02 Aug 18
Auf dem Weg zum Discounter ein alter Mann, der in ein tragbares Radio spricht. Eine Frau liest die Nachrichten vor. Stark gekrümmt und in langsamen, kurzen Schritten biegt er in eine Seitenstraße, hält sich das Radio ans Ohr und ruft immer wieder hinein: „Hallo? Hallo? Ja, ich bin’s! Hallo? Ja, ich!“ Eine erheiternde Auflehnung gegen die Einsamkeit.
28 01 19
Morgens, in Stein am Rhein, durch die engen Gassen; bevor ich zum Rathausplatz hochsteig, seh ich im Augenwinkel was Weißes vor einer Haustür. Sehr flach, rundlich, fein geriffelt, nach oben hin leicht ausgewölbt – eine Porzellan-Figur, denk ich, auch wenn ich es seltsam finde, sie zwischen Haustür und Gehweg abzustellen; ich erkenne nicht, was hier dekoriert werden soll. Dann bewegt es sich plötzlich. Kaum merklich erst, so dass ich selber nicht sicher bin, bis sich, an einem länglichen Hals, ein Köpfchen aus dem schneeweißen Korpus windet. Ein Höckerschwan, wunderschön, in sich eingerollt wie eine Katze. An diesem Ort allerdings wirkt er verblüffend. Als ich mein Handy aus der Tasche ziehe, ruft hinter mir eine junge Mutter mit Kind, die sich an einen Hauseingang gestellt hat: „Ich hab schon angerufen.“ „Oh, ok“, sage ich, als wisse ich, wen sie aus welchen Gründen angerufen haben könnte. „Die kommen gleich und holen ihn ab.“ „Gut, gut“, sage ich und überlege, ob ich mich jetzt vor ihr blamieren will, indem ich ihn doch fotografiere. Ich war nicht drauf gekommen, dass er geschwächt sein könnte. Aber ich will aufs Foto nicht verzichten; als ich mich dem Schwan vorsichtig nähere, kotet er. Ich knie mich hin und lichte ihn ab, aus mehreren Perspektiven. Die junge Mutter sagt, sie könne nicht weg, bevor sie ihn nicht geholt haben. Mich rührt ihr aufrichtig besorgter Ton; auch ich selber empfinde Mitleid mit dem Schwan, kann aber trotzdem nicht ab vom Gedanken: was für ein famoses Motiv. Von der anderen Seite kommen zwei Männer, der Montur nach Handwerker, und schauen irritiert-neugierig auf den Schwan; sie zücken umgehend ihre Handys und fotografieren ihn. Ich sage ihnen: Der sei geschwächt, die vom Tierschutz holen ihn gleich. Sie nicken mir anerkennend zu und ich lasse mir ihren Eindruck gefallen, das wäre mein Einfall gewesen. Die junge Mutter spricht mit einer Frau, die ihren Kopf aus dem Fenster hängt: Es bräche ihr das Herz, den Schwan so daliegen zu lassen, das würde sie nicht ertragen. Wäre ich allein, denke ich, würde ich versuchen, ihn zu streicheln. Eine dumme Idee, klar, und obwohl ich’s leicht bedauere, bin ich froh, dass es nicht dazu kommt. Die beiden Männer ziehen vorüber, die Frau am Fenster zieht ihren Kopf wieder ein; nur ich und die junge Mutter, die ihren Sohn an sich zieht, stehen noch da. Obwohl ich den Schwan gern weiter beobachten würde, drehe auch ich endlich ab. Ich habe Angst vor einem Betroffenheitsdialog; „Ja, versteh ich, versteh ich wirklich gut“, das kann ich jetzt nicht sagen. Auf dem Weg zum Bus geh ich über den leeren Rathausplatz, an den Fachwerk-Bauten mit den Fassadenmalereien vorbei, und bearbeite auf dem Handy das erste Bild vom Schwan.
