10 09 24
Mein Leben dämmert langsam weg, schleicht sich aus.
12 09 24
Ich ersticke an meiner Zukunftslosigkeit.
17 09 24
Der finale Wunsch: von jemand anderm durchdacht werden.
21 09 24
Im Traum den Satz gesprochen: „Wenn die Pforte zum Tod aus L.s Gesicht bestünde, würde ich liebend gern eintreten.“
31 10 24
Im Traum ironisch auf einen bewegenden Satz von L. hin: „Du schüttelst mein Herz wie ein Säckchen mit Haselnüssen darin.“
02 11 24
Heute zweimal von den Eltern geträumt (nachdem ich gestern Abend, vorm Einschlafen, im Tagebuch gelesen hatte). Zwei sehr verschiedene Träume. Im einen klage, im andern flehe ich sie an; so ungefähr. In beiden bin ich traurig. Der erste ist schwer wiederzugeben; irgendetwas gelingt mir nicht, in einem U-Bahn-Schacht, irgendetwas aber sehr Harmloses, und gleich schon – ich liege in einem Zimmer in ihrer Wohnung – verstoßen sie mich. Das Zimmer hat mit den wirklichen Zimmern meines oder ihres Lebens nichts gemein, es ist düster, vollgestopft mit Kram, Büchern und Kleidung, nur am Rand steht ein Bett, eng an die Wand gedrängt; drauf ich und, wie zur Besänftigung, immer wieder Frauen, die mir einst bedeutet haben, in der Regel aber ineinander verwoben – bis auf K., die sich als einzige klar abgrenzt und ganz unbedingt K. ist. Es ist seltsam, gerade sie in einem solchen Moment bei mir zu haben; im Leben waren wir nie diese Art Freunde, die ‚füreinander da‘ sind, und auch war ihr Bezug zu mir nie ein sanftmütiger, beschützender oder auch nur friedfertiger – selbst in der Phase unserer irrsten Raserei war sie immer eher im Attack-Mode. Die Frauen mit mir auf dem Bett wechseln sich übergangslos ab, nur das eine haben sie gemein, dass ich innig mit ihnen bin, dem Gefühl nach. K. sagt zuletzt: „Ich hab dich lieb.“ Dann muss sie los und ich rufe ihr nach: „Ich liebe dich“, und bin gleich beschämt: dieser Satz ist eigentlich zu viel, das sagen wir einander nicht, aber doch spür ich, dass sie es nimmt, wie es gemeint war, als Bekenntnis unter Freunden. (In Wahrheit hab ich es ihr einmal, um Fünf Uhr morgens, verzweifelt auf die Mailbox gesprochen, worauf sie mich fragte, ob ich noch bei Trost sei.) Die Klage an die Eltern ist eigentlich auch mehr eine flehentliche, ein flehentliches Unverständnis, warum sie so hart zu mir seien, warum sie mich aufgeben beim geringsten Versagen, wie sie auf einen belanglosen Fehlschlag hin nicht mehr meine Eltern sein wollten. Aber es ist abgemacht, sie sind so enttäuscht wie angewidert, ihre Abkehr ist final. Den letzten Trost finde ich allein im Beisein der Frau, die auf K. folgt.
