12 02 23
Selbst Zähneputzen, Schuhebinden, den Raum wechseln, nur wie in Zeitlupe. In den Knien kein Halt; mit Gewissheit kann ich nicht sagen, ob ich beim nächsten Schritt noch stehe oder zusammensacke. Die Langsamkeit ist mehr ein Format für den Trübsinn, weniger für die Heiterkeit. Manchmal muss ich mich anschubsen, in die Blödelei. Dann halte ich Monologe, frei von der Leber weg. Bei offenem Fenster, wegen der Virenzirkulation. Von der Blödelei geht’s manchmal ins Phantasieren, dann übernimmt das Fieber. Zu L. sage ich: Wenn wir einen Laden haben würden, stünde sie ein oder zwei Stunden an der Kasse – es wäre eine alte Registrierkasse, und ein paar Stunden stünde sie nur vor ihr und haute manisch auf die Tasten; geschäftiger Lärm, aber wie aus Filmen, sie könnte ohne dieses Geräusch den Laden nicht führen, während ich, für dieselbe Dauer, im Eck stünde und am Besen leckte. Wenn ich so unsinnig daherrede, vergesse ich meine Lage. Was man vermeiden muss: zu schnäuzen, auch zu kacken – alles zu anstrengend, es verbraucht in einem einzigen Moment, manchmal, die Energie eines halben Tages. Danach bin ich so geschwächt, dass mein einziger Bezug zur Welt, wie es scheint, der Jammer ist. Dem ergeb ich mich zu leicht. Was mit dem Alter anders ist: ich rebelliere nicht mehr gegen die Übernahme der Langsamkeit. Was braucht, das braucht, ich hetze mich nicht mehr. Lasse mir aber auch nicht mehr alles diktieren, wie noch Mitte der Zehner Jahre. Die Funktionalität des Mobiliars, ebenso des Kühlschranks wie des Waschbeckens und aller übrigen Dinge, reduziert sich auf die Möglichkeit zum Anlehnen und Abstützen. Weil die bedeutendste verbliebene Lebensaufgabe ist, nicht umzufallen. Der Abend, an dem ich eigentlich mit L. noch einmal sprechen wollte, geht für die Suche nach Batterien drauf, fürs Fieberthermometer. In ein oder zwei Stunden habe ich nicht mehr geschafft, als einige Schubladen aufzuziehen und durchzuwühlen; als ich die Batterien habe, leg ich mich völlig erschöpft lang, ohne sie ins Thermometer gesteckt zu haben. Manchmal wechselt es in Sekunden; ob ich Bewegungen ausführen kann ohne Schmerz, ohne die tiefsitzende Trägheit, oder ob ich eine halbe Minute am Stück denken kann; wenn es plötzlich gelingt, aus dem Nichts, genieß ich für ein paar Augenblicke den Eindruck, es sei alles normal. Bis einer dieser fürchterlichen Hustenanfälle wieder alles zunichte macht; sobald ich ausgehustet habe, vorerst, kann ich mich kaum noch bewegen. Von Denken zu schweigen. Alle einzwei Sätze, in diesem Eintrag, pausiere ich; mal nur für einige Minuten, mal für ein paar Stunden. Die Zuordnung schwindet, oder löst sich auf, zwischen Begriff und Ding; ob g oder b, t oder p, m oder n, der Mund hält sich an diesen Differenzen nicht mehr auf. Vielleicht, was man Lallen nennt. Etwas ist da, das sich zum Ausdruck windet, aber es findet nicht mehr automatisch seine Passform. Gegenüber L. nenne ich es: „sein Transportmittel“. Es wär billig, es hier abzubilden; die Authentizitätslüge des Tagebuchs. Auch will ich, eben ein paar Sätze lang, in eine Fassung finden und darin bleiben.
