blg 23-25

25 09 23

Beim Schreiben von Erinnerungen tritt es besonders hervor: ich erinnere mich nur vage an Umgebungen. Ich nehme sie je nur so ungefähr wahr, schon als Kind. Nur einzelne Wände, Tapeten, Farbverläufe hab ich länger geschaut, wenn ich im Spital auf Untersuchungen wartete. Aber eingeprägt hat sich auch davon nichts; es war nichts in Bewegung. Aber mehr als eine ungefähre Wahrnehmung von Umgebungen braucht es auch nicht, um nicht aus ihnen herauszufallen, sie sind Kulisse, viel mehr Bedeutung haben sie nicht. Ich erinnere mich aber auch nur schlecht an Namen, Gesichter, Gerüche, Akustik. All das bleibt nicht haften in mir, oder nicht da jedenfalls, wo das Gedächtnis die zum Schreiben brauchbaren Erinnerungen verwahrt. Ich stelle mir vor, sie lägen dort deponiert in derselben Bettung wie einst in der Wirklichkeit, in derselben relativen Klarheit. Zu vieles Falsche in meinem Gedächtnis musealisiert sich; kann vielleicht nicht anders, wenn ich bei jeder Sache darauf dräng, sie endgültig abzuklären; danach ist sie ohne Belang. Was fortdauert, ist die aufgeschriebene Einsicht, selten mehr. Woran ich mich so erinnere, als geschähe es mir heute, ist immer nur das eine: an mein Gefühl für einen Menschen. Eigentlich in der Hauptsache nur daran. Und das reicht nicht für Literatur. Notwendig ist es, hinreichend nicht. Also komme ich beim Schreiben in die Verlegenheit des Ausdenkens, des Ausmalens, geographischer Einfälle – nur bindet sich das Ausgedachte nie ans Gefühl. Und jene Umgebungen, in denen sich das Gefühl einst erzeugt hat, bilden sich in meiner Vorstellung bloß rudimentär nach, in vagen Standbildern, ohne positionelles Verhältnis zum Übrigen; sie haben meine Wahrnehmung, angesichts einer menschlichen Begegnung, nie interessiert. Aber wohl braucht ein Mensch, der schreiben will, genau diese Begabung: noch im packendsten Moment alles Äußre wahrzunehmen, ohne den Fokus aufs Innige der Begegnung einzubüßen. Mir geschah das je nur fallweise, in zu wenigen Momenten; aber Begabung heißt ja: es immer können, ohne Zutun.

30 11 23

Eine Longcovid-Erfahrung, vertraut schon aus der Kindheit: in der Krankheit ist man allein. Territorial, weil man isoliert wird – und sozial, weil das Kranksein nicht teilbar ist. Man erfährt Hilfe vom andern, im akuten Fall, oder Toleranz, wenn man auf einer Steigung pausieren muss. Aber Toleranz ist aufbrauchbar, sie ist keine unendliche Ressource. Drüber zu reden, jeden Tag, das ist einem andern nicht aufbürdbar; kein Mensch verkraftet eine tägliche Alarmierung, die ihn nicht selber betrifft und die ihm nur begrenzt nachempfindbar oder vermittelbar ist. Für den Betroffenen aber wird die Dauerschwächung des eigenen Körpers sehr bald zu einem Konstituens seiner Identität, so wenig er es auch will. Es ist belastend, sich täglich von der Schwächung her zu begreifen und zu behandeln, es konfligiert genuin mit dem Selbstverständnis desjenigen, dem alles Vornehmbare leistbar sein soll. Nur ist es das nicht mehr. Und jeden Tag aufs Neue die Spekulation: ist das, was sich morgens im Hals ausbreitet, nur ein Kratzen, das die nächsten Stunden schwinden wird, oder ist es die Ouvertüre zum Ausbruch tags drauf? Man selber verkraftet schon kaum diese dauernde, panische Selbstbefragung, dem Unbetroffenen aber ist sie nicht tragbar. Die Betroffenheit ist der hauptsächliche Nexus zur Bürde, sie zwingt zum Verhalt, dem man sich nicht entbinden kann. Für den Unbetroffenen ist die Bürde eine kontingente, und wenn man ihn aber täglich mit derselben konfrontiert, kommt sie ihm alsbald als eine notwendige vor, und in dieser Dissonanz reibt er sich anders auf als der Betroffene, dem Bürde und Betroffenheit ident sind – die dauernde Spekulation ist ihm notwendig Teil der Krankheit, dem Unbetroffenen ist sie nur Thema, zu dem er sich alternativ verhalten kann oder könnte, wenn ihn der Betroffene ließe. Und aus der sozialen Pflicht zur Rücksichtnahme gegen den Unbetroffenen bleibt dem Betroffenen nichts, als seine Verlassenheit als endgültige anzunehmen. Seine Hauptaufgabe ist aber, die Trauer darum zu verheimlichen, oder nicht nur die Trauer, den Eindruck der Verlassenheit schlechthin. Denn aus den Bedingungen des sozialen Gefüges, das vor allen übrigen ein intimes ist, ergibt sich die wechselseitige soziale Zueignung und aus der wiederum eine Verantwortung, von der der Unbetroffene nicht meinen soll, sich an ihr verfehlt zu haben ob einer Sache, zu der er sich im günstigsten Fall gar nicht anders als bloß helfend und tolerant verhalten kann, womit er alles ihm Leistbare ja getan hat. Der Kranke muss einsehen, nur allein krank zu sein, und alle Solidarität mit ihm kann je nur eine temporäre und niemals eine grundlegende sein. Und was dem Kranken pervers vorkommen mag, dass er noch im Kranksein rücksichtsvoll gegen andere zu sein habe, gleichwohl er als Kranker wohl aller Rücksicht anderer bedürfe, ist dennoch das moralisch Gebotene, weil seine Krankheit, so wesentlich sie ihm auch geworden ist, ihn dennoch für den anderen nicht ausmacht und sich demnach nur rezessiv verhalten darf zum Verhältnis, das man zu ihm hat. Andernfalls denkt auch der Unbetroffene den Betroffenen allein noch von seiner Betroffenheit her, was aber das soziale Gefüge an und für sich derart lädiert, dass das Gebot der Rücksichtnahme gar nicht mehr in jener Weise gelten kann, in der es für Liebende unbedingt gelten muss, nämlich als freisinnige und gerade nicht verpflichtete.

27 02 24

Lese die Nachrufe auf Polleschs Tod teils mit Unbehagen. Nach meiner Vorstellung verkörpern sie, wogegen er und sein Theater sich immer vehement gewandt haben. Nicht das Bekunden einer Traurigkeit, die ich auch empfinde. Aber das feierliche Sentiment, das Pathos und die Aufrichtigkeitsposen, mit der diese Traurigkeit inszeniert werden. Oder: der Mangel an Bewusstsein dafür, dass Traurigkeit, wo sie im üblichen Nachruf ausgefaltet wird, notwendig Inszenierung sein muss.

17 03 24

Die Grausamkeiten des Vaters: sie kamen oft genug, um sich bei geringsten Verfehlungen – und irgendwann schon nur, wenn er von der Arbeit kam – vor ihnen zu fürchten, aber nicht oft genug, um sich an sie zu gewöhnen. So war immer die Spannung gegeben, eine Atmosphäre schwelender Gewalt, Gewalt als dauernd gegenwärtige Möglichkeit, der Konjunktiv als Drohkulisse.