Im zweiten Traum haben sie sich, im höheren Alter, voneinander getrennt. Mehr als meine Mutter, unterstelle ich ihm, leidet mein Vater darunter. Zudem ist er sehr krank. Meine Mutter jedenfalls nimmt die Trennung als Anlass, sich frei und gut zu fühlen, schielt auch gleich auf eine neue Verbindung. Vor meinem Vater, erzählt sie mir, während wir an einer sonnigen Küste vorm offenen Meer stehen, habe der Herr Soundso sie gewollt, von Beruf Obervorsteher der Krankenkassenvereinigung, und es schwingt mit dabei: sie hätte jetzt sehr reich sein können. Ihm wolle sie nun ihre Verfügbarkeit antragen, und in ihrer munteren Stimme liegt die Gewissheit, er werde sie umgehend annehmen. Ich sehe in ihr altes Gesicht und will noch sagen, er werde sie heute vielleicht nicht mehr so anziehend finden wie einst, verkneife es mir aber. Bevor sie zu ihm geht, wollen wir aber noch, auf meinen Beschluss hin, den Vater im Spital besuchen. Es ist seine neue Bleibe, er wird von dort nicht mehr herauskommen, und ganz klar wird es mir erst, als wir im Krankenzimmer aufschlagen und mein Vater hereingeführt wird von einem Krankenpfleger, der ihm einen Becher an den Mund hält, aus dem er nur mit großer Mühe flüssige Medizin zu sich nimmt. Mein Eindruck, ich weiß nicht warum, er trinke Urin (im Traum denke ich wörtlich „Pisse“). Dann wird er aufs Bett gelegt; er ist so gebrechlich, auch mental nicht mehr vollständig da, dass ich es plötzlich weiß: er wird sterben, sehr bald. Ich bewege mich auf ihn zu, will ihn umarmen, mit ihm sprechen, meiner Zärtlichkeit für ihn Raum geben, aber an der Bettkante mache ich schlapp, haue meinen Kopf neben seinen Körper und weine auf die bitterlichste, flehentlichste Weise. Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht, jammere ich und spreche den Zusatz gar nicht erst aus: dass du stirbst. Es ist das Unmögliche. Einmal will ich’s für mich nicht, aber auch für ihn nicht. Nichts, was ich liebe, soll mir genommen werden, nur der Anschein schon ist barbarisch. Vielleicht sind Liebeskummer und Tod darin, na, nicht gleich, aber zumindest verwandt. Es ist nicht dieselbe Art von Verlassenheit, aber beiden gemein ist, vor allem sonst, der Topos der existenziellen Unwiederbringlichkeit im Angesicht des Liebens. In ihrem Kontext ist das Schreien, so würdelos es einem (gerade im Liebeskummer) auch vorkommt, der einzig würdige Existenzausdruck. Nichts entspricht dieser Verlassenheit als das Schreien, das Weinen, das Schluchzen, das Amalgam aus tollwütiger Verdichtung und absoluter Leere. Und für ihn, so scheint es mir im Traum, will ich den Tod nicht, weil der ihm nicht gerecht wird. Im Traum fühle ich an meinem Vater nichts Ankreidbares, auf eine Art wirkt er mir als großartiger Mensch, der weder den Tod noch die Einsamkeit, noch das Gebrechen verdient hat. Und im Traum, wie im Leben vielleicht nicht, fühl ich aufs Schärfste die Unmöglichkeit, mich mit dem fixen Verlust von Geliebtem abzufinden. Im Leben zwingt einen jeder Tag, jeder Augenblick zur Abfindung, und so wenig man ihr gewachsen ist, so unabänderlich folgt sie doch. Man ermüdet über der Trauer, der Schwermut, aber im Traum, da man ja schläft, fühlt man alles, nur Müdigkeit nicht.
14 11 24
Heute von der Schwächung geträumt, sie im Traum wahrlich empfunden, zum ersten Mal überhaupt. Während ich mit DF telefoniere, irgendwann nachts, laufe ich mit dem Handy am Ohr draußen herum; da spür ich es plötzlich: zu viel, ich muss ruhen. Das Gespräch ist ein letztes, ich sage ihr: Ich bin krank, dann merke ich, wie meine Stimme brüchig wird, schwer krank, und wage den Satz: Ich werde sterben. Sie sitzt derweil in einem Auto, die Perspektive wechselt je zwischen uns, ich kann sie sehen, und während ich die Sätze spreche, überlege ich, ob die Brüchigkeit meiner Stimme eine simulierte ist, um eine Authentizität zu inszenieren. Ich kann es nicht abschließend sagen. Aber wie mir dann die Kraft schwindet, mein ich, es sei ernst. Bislang fand ich es erstaunlich, dass sich die Wesensveränderung meines Lebens nie im Traum ereignet hat; im Traum blieb ich je unversehrt. Und es ist vielleicht auch gar nicht die Reflexion eines Gebrechens, mehr die einer Verschwindensangst; im vorigen Traum hatte ich vergeblich versucht, J. anzurufen. Wohl auch, um ihr davon zu erzählen oder mir durch die drastische Thematik ein Treffen zu ergaunern. Um noch einmal, mit manchen, etwas wie Freundschaft zu haben oder eine vergangene Freundschaft, wie durch einen letzten Tunnel der Innigkeit gejagt, zu würdigen oder vielmehr gewürdigt zu bekommen, vom andern. Etwas lang schon Gewesenes einmal noch aktualisieren zu können, was ihm allein noch mein Tod abverlangen kann, wodurch sich meine soziale Identität, summa summarum, als absolut lächerliche ausweist.
