niaiserien

Irgendwas is‘ immer

Erst, um mit dem Ersten anzufangen wie das Universum, dem auch nicht einfiele, das Tertiär vors Kambrium oder das Quartär vors Ordovizium zu setzen – und bei welchem Erzähler ginge man lieber in die Lehre als beim Universum -, bekam ich einen violetten Ausschlag am Knie, der sich nach einem Eselsritt über die Gleise zwischen Apolda und Mattstedt auftat und nach einem Sprung ins kalte Wasser bei Pfiffelbach verschwand, dann traf ich Matthes Fuhrgott, den Jodelkönig aus Ruckholz, beim Treff der Fahnenschwenker in Grimme und verglich seine Kopfform mit einem Wirsing, worauf er mir just seine Verabschiedung aufhalste, dann trat ich, in der Gegend um Steutz, den Fußmarsch nach Zerbst im Sinne, wenn auch in den Beinen noch nicht, in ein von der Natur plötzlich aufgetanes Loch, in das ich für eine Weile bis zum Bäuchlein versank, während es ungewohnt aber angenehm an meinen Waden kribbelte, und als sich das Loch ebenso plötzlich wieder verschloss und ich wie Phönix oder Ikarus oder ein Kumpel aus dem Bergwerk daraus hervorstieg und Zerbst aber schon passiert hatte, kaufte ich mir in einem Atelier ein Aquarell von Niemegk, oder vielmehr tauschte ich es ein gegen meinen Filzhut, den ich Matthes Fuhrgott, als er sich von mir wegjodelte, langfingrig vom Schädel geschnipst hatte, und dann pflanzte, d.h. setzte ich mich an den Speicher Gollbogen, das Aquarell vor mir aufgestellt, und ersann mir einen Essay, zu dem sich nur der erforderliche Titel nicht einstellen wollte, und so spielte ich manchen Einfall im Köpfchen durch – „Flusskrebs und Brustkrebs – Eine Partnerschaft auf Augenhöhe“, „Flusskrebs und Brustkrebs – Kommen Sie sich ins Gehege?“, „Flusskrebs und Brustkrebs – Konkurrenz im Gartenteich“, „Flusskrebs und Brustkrebs – … auf Schlingerkurs“ -, bis ich, von der Fadheit meiner Vegetation plötzlich angekränkelt, im Rahmbruch von meinem Halsweh erfuhr, worauf ich mir aus Ölsenich und Reitgras einen Schal band und denselben um mein Hälschen wickelte, worauf mir der Sprung in die Nuthe (beidfüßiger Abdruck) zwischen Badewitz und Straguth in beinah gesundetem Befinden gelang, worauf ich mir im sog. kühlen Nass ein sog. Bad zur sog. Reinigung der Sinne (Shaucha) nahm, worauf ich sehr bald, an ein kahles Bäumchen vorm Schloss Bärenthoren in Polenzko gelehnt, von meinem Recht auf Atemübungen (Pranayama) Gebrauch und derweil die Entdeckung eines erneuten, nun aber grünlichen Ausschlags machte, worauf ich wiederum in einem Loch versank, diesmal aber einem mehr sprichwörtlichen als buchstäblichen, nämlich im ungefähr bei Prödel in Gommern und in der Nähe von Güterglück gelegenen Gehrdener Gefängnis, nachdem Matthes Fuhrgott die Ursache seines Verlusts erriet, als deren Urheber ich mich bei genauerer Befragung keineswegs verleugnete, dann erreichte mich, im sog. Bau hinter sog. schwedischen Gardinen, die in Wahrheit aber aus einer Manufaktur in Strinum stammten, ein Telegramm von meiner Mutter, die beim Pilzesammeln in der Walachei ihre Nackenprothese eingebüßt und die dem Schreiben eine Packung Prodepressiva beigelegt hatte, die ich verschlang wie Patti Bonk das Hundefutter, dann blinzelte ich halb aus Unglaube, halb zur Wahrung des Tränenfilms, dann hustete ich, dann tat ich einen Blick aus dem Fenster, dann schritt ich die sog. Zelle im sog. Kittchen in einem Muster ab, das dem Haus vom Nikolaus entsprach, dann kam ich frei (ich gab gegenüber Matthes Fuhrgott zu, in seiner Schädelmanier nunmehr nichts Wirsinghaftes erkennen zu können) und begab mich weiters auf den Weg nach Reuden, wo mir folgendes passiert ist, in der eingangs beschworenen zeitlichen Reihenfolge: 1) Marderbiss (Wade) 2) Kimmenjucken 3) Kimmenkratzen 4) Ablecken der Kimme vom jetzt freundlich