17 09 20
Das Wahrzeichen einer Stadt ist heute kein gegenständliches mehr. Dome, Tore, Münster, sie gründen nur noch das Narrativ, das nun zum Wahrzeichen geworden. Wer Köln erklären will, wird vom Dom sprechen, wie einer, der Prag verdeutlichen will, von der Karlsbrücke spricht oder vom Erdbeben, wenn er Lissabon meint. Dies Narrativ wird nun Zeugnis der Identität. Einer, freilich, überkommenen Identität. Die sich vom Mythos ganz bestimmen lässt. Von etwas – einem Gebäude, einem Ereignis –, das die Stadt erst zu dieser Stadt macht. (Hier trennt sich auch das Konzept der Stadt von dem der Polis.) Wie ein Mann in früherer Zeit erst durch seinen Beruf zu diesem ward, genannt in Erzählungen oder auf dem Grabstein. Oder eine Frau, in gar nicht ganz so früher Zeit, als Frau von. Identität wird so bestimmt durch Bezüge, die über das Einzelne oder den Einzelnen hinausweisen, zeitlich, räumlich, aber auch sozial. Das Einzelne steht in der Obhut seiner Referenzen. Vielleicht deshalb zieht’s mich zur Literatur: sie muss, selbst zum Zwecke der Aneignung, diese Referenzen vernichten. Ihr Reiz, für mich, ergibt sich aus ihrer Freiheit, Bezüge zu ignorieren. In einem Kosmos, der allaugenblicklich erzeugt, kann nichts ganz und gar voraussetzungslos sein, aber in der Literatur kann man diesem kosmischen Prinzip vielleicht am ärgsten trotzen. Danach hat’s mich immer verlangt: nach dem radikalen Trotz gegen das kosmische Diktum der Bezugnahme. Noch bevor ich ins Literarische ging, hab ich’s im Sozialen angestrengt; vor allem die totale Lossagung von der Familie, die immer mehr war als nur eine reizvolle Idee, hat’s mir angetan gehabt – und „angetan“ hier im schärfsten Sinne. Und nicht, um mich aus Neugier dem fremden Nichts auszusetzen, sondern, im Pathos der Jugend gesagt, um endlich der zu werden, als den ich mich empfand – als Solitär, der von den anderen weiß, ohne von ihnen zu wissen.
21 09 20
Searles Ablehnung des Leib-Seele-Dualismus, sein Plädoyer für eine Aufhebung der Trennung (die mehr oder anderes ist als nur ‚Differenz‘) verbinden mit der Hegelschen Aufhebung von Gegensätzen – aber wo Hegel im Spekulativen die Aufhebung im ‚Durchgang‘ sieht, dort hineinschmettern mit Searle als Analytiker, nach dem dieser ‚Durchgang‘ bereits vom Apriorischen erledigt ist.
28 09 20
Man kann im Tagebuch nicht scheitern. Daher die Versuchung; ich will einmal unversehrt durch die Sprache. Langsam auch ermüdet vom immer düpierten Hochgefühl nach einer vermeintlich gelungenen Seite im Roman: der zensorische Durchgang, nach ein paar Tagen, ist vernichtend. Er vernichtet nicht nur die Seiten, auch den Glauben, das Zutrauen. Es wird mir wieder zufallen, wie immer, aus dem Nichts, aber mit der Zeit werde ich skeptisch gegen das Zutrauen, halte es für einen Schwindel, der wiederum pars pro toto für mein gesamtes Verhältnis zum Schreiben steht. Im Tagebuch erhol ich mich von dieser Abnutzung des Zutrauens. Es ist weder ein Ort der Lust noch der Qual (der Roman ist beides), mehr der Regeneration; eine virtuelle Reha-Stelle.
11 10 20
Gestern, aus dem Nichts, drastische Homophantasien. Obwohl, im Grunde waren sie es gerade nicht. Immer waren es Frauen, die mich imaginär nahmen. Nur mein Vokabular trennt nicht genügend, auch in den Phantasien nicht, wenn ich in denselben, vom Strapon penetriert, als ‚Schwuchtel‘ tituliert werde. Darin soll Abwertung sein und an dieser auch ein Reiz, aber der ursprüngliche oder primäre oder wahrhafte Reiz ist die Aufgabe der Männlichkeit. Dass daran Verschwulung sein soll, offenbart die homophobe Prägung. Tatsächlich ermöglicht der vorgestellte Akt eher eine Redefinition des Männlichen, was ja mehr ist als bloß Aufgabe. Aber was ich aufgeheizt ersinne, hat nichts von einem aufklärerischen, wertumkrempelnden Konzept, es bezeugt nur eine Stauung von Reizen, von denen der dominanteste in der Aufgabe, im Seinlassen der Männlichkeit liegt, im Ablassen von ihr. In der Auflösung aller Attribute, mit denen man, seit man denken kann, als männlich bestimmt wurde. Daher auch der Reiz, es von einer Frau vornehmen zu lassen. Das Männliche soll gar nicht mehr zugegen sein, und das ist es auch nicht im Strapon, denn der ist – wenn man ihn auch dafür verwenden will – keine Nachbildung von Männlichkeit. Weil er ohne weiteres aufs andere Geschlecht transferierbar, ja gerade für dasselbe konzipiert ist, aber durchaus auch ganz ohne eins auskommt, exemplifiziert sich an ihm insbesondere jenes Degendering, nach dem man selber buchstäblich lechzt. Die Aufhebung des Geschlechtlichen als Entlastung nicht der sexuellen, sondern nachgerade der asexuellen Identität. Ich stelle mir eine Revolvierung aus der Domäne des Männlichseins vor, innert derer Identifikation je über Diallelen funktioniert, nachdem dort Männlichkeit über Attribute bestimmt wird, die vorab bereits als männlich klassifiziert wurden. Ein Teufelskreis des Männlichen, in dem immer schon der Wirbel ins Bestialische lodert.
In den Vorstellungen an sich aber noch viel homophobes Gepräge. Penetriert zu werden – und nicht selber zu penetrieren -, gilt mir imaginativ zwar als Verlust, das heißt als unfreiwillige Aufgabe von Männlichkeit. Wobei das durchaus nicht ganz klar ist, weil ja gerade meine Lust zum Auslöser des Verlusts ernannt wird, und Lust selbst in Machtkonstellationen als etwas Unerzwungenes gelten muss, um gültig zu sein. Nur wenn sie fakultativ ist, kann meine Männlichkeit an ihr aufgehängt werden. Aber in dieser Aufhängung werde ich gerade nicht geschlechtslos – meine Männlichkeit gilt noch, aber nicht mehr als Signum der Macht, sondern der Ohnmacht. Sie wird also pervertiert. Sie ist mir noch eigen, aber ich verfüge nicht mehr über sie. Ab da, wo ich nach dem Phallus bettle, ob nach dem plastischen oder dem organischen, kann ich nur noch einstecken. Und dass mich das, in der Vorstellung, zur ‚Schwuchtel‘ macht, was die gleichgeschlechtliche Ausrichtung zur Bedingung hat, beweist, dass meine Männlichkeit durch externe Zuweisungen, Attribute bestimmt wird, nicht durch ein Organ. Bisweilen verkaufen mir meine Phantasien die erotische Angewiesenheit auf Männliches als Stimulans. Aber das ist eine Täuschung, dem Mangel an Unterscheidung geschuldet.