Wenn mir wohl ist, denk ich ans Wochenende mit L., Schlitteln zwischen Preda und Bergün, übernachten in R. Bei der vorletzten Abfahrt fahre ich ihr minutenlang hinterher, seelenruhig in ihrer Spur; das kommt mir intim vor, wahrscheinlich spinne ich. Aber wie ruhig sie sich um alles kurvt, wie ‚calmly‘ sie die plötzlichen Sprünge verdaut; ich folge ihr in allem nach, bis in kleinste Streckendetails; es ist, als würd ich von ihr an der Leine gezogen, ich könnte nicht glücklicher sein. Die letzte Abfahrt nehmen wir im Dunkeln. Die Strecke ist gelegentlich beleuchtet, wir haben sie nahezu für uns; es läuft wie am Schnürchen, für uns beide; durch den Neuschnee verlangsamt sich die Fahrt, aber man muss nicht mehr den Fuß rausstellen zum Bremsen; ich wiege nur noch den Körper, mal links, mal rechts. Totenstill schleift man sich am dunklen Bergmassiv vorüber, die Kälte existiert kaum noch. Abends lese ich ihr vor, Pelewins Dialektik; erst ruhig und gemessen, dann wird es zum Desaster: als ich zur Episode mit Kika komme, insbesondere mit den beiden Simultanübersetzern für die Comics, kann ich vor Lachen nicht mehr lesen. Kikas Invektiven gegen Derrida und Baudrillard geben mir dann den Rest, ich krümme mich im Sessel, L. kann sich auch nicht mehr halten. Später wird sie sagen: wenn sie ein Video davon aufgenommen und es Pelewin geschickt hätte, er wäre sehr gerührt gewesen. Wie sich jemand von seinem Unsinn so herzhaft erheitern lassen könne. Am Morgen drauf, und dann noch einige Male, sagt sie, wie stolz sie sei: dass ich mich auf den Sessellift getraut habe, zweimal. Gerührt nehme ich ihren Zuspruch hin, aber auch geschlagen: Ich habe mich wie ein wimmerndes Kaninchen benommen, beim zweiten Mal noch schlimmer. Immer in der grundlosen Angst, Schuhe, Mütze und Brille zu verlieren. L. versucht während der gesamten Fahrt, beide Male, mich aufzuheitern – einmal sagt sie: es sei so ein schöner Tag – „und das, obwohl du dabei bist.“ Abrupt lache ich auf, aus der Angst heraus, fasse mir aber sofort an den Kopf; ob die Mütze noch da sei. Ich kann diese Sorge nicht erklären. Auch wenn ich am See sitze, die Beine baumeln von der kleinen Steinmauer herab, immer die Sorge: gleich verliere ich die Schuhe. Oder die Brille, wenn ich mich aus dem Fenster lehne. Sobald wir im Lift an einem Gerüst vorbeikommen, das auf unserer Höhe ist, klammere ich mich panisch an den Sicherheitsbügel; dasistzuhoch, rufe ich jammernd aus, dasistzuhochdasistzuhochdasistzuhoch! Am Gerüst spür ich die Relation zur Höhe, in der wir uns befinden. Immer wieder kündige ich ihr an: gleich würde ich heulen, um dann, ganz knapp, doch nicht zu heulen. Ich weiß nicht, warum es beim zweiten Mal schlimmer für mich ist. Ich gerate da in die Angst wie in eine Zwangsjacke, ganz plötzlich, und kann mich nicht mehr herauswinden. Später entschuldige ich mich dafür, aber L. ganz vergnügt: Es sei sehr unterhaltsam für sie gewesen!
Für Momente die Sorge, nach einem Hustenanfall, ob mir der Brustkorb reißen könnte; dann stell ich ihn mir als Platte vor, die geteilt würde. Als wäre ich, bei nur genügend Kraft, einfach auseinanderzunehmen. Der Eindruck der Unverletzlichkeit, er rührt auch daher, dass man seinen Körper nicht spürt. Was ihm Mitte sein mag, Zentrum, Identität oder was immer, ist nichts Substanzielles, es fasst sich je nur im Ereignis; wenn ich Finger und Daumen übereinanderreibe, spür ich es; oder wenn ich meinen Oberschenkel anspanne, für eine Sekunde, vielleicht zwei; wenn ich mir auf die Zunge beiße, aber nur leicht, ohne Schmerz; wenn ich mich nach einigen ungeduschten Tagen am Kopf oder im Schoß kratze; der Drang, aber auch die Gewissheit, Körper zu sein –
23 03 23
Rippenprellung, vom Husten, noch immer nicht ganz ausgestanden. Auch was im Bauchraum, wie die Ärztin meinte, gerissen sei, verwächst sich nur mählich; nachts kann ich noch immer nicht zur linken Seite hin schlafen. Tagsüber aber kaum mehr präsent. Was trübt, ist die dauernde Müdigkeit. Wenn man abends etwas länger wachbleibt als gewöhnlich, bildet sich eine zwingende Schläfrigkeit im Auge; man fühlt nur mehr den Drang, zu schlafen, und hat endlich die Gewissheit, es ohne weiteres zu können – dieses Gefühl, auch in den Augen, habe ich von morgens bis abends, in jeder Sekunde. Es vermasselt mir noch nicht alle Heiterkeit, auch nicht sämtliche Motivation, aber manche. Heute habe ich vier Paar Schuhe gereinigt, nur vom Staub, es dauerte nicht lang; aber in der Folge war ich so erschöpft, dass ich mich hinlegen musste, allein davon. So jeden Tag; entkräftet von den geringsten Bewegungen. Aus- und ankleiden, morgens wie abends, reine Tortur; und morgens wie abends zögere ich es lange hinaus. Auch wenn ich einmal, für drei Nächte am Stück, je zehn Stunden schlafe, ändert es nichts. Ich weiß nicht mehr, was mir gut tut. Was meinem Körper hilft, oder was ihm schadet. Ich stelle mir vor, medizinisch gescannt zu werden und im Anschluss eine Liste zu erhalten: dieses tun, jenes unterlassen. Aber so geht es nicht. Man lebt auf Verdacht, wie der unaufgeklärte Mensch. Vielleicht muss ich es als Segnung begreifen. Wenn daraus nämlich nicht ein sorgloser, stattdessen sorgsamer Umgang erfolgt. Aber nun hält es über anderthalb Monate und nach und nach mindert sich der Eindruck, es werde wieder. Was nach dem Schlimmsten, nach einer Woche, noch Aufbruch war, in meiner ganzen Einstellung, verbraucht sich zusehends. Wohin noch aufbrechen? Ich weiß es schon nicht mehr. Und die Kraft dafür schwindet. Nur etwas bleibt, das sich als Wille tarnt, aber wohl nur Uneinsichtigkeit ist; ein naiver Trotz, was ist und zu bleiben scheint, nicht gelten zu lassen. Aber Müdigkeit und Erschöpfung sind so konstant, so unbeeinflussbar, dass mir solcher Trotz langsam peinlich vorkommt.
