21 12 16
Scheitern als soziale Krankheit, die man nicht in der Isolation, nur im selbstangestrengten Tumult oder durch günstige Zufälle kurieren kann. Meine Sehnsucht nach günstigen Zufällen; dagegen der Widerwille, sich von Zufällen aushelfen zu lassen – der protestantische Leistungskitsch, den ich nicht aufgeben kann. Disziplin als Phantom, das man nicht anders als durch Anverwandlung verschwinden machen kann. Scheitern als Krankheit: den ‚inneren Schweinehund‘ als Dopaminmangel beschreiben. Sich zum Gelingen hinmedikamentieren. Dagegen: die familiale Pädagogik, die solche Optionen der psychischen Regeneration als unredliche Erleichterung, als Erschleichung von Leistungsbereitschaft verunglimpft. Nicht nur ein Ergebnisleben führen; auch die Ergebnisse statthaft erwerben. Das Resultat erobern; nicht erbeuten. Als Ausweis sozialen Anstands. Dann aber: mein Widerwille gegen diese gesellschaftlich gehypte Ergebnisromantik, dieses mehr sentimentale Verhältnis zum Ergebnis als Ausdruck eines ökonomischen und damit sozialen Funktionswillens. Gegen diesen sozialen Dienstfleiß. Sage L.: ein Leben, in dem ich mich nicht künstlerisch ausdrücken und produzieren könne, komme mir wie Horror vor. Verstehe sie. Aber, sagt sie, wenn das nicht gelänge: stattdessen einfach glücklich sein? Sei keine Option, sage ich. Ich würde nur glücklich gemacht von Dingen, auf die ich keinen souveränen Zugriff habe: von ihr, z.B., oder von Zufällen, von Erinnerungen. Ich sei unfähig, sage ich ohne Bedauern, mich selbst glücklich zu machen. Sie erneuert den Vorschlag einer temporären Medikation. Mal durchweg entspannt sein, innerlich windstill. Ängstige mich, sage ich. Und, wirklich: die Vorstellung vollkommener Ruhe, es sei denn nur eine zeitweise, versetzt mich in Panik. Jederzeit von meinem Unglück alarmiert werden zu können, gibt mir den Anschein besonderer Souveränität über mich selbst, über mein Leben. Ich wehre mich nicht gegen ihren Verdacht, ich würde mich einer naiven Besorgnis-Rhetorik ergeben. Ich dürfe mir, sagt sie, die Wirkung einer Medikation nicht als wesensverändernden Eingriff vorstellen, mir würde ja nicht meine Identität amputiert. Ich bliebe ich selbst. Mit besserem Zugang allerdings zu meinen Ressourcen. Sie sagt es halb mit Spott über meine neurowissenschaftliche Unbedarftheit, halb rührend fürsorglich. Und, ja: die Aussicht darauf lockt mich. Aber die Anmutung einer Unredlichkeit büßt sie auch durch L.s beschreibende Anpreisung nicht ein. Nur, woher mein Bedürfnis nach totaler Redlichkeit? Nur die Erziehung? Wahrscheinlich ist es schon ein vornehmlich kulturell vermachtes Bedürfnis; ein überdurchschnittlich redlicher Mensch bin ich nicht. In allem, außer im Schreiben, tendiere ich dazu, mir alles irgend Beschwerliche zu erleichtern. Und eben im Schreiben: alles so weit zu erschweren, dass ich vor der Last erstarre. In beiden Fällen läuft es auf Ignoranz und Verdrängung hinaus. Und das sei doch schade, sagt sie mit viel Liebreiz. Was so viel heißt wie: Ich könnte noch durchdrehen angesichts deiner Furchtsamkeit.