Annähernd klar wurde es mir erst vor wenigen Jahren, noch in Berlin. Über Tage, vielleicht Wochen malte ich mir aus, in ein Gaykino zu gehen. Allein die Idee, dort einzukehren, machte mich fast wahnsinnig. Die letzten Tage, bevor ich es wagte, konnte ich an nichts anderes mehr denken. Gar nicht Scham, mehr generelle Trägheit hielt mich zunächst ab. Endlich auf machte ich mich dann nicht zuletzt aus Trotz; L. hatte mir entgegnet: „Du wirst dich eh nicht trauen.“ Am Tresen, als ich im Voraus für den Abend zahlte, waren die letzten Funken von Scham bereits erloschen. Dafür hatten zwei Jungen, vielleicht zehn Jahre alt, vor dem Eingang gesorgt: „Haha“, blökten sie laut, als ich in den Vorhof einbog, „der lutscht Schwänze!“ Das rührte mich, ich musste lachen und rief ihnen nach: „Ich lass mir sogar in den Arsch ficken!“ Da quiekten sie: „Oaaah!!“ Drinnen dann Ernüchterung. Es war ein Cruising-Bereich mit kleinen Kämmerchen, in denen je eine Pritsche stand und in einem Fernseher schwuler Sex abgespult wurde. Die wenigsten waren belegt. Und außerhalb gingen alle aneinander vorbei. Obwohl es an diesem Ort nur ein Interesse geben konnte, gab man vor, gerade dieses nicht zu haben. Saß am Rande, auf rot umpolsterten Sitzquadern, und schaute aufs Handy. Mir war danach, gleich wieder zu gehen. Aber ich hatte mir den Abend festgesetzt, als Erlebnisperiode, in der sich notwendig was Außerordentliches ereignen musste. Also ging ich in eine der Kabinen, suchte mir ein Programm und rieb meinen Schwanz. Weniger sexuell motiviert als vom Trotz. Irgendwann, von draußen, jemand am Gloryhole, mit offenem Mund. Aber ich zierte mich. Diese jähe Intimität war mir nicht vertraut, auch nicht lieb im Grunde. Es war einmal das Fremde, das mich hemmte, und dazu das Anonyme – noch begriff ich es nicht ganz, hatte aber eine Intuition dafür, dass beides nicht dasselbe ist. Die Fremdheit des andern erklärte sich leicht, ich kannte ihn nicht. Und das Anonyme kam daher, dass ich ihn nicht erkannte – schon als Mensch, aber nicht als Individuum, denn ich sah nichts weiter als einen offenen Mund, ans Gloryhole gepresst. Ich meine keine Abwesenheit von Psyche, aber ihre Verengung auf eine einzige Not, ohne Kontext, ohne Prozess, ohne einordnende Bild- und Körperlichkeit. Es fühlte sich an, als würde ich, käme ich seinem Verlangen nach, gerade dem ausgeliefert sein und nicht meinem eigenen. Stattdessen kam ich auf die Liege. Wieder draußen, ging ich herum. Setzte mich selber, das Handy in der Hand, und wartete auf irgendein Ereignis, ohne meine Zutun. Es war fad. Und das lag an den Männern. Ich wollte mich nicht ficken lassen, nur einen Schwanz lutschen, einmal. In der Vorstellung war ich besessen davon. Aber in der Vorstellung gab es nur Schwänze, keine Männer. Und an diesem Ort verstand ich, warum. Von einem Mann geht kein erotischer Reiz für mich aus. Ich bin an ihren Körpern nicht interessiert, auch an ihrem Verlangen nicht, gerade letzteres stößt mich eher ab. Ich hatte mir im Voraus kein Bild davon gemacht, wie das, was ich ersehnte, reell initiiert würde. Aber wie es dort ablief, ließ mich kalt. Entweder waren sie verklemmt oder ansatzlos, nichts dazwischen. Ich machte es mir noch ein weiteres Mal, in einer anderen Kabine, mit offen gelassener Tür. Vom Sofa, fünf Meter entfernt, sah einer zu. Es hemmte mich nicht, erregte mich aber auch nicht. Mich erregte nur, es einmal getan zu haben. Dann ging ich, ohne Bedauern aber. Ich hatte eine Erfahrung gemacht, wenn auch nicht die vorgenommene.
Es war aber nicht nur die männliche Körperlichkeit, die mich nicht bewegte, es war auch die fremde oder überhaupt die Körperlichkeit. Sie nimmt, mit den Jahren, als Faktor ab, nicht nur als erotischer. Wo sie noch eine Bedingung ist, ist die Kleidung. Wenn ich mich schick mache, obwohl ich nur den Müll rausbringe oder Flaschen zum Container trag. Oder vor L., vor der ich nicht verlottern will. Obwohl sie, vor mir, ohne weiteres verlottern könnte. Von L. abgesehen, wenn ich also draußen herumgeh für nichts, ist es nicht mehr als eine Andeutung; zu substanziellen Interaktionen kommt es ja nie. Aber latent schwelt noch der uralte Wunsch, in allem, und noch im Belanglosesten, von der Welt registriert und bewertet zu werden. Es ist Wunsch wie Scheu. Ganz unbemerkt will ich sein oder in allem gesehen. Und wenn auch mein Leben, wie beinah jedes andere, letztlich dazwischen stattfindet, in der gelegentlichen Sichtbarkeit, und es anders auch gar nicht möglich ist, will ich gerade das am allerwenigsten. Aber ich kann mich wohl auch nur nach beidem sehnen gerade aus diesem Zwischenraum heraus. Nur in ihm ist das Leben ja erst aushaltbar.
Aber der Hang zum Unaushaltbaren schwindet mir nicht, und vielleicht sind diese Phantasien, und in anderer (aber vergleichbarer) Art auch die Panik vorm Einschlafen, sein natürliches Habitat. Und wo ich mir etwas Bleibendes davon erhalte, ist das Schreiben. Beides, Panik und Phantasie, erschöpfen sich ja in ihrer Akuität, sie sind ihrem Wesen nach etwas Augenblickliches, das nicht dinglich nachwirkt oder nur als Spuren im Schnee, der, sobald es vorüber ist, wie von Geisterhand schmilzt. Panik und Phantasie, Angst und Lust – im Schreiben fiktionalisiere ich sie als Signum einer utopischen oder eben dystopischen Gegenwelt, die je wie ein Spiegel funktioniert, als örtliche Antinomie: ich werde mir dort gezeigt, wo ich nicht bin, und bin dort, von wo ich nicht gezeigt werde. Foucaults „Ort ohne Ort“. Es ist aber vielleicht hier gerade das Gegenteil einer (im medizinischen Sinne verstandenen) Heterotopie. Denn in der Fiktion des Schreibens, als atypischem Ort, scheint eben nicht funktionelles Gewebe auf, sondern geradewegs dysfunktionelles: was krank ist in mir, was sich als kranke Möglichkeit in mir auftut – oder eben das, was in meiner Prägung als ‚krank‘ markiert wurde -, aber im Alltag nicht verwirklicht, das verwirklicht sich an diesem unmöglichen Ort. Dort wird es zur illusionistischen Tatsache. In dieser „Anderswelt“ bin ich, was ich fürchte und wünsche zu sein, nichts dazwischen.