gestimmten Marder 5) Flucht aus Reuden – in der Folge, d.h. dann ereilte mich in Medewitz ein Steinschlag, von dem ich mich in der Sekunde, ich weiß nicht wie, bereits erholte, dann besuchte ich in Golmenglin einen Freund aus Kindertagen, oder immerhin den einzigen Menschen, der mich in Kindertagen nicht mutwillig zum Feind genommen hatte, was mir Freundschaft genug gewesen war, den humpelnden Lutz Melsen, blind und taub wie damals, und nach einem Schluck Schwarzbier, den ich mir aus seinem Vorrat genehmigte, zog ich weiter nach dem Schleesen und herzte eine Erdkröte und aß von Finger- und Pillensegge, dann häsitierte ich vor einer Kreuzotter, aus deren Maul ein Eidechsenschwänzchen herauswedelte, dann nahm ich Reißaus Richtung Hundeluft im Tal der Rossel und dortselbst, bei frischem, noch nicht kühlem Wind, eine Tasse Kakao, wovon ich mir am Rachen gefühlsweise diverse Brandnarben zuzog, infolge derer ich wiederum hustete, dann kratzte ich mich am Knöchel, dann schloss ich mich in einem Bunker ein, den ich in einem Waldstück nahe Bergfrieden identifizierte, und kämmte mir mit den Fingerspitzen das Haar und striegelte mit ihnen meinen Bart und hielt mir eine feurige Rede auf das unvertane Leben, erläuterte mir anhand ebenso philosophischer wie psychologischer Theorien die Keimruhe meiner Jugend, fand mich momentweise einen Miesepriem, sprach mich in einem Anflug von Eitelkeit von allerlei Nucken frei, wurzte zuletzt den Schutzraum, indem ich mir vom Kleiderhaken an der Bunkertür eine Lodenkotze riss, und trat, wie ich meinte, de novo heraus ins umliegende Wäldchen, dessen Frischluft mir ebenso wohl tat wie ich ihr, dann robbte ich, aus einer Laune, den ganzen Weg nach Serno, wo ich mir affektiert den Mantel abklopfte und, weiter rein nach Coswig, an einem Außentisch des Cafés Wollkörbchen den Brief meiner Mutter erwiderte und eine Abschrift dieses Rückbriefs an Lutz Melsen sandte (Inhalt in Stichpunkten: Befindensabriss, Naturbeschreibung, moralische Anklage, Bitte um Geld), dann ergriff ich das zarte Füßchen eines Steinschmätzers und ließ mich von ihm über Wald und Heide nach Borne chauffieren, wo ich in abrupter Wirrnis zu schielen anfing, dann hangelte ich mich, seitlich abhängend, an der Bahnbrücke von Borne nach Grubo und spuckte unterwegs auf eine Birke (wobei ich einen Holzwolf anvisiert hatte), hielt in Fühlweite von Grubo, nämlich am Dorfteich, ein Nickerchen zwischen Veilchen und Krokus, pisste anschließend in die Brautrummel und humpelte von dort aus zur Kirche in Kranepuhl, in der ich folgenden Vers ins Gebetbuch absetzte: „ich glaube mal / im Schlaubetal / fraß ich die Laube kahl / in aller Kürze / folgend Fürze“, dann ließ ich mich von einem Nasenbär nach Schlamau stupsen und erwürgte ihn auf halber Höhe von Arensnest nach Schmerwitz, dann erfuhr ich in Senst aus der Zeitung, Matthes Fuhrgott habe soeben seinen klumpfüßigen Kater Kotzebue durch einen Marderbiss verloren, wonach ich meinen gleich aufkommenden Sinn nach Versöhnung durch die Erinnerung an seinen Wirsingkopf als unverzeihliches Sentiment abtat, dann setzte ich mich an die ruinöse Windmühle bei Köselitz und zeichnete versonnen einen Marder, dessen Schnauze mich vage an jene meiner Mutter erinnerte, dann dinierte ich maßlos im Kartoffel-Gasthaus in der ehemaligen Flurwüstung Cobbelsdorf, dann mopste ich mir ein Liederbuch aus der Bücherei in Linthe und sang auf Schäpe zu alles drin gleich nach (Auswahl: Der Kobold am grünen Teich; Wendelin, wo wankst du hin; Die goldene Erbse; Elfenkind, du riechst so schön), wo ich mir im Kastaniengarten zwei Spargelstängel in die Nasenlöcher schob, um so gewappnet zu sein für den moosigen Weg nach Schlunkendorf, in dessen Spargelmuseum ich die beiden Stängel einem älteren Herrn