blg 15-16

Brandenburg, 08 02 15, 4 Uhr

Diesmal über den gepflasterten Kreis am Ende der Werderstraße hinausgegangen, die Hausmannstraße entlang. Das erste Haus linker Seite fällt etwas heraus mit seiner mittelalterlichen Anmutung; zu schlicht für einen gotischen Bau, zu neu für einen romanischen, aber im Vergleich zur weiteren Architektur der Straße doch nahezu exzentrisch. Farblich hingegen schön, aber brav: die Fassade in bald verblassendem Vanilleton, die Fensterbogen in sanftem Orange. Gleich darauf aber der Eingang zum engen Hinterhof, geformt nach einem gleichschenkligen Dreieck, nur dass, von der Straßenseite her, der linke Schenkel stark gerundet ist, wie ein halbes O. Der ans Vorderhaus angelehnte Block einige Stockwerke hoch, in der Kurve niedriger werdend, die Balkons sehr eng, wie ins kümmerliche Wohnzimmer integrierte Kochnischen. Und alles von einer herrlichen Schmutzigkeit, wie eine Verkitschung von Elend für den gemeinen Touristen. Im Folgenden wieder die schlichte Bauweise des Ostens, drei- bis vierstöckige Wohnhäuser von biederem Anblick. Die Straße ist, entgegen meiner Annahme vor einem Jahr, nicht lang und wird zum Ende hin immer dörflicher, dünnt allmählich aus, bis man unversehens ins Freie tritt. Rechts noch, wie ein sanfter Übergang, ein dreistöckiges Häuschen mit einem oder zwei Eingängen, wie ein Mietshaus in einem kleinen Dorf, es erinnerte mich an Dorfhäuser in der Uckermark. Links spannt sich plötzlich der Himmel auf, beeindruckend groß und weit, wie ein überirdisches Bettlaken droht er sich auf einen hinabzulassen, bleibt aber doch droben, was eine ganz eigene Spannung erwirkt. Dazwischen bricht sich für einen Moment der Mond heraus, aber nur ein Stück von ihm, wie wenn man vom Mondlaib immer nur ein Bröckchen bekäme, weil man am ganzen ersticken würd. Sobald man das eine Bröckchen halbwegs verdaut hat, schiebt sich wieder der Wolkenhang davor und das nächste Bröckchen kommt ganz, wie es der Himmel will, in einigen Sekunden vielleicht, wenn man Glück hat, oder auch gar nicht mehr. Nur ist auch das ein Glück für den drunten Staunenden, der immer noch fasziniert ist von jener menschenfremden Dimension, die auch, ohne dass man ihr ein göttliches Élan vital zuschreibt, nicht etwas über den Menschen Hinausgehendes, sondern etwas gar nicht erst von ihm Herkommendes hat, das in seinen Begriffen nicht zu verhandeln ist.

Im Übrigen klingt das, als habe ich eine nächtliche Erkundung der Stadt hinter mir. Indessen war ich gerad zwanzig Minuten unterwegs, wovon die reine Laufzeit nur zehn, fünfzehn Minuten betrug. Den Rest der Zeit habe ich rauchend und, wie ich ohne Scham sagen möchte, als sei sie ein Verwandter, den man verleugnen muss, sinnend dagestanden. Nicht zuletzt, da ich fürchtete, das feindliche Geräusch des nachgezogenen Rollkoffers, das immerhin mir das Bild hervorrief, wie Felsstücke nach einem Brodeln des Berginnern von dessen Äußern herunterbrechen, könne in der Stille, mit der sich, um bei Thomas Hardy zu klauen, das Klackern nicht verband, auch dem schlafenden Völkchen dies Bild vermitteln. Wäre ich selbst ein Bewohner der Straße, hätte es mir nicht ebenso das Gefühl des Unrechttuns verursacht wie in meiner Eigenschaft als touristisch herumpromenierender Rezensent der Straße.

Heute übrigens nicht über Biederitz, sondern gleich nach Magdeburg. Dann Erfurt, Würzburg, Stuttgart und weiter. Meinen Fahrplan habe ich, als ich wieder einmal verspätet zur Bahn gehastet bin – links in der Hand die von Büchern gefüllte Umhängetasche und eine Tüte für den Proviant, rechts den Rollkoffer –, unterwegs verloren (er muss mir aus der hinteren Hosentasche gerutscht sein). Jetzt fahre ich nach der Erinnerung. In Brandenburg habe ich überlegt, mir am Automaten einen Fahrplan auszudrucken, aber es hat doch seinen Reiz, in Teilen auch auf Verdacht zu fahren. Das Reise-Credo ist ein abgebrochener Satz: „Wenn mich nicht alles täuscht, müsste …“

Ob es schlau war, nicht mehr zu schlafen, wird sich zeigen. Lange Zwischenfahrten von einem Ort zum andern habe ich – wenn mich nicht alles täuscht – nicht vor mir. Kaum einmal, dass ich pro Fahrt mehr als zwei Stunden hätte. Aber immer eine bis anderthalb Stunden Aufenthalt, wofür ich kaum genügend bezogen bin. Schon von der dämlichen Rennerei habe ich mir einen nur langsam schwächer werdenden Husten zugezogen, nach dem niedlichen Wanderausflug in Brandenburg kommt nun eine Nierenerkaltung und eine leicht laufende Nase hinzu. Reicht alles nicht, um ein grillparzerisches Klagelied herunterzujammern, aber für ein hypochondrisch aufgeladenes Ströphchen will es mir doch genügen.

Magdeburg, 6 Uhr

Der Zug nun deutlich voller als die vorigen, das Alter der Fahrgäste aber sehr gemischt. Was die Jungen bis eben getrieben haben, lässt sich ja noch leicht denken; aber wo kommt das verliebt dreinschauende Seniorenpärchen her, das mir gegenüber sitzt, und wo will es hin? Viel Gepäck hat es nicht dabei, das heißt, nicht mal einen Koffer, man kann wohl von Gepäck gar nicht erst reden. Er schon meliert, sie noch mit dunklerem Haar, das aber schon bleicher wird, beide freilich in einem Alter, wo man nicht mehr annimmt, sie kämen von der Nachtschicht. Ohnehin scheint mir wenigstens die Dame in einem seelischen Überschwang zu sein, von dem man heute sagen wollte, sie komme einem ‚flirty‘ vor, ohne sich dabei der Vulgarität der Jugend zu bedienen. Der Mann ganz zurückhaltend, dezent, aber auch sein Blick, aus kleinen, schmalen Augen, hat etwas Weiches, er nimmt sie und ihre Liebeslaune durchaus auf. Vielleicht machen sie eine leichte Tagesreise? Dazu im Waggon – wobei man in diesen Zügen kaum mehr von Waggon reden kann, da er zugleich den gesamten Zug darstellt – einige Männer mittleren Alters, mit Kaffee und Morgenzeitung, die aber gleichfalls nicht aussehen, als kämen sie, eher, als führen sie auf Arbeit; aber an einem Sonntag, in dieser Gegend? Es ist ja doch nicht Berlin.

Am Bahnhof in Magdeburg habe ich mir eine Tageszeitung gekauft und dann versucht, einen kleinen Spatz, der im Reisecenter eingeschlossen war und sekundenweise irre herumflatterte nach möglichen Ausgängen, zu befreien. Aber immer, wenn ich an die sich elektrisch öffnende und schließende Tür herantrat, fühlte er sich vom Geräusch so aufgeschreckt, dass er sich panisch in hintere Eckchen verzog und nicht mehr hervorkam, bis ich wieder zurücktrat und die Tür aufs Neue verschlossen war. Ich dachte: vielleicht hinein und ihn halb gewaltsam hinausscheuchen, aber schon in der Vorstellung davon kam ich mir so blöd dabei vor, dass ich dachte, die nächsten zehn Minuten, bis das Center öffnet, wird er schon noch überleben. Eben meine vogelkundlerische Gelassenheit.

Magdeburg, rund um den Bahnhof wahrlich keine interessante Stadt. Am Bahnhof selbst gefallen mir die Treppen, die breiter und langsamer, fast möchte ich sagen: sanfter hinabführen als anderswo. Aber sie wirken nur breiter durch ihre Kürze. Ganz ähnlich verhält es sich ja mit meinem – na gut, lassen wir das. Die Stadt selbst, heißt es gern, soll ja mal sehr schön gewesen sein. Bis dann Telemann kam. Nein, Spaß. Aber gelegentlich findet man noch hübsche Stellen, den Hasselbach-Platz etwa, der sich wohltuend abhebt von den verfickten Citys, die eine innerdeutsche architektonische Gleichschaltung bedeuten und die modern zu nennen mir nur ironisch gelingt. Das Alte findet sich nur mehr dort, wo man sich entweder übertrieben oder gar nicht mehr kümmert. Mich bewegt letzteres mehr. Kleine Städtchen im pommerschen oder nord-mecklenburgischen Land, da niemand das Geld für eine ‚Modernisierung‘ hat und so die einsam-dörflichen Backsteinhäuschen erhalten bleiben. Wenn auch nur erhalten und nichts anderes mehr. Aber ich erinnere mich an eine Straße in Neubrandenburg, kurz vorm Industriegebiet, eine kleine Einbahnstraße, umsäumt von einstöckigen Backsteingemäuern; wenn es da auf die Dämmerung zuging und der vom Meer herkommende, zwar abgeschwächte, aber immer noch düster pfeifende Wind hindurchging und man allein die Straße ablief, das hatte eine erregende Beklemmung, das war Märchenatmosphäre. Eine Einbahnstraße in die Geschichte, wenn man so will. Ähnliches empfinde ich, wenn ich in Alt-Marzahn die kleine kopfsteingepflasterte Straße nahe des Kulturguts entlanglaufe, mich auf eine der beiden Bänke vorm Kriegsdenkmal setze und in einem der Bücher blättere, die ich mir zuvor aus der Bücherstube gezwickt habe. Man wünscht diesen Orten, sie mögen noch auf Jahrzehnte übersehen werden. Die Verlassenheit von Orten hat etwas Beruhigendes, sie ist ein mystisches Versprechen auf Einsamkeit. Was mich an M., Neubrandenburg, erinnert, die einmal diese Art kokett ironisiert hat mit dem Vorwurf, ich würde mir da einen „Mythos der Einsamkeit“ aufziehen. Mag sein, es ist auch Klischee dabei, aber mit dem leise ansetzenden Alter erlaube ich mir zunehmend, mich von Vorstellungen beruhigen zu lassen.