15 11 24
Offenbar eine Parade; Nacht für Nacht erzähle ich es welchen von früher, nach J. und DF in den letzten nun M. Sie war wohl auf Besuch, und zwei Tage, nachdem sie gegangen war, kommt sie wieder. Das entsetzt mich schwer; es hatte mich sehr danach verlangt, nun längere Zeit ohne Menschen um mich zu sein. Aber es sei doch so abgemacht gewesen, sagt sie, dass sie nach zwei Tagen wieder für zwei Wochen bleibe. Ich kann es nicht glauben, erinnere es aber nach und nach, und obwohl ich es hinnehmen will, kann ich es nicht. Während wir vom Bahnhof nach Haus laufen, endlich die Beichte: Ich wolle ja durchaus, nur könne ich nicht – ich sei krank, habe keine Kraft, ich könne vielleicht noch zwei, drei Tage, jedoch keine weiteren zwei Wochen mehr vertragen. Ich kann nicht, beteuere ich. Sie nimmt es flugs gegen sich, will nur ihr Gepäck von zuhaus holen und direkt wieder abfahren (weshalb es dort ist und nicht bei ihr, kann ich mir nicht erklären – wahrscheinlich ist mein Traumnarrator einfach erzählfaul). So laufen wir heim, indes jeder in seinem Tempo, das heißt, sie ist sehr rasch sehr weit fortgezogen, während ich den Weg in langsamen, behäbigen Schritten gehe. Es soll mich nicht kränken, dass sie von mir abzieht, es macht auch nicht den Eindruck von mangelnder Rücksichtnahme; es scheint das Normalste, dass jeder den Weg gemäß seinen Möglichkeiten nimmt. Ich laufe am Straßenrand entlang, von dem sich ein dichter Wald abhebt. Es ist weit bis nachhaus. Ein orangenes Auto fährt an mir vorüber, schleichend zugleich und prompt, ich habe es lange groß vor mir. Jeder einzelne Schritt ist eine Aufgabe für sich, jedem muss ich mich besonders widmen. Als ich ins Waldstück einbiege, wonach ein gepflasterter Weg länger hochführt zum Haus, kommt mir M. entgegen. Ich bitte sie noch einmal, wenigstens zwei, drei Tage noch zu bleiben, sie soll mein Bedürfnis nicht als Affront empfinden. Und ob sie es versteht, kann ich nicht abschätzen, aber sie ist innerlich abgewandt. Sie wird abfahren, das war es. Dabei ist sie von einer Unnachgiebigkeit, die sie in der Wirklichkeit nie hatte; sie war der vielleicht nachgiebigste Mensch überhaupt. Und trotzdem, meinerseits, Erleichterung – lieber so, als noch zwei Wochen mit egal wem. Nur noch ausruhen, nichts weiter.
16 11 24
Heute, im Traum, es niemandem erzählt. Saß in einem abgedunkelten Bus, scheinbar allein, bis ich vor bin zum Ausstieg, aber dann gemerkt hab: zu früh, ich muss erst eine weiter raus. Plötzlich Licht im Bus, und auf dem Weg nach hinten fast alle Plätze besetzt. Ort: Friedberg und Umgebung, aber fremd, frühere Traumgegenden reingemischt. Bald hops ich doch aus dem Bus und laufe umher. Immer zügiger, bis ich mit einmal renne. Denke noch: Ich kann doch gar nicht, spüre aber eine Leichtigkeit, die mir real mittlerweile fremd geworden ist. Nach jeder Kurve meine ich, nun müsse ich aber ruhen oder wenigstens mein Tempo drosseln, indes fühl ich mich weiter leicht und renne immerfort. Ich denke nicht viel, vielleicht gar nichts. Das Empfinden stellt sich vors Denken, und was ich empfinde, ist ein seliger oder beseelender Genuss über die Bedenkenlosigkeit, mit der ich mich bewege. Bis ich in ein Schlangennest trete, in der Mitte ein vereister Mini-Panda, den ich als Sprungbrett hinaus nutze. Dann ein ruhigerer Gang und endlich doch Gedanken; aber so fahrige, dass ich sie nicht erinnere.