06 Feb 19
Heute bei der Friseurin mal wieder unsicher, ob sie mich nun kennt oder nicht. Ich gehe alle zwei Monate zu ihr, und vielleicht ist diese Spanne zu lang, um mich bei ihr prominent zu machen. Vielleicht auch, weil ich nichts erzähle. Beim ersten Mal hat sie angesetzt, mich auszufragen, da sagte ich: Das sei mir, sie möge entschuldigen, zu intim. Ich neige, mein Gesicht im Spiegel, nicht zur Geschwätzigkeit. Wie wenn man am Telefon spricht und sich doppelt hört. Ich kann nicht erzählen vor mir. Einmal erschrak sie leicht, als sie über die Erhebung am Schädel fuhr; da erzählte ich ihr: ein Schlauch, der das Hirnwasser usw. „Ich bin ganz vorsichtig“, sagt sie heute, als sie mit der Hand darüber geht. Trotzdem, am Ende, dieselbe Frage wie je: ob ich schon einmal hier gewesen sei. Ich antworte immer gleich: Ich hätte sogar die Stempelkarte. Am Tresen schaut sie drauf, erkennt ihre Handschrift von den vorigen Malen und stempelt erneut ab. Vielleicht erkennt sie mich auch, meint aber, aufgrund meiner Schweigsamkeit, ich würde sie nicht schätzen. Ich rufe nie im Voraus an, sondern gehe immer vorbei und frage, ob in Kürze noch was frei sei. Bei den letzten beiden Malen hat sie gesagt: „Sie können gleich, aber das wäre dann bei mir.“ Dabei bin ich so froh um sie wie vielleicht noch um keine zuvor. Ich mag ihre ruhige, unaufdringliche Art. Sie hat einen östlichen Einschlag, vielleicht Tschechin, dazu was angenehm Mütterliches. Sie strahlt Bescheidenheit aus und zugleich Bestimmtheit; so sieht auch mein Haar nach ihrer Behandlung aus. Aber eigentlich, wenn ich’s bedenke, bin ich gar nicht sehr uneinverstanden mit dieser Unvertrautheit; wäre ich ihr vertraut, oder auch nur bekannt, ergäbe sich vielleicht die Not einer Verhältnisentwicklung. Aber wie das Beste an einer neuen Serie je nur die erste Folge ist, können wir immer wieder eine neue erste Folge bestreiten.
07 Feb 19
Im Bus ein Gespräch von zwei Schuljungen. Sie rechnen einander die Stunden vor, die sie am PC verbringen. „Zwei Stunden Youtube, zwei Stunden Netflix“ usw. „Zwei Stunden Pornhub“, wirft der Ältere ein und beide lachen. Dann wird es ernster. Um 15 Uhr setze sich der Jüngere an den PC zum Zocken; das gehe bis 23 Uhr. Er will zeigen, wie unabhängig er von den Eltern ist, dass er selbst über seine Zeit entscheiden kann. Der Ältere staunt auch wirklich, aber eher herablassend – er selber zocke nur von 20 bis 22 Uhr. Sieben Stunden Zocken, da käme er ja zu nichts anderem mehr. Der Jüngere, der seinen Triumph gefährdet sieht, rudert leicht zurück: Na, jeden Tag zocke auch er nicht sieben Stunden durch; wohl nur jeden zweiten. Um wieder die Oberhand zu bekommen, stellt er die Hardware-Ausrüstung seines PCs vor – das Beste vom Besten, natürlich. Dann fragt er den Älteren nach dessen Prozessor – der nennt irgendeine Zahl und der Jüngere, mit dem verständnislosen Ton eines reichen Dorfkindes: Mit so einem Prozessor würden doch viele Spiele gar nicht flüssig laufen. Das sei „ja richtige Scheiße“. Der Ältere aber uneingeschüchtert: Warum solle er Geld für einen neuen Prozessor ausgeben, wo er doch auf einen Führerschein spare? „Das bringt mir mehr fürs Leben.“ Mit dem Verweis aufs (‚echte‘) Leben meint er den Jüngeren ausstechen zu können und er setzt gleich nach: Außerdem müsse er das ja alles selber zahlen. Er bekäme eben nicht alles von den Eltern geschenkt. Er ginge ja noch arbeiten fürs Geld. Der Jüngere sieht sich überrumpelt und will nachziehen: Seinen Monitor habe er auch selber bezahlen müssen (allerdings, das gibt er zu, vom Taschengeld der Eltern). Wollte er den Älteren bis eben noch übertrumpfen, will er ihn nun eilig unterbieten: Überdies besitze er nur drei Paar Hosen, ein Paar Winterschuhe, eine Jacke – auch ihm werde das Geld „nicht in den Arsch geschoben“. Ein dritter Junge, aus der Sitzreihe gegenüber, nennt ihn daraufhin einen „Kanakensohn“. Der Jüngere kontert: „Deine Mutter isn Kanakensohn“, und will seine Aufzählung fortführen. Aber der Ältere lässt sich auf diesen Wettbewerb nicht weiter ein und klopft gegen das Fenster – eben ist ein Mädchen ausgestiegen, dem er zuwinkt.