als Gastgeschenk anbot und sie, als er dasselbe ablehnte, in die Kapuze seiner grünen Regenjacke fallen ließ, dann tauchte ich, ohne Luft zu holen, durch den Seddiner See und machte flugs rüber nach Kuhfort, wo ich mich bei einem jungen Paar, das auf einer Holzbank den wechselseitigen Gebrauch seiner Geschlechtsorgane probte, nach dem Weg zu Golm hin erkundigte, dann ritt ich von Golm aus auf dem Rücken einer Fähe nach dem schönen Satzkorn, an dessen Saum ich mir als Kind in einem Feldflur eine Warze vom Ringfinger biss, wovon mir bis heute eine kleine Narbe blieb, die ich in traurigen Stunden innig belecke, dann urinierte ich in Hoppenrade auf einen Baumstumpf zur Bewässerung der dort ansässigen Ameisenkolonie, dann imitierte ich in Wolfslake einen schnarchenden Braunbär zur Beruhigung der umherwohnenden Bevölkerung, dann forderte ich einen Igel zum Wettrennen zwischen Vehlefanz und Bärenklau heraus, das ich auf einem Einrad bestritt und haushoch bzw. meilenweit bzw. turmhoch bzw. himmelweit gewann, dann kroch ich, vom Wettkampf geschlaucht, nach dem ebenso verlassenen wie verlässlichen Verlorenort am Rande des Rhinluchs und japste mich, an eine Träneneiche gelehnt, gesund, dann schlug ich, wieder singend, Räder bis zum Dreetzsee, in dem ich als Kind einmal Matthes Fuhrgotts klumpfüßigen Kater Kotzebue zu ertränken versucht hatte, bis mich Traude Fuhrgott, Matthes Fuhrgotts bierbäuchige Mutter, im letztmöglichen Moment daran gehindert hatte, und versuchte nun mich selbst darin zu ertränken, woran mich übrigens niemand zu hindern probierte, weshalb ich mich selbst retten musste, indem ich schlechterhand den Kopf wieder aus dem Wasser nahm, dann zog ich weiter nördlich und war schon wieder im vertrauten Land, im mich wehmütig fassenden Trigon von Lindow, Herzberg, Neuruppin, wozwischen ich als Kind, im Gefährt der Eltern, zum Zwecke allwöchentlicher Notlinderung oft gependelt war, dann tauschte ich in Dabergotz meinen Mantel gegen eine Badehose ein und gab der Greisin, deren Höslein ich nun trug, noch mein Aquarell von Niemegk obendrein, dann ruderte ich zwischen Kerzlin und Stöffin nach Art eines Windrads mit meinen Armen, dann spionierte ich in Häsen einen Dackel aus, der sich von der Leine seines Herrchens losgemacht hatte, und folgte ihm kriechend bis nach Protzen, wo ich ihn auf einer Wiese, auf der ich hungrig nach einem Pferdeapfel schnappte, aus den Augen verlor, dann griff mich eine Rohrdommel am Nacken und flog mich aus nach Ribbeck, wo sie mich in die Krone eines Birnbaums fallen ließ, dann schlitterte ich, zwei Birnen unter den Achseln, je eine links wie rechts, auf einer Matschbahn nach Gransee und fühlte mich gleich angehimmelt von der Vergangenheit, als wolle sie mich mehr noch zurück als ich sie, denn Gran-see, mehr Wort als Ort für mich, oder mehr Ort als Wort, je nachdem, kann ich doch, so rüde ich seine Silben auch trenne, für mich nur Gransee aussprechen, ein Ort, zugegeben, an dem ich als Kind nie war, der aber immer in so enger Nachbarschaft zu meinem Heimort lag, dass er mir genauso vertraut wie unvertraut war, und von dort schnippte ich mich über die dörfliche Trias von Schwanow, Braunsberg, Zühlen, die ich als Kind auf vielerlei Weise bespielt hatte, endlich rein nach Rheinsberg, wo auf der Bank am Bahnhof vor der stehenden Bummelbahn, die Nackenprothese im Schoß, meine schlafende Mutter saß, der ich einen Kuss auf die linke Wade gab, dann hängte ich mich ans Dreirad eines Kindes und ließ mich von ihm längs über den erst pflastersteinernen, dann sandigen, dann rudimentär begrasten Boden zum Friedhof schleifen, dann schnäuzte ich aufs Grab von Lutz Melsens Schwester, über deren Haar ich in der Schule verliebt ein Tintenfässchen ausgegossen hatte, dann trat ich