25 12 16
Etwa der Traum: Fluchtphantasien, immer wieder. Die dauernde Rasanz. Die Metaphorik einer peinlich erigierten Angst, einer priapistischen Angst. Dennoch: immer, oder fast immer, das Entkommen. Zwar ohne je ein Entkommensein zu statuieren, aber immer entwische ich den Drohungen, die im Traum, in einer Angst-Landschaft, wie Metastasen ausschlagen. Eine Flut geradezu günstiger Zufälle. Mein Traum produziert günstige Zufälle wie am Fließband. Aber ebenso Bedrohungen. Daher auch keine Art Frohsinn über die zufälligen Vergünstigungen, weil Angst das hauptsächliche Gefühl ist. Und wo mich die Angst tagsüber oft lähmt, also etwas Statisches hat, macht sie mich im Traum dynamisch. Und diese Dynamik, die mir tagsüber fehlt, erzwingt die fortlaufenden Momente der Verschonung, die es in der Wirklichkeit so nur in der Obhut der Kindheit gibt, und auch dort nur im Tausch mit besonderen Grobheiten, etwa: wie man als Kind von der väterlichen Gewalt suspendiert war, wenn man im Spital lag.
Frühjahr ’17
Bei Eschenz auf der Holzbrücke zum Werd-Inselchen, wo wir uns das Franziskaner-Kloster ansehen wollen, bleibt L. stehen und schaut auf einen im Rheinstrom beinah stehenden Schwarm Fische hinunter; für Barsche nicht breit, für Forellen nicht schmal genug; vielleicht Hechte. L.s Kleid am Busen mit zwei dunklen Kreisen; ihr BH, noch nass vom Baden. Wir haben die Brücke momentweise ganz für uns. Die Sonne fällt wie ein zufälliges Glück im passenden Winkel, ich dränge sie zur Pose am Geländer. „Nur ein paar Fotos“, verspreche ich. Aber L. kommt von den Fischen nicht los, über denen eine Blässrallen-Familie nach den Brotkrumen stürzt, die L. verzückt hinabwirft. „Die Babys sind so hässlich“, kichert sie. Ich gönne ihr das Vergnügen, will es ihr nicht nehmen; kann aber von der Vorstellung, sie allein auf dieser Brücke abzulichten, nicht ablassen. Der fotografische Eros, nach dem ich die Welt tageweise nur in Motive portioniere. Einmal sagt L., als ihr meine Fotografierei zu viel wird: „Du verpasst ja die ganze Action!“ Sie will mich zu mehr Wirklichkeit ermuntern, zum Erleben. Zwar stecke ich das Handy ein, bin aber nicht überzeugt; das Fotografieren sei meine Action, sage ich müde. Unter der Brücke verscheuchen die Blässrallen-Eltern, die unermüdlich nach den Brotkrumen schnappen und sie ihren Kindern in die epileptisch aufklaffenden Schnäbelchen stopfen, einen Erpel. Dann verharrt unser Blick wieder auf den Fischen, die sich von dem Treiben über Wasser nicht beeindrucken lassen. „Wie Wolken“, sagt L.
Mai ’17
Im Park gesessen, Kinder umher; hüpfen, toben, bespritzen einander mit Wasser. Die Jungen dabei mit Pistolen; hellgrünen, hellorangen, hellgelben. Die Farbe nimmt der Schusswaffe den Ernst. Dagegen die Mädchen: ihnen ist egal, womit sie hantieren, nur nützlich muss es sein. Am effektivsten: Sprühflaschen – ihre Reichweite ist größer und ihr Volumen ermöglicht mehr Wasservorrat als das der Pistolen. Die Jungen quieken, ducken sich weg und sprinten davon. Die Wirkung ihrer Waffen ist dagegen kläglich. Aber sie, im Gegensatz zu den Mädchen, üben noch etwas anderes ein: den äußeren Schein, die Pose. So sind ihre Wasserpistolen nicht in erster Linie funktionale, vielmehr Utensilien auch der sozialen Rollen-Aneignung, Identitätsattrappen, deren Gebrauch sich nicht vornehmlich im Effekt, sondern in dessen artgerechter Inszenierung erweist. Gleichwohl ist ihr Engagement ergreifend: Sie nehmen ihr eigenes Theater für wahr. Im Spielen generieren sie sich nicht nur einen provisorischen Existenzsinn, sie konstituieren sich und anderen, während sie dem Reiz ihrer Pose erliegen, auch einen charakterlichen Avatar, einen sozialen Nimbus.
01 07 17
Selbstbeschreibung auf einem Profil, unter der Kategorie ‚positive Eigenschaften‘: „nicht perfekt sein und auf keinen Fall etwas daran ändern“. Keine Beschreibung eigentlich, mehr ein Anspruch, vom Trotz entstellt.
