22 07 25
Der Tod ist, womit sich nicht verfahren lässt. Er ist immun gegen jede Art von operativem Zugriff. Vom Sterben scheint sich das nicht sagen zu lassen. Man kann es so oder so hinbringen, kann zwischen operativen und mentalen Alternativen wählen, man kann ihm sogar assistieren. Im Allgemeinen dürfte es das ungefähr beschreiben. Aber wer zum Sterben verdonnert ist, und wen es vom Leben bereits isoliert hat, ohne aber schon endgültig hin zu sein, der ist, würde ich sagen, nicht mehr so frei in der Verfahrensweise. Und vielleicht ist dann alles Verfahren überhaupt nur bloß mehr eingebildetes. Denn wenn Verfahren keinerlei Unbilden ausübt, wenn jeder Wirkschritt einer ins Leere ist, wenn sich das schwarze Referenzding auf jede Tuchfühlung hin als Schatten erweist, dann ist alle Unternehmung, die aufs Sterben hin gilt, bloß Selbstverfahrensweise – wahrlich ein Schattenboxen, mit dem man sich in eine engagierte Ohnmacht einschult, um dem vor Trotz und Furcht zitternden Verlangen nach Selbstbehauptung einen finalen Ausdruck zu geben. Bis zuletzt – oder fast zuletzt; denn einmal wird man sich doch fügen – will man dem Tod seine eigene Verschonung auftragen, will ihm unbedingt die eigene Unverfügbarkeit begründen, will man sich die Ewigkeit reservieren.
Obwohl, letzteres ist wahrscheinlich nicht wahr. Die ausgemachte, verbürgte Ewigkeit, sie wäre wieder ein Verstoß gegen den Willen des Individuums zur Autonomie. Sie würde wieder bedeuten, ausgeliefert zu sein. Die Kränkung, das eigene Leben nicht selbst verursacht zu haben, kräftigt sich im Unvermögen, es nach eigenem Plan selbst zu beendigen. Suizid, in der Regel, meint selten ein Einverständnis mit dem Abgang, meint selten ein „es jetzt gut sein lassen wollen“. In der Regel begründet er sich in der Sorge um noch Schlimmeres. In der Angst vor mehr Schmerzen, mehr Qualen, mehr Beschämung oder dem ganzen uneigentlichen, weil würdelosen Scheißleben im Spitalbett. Suizid – und dann wäre Freitod der schönere, trefflichere Ausdruck – aber gedacht als Tat aus dem unbeschädigten Leben heraus, das heißt aus einer unramponierten Gegenwart, die nicht notwendig mit einer misslichen Zukunft vertäut wär, solcher Suizid geschieht unter Menschen wohl auch deshalb nicht, weil ein Mensch dann, wenn alles gut um ihn ist, die Aufgabe alles dessen nicht bevorzugen kann. Und das aus dem einen Grunde, dass das Nichts, außer sich selbst, nichts bereithält. So bietet es dem, der frei von Kummer, Schmerz und Angst ist (wogegen das Nichts durchaus als privilegiertes Stadium erscheinen mag), keinen Vorzug. Es kann den, der es gut hat, nicht verlocken, weil dem menschlichen Verstand als Alternative zum Guten nur das Schlechte denkbar ist. Und wenn nun, im Einzelfall, zum Guten doch ein Besseres denkbar ist, dann muss es dies Gute mindestens als Grundlage haben. Überhaupt muss eine Grundlage gegeben sein, die zwingend stofflich gewirkt ist, weil nur diese eine Akkumulation von Erlebnissen ermöglicht, ja die Bedingung der Möglichkeit überhaupt für Erlebnisse ist und demnach für die Anschaffung von mehr oder weniger feierlichen Existenzhinweisen. Oder, um es in jener Kürze zu sagen, zu der ich nicht veranlagt bin: Was gut ist am Leben, ist lebenswert – das Lebenswerte ist die Essenz des guten Daseins. Das Nichts, oder das Nichtdasein, wenn man von seiner generellen Eigenschaftslosigkeit einmal absieht, entwirft aber zum Lebenswerten das Negativ a priori.
Aber darauf wollte ich, wie so oft, gar nicht hinaus. Noch einmal zum Sterben: nicht jedes Sterben ist gleichermaßen unveränderlich, zumal nicht wie der Tod selbst. Unter manchen Umständen kann man auf sein Sterben einwirken, wenn sich auch die Optionalität solcher Einwirkung zumeist in der Binarität von Be- und Entschleunigung erschöpft. Aber dort, wo das Sterben aus den Bedingungen einer Krankheit unvermeidlich ist, ist es so unantastbar wie der Tod. Und alle Handlung, die man ihm abschöpft in der Absicht, mit ihm zu verfahren, ist notwendig vergebliche. Oder doch nur, wie beim Tod, eine reflexive, insofern man sich, über das Sterben als Avatar des progressiven Selbstverlusts, bekümmert zu sich selbst hinbeugt, um die Beschämung über die missglückte Sicherung des Selbstbestands, die einem die Hauptpflicht des eigenen Lebens war, wenigstens in einzelnen Momenten nennenswert zu lindern.