Der Besuch im Pornokino war vielleicht der Versuch, diese Heterotopie einmal in den Alltag, ins wirklich Erlebbare zu übersetzen. Er ist gescheitert, weil diese „Anderswelt“, die Fiktion keine portable, ins Diesseitige verschleppbare ist. Weil auch sie, wenn nicht räumlich, so doch örtlich gebunden ist ans Jenseitige. Nur der auch im Diesseitigen krank ist – und „krank“ noch immer als kontingentes Attribut -, kann diese einander aussperrenden Welten ineinander vermengen. Die Frage ist, ob’s ein Talent ist – oder nicht vielmehr die Inkompetenz, ihre wechselseitige Isolation zu wahren. Mein Verdacht: beiden ist’s eine Inkompetenz: dem einen, sie zu vermengen, dem andern, ihre Differenz zu sichern. Aber was daraus folgt, habe ich noch nicht bedacht.
12 10 20
In Momenten ist es schon auch das Männliche selbst. Aber weniger als erotisches Subjekt, mehr als Verkörperung einer Perversion. Selten, aber wenn ich mir Intimes mit einem Mann denke, beinahe schon zärtlich Intimes, ist der Reiz mehr am Verstoß gegen eine eisern eingewirkte soziale Zensur. Ob es die Erregung auslöst, mich gegen diese Zensur zu ermächtigen, oder sie nur verschärft, ist aus der Vorstellung heraus schwer zu trennen. Das Verlangen ist dann, die Lust aufs zugleich eigene wie fremde Geschlecht zu erweitern, über die Hürde des Tabus hinweg. Aber dieses Verlangen erzeugt sich je nur aus der akuten Lust heraus, es erzeugt nicht die Lust selbst. Denn der männliche Körper, an und für sich, wie die männliche Begierde, erregen mich nicht. Dass mich insbesondere die Arbeit am Tabu verlockt, belegt sich vielleicht am ehesten dadurch, dass es mir in der Vorstellung heikler, grenzüberschreitender erscheint, einen Mann zu küssen als etwa seinen Schwanz, gleich wo, in mir zu haben. Weil sich die Begierde auf ein Geschlecht hin mehr im Zärtlichen als in der Gewalt beweist. Hier scheidet sich wohl auch die Begierde vom Begehren – ich kann eine Begierde nach dem Männlichen empfinden, ohne es zu begehren. Ich begehre unbedingt das Weibliche. Aber die Begierde reizt sich von was anderm her. Versohlt zu werden, vor anderen, um meine Lust in ihrer Gleichgültigkeit sowohl aufschwemmen wie ersaufen zu lassen. Die Lust, wenigstens in der Vorstellung, erwirkt sich oft aus dem Bedürfnis, negiert zu werden. Wo ja die reale Lust gerade davon getragen wird, angenommen zu werden. Auch die Negation ist eine Form der Zulassung, eben eine restriktive. An etwas, das mich real ekelt – Männer, Füße, Schmerz -, labt sich imaginär meine Lust. Der Ekel schwillt in der Lust nicht nur ab, sondern wird in der Erregung ganz selbst zu dieser Lust. Neurologisch eine Binse – das Zusammenwirken von Amygdala und Hypothalamus, die Zuarbeit von Insula und Nucleus accumbens usw. Aber die (ungefähre) Kenntnis darum mindert den Reiz nicht. Ich bin nicht weniger aufgescheucht, wenn ich’s mir theoretisch erläutern kann. Ein Irrtum auch von Puristen: dass der Zauber eines Gedichts darunter litte, wenn Machart und Motive aufgezeigt würden. Wenn seine Mittel notwendige sind, oder notwendig mit eigenen Begierden korrelieren, bleibt einem das naive Verhältnis zu ihm erhalten. Die Erlebnisqualität nutzt sich an der Expertise nicht ab.
13 10 20
Das Paradox vom eigenen Geschlecht, das in der erotischen Bezugnahme zum anderen wird. Und zwar zum ganz anderen, d.h. ebenso zum fremden wie zum verbotenen. Die Mär vom widernatürlichen Akt stigmatisiert es so. Und in der Phantasie wird nicht vornehmlich das ‚andere Geschlecht‘ zur verbotenen Frucht, sondern das Verbotene selbst wird zur Frucht. Nähme man es pragmatisch, wäre das ‚Andere‘ der Körper an sich, ob männlich oder weiblich oder nichts davon. Nur ist die Erregung nicht das Habitat des Pragmatischen, in ihr erfährt es seine unbedingte Exklusion. Was in der Erregung gilt, wie in der Verzweiflung, ist gerade das Ungültige. In ihr verkehren sich nicht Dinge, Referenzstoffe oder Wahrheiten, sondern Verhältnisse. Die ‚Dinge‘ – einmal so grob gefasst -, die ja in Wirklichkeit selten wahrlich statisch sind, erstarren in der Erregungsphantasie annähernd, da die impulsive Vorgängigkeit leichte Fasslichkeit und übersichtliche Disposition notwendig macht. Man muss spontan mit ihnen umgehen können, man darf sich ihrer nicht erst versichern müssen. Nur so lassen sich ihre Verhältnisse untereinander unvermittelt pervertieren. Was im unerregten Zustand inhibiert, kann im erregten plötzlich exzitieren. In dieser Perversion wird das eigene Geschlecht zum fremden. Dasjenige Geschlecht, das man auch im unerregten Zustand begehrt und das dort für sich das ‚andere‘, das ‚fremde‘, weil uneigene Geschlecht sein mag, erfährt in der Erregung keinen attributiven Wandel, da die erotische Interaktion mit ihm allseits als Normverhältnis anerkannt ist. Das eigene Geschlecht wird dort zum fremden, wo die Interaktion mit ihm kulturell problematisiert wird.