25 02 19
In Zürich, am Sechseläutenplatz, am frühen Abend. Es ist schon dunkel, ein kleiner Kreis Jugendlicher spielt laute Musik. Immer noch viele Menschen auf dem Platz, alle mit Blick auf den See; nur ich habe zwei an den Füßen aneinandergekettete Metallstühle so umgestellt, dass mir der See im Rücken liegt. Mein Blick geht auf die Stadt, auf die hell erleuchteten Geschäfte, das Treiben der Trams. Auch die andern, die auf den See schauen, sitzen vor mir. In genügendem Abstand; fallen ihre Blicke auf mich, so zufällig. Rechts ein Paar, kaum erwachsen, im Streit. Auf Schweizerdeutsch, ich verstehe fast nichts. Am Ton des Jungen, asiatischer Abstammung, höre ich aber: es handelt sich wohl um Vorwürfe. Ebenso anklagend wie enttäuscht spricht er auf sie ein. Dann steht er plötzlich auf; es drängt ihn wortlos fort von ihr. Sie – brünett und hübsch wie er – stellt sich ihm in den Weg. Er versucht es, einen Koffer hinter sich herziehend, rechts wie links an ihr vorbei, aber immer baut sie sich entschieden vor ihm auf. Weiter links eine junge Frau auf einem der Stühle; die Beine übereinander geschlagen, den Blick friedlich ins Nirgendwo gehängt, stochert sie in einer Salatschale herum. Das junge Pärchen weiter uneins. Sie will ihn, scheint es, nicht so einfach gehen lassen. Als müsse einmal genau jetzt etwas geklärt werden. Ihr Blick fixiert ihn beeindruckend starr. Rechts von den beiden sitzt ein Mann, den Kopf weit zurück in die Kapuze geschoben. Zwischen seinen Beinen eine Tüte. Ein Obdachloser, nehme ich an. Er zeigt seinen Mittelfinger. Wem nur? Dann sehe ich, etwas weiter weg, einen anderen Mann mit Handy – er schwenkt es einmal über den Platz, eine Film- oder Panorama-Aufnahme. Das streitende Paar zieht nun doch weiter. Und obwohl sie nun neben ihm hergeht, scheint es mir, als wolle ihn noch immer nicht davonkommen lassen. Energisch klemmt sie sich, ohne sich einzuhaken, an ihn. Mir imponiert ihre Entschiedenheit. Sie wird nicht laut, gestikuliert nur im Ansatz, und ihr Blick, der mir vertraut ist, hat etwas ergreifend Aufrichtiges. Wie jemand, der sich im Disput selbst aufs Spiel setzt, aber nicht leichtfertig, sondern erstaunlich selbstbewusst. Sie schultert nicht nur sich selbst, auch ihn. Dann blicke ich weiter umher, absichtslos, ohne den Vorsatz des Beobachtens, und als ich schauen will, bis wohin die beiden gekommen sind, sind sie fort. Aus der Manteltasche ziehe ich ein Max-Goldt-Buch. Nach ein paar Sätzen schon begeistert mich sein Gebrauch der Partizipien. Der Anti-Rilke, denke ich im zusprüchlichsten Sinne. Nach einer halben Stunde wird es mir zu frisch. Ich laufe noch einmal zur Bücherei. Am Nachmittag hatte ich mir einen Schischkin ausgeliehen, jetzt will ich nur aufs Klo. Ein Relikt aus früherer Zeit: eine Stadt kartieren nach ihren kostenlosen WC-Optionen. Im Umland Zürichs bevorzuge ich mittlerweile die Bibliotheken und den Flughafen. Im Zug nach Haus blättere ich im Schischkin. Er zitiert Dostojewskij, nach dem es, im Hinblick auf die Schweizer, von ganz besonderer Dummheit sei, so maßlos selbstzufrieden zu sein. Und obwohl das nur eine unter mehreren und noch viel rabiateren Invektiven ist, die für eine seriöse Analyse sprachlich zu verschäumt sind, fällt mir auf, dass ich diesen einen Eindruck doch teile.