02 04 23
Die Erschöpfungsbereitschaft meines Körpers unverändert, ebenso die unentwegte Müdigkeit. Da ist nicht ein Hauch von Entwicklung, an dem man sich aus- und aufrichten könnte. Die physische Krise als Status quo, wonach sie als solche nicht mehr erkennbar sei. Zusätzlich, seit einigen Tagen, stärkere Schmerzen im rechten Fuß. Woher sie kommen, ich weiß es nicht. L.: „Für einen Ermüdungsbruch müssten Bedingungen vorliegen, die in deinem Fall ausgeschlossen sind.“ Ich hatte für ein paar Tage Schuhe getragen, die nicht richtig passten; wohl von der Größe, aber nicht von der Passung her, falls man so sagen kann. Der Zusammenhang ist koinzident, aber ich kann ihn mir nicht plausibel machen, dafür sind die Schmerzen zu stark. Sobald ich den Fuß bewege, geht von seiner Mitte ein Schmerz aus, der mich für einen Augenblick schwarz vor Augen macht und zugleich den Würgereflex auslöst. Das kann wohl nicht von einem schlecht sitzenden Schuh herkommen. Zweidreimal habe ich laut aufgejault. Auch wandert der Schmerz, von Tag zu Tag; am ersten Morgen ging er vom Fersen-, am zweiten vom Kahn-, am dritten vom Keilbein aus. In der Folge trage ich rechts einen Schuh, dessen Hinterkappe von vieler Benutzung bereits leicht eingetreten ist; darauf setz ich die Ferse und lege, beim Auftreten, das Gewicht auf den vorderen Mittelfuß, wie in hochhackigen Schuhen. Zudem muss ich lernen, das Gewicht des Körpers, beim Stehen, aufs linke Bein zu verlagern. Das fällt mir schwerer als gedacht. Offenbar hatte ich einen Automatismus eingeprägt, der mir nicht bewusst war; das rechte je als Standbein, wie beim Fußball früher. Das rechte fürs Triviale, das linke fürs Komplexe. Leicht hingegen fällt mir das Kaputttragen des Schuhs, dessen Ausgelatschtheit plötzlich eine orthopädische Funktion hat; ich wollte ihn ohnehin aussortieren, im Vorlauf des Umzugs. Er ist so abgetragen, dass mir seine Ausmistung schlüssig vorkommt. Wenigstens ein Paar, das ich gefühllos hergeben kann. Denn tatsächlich habe ich mehr Angst davor, Schuhe auszusortieren als Bücher. Schon bei den Büchern fühlt sich’s barbarisch an (auch wenn ich immer wieder, je nachdem, klare oder diktatorische Momente habe, in denen mir die Scheidung gut von der Hand geht). Aber beim Gedanken daran, Schuhe auszusondern, erstarre ich; als würde man mir das Herz rausreißen. Vor sieben, acht Jahren hat diese Versessenheit angefangen. Eine Lappalie, unerklärlich aufgeplustert. Oder eine Laune, damals noch, die sich zu was Fundamentalem verfestigt hat. Mit kindlicher Lust begreif ich mich für Momente übers Schuhwerk.
03 04 23
Nach Barthes‘ Unterscheidung von Texten der Lust und der Wollust ist Tagebuch jener der Lust: in ihm fröne ich dem Anschein einer Ich-Beständigkeit. Fühle ich mich momentweise haltlos, lese ich darin. Ich weiß nicht, ob oder inwiefern das ‚ich‘ bin, aber ich fühl mich beim Lesen wie in einer Passung. Mag sein, eine Täuschung. Von der ich mich reinige im Roman: er ist ein Text der Wollust, in dem ich mich, nach Barthes, ‚verliere‘. Vielleicht auch deshalb lahmt er, weil ich diesen Verlust nicht radikal genug „suche“, wie Barthes schreibt. Auch dort tendiere ich, gerade im Augenblick des drohenden Ich-Verlusts, eher dazu, mir den Anschein der Beständigkeit vorzutäuschen. Auch im Roman noch fahnde ich flehentlich nach Halt, obwohl solcher nur das Übliche ermöglicht. Um aber das Unübliche zu erlangen, muss ich mich hergeben. Das Geländer muss aus dem Text kommen, nicht aus mir. Vielleicht kann der Roman nur gelingen, wenn ich mir darin fremd werd. Nicht einfach ein Anderer, sondern niemand. Die Ich-Krise, die Verstörung, ganz zulassen und nicht abwürgen durchs Geschütz meiner Denk- und Verhaltensnormen, das mich gegen das Fremde immunisiert.