Ein Problem, freilich, aus dem Nichts; ein bloßes Hirngespinst. Aber das sind wohl beinahe alle dominanten Fälle von Kulturdiskursen. Ethnie, Gender, Sexualität etc. – die darum verhandelten Problematiken sind ja keine evidenten. Sie leben von Zuschreibungen, um als Embleme von Machtkämpfen zu reüssieren. Hierdurch strukturieren sich Problematiken, Dynamiken, Moralen binär und hierarchisch, in Über- und Unterlegene, Mehr- und Minderheiten, Täter und Opfer, Gratifizierte und Sanktionierte. Nur werden, nach dieser Logik, Unterlegene und Minderheiten, d.h. die Opfer der Überlegenen und Mehrheiten, von denselben als Täter sanktioniert. Indessen waltet zwar eine Art von Differenzierung, die zwischen Sein und Tat. Das Sein allein bezeugt nicht mehr Täterschaft, erst die Tat. Aber diese Differenz ist eine paradigmatische, je nach Machtverhältnissen kann sie genauso gut ersetzt oder aufgegeben werden.
In der Erregungsphantasie jedoch werden Dispositionen mithilfe von Handlungen dekliniert. Sie gestattet keine Ausflucht aus der Problematisierungsfalle. Denn zwar ist dieselbe eine selbstgewährte, insofern eine autonome, aber zu den Bedingungen ihrer Möglichkeit gehört der Anschein der Verordnung. Daran ist ja der Reiz: im Eindruck, in ein Revier gescheucht zu werden, in dem man als Problemfall geoutet wird und sich als solcher stellen muss. In diesem Sinne – und vielleicht nur in diesem – ist die Imagination wahrer als die Wirklichkeit. Denn wo in der Gesellschaft, um sie leichter zu handhaben, Stigmatisierung und Sanktionierung codiert werden, zeigen sie sich in der Phantasie unverstellt, von allen Chiffren vollkommen entschlackt. Dort geistert man herum in der selbstverordneten Hölle der Verwerfungen und fühlt sich als das Körperliche schlechthin. Dort tritt die Scheidung zwischen Zulässigem und Unzulässigem kristallin hervor, während man selbst dazwischen als verfehltes Objekt selig zermalmt wird. Es ist dann auch eine Perversion auf anderer Ebene: wo einen die Scham, im unerregten Zustand, in die Verkümmerung nötigt, hilft sie in der Phantasie der Auferstehung bei.
14 10 20
In Bezug auf reale soziopolitische Verhältnisse mögen die Erregungsphantasien etwas durchaus Wahres ausdrücken oder veranschaulichen. In anderer Hinsicht sind sie aber doch gerade das Gegenteil der Realität. Männer kommen, schon kaum in sonstiger, jedoch gar nicht in erotischer Weise in meinem Alltag vor. Das Männliche ist für mein Handeln keine, für mein Denken – wenn überhaupt – nur eine unbewusste Referenz. Wenn ich am Menschlichen etwas abstoßend finde, ist es in der Regel aufs Männliche rückführbar. Ich war geprägt davon, und bin es wohl noch, in sicher ungesundem Grade. Aber jede Form der Nacheiferung, des Hinstrebens, der Adaption ist passé. Als ich vor einigen Jahren gesagt bekam, eine bestimmte Art von mir sei „unmännlich“, war es bereits gegenstandslos für mich. Heute würde ich weitergehen, heute würde ich diesen Vorwurf als Auszeichnung nehmen. Im Männlichen, kulturell verstanden, ist schon alles Übel der Welt. Politik, Religion, Alltagsmoral: was daran verderbt ist, ist in seinem Kern männlich. Grosso summarum.
Das Fiktionale konterkariert, in den Vorstellungen, das Faktische. Die Ideenwelt des erregten Ichs ist keine sehr ausdifferenzierte, vielfältige oder flexible, aber doch eine Möglichkeitswelt, wenn ich den Akzent auch anders setzen würde als Musil – um seinen Satz umzustellen: ‚Möglichkeit bedeutet nicht nur das, was sein könnte, sondern gerade das, was nicht ist.‘ Nach den Erniedrigungen, derer ich in der Phantastik fallweise bedürftig bin, steht mir davon ab kein Sinn. Mir steht aber, unerregt, nach kaum was Unmäßigem der Sinn. Mir war erst, als sei die Liebe eine Ausnahme davon, aber recht gedacht versagt sich in der Liebe alles Unmäßige. Wo sie wahrlich gilt oder in praxi ist, hebt sich ja jedes Maß per se auf. Das meint keine Abarten, die mit ihr bisweilen gerechtfertigt werden, Stalking oder Totschlag, denn daran ist keine Liebe. Aber im wirklichen Leben, als Abgrenzung zum möglichen, das sich in der Fiktion ergibt, will ich wohl und richtig tun, soll es mir auch wohl und richtig sein, und so ist mir nach nichts Unmäßigem mehr. Alles, nur keine Aufgescheuchtheit.
Lieb wäre mir eine Herausnahme aus allem; gehe alles Weltliche ohne mein Zutun vor sich. Ich will mich nicht mehr erholen müssen. Nicht mehr Scham empfinden beim Rückblick auf Entgleisungen, aus der Wut oder der Lust heraus. In all das will ich nicht mehr involviert sein. Will kein soziales Wesen mehr sein, oder nur so, dass mir nichts mehr daraus folgt. Die Fiktion ermöglicht es, in beiderlei Sinne: einmal kann ich, ohne erkennbare Folgen, in ihr ausrasten; und einmal benötigt auch die Fiktion, um sich zu ergeben, den Drang nach dem Unauslebbaren. In der Phantasie verwandelt man sich in sich selbst, entlastet von der Bürde der wirklichen Existenz. Und insbesondere die Erregungsphantasien sind Hymnen aufs Extrem, aufs säuische Vorkommen, auf die herrliche Unverwertbarkeit des Daseins. Sie explizieren das Implizite. Sie beweisen das Chaos als System, in ihr verbinden sich Geist und Sinnlichkeit zum Dionysischen, und je weiter sie ins Abseitige vordringen, eine desto striktere Ordnung verlangen sie.
Es ist Freiheit, aber bedingte. Der Rausch bekräftigt sich in der Ahnung, sich alles erlauben zu können, das Unfeinste, Groteskeste, das Allerverkehrteste, und dem nachwettern zu können in nichts als Gier. Es ist aber nicht bloß die Enthemmung, es ist auch das Vorgestellte selbst, das im sinnlich erfahrbaren Als-ob zur Anwendung kommt. Wobei es nicht erlebt wird als Als-ob, sondern als Verwirklichung einer endlich unendlichen Existenz, in der einmal gilt, was sonst nicht gelten kann und soll. In der man auch selber ins Unendliche hinein gilt. Was meint dies ‚Unendliche‘? Das orgiastische Entsetzen, wenn ich einen Mann küsse oder ganz voll bin von ihm, es ist auch ein Entsetzen, im Wortsinn, aus dem raumzeitlichen Kontinuum, da findet ein Übertrag des Subjektivischen in eine Dimension statt, die nach anderen, im besten Sinne weltfremden Parametern funktioniert. Es hat was von einer Diegese. Von einem künstlichen Kosmos, in dem die Wirklichkeit reobjektiviert wird. Artifiziert zum Zwecke der Erholung von realweltlichen Restriktionen. Und zwar gerade nicht, weil darin alles ‚möglich‘ ist, weil man so tut und denkt ‚als ob‘, sondern es ist eine Möglichkeitswelt, in der das Optionale das Kardinale ist. Das Bewusstsein wird in diesen Phantasien zum Unterbewusstsein, das die imaginären Verhältnisse koordiniert, aber auch die Dezisionsgewalten resituiert. Das Craving bestimmt das Verhalten, es übernimmt die Funktion der Vernunft, wenn man der zugibt, das Folgerichtige und Angemessene in Handlung zu nötigen.