27 02 19
In Stein am Rhein, am Gleis nach Winterthur, lass ich einer alten Dame den Vortritt in den Zug. Sie wirkt etwas unsicher, als wisse sie nicht genau, ob sie hier richtig sei. In einem längeren roten Rock, drüber ein ebenso roter Blazer, sieht sie sich unschlüssig im fast leeren Zug um. Ihre dünnen blonden Haare fallen bis knapp zu ihren Schultern herab, ihr schmaler Mund ist mit rotem Lippenstift überzogen. Während ich mich setze, in Türnähe, tritt sie wieder aus dem Zug. Macht ein, zwei halbe Schritte, schaut auf eine Weise umher, als wolle sie sich versichern, und kommt wieder rein. Als sich unsere Blicke zufällig treffen, lächle ich sie mit ganzem Herzen an. Sie soll sich bedingungslos willkommen fühlen. So zugewandt das Lächeln auch wirken soll, es hat schon was peinlich Hilfloses, will es doch für diesen einen Moment die Missbilligung der übrigen Welt nichtig machen. Wie ein Rehkitz, in leicht zögernden Schritten, geht sie den Gang durch und setzt sich in einen Vierer. Da drehe ich mich wieder in Fahrtrichtung und nehme ein Buch aus der Tasche. Komme aber, als der Zug schon fährt, nicht zum Lesen. Ich denke mich, entlang der Angst, durch ein fremdes Leben, bis mir, erst nur spärlich, bald wie in einem Sturzbach, die Tränen übers Gesicht laufen. Leise, fast stumm, weine ich verzweifelt in mich hinein. Vielleicht war sie aus anderen Gründen unsicher, vielleicht wirklich, weil sie über den Zug oder die Strecke nicht im Klaren war. Vielleicht war sie nicht mal unsicher. Vielleicht habe ich ihrem Gesicht das Zaudernde nur unterstellt. Aber es erfasste mich so stark, dass ich es nicht anders deuten konnte. Die Vorstellung, ein Leben lang von einer sinnlos repressiven Umwelt in die Vertuschung der eigenen Identität genötigt zu werden – für nichts -, entsetzt mich maßlos. Mit einmal aber lächle ich wieder, noch unter Tränen, bei der Einsicht: wie lange auch unterdrückt, und wie unsicher auch immer, letztlich hat sie den Mut gefunden, sich zu zeigen. Sie ist eine Frau, und jeder kann es sehen.