05 08 25
Ein alberner Widerspruch, sich einmal als unbedingten Makel der Natur zu empfinden und andererseits das absolute, bedingungslose Lebensrecht zu beanspruchen. Wenn nur irgendwas sonst gilt, muss auch ich gelten. Allein weil ich da bin. Was da ist, muss gelten als das, was es ist – d.h. als was es da ist. Und der Makel – er gehört zur Welt wie das Foul zum Spiel. Die Übertretung ist in dessen Notation inbegriffen. Und doch immer der Eindruck, wie man selbst spielt, sei nicht im Sinne des Spiels. Auch daher das Gefühl der dauernden Abstrafung, die, weil einen sonst kaum einer wahrnimmt, immer nur aus dem eigenen Kopf kommt. Aber die ersten Male, möcht ich mir denken, kam sie nicht aus ihm. Da kam sie aus einem anderen.
10 08 25
Der Größenwahn, im Schreiben, war letztlich nicht, auf etwas Ungeheures in mir vertraut zu haben – denn dieses Zutrauen war der Grund, mich nicht vollends aufzugeben -, sondern mich in allen Jahren einem Kosmos angehörig zu fühlen, dessen erste Bedingung es ist, zu publizieren. Ich habe ein Schreibleben geführt, kein Publikationsleben. Ein Schreibleben, natürlich, das aus zu viel Angst aus zu wenig Schreiben bestand. Aber eines, das ich endlich als meines anerkennen kann. Das war ich.
11 08 25
Der ursprüngliche Größenwahn im Schreiben, mag sein, war wohl schon die stille Annahme, was mich angeht, könne auch andere angehen. Aber er scheint mir der verzeihlichste zu sein.
14 08 25
Wenn ich gehe, eigne ich mir einen Ort eher an, als wenn ich schaue. Das Gehen belegt die Anwesenheit an einem Ort inniger als die Augen. Der Fuß auf dem Boden bildet die Gewissheit weniger vom Da- als vom Hiersein. Das Auge allein leistet das nicht. Das Auge verspricht mir den Ort, der Fuß löst das Versprechen ein. Über ihn erfahre ich den Charakter des Orts, mehr den geologischen als den sozialen, aber das geologische Erlebnis macht mir den Ort sinnlich präsent. Ob ich auf Lehm trete, auf Sand, auf Stein, ob ich einen Wald- oder Feldweg entlanggehe, das nennt mir mein Verhältnis zum Ort. Als ich heute ein Bild von einem Waldboden sah und mich an eine Wanderung mit L. zwischen Kollbrunn und Rikon erinnerte, griff es mich schmerzlich an, dieser Grunderfahrung nunmehr entsagt zu sein.
15 08 25
Als ich in den Fotos von s/w in Farbe überging, kam das Unwirtliche hinein. Es ist mir erst in der letzten Zeit aufgefallen. Je lebensnäher, je wirklicher, je unverfremdeter die Aufnahme, desto befremdlicher das, was ich draus mache. So oder so, je muss ich einem Bild die Verfremdung zutun. Eine Art, vielleicht, von Vertuschung. Weil nichts los ist auf den Bildern, muss ihnen von außen was beigetan werden. Wahrscheinlich meine Sorge um Irrelevanz. Es hat aber auch mit der Gegend zu tun. In Berlin war es leicht, auf den Straßen was zu ‚finden‘. Hier hingegen ist alles schön, und das Schöne regt mich nicht zum Umgang an. Der See, die Berge, das alles ist von so absoluter Schönheit, dass sie aus sich nichts Eigentümliches bilden, nichts, an dem eine Verfehlung erkennbar wird, eine Art von verrutschter Wirklichkeit. Man müsste diese Verrutschung fotografisch anstrengen, aber genau das will ich nicht. Ich will keine Wirklichkeit anfertigen. Ich will etwas in ihr auflesen. Etwas, das durch eine Fotografie deutlicher wird. Es soll dann schon mehr sein als bloße Abbildung, vielleicht eine verstohlene Dramatisierung des Wirklichen. Aber eine Tendenz dazu muss schon vorliegen. Ja, vielleicht so: der Ansporn ist, eine Dramaturgie im Standbild – nicht zu erzeugen, sondern zu exponieren. Dass man einem Anblick eine eigene Betonung, einen (vielleicht) besonderen Akzent mitgibt. Aber der See, die Berge, die sind auf jedem Bild, von gleich wem, immer auf dieselbe Weise bloß schön. Und mir fehlt auch die Eignung, sie kompositorisch so zu arrangieren, dass wenigstens das noch, ihre bloße Schönheit, herauskommt. Sie sind zu statisch. Man könnte das auch von Gebäuden sagen, aber es trifft, nach meinem Eindruck, nicht zu. Sie kann man noch in ein Verhältnis zu ihrer Umwelt setzen, der See und die Berge aber sind schon die Umwelt. Alles neben ihnen verblasst, sie nivellieren alles annähernd Menschliche. Und was in dieser Gegend einmal nicht schön ist, ist dann nicht gleich abscheulich, traurig oder eigen, nur belanglos. Die Einfallslosigkeit, mit der sich baulich an der Umwelt vergangen wird, ist an sich zu reizlos, um fotografisch mit ihr umzugehen. Sie bezeugt bloß eine unbedeutende Geschmacklosigkeit. Was in Berlin noch der Fall war, dass ich, wenn ich draußen herumging, alles Geschaute in Motiven portionierte, ist hier nahezu erloschen. Der Impuls zum Einfangen stellt sich kaum noch ein. Also fotografiere ich L., die daraus nicht das mindeste Vergnügen zieht, oder mich selbst, der ich wenigstens das Element des Verkommenen einbringe.