Als junger Mensch habe ich diese Art der Versöhnung mit der Welt – überhaupt Versöhnung – verachtet. Und obwohl ich für meine Nächsten fürchten muss, es könne mir immer ein Trieb zur Unversöhnlichkeit bewahrt bleiben, kann ich mich mittlerweile doch für Augenblicke leidlich ins Schlichtende einüben. Dabei scheide ich begrifflich die Versöhnung von der Vertröstung; letztere bedeutet mir lediglich ein billig erworbenes Patt mit dem Unrecht, auch mit Unwahrheit, und danach steht mir kein Sinn. Ich kann nicht trösten. Und habe selber danach auch kein Bedürfnis. Der Trost verharmlost das Unrecht, bis man sich mit ihm arrangiert hat. Bis eine Kameradschaft mit ihm sich von selbst ergibt. Und weil man selber das Unrecht in dem Augenblick verkörpert, gerät man in eine gönnerhafte Selbstbezüglichkeit. Und wie man öffentlich für das Wohl eines Freundes, der Unrecht tat, in einem Konflikt zulasten des moralischen Rechts entscheidet, weil eben die konkrete Bande zu ihm fester ist als die mehr abstrakte zum Recht (oder die weniger konkrete zum Beschädigten), stellt man nun sich selber übers Recht und behandelt dieses, in Konkurrenz zu sich selbst, als eine nachrangige Sache. Nun gibt es Situationen, in denen diese Frage nach dem Recht bedeutender, und Situationen, in denen sie unbedeutender ist und gern Fontanes Wort zum alten Dubslav gelten kann, er könne „fünfe gerade sein“ lassen. Diese Situationen voneinander zu scheiden, fällt mir nicht leicht. Die Bagatellisierung noch des kleinsten Unrechts zugunsten des eigenen Wohlbefindens stößt mir auf. Zumindest die Anmerkung will ich mir, jedenfalls im privatimen Rahmen, doch erlauben. Indessen gerät man hier leicht in einen Konflikt mit der Zuneigung zu nahestehenden Menschen, der noch mal ein anderer ist als der mit dem Bedürfnis, sich selber schadlos zu halten. Denn ich selbst, wenn ich meiner Selbstgerechtigkeit unterliege, mache das Unrecht zum Gefährten aus Blindheit, aus einem Mangel an Vernunft, auch an Sinnenreife. Ich verlange nicht von mir, mich auf meine eigene Seite zu stellen. Hingegen ein Freund kann dies sehr wohl einfordern. Nicht ausdrücklich, aber doch durch die Verfasstheit seiner Psyche, die, von ihm unbemerkt, momentweise lädiert ist. Da ich nun selbst aber nicht ein Betroffener in dieser Sache bin, ist meine Vernunft, sind auch meine Sinne nicht in derselben Weise getrübt wie die des Freundes. (Sie mögen in anderer Hinsicht getrübt sein, etwa wenn ich, durch das Trostbedürfnis des Freundes indigniert, seine Tat viel schärfer beurteile, als sie womöglich gewesen ist.) Ganz und gar ein Unbeteiligter bin ich aber nicht, denn ich werde vom Freund gewissermaßen funktionalisiert und indirekt ins Übel integriert. Überhaupt wird meine Freundschaft beansprucht und nicht, wie es in harmlosen Momenten der Fall ist, klaglos hingenommen. Und hier nun steht die Erwartung des Freundes, durch entschiedenen Trost nicht nur meine Solidarität, auch sein Recht zu bezeugen, gegen meine eigene, nicht durch bloße Rhetorik Wasser in Wein zu wandeln. Um ein altmodisches Wort zu gebrauchen: Es geht um Wahrhaftigkeit. Die Frage ist, womit ich sie eher bestätige; durch Beistand, der ohne Rücksicht gegen meine eigenen Bedürfnisse ist, oder durch besondere Treue zu mir selbst, die rücksichtslos gegen emotionale Konzepte wie Freundschaft ist. Und vielleicht kennzeichnet das meine Unfähigkeit zur Freundschaft, dass ich zur Selbstaufgabe nicht ausreichend begabt bin. Aber ich will besser nicht so bekenntnishaft vor mich hinsäuseln und das Ganze in einen halbgaren Essayismus hineinlügen, wobei ich mir nicht schlecht vorstellen kann, im Laufe des Tages noch einmal weise und ergreifende Worte zu meinem Versöhnungsbegriff zu sagen.

9 Uhr

Wie sich der Morgen langsam auftut; es hat etwas Zartes, aber ebenso etwas Unerbittliches, und ich glaube, wie man sich vom Tagesanbruch aufs Lieblichste, Wünschenswerteste geweckt fühlen kann, als erinnere einen das Paradies ans Glück der Lebendigkeit, kann man sich gleichermaßen davon vergewaltigt fühlen, wie es Brodkey in „Die flüchtige Seele“ ungefähr schreibt. Wenn das nächtliche Schwarz ins Morgenblau übergeht, zaghaft freilich, so dass man anfangs gar nicht sicher ist, ob nun wirklich ein Wandel stattfinde, und auch eine Täuschung für möglich hält, weil doch etwas Unwirkliches dabei ist, wie bei jedem extremen Wandel, bis es dann doch immer heller und die Gewissheit des Tages immer unzweifelhafter wird, das hat etwas vom Einbruch in die eigene Intimität, sogar etwas Strafendes, weil man, so gewiss man am Vorabend auch des kommenden Morgens ist, niemals so recht darauf vorbereitet sein kann. (Eine Metapher, wie mir eben aufgeht, vor allem für die Ehe, d.h. für die zerfallende.) Als Kind habe ich das viel stärker empfunden, und vielleicht nur deshalb, da ich dagegen rhetorisch viel weniger bewaffnet war, das Gefühl, dem Fortgang der Geschichte so wehrlos ausgesetzt zu sein.

Draußen, vor dem Bahnhof in Hettstedt, eine größere Tankstelle. Was ich noch zu Magdeburg dachte: vorm Bahnhof groß rummachen, Zentrum spielen usw., das trifft hier wohl umso ärger zu: Die Tanke als das Neue Forum. Nicht Kirche, nicht Sportplatz, nicht Kultur- oder Jugendzentrum; die Dorftanke. Sachsen-Anhalt.

Das sonst durchaus hübsch anzusehen ist. In der leicht hügeligen Landschaft vor Sangerhausen erhebt sich einmal tatsächlich ein Berg und inmitten der braven Szenerie sieht er, teilweise schneebedeckt, wie der K2 aus, oder der Himalaya, irgendwas. Nicht gerade wie der Monte Bianco, denn er ist in der Tat nur in Teilen geweißt, als trüge eine beleibte Vorstadt-Dame, die auf sich hält, ein Schnee-Cape bis zu den Hüften. Aber es sieht doch imposant aus. Wie ein schützendes Tier auch, gottähnlich, ein gutmütiger Riesen-Cujo, der über den kleinen, verschämten Ort wacht, an dem im Übrigen beinahe sämtliche Fahrgäste aussteigen (die jüngsten sind schon in Staßfurt raus).

Mit niedlicher Rührung in mein Gedächtnis geschoben habe ich auch die Einfahrt in Klostermansfeld. Kleiner putzig-drolliger Bahnhof, drumherum drei, vier Backsteinhäuschen, dann, aus dem Ort raus, plötzlich Industrie. Um die Tageszeit allerdings stillgelegte. Aber es ist doch der Bahnhof in erster Linie, der mich entzückt. Er erinnert mich an die Eingangsszene aus dem Törleß, als die Mutter ihn gehen lässt und alles so fad, so traurig ist. Musil mag zweifellos einen größeren Bahnhof im Sinn gehabt haben, aber die Atmosphäre von Verlassenheit, von Abschied, die findet sich auch in Klostermansfeld, an diesem kleinen, bescheidenen Bahnhof, dessen Häuschen zwar restauriert worden sein mag, aber immer noch etwas Anti-Modernes bewahrt hat. Nicht unbedingt die Zerfallenheit des tieferen Ostens, die ich so liebe, aber doch etwas Verstocktes, ein Monument der Langsamkeit, der schürfenden Bedächtigkeit, die es an hypermodernen Bahnhöfen nicht mehr gibt. Ich bemerke, dass mein Ton, wie schon vorhin zu Magdeburg, etwas Klagendes annimmt, eine Ode an eine gestrige Architektonik, ein Hass-Gesang auf die heutige. Vielleicht muss ich das präzisieren. Ja, meine Neigung geht fraglos zu einer vergangenen Epoche hin, jedenfalls die architektonische, aber sie ist von der Harmlosigkeit einer bloß geschmacklichen, die sich nichtsdestotrotz in der Tonart einer Marterung äußern kann. Ich erinnere mich, wie ich mit meinen Eltern vorm Hauptbahnhof in Berlin stand und – nun, nicht gerade degoutiert, aber doch überrascht war, wie sehr sie ihn gerühmt haben. Es fielen einige lobende Adjektive, von denen eines „imposant“ gewesen sein mag. Ich war nun gar nicht ihrer Meinung, deutete die meine aber nur in dezenten Worten an, ich wollte ihnen das Erlebnis nicht verleiden. Aber es ist eine Imposanz nur durch Größe, durch Höhe, Tiefe, großflächige Glasfassaden. Eine bloß quantitative Imposanz, die dem, der ihrer erstmalig ansichtig wird, eine auch qualitative einbläut. Ich gebe zu, die Größe macht etwas mit einem. Wenn ich, vom S-Bahn-Gleis herkommend, die Rolltreppen hinabfahre in den Bahnhofskeller, von wo aus Fern- wie Regionalzüge abfahren, und von oben hinabschaue, dann hat dieser Anblick etwas von einer schönen Mulmigkeit. Durchaus eine qualitative Regung. Aber es ist wohl kaum eine ästhetische. Man bewundert die Natürlichkeit einer durch Tiefe abgerungenen Überwältigung. Leicht verbindet es sich auch mit meiner Höhenangst, die, auf den Rolltreppen stehend, weniger quälend für mich ist, als wenn ich auf den obersten Gleisen stehe und mich vorsichtig übers Geländer lehne, um meine Blicke wie Münzen in einen Brunnen hinabzuwerfen, dass ich erahne, von welcher Tiefe der Ort ist. Aber es ist doch die einzige Erfahrung von Wert, oder das einzige sozusagen qualitative Erlebnis, das ich dort machen kann. Alles weitere an diesem Bahnhof langweilt mich. Zumal die Größe im Zuge einer immer wiederholten Schau durch einen schnöden Relativismus geht und einem der Bahnhof sehr bald nur mehr wie eine gewöhnliche Haltestelle vorkommt und keinen ästhetischen Unterschied mehr aufweist zur, sagen wir, Jannowitzbrücke. Anders etwa als die S-Bahn-Haltestelle Yorckstraße, deren Bahnsteig gepflastert ist mit kleinen bis kleinsten Kopfsteinchen und da die Überdachung gestützt wird durch preußisch-blaue, nach oben hin sich zuspitzende Säulen, was einerseits nur niedlich, in andern Momenten aber eben doch, auch wenn der Bahnsteig nur ein kleiner ist, imposant ausschaut, da hier, nicht zuletzt durch die Farbe der Säulen, die an die erste preußische Bahnstrecke gemahnen, ein geschichtliches Bewusstsein konkretisiert wurde. Der Bahnhof als Konkretion einer abstrakten Erinnerung. Das nun fehlt dem Hauptbahnhof von Grund auf. Natürlich kann das nicht zum Vorwurf gereichen, denn er ist noch keine zehn Jahre jung. Und eben der Architektur der Jetztzeit verpflichtet. Die indessen, wie es mir vorkommt, eher eine Nicht-Architektur ist, indem sie ganz auf den Nutzen, aber kaum mehr auf eine ästhetische Aussage aus ist. Sehr wahrscheinlich stimmt das nicht, aber ich überlege das ja eingedenk meines lumpigen Laientums. Zumal das Dekorative, das frühere Epochen ausgezeichnet hat, immer auch ein Stück weit Zierrat war und nicht allein schon als Signifikant einer Ästhetik gelten kann. Aber es gab doch kulturelle Bezüge oder Bezüge zwischen Alltag und Kultur und in Ansehung des Berliner Hauptbahnhofs ist diese ästhetische Dissonanz zwischen Alltag und Kultur nahezu eingeebnet.