Wenn man sich selbst bedenkt, sich imaginär vergegenwärtigt, begreift man je nur Fragmente von sich, bedenkt man nie mehr als einen Identitätstorso. In der Phantasie aber meint man sich in toto, mit Haut und Haaren, in ihr verengt man sich aufs Ganze. Die Existenz weitet sich aus, das Selbst verdichtet sich. Insofern ist die Phantasie auch eine Entlastung, da sie das Mögliche zulässt, und noch in extraordinärer Gewalt, ohne es aber verwirklichen zu müssen. Im Pornokino, wäre es zu mehr gekommen, zu was Wirklichem, hätte ich den Grund meiner Phantasien verraten. Sie erlassen mir ja gerade das Wirkliche, sie sind bereits der Akt. Nach mehr ‚Tat‘ verlangt es mich gar nicht.
17 10 20
Dem alten Apotheker lege ich die Rezepte vor und werde umgehend auf Ungarisch angesprochen. Aber ich verstehe es, durch die Maske, nicht gleich. Er entschuldigt sich; der Name, sagt er – da habe er gedacht: ein Ungare. Ich will direkt etwas sagen, auf Ungarisch, aber mir fällt nichts ein. Oder nur ein Spruch, den man zu Ostern aufsagt, allen Frauen im Dorf: Jó reggelt, jó reggelt, kedves liliomszál usw. Ich stehe etwas beklommen vor ihm, während er den Einnahmeplan auf die Medikamentenpackungen schreibt. Mein Vater ist Ungare, sage ich. Ich selber spreche nur noch – aber er unterbricht mich; fragt, ob ich den Kassenbon haben möchte. Mit enttäuschter Miene, fast abgewandter Stimme. Immer noch freundlich, das schon, aber ich bin kein Ungar, diese Verbindung zwischen uns ist tot. Dabei tönt mir sein eigener Akzent angenehm vertraut. Ich fühl mich, wie immer, wenn ich ihn hör, eingewickelt von ihm. Er händigt mir die kleine Tüte aus, in der noch eine Packung Taschentücher steckt, und ich will mich wenigstens auf Ungarisch verabschieden – aber mir fällt nur die Formel für den Abend ein, nicht für den Vormittag. Beinah unterwürfig wünsche ich ihm einen schönen Tag, ein schönes Wochenende, möchte ihm noch viel mehr wünschen, aber er ist schon abgedreht, hinter mir ist kein Kunde mehr.
19 10 20
Heute wieder an der Kasse vorbei, ohne zu zahlen. Es soll das letzte Mal gewesen sein, der Vorsatz ist ernst. Bei Büchern ist es mehr Begierde, ein Verlangen, aber im Supermarkt bloß Not; ich kann sonst für Medikamente und Behandlung nicht mehr aufkommen. Und obwohl es im Supermarkt durchaus sicherer ist, kommt es mir heikler vor: mit der vollen Tüte aus dem Laden zu gehen, mit Milch und Eiern und Nudeln und Reis, das ist beschämender als mit Büchern, und die Beschämung macht mich nervös. Aber die Nervosität ist ein Hemmnis, und es schwächt den Eindruck des Unscheinbaren; man schaut sich einmal zu oft um, schleicht einmal zu oft um den Ausgang herum, bevor man den Absprung wagt. Außerdem trennt es einen endgültig von der Norm; wer nicht mal für das Notwendige bezahlen kann, weist schon am Grund aller Gemeinschaft eine Verschiedenheit zu den andern auf, die mit allem Übrigen – Kleidung, Umgangsformen etc. – nicht mehr überwunden werden kann.
09 11 20
Mit M., als wir sechzehn, siebzehn waren, der berühmte Schwur: Wenn wir mit 40 niemanden haben, heiraten wir. Wenn ich’s mir heute denk: M. wäre immer noch eine großartige Wahl. Vielleicht das einzige, worin ich nie geirrt hab: in Menschen, vor denen ich mich auszog.
17 12 20
Das Absurde ist, wenn ich den Schlaf ein paar Nächte lang gekürzt habe – um gar nicht viel, ein oder zwei Stunden – und ich an einem Abend so müde bin, dass ich lang vor meiner üblichen Zeit wegduseln könnte, aber dann, wie entgegen einer Abmachung, erst recht nicht schlafen kann und von einer Erinnerung in die nächste flitze, von dort in einen bestimmten Teil der Zukunft spähe und mich, in einer dauernden Schwere der Augen, quer durch meine Ängste und Wünsche rühre, bis ich endlich, wie jetzt, eine rauchen muss, um die Rasanz aus dem Strom zu nehmen, und mich bei offenem Fenster an den Küchentisch setz, wo das Sentiment ausglüht und ich einen Plan in einer bestimmten Angelegenheit fasse, um darauf so klar und auch genügsam oder nur ausreichend unaufgewühlt zu sein, dass ich, wenn ich mich wieder ins Bett lege, nicht erneut in den Strom gerate.