19 08 25
„… meine Feigheit ist ein so weites Feld, dass nur großer Mut mich dazu bringt, sie anzunehmen -“ Clarice Lispector, Die Passion nach G.H.
20 08 25
L. verstehen zu wollen, eine genauere Kenntnis von ihr zu erlangen, kam alle Jahre aus dem Ehrgeiz, mir selber als Menschenkenner zu gelten. Ich wollte sie für mich verstehen. Seit zwei oder drei Jahren hat sich dieser Ehrgeiz verlagert, von mir zu ihr. Was ich nun besser verstehe, soll ihr dienen. Und wo es mir dient, da nur fulgurativ. Im Ansporn, ihr gut zu sein, werde ich mir selbst zunehmend egaler. Noch nicht vollends, noch nicht in jedem einzelnen Augenblick. Aber immer, wenn es mir nicht gelang, wenn meine Selbstsucht doch durchkam, bereue ich es, obwohl kein Vorwurf von ihr kommt. Es ist die reinste Schande, ihr noch im Geringsten nicht gut gewesen zu sein.
08 09 25
Wenn ich zur Moralphilosophie begabt gewesen wäre, zum theoretischen Denken überhaupt, hätte ich gerne Ge- und Verbot verteidigt im Wissen, dass sie sich nicht begründen lassen, wenn man soziale Gruppen vom autoritären Element erlöst. Wie sich also aus der Gültigkeit eines Arguments dessen Geltung ableiten ließe. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, und halte es dennoch für notwendig. Dafür hätte ich argumentativ gern geworben.
09 09 25
L. kommt aufgelöst ins Zimmer. Ich verstehe nicht gleich, weshalb. Nachdem ich sie länger im Arm halte, klärt sie auf: Sie habe Ausschnitte vom Tagebuch gelesen, das präteriale Element mancher Einträge mache sie traurig. Umgehend verurteile ich mich, wahrscheinlich hätte ich es ihr nicht zugänglich machen sollen, oder nicht ohne Erläuterung. Ich versuche es nachträglich, aber es gerät zu pathetisch, sie ist nicht überzeugt. Als sie wieder an die Arbeit geht, denke ich darüber nach. Nutze ich das Präteritum, für eine gegenwärtige Selbstbeschreibung, aus einer literarischen Lust am Abgesang? Inszeniere ich, zur Selbststilisierung, ein insgeheimes Klagelied? Will ich nur die Chance ergreifen, einen Ton für mich als Gewesenes zu finden? Vielleicht ist was dran, ich kann es nicht ausschließen. Es ist schon eine Art, sich abzusichern. Wogegen? Gegen die Fährde, unerklärt aus dem Leben zu gehen. Oder das, was immer schwelte als literarische Möglichkeit, zumindest genannt zu haben. Einzelne Fragen, die mir wichtig erschienen, die sich mir so aufdrängten, dass mir ein Beitrag dazu nötig vorkam, immerhin angetönt zu haben. Oder, in der Übersicht meines bisherigen Schreibens, einzelne Aspekte, die darin nicht genügend unterschieden wurden und deren genauere Unterscheidung ich mir gern erarbeitet hätte – etwa das Verhältnis von Sinn und Bedeutung.
Die Scham bei der Durchsicht der vielen Essay-Fragmente, ob zur Philosophie oder zum Sport. Die Unabgeschlossenheit so vieler Texte und Gedanken beklemmt mich – auch im Hinblick, so peinlich es ist, auf meine posthume Identität: ich wünschte mir ein Verständnis meines Denkens, und wie soll das möglich sein, wenn nicht über Texte, über ihre Art sowohl wie über ihre Diversität. Und wenn sich mein Denken auch so recht erst im Schreiben bildet, braucht es doch eine Art gedanklichen Vorlaufs, Annahmen oder Vermutungen müssen reifen, dass ich mich im Schreibmoment ganz von ihnen überzeugen kann. Und schon für diesen Vorlauf bin ich nicht mehr fähig.