Aber, wie gesagt, vielleicht stimmt das nicht. Vielleicht ist es nur mein geschwächtes Rezeptionstalent für die bewusste Simplifizierung der Formen, von dem ich auch in Sachen Literatur befallen bin. Denn Gestaltung ist ja doch darin. Aber sie verzichtet auf artifizielle Signa, die auf sie verweisen. Ein ähnliches Unbehagen, wie erwähnt, habe ich bei mancher aktueller Literatur. Natürlich geprägt durch Lektüreerfahrungen in jungen Jahren, die bei mir ganz bestimmt waren durch Literatur des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Auch da gab es das Große, das Opulente, aber es war dort auch im Kleinsten immer etwas zu entdecken, sei’s im Grünen Heinrich, im Zauberberg, in Dostojewskijs oder Tolstois großen Romanen. Oder nicht zuletzt bei Jean Paul, dessen Siebenkäs ich erst kürzlich auf L.s Empfehlung hin gelesen und unendlich bewundert habe. Auch dort mag es Zierrat gegeben haben, aber es war nie Selbstzweck, es war immer gestärkt oder legitimiert durch eine eigensinnige Gestaltung, bei Proust oder Thomas Mann durch eine eigensinnige Struktur, bei Kafka durch eine eigensinnige „Mimik, Gestik“ (Benjamin). Nicht zuletzt durch eine Haltung. Dort wurde Rezeption selbst zur Schöpfung durch Reflexion. Ich gebe zu, bei eher zweitklassigen Autoren – ich denke an Otto Flake, den ich nichtsdestotrotz gern gelesen habe – war gelegentlich eine formale Zierde dabei, die nicht mehr durch eine inhaltliche Bezüglichkeit gestützt wurde, bei denen, um es modern zu sagen, das semiotische Dreieck unvollständig war, indem es nur mehr eine Gerade darstellte und es zum Signifikanten kein Signifikat mehr gab. Dass das überwunden wurde, ist löblich. Aber wenn einer dieser großen Autoren ihre Kunst nur aufs Ökonomische hin gestaltet und nicht mehr auch als Spiel begriffen hätte, wären durch seine Feder Sachbücher entstanden (selbst TMs Joseph-Tetralogie, die vornehmlich durch ein philologisches Genie zu bestechen scheint, hebt sich durch die ironische Distanz der Erzählstimme zum Gegenstand von einer bloß historisierenden Gestaltung ab). Beim Hauptbahnhof wird die Opulenz nur mehr durch den Willen zur Opulenz motiviert, nicht mehr durch eine Schichtung voneinander verschiedener Ebenen, die erst in der Anschauung etwas Einheitliches gewinnen. Die Gestaltung des Hauptbahnhofs ist auf Einheitlichkeit von Beginn an ausgelegt und erringt sich diese durch eine Reduktion aufs bloß noch Nützliche, wodurch ein Perfektionismus der schnödesten, langweiligsten Art entsteht. Was an diesem Perfektionismus, dem es in seiner Gestaltung an Abstufungen, an sozusagen stimmlicher Vielfalt fehlt, langweilig ist: seine Konzeption lässt keinen Raum für Ironie. Selbst der Brutalismus von Le Corbusier, dessen Effizienzkonzept auch schon sehr ökonomische, vor allem wirtschaftliche Motive hatte, lässt schon in seiner Begrifflichkeit (Stichwort „Wohnmaschine“) immer noch eine Ironie zu, die einem zum Hauptbahnhof schon nicht mehr einfällt. Man kann sich an der Konzeption des Hauptbahnhofs nicht mehr ironisch abarbeiten, weshalb auch die Grundlage für jede reflexiv erwirkte Identifikation fehlt. Nicht einmal ein Galgenhumor, wie man ihn zu den Plattenbauten des Ostens aufbringen kann, ist hier noch möglich. Mit dem Hauptbahnhof kann man sich nur noch abfinden, was den in seiner Totalität brutalen Mangel an artifizieller, ästhetischer Motivation bedeutet.

Oder, natürlich, man kann ihn nutzen. Denn vielleicht ist ja doch eine Ästhetik darin, nämlich die kapitalistische. Restaurants, ein Supermarkt, ein Friseur, ein Optiker usw. Alles an einem Ort. Wenn ich zuvor gesagt habe, die Dissonanz zwischen Kultur und Alltag sei hier nahezu eingeebnet, dann stimmt das wohl nur bedingt, denn Kultur wird hier durchaus akut, in Gestalt aber des Konsums. Der Konsum ersetzt nicht die Kultur, er verkörpert sie. Aber eingeebnet ist beides dennoch nicht, auch wenn der Konsum gleichfalls den dort abgehaltenen Alltag der Menschen kennzeichnet, da die Bestimmung des Ortes die alltäglichen Verrichtungen kulturalisiert und so über die bloße Praktikabilität des Ortes hinausweist. Aber auch das stimmt wohl nur unter Vorbehalt. Denn der Konsum verunmöglicht die Distanz zwischen Beobachter und Beobachtetem, insofern er, was aber jedes Kunstwerk sonst ermöglicht, kein Staunen zulässt. Ein Staunen vielleicht über die Masse an Konsumenten, an Angeboten udgl. mehr. Ein Staunen also wieder nur über die Quantität, nicht über die Qualität eines kulturellen Ereignisses. Man könnte womöglich das Einkaufen als Aktionskunst begreifen; aber lässt sich ironisch einkaufen? Vielleicht, wenn man das Gekaufte umgehend wieder entsorgt, ohne es seiner Entsprechung nach genutzt zu haben. Aber es wäre eine billige Ironie (obwohl vielleicht jede Aktionskunst dieses billige Moment hat; darüber müsste ich nachdenken). Das alles aber hätte mehr den Charakter einer (unkünstlerischen) Spielerei, die in der Wiederholung schon ohne jeden Wert wäre. Auch das Staunen selbst freilich ist noch kein hinreichender Ausweis kultureller Rezeption. Aber dem Staunen auf ein Kunstwerk hin folgt eine Reflexion nach, die, ich habe es oben schon angesprochen, von beinahe schöpferischer Anlage ist. Sie etabliert neue Aspekte im Denken, in der Wahrnehmung, sie regt zur Frage an: Was wäre, wenn? Man kann sich, im Zuge einer Reflexion über ein Kunstwerk, alternative Darstellungen überlegen. Zum Konsum gibt es keine Alternative, außer die des Nicht-Konsums. Aber das bezeugt nur die Aufgabe jeder artifiziellen Potenz, weil Kunst eben nicht binär strukturiert ist. Die rabiate, fast tyrannische Verdrängung von Kunst, die in der Gestaltung des Hauptbahnhofs akut wird, schikaniert das menschliche Bedürfnis nach Ästhetik, indem es sein Hauptanliegen, soziales Leben zu entbanalisieren, derart rüde banalisiert, dass darin mehr als Verhöhnung aufscheint, sondern Auslöschung.

13 Uhr

Mutter nun länger im Krankenhaus als geplant. Hat sich eine Magenverstimmung eingehandelt, wofür sie noch ein, zwei Tage zur Beobachtung bleibt. Hinein kam sie für künstliche Kniegelenke. Zunächst nur in einem Bein, in einem dreiviertel Jahr, wenn alles verheilt, im zweiten. Kaum fünfhundert Meter, hat mein Vater am Telefon gesagt, habe sie noch schmerzfrei laufen können. Wanderungen oder Fahrradtouren waren nicht mehr möglich. Die weiteren Patienten, alle über siebzig, nahmen an, sie habe einen Unfall gehabt. Für einen altersbedingten Verschleiß sei sie doch noch viel zu jung. Statt einen frechen Spruch drauf zu erwidern, war sie eingeschüchtert. Als sei sie unberechtigt dort. Als nehme sie sich was, was ihr nicht zustehe. Sie fühlt die Übergriffigkeit solcher Einrede, nimmt aber sich als Grund dafür und nicht die andern. Immerhin, ihrem Gesicht sieht man ihr Alter nicht an. Es hat sich eine alterslose Glätte bewahrt. Es kam mir auch schon so vor, als werde ihre Haut von einem seelischen Dauerdruck so angespannt, dass sie sich gar nicht mehr falten könne. Nach meinem Eindruck ist es meiner Mutter nie gelungen, sich von den kleinen, alltäglichen Anspannungen freizumachen. Alles Uneindeutige, Vage im Verhalten eines andern verstimmt sie. Immer glaubt sie, wenn ein andrer sich ihr nicht großmütig zeigt, sich an ihm sozial verschuldet zu haben. Und wie eine, die sich nur versehentlich und ohne Absicht verschuldet hat, überhäuft sie den Gläubiger mit allem, was sie zu geben in der Lage ist, um ihn zu überzeugen: alles von ihr geschähe mit den allerbesten Vorsätzen. Aber natürlich hat sich niemand verschuldet und der vermeintliche Gläubiger ahnt nicht das Mindeste von ihren inneren Vorgängen und gibt sich weiter wie bisher. Und meine Mutter, die wiederum sich nicht überzeugen kann von der Absichtslosigkeit des andern, drängt sich in eine Verzweiflung hinein, indem sie zusehends bedrückter nach insgeheimsten Motiven fahndet. Sie wittert selbst dann, wenn sie gesättigt sein müsste. Das Glück, sich fallen zu lassen – ob mit dem Mann, den Kindern, Freunden oder lose Bekannten – und zeitweise keine sozialen Anstrengungen mehr unternehmen zu müssen, gelingt ihr kaum einmal. Von Geringstem lässt sie sich befremden. Vom Ausbleiben eines (gar nicht mal ausgemachten, nur von ihr erahnten oder erhofften) Anrufs, von ausbleibenden Höflichkeitsgesten (Danke, Bitte, das Anbieten von Getränken einer Gastgeberin usw.), ja selbst von Redewendungen. Als wir seinerzeit nach Bayern zogen, kam sie jahrelang nicht über die beiden Worte „basst scho“ hinweg. Im Norden kann man das übersetzen mit der berühmten Bitte aus dem goetheschen Götz. In Bayern plappert man das gedankenlos aus sich heraus. Es hat dort etwas Beruhigendes, indes sie sich – wirklich, jahrelang – davon beunruhigen ließ.

Am Gesicht also erkennt man ihr Alter nicht. Aber würde es ein Abbild ihrer Knochen zeigen können, sähe es anders aus. Vieles mag dazu geführt haben, bei ihr wohl auch der Sport. In der Jugend noch Leichtathletin, war sie als Erwachsene mehr in Volleyball und Tischtennis engagiert. Volleyball hat sie in ihren späten Dreißigern aufgegeben, nicht zuletzt auf Betreiben meines Vaters hin, der immer schon nörgelte, das ginge „zu sehr auf die Knie“. Aber Tischtennis hat sie beibehalten, bis vor ein, zwei Jahren noch. Und im Gegensatz zu meinem Vater, der nahezu aus dem Stand spielt, hopste sie jahrelang wie eine Getriebene um die Platte, um noch den unerreichbarsten Ball zu kriegen. Was machbar ist, muss man machen, das war immer ihre Art. Wo für meinen Vater eher gilt: sich vom Machbaren langweilen zu lassen, am Unmachbaren zu scheitern und sich in der Rückschau am Versuchthaben zu erfreuen. Obwohl er zuletzt Tendenzen zeigte, sich kritisch gegen manche seiner Manieren einzustellen. Aber insgesamt ist meine Mutter mehr bedacht auf eine solide Defensive; Bälle unermüdlich zurückgeben und darauf warten, dass der andere einen Fehler macht. Was bei meinem Vater sehr bald zum Erfolg führt. Er ist im Tischtennis das unbeirrbare Spielkind, das die verrücktesten Einfälle probiert oder, um es sachlicher zu sagen: sein Spiel ist sehr variabel. Mutwillig spielt er ‚auf Kante‘, scheucht meine Mutter von einem Eck ins andere und lässt den Ball plötzlich abtropfen; kriegt meine Mutter auch den noch, schmettert er einen langen Ball, wieder mit Verdacht auf Kante. Oft gehen natürlich die Bälle ins Aus oder ans Netz, und oft hat meine Mutter gesagt (aber öfter noch er selbst): Er scheitere viel eher an den eigenen als an den Bällen meiner Mutter. Am ärgsten aber scheitert er am Druck eines Punktspiels. Dem hält seine Psyche nicht stand. Jahrelang hat er jedes einzelne Punktspiel verloren, nicht nur gegen meine Mutter, auch im Verein. War er im Training, unter der Woche, verlor er kaum einmal, gewann auch gegen Leute aus höheren Klassen. Dort war er allein in seinem Kopf, in beiderlei Hinsicht, und spielte befreit auf. Im Punktspiel war das nicht immer gleich weg, oft behielt er diese Freiheit für zwei Sätze bei, führte auch im dritten noch klar und verlor dann letztlich doch jedes einzelne Mal. Sobald er zum Ernst genötigt war, verkrampfte er. Wollte die Spontaneität dann erzwingen, immer verbissener, und verlor so die eine Grundbedingung, die es brauchte für seine Einfälle, die Ungezwungenheit, die Leichtigkeit. Im Nachhinein hat er diese Debakel gern mit Galgenhumor kommentiert, und das war schon viel bei ihm, die Anerkennung einer Schwäche, aber sie half ihm lange nicht über diese Ohnmacht hinweg. Erst in der allerletzten Zeit gelang ihm bisweilen mancher Sieg. Da war es ihm vereinzelt möglich, sich auch in den letzten Zügen eines Spiels nicht das Gewinnenmüssen aufzubürden und sich Einfälle nicht vorzunehmen, sondern sie ‚kommen‘ zu lassen. Ein Durchbruch, unbedingt, auch wenn er noch immer nicht genug davon ab kann, in jedem Fall den Risikoball zu spielen. Dagegen meine Mutter, wie mein Vater manchmal gesagt hat: Sie mache, was sie könne, und das eben gut. Dadurch gewann ihr Spiel über die Jahre an Routine, die Abläufe waren nahezu einstudiert, sie konnte über Stunden hinweg dieselben Bälle schlagen. Mein Vater hingegen kann ums Verrecken nicht den nächsten wie den vorigen spielen, nicht zwei selbe Bälle hintereinander. Es drängt ihn, ganz unwillkürlich, immer zur Variation.