28 12 20
In der ersten Stunde, manchmal noch in der zweiten, bin ich tätig. Spüle das Geschirr, mache Wäsche, gehe einkaufen, wische die Böden, räume alte Zeitungen weg, füttere die Vögel, entsorge Pfandflaschen, vielleicht rasier ich mich auch, oder ich sichere und schließe hunderte von offenen Tabs. Im Anschluss rauche ich eine. Und dann, im Grunde, ist der Tag weg – ich warte, bis ich Hunger krieg, dann mach ich mir Essen; dann warte ich darauf, dass das Völlegefühl weicht, und dann darauf, dass ich wieder Hunger krieg; zuletzt warte ich nur noch darauf, dass ich ins Bett kann. Dazwischen Filme, Serien, Youtube. Um mir dabei tätig vorzukommen, drehe ich Zigaretten vor oder koche Tee. Die Absicht am Morgen war eine andere; ins Schreiben zu kommen, oder wenigstens ins Lesen. Was mich, seit zwei Wochen etwa, daran hindert, ist das Gefühl andauernder Müdigkeit. Ich könnte unentwegt schlafen. Wenn ich es einmal wage und mich ganz ausschlafe, ist trotzdem nichts anders. Ich komme in Schwung für Hausarbeit, aber nicht fürs Wichtige. Gestern Abend bin ich raus, im Viertel spazieren. Nach zehn Minuten kamen mir Einfälle zum Roman, ich hing eine halbe Stunde daran. Auf dem Rückweg der Anschein: ich könne wieder ansetzen, vieles lag klar vor mir. Aber oben, in der Wohnung, war der Elan wieder weg. Heute Morgen kam ich immerhin ins Lesen; Bove, Bécon–les–Bruyères; ich las es in zwei Etappen, dazwischen Onanie. Ich war stellenweise sehr angetan, verblüfft, begeistert – aber als es aus war, kam nicht der Impuls zum Schreiben. Oder sonst ein Impuls. Seit Tagen will ich mich zwingen, mache mir Ansagen, Pläne – aber ich komm aus der Müdigkeit nicht raus. Es ist keine gewaltige, nur eine latente, aber sie verursacht mir keine Sätze. Ich komm nicht ins Denken. Bin von mir nur noch gelangweilt. Und das alles, wie mir scheint, ohne Not. Ich schlafe auch eigentlich ausreichend. Habe Routinen variiert, den Bücherstapel auf dem Schreibtisch gestutzt, dauernd das Dokument offen – aber alles vergebens. Mails, die kann ich schreiben. Merke auch: ich will ins Reden kommen. Aber sobald es ernst wird, sobald ich nicht mehr flüchtig sein kann, setzt es aus. Ich habe immer Schiss, in Relevantes zu kommen, ich ängstige mich vor meiner Belanglosigkeit, aber der Impuls, es versuchen zu wollen, setzt sich in der Regel durch. Seit zwei Wochen nicht mehr. Und ich weiß nicht, was ich noch anstellen soll. Aber es wird langsam unerträglich, wie ich die Tage hergeb.
31 12 20
Über Nacht plötzlich rote Flecken auf dem rechten Handrücken, zwischen Daumen und Zeigefinger. L. beklagt den Mangel an Indizien und googelt nur diskoiden Lupus erythematodes. Aber im Gesicht sind sie nicht, auch nicht auf der Kopfhaut. Sie sind auch, nach meiner Einschätzung, zu klein. Aber was dann? Vielleicht ist es gut, dass ich gerade nicht selber googeln kann. Jedenfalls halte ich sie gleich wieder für den Anfang vom Ende und nehme mir schon vor, den Roman als Skizze auszufertigen, um seine Art wenigstens anzudeuten. Das Bestechende an der Hypochrondrie ist, dass sie einem vernünftig vorkommt. Wie es einem immer vernünftig vorkommt, etwas ernstzunehmen. Man denkt in ihrer Folge auch wirklich vernünftig: macht Planungen, bereitet das Ende auf allen Ebenen vor, will nichts unbeseitigt lassen. Aber ihr Ursprung bleibt ein Phantasma: kann ja sein, ich sterbe daran – aber genauso gut kann es was Läppisches sein, und ich habe für eine Unterscheidung zwischen beidem keine Grundlage. Meine Grundlage ist nur die Sorge, die sich subsistent erhält und von externen Faktoren zwar je gemildert oder verschärft werden kann, aber außer sich im Grunde nichts braucht. Immer wieder starre ich auf die Hand, als könne ich, was sich da tut, in der Fixation suspendieren. Oder als gelänge es, wenn ich drüber schreibe. Aber nichts da; weder, was die Flecken verursacht, noch meine Sorge drum verschwinden davon.
01 01 21
Die Flecken, ebenso über Nacht, wieder weg. Ein Anlass zur Beruhigung? Natürlich nicht; die Plötzlichkeit, in jede Richtung, hat etwas Kränkendes: man kann’s nicht absehen. Und wenn die Sorge vielleicht doch von etwas betrieben oder wenigstens verführt wird, so von der magischen Kraft des Unabsehbaren, das in zeitweisen Ereignissen, Hautflecken oder Kratzen im Hals, ebenso sich andeutet wie von sich ablenkt.
Flecken; es waren nur Flecken, ganz kleine. Sechs, sieben, acht, ich weiß nicht genau. Über Nacht da, über Nacht weg – was soll es schon sein? Ich dachte an Krebs, natürlich – mein Muttermal auf dem Unterarm, als Kind sagte man mir, es bedeute nichts – nur wenn es wachsen sollte, würde es gefährlich. Seit über dreißig Jahren schau ich regelmäßig drauf und frag mich, ob es gewachsen ist. Oft kam’s mir so vor. In der Jugend musst ich mich beruhigen: Es wuchs, weil ich wuchs, es wuchs nur mit. An ihm erfuhr ich das Prinzip der Proportionalität. Noch heute scheint es mir im ersten Augenblick immer ein wenig größer geworden zu sein; der Blick des Verdachts. Dann konzentriere ich mich, und frage mich immer das selbe: Ob es noch die Größe einer kleinen Uhr habe. Oder: Ob eine Uhr, an einem Armband, das Mal verdecken könne. Es ist dieselbe Frage wie als Kind. Sie erlaubt mir eine momentweise Gewissheit. Die Flecken von gestern können mit dem Mal nichts zu tun haben. Es waren nur Punkte, kleine rötliche Punkte, wie nach einer Reizung. Aber woran sollte ich die Hand gereizt haben? Ich fasste in nichts Ungewöhnliches, nahm keine Creme und nur die übliche Seife. Die einzige Änderung, die auch nur für vorgestern galt: ich aß Mandelbrot, zum ersten Mal. Ob ich allergisch bin, gegen Mandeln? Aber das müsste man wissen; zu hunderten Malen, von der Kindheit an, hätte es sich beweisen müssen. Jetzt, scheint mir, wäre es doch besser, googeln zu können.
22 01 21
Das Eignungsgespräch am DLL, vor sechs Jahren: nach einer halben Stunde sah man mich als Lyriker. Der ich aber nie war. Wenn ich am Gedicht bin, dann fühl ich’s, aber nie sonst. In der Prosa seh ich mich immer, auch wenn ich nicht schreib. Auch wenn sie scheiße ist – immer die Ahnung: irgendwann wird es gut. Sehr wahrscheinlich wird es nie gut, aber dieses Irgendwann ist Motor, ist Stütze, ist Licht am Ende eines ewigen Tunnels. Das Antidot für den inneren Zensor. Ohne dieses Irgendwann müsst ich mich erhängen. Es ist die Hoffnung in der Trinität mit Wissen und Schaffen. Das religiöse Moment. Weil die Unterstellung eben doch Erlösung ist: vom Zweifel und vom unendlichen Schrecken, den der Verdacht um die Vergeudung des Lebens auslöst. Die Sehnsucht ist, nicht mehr zu hadern, mit nichts mehr. Nur ist eben das Schreiben ohne Hader nichts wert. Weil Schreiben, für mich, nur geht, wenn ich mich ins Visier nehm – und wie, wenn ohne Hader.