Aber es ist das alles eben nicht nur eine literarische Sache. Das Präteritum ist schon da, bevor ich es denke. Es hat sich eingenistet, in der Selbstwahrnehmung. Von sich im Präsens zu denken oder im Futur, bedingt eine Aussicht auf ein Leben, in dem man so autonom verfahren kann wie bislang. Für das man sich vornehmen kann, was übers gegenwärtige Vermögen hinausreicht. Dass man, was an hindernder Welt da ist, überwältigen kann. Oder sein Leben, sein Selbst ins Gelingen hineineskalieren kann. Ich meine gar nicht eine Art von lebensweltlichem Upgrade, keinen linearen Optimierungsprozess. Mehr die Eignung, Erlebnisse selber anstrengen oder sich sein Umweltliches selbstbestimmt herrichten zu können. Die Eignung dazu ist dem notwendig vorausgesetzt, ebenso das Zutrauen in sie. Es ist gerade die Begabung, sich nicht abfinden zu können. Aber jetzt ist es nicht mehr Begabung, sondern Unvermögen. Ich bin dazu verdammt, mich abzufinden. Mit dem Tod, einerseits, aber bis dahin mit einem anderen Leben. Eben einem, das mir die Art, es zu führen, diktiert. Das mir kaum noch eigene Gestaltung erlaubt. Oder keine Gestaltung mehr entlang meiner Neigungen, Interessen, meiner Wünsche und Sehnsüchte. Es geht nur noch drum, den Status quo zu verwalten. Alles Künftige ist immer ein Virtuelles, aber in dieser Lage ist Zukunft nicht mal mehr das, ist Zukunft nur noch ein Hohn auf die Bedürftigkeit nach ihr, eine lächerliche Utopie. Aus mir ‚wird‘ nichts mehr. Alles ab jetzt ist nur noch Verkümmern. Ist nur noch Selbstversorgung aus der Verlustperspektive. Und das aber bei annähernd vollem Bewusstsein, das heißt in bleibender Kenntnis alles dessen, wohin es mich ‚eigentlich‘ drängt. Und wie soll ich mir Zukunft vornehmen, wenn ich tagtäglich meine Verstümmelung erfahre.
Natürlich, darin ist nicht nur Anerkenntnis, sondern auch Haltung. Und fraglos ist es eine Haltung der Trauer, des mal mehr, mal weniger stillen Entsetzens. Damit, in der Tat, müsste ich mich nicht abfinden. Dem könnte ich trotzen. Könnte mir alles Schöne, das noch ist, rigoros herzitieren und mich dran laben. Und wenn ich nicht schreibe, oder denke, geschieht es mir auch, beinah jeden Tag. Vor allem, wenn L. an mir ist. In ihrem Beisein empfinde ich mich nicht als vollkommen devastiert. Auch wenn ich vor ihr hinkrüppele. Wenn ich mich an ihr festhalten muss, um vom Bett hochzukommen, wenn ich im Reden jäh unterbreche, weil ich nicht die Luft noch die Kraft zum Weitersprechen hab. Oder wenn sie mir die Wasserflasche, die ich eben aus dem Kühlschrank nahm, ans Bett trägt, weil ich sie selbst nicht mehr halten kann. Die Krüppeligkeit ist auch dann gegenwärtig, und schon auch als Makel, aber als einer unter unzähligen anderen, die sie über die Jahre an mir hingenommen hat. Ich kann auch den Anblick von schöner Natur genießen. Während der letzten Woche saßen wir einige Male am See, die Berge waren so sichtbar wie sonst nur im Winter, und ich habe mich selig gefühlt wie selten. Ich lache fast jeden Tag. Und manchmal stell ich mir vor, das könne genügen als Grund zum Leben: still genießen und lachen können. Aber alles andere, alles andere, fällt eben weg.
10 09 25
Wenn ich Musik mache – nur auf dem Handy, technisch limitiert, ohne Aufwand -, es hat schon was vom Schreiben bei mir: kaum Dramaturgie, nur dezente Variation, im Grunde ein Ton von vorn bis hinten. Mehr als beim Schreiben ist es bei der Musik die Angst vorm Verkacken: wenn ich zwischendrin was probiert hab, die Tonalität in einem Stück abrupt wechselt – wenn es misslingt, hadere ich tagelang damit. Gelingt es aber, nach meinem ungeschulten Eindruck, ist es das Aufregendste. Aber die Sorge vorm Missratenen, sie ist ja nicht unbegründet, sie bezieht sich aus dem Fakt, keinen Schimmer zu haben von Musik. Bei der Fotografie ist es ähnlich; in der Regel fotografiere ich mit dem Handy, so kann ich es immer kleinreden. Die Kamera verlangt mir ein technisches Verständnis ab, das ich nicht habe. Und dessen Gewalt ich auch scheue. Meine blöde Ehrfurcht vor formeller Kompetenz, ich müsste sie einmal begraben. Nicht um dann endlich ‚Kunst‘ zu machen, bloß um mich überhaupt mal was zu trauen, um mich ein bisschen auszufetzen.