einen Forlenzapfen vor mich her auf dem Weg zum Stadion, in dem ich das Verlieren kennen und lieben gelernt hatte, dann klammerte ich mich an den Zaun der alten Schule und blickte grimmig über den Hof, dann purzelbäumte ich über die Dubna hin zur Joliot-Curie und warf die beiden Birnen, nachdem ich sie aus den Achseln gepult hatte, in die behängten Wäscheleinen hinter unserm frühern Wohnhaus (ich hatte das Wohnhaus selbst anvisiert), dann setzte ich die Carmol in Brand, dann liebäugelte ich mit einem weiteren Nickerchen auf der Remus, fiel aber so unglücklich in den Grienericksee, dass ich gleich wieder putzmunter war, dann köstigte ich im Ratskeller und prellte, infolge Eisbein & Rotkohl, die Zeche, dann hielt ich am Obelisk (À L´ÉTERNELLE MÉMOIRE) Ausschau nach einem Mörder in einem schwarzen Volvo, der mir nicht noch einmal, wie schon als Kind, durch die Lappen gehen sollte, der mir aber, wie schon als Kind, doch wieder durch die Lappen ging, dann schritt ich das Pavillon ab in einem Muster, das dem Haus vom Nikolaus wenigstens ähnelte, dann furzte ich in die Feldsteingrotte und ins Heckentheater, um anschließlich sternförmig zum Rondell zu torkeln, dann leckte ich eine Feuerameise und setzte sie am Stamm einer Linde aus, und zuletzt, um naturgemäß mit dem Letzten zu schließen, wie sich auch das Universum dereinst mit dem Letzten beendigen wird, sank ich am Ostufer inmitten weißer Gartenskulpturen, wo in meiner Kindheit noch Diabetiker lustwandelten, derweil ich die Entenfütterung als Lebensaufgabe entdeckte, erschöpft zusammen und träumte, nach der Etappe des Halbschlafs, in der mir Matthes Fuhrgott einiges Unerfreuliche auf den Kopf zusagte, die absonderlichsten und unaufschreibbarsten Dinge.

Der Unreine

Heute traf ich einen alten Freund wieder, er führte eine Abessinier an der Leine. Ich sah ihn inmitten des Gedränges, drunten in der Altstadt, es war vielleicht der letzte sonnige Tag des Jahres. „Amon!“ rief ich ihn. Er zuckte leicht zusammen, wie wenn man versunken ist und plötzlich seinen Namen hört, aber niemanden sieht, den man kennt. „Amon, hier!“ Ich fächerte mit meinem Arm und verzerrte mein Gesicht, als würde ich mit der Achterbahn in die Tiefe sausen. Erst schaute er in die Weite, aber als sein Blick den Fokus aufs nähere Umfeld legte, erkannte er mich. „Béla!“ rief er und lächelte. Wahrscheinlich war er erleichtert, dass kein Polizist seinen Namen schimpfte. Denn früher, muss man wissen, war Amon ein kleiner Gauner. Hurtig schritt er zu mir herüber, die Katze folgte ihm nur widerwillig. „Béla!“ wiederholte er. „Wie schön, dich zu sehen!“ Wir küssten uns links, rechts, links auf die Wange, wie man an einer Straße links, rechts, links schaut, bevor man sie überquert. Warum nicht zwei-, warum nicht viermal, darüber hat man nicht zu sinnieren. Das Volk mag es einmal entschieden haben, vor so und so vielen Jahren, dass drei Male die angemessene Anzahl sind, fürs Küssen wie fürs Schauen. Bei der Begrüßung – na, jetzt sinniere ich eben – verhält es sich wohl so, dass das dritte Küsschen die Aufrichtigkeit bezeugt. Nur zwei würden es zu einem rasch abgeleisteten Ritual machen. Nämlich die Wiederkunft auf die erstgeküsste Wange beschwört die Bereitschaft, es beim andern gern zu haben. Und das unterlassene vierte verhindert, es intim werden zu lassen. Das vierte Küsschen ist der Liebelei vorbehalten. „Lass uns doch ein paar Schritte gehen“, bat Amon und hakte sich unter meinen Arm. Er steuerte eine Seitengasse an, rechts ich, links die Katze, rechts wieder ich. Abseits des Tumults nahm seine Stimme etwas Beschwerliches an. „Hör mir zu“, sagte er, „ich muss etwas bereden.