03 03 19
Bei Max Frisch, in einem der Tagebücher, von einem Fußballspiel gelesen. Deutschland gegen Jugoslawien, glaube ich, in den Siebzigern. Er erwähnt es beiläufig, als wisse er schon: wenn das Buch einmal gelesen wird, wird das Spiel nicht mehr relevant sein. Es wird irgendein Spiel gewesen sein. In der Rückschau nicht mehr als Zeitvertreib, als hätte man Karten gespielt. Viele wichtigere Dinge könnte man tun, statt ein Spiel zu schauen. Und trotzdem, während man es schaut: als gäbe es nichts Wichtigeres. In der Retrospektive sagt man manchmal: ein unbedeutendes Meisterschaftsspiel. Wenn ich Ausschnitte früherer Tagesschauen sehe, aus den Achtzigern, und am Ende die Ergebnisse des Spieltags genannt werden: Hamburger SV – VfB Stuttgart 0:2 usw. – dann, in der Tat, kommt es mir auch unbedeutend vor. Aber wenn ich ein Spiel seh, aus gleich welcher Liga zu gleich welcher Zeit: immer das Gefühl, es gehe gerad um alles. Als entschiede sich in diesem einen Spiel die Zukunft. Ich kann ein Spiel nicht ohne Anspannung schauen. Aber diese Anspannung ist ein Ding der Akuität, in ihr bildet und erschöpft sie sich, sie konstituiert sich nur im Gegenwärtigen. Wenn ich ein Spiel für bedeutend nehme, dann auch, weil ich meine, es stelle unwiederbringlich Weichen für die Zukunft. Aber in dieser Zukunft, die dann Gegenwart ist, hat es seine Bedeutung ebenso unwiederbringlich eingebüßt. Ausnahmen gibt es, Final-Spiele etwa. Weil in diesen Spielen auch wirklich um Bleibendes gerungen wird; Pokale, die den Erfolg (oder Misserfolg) konservieren, die eine bleibende Gewissheit von diesem Ringen geben. Aber Spiele, die nicht in diesem Sinne bedeutend genannt werden können, ein torloses Unentschieden in einem Vorbereitungsspiel, ich schau sie mit einer beeindruckenden Intensität. Ich werde später nicht angeben können, weshalb es mir wichtig vorkam, dies Spiel zu sehen. Es wird vielleicht überhaupt keine Gründe geben. Aber künftig werde ich, in einer ähnlichen Situation, ein solches Spiel wieder schauen. Die Neugier, gar nicht mal so sehr aufs Ergebnis, mehr auf den Umgang mit der Herausforderung, die nimmt nicht ab, auch nicht mit der Kenntnis um eine zukünftige Irrelevanz. Die Anspannung, mit der ich auf andere schaue, in deren Tun ich meinen Erwartungshaushalt verlagere, erlöst mich vom mal stärker, mal schwächer lodernden Existenzdruck, gerade weil es, für mein eigenes Leben, um nichts geht. Das Spiel suspendiert das Bewältigungsgebot, das mich dauernd in diverse Verhältnisse zwingt. Einmal der Wirklichkeit nichts zutun müssen. In der absoluten Anspannung präsent sein können, aber mit einem sozusagen annullierten Ich. Das Relevanz-Paradoxon des Fußballs: Es geht um alles, während es um nichts geht. Man erlebt es noch viel stärker, wenn man selber spielt. Wie man sich drangibt ans Spiel, obwohl einem kein Grund einfällt. Man kann das Spiel auch theoretisch begreifen, kann Sacchis Trichter gegen Guardiolas Triangel stellen, die statische gegen die dynamische Dreierkette abwägen, die Bedingungen und Strukturen ausforschen. Aber das ist die Ebene der Profession. Als bloßer Zuschauer erliegt man dem Reiz der folgelosen Anspannung.