07 04 23
Beinah sämtliche aussortierte Bücher zum Bücherschrank gebracht. Fünfmal hin und zurück, eine größere Tüte ist noch übrig. Ich bin diese fünf Male immer verschiedene Wege gegangen, mal durch diese, mal durch jene Parallelgasse. Erst auf dem letzten Rückweg lauf ich an einem Lastenrad-Stand vorbei. An diese Möglichkeit hatte ich nicht mal gedacht. Als ich den Stand passiere, flüstere ich „lol“ vor mich hin. Getragen habe ich jeweils den großen Rucksack, eine Hängetasche über der linken Schulter, je einen Beutel in den Händen. Beim dritten Mal, das ich ursprünglich als letztes eingeplant hatte, steht ein älteres Paar vor dem Schrank, beide mit Fahrrädern da und Rucksäcken. Sie fischt die Bücher aus den Regalen, er packt sie ein. Sie will mir Platz machen, aber ich bitte um alle Ruhe, ich wolle nur abladen. Die Sache sei die, sagt sie: Sie habe nächsten Sonntag einen Stand auf dem Bücherflohmarkt im Foyer der Bibliothek, daher nehme sie so viel. Das Geld gehe an einen Kulturfond. Ich fülle das mittlere Regal mit Büchern aus dem Rucksack. Wenn ich mich bücke, greift sie sich bereits einzelne heraus. „Oh, Sie haben Hilde Domin, die Gedichte.“ Sehr bald hat sie sämtliche der von mir eingestellten Bücher ihrem Mann gereicht, der sie in den Rucksäcken verstaut. Wenn sie wolle, sage ich, könne ich die Tüten & Beutel gern hier stehen lassen, dann könne sie die in Ruhe durchforsten. Nur beim Tragen würde ich ihr nicht helfen; da lacht sie auf und kniet sich bereits zur Hängetasche hin. „Das Geld geht an einen Kulturfond“, bekräftigt sie noch einmal. Es war mir schwergefallen, mich von den Büchern zu trennen, aber ihre Freude beim Anblick der Bücher erlöst mich irgendwie von der Trauer. Ich wünsche schöne Feiertage und gehe ab. Auf dem Rückweg, auf dem ich eigentlich einen Aspekt des Romans bedenken wollte, wird mir klar: Sie hat sich nicht über die Bücher an sich, nur über ihren Verkaufswert gefreut. Nämlich hatte sie zu einem der schon zuvor im Regal stehenden Bücher gesagt: Das hätte sie gern, aber es ließe sich nicht verkaufen, es sei zu vergilbt. Und dann wird mir meine Angetanheit plötzlich schal: Sie räumte einen öffentlichen Bücherschrank aus, um das, was dort kostenlos war, zu Geld zu machen. Für einen guten Zweck, meinetwegen. Aber der Zweck eines Bücherschranks ist bereits ein guter, nämlich die freie Verfügbarkeit. Er ist für jedermann, aber in besonderer Weise für die, die nicht mal Geld für einen Flohmarkt haben. Also bringe ich im Laufe des Nachmittags weitere Bücher dorthin, in der Annahme, sie würde wenigstens heute nicht ein weiteres Mal dort grasen. Als ich beim nächsten Mal am Schrank auftauche, sind alle meine zuvor gebrachten Bücher fort. Immerhin ist so Platz genug, um die weiteren noch unterzubringen. Die letzten stopfe ich in die verbliebenen Räume zwischen Bücherrand und Regalbrett, als würde ich den Schrank mästen.
08 04 23
Wenn ich Menschen seh auf der Straße, die ins Telefon sprechen – „verspäte mich um eine halbe Stunde“, „ich hab ihr gesagt, dass“, „was denkt der sich dabei“ etc. -, immer ein Gemisch aus Mitleid, Horror und Erleichterung. Horror bei der Vorstellung, mich auf andere abstimmen, mich mit ihnen besprechen, mit ihnen umgehen zu müssen; Erleichterung, dass ich gelöst bin daraus; und Mitleid mit denen, die es nicht sind. Die nicht für sich sein können, die mit andern sein müssen, jeden Tag. Die immer in Bezug sind. Eine närrische, törichte Sichtweise, peinlich gedankenlos. Sie sind ja so erst im Glück; das ist ja, was sie wollen. Im Grunde kommentier ich derart nur mich selbst. Denn was ich fühl, zeigt nur, welche Befreiung es für mich war, mich daraus zu lösen. Aus diesem seltsamen Ineinander von mal mehr, mal weniger freiwilligen Verhältnissen. Soziale Freiwilligkeit kann in einem Koordinatensystem dieser Art nur graduell sein, ihr Gegenpol ist der Zwang. Jedes soziale Verhältnis pendelt sich zwischen diesen Polen ein oder aus, und mit Ausnahmen wie Kidnapping, Stalking, Mobbing oder Geiselnahmen lässt sich keines nur auf das eine oder andere festlegen. Vielleicht nicht einmal das eines Kindes zu seinen Eltern. So zwangsweise dieses Verhältnis fürs Kind auch sein mag, nur die wenigsten Kinder würden, wenn sie sanktionsfrei die Wahl hätten, für eine Abtrennung von den Eltern stimmen. Sie müssen in ihrer Familie sein, sind es aber entweder gern oder können sich eine Alternative, mancher Unbill zum Trotz, nicht vorstellen. Mir ging es mit Freunden lange ähnlich. Einmal zueinandergefunden, nahm ich’s als Lebensbund. War dann manchmal beschämt, wenn’s dem oder der anderen nicht so ging, und manchmal belastet, wenn ich mich in einer sozialen Sackgasse befand, aus der mich herauszunehmen mir wie Verrat vorkam.