17 11 24
Im Traum, wie zur Rechtfertigung, den Satz als Fazit gesprochen: „Jeder Mensch erhält ein Blatt, mit dem er beginnt und mit dem er endet, und das ist das Blatt der Familie.“
23 11 24
Wollte was nachsehen im Tagebuch, überfliege dann die letzte Zeit und bemerke erst jetzt: zuletzt nur noch von Träumen, weil tags nichts mehr passiert, auch im Kopf nicht mehr.
01 12 24
Es hat sich wieder gewandelt. Jetzt, im Traum, der Körper unverschleißbar wie je. Zwischendrin, heut Nacht, mit dem Rad auf einer Landstraße, und ich überlegte nur, wie viele Gänge ich hochschalten muss, um eine perfekte Balance zwischen Kraftaufwand und Geschwindigkeit hinzubekommen, der reinen Fahrfreude zuliebe.
03 12 24
War mehrmals wach, hätte mehrmals aufstehen können, bin aber immer wieder zurück ins Bett; zuletzt bei elf Stunden Schlaf, bis weit in den Tag hinein. Anfangs zog ich es mich nur wieder unter die warme Decke, in die Sorglosigkeit des Einkuschelns, aber bald auch in die Bewegtheit der Träume, die innig waren, aber auf leichte Art. Immer war ich unterwegs, doch nie auf der Flucht. Alles in ihnen an Situation, Umständen, Handlung wurde gestellt, nichts davon musste ich selbst besorgen. In diesen nicht selbstangestrengten Geschehnisablauf so selbstverständlich eingehegt zu sein, erlöst einen von der Bürde eines ‚inneren Schweinehunds‘, den man überwinden müsste für Begebenheiten, Vorkommnisse oder Zusammenkünfte. Dauernd ‚passiert‘ was und nie muss man was für beitun. Sobald ich wach bin, bringe ich alles an Kraft dafür auf, bloß da zu sein, aber es reicht nicht mehr, Vorgänge auch nur annähernd besonderer Art zu entwickeln. Nicht mehr Tätigkeiten, sondern allein noch das Wachsein ist Routine – obwohl das vielleicht falsch ist, weil jede Routine notwendig ein Mindestausmaß an Struktur bedingt, was im Wechsel von Liege- zu Sitzposition, von Toilette und Bett, Netflix und Youtube nicht im Ernst mehr gegeben ist. In einer sehr abgeschwächten Form, mit sehr niedriger Begriffsanforderung kann man es vielleicht eine Routine nennen. Eine geistig indes tendenziell einschläfernde, weil sie nicht mehr das Fundament für Ereignisse, sondern das Ereignis selbst und schlechthin ist. Davon sind alle Träume frei. Ihnen eigen sind ein existenzieller Aberwitz, den man auch für eine poetische Entrückung nehmen kann, die Unnachahmbarkeit jeder einzelnen episodischen Passage, eine sagenhafte Gestelltheit und eine unirritierbare Innigkeit. In den Schlaf immer zurückgejagt hat mich also vor allem eine Erlebnisgier, die von der Gleichheit meiner Tage bloß noch gedemütigt wird.