Vielleicht, ich weiß nicht, lässt sich an Gewalt nicht gewöhnen, weder für Täter noch Opfer. Körperliche Gewalt muss auch für den Täter, stell ich mir vor, etwas Außerordentliches sein, das Überwindung oder Anstrengung bedarf, wenigstens etwas, das nicht auf Autopilot durchgeführt werden kann. Ein Unterdrückungs- oder Vernichtungssystem jedenfalls muss es so richten, dass die Exekutoren nicht sozusagen selbst Hand anlegen müssen – oder wenn, nur auf Droge -, dass sie in sich nichts zu überwinden haben.

In jedem Falle aber brauchen Gewalttäter, wenn sich ihre Gewalt verstetigt, ein Narrativ. Das meines Vaters war Liebe. Das erklärte er oft: Wer seine Kinder liebe, müsse hart zu ihnen sein. Dabei hatte er, wie in vielem, uns mit sich verwechselt, Kinder mit Erwachsenen. Er hatte sich eine Weise vorgestellt, nach der wir uns von ihm unterjochen lassen und, von dieser Unterjochung angereizt, zu einer Selbstständigkeit gelangen. Aber fürs Kind ist die Gewalt des Vaters absolut, es kann nicht dahinter oder darüber hinaus schauen, fürs Kind gibt es zu ihr keine Alternative, zumal keine, die aus ihm selbst kommt. Und wenn die Gewalt jedes fürs Kind durchschaubare Maß übersteigt, wenn sie plötzlich kommt und vernichtend, dann ist das Kind unfähig, irgendwelche ‚Lektionen‘ daraus zu ziehen und das eigene Verhalten so zu reflektieren, dass daraus Eigenständigkeit resultiere. Er war dann oft enttäuscht, hat insbesondere zu mir immer wieder gesagt: „Ich dachte, gerade du würdest das verstehen.“ Dann hob er auf das Gerücht meiner Klugheit ab, und dann war wiederum ich enttäuscht, von mir selbst, weil ich dem Gerücht nicht gerecht wurde.

Aber ich war nie so ratlos wie in jenen Momenten, wenn seine Gewalt (scheinbar) aus dem Nichts ausbrach und er uns in der Folge zur Rede stellte: Warum er wohl genötigt gewesen sei, so zu handeln und dies oder jenes an uns zu verrichten. Es war dann nur Leere in mir, ich hatte keinen Anhaltspunkt. Diese Befragung war – ich sage nicht schlimmer, bestimmt nicht mal schmerzlicher, aber vielleicht gewaltvoller als die vorherigen Prügel oder die Verwüstung unseres Zimmers. Es ist eine andere Art von Entsetzen, sich als Kind an seiner Unkenntnis aufgehängt zu fühlen. Man weiß da schon, so ungefähr, was Recht, was Unrecht ist, kann sich auch beides schon nachsagen, aber nur in den gröbsten Dingen. Nachlässigkeit, als Beispiel, ist fürs Kind nicht auf dieselbe Weise augenscheinlich wie Handgreiflichkeit oder Lügen oder unerlaubte Aneignung von Spielzeug, dem der Bruder lauthals nachwimmert. Beim Staubsaugen was übersehen oder eine gebotene Geste unterlassen zu haben, habe ich nicht als Delikt begriffen.

Knapp gesagt: Versehen ungleich Vergehen – falsch war, für mein Verständnis, was vorsätzlich und annähernd gemein war. Auch dafür hätte ich mir selber keine Prügel verordnet, es aber als irgend strafbar anerkennen können. Stattdessen Dresche für lauter Irgendwas, das meinem Bruder und mir wie ausgedacht vorkam. Hiebe in die Magengegend, nach denen ich kotzend über der Kloschüssel hing, Gürtel und Schuhe auf den blanken Arsch, dass ich nicht mehr sitzen konnte, stundenlanges nächtliches in der Ecke stehen bei schmerzenden Krampfadern im Skrotum, aus dem Nichts mit Bier übergossen in der Küche, im Winter jackenlos für Stunden vor die Haustür, um in der Kälte zur Einsicht über meine Schuld zu kommen. Ob diese Vorsätze, die väterliche Autorität zu festigen, wahrlich erfunden waren, kann ich heute nicht sagen – denn ich erinnere, wie schon mal geschrieben, die Anlässe nicht mehr. Außer die fürs in der Ecke stehen; weil wir geschwatzt haben statt zu schlafen; drum wurde uns der Schlaf erst recht versagt. Skibidi.

Selbst wenn aber diese Vorsätze nicht erfunden waren, wenn es wahrlich Gründe gegeben hat, die in unserm Verhalten lagen, so waren sie uns als solche nicht ersichtlich. Die Gewalt war nur die Kokarde für eine Fehlleistung, über deren Art wir nicht im Bilde waren. Unwissenheit, hieß es dann, schützt vor Strafe nicht. Und die Strafe wurde von der Schikane geschieden, indem sie uns zur Reflexion motivieren sollte. Gewalt; das war es, was wir an die Hand bekamen, um auf den rechten Weg zu kommen.

‚Gelernt‘ habe ich so jedenfalls nichts. Und ich musste eben für einen Moment auflachen bei der Vorstellung, er hätte uns stattdessen unser Fehlverhalten erläutert, ein für Kinder verständliches Argument aufbereitet – wie abwegig das damals war, und wie alternativlos es mir aber vorkommt, wenn ich versuche, es objektiv zu sehen. Stattdessen eine Kindheit voller Angst und eine spätere Vaterlosigkeit nicht zuletzt aus Sorge, auch nur annähernd so auf einen wehrlosen Menschen zu wirken wie er auf mich.

23 03 24

Ich kann mich an eigene Vorsätze, selbst wenn sie in Freude oder Vorfreude gefasst wurden, kaum einmal halten. Es gelingt fast nie. Gelingen kann mir nur, was aus Impuls kommt, was plötzlich aufscheint und allein dadurch seine unbehelligte Erledigbarkeit beweist. Was hingegen abgemacht ist, Gefühl & Verstand gleichermaßen als Grundlage, hat kaum Bestand vor meiner Laune.

27 03 24

Wenn wir geraucht haben, auf dem Balkon, mittlerweile hilft L. mir hoch, von allein komm ich nur selten noch aus dem Sitz. Dann stützt sie mich, meinen linken Arm um ihre Schulter, durchs Wohnzimmer in den Flur, wo ich mich an die Wand lehne, während sie mir das leichte Jäckchen abstreift. Bin ich an einem Tag zwei- oder dreimal die Treppen in den ersten Stock hoch, weil ich Müll rausbrachte oder zum Briefkasten ging, kann ich mich den Rest des Tages kaum noch bewegen. L. ist dagegen, dass ich die Treppen steige; in den Keller, zum Wäsche machen, will sie mich gar nicht mehr lassen. Aber ganz kann ich dem nicht abschwören; ein Auflehnen gegen die Schwäche, die drohende Nutzlosigkeit, das Bedürfnis nach der vorherigen Bedenkenlosigkeit. So auch beim Taschentragen, nach dem Einkaufen – sie will mir alles abnehmen, und ich wehre mich dagegen, nehme nur aus Trotz bisweilen noch ihre Taschen. Zuhause dann büße ich’s; für den übrigen Tag bin ich, für was auch immer, verloren. Wenn wir spazieren gehen abends, nach den Aussichtsplattformen hin oder zum Spielplatz, fahre ich im Schritttempo auf dem E-Scooter neben ihr her. Manchmal können wir überhaupt nur so noch raus. Jede bloß leichte Steigung strengt mich so an, dass ich meine Beine nicht mehr spür. Dann muss ich mich an sie lehnen oder an einen Zaun, minutenlang, um überhaupt wieder geradeaus gehen zu können; so langsam wie ein Greis, nahezu in Zeitlupe. Wenn wir danach in die Wohnung kommen und beide müssen, kann sie aufs Klo am Ende des Flurs gehen und braucht nicht zu spülen; ich bin von der Wohnungstür aus dort angelangt, während sie bereits alles erledigt hat und schon am Waschbecken steht, die Hände unterm laufenden Wasser. Oftmals hebe ich gar nicht die Füße beim Gehen, ich schlurfe übers Parkett, als würde ich mich auf Skiern durch tiefen Schnee schieben. Treppensteigen, Bücken, in der Hocke bleiben – wenn ich das vermiede, überstünde ich beinah ohne Schmerz und Schwindel, ohne Atemnot den Tag. Und zusätzlich müsste ich auf alles verzichten, was eine Bewegung der Glieder verlangt, dürfte nicht meinen Arbeitstisch noch die Küchenplatte wischen, kein Bein anwinkeln außer beim Sitzen. Und nicht sprechen. Nicht lesen, nicht schreiben. Vor allem nicht arbeiten am Abend. Wenn ich mich daran hielte, nur dasitzen oder daliegen würd, käm ich ganz erträglich durch den Tag.