12 04 23
Seit Frisch/Bachmann wieder vermehrt Beschäftigung mit ihr. Nach Malina, mit Anfang 20, hatte ich sie so ungefähr passiert. Ihre Gedichte, sehr gut, waren nicht meins, ihre Erzählungen (bis auf Alles) fand ich blass. Alle paar Jahre nur las ich in Malina und stärkte mich am Eindruck, hier sei mein Seelenbuch, wenn bloß in Teilen. Bald der BW mit Henze, später der innig erwartete mit Celan, sehr viel später der mit Aichinger, zuletzt der mit Enzensberger, wo ich sie in Momenten ungewohnt locker und gewitzt fand, beinah süffisant. Ich las das immer gern, aber nie mit brennender Seele wie ehedem in Malina. Bis vor einigen Jahren Male oscuro erschien, wo sie mir erstaunlich klar vorkam, der Krankheit wie zum Trotz, und das ich alle paar Monate wiederlas, weil mir die Dringlichkeit dieses Schreibens sonst kaum je begegnete. Es blieb aber bei den beiden Büchern, Malina und Male oscuro, sonst nichts von ihr. Seit dem BW mit Frisch aber, in dem gerade sie mich so rührte wie selten was, erneuerte sich das Bedürfnis, mich ihr wieder im Ganzen zu nähern. Las wieder in ihren Gedichten (immer noch so interessiert wie distanziert), fand ihre Erzählungen wiederum schwach, auch wenn ich jetzt Motive besser erkannte als vor zwanzig Jahren. Stöberte in ihrer Dissertation, in Essays, Interviews, kleineren Schriften, schmökerte simultan durch ihre Römischen Reportagen und die Briefe an Felician und war heillos verblüfft von dieser Bandbreite an Tönen, an Ausdrucksformen, an Perspektiven, von ihrer politischen Intelligenz und Radikalität, von ihrem philosophischen Talent, von der Begabung – früher hätte man (allerdings auch nur von Männern) gesagt: eines Genies -, im Authentischen brillant und in der Brillanz authentisch zu sein. Selbst im sehr frühen Pathos der Briefe an Felician, mit 18, 19, gibt es keinen falschen Satz; ich will das nicht übersetzen mit Wahrhaftigkeit, das wäre selber pathetisch, aber ihre Engführung von Gedanke, Gefühl und Sprache, im Pakt mit der Phantasie, ist beinah einmalig. Die von Gedanke und Sprache gelingt vielen, die von Gefühl und Sprache noch mehreren, aber jene Tetrade und die noch in dieser Ungewöhnlichkeit, nämlich so, dass alle Einheiten einander entfalten und einhegen, nur ganz, ganz wenigen. Die Römischen Reportagen, die Briefe an Felician, sie sind – auf je andere Weise – vielleicht nur mehr von historischem Wert, dienlich wohl bloß noch der Erläuterung einer schriftstellerischen Persönlichkeit. Aber sie hat ein paar Sachen geschrieben, von denen man ein Leben lang nicht loskommen, von denen man sich, und was noch passiert, nicht wegbilden wird.