05 12 24
Wie absurd manchmal die Ausreden, mit denen mein Vater ein Spiel abbrach, das mein Bruder und ich gegen ihn zu gewinnen drohten. Jahrelang hatte er uns düpiert, hatte auch gespottet: eigentlich müssten wir längst gegen ihn gewinnen, immerhin seien wir zu zweit. Und als wir dann gewannen und von da ab immer, war ihm mein Bruder mal zu lustlos, mal zu aggressiv, und ein andermal wähnte er eine arge Schummelei. Dann trabte er mitten im Spiel trotzig vom Platz und posaunte zuhause gleich, mit uns könne man nicht spielen, das verderbe einem alle Lust. Sobald wir überlegen waren, fand er Gründe gegen uns, nie für uns. Dagegen meine Mutter, wenn wir am Abendtisch saßen oder bei den Großeltern und Anagramme aus Wörtern wie Gardinenstange bildeten, ertrug es nicht nur, dass ich mit ein Mal gewann und bald immer deutlicher, sie ermunterte uns auch wieder und wieder zum Spiel und war voller Lob für besondere Wortkombinationen. Sie war offen beeindruckt, wenn uns was gelang, und sie hat es immer uns selbst oder unserm eigenen Vermögen zugeschrieben. Mein Vater musste seine Beteiligung an irgendeinem Gelingen immer betonen; nun endlich müsse man den Einfluss seines Vorbilds doch einsehen. Und zugleich spielte er es herunter oder nahm dem Triumph den Glanz, indem er die erbrachte Leistung an noch nicht erbrachter scheitern ließ. Alle paar Jahre, wenn es hochkommt, wand sich ein unvergiftetes Lob aus seinem Mund. Und auf dieses Lob pochte er dann, wenn er uns fortan wieder niedermachte, als einen Verweis: Er lobe ja, wenn wir was gut machten. Man könne ihm nicht vorwerfen, ungerecht zu urteilen. Alle paar Jahre also ist seinen Scheißkindern mal was gelungen. Seine ganze Pädagogik bestand aus Gewalt, Einschüchterung und Triezen – letzteres auch gegen meine Mutter. Sie müsse mehr für ihren Körper tun, weniger essen, mehr Sport – in einer Tour. In seinen Augen machte man immer zu wenig. Wer einmal ausruhte, war schon Slacker. Und jedes Lob eröffnete das Risiko, abzuspannen, sich geil zu fühlen, zu verkommen. Er wollte, dass man ihm nacheifere, aber da er einen dazu nötigte, setzte man sich eher ab von ihm. Und trotzdem hatte ich heute, und auf eine Weise beschämt es mich unendlich, zum ersten Mal den Gedanken, meine Mutter könne mein eigentliches elterliches Vorbild sein, so nachhaltig wirkte seine Autorität.
(Schon mein Großvater, erinnere ich mich jetzt, hat das Schachspielen gegen meinen Bruder eingestellt, nachdem der erstmals gegen ihn gewann.)
07 12 24
Ein Mann im Traum, der im Zug an einem aus der Wand ragenden Metallpflock aufgespießt ist, sagt: „Ich hasse Dinge, die in Bewegung sind.“
09 12 24
Solang mir das Denken gegeben ist, unter Schmerzen, gepeinigt, sonst nichts hinkriegend, nehm ich nahezu jede Wirklichkeit hin. Wenn sie temporär sind, selbst die der Ohnmacht oder Erniedrigung. Nie würd ich das für irgendeinen Traum hergeben. Vielleicht mein Wirklichkeitsfetisch; vor allem aber, nehm ich an, weil dem Traum das analytische Ego fehlt. Mag sein, es begründet den Fetisch nicht, festigt ihn aber. Jetzt nun, da ich nichts mehr bedenken, nur noch annehmen & ablehnen, nur noch nach Stimmung & Verfassung gehen kann, sehe ich in der Wirklichkeit kaum noch einen Vorzug gegenüber dem Traum. Die Wehmut nach dem Aufwachen über das eben vergangene Traumsein; vordem hab ich sie rasch überwunden, in der letzten Zeit erhol ich mich manchmal den ganzen Tag nicht von ihr. Früher wäre es Koketterie gewesen, den Traum als das Wirklichere zu behaupten, nun bin ich im Zweifel. Erfahrungen mache ich allein noch im Traum.