23 01 21
Anfangs von Solaris nicht so begeistert wie erhofft, nicht so wie vom Spiegel oder Nostalghia – womit mich Solaris zuletzt bekommen hat: die Wissenschaft aufgeben – für die Liebe; die Realität aufgeben – für die Liebe; und wenn sie eine Illusion ist, was Liebe vielleicht immer ist. Ich kann mich auch abkapseln, von L., zum Schreiben – aber nur an Projekten – Roman oder Essays. Aber ich notiere nicht in ihrer Gegenwart. Was mir einfällt, sag ich ihr. Auch lesen kann ich, wenn sie um mich ist. Ich kann mich freimachen von ihr, aber ich will es nicht. Neben der Liebe löst nur das Schreiben einen ähnlichen Präsenzdruck aus, aber in der Liebe kenn ich das Scheitern nicht. Ein offenes Herz kann nicht scheitern, gleich wie es geprügelt wird. Nur wird es, vor L., nicht mal geprügelt – zugelassen wird es, in seiner ganzen himmlischen Hilflosigkeit. Ich muss nichts tun, nur lieben, und ich kann nichts so gut wie das. Es ist die aus der Kindheit vererbte Sehnsucht nach Unverlassenheit – im Schreiben suspendiert sich die Verlassenheit, aber im Lieben existiert sie gar nicht, oder nur ex negativo, als mörderische Idee. Die Unverlassenheit, an L., ist keine Empfindung – es ist mehr die Abwesenheit aller üblen Empfindungen. Und dafür, wenn es zur Wahl stünde, würde ich alles aufgeben, wohl auch das Schreiben.
29 01 21
Aus Langeweile weitere Bücher von Hannsmann bestellt. Im Zug nach Stein am Rhein, zum Arzt, im „Pfauenschrei“ gelesen. Die Prosa, wie bei mir, ein dilettantischer Souveränismus; Halbsätze, dicht einander zugefügt, zum Anschein rhetorischer Abgeklärtheit – als vermeintlich nüchterner Kontrast zu den (und da ist sie viel eigener als ich) poetischen Passus, die ihre Ergriffenheit ausbilden. Wo ihre erzählerische Gestaltungskraft für Schilderungen nicht hinreicht, zählt sie auf – Adjektive oder Verben. Viel Parataxe, wenn sie Dialog erinnert. Grieshaber als einer, der gestochen spricht, druckreif. Vielleicht der einzige wirkliche Makel: Grieshaber als dauernd Gutmeinender, der das Schlechte je durchschaut und ihm trotzt, wie von der göttlichen Quelle der Moral aus. In ihrem Tagebuch ist sie selber ihr Objekt und von sich schreibt sie nicht in dieser staunenden Angetanheit, auch stilistisch reifer. Dennoch les ich’s gern; es ist nicht dumm, es ist ein irrer Wille zur Aufrichtigkeit, und auch wenn es im Stil dilettantisch ist, so doch auf hohem Niveau, sehr talentiert. Hätte sie mit Prosa begonnen oder wär, nach „Drei Tage in C.“, damit fortgefahren, im Selbstverständnis einer Prosa-Autorin, wär sie eine Meisterin geworden. Obwohl zwischen „Pfauenschrei“ und ihrem Tagebuch nur drei Jahre liegen, zumal im vorgerückten Alter, ist die Differenz – na, nicht frappant, aber doch augenscheinlich. Sie wagt mehr im „Pfauenschrei“, erzählerisch wie stilistisch, aber es wirkt vielleicht auch deshalb unausgereifter, stilistisch heterogener (manchmal gewollt, manchmal nicht). Ganz gleich: Irgendjemand – ich werd dafür nie gut genug – muss es besorgen, dass sie nicht vergessen wird. Da ist unheimlich viel Substanz, weil sie sich, ins Schreiben, ganz reinnimmt, weil sie sich nicht, aus Eitelkeit oder sonst was, außen vor lässt, weil sie ihre Anteilnahme, am Großen wie am Kleinen, nicht verbirgt – und weil sie, auch wenn stilistisch noch manch Nachgeahmtes drin ist, einfach schreiben kann.
01 09 21
Ich habe, glaube ich, keine Angst vorm Sterben. Mit körperlichem Leiden, das auf Verendung zugeht, bin ich vertraut. Oder mit dem Eindruck der Verendung. Ich erlebe ihn schon bei der geringsten Erkrankung, schon bei ihrem Anschein. Auch Schmerzen, der Verlust der Beweglichkeit, der geistigen Freiheit, sind mir vertraut genug, um nicht das als erstes zu fürchten. Da zu sein, und noch so lädiert, macht mir keine Angst. Nur die Aussicht, nicht mehr da zu sein. Ich halte den Skandal, mir nicht mehr präsent zu sein, nicht aus. Er könnte mir egal sein, und wohl ist es eine Schwäche, ein Gemenge aus Eitelkeit und moralischer Impotenz, dass er es nicht ist. Überdies ist es ein Witz, wie unenergetisch ich in den Tagen hause, derweil ich ganz von einer Daseinsmanie beherrscht bin. Ich will nur da sein, im Grunde nichts weiter. Oder nichts mehr als das. Woran ich meine Würde binde, oder meinen Eindruck von ihr, ist nur mein Präsenzvermögen, wofür ich weiter nichts als am Leben sein muss. Mehr verlange ich vom Leben nicht. Aber das so sehr, dass ich den Tod nur als Affront empfinden kann, den selber zu würdigen mein Verständnis von Würde nicht erlaubt. Er ist auf meiner Blockliste. Aber nicht, glaube ich, aus Verdrängung, sondern weil ich ihn, je näher ich ihm komme, immer weniger bis gar nicht begreifen kann. Ich habe keinen Begriff vom Tod. Oder nur als etwas, das mich nicht betrifft. Und ich kann nur denken um das, was mich betrifft. Der Tod aber nimmt alles mich Betreffende und nimmt auch mich all dem, was von mir betroffen sein kann. Ich müsste dem Tod, um ihn zu bedenken und dieserart zu würdigen, ins Nichts folgen, was mir unmöglich ist. Ich verfüge nicht über die ontologische Autorität, auf dem Konnex zwischen Sein und Nichts zu gondeln. Der Tod aber hat diese Macht, er kann zwischen Sein und Nichts diffundieren, und das macht jedes Verhältnis zu ihm, aufgrund dieser hierarchischen Differenz, zu einem unwürdigen. Und ich fürchte mich nicht vor dem Leiden, das den Übergang ins Nichts begleitet, sondern nur die Ohnmacht vor einer Autorität, die imstande ist, mir mich selber zu nehmen.