24 11 17
Nachts einen Sextraum gehabt, in dem ich keinen Sex hatte. Liege links von L., nackt wie sie. Es ist auch Wollust, was mich in ihre Arme treibt, aber mehr noch Zärtlichkeit, eine innige Solidarität mit ihrer Seele. Da ich sie nun aber so ca. begatten will, werde ich plötzlich von links umgarnt – eine Exfreundin, auch nackt. Daneben ihr Neugeborenes und, wie ich annehme, ihr Mann. Denke: Nein, kann doch jetzt nicht mit ihr, wo ihr Mann … – und wende mich wieder L. zu. Die Ex aber energisch, lässt nicht ab von mir. Und ich übersehe auch gar nicht den Reiz ihrer Nacktheit, die mir zunächst unverständlich vorkommt; Menschen, wenn sie die Trennung vornahmen, trennen sich auch körperlich von einem; ihre Nostalgie ist, wie ich es erfahren hab, keine sexuelle. Andererseits: da liegt sie nun nackt, womöglich komme ich nie wieder dazu. Das hat mich auch früher oft zur Annahme von Intimitätsvorschlägen verleitet, die Ahnung: ein Wunder, das nie wieder geschehen würde. Wende mich aber dennoch wieder ab von ihr, mein Begehr gilt L. Nur lässt die Ex nicht locker, sie scheint L. gar nicht wahrzunehmen. Und plötzlich bemerke ich: Ihr Mann liegt gar nicht dort, nur ihr Kind. Denke: Na, dann könnten wir eigentlich. Aber noch immer will ich lieber zu L. Wieder tritt mein Unvermögen hervor, anderen etwas abzuschlagen. Will der Ex nicht schroff entsagen, will es ihr milde beibringen: dass ich es lieber mit L. täte. Und L. zunächst duldsam; sie scheint mein Dilemma mitzufühlen und gibt mir Zeit. Währenddessen reißt mich die Ex forsch an sich, meine Entsagung ist für sie offenbar keine Option. Immer schwerer fällt es mir, mich ihr zu entziehen. Denn die Wollust bleibt konstant, sie macht zwischen den Frauen keinen Unterschied, nur das Herz drängt zu L. Unterdessen scheine ich dem Ehrgeiz der Ex nichts entgegensetzen zu können. Ganz nackt liegt sie ausgestreckt neben mir; es kommt mir unnatürlich vor, diesen Körper zu verstoßen. Dann aber setzt sich der Wille abrupt durch; ich reiße mich zu L. rüber, deren Erregung mittlerweile nachgelassen hat. Der Appetit kommt beim Essen – ich spreche es nicht aus, verfahre aber nach diesem Motto. Ich bin sicher: L. wird gleich wieder zu haben sein, in der vormaligen Erregung; und wirklich scheint es mir zu gelingen. Plötzlich, statt der Ex, eine andere Ex neben mir. Gleichsam mit Kind, wiederum ohne Mann. Momentweise bin ich verblüfft. Ihr Körper, wie der der anderen, makellos. Ich zögere. Ihr auch noch entsagen? Als ob ich mir das leisten könnte. Es fühlt sich schon kriminell an, nur einer Frau zu widerstehen; aber gleich mehreren? Immerhin bliebe L. mir ja gewogen, jedenfalls nehme ich das an. Vielleicht nicht für diesen Augenblick, aber doch auf Dauer? Die jetzige Ex nicht ganz so resolut wie die vorige. Ist das ein Zeichen? Will sie mich nicht so sehr wie die andere? Überlässt sie die Entscheidung mir; um meine stille Absage später zu sühnen? Mit einer Hand fasse ich L.; sie soll mir nicht entgleiten. Mein Zaudern dämpft nicht meine Begierde, das soll sie unbedingt verstehen. Dennoch, ihr Unverständnis wächst. So entschieden wolle ich es wohl nicht. Doch, doch, beteuere ich, nur wolle ich es der andern schonend beibringen. Statt dieser aber nun eine wieder andere da, und wieder ’nur‘ das Kind bei ihr. Und sie selber nur teilentblößt, vielleicht weil ich sie nie nackt gesehen habe. Keine Ex im Grunde, mehr jemand, mit dem sich etwas Ergreifendes angebahnt hatte und von dem ich auf eine damals ungekannte Weise fasziniert war. Zuletzt gab sie mir ein Tape von