; oder das mir damals unsäglich peinliche frühe Zubettgehen. Ich habe es damals nicht als ein ‚ungarisches‘ Element begriffen oder als migrantisches – heute weiß ich, wie sehr es zusammenhing. Wär ich in Miskolc aufgewachsen, wär das alles keine Anomalie gewesen. Viele dieser Dinge in der Schule verschwiegen zu haben, war aber nicht nur darin begründet, selber nicht als peinlich zu gelten; ich wollte das Urteil auch meiner Familie nicht antun, selbst wenn sie nichts davon mitbekäm. So peinlich sie mir war, so heilig war sie mir. Wenn ein ungünstiges Wort auf meinen Vater fiel, hat es mich tiefer verletzt als hätte es mir gegolten. Und nie, nie hätte ich gewagt, es zuhause anzusprechen. Hätte ich gekonnt, hätte ich alles Verletzende immer von ihnen ferngehalten. Ich erinnere einen Nachmittag unter Bekannten, wo ein leicht angetrunkener Mann was auf Ausländer sagte; ich weiß mein Alter nicht mehr genau, was zwischen Kind und Jugendlichem, und ich habe mich Jahre dafür angefeindet, ihn nicht auf der Stelle besinnungslos geprügelt zu haben.
Im Regal habe ich ein Segment nur mit ungarischer Literatur. Das kam so in den letzten Jahren. Ich weiß nicht, was ich mir davon versprochen habe. Es ist nicht als Identitätsausweis gemeint. Vielleicht habe ich erwartet, es habe noch mal mehr mit mir zu tun. Oder als wäre ich ihr insgeheim zugehöriger als anderer. Wenn das ein Ansinnen war, war es ein dummes. Mich gehen, in aller Literatur von überall her, in der Hauptsache die Instrumentierung einer Psyche oder die sprachliche Gestaltung an. Für soziologische Analysen ist mir sachliche oder theoretische Literatur lieber. Darin ist kein Werturteil, nur Geschmack. Manchmal finde ich, in mehr volkstümlichen Geschichten, Ähnliches zu dem, was mein Vater früher von seinen Vorfahren erzählte. Wie sie lebten, wie sie in ihrem Mangel zurechtkamen. Die ersten drei, vier Jahre habe er mit den Eltern und den drei Brüdern noch in einem Stall gehaust. Dann ging es in eine kleine Zweizimmerwohnung in Miskolc, die sein ältester Bruder später übernommen hat. Die Generation davor hat noch im Wald gelebt. Sie haben sich Gruben ausgehoben und darin geschlafen, Beeren gesammelt und die gegessen. Beim letzteren weiß ich gar nicht mehr, ob er das erzählt hat oder ob ich es in einem Buch gelesen hab. Aber es passiert mir mit keiner anderen Literatur, dass sie sich in meinem Gedächtnis so vermischt mit dem Wirklichen. Ich finde aber auch das Andere in ungarischer Literatur. Den vereinzelten Kulturmenschen in Emil Szittyas „Selbstmörder“, den versponnenen Rumprobierer in Dezső Tandoris „Stafette“. Ich weiß ja, wie dumm es ist, wie ungehörig, und wenn ich nur lese, vergesse ich es auch, aber beim Anschauen der Bücher trotzdem der Eindruck, durch sie würde meine Schreibexistenz testiert. Ähnlich, wenn ich die für die ungarische Literatur so typischen langen Sätze lese, ins Extrem gewuchert bei Krasznahorkai, obwohl ich selber, bis auf die Nivola für L., keine langen Sätze mehr mache. Es war nur einmal typisch für mich, vor zwanzig Jahren. Dann doch die klammheimliche Ahnung, ich sei einer Façon zuzurechnen. Und wirklich weniger beim Lesen, da vielleicht gar nicht, mehr, wenn ich übers Regal schaue, das Gefühl: dort sei mein Schreiben einzusortieren. Nicht zur Versenkung in was Ethnisches, nur als würde ich, wenn ich dort einginge, in was Kindheitliches einkehren. Unsinn, ich weiß es. Aber das Gefühl lasse ich mir gern gefallen. Manchmal auch der Gedanke: Ich könnte mein ganzes Leben nur in der ungarischen Literatur verbringen. Wie in einem literarischen Heimatbecken, einerseits. Andererseits weil sie so vielfältig ist. Die soziale Not in eigensinniger Sprache, wie in Ferenc Barnás‘ „Der Neunte“, die intelligente Trivialliteratur in Anna Jókajs „Gleichung mit zwei Unbekannten“, die triftige Psychologie in Gábor Scheins „Lazarus“, der poetische Ernst in Zsuzsa Selyems „9 Kilo“ oder „Regen in Moskau“. Dazu die Beklemmungserfahrungen bei István Örkény oder Béla Zsolt, anschaulich geschildert und geistreich kommentiert. Oder den mehr leichteren moderneren Ton bei László Szilasi, László Darvasi oder Zoltan Danyi. Das Verlangen, alle ungarische Literatur gelesen zu haben, als würde ich mich dann besser in meinem Leben auskennen. Eine Absicht, die von nichts mehr als von einem unaufgeklärten Verhältnis zu sich selbst und seiner vermeintlichen Herkunft zeugt. Ich komme ja dort nicht wirklich her. Die ungarische Literatur ist identitätsmäßig auch nicht inniger mit mir verschaltet als alle übrige Literatur. Solche Annahmen, wie gesagt, sind der bare Unsinn. Ich muss mir nur klarer machen, weshalb sie mich trotzdem verlocken. Ein andermal.