11 12 24
Erstelle in letzter Zeit Bilder per KI. Oder lasse erstellen, weiß nicht, wie man sagen soll. Habe überlegt, ob daran etwas Kunst sein könnte, ob in dem kurzen und unanstrengenden Moment, in dem ich die prompts eintippe, ein irgendwie künstlerischer Akt liegt oder ob das fertige Bild, in dem die Idee immer nur näherungsweise sichtbar wird, von einem solchen zeugt – ob das ‚Idee haben‘ bereits Kunst sein könnte, gleichviel, wodurch sie umgesetzt wird (wenn sie nur umgesetzt wird). Wahrscheinlich nicht. Aber etwas daran – und genauer kann ich es in meiner Verfassung nicht denken – scheint mir zumindest vage in den Kunstraum einzudringen. Jedenfalls hat sich diese Art der Fabrikation zuletzt in meine Träume gemengt. Immer wieder taten sich Vorstellungen auf, die gegebene Situation aus dem Nichts und ohne weiteres Zutun in eine andere zu wandeln, alles mögliche war jederzeit zu novellieren, alles Geschaute konnte urplötzlich – und nur, weil es mir ‚einfiel‘ – ganz anders gestaltet sein. Eh wandelt sich Umgebung im Traum immerzu, aber nie sonst nahm ich’s mir vor, nie war’s ein Einfall. Zuletzt nun dacht ich mir dies oder jenes und sogleich war es da. Der Reiz dabei war nicht, wahrlich in neuer Lage zu sein, vielmehr verlockte mich das Umschaltenkönnen an sich. Vom All vor ein Schloss in eine Shopping Mall unter Wasser, ohne Bewegung, einfach so.
12 12 24
Nein, gerade keine Kunst. Und gar nicht mal, weil die Idee von einer Maschine umgesetzt wird, sondern weil sie außer sich nichts ist. Nur ein Einfall, nichts weiter. Wohl daher korreliert diese Art der Erzeugung so leicht mit dem Traum, weil sie ihm in der Ahistorizität und Kontextlosigkeit verwandt ist, woraus für beide eine Bedeutungslosigkeit folgt, die nichts gründen kann, aber vor allem Kunst nicht.
13 12 24
Aber träfe das nicht auch auf Gemälde zu? Bloß ein Einfall, eine Idee, wodurch auch immer umgesetzt? Etwas unterscheidet diese KI-Bilder ja doch vom Traum; anders als er sind sie etwas Vorgenommenes, etwas auf eine Art Abgeklärtes. Ihre Bedingungen sind bewusst gesetzte oder relativ formulierte. Sie sind, kann man sagen, inszenierter Traum.
14 12 24
Dennoch bleiben sie Traum, oder eine Abart davon. Oder: die Verwandtschaft zum Traum, die strukturelle wie die motivische, ist eine ehernere als jene zur Kunst. Es sind Schnappschüsse einer Möglichkeitswelt, einer beispiellosen Fiktion, die mit ihrer akontextuellen Natur in die Illusion einer Diegese hineinkokettiert. Sie sind, wie ich sie erstelle, eine Art Ungebrauchskunst. Fabrikate ohne Handwerk, improvisierte Coups ohne manufakturelle Herausbildung, wodurch sie wenigstens nicht mehr dem entsprechen, was mit τέχνη einst gemeint gewesen sein mag und wodurch sie womöglich auch eines τέλος entbehren. Aber sind das notwendige Kriterien zur Kunstbestimmung? Braucht es eine causa finalis, dass ein Erzeugnis fallweise als Realisat anerkannt werden kann? Zumindest eine unbestimmte, die aber zur Bestimmung drängt oder ihr immerhin einen signifikanten Anlass bietet? Je mehr ich über dieses Scheißthema nachdenke, desto weniger begreif ich’s.
19 12 24
Bisweilen hat man mir attestiert, nicht nur in der Schweiz, ich spräche zu schnell. Der Eindruck war mir immer fremd. Aber die Erfahrung kenne ich, das Gesagte, weil es mir wie davongaloppiert ist, erst nachträglich zu reflektieren. Jetzt spreche ich manchmal so langsam, etwa vor der Ärztin, dass ich einen Satz mittig abbreche, weil der Gedanke längst durch ist und das Weitersprechen die Anstrengung nicht mehr lohnt. Damit die Ärztin was von hat, muss ich das Fazit des Gedankens schon in den ersten Worten suggerieren. Oder es schlechthin aussprechen: „Das geht nicht mehr“, „Das kann ich nicht“, „Keine Kraft“ und dann ein Beispiel finden, das ich offen lassen kann, weil es durch nahezu jedes weitere austauschbar ist.
20 12 24
Mir war stets, als sei ich ein Schreibmensch – aber in Wahrheit war meine Sprache weder klar noch poetisch und war ich lang nicht klug genug. Wohin ich gekommen bin: meinen Hang zur Plausibilisierung mit einem Bächlein Skepsis zu begrenzen. Warum nichts zustandekam: weil ich über diese Grenze, aus Angst und Unvermögen, in der Folge kaum mehr hinaus bin.