sich, fünf Songs ihrer Band, ich kaufte mir extra einen Walkman dafür, und vielleicht habe ich im jungen Erwachsenenalter keine Musik öfter gehört als ihre. Von mir bekam sie eine Kette, und wenn ich Jahre später Fotos von ihr sah, auch als wir schon keinen Kontakt mehr hatten, trug sie sie auf jedem einzelnen um ihren Hals. (Heute wohl nicht mehr; ich habe lange nicht mehr auf ihr Profil gesehen.) Jetzt, wo sie im Traum neben mir liegt, will ich sie wenigstens berühren; sie einmal, auf diese Weise, anfassen. Aber da dreht sich L. weg – und panisch werfe ich mich auf sie. Nein! Jetzt! Nur mit dir! Ich will es ihr beweisen. Als ich nahezu in ihr bin, sehe ich, statt der letzten, eine nochmals andere Ex neben uns. Sie liegt seitlich, den Arm über ihrem Kind, freilich nackt. Jesus Christus, denke ich, sie ist immer noch so schön wie damals! L. von meiner erneuten Ablenkung endgültig genervt. Nein, der Moment sei vorbei, jetzt wolle sie nicht mehr. Entzieht sich mir und steht auf. Denke: Gut, dann treib ich es jetzt eben mit der andern. Die aber liegt überraschend nicht mehr da. Das Bett ist leer, heillos verwaist. Als würde ich einem Volk die Freiheit verkünden, rufe ich L. hinterher: Wir können jetzt! Aber es bleibt still, sie scheint fort. Nackt knie ich da, bitterlich flehend, mit steifem Schwanz, und lasse mich entgeistert aufs Laken fallen.
Jan 18
Zahnschmerzen, die man nicht behandeln lässt, sind wie Gläubiger. Sie melden sich eine Zeit lang, mitunter sehr aggressiv, und lassen dann wieder ab von einem. Wenn man sie soweit vergessen hat, dass man sich schon kuriert meint, kommen sie wieder. Mal sind es andere, mal dieselben. Aber immer erinnern sie einen daran, dass man Schulden hat. Sie sind das schmerzliche Exponat des Unerledigten, des immer noch nicht ins Reine gebracht Habenden. Und die Schmerztabletten, die man gegen sie nimmt, sind wie die Weigerung, die Briefe überhaupt noch zu öffnen. Für eine gewisse Zeit hat man den Willen, sich der Schmerzen einmal wirklich anzunehmen und ihre Ursache zu beseitigen. Bis es sich so oft wiederholt hat, dass man glaubt, man werde es bis ans Ende der Tage schon irgendwie durchstehen. Die endgültige Katastrophe droht immer nur, aber tritt nie ein, und so wird die ständige Vertagung zum Modus Operandi, der eine ernstliche Erneuerung verhindert, weil man verlernt hat, etwas abzuschließen. Aber jetzt rede ich schon nicht mehr von Zahnschmerzen und Schulden, sondern vom Schreiben.
April 18
Kürzlich mit L. über Isolationsphantasien gesprochen; dabei vergessen, wie ich als Kind ein dauerndes Verlangen danach hatte, mich in engen Gehäusen zu verkriechen. Bevor meine Mutter, noch in Rheinsberg, im Wohnzimmer staubsaugte, stapelte sie die Sessel so übereinander, dass sich zwischen ihnen ein kleiner Hohlraum ergab. Als wir noch kleiner waren, kapselten mein Bruder und ich uns, während meine Mutter saugte, gemeinsam darin ein, später dann abwechselnd. Als Kind war das mein Lieblingsort; eine temporäre Klause, in der ich der Utopie der totalen Abgeschiedenheit nachhängen konnte. Es war für mich der endgültige Ort; so eingeigelt und weggeschlossen von der Außenwelt (durch den Staubsauger auch akustisch), hob sich das Primat der ständigen Entscheidungsfindung auf. Es ging von dort aus nirgendwo mehr hin. Die räumliche Nische war zugleich eine soziale, in der meine Anwesenheit keine bestellte oder verfügte mehr war. Der Reiz der Unsichtbarkeit, des unbedingten Beimirseins, zog mich, in einer merkwürdigen Vermengung von Fern- und Heimweh, unaufhörlich in diesen Bau.