16 04 24

Eine Erinnerung abzusetzen, im Tagebuch oder sonst wo, mag nur ergiebig sein, wenn ein Bezug zum Heutigen gebildet wird; meine Macke mit der Unaufschreibenswürdigkeit von allem Ungrundlegenden. Und wahrscheinlich gibt es sogar einen Bezug, aber ich bin zu müde, ihn zu stellen – ich dachte an Prügeleien, in der Kindheit, und an Fußballspiele: dass ich mit einem Unentschieden immer zufrieden war. Mein ganzer Fokus lag darauf, nicht zu verlieren, ums Verrecken nicht. Gewinnen war mir beinah einerlei; nur manches Lob ließ ich mir momentweise gefallen. Aber im Grunde hatte ich kein Gefühl fürs Gesiegthaben. Jeder Sieg war nur ein Davongekommensein, und darin unterschied er sich für mich nicht von einem Unentschieden. Die Schande vermeiden, das war alles, mehr konnte ich gar nicht beabsichtigen. Vielleicht deshalb, bei S. wie bei D. – aber auch bei M. schon -, das Heraufbeschwören einer Trennung, im letzten für mich möglichen Moment, um nicht der Besiegte zu sein. (Wenn ich mich auch, bei allen dreien, trotzdem als dieser gefühlt hab; besiegt nicht von ihnen, nur von meinem beispiellosen Versagertum.)

17 04 24

Intuition ist, was einem zu einer bestimmten Art von Situation am eingeprägtesten ist. Zutrauen in die eigene Intuition fasst aber nur, wessen Prägung nicht übermäßig komplex ist und noch nicht wesentlich erschüttert wurde – oder wer stur genug blieb, den Erschütterungen je unrecht zu geben. Wer blind auf seine Intuition wettet, tut sich demnach nicht leicht mit dem Nächsten, er tut sich im Gegenteil schwer, sich von der Prägung zu lösen.

12 05 24

Mich so von den Eltern abgemacht zu haben – wunderlich, dass es mir, da ich’s zum ersten Mal so schreibe, keine höhere Hürde ist -, dämpft auch die filiale Pietät, mit der ich mich dem Elterlichen, wo ich’s kritisierte und wo ich ihm huldigte, immer zu sehr aus der eigenen Betroffenheit und demnach je aus einer Art milder Bredouille näherte.

11 08 24

Schreiben, um die eigene Nichtigkeit zu sanktionieren.

12 08 24

Nichts korreliert mit der Schönheit als das Sein, das mit ihr auf verwandte Weise unbegründbar ist.

13 08 24

Heute geträumt (gemeint waren Wortwechsel, Gespräche): „Im Traum hat man keine Zeit zum Überlegen. Im Leben hat man etwas Zeit. Und im Paradies hat man alle Zeit.“

15 08 24

Mit L., im Traum, vor der Garderobe im Flur. Wir führen, nehm ich an, ein zwangloses Gespräch, plötzlich pieselt L. im Stehen auf den teuren Holzboden. Es läuft ihr einfach so raus, sie ist beinah noch überraschter als ich, der ich darauf sage – und ich merke im Traum, wie ich nach dem Reim suche: „Auch Inkontinenz … hat ihre Fans.“

16 08 24

Scham, Selbstekel, aber auch Rührung, wenn L. mich in der Wohnung stützt, weil ich meine Beine nicht mehr spür. Die zehn Zentimeter, die es vom Balkon hinauf ins Wohnzimmer geht, schaffe ich kaum mehr. An einzelnen Tagen noch, aber an zu vielen nicht. Vorgestern hat sie mich auf den Badvorleger gesetzt und mich vom Wohnzimmer über den Flur in mein Zimmer gezogen. Ich bild es mir als Ausnahme ein, aber die Blamage offenbart sich darin, dass es mir längst Norm geworden ist. Sie aber nimmt es, zumindest nach außen, als sei es das Normalste. Immer findet sie was, um es in Humor zu setzen. Wenn die Kraft aus dem Körper mit einmal schwindet und ich nichts mehr, nichts mehr bewegen kann, bin ich zunächst furchtbar beschämt, aber zuletzt muss ich doch lachen; irgendeine freche Formulierung findet sie immer. Nachdem sie mich einmal von hinten gestützt und angeschoben hat: „Ich schieb hier ’ne ruhige Kugel.“ Es ist ihr unangenehm, wenn ich mich entschuldige, oder bedanke. Aber was anderes weiß ich oft nicht zu sagen. Es sind die beiden hauptsächlichen Impulse: Es tut mir unendlich, unendlich leid + danke, danke, danke. Wenn meine Scham zu massiv ist, krieche ich auch durch die Wohnung und weiß dann nicht, wofür ich mich mehr schämen soll. Spazieren gehen kann ich kaum noch, den kürzesten Weg nehme ich mit dem Scooter, den sie im Hausflur runter- und wieder hochträgt. Anwesend zu sein ist die größte Strapaze, und es gibt von ihr keine Erholung mehr. Mit einer Ausnahme, wenigstens annähernd: im See zu schwimmen. Dort gelingt Bewegung ohne Beschwernis, im wahrsten Sinne: der Körper lastet, im Wasser, nicht mehr auf sich selbst. Leicht geschwächt bin ich zwar, nach einer halben Stunde, aber es ist kein Vergleich. Dazu die Ruhe, wenn ich weiter rausschwimm, auf die Berge zu – um mich herum mal ein Schwan, mal ein Entenpaar, eine Libelle, über mir für einen schönen Moment eine dahinrauschende Möwe, und auf dem Weg zurück L. am Ufer, die Ausschau hält, dass ich nicht ersauf.

25 08 24

Ich kann jetzt nichts mehr. Kaum noch stehen, mit Mühe für wenige Minuten, am ehesten noch an die Wand gelehnt. Ich spüre den Aufwand der Oberschenkel – als würde ich eine schwere Last auf mir tragen; aber ich stehe nur, nichts weiter. Spreche ich, während ich stehe, sacke ich nach einer halben Minute zusammen. L. dann oft an mir, will mich stützen; wenn es irgend geht, wehre ich es ab; wenn es mir möglich scheint, wie langsam auch, will ich den Weg zum Bett selbst gehen.