12 09 21
Heute gelesen, Außerirdische seien „das fundamental Andere“ – so sei es nicht mal sicher, ob sie als außerirdisches Leben überhaupt erkennbar seien. Daher, so die Annahme, könnten wir nicht kommunizieren mit ihnen, immerhin beruhe des Menschen Bild von Außerirdischen auf des Menschen Bild von sich selbst. Und in der Tat, wir skizzieren, wovon wir nur einen Begriff aber kein Bild haben, nach unserem Bilde; seien es Götter, Roboter oder Außerirdische. In Anerkennung ihrer Nicht-Menschlichkeit versetzen wir ihnen tierhafte Elemente. Das Tier ist des Menschen Assoziation für nicht-menschlich belebte Materie. Und das aus gutem oder wenigstens verständlichem Grund: vom ‚fundamental Anderen‘ können wir kein Bild haben, die Nichtbildhaftigkeit ist ihm inhärent. Wollen wir es imaginieren, so können wir ihm nur Bilder zuweisen, die uns vertraut oder bekannt sind; Bilder, die unserer Vorstellung bewusste Wesen ermöglichen. Jede Verformung, die wir vornehmen an diesen Vorstellungen, sind demnach nur Hypertrophierungen des Menschlichen. Wir übertreiben den Menschen in der Vorstellung außerirdischen Lebens. Auch aus dem Grund, da wir ihm – zumindest in der westlichen Welt – potenziell invasiven Charakter zuweisen, wofür es, im Bilde, eine Bedrohung artikulieren muss, als besorgte Selbstreflexion des Menschen.
Überdies gründet unsere Annahme von Bewusstsein auf dem Gehirn als physiologischer oder neurochemischer Ursache. Die relationale Interdependenz von Leib und Seele, nach der sich das Viszerale, in der Konstitution des Menschlichen, rezessiv zum Zerebralen verhält und dies Zerebrale uns als Zentrum des Menschlichen gilt, fundiert – aller modernen medizinischen Kenntnis zum Trotz – noch immer unsere Vorstellung von menschlichem und quasi-menschlichem Sosein. Nach dieser Teilung von Leib und Seele ist Bewusstsein die Bedingung für Rezeptivität, nach der wir uns von jenem Gegenständlichen, das uns anreizt, eine Vorstellung machen können. Und allem, was wir nach dem menschlichen Vorbild modellieren, unterstellen wir diese Fähigkeit. Und diese Fähigkeit, sich selbst auf ein Anderes als solches aufmerksam zu machen, geht uns einher mit der Fähigkeit, Anderes auf sich selbst aufmerksam zu machen oder zu einer Vorstellung von sich selbst anzureizen. Die wechselseitige Bemerkbarmachung gilt uns als Vorbedingung aller bewussten Kommunikation, in der Phänomenales objektiviert und als Vermittelbares und sich selbst Vermittelndes begreifbar wird.
In diesem Zusammenhang unterstellen wir soziales Bewusstsein oder immerhin Verhalten, das wir, im Hinblick auf Unbekanntes, kategorial zweiteilen: in Konkurrenz und Kooperation. Hierfür verstehen wir Sozialverhalten per se als konfrontatives, insofern Konfrontation hier nichts weiter meinen soll als die entweder zufällige oder bestimmte Begegnung von sich gegenseitig Objekt seienden oder sich wechselseitig objektifizierenden Subjekten. Wir haben Methoden zur Suspension gefunden, die dem sozialen Verhaltungszwang in Begegnungen psychologisch die Bürde nehmen; etwa grüßen sich Wanderer, wenn sie einander im Wald passieren. Die Aufhebung der Konfrontation in diesen Momenten bestätigt sie aber nur, sonst gäbe es zum Gruß keinerlei Anlass. Es ist eine Absage an die Heimtücke, die reziproke Versicherung eines nicht-konfrontativen Willens, auch das Zeugnis einer Ungesprächigkeit – wir bedienen uns kommunikativer Mittel, um unseren kommunikativen Unwillen kenntlich zu machen. Kurzum: wem wir ein Bewusstsein unterstellen, dem attestieren wir gleichso interaktives Vermögen – weil wir Interaktion für eine notwendige Folge der Bemerkbarmachung halten und diese wiederum für eine notwendige Folge der Rezeptivität, wofür es Bewusstsein benötigt und also eine neurochemische Grundlage.
Was wir das ‚fundamental Andere‘ nennen, ist aber, mit Schopenhauer gesprochen, kein solches „Objekt des Erkennens“, es ist gerade das wesentliche Konstituens des ‚fundamental Anderen‘, dass wir uns keine Vorstellung von ihm machen können. Aber indem wir es benennen und uns, seiner Unbildlichkeit zum Trotz, einen Begriff von ihm machen, fordern wir den imaginativen Akt heraus, der uns zum Begriff auch ein Bild gibt. Denn der Begriff vom ‚fundamental Anderen‘ ist keiner zum Selbstzweck – wir meinen, wenn wir auch nichts von ihm wissen, dennoch etwas ganz Bestimmtes mit ihm. Wir bestimmen mit ihm das Unbestimmbare. Gleichwohl etwas, das wir in einem bestimmten Kontext meinen, mit je bestimmten Bedingungen. Im Falle etwa von Außerirdischen gehen wir ausdrücklich von belebter Materie aus, von einer Lebensform, und in den meisten Fällen auch von einer bewussten und willensbegabten Lebensform. Wir weisen Außerirdischen hiermit Eigenschaften zu, die in ihrer Korrelation bereits einen ungefähren Kontext von Bebilderungsoptionen schaffen.
Wenn wir das ablehnen, weil wir dem Begriff des ‚fundamental Anderen‘ das Primat über die Bestimmungen des Soseins von Außerirdischen zubilligen wollen, dann müssten wir ihm sogar die Eigenschaft, eine Lebensform zu sein, absprechen. Einigen wir uns aber darauf, wenigstens von einer Lebensform sprechen zu können, so können wir ihm bereits weitere Eigenschaften zuweisen, die wir uns aus dem, was wir von Lebensformen innerhalb des uns bekannten Universums wissen, schließen. Dies aber geht notwendigerweise mit der Bebilderung einher, da wir von jenen uns bekannten Lebensformen nicht nur Begriffe, sondern gleichso auch Bilder haben. Nicht notwendigerweise müssen hierbei menschliche Lebensformen als Vorbild dienen. Aber doch solche, die sowohl über kognitive wie auch volitive Fähigkeiten verfügen, um potenziell mit dem Menschen interagieren zu können. Sonst würde der Ausdruck des Außerirdischen hinfällig. So können wir nicht anders, als ihnen eine wie auch immer geartete Form des Bewusstseins zu unterstellen.
So zeigt sich aber, dass der Begriff des ‚fundamental Anderen‘ vielleicht verfehlt ist. Denn tatsächlich könnten wir dies erst attestieren in Anschauung des Außerirdischen. Unterstellen wir es vorab, können wir nicht sinnvoll mit dem Begriff operieren. Da uns aber nur der Binarismus ’nach unserem Bilde‘ und ‚fundamental anders‘ möglich ist, ist es nicht nur sinnvoll, auch notwendig, den Außerirdischen nach uns mehr oder weniger bekannten Bildern zu formen.