Das implizite Gebot meiner sozialen Verfügbarkeit, gegen das ich als Kind machtlos war, schuf, in Abgrenzung zu diesem Gebot, eine immer krassere Fiktion der glücklichen Einsamkeit. Das ging so weit, dass ich einmal, auf dem Hof der Großeltern in Ungarn, den Hund mit Futter aus seiner Hütte lockte und selber hineinkroch. Gekrümmt saß ich drin, mit angezogenen Beinen; es war so beengt, nur meine Hände konnt ich noch bewegen. Aber eben nicht mehr zu einem Nutzen; ihr Handlungsspielraum erschöpfte sich im Baumeln. Erst in dieser Beengtheit fühlte ich mich frei. Erst wenn ich mich nicht mehr bewegen konnte – etwa auch im Spital, wenn ich an Schläuchen lag –, tat sich mir der Anschein der Selbstbestimmtheit auf. Diese fanatische Sehnsucht danach, out of the game zu sein.
Mai 18
Die rührende Unsinnigkeit, beim Wrestling, des Referees. Gut, irgendjemand muss das Kampfende signieren, oder es auch hinauszögern. Aber die Attrappenhaftigkeit des Wrestlings wird durch kaum etwas so niedlich pointiert wie vom Ref. Kaum etwas verkörpert Kulisse ergreifender als er. Beinahe alles am Acting der Wrestler wirkt sich auf die Geschehnis-Ebene aus, manches wie nebenher Getane schärft immerhin Effekte: etwa wenn sie in der Ringecke auf den Körper oder das Gesicht des Kontrahenten einschlagen, stampfen sie mit den Füßen auf, um jeden einzelnen Schlag, der ja stets abgestoppt wird, bevor er eine Wirkung haben könnte, auch akustisch zu inszenieren. Auch der Ref greift mitunter ins Geschehen ein, und was dann rührt, ist, wie etwas völlig Nutzloses mit einmal funktionalisiert wird – wenn er einem der beiden Wrestler eine Mahnung erteilt und ihn so vom Kampfgeschehen ablenkt, dass der andere sich derweil erholen und hinterrücks angreifen kann. Oft genug sieht man, wie ein Wrestler den Ref einfach wegslammt und das ohne sozusagen rechtliche Folgen bleibt – kein Wrestler wird dafür sanktioniert, wenn er den Ref ausknockt. Und doch lässt sich mal einer auf ein Wortgefecht mit ihm ein, das ihm einen Kampfnachteil bringt.
Rührender ist wohl nur das Publikum, das all das so ergreifend naiv für bare Münze nimmt. Dabei sind die meisten über den Show-Charakter wohl aufgeklärt. Mit Ausnahme, vielleicht, von Kindern, die über denselben in Kenntnis gesetzt werden, wer weiß, wie über die Untatsächlichkeit des Weihnachtsmanns. Aber die Aussetzung der Ungläubigkeit, stell ich mir vor, ist beim Wrestling von einer anderen Qualität als beim Filmschauen oder beim Lesen. Vergleichbar vielleicht mit dem Theater. Nur wird die Ungläubigkeit des Theater-Publikums, spätestens seit Brechts Verfremdungsmanie, nicht in derselben Radikalität ausgesetzt. Man weiß noch, beim Schauen: der Harzer spielt den Astrow, und wie er ihn spielt. Beim Wrestling-Publikum scheint mir dieses Bewusstsein deutlich unausgeprägter zu sein. Aus ihm wird niemand sagen: Mark Calaway habe den Undertaker heute aber bravourös performt. Nein, wenn das Wrestling-Publikum über Wrestler spricht, dann über die Personae, nicht über die Darsteller. Die verschmilzen dort mehr mit ihren Figuren als beim Theater, nur auf einer primitiveren Authentizitätsebene, die mehr bespielt wird durch äußere Signa wie Kleidung und Ringname als durch das Spiel selbst. Eine Pervertierung, wenn man so will, von Kinskis Auskunft: „Ich spiele nicht, ich bin das.“
Zu dieser Authentizitätsvorgabe trägt auch vielleicht der kommentatorische Support bei: bei einem alten Kampf von 1968, Andre the Giant vs. Franz van Buyten, in dem sie sich wechselweise mehrere Faustschläge verpassen, wobei Van Buyten immer stärker zurückweichen muss als umgekehrt, damit das ‚Kräfteverhältnis‘ oder die körperliche Differenz zwischen beiden erkenntlich wird, ruft der belgische Kommentator nach Andres Schlägen immer wieder aus: „Oioioi!“ oder „O la la!“ nach einem Bodyslam, der seinerzeit noch für den Sieg genügt hat. Der Kommentar wird so zum operativen Immersionsbeihelfer, den es im Theater nicht gibt (den ich mir aber, ironisch gebrochen, im Pollesch-Theater vorstellen könnte).