19 09 25
Was mich zu einem besseren Freund machen würde, wäre ich jemandem Freund: heute genauer unterscheiden zu können zwischen Sache und Situation und diesen Unterschied auch in der Handhabung zu würdigen. Aber das lässt sich leicht sagen, wenn es nicht geprüft wird.
29 09 25
Im letzten Jahr noch erleichternd, diesen Sommer schon passé: im Wasser sein und rausschwimmen, was mir heuer beinah so anstrengend war wie Bewegung an Land. Immer mehr bricht weg. Genossen habe ich es dennoch, auch wenn es nur kurz war: auf die Berge zuzuschwimmen, der Mutmaßung nach, und bald so den Eindruck zu haben, wahrhaft mitten im See zu sein, umgeben annähernd von nichts, nur der tönern wirkende Gebirgszug in absehbarer Ferne, war so sagenhaft befriedend, dass es mir wie eine Lebensniederlage vorkam, umzuschwenken und den Blick wieder aufs Ufer zu richten, das mir wie ein Sinnbild des Alltags erschien, in dem ich viel eher ertrinke als draußen im See. Ich brauchte, zwischen all den andern am Gestade, wirklich den Anblick von L., um mich für die Rückkehr zu motivieren.
08 10 25
Immer das Unbehagen, wenn ich höre: eine Sache sei erst verstanden, wenn sie in eigenen Worten (die zumal alle Komplexität vermeiden) reformuliert werde. Zwei Einwände, vielleicht voneinander unabhängig: in gar nicht allen, aber vielerlei Fällen meint Vereinfachung oder das vokabularische Substitut eine sachliche Verfälschung. Zum andern macht man doch nicht selten die Erfahrung sozusagen einer Erkenntnis, ohne sie gleich nachsprechen zu können. Man liest, wie jemand anders ein Problem bearbeitet, und dann, wie von Geisterhand, stößt sich eine Tür auf, wodurch man urplötzlich einen klaren Blick auf die Sache erhält. Mag sein, die Tür schließt sich auch sehr bald wieder, vielleicht zu bald, um sich das hinter ihr Eröffnende detailliert einzuprägen. Aber für einen Augenblick hat man etwas ‚verstanden‘. Und was auf dem Problem aufbaut, begreift man nun leichter, ist einem zugänglicher, ohne dass man schon direkt wörtlich eingreifen kann. Der obige Satz geht von einem durablen Verständnisbegriff aus, wonach eine Sache erst verstanden sei, wenn sie ein für allemal verstanden ist. Hier wird das Verstehen an den Gebrauch geknüpft. Verstehen gelte demnach erst, wenn man es eigenständig handhaben könne. Es gilt noch nicht, wenn es zunächst nur dem weiteren Verstehen dient. Oder bloß dem Glück, für einen (noch so kurzen) Moment einen Blick ins Zimmer einer Sache oder eines Problems geworfen zu haben. Die Erkenntnis erschöpft sich im Augenblick des Erkennens; sie wird dann Kenntnis, wenn sie absinkt ins dauernd Abrufbare. Aber das Verstehen ist nicht auf Kenntnis beschränkt, es ist ein Prozess, der sich auch verlaufen kann. Und der aber doch gegolten hat. Das einmal Verstandene muss nicht das für immer Verstandene sein, um als einmal Verstandenes anerkannt zu werden. Hier scheiden sich womöglich auch Verständnis und Begriff. Nicht alles Verstandene kann ich umgehend auf einen Begriff bringen. Und hinwiederum kann ich es auch, in der radikalsten Variante, direkt wieder vergessen und weiß doch: ich hatte es schon einmal verstanden, für einen Moment war es mir bereits zueigen. Es gibt davon verschiedene Ausprägungen. Manches begreift man gerade gut und lang genug, um sich mit seiner Hilfe im Folgeaspekt einer Sache, eines Problems zurechtzufinden. Manches versteht man bloß für den kürzesten Augenblick, in dem der Zufall es fügte, dass Verstand und Sachgehalt sich kreuzen – oder vielmehr war es dann, ohne es selber einsehen zu können, ein vom Vorlauf gefügter Zufall. Und manches Verstandene vermengt sich so ungünstig mit anderm Verstandenen, dass beides kaum noch in seiner je ursprünglichen Gestalt voneinander isolierbar und einem fortan verfälscht im Sinne ist. Nicht das Verstehen einer Sache bezeugt die Kenntnis, sondern der eigene Umgang mit diesem Verstehen. Man muss es zugleich einfrieren und doch einführen in neue Kontexte. Dieser Umgang ist dann nicht mehr eine epistemische Bewegung, sondern vor allem Sache einer kognitiven Disziplin (an der es mir maßlos mangelt). Und erst der Umgang begründet die Verwertbarkeit einmal des Verstandenen (im propositionalen Akt) und einmal des Verstehens (im sozialen Akt). Das Verstehen selbst aber, auch das Verständnis an sich, ist je nur im subjektivischen Bereich verwertbar und auch nur durch sich selbst und auch nur zum eigenen Erhalt. Es kann demnach von außen je nur unter Vorbehalt diagnostiziert werden. Aussagen zur Sache mögen darüber fallweise indikatorische Auskünfte geben, es lässt sich an ihnen aber das Moment des Verstehens nicht restlos identifizieren.