19 04 23
Ein Messie bin ich nicht. Ich kann schon wegschmeißen. Ich schmeiße jeden Tag irgendwas weg, wenn auch meist Abfall. Zeitschriften aber fallen mir schwer, Literatur & Fußball. Nicht das Tageaktuelle, das geht rasch in den Müll. Aber ältere Ausgaben z.B. von Ballesterer mit längeren Texten zu den großen Zeiten ehemals großer Mannschaften, ehemals großer Spieler oder Trainer, alles historisch Schimmernde, das kann ich schlecht weggeben. Auch Literaturzeitschriften bewahre ich viele Jahre auf. Nicht alle, aber wenn ich in einer einen Gedanken gefunden hab, der einer Einsicht beigeholfen, der mich irgendwie zu Text geführt hat, dann scheint mir seine dauernde Greifbarkeit Halt zu geben, er ist dann latentes Wappnungsmaterial für Momente, die vielleicht kommen mögen, in denen ich mir geistig verloren vorkomm. Heute aber habe ich einen Schnitt gemacht. Nicht alles weg, aber das meiste. Sämtliche Ausgaben der NY Review of Books, viele der Volltext, des Merkur, manche der Sinn & Form. Dazu, in den letzten Wochen, mehrere hundert Bücher, unzählige unbeschriebene Notizbücher, gut neunzig Prozent der Hemden, viele Hosen. Hunderte von Tabs geschlossen, hunderten von Leuten entfolgt. Und nach jeder Abtrennung leicht euphorische oder wenigstens befriedigte Erleichterung, niemals Nachtrauern. Das allermeiste solchen Hab & Guts bleibt ja über die allermeiste Zeit ungebraucht, und wenn es weg ist, fehlt es einem nicht, weil sich zu seinem Gebrauch so selten die Not ergibt – aber was man gewinnt, ist Freiraum, der wiederum eine Chimäre sein mag, aber die Bedingungen beinah jedes Sichfreifühlens sind ohnehin weitreichend Sache der Einbildung. Durch Besitz macht man sich den Zwang zur Sesshaftigkeit vor wie durch sein Gegenteil die Freiheit zur Mobilität, zur räumlichen Flexibilität. Indes der Besitz kein ernstliches Hindernis und zweitens die Loslösung von ihm kein notwendiger Abwurf eines solchen ist. Man kann sich auch erstickt fühlen von Besitz, aber dann ist nicht er die Hauptursache dafür. In meinem Falle nun ist es die Aussicht auf Platzmangel, auch auf L.s unzufriedenes Gesichtchen mit Blick auf die außerordentliche Zugestelltheit unsres Wohnraums, die mich überhaupt veranlasst hat zu dieser Abtrennungsarbeit. Aber ich genieße auch die Einbildung, mich gelöst zu haben, und gleichso den Triumph über meine gewöhnliche Trennungsträgheit.
15 05 23
Diese Sorge, manchmal, vor dem Einschlafen. Bisweilen bleibe ich bis frühmorgens wach, heute ist es schon nach Acht, nur aus Sorge vor dem Schmerz in der Brust. Jeder Atemzug löst ihn aus. Und das Wachbleiben, weil man fürchtet: würde man vom Schmerz aufwachen, vom finalen Lufthunger, bliebe vielleicht die Zeit nicht mehr für letzte Regelungen. Liebe, Schreiben, Freunde. Also kauert man die Übermüdung weg, gegen die man sich im Bestzustand gar nicht zu wappnen verstünde.
(Unangenehm, wie ich, schon wieder, vom Ich ins Man gleite; weil es eben doch peinlich ist, von sich selber zu schreiben, oder sich in der Mitteilung von Leid wirklich selber zu meinen. Im Man die Vormachung von Abstraktion, in der das Ich, wie es sich zu gehören scheint, übergangen, ja weggelassen wird. Und es gibt ja vielleicht auch wenig Ärgeres, als wenn auf ein diaristisches Ich gepocht wird wie auf einen Authentizitätsnotnagel, der das eigene Ichmeinen im feierlichen Beichtmodus für andere fixiert. Ich werde mir im Tagebuch nicht gewahr, aber schon ein Jemand; soll das genügen.)
01 06 23
Zwei Träume, die einigermaßen ineinander übergehen: 1) Mutter liegt im Sterben, der Vater wird bald folgen, ebenso der Bruder – dazu von L. verlassen. Es ist alles ausgemacht, unwiderruflich, nichts umkehrbar. Und was ich fühle, ist nur eins: eine unendliche Angst vorm ganz und gar Alleinsein. Obwohl noch alle da sind, mehr oder weniger, tappe ich immer wieder vor ins Gefühl der Einsamkeit, dem womöglich schlimmsten jemals empfundenen Gefühl. Die Leere, in die ich unweigerlich stoßen werde, ist mir gleichermaßen un- wie sehr begreiflich. Ich werde endgültig von allen verlassen sein, werde niemanden, niemanden mehr haben. Ich kann es nicht fassen, oder will es vielmehr nicht, denn tatsächlich fasse ich es, eben auf die ärgste Weise. Wie Dunst scheint meine Identität von mir abzuziehen.
2) In einer Gruppe mit einigen anderen, die sich wie Vertraute anfühlen (nicht unbedingt Freunde), laufe ich nachts über fahrende Züge hinweg, von Bahnhof zu Bahnhof – ich: verlassen von L., die in Hörweite vor mir läuft – wir sind, scheint es, auf einer Mission, im Laufe des Traums alle Superhelden, und ich versuche immer wieder umzukehren, mich von der Gruppe loszumachen, aus nur dem Grund unendlicher Traurigkeit – ich halte die Verlassenheit von L. nicht aus, und das einzige, was noch als Trieb in mir ist, ist der zum Ausbüchsen aus der Gruppe, der Mission, allem sinnhaften Tun – aber immer werde ich bemerkt beim Abgangsversuch, und dann kann ich es nicht, ich will ungesehen verschwinden. L., die anders im Traum ist: hartherzig, verständnislos, herablassend – all das, was sie nicht ist -, ist von meiner Schwäche angewidert – von einer gemeinsamen Freundin (vielleicht der einzigen in der Gruppe) wird ihr zugeredet: dass ich die größte Traurigkeit jemals empfinde, die von meinen Superkräften noch potenziert werde – und es solle sie überzeugen, dass selbst diese Superkräfte dieser Traurigkeit nicht gewachsen sind. Aber L. lässt sich nicht bezwingen, sie bleibt ihrem Abscheu treu. Beide Träume unterbrochen jeweils von Harndrang.