Was das Wrestling dann mehr mit Hollywood als mit dem Theater gemein hat, ist die genuine Negation von Ambivalenz. Sowohl die hypertrophen Mimiken der Wrestler als auch ihre Personae sind ganz und gar frei davon, sie kennen nur den Switch vom Guten ins Böse oder umgekehrt. Das, was einer Ambivalenz am nächsten kommt, ist die Kooperation eines Guten mit einem Bösen gegen einen noch Böseren oder, beim Royal Rumble, gegen einen mutmaßlich Schwächeren. Gerade das Royal Rumble verkörpert den Show-Charakter auf eigene Weise: Alle machen mit, alle treffen aufeinander, auch solche, die sich in einem regulären Fight nie bekämpfen würden, etwa Hogan und die Bushwhackers. Letztlich siegt auch dort nur jemand aus der aktuellen Top-Riege und auch von denen nur jemand, dessen Sieg einen besonderen Aufreger beim Publikum verspricht. Dennoch wird eine Alles-ist-möglich-Situation inszeniert, eine Lightversion der Hunger Games; das Spektakel in seiner gröbsten Form. Das Publikum kann dem unbesorgt beiwohnen, etwas Lebensgravierendes wird nicht geschehen, und zugleich aber bietet Wrestling, anders als etwa das Boxen, die Garantie auf Spektakel.
Freilich gibt es Anleihen vom Boxsport, vom wirklichen Kampf, und nicht nur Vorshow, Einlauf und all das, sondern bei einem Kampf zwischen Hogan und Vader fungiert Michael Buffer als Ansager, der selbst die Gewichtsangaben vorträgt, und im Publikum sitzen, wie beim Boxen, Prominente aus der Szene (Ric Flair etc). Und bei diesem ganz alten Kampf, Andre vs Van Buyten, der natürlich auch schon gescripted ist, wird die gegenseitige Wertschätzung der Kämpfer inszeniert. Das alles verstärkt den immersiven Effekt und begünstigt die Aussetzung der Ungläubigkeit. Obwohl alles daran, gerade im Vergleich zum Boxen, grundfalsch ist. Es gibt und gab nur sehr wenige Boxer, die ihren Einlauf zur Show machen – sie nämlich sind hochkonzentriert, und ihre Konzentration speist sich dialektisch aus Angst und Selbstbewusstsein. Sie kämpfen für sich, weil sie es müssen, weil sie vom Kampfgeschehen wirklich Betroffene sind, weil sie ihre Gesundheit, ihr Leben, ihr Prestige und auch ihre künftigen Einnahmen tatsächlich riskieren. Die Wrestler kämpfen fürs Publikum, und das will Spektakel, und zwar eines, das sich aus einem Narrativ ergibt und dasselbe zugleich novelliert. Und aus der Abgemachtheit des Kampfgeschehens, wie zudem durch die relative Statik der Persona, folgt auch eine gefestigtere Bindung zwischen Publikum und Kämpfer. Wenn ein Boxer unterliegt, kann man sich leichter von ihm abwenden. Oder zumindest wird der innere Hype um ihn abgeschwächt, wenn seine Vorzüge denen eines andern nicht gewachsen sind. Sieg oder Niederlage ändern am Status eines Wrestlers dagegen nahezu nichts.