26 08 24

Sterben, gleich jetzt, werde ich nicht. Es wird sich ziehen, vielleicht sogar für länger. Nur hat ein Körper wie meiner, zumal seit der letzten wesentlichen Schwächung, keine Aussicht mehr. Mit einem solchen Körper ist nichts mehr anvisierbar. Er kann nichts mehr. Jeder Tag, den ich nur mehr liegend, zwischendurch sitzend verbringe, ist eine Absage an die Gestaltbarkeit eines Lebens. Was bleibt, ist ein erlebnisloses Hinbringen von bloßem Dasein. So lässt sich auf nichts mehr hoffen. Hier scheiden sich dann Körper & Geist, in einem Dilemma: was der Geist noch will, wird vom Körper ebenso ignoriert wie die Einsicht ins Nutzlose einer solchen Existenz. Ich stelle mir eine Art insgeheimes Bewusstsein des Körpers vor, nach dem er einsieht, es lasse sich nichts Lohnenswertes mehr anstellen, und der es daraufhin sein lässt mit sich. Einfach aufhört. Wenn der Zustand bliebe wie jetzt, wäre es das einzig Sinnvolle. Nur weiß man’s nicht mit der letzten Gewissheit. Am Leben zu sein, und noch so versehrt, heißt immer, auf irgendwas zu hoffen. Nur spür ich zugleich: wie es jetzt ist, wird es bleiben. Das ist keine Flaute mehr, keine temporäre Einbuße, es ist das Absacken auf das nächstniedrige Level: Bettlägerigkeit. Denken geht nicht mehr, Lesen auch nicht, nur noch Handy & Netflix. Ich erschöpfe mich in meiner Vorhandenheit; es ist, in der zivilen Welt, der erbärmlichste Zustand.

27 08 24

Was ich nicht verloren geben will, sind Erinnerungen, oft belanglose, aber für mich (warum auch immer) bedeutende. Etwa aus dem Fußball; einzelne Momente, in denen mir was Besonderes gelang: ein Elfmetertor per Rabona oder ein Dribbling an der Torauslinie, in dem ich zuletzt vorm Torwart den Ball mit der Sohle vom Tor wegziehe und ihn, mit dem Rücken zur Tor, per Hacke reinmache. Ich spür, wie ich’s in Ewigkeit gewürdigt haben will. Warum bloß? Weil Fußball, für lange Zeit, meine Identität bestimmt hat? Oder weil mir, der sonst nur gestrauchelt ist im Leben, in diesen wenigen Momenten das Besondere aus einer gewissen Leichtigkeit heraus gelang? Ich habe mich immer nach Souveränität gesehnt, nur gab mein Leben – oder meine Art, es abzuwickeln – keine Bespiele dafür. (Manchmal ist das Tagebuch davon beseelt, zu seinem Unglück, wenn ich es hergenommen hab im Versuch, mir mein Leben oder mein Selbst annähernd pfiffig herzusagen.) Aber in diesen Momenten gab es immerhin einen nicht ganz unehernen Eindruck von Souveränität. Wenngleich souveränes Handeln oder Verhalten im Sport zwar in Teilen auch von der Haltung, der Ausführung, sehr wesentlich aber vom Resultat abhängt. So elegant man einen Ball mit der Hacke spielt – wenn er zum Gegner geht, war’s ein Flop. Im Sport also erweist sich Souveränität allein im Erfolg – und ist somit wohl keine. Denn was man souverän oder, pathetischer, würdevoll heißt, kann sich ja vielleicht überhaupt erst im Scheitern erzeugen. Und weil ich das nicht kenne – Würde wahren im Scheitern -, konnte ich je nur dem Anschein von Souveränität nachjagen, auch in Erinnerungen. Wenn ich diese alten Bilder durchgehe, dann in der Sorge – und ich kann es nicht geringer sagen – um ihren Weltverlust. Dieses furchtbare Bedürfnis, jemand gewesen sein zu wollen. Jemand Erinnerungswürdiges oder, schlimmer, jemand, den man feiern wollte. Gerne vorbehaltlos, notfalls auch mit kritischen Untertönen. Aber es ist ein trügerisches Bedürfnis, es kündet eigentlich von etwas anderem: verfickt noch mal nicht sterben zu wollen. Denn man will ja im Augenblick gelten, nicht irgendwann später. Man will seine Geltung ja mitbekommen. So hab ich andererseits ebenso das Bedürfnis, post mortem aus allen Gedächtnissen prompt zu verschwinden – ein kindischer Trotz: Wenn ich schon wegmuss, dann eben ganz. Aber auch diese Vorstellung betrifft nur den Lebenden; das wirkliche Wegsein ist mir unvorstellbar.

10 09 24

Mein Leben dämmert langsam weg, schleicht sich aus.

12 09 24

Ich ersticke an meiner Zukunftslosigkeit.

17 09 24

Der finale Wunsch: von jemand anderm durchdacht werden.

21 09 24

Im Traum den Satz gesprochen: „Wenn die Pforte zum Tod aus L.s Gesicht bestünde, würde ich liebend gern eintreten.“

31 10 24

Im Traum ironisch auf einen bewegenden Satz von L. hin: „Du schüttelst mein Herz wie ein Säckchen mit Haselnüssen darin.“

02 11 24

Heute zweimal von den Eltern geträumt (nachdem ich gestern Abend, vorm Einschlafen, im Tagebuch gelesen hatte). Zwei sehr verschiedene Träume. Im einen klage, im andern flehe ich sie an; so ungefähr. In beiden bin ich traurig. Der erste ist schwer wiederzugeben; irgendetwas gelingt mir nicht, in einem U-Bahn-Schacht, irgendetwas aber sehr Harmloses, und gleich schon – ich liege in einem Zimmer in ihrer Wohnung – verstoßen sie mich. Das Zimmer hat mit den wirklichen Zimmern meines oder ihres Lebens nichts gemein, es ist düster, vollgestopft mit Kram, Büchern und Kleidung, nur am Rand steht ein Bett, eng an die Wand gedrängt; drauf ich und, wie zur Besänftigung, immer wieder Frauen, die mir einst bedeutet haben, in der Regel aber ineinander verwoben – bis auf K., die sich als einzige klar abgrenzt und ganz unbedingt K. ist. Es ist seltsam, gerade sie in einem solchen Moment bei mir zu haben; im Leben waren wir nie diese Art Freunde, die ‚füreinander da‘ sind, und auch war ihr Bezug zu mir nie ein sanftmütiger, beschützender oder auch nur friedfertiger – selbst in der Phase unserer irrsten Raserei war sie immer eher im Attack-Mode. Die Frauen mit mir auf dem Bett wechseln sich übergangslos ab, nur das eine haben sie gemein, dass ich innig mit ihnen bin, dem Gefühl nach. K. sagt zuletzt: „Ich hab dich lieb.“ Dann muss sie los und ich rufe ihr nach: „Ich liebe dich“, und bin gleich beschämt: dieser Satz ist eigentlich zu viel, das sagen wir einander nicht, aber doch spür ich, dass sie es nimmt, wie es gemeint war, als Bekenntnis unter Freunden. (In Wahrheit hab ich es ihr einmal, um Fünf Uhr morgens, verzweifelt auf die Mailbox gesprochen, worauf sie mich fragte, ob ich noch bei Trost sei.) Die Klage an die Eltern ist eigentlich auch mehr eine flehentliche, ein flehentliches Unverständnis, warum sie so hart zu mir seien, warum sie mich aufgeben beim geringsten Versagen, wie sie auf einen belanglosen Fehlschlag hin nicht mehr meine Eltern sein wollten. Aber es ist abgemacht, sie sind so enttäuscht wie angewidert, ihre Abkehr ist final. Den letzten Trost finde ich allein im Beisein der Frau, die auf K. folgt.