„Ich würde verrückt daran werden“, hat meine Mutter mal gesagt. Und im Alltag, wenn er Dinge nicht wiederfindet, wenn er immer und immer wieder, vor einem Ausflug, vom Auto in die Wohnung muss, weil er wieder und wieder irgendwas vergessen hat, weil sein Denken ohne feste Struktur ist – eher in der Art eines Rhizoms – und sein Gedächtnis ohne Ordnung, weil ihm die Fähigkeit zur Planung ganz und gar abgeht, dann wird sie daran auch verrückt. Bisweilen ist sie nah am Nervenzusammenbruch, weil sie diese Art – oder Unart – meines Vaters zwar beschreiben, aber nicht verstehen kann. Weil sie eben so ganz anders ist. Ganz der Planungsmensch, den spontane Veränderungen maßlos belasten. Aber diese Planungswut, das kommt auch bei ihr aus der Furcht heraus; sie erträgt den Gedanken nicht, unvorbereitet zu sein. Vorbereitung, das könnte beinahe ihr Lebens-Credo sein, ihr ewiges Mantra. Sie hat Angst vor Irrationalität. Gegen die ist sie nicht gewappnet. Eine ewig laute, aggressive Mutter mag dazu beigetragen haben. Das unstete Leben ihrer Mutter hat sie immer verachtet. Das Geld, als sie Kind war, war am zweiten oder dritten Tag schon fast wieder weg, ausgegeben für Unmengen an Essen, das so rasch vergammelt war, dass man eine Woche drauf nicht mehr davon zehren konnte. Über den Monat planen, das konnte ihre Mutter nicht und wollte und konnte sie selbst umso mehr. Und bei meinem Vater befürchtet sie ähnliche Tendenzen. Daher immer schon bei kleinsten Verfehlungen die große Panik. Dann wird sie, die es so unbedingt beschaulich haben wollte, unruhig und steckt mit dieser Unruhe meinen Vater an, worauf beide mürrisch und in Kriegsstellung sind. Und wie sie beide bocken – ich würde gern sagen, es sei ulkig oder auch süß, aber das ist es nicht, es ist jedes Mal bedrückend –, zeigt sich wieder ihre Verschiedenheit. Meine Mutter sitzt angespannt auf dem Beifahrersitz, zieht – wenn es etwa Winter ist – die Handschuhe nicht aus, den Schal nicht vom Hals, die Mütze nicht vom Kopf, weil sie sich gerade jetzt nicht freimachen kann oder als würde sie all die Kleidung schützen können, vor der Kälte im Auto. Alles, was kommt, sieht sie nunmehr unter dem Brennglas ihrer Unruhe, ihr Witterungssinn ist von hier an hyperaktiv. Unliebsame Erinnerungen, die sie für solche Situationen parat hat – denn wie oft hat sie schon warten müssen, immer warten müssen auf meinen Vater, der sich ja immer erst vorzubereiten beginne, wenn alle schon im Auto säßen, der, da meine Mutter ihre Schuhe schnürt, plötzlich ins Bad und duschen oder sich rasieren müsse, dem urplötzlich einfiele, er müsse ja, bevor sie ihr eigentliches Ziel ansteuern könnten, noch kurz hierhin oder dorthin, dies oder das erledigen, und auf den man sich ja grundsätzlich nur unter Vorbehalt verlassen könne, denn wie war das damals eigentlich mit dem Haus, habe er da nicht im Voraus großspurig angekündigt, er kümmere sich um alles, würde alles selber erledigen, und wie lange habe denn meine Mutter aber warten müssen, bis alles eingerichtet war, wie lange habe sie denn in einem halbfertigen Haus sitzen müssen –, kommen auf und mischen sich mit den Unliebsamkeiten der aktuellen Situation. Vornehmlich die Fahrweise meines Vaters gerät nun unter Beschuss. Ob das nicht eben schon Rot gewesen sei? Doch, doch, es war schon Rot, meine Mutter habe noch sehen können, wie die Ampel von Gelb auf Rot gesprungen sei. Und wie er eben die Spur gewechselt hat, das sei aber knapp gewesen, und ob das nötig gewesen sei, denn sie seien ja in der Stadt und da würde es doch keinen Unterschied machen, ob man nun dies eine Auto noch überholt habe oder nicht, das sei doch unbedeutend. Aber vor allem fährt mein Vater natürlich zu schnell. Sie sagt freilich nicht, er fahre zu schnell, sie sagt: Seine Fahrweise sei „rabiat“. Aber sie sagt das nicht im offenen Vorwurf, sie spricht von sich, nämlich: Ihr sei diese Fahrweise zu rabiat, ihr sei unwohl dabei, sie könne nicht entspannen, sie verstehe auch diese ganze Hektik nicht, die ja zumal auch gar nicht nötig gewesen wäre, wäre man pünktlich, nämlich nach ihren Plänen losgefahren. Das ist mit dem Alter schlimmer geworden, ihr Gefühl, alles um sie herum wäre „zu hektisch“. Dabei fährt mein Vater mit den Jahren immer rücksichtsvoller – früher hat es das schon gegeben, irre riskante Manöver auf Autobahnen oder vielbefahrenen Landstraßen gerade im östlichen Ungarn, hinter Budapest, wo die Autobahn irgendwann abbricht und man die restlichen Stunden nur mehr dahintingeln kann. Aber das Tingeln entsprach nicht meines Vaters Gemüt. Zwei, drei, manchmal mehr LKWs hat er überholt, obwohl von vorn bereits andere kamen, und manchmal hat man schon gedacht: Jesus Christus, das war’s. Aber er zog in einer unendlichen Seelenruhe durch und bog dann unsagbar knapp wieder ein. Es ist nie schiefgegangen, es hat immer geklappt. Aber bei meiner Mutter ist nicht hängengeblieben, hat sich als Gefühl nicht verfestigt, dass es immer funktioniert hat, dass mein Vater uns immer unbeschadet ans Ziel gebracht hat; bei ihr hängengeblieben ist das Gefühl der Panik, der Angst, eine todesahnende Unruhe. Und jetzt, im Alter, fährt er nun wirklich bedeutend rücksichtsvoller, tingelt auch schon mal stundenlang dahin, wenn sie Ausflüge nach Prag oder nach Salzburg machen. Aber in den Momenten, wenn die Fahrt schon unruhig begann und er, wie auch meine Mutter, vor sich hin grummelt, dann kommt die alte Fahrweise doch wieder durch. Seine Vorwürfe hingegen sind offener vorgetragen, wenn auch mit verkniffener Stimme, als würde er es gleichzeitig unterdrücken wollen: Sie solle ihn machen, solle ihn doch mal in Ruhe lassen, sie mache ihn verrückt, denn all die Hektik käme nur auf durch ihre Einbildung, alles sei so hektisch. Und dann Schweigen. Eine Stunde, zwei Stunden. Und irgendwann doch wieder ein Annähern. Sei es, dass mein Vater ein Auto, das genügsam vor sich hin schleicht, nicht überholt oder vor einer Ampel, die gerad auf Gelb geht, langsam austrudelt. Oder sei es, dass er sie fragt, ob sie was möchte, ob sie Hunger habe, was trinken wolle. Meine Mutter kann dann nicht immer gleich einlenken, sie leidet noch an ihrer inneren Verhärtung. Sagt dann entweder nichts oder verneint, bis sie, nach einer Weile, angibt, doch etwas essen zu wollen. Das muss nicht einmal zutreffen, sie sagt es nur, um das stille Angebot der Versöhnung doch noch anzunehmen. Dann ist es wieder friedlich und sie sind zärtlicher zueinander, als sie es ohne den Streit gewesen wären.

15 02 15, 10 Uhr

Um Balgheim viel Schnee. Alles bedeckt.

11 Uhr

Eutingen. Schönes, ruhiges Land, mit fast nördlicher Anmutung. Ein, zwei Torsi von Alleen; manchmal nur ein Baum, mitten auf freiem Feld, und man könnte sich gut weitere dazu vorstellen, und eine kleine ruhige Straße, wie in Brandenburg, uckermärkisch, zwischen Rheinsberg u. Neuruppin. Manche Bäume unterdes in Form udgl. anders als im Norden. Von kleinerem Wuchs, aber kräftigerem Stamm, von dem die Äste bisweilen märchenhaft abstehen, erstarrt in einer Performance, Pina Bausch in Holz, in einem hölzernen Tanz in der Art von Cages ASLSP, und alle Jahre hat sich die Haltung unmerklich verändert.