Es ist ein Imitation Game, die übertriebene Nachbildung fremder Genres, in der alles – Fighting, Acting, Characters – bloß nachgeahmt ist von dem, was anderswo vorgemacht wurde: ob Film oder Sport, Politik, Kulturen oder Mythen. Und was nur nachahmt, kann nie innovativ sein. Und trotzdem ist Wrestling etwas Einzigartiges, ein eigentümlicher Hybrid aus Theater oder vielmehr Telenovela, Sport, Choreographie und Zirkus mit einer Nuance Freakshow. Und wie überall dort, genügt auch im Wrestling der Anschein von Menschlichem, von Sozialem wie Psychischem, der knappe Anriss einer Motivation, dass manches Publikum ‚mitwill‘. Die Identifikation bildet sich über eine ebenso eindrückliche wie leicht begreifliche, will sagen schablonenhafte Persona, in der sich etwas Menschliches gravierend zuspitzt, und deren je einziges Handlungsmotiv sich in jeder Geste, jedem Ausdruck, jeder Aktion innerhalb und außerhalb des Rings behauptet. Und diese Identifikation übersteht auch Einrisse des Tatsächlichen, sowohl vor Ort wie vorm Bildschirm: wenn die Wrestler außerhalb des Rings an der Metallabsperrung direkt vorm Publikum agieren, oder wenn die Kamera sie im Super-Close-Up zeigt, muss ja wahrlich jedem die Angetäuschtheit der Schläge und Tritte kenntlich werden. Aber es erzeugt dennoch keine Plausibilitätseinbuße. Die Erzählung bleibt in ihrer gerade durch Schlichtheit bewirkten Konsistenz, nicht zuletzt durch die über Wochen und Monate geführten serien-artigen Stränge, zu überzeugend, vielleicht wie bei Verschwörungsnarrativen.
2008 fand ein Wrestling-Event vor Kämpfern der US Army statt, Tribute to the Troops („armed forced entertainment“) – ich nahm an, die nun müssten sich endlich verarscht vorkommen, denn kaum jemand wisse doch wie sie von der Differenz zwischen Simulation und Ernstfall – aber nichts da, appreciation to the fullest, sie feierten das Ringspektakel frenetisch ab. Aber für sie war das vielleicht noch mal eine andere Art von Spektakel als für das gewöhnliche Wrestling-Publikum, für sie war vielleicht gerade das Simulative der Auslöser ihrer Begeisterung, die Gewissheit: hier steht kein Leben auf dem Spiel, von niemandem – hier können sie ein Gefecht miterleben endlich einmal nur in Wonne, allem Ernst und aller Tragik, ja allen Konsequenzen entledigt. Die reine Gaudi, aufgezogen aber als Schlacht, als Titanenkampf. Die Antäuschung von Gewalt hat also, wenn man es so nehmen will, ihr Pläsier nicht gemindert oder gar sabotiert, sondern erst ermöglicht. Denn nur diese Antäuschung hat die vermeintliche Gewalt – einer rundweg gefahrlosen Gewalt – vom Verdacht auf eine mögliche Traumatisierung erlöst.
Die WWE, damals noch WWF, hat auch einmal mit wirklicher Gewalt experimentiert: Brawl for All, 1998, ein Shootfighting-Turnier – halb Boxen, halb Ringen. 5 Punkte fürs Niederringen, 10 fürs Niederschlagen. Zwar war das ‚echt‘, aber in einem Mix aus zwei Disziplinen, die vom typischen Wrestling nahezu nichts mehr hatten. In diesen Disziplinen waren die Wrestler nicht mal Amateure – sie bekämpften einander im Ring wie Kinder auf dem Schulhof, ohne Geschick, ohne Plan, ohne Klasse. Es war ein Desaster. Heillos vom Publikum abgelehnt. Denn zum einen war das unansehnlich; die athletischen Fähigkeiten der Wrestler, die spektakulären Choreographien, auch die narrativen Elemente wurden hier rigoros ausgelöscht, zu Gunsten einer Authentizität, die aber die akrobatischen und anekdotischen Parameter einer Kneipenschlägerei aufwies. Ein schlechter Tausch, der dem Wrestling gewohnten Publikum nicht gefallen konnte. Ihre Heroen sahen aus wie Idioten – bislang hatten sie das Standing einer Elite, jetzt gurkten sie im besten Fall wie Amateure durch den Ring. Aber es zeigte auch die ersten Ansätze eines Publikums, das ins Kayfabe-Konzept nicht nur eingeweiht, sondern mit ihm auch einverstanden war. In heutigen Diskussionen im Netz über Wrestling-Events wird teilweise mehr über die Schlüssigkeit von Storylines debattiert als über akrobatische Feinheiten oder darüber, was in den 90ern noch zwischen meinem Bruder und mir thematisiert wurde: welcher Wrestler ‚besser‘ oder wer von zweien der ‚krassere Kämpfer‘ sei. Stattdessen wird eher geschaut: wer performt gut, und neben weiteren Aspekten heißt das auch: wer führt seine Aktionen ’sauber‘ aus und verletzt nicht seine Gegner dadurch?