Im zweiten Traum haben sie sich, im höheren Alter, voneinander getrennt. Mehr als meine Mutter, unterstelle ich ihm, leidet mein Vater darunter. Zudem ist er sehr krank. Meine Mutter jedenfalls nimmt die Trennung als Anlass, sich frei und gut zu fühlen, schielt auch gleich auf eine neue Verbindung. Vor meinem Vater, erzählt sie mir, während wir an einer sonnigen Küste vorm offenen Meer stehen, habe der Herr Soundso sie gewollt, von Beruf Obervorsteher der Krankenkassenvereinigung, und es schwingt mit dabei: sie hätte jetzt sehr reich sein können. Ihm wolle sie nun ihre Verfügbarkeit antragen, und in ihrer munteren Stimme liegt die Gewissheit, er werde sie umgehend annehmen. Ich sehe in ihr altes Gesicht und will noch sagen, er werde sie heute vielleicht nicht mehr so anziehend finden wie einst, verkneife es mir aber. Bevor sie zu ihm geht, wollen wir aber noch, auf meinen Beschluss hin, den Vater im Spital besuchen. Es ist seine neue Bleibe, er wird von dort nicht mehr herauskommen, und ganz klar wird es mir erst, als wir im Krankenzimmer aufschlagen und mein Vater hereingeführt wird von einem Krankenpfleger, der ihm einen Becher an den Mund hält, aus dem er nur mit großer Mühe flüssige Medizin zu sich nimmt. Mein Eindruck, ich weiß nicht warum, er trinke Urin (im Traum denke ich wörtlich „Pisse“). Dann wird er aufs Bett gelegt; er ist so gebrechlich, auch mental nicht mehr vollständig da, dass ich es plötzlich weiß: er wird sterben, sehr bald. Ich bewege mich auf ihn zu, will ihn umarmen, mit ihm sprechen, meiner Zärtlichkeit für ihn Raum geben, aber an der Bettkante mache ich schlapp, haue meinen Kopf neben seinen Körper und weine auf die bitterlichste, flehentlichste Weise. Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht, jammere ich und spreche den Zusatz gar nicht erst aus: dass du stirbst. Es ist das Unmögliche. Einmal will ich’s für mich nicht, aber auch für ihn nicht. Nichts, was ich liebe, soll mir genommen werden, nur der Anschein schon ist barbarisch. Vielleicht sind Liebeskummer und Tod darin, na, nicht gleich, aber zumindest verwandt. Es ist nicht dieselbe Art von Verlassenheit, aber beiden gemein ist, vor allem sonst, der Topos der existenziellen Unwiederbringlichkeit im Angesicht des Liebens. In ihrem Kontext ist das Schreien, so würdelos es einem (gerade im Liebeskummer) auch vorkommt, der einzig würdige Existenzausdruck. Nichts entspricht dieser Verlassenheit als das Schreien, das Weinen, das Schluchzen, das Amalgam aus tollwütiger Verdichtung und absoluter Leere. Und für ihn, so scheint es mir im Traum, will ich den Tod nicht, weil der ihm nicht gerecht wird. Im Traum fühle ich an meinem Vater nichts Ankreidbares, auf eine Art wirkt er mir als großartiger Mensch, der weder den Tod noch die Einsamkeit, noch das Gebrechen verdient hat. Und im Traum, wie im Leben vielleicht nicht, fühl ich aufs Schärfste die Unmöglichkeit, mich mit dem fixen Verlust von Geliebtem abzufinden. Im Leben zwingt einen jeder Tag, jeder Augenblick zur Abfindung, und so wenig man ihr gewachsen ist, so unabänderlich folgt sie doch. Man ermüdet über der Trauer, der Schwermut, aber im Traum, da man ja schläft, fühlt man alles, nur Müdigkeit nicht.

14 11 24

Heute von der Schwächung geträumt, sie im Traum wahrlich empfunden, zum ersten Mal überhaupt. Während ich mit DF telefoniere, irgendwann nachts, laufe ich mit dem Handy am Ohr draußen herum; da spür ich es plötzlich: zu viel, ich muss ruhen. Das Gespräch ist ein letztes, ich sage ihr: Ich bin krank, dann merke ich, wie meine Stimme brüchig wird, schwer krank, und wage den Satz: Ich werde sterben. Sie sitzt derweil in einem Auto, die Perspektive wechselt je zwischen uns, ich kann sie sehen, und während ich die Sätze spreche, überlege ich, ob die Brüchigkeit meiner Stimme eine simulierte ist, um eine Authentizität zu inszenieren. Ich kann es nicht abschließend sagen. Aber wie mir dann die Kraft schwindet, mein ich, es sei ernst. Bislang fand ich es erstaunlich, dass sich die Wesensveränderung meines Lebens nie im Traum ereignet hat; im Traum blieb ich je unversehrt. Und es ist vielleicht auch gar nicht die Reflexion eines Gebrechens, mehr die einer Verschwindensangst; im vorigen Traum hatte ich vergeblich versucht, J. anzurufen. Wohl auch, um ihr davon zu erzählen oder mir durch die drastische Thematik ein Treffen zu ergaunern. Um noch einmal, mit manchen, etwas wie Freundschaft zu haben oder eine vergangene Freundschaft, wie durch einen letzten Tunnel der Innigkeit gejagt, zu würdigen oder vielmehr gewürdigt zu bekommen, vom andern. Etwas lang schon Gewesenes einmal noch aktualisieren zu können, was ihm allein noch mein Tod abverlangen kann, wodurch sich meine soziale Identität, summa summarum, als absolut lächerliche ausweist.

15 11 24

Offenbar eine Parade; Nacht für Nacht erzähle ich es welchen von früher, nach J. und DF in den letzten nun M. Sie war wohl auf Besuch, und zwei Tage, nachdem sie gegangen war, kommt sie wieder. Das entsetzt mich schwer; es hatte mich sehr danach verlangt, nun längere Zeit ohne Menschen um mich zu sein. Aber es sei doch so abgemacht gewesen, sagt sie, dass sie nach zwei Tagen wieder für zwei Wochen bleibe. Ich kann es nicht glauben, erinnere es aber nach und nach, und obwohl ich es hinnehmen will, kann ich es nicht. Während wir vom Bahnhof nach Haus laufen, endlich die Beichte: Ich wolle ja durchaus, nur könne ich nicht – ich sei krank, habe keine Kraft, ich könne vielleicht noch zwei, drei Tage, jedoch keine weiteren zwei Wochen mehr vertragen. Ich kann nicht, beteuere ich. Sie nimmt es flugs gegen sich, will nur ihr Gepäck von zuhaus holen und direkt wieder abfahren (weshalb es dort ist und nicht bei ihr, kann ich mir nicht erklären – wahrscheinlich ist mein Traumnarrator einfach erzählfaul). So laufen wir heim, indes jeder in seinem Tempo, das heißt, sie ist sehr rasch sehr weit fortgezogen, während ich den Weg in langsamen, behäbigen Schritten gehe. Es soll mich nicht kränken, dass sie von mir abzieht, es macht auch nicht den Eindruck von mangelnder Rücksichtnahme; es scheint das Normalste, dass jeder den Weg gemäß seinen Möglichkeiten nimmt. Ich laufe am Straßenrand entlang, von dem sich ein dichter Wald abhebt. Es ist weit bis nachhaus. Ein orangenes Auto fährt an mir vorüber, schleichend zugleich und prompt, ich habe es lange groß vor mir. Jeder einzelne Schritt ist eine Aufgabe für sich, jedem muss ich mich besonders widmen. Als ich ins Waldstück einbiege, wonach ein gepflasterter Weg länger hochführt zum Haus, kommt mir M. entgegen. Ich bitte sie noch einmal, wenigstens zwei, drei Tage noch zu bleiben, sie soll mein Bedürfnis nicht als Affront empfinden. Und ob sie es versteht, kann ich nicht abschätzen, aber sie ist innerlich abgewandt. Sie wird abfahren, das war es. Dabei ist sie von einer Unnachgiebigkeit, die sie in der Wirklichkeit nie hatte; sie war der vielleicht nachgiebigste Mensch überhaupt. Und trotzdem, meinerseits, Erleichterung – lieber so, als noch zwei Wochen mit egal wem. Nur noch ausruhen, nichts weiter.