Auf dem Bahnsteig gegenüber steht die S41 nach Karlsruhe, Tullastr. Das vergilbte Orange der Bahn, schon auf der Hinreise mein Madeleine-Moment. Die Fahrten mit LH oder der fremden Türkin, deren Namen ich nicht mehr erinnere, die Fahrten nach Heilbronn zu E., die Fahrten allein, fast immer ohne Ticket, und die Erinnerung daran, unter welch absurden Umständen ich mitunter Kontrolleuren ausgewichen bin. Die allererste Fahrt, das erinnere ich mit jener gülden gestrichenen Wonne, mit der man sich die Jugend verklärt, leistete ich im Beisein LHs ab, die damals nahe Karlsruhe zeitweise den Hund einer fremden Familie versorgte. Das muss im Sommer 2002 gewesen sein. Ich selber lebte noch in Augsburg, wo sie mich einige Wochen zuvor für einen sentimental verlebten Tag besucht hatte. Er endete mit einem schönen Kuss auf dem Brunnen vorm Bahnhof und einem Griff an ihren wunderlich gerundeten Hintern. Eine kleine Erinnerung nur, aber für mich die schönste, auch eindrücklichste an LH. Wie wir auf dem Brunnen standen, innig abgesackt in die intime Klause, von aller übrigen Welt restlos abgeschottet, galt mir immer als romantischer Initiationsmoment einer großen Freundschaft, von latenter Liebelei angestachelt. Aber es hat sich über die Zeit doch als ein gewöhnlicher Irrtum eines Menschen herausgestellt, der die unangenehme Neigung hat, sich meist zu früh, will sagen, ohne genügend Gründe, die man der Wirklichkeit abzuringen hat, zu verlieben. Aber einige schöne Wochen, in denen wir verliebte Telefonate führten, waren uns doch vergönnt. Darunter eben der Tag, an dem ich sie besuchte. Von Karlsruhe aus sind wir, mit der S41, in einen kleinen Ort gefahren und tollten, als die Bahn schon wieder fort war, übermütig auf dem Bahnsteig herum. Später sind wir unter eine Autobahnbrücke gehuscht, den Landseer im Schlepptau, und haben ein Wändchen mit Farbe besprüht und mithilfe von Eddings, was horrende Mode war, poetische Sprüchlein draufgekritzelt. Zahme Vögel, wilde Vögel, Freiheit usw. Pathetische Dummheiten, an die ich meine späte Jugend verschwendet habe. LH war in dieser Zeit ein Mädchen mit überbordendem Lebensdrang. Ein Mädchen in einer Phase, da es glaubt, sich niemals entscheiden zu müssen, was es sein wolle: Junge oder Mädchen. Diese geschlechtliche Unbestimmtheit, die mehr eine Sache der Psyche als des Körpers war, übertrug sich auch auf die Art unserer Bekanntschaft. Als ich zwei Jahre später nach Karlsruhe zog – „Pack deine Sachen und komm zu mir“, hatte sie ohne Umschweife am Telefon gesagt, als ich ihr meine Lage schilderte (Trennung von S. und ohne Vorstellung meiner näheren Zukunft) –, betrieben wir in den ersten Wochen eine seltsam nüchterne On/Off-Beziehung, die bald abflaute zu einer diskreten Bekanntschaft, in der man sich nur sehr gelegentlich sah. An manchen Tagen sahen wir uns eine Stunde und sprachen über Belanglosigkeiten wie Verwandte, die sich einmal im Jahr sehen und zum Familientreffen gezwungenermaßen am selben Tisch sitzen. An andern Tagen lag ihr Freund – sie hatten eine Wohnung, in der es kein Schlafzimmer, nur ein großes Wohnzimmer gab – schlafend auf dem Bett, während wir uns, keine drei Meter entfernt, leise aber innig auf dem Sofa vergnügten. Oder im Park, umgeben von Familien, kiffenden Punks und Fußball spielenden Afrikanern. Aber zu dieser Zeit hatte sie ihre mitreißende Unbekümmertheit beinahe schon verloren. Dem (auch sozialen) Obdach der Familie entzogen, verausgabte sie sich in ihrem Verlangen, endlich nur noch erwachsen zu sein. Was ihr gleichbedeutend schien einmal mit der Aufgabe des Schreibens, wofür sie nicht ganz unbegabt war, und zum andern mit der hemmungslosen Hingabe ans bloß noch Alltägliche. Ich hingegen, auch längst dem Elternhaus entgangen, wollte mich aufs Erwachsensein nicht seriös einlassen. Immer hatte ich mich als jemand gefühlt, dem der Bezug zu den gewöhnlichen Epochen eines Menschenlebens genuin fehlt. Weder habe ich mich als Kind wie ein Kind, noch als Erwachsener wie ein Erwachsener benommen. Sie floh in den Alltag der Bedrängnis des Schreibens, ich ins Schreiben der Bedrängnis des Alltags. Kurzum, wir gingen uns nichts mehr an. Und nur gelegentlich trödelten wir in der Erinnerung herum an den vergangenen Sommer, in dem sie mir, während ich auf Arbeit saß und vom Chef missmutig angehalten wurde, Aufgaben und Aufgaben und Aufgaben zu erledigen, am Telefon nicht aufhören konnte, mir Lieder auf der Gitarre vorzuspielen. – LH, ich muss jetzt wirklich an die Arbeit, der Alte grummelt schon. – Warte, nur noch den einen Song, von den Dead Kennedys, weißte. Und ich wartete und hörte ihn mir an, nach dessen letztem Ton ihr ein weiterer Song einfiel. Sie hatte etwas Ungezügeltes, das mich halb mitzog und halb mitleidig machte. Wir waren grundverschieden, aber ich mochte sie. Sie war vielleicht der erste Mensch, der durch seine sympathische Entgegengesetztheit meine soziale Borniertheit aufbrach.

12 Uhr

Jetzt Stuttgart, auf einem der dreißig Zentimeter hohen Steinquader an den quadratischen Säulen vor dem Taxistand. Eine Reflexion über Taxifahrer und div. Frauenerfahrungen bieten sich an, aber nach der Zigarette hau ich mein Kleingeld fürs Kacken raus und dann werde ich mir die Sportzeitungen der letzten Woche nachkaufen.

13 Uhr

Ein ruhiger Vormittag, unausgeschlafen zwar, aber friedlich. Dann das Unglück: Zwei Rentnerinnen schräg hinter mir, die mit dem fickfidelen Futtern von fettigen Fressalien, mit ihrem Fettfraßfimmel, mich famoses Faultier foltern. Knirschen, knarzen, rascheln und schmatzen unentwegt, dass ich schlabbernde Schwabbelschnecke mit schwitzig-schwieligem Schwanz, ich wüstes Wichs-Wiesel mit wurstigem Wanst, nur bös aus dem Fenster starren kann, indes sich ein bohrendes Blutbadbedürfnis in meinem Magen verfestigt.

16.20 Uhr

Deutschlands schönste Bahnstrecken. Würzburg in nördlicher Richtung gehört zweifellos nicht dazu. Eher flaches Land, leicht wellig, immer wieder kleine Städtchen oder Dörfchen nah an den Gleisen, mitunter recht hübsch. Dann aber fährt man plötzlich in ein abnorm hässliches Industriegebiet hinein, wo der Schmutz der Erde sich ins Innere der Gebäude geschaufelt hat, was, wie man gar nicht anders annehmen kann, auf die Menschen dort manchen Einfluss haben muss, besprenkelt von einigen noch hässlicheren Wohnhäusern, die man eher im ungarischen Hinterland erwartet hätte und von denen man nicht annehmen möchte, dort könnten wahrlich Menschen wohnen, bestenfalls Tote hausen, der Friedhof fürs Industriegebiet, bis man merkt: man fährt in Schweinfurt ein.


Freilich, meine Laune kommt aus dem Verdruss her, d.h. aus Würzburg. Der Bahnhof, und auch der Vorplatz, voll mit furiosen Fasnächtlern, sämtlich jeweils als die denkbar dümmste Version von sich selbst verkleidet und lautstark krakeelend – „Zicke-Zacke, eins, zwei, drei – HEY!“ (leider verlor auch nach einer halben Stunde niemand die Lust an dieser prächtigen Parole) – und daneben die WC-Einrichtung verstopfend. Nun ist ja das Bedeutendste, was man von Würzburg sagen kann, dass nach der flüchtigen Sanierung des Bahnhofs die Toiletten modernisiert oder, wie man in diesem Fall bemerken darf, überhaupt erst menschengerecht installiert wurden, wenn man bedenkt, in welch verlassenen Klo-Kabinen, deren dreckige Wände mit homophilen Angeboten drapiert waren und bloß der Mangel an Glory Holes verwunderlich war, man sich ehedem zu erlösen hatte. Von dieser Erneuerung aber habe ich heute kaum profitieren können, der Geist des lokusialen Luxus ist mir entgangen, nachdem ich darin kaum treten konnte und, wie in einer überfüllten Kneipe, umlagert war von adipösen Superhelden, Bären und halbnackten Sängern mit Neigung zur Permanenz-Promille. Resigniert schob ich meinen Koffer durch die brunzende Bagage, im Arm einen Beutel voll Bücher, den ich fest umschloss und an die Brust drückte, als schützte ich mein Kind. Ein seltenes Erlebnis: Wenn in einer öffentlichen WC-Einrichtung der Duft einer vom Klosett verdauten Defäkation noch die geringste Störung der Sinne verursacht. Wie wird man nicht literarisch erzogen zur ungebrochenen Menschenliebe, all die großen Humanisten erhoben sich in mir: Büchner, Fontane, Zola usw., und riefen mich zur Liebesordnung. Aber gegen Karnevalisten bin ich hilf- und wehrlos. Da suche ich mich innerlich ab nach Liebe, wie ein Lump seine Taschen nach Geld abgräbt; und wie diesem die leeren Taschen aus der Hose hängen, hatte ich mein Herz nach außen gestülpt, und ebenso verbittert stand ich da: keine Liebe, nirgends.


Obwohl junge Frauen, wenn sie ausgelassen sind, durchaus etwas für sich haben. Wenn sie mental ausleiern, spinnert werden, den Mut zur Geistlosigkeit aufbringen (wo es beim Mann weniger ein Mut, mehr ein Trieb ist, den ich auch an mir selber oft bemerke). Wenn sie sich einem so leicht an den Hals werfen und Erregung und Kuschelbedürfnis nach einer Melodie, einem Rhythmus wechseln, der mich zwar betört, für dessen Entschlüsselung mir aber das absolute Gehör fehlt. Das entzündet eine Sympathie in mir, die ich nicht leugnen kann, auch wenn ich beständig gegen sie anvernünfteln will. Aber junge Männer! Widerlich, schon unbesoffen. Wo sich Frauen, wenn sie sich angeheitert gruppieren, in eine wenn auch durchtriebene, so doch sympathische Harmlosigkeit hineinblödeln, verfallen Männer, die aus ähnlichen Gründen zusammenkommen, auf eine Verschärfung des Harmlosen ins mindestens moralisch Kriminelle. Nicht durchweg, vielleicht nicht einmal prinzipiell, aber doch in einer Häufung, die selbst auf einen geübten Isolationskönner bedrohlich wirken muss. Und noch etwas: Frauen, wenn sie auf jemanden treffen, der sich von ihrer Stimmung nicht ergreifen lässt, können ablassen von einem; Männer nicht. Und wenn, nur abschätzig; Frauen schlimmstenfalls mit einer Gleichgültigkeit, in der ich mich aber gut aufgehoben fühle. So, nach diesem Plädoyer für die Weiblichkeit, das mir viel Respekt von meinen literarischen Ahnen einbringen wird, will ich, aus dem Fenster sehend, auf eine Besserung der landschaftlichen Ästhetik hoffen.

Magdeburg, 22 Uhr

Manches gelesen. In Sasha Greys niedlichem „Juliette Society“, eine feminine Deszendenz von „Opus Pistorum“ und das bessere „Fifty Shades of Grey“, freilich immer noch keine Hochliteratur und versehen mit dem Malheur, die eigenen Ambitionen zwar, verstrickt in ein Filmstudium, theoretisch zu formulieren, aber literarisch nicht einzulösen. Die Geschichte, betont die Ich-Erzählerin immer wieder, müsse den Figuren dienen, nicht umgekehrt. Indes die Figuren im Buch blasse, papierne Etiketten sind, denen diverse Eigenschaften zugesprochen werden. Eine narrative, auch psychologische Entwicklung der Figuren findet nicht statt, immer nur eine behauptete. Aber das Buch wird, nach den schwachsinnigen Anfangsseiten, doch leicht sympathisch (wenn auch nicht wirklich ergreifend) und zudem ist der Anspruch des Buches so auffallend gering, dass ich es ihm nicht starrhälsig vorwerfen will. Es hat nämlich einen Vorzug, der, aus Sicht einer literarischen Kritik, die Nachteile nicht aufwiegt, aus Sicht eines „Amateur-Lesers“ (Salinger) aber gewichtiger ist: Man spürt ein Bedürfnis nach Aufrichtigkeit. Nicht bloß eine des Herzens, auch eine des Geistes. Eine Aufrichtigkeit, auf der eine Scheu wie ein zarter Flaum liegt, die in einer Melange aus Demut und Verlangen in eine intime Nähe zur Wahrheit geraten will. Der Form-, der Gestaltungs-, ja der Kunstwille kann mir auch einmal schwächer ausgeprägt sein – tatsächlich gelingt es ihr an einer Stelle, innert zwei oder drei Sätzen fünf, sechs angeblich verschiedene, aber in ihrer Struktur monotone Vergleiche für ein und dieselbe Sache aufzurufen, wobei ich nicht sicher war, ob man derlei ohne Ironie überhaupt schreiben kann –, wenn dafür bekannt wird mit einem Instinkt für das Unverfälschte, mit einer Appetenz für das Authentische, wenn damit das wenige gemeint sein will, keiner effekthörigen Theatralik zu verfallen. Daher lese ich gern Tagebücher oder Briefe, auch Romane, die von ähnlicher Intimität sind (Gantenbein, Montauk).