21 12 24
Ich bin nicht mal ein ‚Unvollendeter‘. Ich bin ein Nichtshingekriegthabender. Ein Allesverworfenhabender. Wenn ich verwarf, nahm ich an, so immer aus kritischem Bewusstsein, als jemand, der das Literarische verficht, wider sich selbst. Aber wie oft, wie oft, wie oft bloß aus Angst: blamiert zu werden als einer, der sich sein Leben nur eingebildet hat, ohne die Mittel, es wahrlich zu führen. Aber vielleicht wär es besser, als Scharlatan zu leben, bevor man sich das Leben versagt aus Sorge, als solcher verdächtigt und entlarvt zu werden.
22 12 24
Endre Ady: „Alles Ganze ist zerbrochen.“
23 12 24
Am Ende werde ich einige Jahrzehnte zu lang gelebt haben.
24 12 24
Wenn der See ganz still ist, lässt er einen zum Grund hinsehen, wenigstens an den Rändern, etwa auf der Aussichtsplattform am Ende der Promenade. Und wenn er dann leicht schwappt, von einem Boot her weiter draußen, und sich das Wasser hektisch wellt, wirkt der Boden unter ihm, als tanze es aus einer Wand heraus.
25 12 24
An mir hat die Welt einen würdigen Menschen versäumt.
26 12 24
István Kemény: „Ich lebte in der Gefangenschaft der bedingungslosen Normalität.“
27 12 24
Die Grenze zum Nichtsein schwindet allmählich.
02 01 25
Meine Beschäftigungen sind nur noch zweierlei: mich dem Sterben annähern und mich von ihm ablenken.
07 01 25
Habe jetzt eine Pissente.
11 01 25
Der Sterbende, solang er sich mit seinem Sterben nicht ausgesöhnt hat, befindet sich notwendig in einer Hybris zu sich selbst, aus der heraus er die Außenwelt, die ihn missachtet wie allezeit, nur mehr lieben und hassen kann, wobei Liebe & Hass zwei Walzen einer Mangel sind, wodurch ihn seine bleierne Todesangst presst.
12 01 25
Kafka: „Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich […]“
13 01 25
Mittlerweile dauerhaft Schmerzen im linken Oberarm, wie ein überkandidelter und unabklingbarer Muskelkater, nur eben von nichts. Die ärgsten Tätigkeiten, die ich ihm zuletzt zugemutet habe: Pissente anheben & halten, Fenster öffnen & schließen. Dem Zerfall des Körpers wie in Zeitlupe beiwohnen.
14 01 25
Hume: „Der lebhafteste Gedanke wird […] von der dumpfesten Empfindung übertroffen.“ Hume will hier zwischen idea und impression unterscheiden, zwischen Begriff und Eindruck, aber wenn ich den Satz von diesem Vorhaben abziehe, kann ich sagen, dass sich beides, lebhafter Gedanke und dumpfe Empfindung, im radikal erschöpften Menschen aufs Engste verquicken. Nach Hume erzeigt sich die Lebhaftigkeit des Gedankens in der Innigkeit des Vorgestellten, in der Bereitschaft nachzufühlen, was man liest oder sieht oder hört. Und was ich sehe oder höre (denn lesen geht kaum noch), plustert sich so vehement in mir auf, als geschähe es mir selbst und tatsächlich. Nicht eine Folge irgendeiner Serie mehr, in der ich nicht heule, weil sich irgendwer mit irgendwem versöhnt oder irgendwer irgendwo in Gefahr ist. Früher hab ich das beiläufig geschaut, nebenher was gemacht, es war gerade eine Ablenkung von sozusagen wirklichen Empfindungen. Und nun lache und weine ich manchmal sogar gleichzeitig; Lachen, weil das Geschaute so unendlich dumm ist, Weinen, weil es mich trotzdem unsäglich trifft. Ich habe über eine Militäransprache geweint; und zugleich gelacht über das ungenierte Pathos, in dem sich die ganze patriotische Dummheit ballte. Immer gleich das aufgeschwemmteste Sentiment, als könne ich alles nachfühlen, selbst das Inauthentische.