16 11 24

Heute, im Traum, es niemandem erzählt. Saß in einem abgedunkelten Bus, scheinbar allein, bis ich vor bin zum Ausstieg, aber dann gemerkt hab: zu früh, ich muss erst eine weiter raus. Plötzlich Licht im Bus, und auf dem Weg nach hinten fast alle Plätze besetzt. Ort: Friedberg und Umgebung, aber fremd, frühere Traumgegenden reingemischt. Bald hops ich doch aus dem Bus und laufe umher. Immer zügiger, bis ich mit einmal renne. Denke noch: Ich kann doch gar nicht, spüre aber eine Leichtigkeit, die mir real mittlerweile fremd geworden ist. Nach jeder Kurve meine ich, nun müsse ich aber ruhen oder wenigstens mein Tempo drosseln, indes fühl ich mich weiter leicht und renne immerfort. Ich denke nicht viel, vielleicht gar nichts. Das Empfinden stellt sich vors Denken, und was ich empfinde, ist ein seliger oder beseelender Genuss über die Bedenkenlosigkeit, mit der ich mich bewege. Bis ich in ein Schlangennest trete, in der Mitte ein vereister Mini-Panda, den ich als Sprungbrett hinaus nutze. Dann ein ruhigerer Gang und endlich doch Gedanken; aber so fahrige, dass ich sie nicht erinnere.

17 11 24

Im Traum, wie zur Rechtfertigung, den Satz als Fazit gesprochen: „Jeder Mensch erhält ein Blatt, mit dem er beginnt und mit dem er endet, und das ist das Blatt der Familie.“

23 11 24

Wollte was nachsehen im Tagebuch, überfliege dann die letzte Zeit und bemerke erst jetzt: zuletzt nur noch von Träumen, weil tags nichts mehr passiert, auch im Kopf nicht mehr.

01 12 24

Es hat sich wieder gewandelt. Jetzt, im Traum, der Körper unverschleißbar wie je. Zwischendrin, heut Nacht, mit dem Rad auf einer Landstraße, und ich überlegte nur, wie viele Gänge ich hochschalten muss, um eine perfekte Balance zwischen Kraftaufwand und Geschwindigkeit hinzubekommen, der reinen Fahrfreude zuliebe.

03 12 24

War mehrmals wach, hätte mehrmals aufstehen können, bin aber immer wieder zurück ins Bett; zuletzt bei elf Stunden Schlaf, bis weit in den Tag hinein. Anfangs zog ich es mich nur wieder unter die warme Decke, in die Sorglosigkeit des Einkuschelns, aber bald auch in die Bewegtheit der Träume, die innig waren, aber auf leichte Art. Immer war ich unterwegs, doch nie auf der Flucht. Alles in ihnen an Situation, Umständen, Handlung wurde gestellt, nichts davon musste ich selbst besorgen. In diesen nicht selbstangestrengten Geschehnisablauf so selbstverständlich eingehegt zu sein, erlöst einen von der Bürde eines ‚inneren Schweinehunds‘, den man überwinden müsste für Begebenheiten, Vorkommnisse oder Zusammenkünfte. Dauernd ‚passiert‘ was und nie muss man was für beitun. Sobald ich wach bin, bringe ich alles an Kraft dafür auf, bloß da zu sein, aber es reicht nicht mehr, Vorgänge auch nur annähernd besonderer Art zu entwickeln. Nicht mehr Tätigkeiten, sondern allein noch das Wachsein ist Routine – obwohl das vielleicht falsch ist, weil jede Routine notwendig ein Mindestausmaß an Struktur bedingt, was im Wechsel von Liege- zu Sitzposition, von Toilette und Bett, Netflix und Youtube nicht im Ernst mehr gegeben ist. In einer sehr abgeschwächten Form, mit sehr niedriger Begriffsanforderung kann man es vielleicht eine Routine nennen. Eine geistig indes tendenziell einschläfernde, weil sie nicht mehr das Fundament für Ereignisse, sondern das Ereignis selbst und schlechthin ist. Davon sind alle Träume frei. Ihnen eigen sind ein existenzieller Aberwitz, den man auch für eine poetische Entrückung nehmen kann, die Unnachahmbarkeit jeder einzelnen episodischen Passage, eine sagenhafte Gestelltheit und eine unirritierbare Innigkeit. In den Schlaf immer zurückgejagt hat mich also vor allem eine Erlebnisgier, die von der Gleichheit meiner Tage bloß noch gedemütigt wird.

05 12 24

Wie absurd manchmal die Ausreden, mit denen mein Vater ein Spiel abbrach, das mein Bruder und ich gegen ihn zu gewinnen drohten. Jahrelang hatte er uns düpiert, hatte auch gespottet: eigentlich müssten wir längst gegen ihn gewinnen, immerhin seien wir zu zweit. Und als wir dann gewannen und von da ab immer, war ihm mein Bruder mal zu lustlos, mal zu aggressiv, und ein andermal wähnte er eine arge Schummelei. Dann trabte er mitten im Spiel trotzig vom Platz und posaunte zuhause gleich, mit uns könne man nicht spielen, das verderbe einem alle Lust. Sobald wir überlegen waren, fand er Gründe gegen uns, nie für uns. Dagegen meine Mutter, wenn wir am Abendtisch saßen oder bei den Großeltern und Anagramme aus Wörtern wie Gardinenstange bildeten, ertrug es nicht nur, dass ich mit ein Mal gewann und bald immer deutlicher, sie ermunterte uns auch wieder und wieder zum Spiel und war voller Lob für besondere Wortkombinationen. Sie war offen beeindruckt, wenn uns was gelang, und sie hat es immer uns selbst oder unserm eigenen Vermögen zugeschrieben. Mein Vater musste seine Beteiligung an irgendeinem Gelingen immer betonen; nun endlich müsse man den Einfluss seines Vorbilds doch einsehen. Und zugleich spielte er es herunter oder nahm dem Triumph den Glanz, indem er die erbrachte Leistung an noch nicht erbrachter scheitern ließ. Alle paar Jahre, wenn es hochkommt, wand sich ein unvergiftetes Lob aus seinem Mund. Und auf dieses Lob pochte er dann, wenn er uns fortan wieder niedermachte, als einen Verweis: Er lobe ja, wenn wir was gut machten. Man könne ihm nicht vorwerfen, ungerecht zu urteilen. Alle paar Jahre also ist seinen Scheißkindern mal was gelungen. Seine ganze Pädagogik bestand aus Gewalt, Einschüchterung und Triezen – letzteres auch gegen meine Mutter. Sie müsse mehr für ihren Körper tun, weniger essen, mehr Sport – in einer Tour. In seinen Augen machte man immer zu wenig. Wer einmal ausruhte, war schon Slacker. Und jedes Lob eröffnete das Risiko, abzuspannen, sich geil zu fühlen, zu verkommen. Er wollte, dass man ihm nacheifere, aber da er einen dazu nötigte, setzte man sich eher ab von ihm. Und trotzdem hatte ich heute, und auf eine Weise beschämt es mich unendlich, zum ersten Mal den Gedanken, meine Mutter könne mein eigentliches elterliches Vorbild sein, so nachhaltig wirkte seine Autorität.