1 Uhr

Die verhaltene Zerrissenheit, wenn man in die Heimatstadt einfährt. Ein Vorfühlen von Zuhausesein, das das erschöpfte Gemüt noch einmal belebt. Aber auch Wehmut ist dabei. Wie wenn nach einem schönen, ereignisreichen Sommer die Luft leise auskühlt, die Schwüle einbüßt, ohne aber schon wirklich kühl zu werden, und sich der nachsommerliche September in einen hineinschiebt, als würde er sich mit einem befreunden wollen, wo er doch nur die Aufgabe hat, den Eintritt ins herbstliche Purgatorium zu erleichtern. Der Sommer ist noch nicht ganz fort, ist noch nicht endgültig erledigt, aber der Herbst ist unausweichlich und das Auskühlen der Luft wirkt, als weiche der Sommer zögernd vor ihm zurück. Ich habe mich erinnert, wie wir früher, nach langer Fahrt, aus Ungarn in die Heimatstadt kamen. Die Dämmerung begann, wenn wir von der Autobahn abkamen, das Schild nach Augsburg wies und wir die vertrauten Landstraßen befuhren, die vertrauten Kurven nahmen, die vertrauten Abbiegungen. Stille drinnen wie draußen, nur unterbrochen vom Geräusch des Blinkers. Dann die leere, verlassene Großstadt, nur manche Geschäfte der Friedberger Straße, Richtung Hochzoll, noch von Außenlampen beleuchtet. Es war mir immer der liebste Anblick von Augsburg, diese nächtliche menschliche Ausdünnung, der Gedanke: wie es wäre ohne Menschen. Später, in der Jugend, bin ich oft nachts dort herumgelaufen. Aus Hochzoll kommend dann, das tiefer liegt, sah man die hell erleuchtete Stadtmauer auf der Anhöhe, wir fuhren ihr entgegen und, nachdem sich die B300 von der Friedberger Straße löst, seitlich an ihr vorbei Richtung Dasing. Nach der langgezogenen Kurve, von der Stadtmauer weg, die letzte Ampel, nachts ohne Funktion, und links in die Seitenstraße und gleich wieder rechts auf den Hof, langsam austrudelnd bis zur Garage. Die Mutter mit dem Bedürfnis (das hatte sie oft), noch einen Moment im Auto zu sitzen, der Vater gleich raus und zum Kofferraum, der Bruder, schlafend mit dem Kopf auf meinem Schoß, mit einem sanften Erweckungskraulen bedacht. Ein seltsamer Moment. Solang das Auto nicht hielt, war man in Sicherheit. Geschützt vor dem trivialen Zuhause, vor der Betriebsamkeit einer Familie, in der jeder die eigenen Pflichten für die eigentlichen hält und nur die Kinder die ihren nicht verhandeln dürfen. Aber die halbe Stunde davor, wenn man in die immer mehr vertraute Landschaft einfuhr, das war ein Zwischenzustand: Jedes Ankommen hat etwas Erleichterndes, im Himmel wie in der Hölle. Noch einmal ist man frei: wie man das Ankommen gestaltet, aber auch wie man es empfindet, ist der letzte intime Moment der Reise, der letzte Moment, in dem man sich vor jedem autoritären Zugriff – und auch der Alltag eines Erwachsenen ist so ein Zugriff – immunisieren kann. Aber die Ankunft – was banal klingt – ist auch zugleich ein Abschied, und eben ein Abschied von der Illusion einer Freiheit, die vielleicht nur in diesem Augenblick, da sie sich im Magen bemerkbar macht, ihren illusorischen Charakter aufgibt und sich als etwas Wirkliches preisgibt. Als Kind auf andere Weise: Während der Fahrt war das Verhältnis zu den Eltern ungezwungener, nicht zuletzt, da sie selber sich freier fühlten und sich der Anstrengung der Reise auf eigene, persönliche Art stellten. Der Vater hörte seine Musik und sang dazu, gab Anekdoten aus seiner eigenen Zeit als Musiker von sich, immer mit der Selbstironie des aus Faulheit und mangelndem Talent Gescheiterten, die Mutter hatte die Beine hochgelegt aufs Armaturenbrett, worunter im Handschuhfach seit der Wende eine Gaspistole aufbewahrt lag, und neckte und verulkte meinen Vater für seine jugendlichen Träume. Man erlebte sie nicht nur als Mutter und Vater, auch als Mann und Frau, und in dieser Stimmung durften selbst die Kinder Scherze über sie machen, ohne parental sanktioniert zu werden. Man war herausgehoben aus der starren Rolle als Kind, in die eingefroren zu sein mich früh belastet hat. Und dann aber Wehmut bei der Ankunft, weil man die allmähliche Verflüchtigung dieser Freiheit spürte. Die letzten Augenblicke hätte man gern noch einmal intensiv genutzt, aber alle waren zu müde, der Bruder, der schon zwei Stunden auf meinem Schoß gelegen hatte, weshalb ich mich nicht traute, mich nur in der Art eines Zuckens zu bewegen, und die Eltern, die schon ans Weitere dachten: das Auto auszuladen, die Wäsche zu waschen, die Kinder ins Bett zu bringen und alles für den kommenden Tag vorzubereiten. Der Alltag, von dem ich mich noch ein letztes Mal wegbäumen wollte, wurde von ihnen schon wieder antizipiert, und meine kindliche Sehnsucht nach dem ewigen Zwischenzustand war chancenlos.

06 04 16

Schwerfällig aber erleichtert aus dem Bus, an dessen unruhige Fahrt ich mich nie gewöhne, werden wir gleich angesprochen: Deutsche? You need money? Ich weiß nicht, weshalb ich den Mann verächtlich ansehe und eine Wischbewegung mit der Hand mache, statt freundlich zu verneinen. Ein Abweisungsreflex, den ich mir später gutrede: weil ich an L. keine Art von Malesche habe herankommen lassen wollen. Vielleicht ist sogar was dran, aber das Gefühl war wie früher auf der Straße: wenn ich einen, der mich ansprach, nicht einschätzen konnte, hab ich ihn rüde abgewehrt. Ein Reflex, mit der Zeit, aus Erfahrung. Aus Lautsprechern die Ansage, kein Geld auf der Straße zu wechseln. Don’t change money on the street, wiederholt die Frauenstimme streng. Der Eindruck des Strengen, oder wenigstens Inkordialen, verfestigt sich über den Tag: Die Prager helfen, aber mehr aus Anstand. Den ganzen Tag über Herzlichkeit nur von Ausländern. Gelegentlich fordere ich sie heraus, frage hier und da nach dem Weg, obwohl ich ihn schon kenne. Aber Herzliches kommt nicht; kein Wort übers Notwendige hinaus. Als ich mich einmal, als mir in der Tür zu einem Antiquitäten-Laden von zwei Männern und einer Frau knapp der Weg zum „Old Jewish Cemetary“ beschrieben wird, umdrehen und bedanken will – die Worte sind schon auf den Lippen, „very nice, thank you“ –, sind sie schon abgedreht; keine Zeit für Floskeln. Und auch keine Anbiederung, vor allem ans Deutsche nicht. Einmal fahren wir in einem Einkaufszentrum in die oberste Etage; ein Restaurant, das wir nur interessehalber auskundschaften. Als wir wieder hinunter wollen und mehrfach erfolglos den Aufzugtaster drücken, spricht uns ein stämmiger älterer Herr an, braun uniformiert, auf Tschechisch. Wir verstehen nicht. Dann zeigt er auf ein Schild. In tschechischer, dann in englischer Sprache heißt es darauf: Hinab geht es nur übers Treppenhaus. Er sagt es uns nicht, auch auf Englisch nicht, er zeigt nur aufs Schild. Im Treppenhaus, hinter uns, eine ältere blonde, leicht gedrungene Amerikanerin, sie poltert: „Stupid idiot!“ Ihre Tonlage verlangt Zuspruch. Ich ziehe das Tempo an, in der Hoffnung, L. würde das als Signal verstehen und nachziehen; ich will solchem Schimpf nicht beipflichten, auch nicht durch eine stumme, passive Geste. Unten sage ich: „Vielleicht unprofessionell, aber auch irgendwie sympathisch.“

Es versetzt einen, im Verbund mit einer so fremd klingenden Sprache, an die man sich weder vom Wortstamm noch vom Klang her annähern kann, in ein Gefühl der Aufgeschmissenheit. Das anonymisiert einen, und für gewöhnlich widerstrebt einem diese Anonymität, aus der heraus es sich nicht herrschen lässt. Aber zugleich entbindet es einen auch von jeder sozialen Verantwor­tung. Wenn einem die Codes sozialer Weisungen nicht bekannt sind und man sich dieser Codes auch fürderhin nicht befleißigen will und dieses Kenntnis- und Ambitionsdefizit sozial anerkannt ist, ist man, was die internen sozialen Strukturen angeht, dekorporiert und einer Ausweisschuld enthoben. Und in diesem Zustand hebt sich der Zwang zur Identifikation auf. Sie wird nahezu gegenstandslos. Ein General-Dispens, der einen zwar exiliert (bei gleichzeiti­gem Anspruch auf geographische Inklusion, was ein politisches, indes kein soziales Mandat bedeutet), der aber gerade dadurch auch etwas Freiheitli­ches initiiert. Oder, schnöde gesagt: den Verzicht als Erlösung begreifen. (Wo­bei ich überlege, ob nicht ein politisches ein soziales Mandat doch impliziert, ob das soziale also nicht vielleicht doch a priori im politischen angelegt ist. Andererseits ist das hier gemeinte politische Mandat ja auch derart verfasst, dass es gerade einen Erlass des sozialen bedeutet. Darüber an anderer Stelle einmal mehr.)

Aber ich dachte auch: Vielleicht war die englische Übersetzung nur gerade so rausgewürgt. Denn das Englische als sozusagen universale Sprache, in der – ironisch gesagt – die Welt zuhause ist, enthebt die Prager der Aufgabe, sich einer andern Kultur (die sich auf einem Schild unmissverständlich nur sprachlich vermitteln kann) wirklich anzunähern. Das Nationalistische ist in Prag nicht so äußerlich wie in Kopenhagen, wo jeder Mast und jede Laterne dänisch beflaggt ist, hier zeigt es sich subtiler, versteckter. Aber dadurch vielleicht noch unnachgiebiger. Denn indem man das Englische in seiner Funktion als kollektive Anonymisierung gebraucht, unterdrückt man das Einende dran und betont das Trennende; ein Isolationsmanöver – man verschanzt sich dahinter. Wo das Englische in Kopenhagen z.B. ja wirklich das Einende bestätigt, indem es dem Austausch dient, nicht der Absicherung.

07 04 16

Ganz stimmt es nicht: sie seien hilfsbereit nicht aus Herzlichkeit. Im Uni-Ge­bäude an einer der Brücken – ich habe erfolglos gegoogelt, welche – führt es uns in den Mensa-Bereich; an der Theke will ich L. Kaffee organisieren. Die Ausgeberin, eine junge Frau, beherrscht das Englische nicht – außer „coffee“ versteht sie nichts. Ein älterer Mann, in der Schlange hinter mir, hilft aus. Ihm sage ich’s auf Englisch, er übersetzt ins Tschechische. Zwar bekomme ich trotzdem das Falsche (Latte Macchiato statt Milchkaffee), aber er hilft nicht allein aus Zeitgründen, etwa um selber voranzukommen. Denn er hat sein Getränk längst, als es um meines noch immer Irritation gibt. Er bleibt, bis man’s mir aushändigt. Aber auch hier: als ich mich bedanken will, ist er schon abgedreht.