17 10 25
Am Bahnsteig in Ulm ist der Fahrstuhl außer Betrieb. Da sie gerad bauen, bleibt nur die Überführung. Ohne Gehstock, den ich zuhause vergaß, mühe ich mich die Treppen hinauf. Jede Stufe, für meine Beine, wie ein Berg für sich. Nach wenigen Augenblicken bin ich nahezu allein. Nur eine ältere Dame, die ihren großen Koffer hochschaufelt, knapp vor mir. Sie kann wohl sehen, wer da um sie ist. Nach ihrem Eindruck muss es ein Mann sein in mittleren Jahren, der Kleidung nach von soliden Manieren, der ihr mit dem Koffer nicht hilft. Weil es so lang dauert, bei uns beiden, versagt beinahe meine Routine, dem Hilfe-Impuls zu widerstehen. Ich nehme auch L. kaum noch etwas ab. Manchmal die Taschen, wenn sie vom Einkaufen kommt. In der Regel bin ich es, dem abgenommen wird. Bisweilen zieht L. mir, wenn ich mit draußen war, Jacke oder Mantel vom Leib. Es bedrückt mich, mehrere Minuten neben jemandem herzugehen, der sich in seiner offenkundigen Mühsal so unangenehm ignoriert fühlen muss. Aber ich versage schon dabei, ganz auf ihre Höhe zu kommen, die zwei, drei Stufen Vorsprung hole ich nicht auf. So lasse ich die Beschämung ganz zu und hoffe auf ihre Einsicht: dass ich noch nach ihr oben ankomme, ohne Gepäck, und eine Weile stehen bleib zur Erholung.
13 11 25
Frisch, BJ: „Die merkwürdige Bereitschaft, noch einmal zu leben, wenn das zu haben wöre.“ Diese Bereitschaft ist mir fremd. Eher wäre ich bereit, immer weiter zu leben, noch ein Jahrzehnt und noch eines, vielleicht ein Jahrhundert oder zwei, ab dann auch meinetwegen im Bewusstsein einer grundlegenden Irrelevanz, nur um mich weiter mitzukriegen. Aber ganz und gar unbereit, wieder von vorn zu beginnen. Noch mal Knirps sein, noch mal unwissend, unmündig, ohnmächtig, noch mal durch die Schrecknisse der ersten Lieben, die unrubrizierbaren Ängste, die man nur durchstehen und sonst nicht verwerten kann, noch mal über Jahre an der eigenen Unverständlichkeit leiden, auf keinen Fall. Ich kenne mich, auch wo ich mich verdränge, zu genau, um anzunehmen, ein andermal würd ich es anders, besser, geschickter tun. Immer würd ich mich mit demselben Ungeschick durchs Leben hetzen. Das wäre, von der Scham hergedacht, kein zweites Mal zu verkraften. Was ich nicht hergeben will, ist meine Gegenwart. Für immer will ich mir zugegen sein. Das ist, worauf alles Künftige gründen soll, auf die Erfahrung vom dauernden Selbsterlebnis. Das noch mal herzugeben, um von Null anzufangen – für keine sonstige Erfahrung der Welt.
21 11 25
Meine Überlegungen, vor über zehn Jahren, zum Berliner Hauptbahnhof. Nicht ohne Ärger sprach ich mich gegen ihn aus. Gegen seine „Imposanz nur durch Größe, Höhe, Tiefe“; es sei eine „quantitative Imposanz“, keine „qualitative“. Und das Gefühl einer Mulmigkeit, wenn man hinabschaut von den oberen Gleisen zu den untersten, möge zwar eine „qualitative Regung“ sein, aber keine „ästhetische“. Heut las ich so drüber und war nicht sicher. Das Überdimensionale – vielleicht doch eine ästhetische Kategorie: wenn Ästhetik immer Erfahrung heißt, wenn sie immer eine Selbstversetzung bedeutet, dann kann die eigene Marginalisierung eine Spielart davon sein. Schaut man von einem Gebäude tief hinab, oder an ihm hoch hinauf, erlebt man eine Art von Selbstaufgabe, während derer man sich zugleich derart präsent, derart innig zugegen ist, dass man es ebenso von sich wie von aller übrigen Welt meint. Das ist eine Erfahrung. Nur folgt aus ihr nichts. Zwar begreift man etwas, ganz für sich, kann das Begriffene aber nicht handhaben. Eben weil die Übersteigung sein Wesen ist. Man begreift ja auch nur das Überstiegenwerden, nicht die Übersteigung selbst. Sie ist aus sich heraus ein unbegreifliches Phänomen. Ist das Phänomenale eine ästhetische Kategorie? Vielleicht ein ästhetisches Kriterium – aber es gründet keine eigene Ästhetik.