(Schon mein Großvater, erinnere ich mich jetzt, hat das Schachspielen gegen meinen Bruder eingestellt, nachdem der erstmals gegen ihn gewann.)

07 12 24

Ein Mann im Traum, der im Zug an einem aus der Wand ragenden Metallpflock aufgespießt ist, sagt: „Ich hasse Dinge, die in Bewegung sind.“

09 12 24

Solang mir das Denken gegeben ist, unter Schmerzen, gepeinigt, sonst nichts hinkriegend, nehm ich nahezu jede Wirklichkeit hin. Wenn sie temporär sind, selbst die der Ohnmacht oder Erniedrigung. Nie würd ich das für irgendeinen Traum hergeben. Vielleicht mein Wirklichkeitsfetisch; vor allem aber, nehm ich an, weil dem Traum das analytische Ego fehlt. Mag sein, es begründet den Fetisch nicht, festigt ihn aber. Jetzt nun, da ich nichts mehr bedenken, nur noch annehmen & ablehnen, nur noch nach Stimmung & Verfassung gehen kann, sehe ich in der Wirklichkeit kaum noch einen Vorzug gegenüber dem Traum. Die Wehmut nach dem Aufwachen über das eben vergangene Traumsein; vordem hab ich sie rasch überwunden, in der letzten Zeit erhol ich mich manchmal den ganzen Tag nicht von ihr. Früher wäre es Koketterie gewesen, den Traum als das Wirklichere zu behaupten, nun bin ich im Zweifel. Erfahrungen mache ich allein noch im Traum.

11 12 24

Erstelle in letzter Zeit Bilder per KI. Oder lasse erstellen, weiß nicht, wie man sagen soll. Habe überlegt, ob daran etwas Kunst sein könnte, ob in dem kurzen und unanstrengenden Moment, in dem ich die prompts eintippe, ein irgendwie künstlerischer Akt liegt oder ob das fertige Bild, in dem die Idee immer nur näherungsweise sichtbar wird, von einem solchen zeugt – ob das ‚Idee haben‘ bereits Kunst sein könnte, gleichviel, wodurch sie umgesetzt wird (wenn sie nur umgesetzt wird). Wahrscheinlich nicht. Aber etwas daran – und genauer kann ich es in meiner Verfassung nicht denken – scheint mir zumindest vage in den Kunstraum einzudringen. Jedenfalls hat sich diese Art der Fabrikation zuletzt in meine Träume gemengt. Immer wieder taten sich Vorstellungen auf, die gegebene Situation aus dem Nichts und ohne weiteres Zutun in eine andere zu wandeln, alles mögliche war jederzeit zu novellieren, alles Geschaute konnte urplötzlich – und nur, weil es mir ‚einfiel‘ – ganz anders gestaltet sein. Eh wandelt sich Umgebung im Traum immerzu, aber nie sonst nahm ich’s mir vor, nie war’s ein Einfall. Zuletzt nun dacht ich mir dies oder jenes und sogleich war es da. Der Reiz dabei war nicht, wahrlich in neuer Lage zu sein, vielmehr verlockte mich das Umschaltenkönnen an sich. Vom All vor ein Schloss in eine Shopping Mall unter Wasser, ohne Bewegung, einfach so.

12 12 24

Nein, gerade keine Kunst. Und gar nicht mal, weil die Idee von einer Maschine umgesetzt wird, sondern weil sie außer sich nichts ist. Nur ein Einfall, nichts weiter. Wohl daher korreliert diese Art der Erzeugung so leicht mit dem Traum, weil sie ihm in der Ahistorizität und Kontextlosigkeit verwandt ist, woraus für beide eine Bedeutungslosigkeit folgt, die nichts gründen kann, aber vor allem Kunst nicht.

13 12 24

Aber träfe das nicht auch auf Gemälde zu? Bloß ein Einfall, eine Idee, wodurch auch immer umgesetzt? Etwas unterscheidet diese KI-Bilder ja doch vom Traum; anders als er sind sie etwas Vorgenommenes, etwas auf eine Art Abgeklärtes. Ihre Bedingungen sind bewusst gesetzte oder relativ formulierte. Sie sind, kann man sagen, inszenierter Traum.

14 12 24

Dennoch bleiben sie Traum, oder eine Abart davon. Oder: die Verwandtschaft zum Traum, die strukturelle wie die motivische, ist eine ehernere als jene zur Kunst. Es sind Schnappschüsse einer Möglichkeitswelt, einer beispiellosen Fiktion, die mit ihrer akontextuellen Natur in die Illusion einer Diegese hineinkokettiert. Sie sind, wie ich sie erstelle, eine Art Ungebrauchskunst. Fabrikate ohne Handwerk, improvisierte Coups ohne manufakturelle Herausbildung, wodurch sie wenigstens nicht mehr dem entsprechen, was mit τέχνη einst gemeint gewesen sein mag und wodurch sie womöglich auch eines τέλος entbehren. Aber sind das notwendige Kriterien zur Kunstbestimmung? Braucht es eine causa finalis, dass ein Erzeugnis fallweise als Realisat anerkannt werden kann? Zumindest eine unbestimmte, die aber zur Bestimmung drängt oder ihr immerhin einen signifikanten Anlass bietet? Je mehr ich über dieses Scheißthema nachdenke, desto weniger begreif ich’s.

19 12 24

Bisweilen hat man mir attestiert, nicht nur in der Schweiz, ich spräche zu schnell. Der Eindruck war mir immer fremd. Aber die Erfahrung kenne ich, das Gesagte, weil es mir wie davongaloppiert ist, erst nachträglich zu reflektieren. Jetzt spreche ich manchmal so langsam, etwa vor der Ärztin, dass ich einen Satz mittig abbreche, weil der Gedanke längst durch ist und das Weitersprechen die Anstrengung nicht mehr lohnt. Damit die Ärztin was von hat, muss ich das Fazit des Gedankens schon in den ersten Worten suggerieren. Oder es schlechthin aussprechen: „Das geht nicht mehr“, „Das kann ich nicht“, „Keine Kraft“ und dann ein Beispiel finden, das ich offen lassen kann, weil es durch nahezu jedes weitere austauschbar ist.

20 12 24

Mir war stets, als sei ich ein Schreibmensch – aber in Wahrheit war meine Sprache weder klar noch poetisch und war ich lang nicht klug genug. Wohin ich gekommen bin: meinen Hang zur Plausibilisierung mit einem Bächlein Skepsis zu begrenzen. Warum nichts zustandekam: weil ich über diese Grenze, aus Angst und Unvermögen, in der Folge kaum mehr hinaus bin.

21 12 24

Ich bin nicht mal ein ‚Unvollendeter‘. Ich bin ein Nichtshingekriegthabender. Ein Allesverworfenhabender. Wenn ich verwarf, nahm ich an, so immer aus kritischem Bewusstsein, als jemand, der das Literarische verficht, wider sich selbst. Aber wie oft, wie oft, wie oft bloß aus Angst: blamiert zu werden als einer, der sich sein Leben nur eingebildet hat, ohne die Mittel, es wahrlich zu führen. Aber vielleicht wär es besser, als Scharlatan zu leben, bevor man sich das Leben versagt aus Sorge, als solcher verdächtigt und entlarvt zu werden.