Es ist eine schöne Stadt. Das klingt wie ein abgenötigtes Bekenntnis, denn für gewöhnlich muss man sich nicht erst drauf einigen, dass Prag eine schöne Stadt ist. Eine Postkarten-Stadt, die sich als solche bloß bestätigen will. (Mein Eindruck: Die Prager wissen das und verweigern sich dem Schicksal, soziale Kulisse für Touristen zu sein. Und natürlich ist mir das sympathisch, und wenn ich die Sprache spräche, fänd ich vielleicht auch die ironische Brechung in dieser Haltung, wie sie mir von Ur-Berlinern vertraut ist.) Es hat aber was Zwiespältiges: Nichts, das nicht touristisch verhurt würde – jeder Backstein scheint von historischer Bedeutung zu sein, und für den Anblick jedes einzelnen wird einem ein Obolus abverlangt, als würde erst dieses Wechselgeschäft die historische Bedeutung bezeugen, und fleißig wird alles abfotografiert, am energischsten von Ost-Asiaten (de­ren unermüdlicher, unerschütterlicher, unerschrockener Selfieismus L. eine eigene Gattungsbezeichnung finden ließ: touristicus spasticus). Aber die Prager selbst: ohne Sinn fürs Touristische, ohne Empathie. In der Tat ist mir das sympathisch, weil ich darin die Apathie des Großstädters im Hinblick auf die sog. Sehenswürdigkeiten seiner Stadt erkenne, die mir selber sehr vertraut ist: was kümmert mich das Brandenburger Tor usw. Sie absorbieren nicht die Erhabenheit ihrer Bauten und ihrer Geschichte und tragen sie an sich selbst zur Schau. Aber wenn in einer Kirche nur ein bestimmter Bereich kostenfrei betretbar ist, ein anderer, der freilich auch vom kostenfreien Bereich aus zu sehen ist, aber nur kostenpflichtig, als würde sich die Bedeutsamkeit des Ortes nur dann ereignen, wenn man auf dem kostenpflichtigen Boden stehe, dann drückt das auch eine irritierende Gleichgültigkeit gegen die eigene Geschichte aus. Wenn Kulturdenkmäler zur bloß noch pekuniären Einnahmequelle degradiert werden, dann wird die Freiheitlichkeit, die im öffentlichen Zugang zur Geschichte liegt, pervertiert und der, der Geschichte schauen und begreifen will, zum nackten Besichtigungszombie herunterkapitalisiert. Das Individuum, das sich ja gerade in der Begegnung mit der Geschichte aktualisiert, wird strukturell ausgebootet, weshalb sich das Ge­schichtliche und damit die ideelle Kraft des architektonischen Relikts, für das man auf diese Weise zahlen soll, freilich umgehend verwirkt. Le paradoxe de touriste.

Aber, doch, natürlich: Es ist eine schöne Stadt. Dort einen verschwärmten Frühling verbringen, verliebt von Grund auf, binge loving to the fullest – da­für wär’s eine wunderbare Stadt. Zwar sagte L., sie wolle weiter die Königin von Kopenhagen bleiben, aber unten an der Moldau zu stehen und die Anhöhe hinaufzublicken zur Burg, das sei, sie könne es nicht leugnen, „schon ein imposanter Anblick“. Es gibt derer einige; gelegentlich bleibt man stehen, auf der Karlova oder vor einem alten Gebäude, und versichert einander, wie schön das sei. Es gibt keinen Einwand gegen die Schönheit dieser Stadt. Nur eben überwältigt hat mich Prag nicht. Und sicherlich ist es idiotisch, nun jede Stadt an Kopenhagen zu messen, nur weil ich seither von einem Überwälti­gungsverlangen ergriffen bin, und gewiss wurde ich in keinem Moment gleichgültig gegen Prag. Aber man durchrieselt die Stadt, läuft an teils wun­derschönen Häuserfassaden vorüber, bewundert den epochalen Pluralismus der innenstädtischen Architektur, läuft an der Moldau entlang, den Hang hin­auf, passiert besinnlich die Burgmauern und schaut sich Prag von oben, von unten, von innen wie von außen an – und leise, ganz leise tönt es an in mir: Es ist nicht Kopenhagen.

08 04 16

Prag ist mir dort nah, wo es L. fern ist. Am zweiten Tag sind wir des Laufens buchstäblich zu müde; mit dem Tagesticket setzen wir uns in die Tram und fahren hierhin und dorthin. Zunächst eine Weile an der Moldau entlang; L. mit dem Blick hinaus, vom Panorama friedlich beseelt; ich hingegen verliere meinen Blick innerhalb der Bahn; eine Schulklasse von vielleicht zwanzig Kindern. Ich nehme an: eine Art thematischer Wandertag, denn alle tragen sie etwas Gelbes an sich; eine gelbe Mütze, ein gelbes Shirt oder eine gelbe Tasche. Welches Thema hierbei verhandelt wird? Mir fällt nicht mehr ein als „die Sonne“. Wahrscheinlich lernen sie auf diese Weise den spielerischen Umgang mit ihr. Ich stelle mir vor, wie sie, in Gruppen aufgeteilt, einzelne Aspekte herausarbeiten und ihre gesammelten Erkenntnisse in einem Referat vorstellen sollen: „Die Sonne – Vor- und Nachteile eines planetarischen Phänomens“ – „Die Sonne als Wille und Vorstellung“ – „Ist die Sonne Sozialistin? Eine kritische Betrachtung“. Aber ich lenke nur davon ab, dass ich zu doof bin, mir einen Reim auf dieses Gelb zu machen. [E. klärt mich später auf: die einheitliche Kleidung, um der Lehrerin nicht verloren zu gehen. Bin direkt beschämt über mein Unvermögen, das Offenkundige zu erfassen.] Es ist eine alte Tram, rot-weiß wie auch die neuen, aber mit härteren Sitzen, von dunkelgrauem Stoff bespannt; für alle Kinder reichen sie nicht. Aber wie natürlich die Sitzenden die Übrigen auf den Schoß nehmen, ohne Zureden der Lehrerin. Manche tauschen auch alle zwei, drei Stationen; keines muss durchgehend stehen. Wie lebhaft die Kinder sind, aber auch wie ruhig zugleich; keines am Kreischen. Ihr Umgang untereinander, er hat was eindrücklich Sittsames. Mein Blick verliert sich in dieser Equipe. Immer, wenn ich einem Kind eine halbe Minute lang beim Sosein zugesehen hab, halt ich es gleich für das großartigste Kind der Welt; und so bei jedem weiteren. Das bringt auch L., wenn wir individuelle Wünsche verhandeln, immer so umstandslos in eine hegemoniale Position: dass ich mich dem Magischen so leicht ergebe.

Als sie raus sind, geht auch mein Blick wieder hinaus auf den Fluss. Wir sitzen still hintereinander, L. vor mir, und fahren bis beinah raus aus der Stadt. Aber dann will sie doch wieder umkehren; von Wohngebieten ist sie gelangweilt. Meine Phantasie hingegen, die vor prächtigen Bauten verstummt, blüht dort endlich auf. Wir steigen aus der Bahn und decken uns im Discounter mit horrend billigem Gebäck ein; L. drückt mir einen Schokoriegel namens „Turistky“ auf, den sie mir später wieder abknöpft. Ich will herumlaufen dort, durchs Wohngebiet. L. opponiert. Das nun wirklich nicht. Da sei man für ein paar Tage in PRAG und ich wolle mir Wohnblocks ansehen; das habe sie auch in Marzahn. Ich quengle. Sie erbarmt sich meiner und gönnt mir zehn Minuten. Dankbar stapfe ich an den Betonkästen vorbei und beobachte einen Mann, der aus seinem Auto steigt, eine Haustür öffnet und drin verschwindet. L. versteht nicht, was mich daran bannt, und ich kann es nicht erklären. Das sei das eigentliche Prag, sage ich, aber es kommt mir auch gleich blöd vor.

Zweifellos ist es nicht das Prag, das man meint, wenn man später sagt: Man sei in Prag gewesen. Dies städtische Hinterland ist nicht der Signifikat jener Vokabel. Man ist Urlauber, Tourist, und in dieser Rolle meint man mit Prag die Burg, die Karlova, die Moldau. Und nichts davon meint man von dessen ordinärer Funktion her. In diesem Fall wird die Bedeutsamkeit vorausgesetzt; die Weihung findet im Voraus statt, sie bezieht sich auch nicht mehr auf ein reales, nur noch auf ein imaginäres Objekt. Und was man dann in Prag vorfindet, ist die Verfehlung; das Überstehende, wenn man das Reale und Imaginäre, wie zwei Folien, aufeinanderlegt. Indem die Benamung – die Moldau – nicht von der Funktion oder von der Erfahrung, sondern nur mehr vom Ruf bestimmt wird, kann sich die Bedeutsamkeit eines Objekts auch nicht mehr in der realen Begegnung mit dem Einzelnen ereignen, da dieselbe bereits vom Ondit der Bedeutsamkeit vereinnahmt ist. In der realen Anschauung des Objekts wird so nur mehr nach der Verwirklichung eines Gerüchts gefahndet, nach dessen Atmosphäre. Aber in Wahrheit steht man nur vor einem Gebäude, oder einem Fluss, der nicht aus sich heraus das Gerücht bewirkt. Das Jungfräuliche an einer touristischen Erstbesichtigung erfährt seinen Reiz aber gerade im Anschein einer Originarität. Wie es mir eben in Kopenhagen geschah: Auch von Kopenhagen hatte ich im Voraus einen gerüchteweise beschafften Eindruck, aber die Stadt selber stach vom ersten Anblick davon ab; das Reale desertierte aus dem Wirkhof des Imaginären. Es kündigte ihm die Partnerschaft und erschuf sich einen eigenen. Prag aber ist auf dieselbe Weise schön, wie ich es mir im Voraus dachte, seine Schönheit weicht nicht ab von meiner vorweg gefassten Imagination, und daher kann Prags unbezweifelbare Schönheit nicht in mir selbst eskalieren.

Das allein begründet nicht mein Interesse, mich on the outskirts zu ertüchti­gen, aber zweifellos hat es damit zu tun. Auch dort, wie gleichsam im Stadt­innern, passiert nichts Außertouristisches. Auch draußen spreche ich die Sprache nicht, sind mir die internen korporativen Codes nicht bekannt, dort draußen bin ich letztlich, jedenfalls als soziales Subjekt, auf dieselbe Weise exkludiert wie drinnen. Auch im Wohngebiet, das von der touristischen Aus­stellung suspendiert ist, bestimmt mich das Visitäre als korporatives Subjekt. Der Unterschied ist aber, dass auch ich dort selber nicht mehr der Ausstel­lung ausgesetzt und damit vom touristischen Diktum des Erlebnisverdienstes erlöst bin. Das reine Wohngebiet ist zwar, da ich auch dort noch touristisch subjektifiziert bin, ebenso eine Kulisse wie das Innenstädtische, das heißt, es büßt für mich seine eigentliche Funktion ein, insofern ich es mir in seiner Ei­genschaft als Wohngebiet nicht akut aneignen und mit den Bewohnern ebenso wenig wie mit denen des Stadtzen­trums qualitativ interagieren kann, aber gleichsam mangelt es dieser Kulisse an jener erpresserischen Kompetenz des touristisch bestellten Stadtzentrums, die über meinen Erlebnishaushalt mitverfügt, indem sie mir das Erlebnis versagen kann, wenn ich mich nicht ihren psychologischen Bedingungen füge. Denn das Wohngebiet wartet mit einem solchen Erlebnisangebot gar nicht erst auf. Es amtiert nicht als Erlebnisverwalter.

Außerdem mag ich die Atmosphäre von Wohngegenden, ich weiß nicht, war­um. Vielleicht so: Wo das Stadtzentrum vulgär, ist das Wohngebiet diskret. Und diese Stille der Diskretion eignet sich eher als Resonanzraum meiner Phantasien als das verlärmte Massengewühl im Zentrum. An beiden Orten bin ich anonym; in der Masse wie in der Isolation, auf dem Forum wie in der Klausur; aber in der Masse ist die Anonymität eine vehemente, in der Isolati­on eine intime. Wo sich meine Identität in der Masse verschleißt, kann sie sich in der voluntaristischen Isolation konsolidieren.

Das Wohngebiet selber freilich von stupender Gewöhnlichkeit. Niedrig be­stockter Plattenbau, seitlich zur Hauptstraße, nach hinten heraus mit sachter Steigung. Ringsum leichte Bewaldung. Der Anblick aus der Kindheit vertraut. Trotzdem habe ich, wenn ich vor Plattenbauten stehe, immer den Eindruck einer Perversion. Der Plattenbau hat kein ironisches mehr, nur noch ein zyni­sches Verhältnis zur Wirklichkeit. Mit ihm hat die Architektur, als Herrschaft­sinstrument einer politischen Dezisionselite, vor dem Masse-Begriff kapitu­liert. Die Radikalität, in der er das Hausen und Untergebrachtsein zur Norm erhoben hat, hat das Wohnen als individuelle Ambition eliminiert. In ihm wird der Mensch, da die Masse im Sozialismus selbst nur als politisches Ob­jekt gilt, dehumanisiert, weil sich seine Subjektpotenz in der als Politsub­jekt liquidierten Masse neutralisiert. Der Plattenbau als Menschen-Deponie. Lan­ge war ich gleichgültig gegen ihn; ich habe den Plattenbau, womit ich in seine Falle getappt bin, schlichtweg hingenommen; Foucaults „Duldungsstarre“. Dabei ist er das Skandalon der modernen Architektur, eine Wohnphrase, die in Beton manifestierte Asozialität.