“ Wie immer, wenn ich in irgendjemandes Vertrauen gezogen zu werden meine, fühlte ich mich geschmeichelt. „Aber ja“, gab ich eilig zurück, bis mir in den Sinn kam, dass wir uns zufällig trafen. Hätte ihn, sagen wir, Tamás im Trubel gerufen, hätte Amon, was immer ihn beunruhigte, wohl ihm erzählt. Aber in Amons Gesicht lag ein Ernst, von dem sich ein harmloser Bursche wie ich nur gemeint fühlen konnte. Er zerrte mich, die Katzenleine in der andern Hand, in eine weitere, noch schmalere, noch abseitigere Gasse, schaute sich beklommen um und setzte wieder an: „Hör mir zu, ich muss von etwas reden.“ Inmitten der Gasse, da sie durch einen Hausvorsprung weiter verengt wird, blieb er plötzlich stehen und lehnte sich an den fensterlosen Beton. „Béla, du weißt -“ CHAUUU – die Katze, wie von der Hornisse gestochen, fauchte – Amon sah sich rasch um, er wollte die ausgemachte Gefahrenquelle besichtigen, aber es war nichts und niemand zu sehen. Nur den milde abgedämpften Lärm hörte man, der einige Gassen weiter von der Menge verursacht wurde. Amon besann sich und peilte wieder mein erwartungsfrohes Gesicht an, während die großen, schirmartigen Ohren der Katze weiter hochaufgestellt, ihre blitzenden Augen weiter gespannt blieben. „Béla, du kennst -“ CHAUUUUUUU – Amon erschrak regelrecht und schielte im ersten Reflex zur Katze, bevor er das weitere Umfeld in Augenschein nahm. Aber wieder nichts, niemand um uns. Leicht skeptisch, wie man einen Selbstgesprächigen in der U-Bahn beäugt, betrachtete Amon für einen Augenblick die Katze. Sieht sie was, was wir nicht sehen? Sieht sie Gespenster? Aber Amon besann sich erneut und fuhr, mein Gesicht fast flehentlich fixierend, fort: „Béla -“ und jetzt pausierte er vorsorglich, damit nicht wieder die Katze ihn unterbreche; aber sie blieb ganz still, ohne Mucks – „Béla -“ noch ein letzter tonloser Blick zur Katze, bis er endlich wieder im Thema war, das mir zu diesem Zeitpunkt – und, oh, wäre es nur dabei geblieben! – noch unbekannt war. „Béla ..“

Aber bevor ich wiedergebe, was er mir so bang in der Gasse vortrug, muss ich etwas anderes erzählen, nämlich die Wahrheit über die Unwahrheit, die ich mir eben noch erlaubte. Ein kleiner Gauner sei er gewesen, habe ich gesagt, indes ich mich selber einen harmlosen Burschen nannte, womit ich einen Gegensatz erzeugte, an dessen gutem Ende ich mich endlich auch einmal selber platzieren wollte, nachdem die Welt oder die Gesellschaft, oder wer immer für mein lausiges Leben verantwortlich ist, mich immer ans schlechte Ende gesetzt hat, an den dreckigen Tresen der Tagediebe und Taugenichtse, und an diesem Ende habe ich es mittlerweile satt, sage ich klar, und wenn ich auch weiß, von selber komme ich dort nicht los, da muss schon Höheres hineinspielen, so wollte ich doch einmal den Eindruck gewähren lassen, ich könne einer von den Harmlosen sein, von den Soliden, vielleicht nicht gerade Nützlichen, aber immerhin Demütigen, auch wenn eine Dichtung, die die Wirklichkeit verkehrt herum darzeigt, an sich schon ein Ausweis einer undemütigen, ja demutsfeindlichen Haltung ist, der ich mich nur schuldig machen kann, weil ich selber der kleine oder große Gauner bin, nämlich ist ja der größte Gauner, der sich als einer ausgibt, der er nicht ist und noch den Eindruck erweckt, er sei zwar keiner, erweise sich den wahren Gaunern gegenüber aber als gutmütig, was von einem Hochmut spricht, um den ich mich schon in der Wiege geballt habe wie ein Gürteltier um einen Tennisball. Amon, das soll hier also gesagt sein, war von uns beiden immer der Gute, er war der Gute von uns allen, die damals im Hinterhof zu jener eigentümlichen Bande zusammenfanden, die später das berühmte Bankhaus Nest ausraubte. Und als ich ihn heute auf der Straße traf und in die Nebengasse zog, mit einem Esel an der Leine, da war ich es, der ihm dringend was zu sagen hatte.