Diese Überlegung geht freilich von einer unabhängigen Betrachtung eines autonomen Subjekts und einer allein künstlerischen Intention aus – das heißt, sie ist apolitisch. Zumal in einem Felde, wie der Architektur, in dem nicht der bloße Selbstausdruck gilt, sondern das Ästhetische wesentlich vom Funktionellen abhängt, kann etwa Gigantomanie keine politisch voraussetzungslose sein. Ins Extrem genommen, wie von den Nazis, wird Ästhetik nachgerade zu einer funktionalen. Wenn wie dort eine Übertreibung des Institutionellen, bei gleichzeitiger Verzwergung des Residentiellen, vorgenommen wird, bedeutet das eine politische Entmachtung sowohl des Individuums wie auch der Familie als einer Gruppe, die gerade nicht herrschaftliche Funktions- oder Entscheidungsträgerin ist. Indem die Familie, von den Nazis, ins politische Gebet genommen wurde, wurde sie als Politsubjekt nichtig. Denn dort, wo Politisierung zur Sonderform des Politikums wird, nämlich Gegenstand bloß von Appellen, soll sie geradewegs verhindert werden. Politisierung heißt immer Emanzipation, die aber einer Diktatur politisch nichts beifügt, es sei denn die Produktion von ‚Systemfeinden‘. Die Nazis wollten politische Anteilnahme, keine Teilnahme, und insofern galt ihre Förderung der Gesinnung, nicht der Mündigkeit. Architektonisch konnte es zu diesem Zweck keine geeignetere Gestalt als das Kolossale geben. Das depolitisierte Subjekt erfährt an ihm seine Nichtigkeit, wie das von ihm protegierte indes an ihm seine Nobilitierung genießt. Die Bedeutung des Überdimensionalen ist trivial: es soll Übermacht demonstrieren; den einen als Mahnung, den anderen als Anspruch und fürs Zutrauen.
22 11 25
Ein grotesker Irrtum: die Nazis wollten „politische Anteilnahme, keine Teilnahme“. Natürlich brauchten sie das Volk als politische Masse, die im vorpolitischen Raum die Verhetzung ermöglicht und so die widerständigen Potenziale marginalisiert. Alles Einzelne, Mensch wie Objekt, war auf Masse hingedacht und die wiederum auf Ächtung, wenn nicht Vernichtung gerade des Einzelnen.
23 11 25
Der Ansporn im Roman muss sein: kein Halbsatz ohne Gewicht. Mit einem raschen Komma, kaum dass ein Objekt gefunden ist, täuscht man leichter einen Ton vor, auch sich selber, in den sich ohne weiteres fügen lässt. Ohne inhaltliche Not. Auch im Tagebuch sind die Sätze, über die letzten Jahre, so geworden – aber mehr aus einem Lufthunger heraus, eben dass ich gerade so nachkomm. Einen Satz zu dritteln, das ist die leichteste Form. Leichter als ein Satz ohne Komma oder mit unzähligen. Im Tagebuch hilft es mir, was mir vage durchs Gemüt zieht, rasch hinzubringen. Aber es ist oft nur eine Aufteilung nach der mentalen Atmung. Lange Sätze, über mehrere Zeilen hinweg, nur noch in Eile oder gehöriger Übermüdung. Im Roman aber darf ich mir diese Laxheit nicht erlauben. Weil es im Roman um mehr geht als um Stimmung oder einen Gedanken leicht zu fassen. In der erzählenden Prosa ist es bald ein Manierismus, worauf ich, sobald er mir bewusst wird, wieder alles verwerfen muss. Auf E.s Roman wurde gesagt – und mit wie viel Recht! -, sie erzähle, „als habe sie nie etwas anderes getan“. Bei mir hingegen hat man nur den Eindruck, ich hätte im Leben noch keinen einzigen Text geschrieben. Wenn also Halbsätze, dann müssen sie je was zutragen, nicht nur dem Ton, auch dem Stoff. Das ist, was Frisch kann: in jedem Halbsatz, in jeder Parenthese eine literarische Information einbringen. Er drittelt Sätze nicht nur, um es sich leichter zu machen. Jeder Einschub stärkt die Substanz, selbst in seinen Journalen. Da hinkommen; es ist vielleicht die einzige Möglichkeit, wie ich noch zu brauchbarem Text gelange.
14 12 25
Das Talent von Schauspielenden: in der fadesten, belanglosesten Situation gucken zu können, als sei was los. Eben bei Ana de Armas gedacht: erste Szene, kein Kontext, sie fährt nur Auto, across the outskirts of Washington, D.C., nichts weiter – ihr Gesicht aber: keine Grimasse, keine Bewegung, und trotzdem: als sei sie inmitten einer großen Aufgabe. Wahrscheinlich sind das Basics, aber ich war beeindruckt.