02 06 23
Halbwegs gefasst gelange ich, im Traum, ins Krankenzimmer; der Vater sitzt bei der Mutter am Bett. Ruhig erkundige ich mich nach ihrem Zustand; der Vater erwidert ebenso ruhig, oder noch ruhiger, bleibt aber das Wichtigste schuldig – und als ich es frage, zittert meine Stimme: Wird sie … – ich werde das im Traum zwei-, dreimal fragen und den Satz nie beenden; jedesmal drohe ich in Tränen auszubrechen und halte sie gerade so bei mir – nicht aus Etikette, sondern vor Selbstzweifel: hab ich ein Anrecht, vor ihnen zu weinen? Darf einer, der von ihnen gegangen ist, seine Trauer vor ihnen entblößen? Erklären will ich mich vorm Vater nicht; oder doch, ich will es wohl und würd es tun, wenn es nur die geringste Aussicht auf Verständnis gäbe. Aber die kann es nicht geben, ein Kind kennt seine Eltern zu gut. Wie dem Vater sagen, dass ich ohne sie leben will und sie gleichwohl liebe? Es ist nicht möglich. Die Mutter wird sterben, im Grunde weiß ich’s. Als der Vater das Zimmer verlässt, leg ich mich zu ihr und kauere mich eng an sie. Ich weiß nicht mehr, ob ich weine, aber ich trauere so tief und bitterlich, wie ich’s mir im wachen Zustand nicht vorstellen könnt. Aber ich trauere so aufrichtig, so offen, so entblößt von allem Zurechtgedachten, dass diese Trauer wahrer ist als meine Einbildungen, mit denen ich mir die Abtrennung von den Eltern als nötig erklär. Dann erwacht sie noch einmal und nimmt meine Trauer, anders als der Vater, als Bekenntnis, dem sie vertraut. Flehentlich umschlungen, in der Auflösung aller Distanz, in der engsten Nähe, in der man miteinander wie verwächst, liegen wir, die Köpfe aneinander, so da für den Rest des Traums und versinken in unser beider Trauer, die jetzt zu einer wird. Es ist eine schreckliche Trauer, beinahe unmenschlich, und doch das Menschlichste; wenn es Schönes an ihr gibt, dann die aufrichtige, vorbehaltlose Annahme des andern, das gegenseitige Erkennen: man ist dem andern einverleibt. Aber das Unmenschliche daran bleibt: dass es kein Trost ist.
23 07 23
Manchmal, nach dem Aufwachen, noch ganz im Gefühl des Traums. Fast ein Lebensgefühl, vergleichbar mit dem beim Filmschauen oder Romanlesen. Es ist ein so präsentes und, auch wenn man vielleicht kein einzelnes Wort dafür hat, so eindeutiges, dass es die Anmutung von Unausweichlichkeit hat. Etwas, worin sich ein Leben durchaus einfassen ließe, eine wie unauflöslich wirkende Atmosphäre. Ein Immersionsprodukt, wenn man so will. Und man kann daran den Traum erkennen, an diesem bestimmten, bald seligen, bald trostlosen Lebensgefühl, denn nur Träume, oder eben Filme und Romane, bieten eine (im kriterialen Verstande sehr frei nach Schnädelbach) so begrenzte (wenn auch eben nicht beschränkte) Diegese, dass sie mit dem Fokus des Traum-Ichs annähernd zusammenfällt und einem einzigen oder hauptsächlichen Gefühl die Geltung als atmosphärische Norm erlaubt. Vielleicht ist, neben Film & Roman, auch eine schwere Depression diesem Phänomen strukturell nicht ganz unverwandt.
24 07 23
Wobei man, gegen den Begriff der Diegese, wohl einwenden kann, dass es im Traum keinen extradiegetischen Erfahrungsraum gibt, also keine Differenz zwischen Diegese und Nicht-Diegese. Man könnte nur, aber wahrscheinlich mit wenig Recht, eine zeitliche Versetzung zwischen beiden als zusätzliche Prämisse anführen und Traum und Wirklichkeit in ihrer notwendigen Disparität vielleicht etwas sehr esoterisch als ‚Einheit‘ begreifen. Aber das kommt mir unstimmig vor. Die Traumbedingungen von Weltmöglichkeit ergeben ja gerade durch ihre unsimulierbare Originarität ein von der Wirklichkeit so radikal abgeschottetes Phänomen, dass eine ‚Einheit‘, wenigstens aus Subjektperspektive und trotz wechselseitiger Referenzierbarkeit, nachgerade verhindert ist. Also nicht ‚Diegese‘, vielleicht alternative Bewusstseinswelt, im kosmischen Revier der Halluzination.