09 04 16

Im Hostel, das Schlafen im Vierbettzimmer, wir kennen es nicht, es ist das erste Mal für uns. Das Geld gab den Ausschlag. Ein Hotelzimmer, so kurzfris­tig, so viel seien meine Neurosen nicht wert. Nun, gut. Als alle im Bett liegen, auch L., geh ich hinaus zum Rauchen in den Hof. Vor der Tür ein kleiner hölzerner Rundtisch, vier Stühle, Aschenbecher. Ich sitz allein dran. Die Luft kühl, aber ich friere nicht. Weiter draußen Jugendliche, angeheitert, lautstark. Erinnert mich an Italien, mit 16. Tagsüber die kulturellen Erkundungen, Florenz, Pisa, Siena. Ab Mitternacht dann die verfeierte Reise ans Ende der Nacht. Ich trinke nicht, ich trinke nicht, habe ich immer wieder beteuert, aber vor jener, auf die ich das ganze Jahr über geschielt hatte, galt das Gebot nicht lang. Viel Cola, wenig Jacky, hatte sie ermunternd gesagt, als sie mir den Becher hinhielt, und als ich dann trank, war’s andersrum. Auf den niedrigen Felsen, die wie eine steinerne Zunge ins Meer hineinragten, tobte sich die Klasse aus, einer fiel besoffen ins Wasser, die andern jaulten die Lieder aus dem Ghettoblaster mit. Es hatte was Unverdorbenes. Die Nacht war vom Tag nicht das Gegenteil, sie war etwas ganz anderes.

Jetzt, die Jugendlichen hier im Hof, es ist dieselbe wilde Übergeschnapptheit. Der Vulgarität, in der sie sich äußern, fehlt die Vernunft als Widerstand; auch wendet sie sich nicht gegen anderes, sie duelliert sich nicht, so fehlt ihr das Feindselige. Sie hat kein weiteres Motiv als sich selbst; eine quasi solipsisti­sche Vulgarität. Dass sie nicht grölen, lässt mir das Schreiben, das bei mir Bleiben. Ich sitze noch eine Weile so da, rauche eine weitere Zigarette, ohne besonderes Verlangen. Nur um noch ein bisschen sitzen zu können, bis mir nichts mehr zu mir einfällt. Dann doch rein, schlafen. Der touristischen Pro­grammatik gerecht werden. Aber auch, weil ich, kaum nach Mitternacht, tat­sächlich müde bin.

11 04 16

Vielleicht ist Prag eine Schauspielerin. Eine, die nur für die Bühne lebt. Die gar nicht mehr hinunter will. Die krank wird beim Gedanken, einmal müsse sie doch abtreten, sei der Saal doch wieder leer. Die alles tut, die Öffentlich­keit an sich zu binden, bis sie sich in den wirklichen Tod hineinperformt hat. Und während L. ihr diese Rolle lässt, sie auch in dieser Rolle sehen will, ver­gnügt im Publikumssaal, schleiche ich mich unversehens in den Backstage-Bereich – ins Wohngebiet –, um nur eine private Regung von ihr zu sehen, ein zufälliges Zucken der Schultern, ein belangloses Stirnrunzeln, wie sie be­leidigt von der Stille vorm Spiegel steht, sich abschminkt, die Bühnen-Garde­robe abwirft und barfüßig in Jeanshose und T-Shirt schlüpft, sich leblos in den Sessel fallen lässt und zum Handy greift. Natürlich, auch dieses Bild ist Kitsch, aber es könnte auch jede andere Vorstellung sein, denn ebenso recht wär es mir, trüge sie die Bühnenklamotten privat, nur eben das würd ich sehen wollen: das Private. Und das versteckt Prag (anders als Berlin) oder verdrängt es nach draußen, und L. lässt ihm dieses Versteck; vielleicht ihr Faible für Diskretion. Und vielleicht zeigt es, wie vulgär ich selber bin. Denn nicht nur hier, auch überall sonst, in der Literatur wie im Leben, ist mir das Private, und sei es noch so belanglos, das Reizvollste. Ach, wahrscheinlich stimmt das nicht mal; ich schalte hier das Private mit dem Wirklichen gleich, wofür ich durchaus einen Fetisch habe. Aber wenn ich ein gutes Stück sehe oder einen gar nicht mal sehr guten, nur halbwegs funktionierenden Film, oder einen innigen Roman lese, dann will ich da im Grund auch nie wieder heraus, gerade dann, wie nach dem Aufwachen infolge eines eindrücklichen Traums, kommt mir das ‚Wirkliche‘ furchtbar trostlos vor. Wahrscheinlich benötige ich gerade die Dissonanz zwischen Phantasie und Wirklichkeit, um mich selber wirklich zu fühlen.

16 04 16

Ich verteidige den Kauf von „Die Interessanten“. Der Einband sei „so schön bunt“. L. pragmatisch: „Dann stell dir doch Süßigkeiten ins Regal.“ Und dazu wird im Grunde auch alle Regal-Lektüre: zu einer Süßigkeit, die mich nur mehr durchzuckert, aber nicht mehr sättigt. Generell sind meine Beschäftigungen mittlerweile ohne Substanz. Will ich von Serien, belanglosen Filmen oder Sportnachrichten einmal weg, weil es mir zu fad scheint, wechsle ich zu Literatursendungen, zum Lesen von Tagebüchern und Briefen. Aber das ist eben nur der Zucker, flüchtig erheiternder Zeitvertreib, ohne das dämonische Glück einer der Mühsal entschlagenden Erkenntnis.

Als ich das Gespräch annehme, fragt sie neckisch, ob ich etwa geschlafen habe. Ich verneine, sage: nur gegessen. „Noch schlimmer“, scherzt sie. Sie sei dabei, sage ich, mich meiner zwei schönsten Grundbedürfnisse zu entwöhnen. Es ist bloß ein Spaß, aber außerhalb des Telefonats doch unangenehm ernst: schlafen und essen, drüber hinaus passiert wenig.

19 04 16

L. sagt – aber nicht von sich aus; ich befrage sie aus heiterem Himmel –, mein Schreiben der letzten Jahre komme ihr „entmutigt“ vor. Ich sei so sehr bestrebt gewesen, alles, was ich als schlecht ausgemacht hätte, aus meiner Prosa zu streichen, dass sie ihr „beengt“ vorkomme. Ich wage eine Einsicht: dass ich zwar die Schwächen minimiert, aber keine neue Stärken hinzuge­fügt habe. Sie widerspricht nicht. Es komme ihr vor, als hätte ich keine Freu­de mehr daran. Zwar stimmt das als psychologische Auskunft nicht, aber aus der literarischen Perspektive ist es nicht zu leugnen. Die Sprache ist zum Schutzraum geworden, was sie niemals sein darf. Sie muss öffnen, sie darf nicht verschließen. Dann anonymisiert sie, entbehrt sie des Originären. Aber vorm Originären an mir habe ich mich immer gefürchtet. Sobald ich in der Sprache erkenntlich wurde, überkam mich – nicht beim Schreiben, aber nachträglich – eine ekelerregende Scham. Und ich habe die Sprache immer mehr dazu missbraucht, diese Scham zu unterdrücken. Sie aus der Welt zu schreiben. Sie hineinzuschreiben, das wäre vulgär – aber sie zuzulassen, aus ihr heraus den Textkörper zu schaffen, das bleibt notwendig. Und dieser Not – so pathetisch das gleichwohl klingt – muss ich mich wieder angestrengter stellen. Auch dem Urteil meines späteren Ichs; meine lächerliche Furcht vor ihm – ich habe erfahren, wie unerbittlich, radikal, rücksichtslos es sein kann. Milde kennt es nicht und sein Sinn für Nachsicht ist demütigend. Und so baue ich vor. Signalisiere meinem späteren Ich ein Bescheidwissen des jüngeren. Worum weiß es Bescheid? Um seine Schwächen, seine ewige Vorläufigkeit. Aber das ist nicht Erkenntnis, das ist Feigheit. Das jetzige, das sich dem späteren präsentiert, ist ein Beschwichtigungs-Ich. Es duckt sich vor der Intoleranz des späteren. Das muss aufhören; denn was es jetzt weiß oder so dringlich ahnt, dass es geschrieben werden soll, muss es so überzeugend vortragen, dass das spätere Ich, mag es auch ein bekehrtes oder weiseres sein, sich entsprechend einfühlen oder eindenken oder sich ins Knie ficken kann. Alles ist besser als dieser feige Konsens zwischen den zeitlich versetz­ten Ichs.

24 04 16

L. erzählt von ihrem Traum: Wir waren im Urlaub, in einem ländlichen Ferienort. Statt aber die Tage gemeinsam zu verbringen, hätte ich dauernd andere Frauen abgeschleppt. L. verdrossen. Gegen Ende des Traums nahm sie mich zur Brust: Wir seien nicht einmal zusammen zum Essen ausgegangen. Die Frau, die währenddessen an meiner Seite ist, erschrak: „Oh, entschuldige“, sagte sie, „ich dachte, du seist seine Mutter.“ Ich muss lachen, frage, wie L. im Traum darauf reagiert habe. „Ich hab sie verprügelt“, gibt sie trotzig an. „Ganz mein Mädchen!“, sage ich amüsiert, bis sie nachschiebt: „Und sie war nicht die einzige!“

26 04 16

Wieder mit Magenschmerzen ins Bett gelegt. Nächtliche Fürze wie aggressives Geschnatter von Enten. Oder wie von Pfeifen, mit denen Enten angelockt werden. Hoffe, im Halbschlaf keine zu verführen, schließe vorsichtshalber das Fenster.

25 04 16

Kleiner Junge im Woolworth; lässt vor einer Spielzeug-Grabbelbox die Mutter ziehen. In der Box Soft-Tennisschläger mit kindgerechten Motiven. Einen nimmt er in die Hand, starrt vor sich und schlägt dann auf ein imaginäres Opfer ein. Die andere Hand zur Faust geballt, ruft er aus: „Das kriegst du auf den Po! Das kriegst du auf den Po!“ Immer wieder dieser Satz; dabei das vor Aggression verzerrte Gesicht, das mich erst amüsiert, dann verdutzt.

17 11 16

„Aufgrund des Staatsbesuches ist der S-Bahn-Verkehr heute unregelmäßig.“ Wir hören es alle zwei Minuten. Auf dem Bahnsteig stauen sich die Leute, zunehmend genervter. „Wat hat denn Obama mit de S-Bahn zu tun. Morngs, amds. Den janzn Tach det Gleiche.“ Ich werfe blödelnd ein, wahrscheinlich fahre Obama den ganzen Tag mit der Ringbahn, schön das BVG-Tagesticket ausnutzen. Da lachen die Damen. „Jjjjenau!“

Manche ertragen die Warterei nicht und stapfen zur Tram. Andere bleiben, wieder andere kommen dazu. Eine Frau kriegt einen Anruf, von der Tochter. Wo sie, die Mutter, denn bleibe. Die scherzt: Sie könne nicht früher kommen, Obama fahre den ganzen Tag mit der Ringbahn im Kreis. Da erschrickt eine hinzugetretene ältere Dame: „Oh, wirklich? Wat willa denn da, ’n Straßenfeger koofn, oder wat.“ Wieder Gelächter. Die Mutter lachend zur Tochter am Telefon: „Die Eene vom Bahnhof hat det echt jegloobt.“ Kurz Stille, dann die Leichtgläubige: „Na, hätt doch sein könn – ick trau den’n allet zu. Die drehn sich doch eh immer nur im Kreis.“ Darauf die Mutter: „Hamse och wieder recht.“