04 03 19
Wenn Leute angeben, was sie täten, wären sie einmal allein: nackt in der Wohnung herumlaufen. Nacktheit als Synonym fürs Allein-, mehr noch: fürs Beisichsein. Man trägt die Kleidung nicht für sich in erster Linie, sondern für oder gegen andere. Und wenn sie fort sind und man sich uneinsehbar eingekapselt hat, wenn die Beobachter im doppelten Sinne ausgeschlossen sind, hat sie keinen Zweck mehr. Aber hier muss man trennen zwischen sozial isolierten und sozial eingefassten Menschen. Einsame kleiden sich in der eigenen Wohnung nicht selten vornehm; die Kleidung dann wie eine Ermahnung, nicht zu verwahrlosen. Sozial umfasste Menschen drängen mehr danach, sich frei zu machen; nicht nur von Mitmenschen, auch von allem andern. Mit der Ablegung der Kleider ist die Ablegung aller Verhältnisse gemeint. Alle Dinge tun, die man auch sonst täte, nur eben nackt: der psychische Trend zum Nichtsozialen, der die dauernde Rücksichtnahme als Inhibitor der eigenen Freiheit begreift. Es ist auch anstrengend: je mehr einer um sich hat, desto mehr muss sein Gehirn an Prognose und Antizipation leisten, bis es sich von Eindrücken bald so bedrängt fühlt, dass es die Fantasie von seiner eigenen Stilllegung bildet. Oder von der Flucht, die zum Projekt wird. Von der Flucht ins Embryonale, ins Invisible, in die absolute Intimität mit sich selbst. Das repräsentiert die Vorstellung von der eigenen Nacktheit. Freilich: dauerhaft befriedigend ist es nicht, nackt zu sein. Es gibt einen Moment der Angetanheit, das momentweise Fieber der Emanzipation – aber dann wird es fad, denn die Nacktheit, wenn sie wirklich nur einem selber dient, hat in der Dauer keinen Vorzug gegen Bekleidung. An ihr reizt nur der Akt der Befreiung; wenn er getan ist, verliert sie ihre Bedeutung. Das Alleinsein selber moderiert sie nicht besser als Bekleidung. Es ist mehr die Vorfreude auf das Ausschlüpfen, die dann, wenn man nackt ist, obsolet geworden ist.
10 04 19
An der Bushaltestelle; ein alter Mann stellt sich zu mir, fängt an zu reden. Schweizerdeutsch, genuschelt, ich verstehe ihn erst nicht. Dann höre ich heraus: der Bus werde bald kommen. Ich nicke, lächelnd. 10 Grad, sagt er, das sei eigentlich Winter, nicht Frühling. Ich lächle und drehe mich weg. Er unbeirrt: 10 Grad im Frühling, sagt er, das sei ja wie in Sibirien. Da sei er mal gewesen. Ich drehe mich wieder halb zu ihm und sage süffisant, mehr aus Spaß: Schon bisschen länger her? Er plötzlich ganz ernst, für einen Moment versunken: Das sei sehr lange her. Nach einer Pause: Er sei viel herumgekommen in der Welt, habe viel gesehen. Asien, Australien, vor allem Südamerika. Als müsse er’s beteuern: Wenn man sich’s leiste kann, he? Aus einem Reflex schau ich ihn mir näher an: dunkles Cap mit dem Logo eines Automobil-Herstellers, beiges Jäckchen, beige Hose, verschmutzte Schuhe – und ein abgespanntes Gesicht mit wässrigen Augen. Ich nicke; wenn man sich’s leisten kann. Zuletzt sei er auf den Osterinseln gewesen. Kenne Sie die? Ich nicke; schon gehört. Da glaubt man, sagt er mit sehr müder Stimme, man sei am Ende der Welt. Es klingt ein bisschen wie aus einer Doku. Als der Bus kommt, lasse ich ihm den Vortritt. Bitte, Sie zuerst. Er hebt sich hinein und dreht nach rechts ab, Richtung Fahrer. Ich folge hinein und drehe nach links ab, in einen Vierer, gegen die Fahrtrichtung.
Mai ’19
Eine alte Frau im Zug; ihr Handy klingelt in der Handtasche. Sie sucht und kramt, findet’s aber nicht. „Bisch du ruhig! Bisch du ruhig!“ bellt sie in die Tasche hinein. Aus dem Fenster seh ich eine steil abhängende Weide; braune Kühe, verteilt wie auf einem Gemälde. „Schaue Sie“, sagt die Kontrolleurin, „des eine Ticket gilt nur bis Etzwile – und des andere erscht ab Stammheim.“ Ich sehe an ihr vorbei auf die alte Frau, die immer noch nach ihrem Handy kramt, jetzt aber stumm; es klingelt nicht mehr. „Da ischt eine Lücke, verstehn Sie?“ Sie hält beide Tickets gleichauf, zieht sie auseinander und wieder zusammen, wie eine Zugtür. „Die müsse mir schließe.“ Vor dem Fenster jetzt weiter Feld, in der Ferne die Berge; wenn ich sie fixiere, wirkt es, als führen wir auf der Stelle. „Die Lücke ischt ja eine ganze Zone.“ Vereinzelte schmale Bäumchen, eingemengt in dicht formierte Stauden, säumen das Gleisbett; es geht immer voran. „Meine Zone“, sage ich leise. Sie schaut irritiert. Erst will ich mich auf Unwissenheit herausreden; mein Ausweis würde es bezeugen, ich bin fremd hier. Aber dann kann ich mich nicht aufraffen. „Zahle Sie mir eifach die Zone, dann isch es gued.“ Sie sieht müde aus. Oder gutmütig, ich kann es nicht sagen. Unter Dank, wenn auch tranig, vergüte ich ihr die Inanspruchnahme der Lücke.