17 01 25
Vor einigen Tagen liegt eine Meise tot auf unserm Balkon. L. hat sie gefunden und fürs Erste seitlich abgelegt. Ich sehe nur einige Sekunden auf ihren toten Körper, die Flügel ganz angelegt, sie sieht wie etwas Unmögliches aus. Ihre Reglosigkeit bleibt mir ganz unbegreiflich. Aber irgendwas daran begreife ich wohl doch, denn eine quälende Traurigkeit schäumt sich in mir auf, die ich gleich niederdrücke. Als ich L. später davon erzähle, schießen mir Tränen in die Augen. Ich könne das nicht hinnehmen, es ginge einfach nicht; ich schluchze es mehr als ich es spreche. L. ist gerührt, sie hält es für Mitgefühl. Aber es ist, in Wahrheit, eines für mich selbst. Vor Augen zu haben, wie ein Leben mit einem Mal vorbei ist, einfach aus, wirft mich völlig aus der Bahn.
18 01 25
Rührend, irgendwie, und zugleich unerträglich, wie maßlos leid ich mir selber tue.
20 01 25
Seit dem Schmerz im linken Fuß, der ihn nahezu versteift, kann ich kaum noch auftreten. Ich humple, zweidreimal am Tag, in die Küche und zurück. Mehr Bewegung seit Tagen nicht. Wann immer ich mich aus der Resignation herausgeschält habe, tritt ein neuer Schmerz, ein neues ‚Symptom‘ auf, das mich flugs zurückwirft in jene bedrückende Atmosphäre, in der ich mich aufs Neue mit dem Abtreten vertragen muss.
21 01 25
Als Kind war mir Sorglosigkeit nicht gegeben, in der Jugend schon gar nicht, erst als Erwachsener – und auch erst, als ich meine notorische Lebensangst überwunden hatte, mit Ende 30 – fühlte ich sie endlich, für zwei oder vielleicht drei Jahre. Jahre, in denen mir nichts ungelingbar, in denen mir alle Art von Zukunft bewältigbar schien. In Momenten ertrage ich es nicht, das durch die Krankheit verloren zu haben, in anderen bin ich so froh drum, diese Zeit überhaupt erlebt zu haben, dass ich mit dem Ableben annähernd einverstanden bin.
22 01 25
Etwas schien mir doch auch in jener Zeit weiter ‚ungelingbar‘: das Schreiben, das von meinen Lebenslagen allezeit wie abgetrennt war. Nur jetzt, endlich, fällt es mit meiner Lage zusammen. Ich kann es nicht mehr. Nicht aus Angst oder Unvermögen, nur aus radikaler Abschwächung. Bisweilen stahl ich mich aus der Angst heraus und probierte dennoch mancherlei Sätze, nahm mir dies oder jenes vor. Davon jetzt nichts mehr. Kein Bezug mehr zur Phantasie, auch den Willen nicht. Und überhaupt die Kraft nicht, einem Einfall einen Kontext hinzudenken.
23 01 25
Meine Lage eine unfreiwillig murphyeske: schaukle hin und her, an Ort und Stelle, und lasse alles an mir vorübergehen, auch die zum Strahlen verdammte Sonne.
31 01 25
Streite mich, im Traum, mit irgendwem. Er: „Deine Mutter!“ Ich: „Dein Vater, diese vampirhaft gedrungene Gestalt!“
06 02 25
In einem Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert den Ausdruck gelesen: „Tod durch Abschwachung“.
09 02 25
Das Stahlbad ist nicht die Blamage, auch ihre Häufung nicht, sondern die Angst vor ihr.
12 02 25
Habe M. geschrieben, dass es bald aus sein wird mit mir. Eine Ankündigung, wie ich jetzt fühle, von der man nicht zurücktreten kann. Oder nicht ohne ultimativen Gesichtsverlust. Als stünde ich jetzt in der Verpflichtung zu sterben, am besten bald, dass es für M. kohärent wirkt.
15 02 25
Mit der Aussicht, nirgendwo mehr hinzukommen, sehe ich mir Stadttouren auf Youtube an. Bin eine Stunde durch Harlem spaziert, eine weitere durch Stockholm und mit dem Auto von Tokio nach Osaka. Morgen werde ich mir Tallinn ansehen.