25 07 23
In Momenten greift etwas aus der Wirklichkeit ins Traumhafte ein; Musik, Gesprochenes, Harndrang. Aber es wird vom Traum je umgehend absorbiert, es wird immer gleich selber Traum, so dass man auch hier von extradiegetischen Ereignissen nicht im Ernst reden kann. Vielleicht, mit Ausnahme, von Harndrang. Der wirkt in beiden, im Traum wie in der Wirklichkeit, auf ähnliche Weise. Aber nicht trotzdem, sondern gerade weil er als Nexus zwischen diesen beiden Seinsweisen oder eher Welten fungiert, weil er im Traum als eine Art Stellvertreter der Wirklichkeit amtiert, weil er also hineinwirkt ins Traumgeschehen und dann selber genuin Traumgeschehen wird, kann sein Beistand zum Traumerlebnis kein extradiegetischer sein. Neurologisch mag der Traum ein Faktor der Wirklichkeit sein, weshalb sie unbedingt simultan zugegen sein müssen. Als phänomenale Entitäten aber sind es, auch wo sie sich thematisieren, zwei einander ausschließende Welten, die auch nur durch den Ausschluss der jeweils anderen ihren eigenen Fortgang wahren. Beim Harndrang nun wird das Externe so dringlich, wird es von einer solchen Not bestimmt, dass es über die neurologische Barriere ins Interne einfallen muss, um sich zu seiner eigenen Aufhebung zu behelfen.
26 07 23
Die Traumwelt als diegetische? Wohl nicht. In Filmen oder Romanen ist man nie selber Akteur oder Protagonist oder auch nur Vorkommnis innerhalb der Diegese – im Traum ist man es ausschließlich. Man fühlt sich, atmosphärisch wie sinnlich, der diegetischen Welt zugehörig, aber es ist eine passive Zugehörigkeit, man ist ihr ausgesetzt ohne Möglichkeit zur Einflussnahme oder auch nur zur eigenen Erkennbarmachung. Man ‚ist‘ nicht in ihr, schon nicht ontologisch, aber auch prädikativ nur ex negativo (das dann aber notwendig). Mag auch sein, es schwächt sich in Rezeption der Diegese der Bezug zur ‚realen‘ Welt, zur sog. Wirklichkeit, vielleicht ist er auf eine Art sogar suspendiert; als wäre man in den diegetischen Kosmos übergegangen, nur gestaltlos. Mit der Gestalt, dem eigenen ‚Realen‘, insofern sich das eigene Dasein in der Konstitution ‚realisiert‘, verbleibt man in der Wirklichkeit. Das unterscheidet die Diegese vielleicht nicht wesentlich von der Traumwelt, in der man sich die eigene Gestalt auch je nur sozusagen einbildet – was aber in der Rezeption Anteilnahme bleibt, wird im Traum zur wahrlichen Teilnahme, zur Aktion.
28 07 23
Ich unterscheide nicht genug zwischen Wirklichkeit und Wachheit. Beide, auch hier, bedingen einander, aber nur im Bezug der Wahrnehmung. Unwach – schlafend, träumend – nimmt man Wirklichkeit nicht bewusst wahr, entwirft sich nur eine stofflose Alternative zu ihr, es bildet sich, ohne Zutun, eine vorsatzlose Imagination. Aber Traumwelt und Wirklichkeit sind nicht ein ebensolches Gegensatzpaar wie Wachsein und Träumend. Im Traum ist ja nichts unwirklich, und auch von der subjektivischen Perspektive abgesehen ist nichts, worein die*der Einzelne gefasst ist, unwirklich. Die im Traum wirksamen neurologischen Prozesse sind nichts als wirklich, sie ereignen sich ausschließlich im physikalischen Raum. So ist die Unwirklichkeit der Traumwelt eine Schlussfolgerung, die sich aus den Prämissen Bewusstheit und Wachheit bezieht, kokett gesagt: eine Ausschlussdiagnose, ein Negativ-Urteil. Das freilich sagt noch nichts über ihre Disposition oder über die Bedingungen ihres ‚world buildings‘ oder über die Erfahrung, im Traum sozusagen ‚am Leben‘ zu sein (oder an ihm teilzunehmen). Nirgendwo kann man sich ja leichter eine Eigentümlichkeit attestieren als in seiner Traum-Präsenz. Vielleicht sind Traumgeschehen reduzierbar auf Rubriken der Beklemmung, willkommener wie unwillkommener, Begehren, Flucht, Sehnsucht, Schuld usw. Aber ihre Ausgestaltung ist je originärer als im sozusagen wirklichen, wach geführten Leben, zufälliger sowohl wie bestimmter, bisweilen wie gelotst von einem stummen Daimonion, das sich mal als Narr, mal als Tyrann, mal als fürsorglicher Utopist am Identitätsmark der*des Träumenden vergeht.