Goldberg war ein Showtalent, auch ein athletisches Talent, aber er hat zu wenig Zeit zur choreographischen Entwicklung erhalten, er hatte kaum Ringerfahrung, als man ihn pushte. Ein noch ungeschickter Wrestler, der seine Kontrahenten durch unsaubere Aktionen immer wieder geschädigt hat, ein Botcher. Zu seiner Zeit bereits ein Makel. Gar nicht viele Jahre davor, Ende Achtziger, Anfang Neunziger, war das noch Promotionsmaterial. Als Vader von der WWF zur WCW ging, wurde er damit beworben, seine Gegner auch real zu verletzen. Er war ein Dirty Fighter, ein Hooker, der immer wieder ‚echt‘ zuschlug oder -trat, der seine Gegner buchstäblich bluten ließ. Darum konnte man seinerzeit noch einen zumindest geringen Hype kreieren, später war das verpönt. Dem Publikum war der Gap zwischen Simulation und Ernst in Teilen also durchaus schon bewusst oder zumindest war der Verdacht virulent. Ich erinnere noch kindliche Diskussionen, in denen ein Nachbarsjunge darauf beharrte, alles Gezeigte sei echt, während ich schon dagegen opponierte und mein Bruder, drei Jahre jünger, immerhin schwankte.
Selbst wenn aber, angenommen, jeder ‚Bescheid weiß‘, selbst wenn Wrestling heute wirklich mehr Telenovela als anderes ist, immer noch ist man ‚für‘ jemanden oder gegen ihn. Ist sauer, wenn jemand auf bestimmte Weise verlieren musste, oder gehypt, wenn es ein vermeintliches Upset gab. Vielleicht ist es für Leute, die in die Kayfabe eingeweiht sind, für jene ‚Bescheidwisser‘, mehr eine Sache der Kohärenz, der dramaturgischen sowohl wie der personellen. Wie in der Telenovela muss eine gewisse Balance gehalten werden, in der Storyline nicht weniger als im Ring – ein Kampf, wie simuliert auch immer, wird erst zum Ereignis, wenn er bis zum Ende eng ist, wenn beide Fighter ihre Highlights kriegen, wie auch eine Legacy die Signature Wins ebenso benötigt wie die Signature Losses. Es muss ein gut austarierter, gut getimter Showdown von zwar simplen, aber mühsam geschliffenen Prinzipien sein, die einander akrobatisch, modisch, gestisch und nicht zuletzt moralisch kontrastieren. Die Simplifizierung aller dieser Elemente transzendiert das Geschehen ins Fiktionale und bildet in dessen Schablonenhaftigkeit eine Karikatur des Menschlichen überhaupt. Die Identifikation des Publikums – mit dem Geschehen, den Wrestlern, der Aufmachung – geschieht weder in toto noch essenziell, es staunt vor dem ihm selbst Unmöglichen und macht in dem allen Desiderata einer kindlichen Psyche aus (wie im Theater solche einer erwachsenen), eine ins Kindliche verzerrte Wahnwelt, in der das Gigantomanische als Prinzip aller Dinggenese postuliert ist, wonach, wie eine notwendige Ableitung, auch das Emotionelle ins Unermessliche anschwillt.