22 12 24

Endre Ady: „Alles Ganze ist zerbrochen.“

23 12 24

Am Ende werde ich einige Jahrzehnte zu lang gelebt haben.

24 12 24

Wenn der See ganz still ist, lässt er einen zum Grund hinsehen, wenigstens an den Rändern, von denen aus man weiter hinab könnte, wenn man es vermochte.

25 12 24

Mitunter, wenn es am Ufer schwappt, von einem Boot her weiter draußen, und sich das Wasser hektisch wellt, wirkt der Boden, als tanze es aus einer Wand heraus.

26 12 24

István Kemény: „Ich lebte in der Gefangenschaft der bedingungslosen Normalität.“

27 12 24

Die Grenze zum Nichtsein schwindet allmählich.

02 01 25

Meine Beschäftigungen sind nur noch zweierlei: mich dem Sterben annähern und mich von ihm ablenken.

07 01 25

Habe jetzt eine Pissente.

11 01 25

Der Sterbende, solang er sich mit seinem Sterben nicht ausgesöhnt hat, befindet sich notwendig in einer Hybris zu sich selbst, aus der heraus er die Außenwelt, die ihn missachtet wie allezeit, nur mehr lieben und hassen kann, wobei Liebe & Hass zwei Walzen einer Mangel sind, wodurch ihn seine bleierne Todesangst presst.

12 01 25

Kafka: „Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich […]“

13 01 25

Mittlerweile dauerhaft Schmerzen im linken Oberarm, wie ein überkandidelter und unabklingbarer Muskelkater, nur eben von nichts. Die ärgsten Tätigkeiten, die ich ihm zuletzt zugemutet habe: Pissente anheben & halten, Fenster öffnen & schließen. Dem Zerfall des Körpers wie in Zeitlupe beiwohnen.

14 01 25

Hume: „Der lebhafteste Gedanke wird […] von der dumpfesten Empfindung übertroffen.“ Hume will hier zwischen idea und impression unterscheiden, zwischen Begriff und Eindruck, aber wenn ich den Satz von diesem Vorhaben abziehe, kann ich sagen, dass sich beides, lebhafter Gedanke und dumpfe Empfindung, im radikal erschöpften Menschen aufs Engste verquicken. Nach Hume erzeigt sich die Lebhaftigkeit des Gedankens in der Innigkeit des Vorgestellten, in der Bereitschaft nachzufühlen, was man liest oder sieht oder hört. Und was ich sehe oder höre (denn lesen geht kaum noch), plustert sich so vehement in mir auf, als geschähe es mir selbst und tatsächlich. Nicht eine Folge irgendeiner Serie mehr, in der ich nicht heule, weil sich irgendwer mit irgendwem versöhnt oder irgendwer irgendwo in Gefahr ist. Früher hab ich das beiläufig geschaut, nebenher was gemacht, es war gerade eine Ablenkung von sozusagen wirklichen Empfindungen. Und nun lache und weine ich manchmal sogar gleichzeitig; Lachen, weil das Geschaute so unendlich dumm ist, Weinen, weil es mich trotzdem unsäglich trifft. Ich habe über eine Militäransprache geweint; und zugleich gelacht über das ungenierte Pathos, in dem sich die ganze patriotische Dummheit ballte. Immer gleich das aufgeschwemmteste Sentiment, als könne ich alles nachfühlen, selbst das Inauthentische.

17 01 25

Vor einigen Tagen liegt eine Meise tot auf unserm Balkon. L. hat sie gefunden und fürs Erste seitlich abgelegt. Ich sehe nur einige Sekunden auf ihren toten Körper, die Flügel ganz angelegt, sie sieht wie etwas Unmögliches aus. Ihre Reglosigkeit bleibt mir ganz unbegreiflich. Aber irgendwas daran begreife ich wohl doch, denn eine quälende Traurigkeit schäumt sich in mir auf, die ich gleich niederdrücke. Als ich L. später davon erzähle, schießen mir Tränen in die Augen. Ich könne das nicht hinnehmen, es ginge einfach nicht; ich schluchze es mehr als ich es spreche. L. ist gerührt, sie hält es für Mitgefühl. Aber es ist, in Wahrheit, eines für mich selbst. Vor Augen zu haben, wie ein Leben mit einem Mal vorbei ist, einfach aus, wirft mich völlig aus der Bahn.

18 01 25

Rührend, irgendwie, und zugleich unerträglich, wie maßlos leid ich mir selber tue.

20 01 25

Seit dem Schmerz im linken Fuß, der ihn nahezu versteift, kann ich kaum noch auftreten. Ich humple, zweidreimal am Tag, in die Küche und zurück. Mehr Bewegung seit Tagen nicht. Wann immer ich mich aus der Resignation herausgeschält habe, tritt ein neuer Schmerz, ein neues ‚Symptom‘ auf, das mich flugs zurückwirft in jene bedrückende Atmosphäre, in der ich mich aufs Neue mit dem Abtreten vertragen muss.

21 01 25

Als Kind war mir Sorglosigkeit nicht gegeben, in der Jugend schon gar nicht, erst als Erwachsener – und auch erst, als ich meine notorische Lebensangst überwunden hatte, mit Ende 30 – fühlte ich sie endlich, für zwei oder vielleicht drei Jahre. Jahre, in denen mir nichts ungelingbar, in denen mir alle Art von Zukunft bewältigbar schien. In Momenten ertrage ich es nicht, das durch die Krankheit verloren zu haben, in anderen bin ich so froh drum, diese Zeit überhaupt erlebt zu haben, dass ich mit dem Ableben annähernd einverstanden bin.

22 01 25

Etwas schien mir doch auch in jener Zeit weiter ‚ungelingbar‘: das Schreiben, das von meinen Lebenslagen allezeit wie abgetrennt war. Nur jetzt, endlich, fällt es mit meiner Lage zusammen. Ich kann es nicht mehr. Nicht aus Angst oder Unvermögen, nur aus radikaler Abschwächung. Bisweilen stahl ich mich aus der Angst heraus und probierte dennoch mancherlei Sätze, nahm mir dies oder jenes vor. Davon jetzt nichts mehr. Kein Bezug mehr zur Phantasie, auch den Willen nicht. Und überhaupt die Kraft nicht, einem Einfall einen Kontext hinzudenken.

23 01 25

Meine Lage eine unfreiwillig murphyeske: schaukle hin und her, an Ort und Stelle, und lasse alles an mir vorübergehen, auch die zum Strahlen verdammte Sonne.

31 01 25

Streite mich, im Traum, mit irgendwem. Er: „Deine Mutter!“ Ich: „Dein Vater, diese vampirhaft gedrungene Gestalt!“

06 02 25

In einem Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert den Ausdruck gelesen: „Tod durch Abschwachung“.

09 02 25

Das Stahlbad ist nicht die Blamage, auch ihre Häufung nicht, sondern die Angst vor ihr.

12 02 25

Habe M. geschrieben, dass es bald aus sein wird mit mir. Eine Ankündigung, wie ich jetzt fühle, von der man nicht zurücktreten kann. Oder nicht ohne ultimativen Gesichtsverlust. Als stünde ich jetzt in der Verpflichtung zu sterben, am besten bald, dass es für M. kohärent wirkt.

15 02 25

Mit der Aussicht, nirgendwo mehr hinzukommen, sehe ich mir Stadttouren auf Youtube an. Bin eine Stunde durch Harlem spaziert, eine weitere durch Stockholm und mit dem Auto von Tokio nach Osaka. Morgen werde ich mir Tallinn ansehen.