15 12 25
Frischs selbst verfügte Sperrzeit fürs BJ, 30 Jahre – nicht sehr optimistisch. Aber doch weit genug drüber, dass wenigstens eine Generation nachkommen kann. Relevant sein wollen für die nächste Generation, auch ihr noch gelten können wollen – einmal bescheiden, einmal unbescheiden. Bescheiden, was die angenommene Dauer seiner Geltung angeht; unbescheiden, weil es die nächste, folgende Generation immer am ärgsten mit einem meint. Meine Vorstellung aber noch unbescheidener: am besten gelte man nicht für diese noch jene Generation, sondern für eine Gesellschaft, in der untereinander alle nur friedlich sind. Sie hat einen Ehemaligen, wie überhaupt Literatur, am wenigsten nötig.
16 12 25
Im Traum endlich Recht bekommen; so tiefe Genugtuung empfunden, als sei alles bisherige vergebliche Werben um Recht mit einmal übertönt. Eine Ente war mir vom Balkon gefallen. Gleich war ich selber unten und nahm sie behutsam in die Hand. Ein Pärchen, plötzlich um mich, lief an den Balkonen der ersten Etage vorüber und schimpfte mich laut, mit ausgestreckten Fingern, einen Tiermörder. Die Balkone (Plattenbau) aber alle leer; bis auf einen, auf dem ein mittelalter, sehr missmutiger Mann von den Anschuldigungen nichts wissen wollte. Barsch suchte er das Pärchen von seinem Balkon zu vertreiben. Nicht nur der Krach belästigte ihn, auch die Krassheit des Vorwurfs. Das glaube er nämlich nicht. Auch meine Sicht wollte er zunächst nicht hören. Er habe mit der Sache nichts zu tun und wolle in Ruhe gelassen werden. Endlich ließ er mir ein knappes Wort. Zwar hätte ich seine Abwehr stehen lassen können, aber dass er ihnen nicht glaubte, hieß noch nicht, er glaube auch mir. Als ich den Vorgang dann schilderte und ihn zuletzt ein Versehen nannte, war gleich alles klar für ihn. Es war das Plausibelste, kein Zweifel, und wie er sich halb wegdrehte, ließ auch ich es sein. Mir lag nichts dran, das anschuldigende Pärchen in Misskredit zu bringen, mir war alles erledigt im Augenblick, wo ein anderer von meinem Recht überzeugt war. Und zwar aus der Natur der Sache, nicht aus meiner. Die Bezeugung: ich war dem Recht sowohl wie der Wirklichkeit treu geblieben. Nichts gefühlt im Traum von meinem ansonstigen Abscheu gegen Menschen, die sich mit Vorwürfen solcher Art nicht auseinandersetzen wollen.
17 12 25
Erstaunlich, wie oft ich, in den letzten sechzehn, siebzehn Jahren, L. fotografieren durfte. Viel, viel zu selten, wenn man es von meinen Impulsen her rechnet; viel, viel zu oft von ihren her. Bislang hab ich es als Ausdruck einer annähernd maßlosen Duldung meiner Existenz genommen, die ein soziologisch fachkundigerer Mensch wohl Liebe nennen müsste. Heute der Gedanke: vielleicht hat sie nur meine Betrübnis gescheut und das, was ihr hätte folgen können (nichts, natürlich, aber wie das wissen). Wenn man sich erzählen lässt, in welchen Momenten Frauen weshalb nachgeben, erschrickt man vorm Grusel, der man potenziell immer für sie ist.
19 12 25
Gott als Erleichterung: jemand, der unwidersprechbare Gründe hatte, einen so hinzufertigen.
29 12 25
Muskelkater im Hintern; Gott weiß woher.
23 02 26
Morgens Telefonat mit der Krankenkasse; das Arbeitsamt hat mich noch immer nicht angemeldet. Als die Frau darauf hinweist, dass ich die Beiträge andernfalls selber zahlen müsse, sage ich: wie, wenn ich kein Geld erhalte. Dann sagt sie: „Sie leben hier in Deutschland, und hier sind Sie gesetzlich dazu verpflichtet“. Sie wiederholt es zweimal, „Sie leben hier in Deutschland“, und den ganzen Tag überlege ich, ob sie das auf meinen Namen bezogen hat. Wahrscheinlich hat sie es arglos gemeint, hätte den Satz vielleicht jedem andern gesagt, aber Vorprägung heißt ja, das nicht mehr einschätzen zu können, weil durch sie das Arglose annulliert ist.
24 02 26, 4.37 Uhr
Öffne ergriffen das Fenster; das erste Vogelgezwitscher dies Jahr.
25 02 26
Immer die Hoffnung, beim Anlesen neuer Literatur, auf ein Schreiben, das meines überflüssig macht, das es über die Dispension seiner Not verunmöglicht.