22 05 19
Mittags auf einer Bank am Münster, Konstanz. Neben mir zwei alte Frauen, Österreicherinnen. Die Ältere schaut versonnen auf drei Tauben; das Männchen hüpft aggressiv um eines der beiden Weibchen herum. „Na, jetzt schimpf net mit dei’m Weiberl“, sagt sie leise. Die andere blickt vom Prospekt auf, sagt: „I hosse die Viecher.“ Und nach einer Pause: „Die wecken mi immer.“ Wieder Stille. Dann die Ältere: „Aber net die.“ Die Jüngere einsichtig: „Na, net die.“
25 07 19
Martin Seels „Nichtrechthabenwollen“: Er will, schreibt er so ungefähr, nicht das Ordentliche. Stattdessen das Abwegige, Abschüssige, das Aus- und Abschweifende. „Gedankenspiele“ nennt er es. Aber er will es wiederum sehr ordentlich machen. Die Sprache lässt nichts aus. Er geht nicht das Wagnis der gedanklichen oder sprachlichen Leerstelle ein; zwar folgt er einer Struktur des Assoziativen, aber er folgt ihr sehr stringent, wie abgemacht. Die Assoziationen sind kein Zufall; und sie fallen ihm auch wirklich nicht zu – er beabsichtigt sie: „Vorführen, wie Gedankenspiele gehen“. Aber so gehen sie gerade nicht. Er grast das Land des Sagbaren ab, bis nichts mehr über ist, und käut es wieder und wieder. Er meint es als Prinzip. So kommen Sätze heraus, die man so oder nicht viel anders alle schon mal gelesen hat. Ein wirkliches Abschweifen, vielleicht auch ein Ausufern, das also, was nicht mehr ohne weiteres vom Adressaten gebilligt wird, findet nicht statt. Er scheut das Risiko, als ein Versehrter aus dem ‚Spiel‘ herauszugehen, als ein Geschlagener. Aber ein Spiel, in dem das Risiko keine Konstante ist, ist kein Spiel; es ist nur die Simulation eines Spiels. Eben ein „Vorführen“. Wer mutwillig assoziiert, der assoziiert nicht. Wer sich das Abschweifen vornimmt, der schweift nicht ab. Der unterhält einen Betrieb. Ein solcher Betrieb aber isoliert das Systematische vom Zufälligen. Seel will ‚auf etwas kommen‘ – aber da er dem Zufälligen das Notwendige abverlangt, weil es ihm sonst nicht gelten kann, gerät er nicht auf Unvertrautes. Das Jähe, das alles originäre Denken und Dichten ausmacht, versagt er sich. Da aber das Jähe seine eigene Bewertung nicht gleich mitliefert oder, besser noch, vorausschickt, sondern die Frage, ob es günstig ist oder nicht, sich erst in seiner Erfahrung entscheidet, bezeugt das Buch eine frappante epistemische Impotenz. Es ist nicht dumm, bestimmt nicht. Aber da Seel alles, was er andenkt, gleich auch ausdenkt, ohne aber etwas durchzudenken, das ihm bislang nicht eingefallen ist oder dessen Resultat ihm nicht ausreichend vorhersehbar ist, initiiert er beim Leser kein Nachdenken. Schweift der Leser ab, so ist die Abschweifung nicht Seel zu verdanken.