„Amon“, sagte ich, „du musst mir in einer fürchterlichen Angelegenheit beistehen.“ „Aber was hast du nur?“ fragte er so besorgt, wie er um jeden alten Freund ist. „Sag, was kann ich tun?“ Knapp unter meiner Brust, mit verschämtem Gesicht, staute ich mein Handgelenk eng an den Körper und wendete die Pfote, vom Handrücken zum Handteller, und Amon, dieser von uns beiden bessere Mensch, verstand zwar falsch, aber verstand doch rührend, denn gleich grub er in seinem Täschchen nach ein paar Talern. „Es sind nur wenige, mein Freund, aber ich werde weitere nachholen, wenn du mir nur die Zeit gibst bis zum Abend.“ „Aber nicht doch“, wandte ich ein, „Amon, darum geht es nicht.“ Er war irritiert. Béla, der Geld ablehnt? Das war ihm nicht geheuer. „Nein“, sagte ich, „schau dir doch die Hand genauer an.“ Noch immer verstand er nicht, aber das Wachstum seiner Besorgnis rührte mich zu einigen Tränen. Nun endlich betrachtete er die offene Hand. Seine Besorgnis wich prompt einem diagnostischen Eifer, dessentwegen wir ihn früher auch den Dottore nannten. Im Spaß, ein bisschen, aber mit gutem Grund. „Ein Ekzem“, sagte er ganz ruhig, „das ist behandelbar.“ Ich sah ihn schätzungsweise zerknautscht an und schüttelte den Kopf. „Das ist es eben nicht“, jammerte ich, „ich habe schon alles probiert.“ Jede Salbe, in der Tat, hatte ich mir drübergeschmiert, mit jeder erhältlichen, frei und unfrei, hatte ich die Hand bereits zugekleistert, vielleicht war es auch nur Butter gewesen, aber nichts half, gar nichts. Amon sah sich den Ausschlag näher an. Ich war tief bewegt, wie nah er an sie heranging, ohne Scheu, ohne Abscheu vor allem, aber als er die Hand betasten wollte, zog ich sie entsetzt zurück. „Amon, nicht!“ Aber er lächelte nur altväterlich drein. „Ich habe nichts zu befürchten“, sagte er und klang plötzlich wie aus einer anderen Dimension. Ich verstand kein Wort. „Eine Atopie“, sagte er. Eine was? „Eine Allergie. Die Blasen bilden sich infolge eines artfremden Kontakts.“

Da war ich nun verblüfft. Hatte ich Kontakt zu Außerirdischen? Aber ich scheue mich ja vor aller Art des in Kontakt Kommens, nicht mal Amons Esel habe ich gestreichelt. Was soll ich gefasst haben, das mir solchen Ausschlag verpasste? „Diebesgut“, warf Amon verzückt lächelnd ein. Ich gaffte ihn ungefähr fassungslos an. „Bis zu einer gewissen Dauer“, sagte er, „bleibt die Hand des Diebes unversehrt. Aber ab einem einzigen Gut, das er gestohlen hat, verätzt sich die Hand – und zwar für immer, und bleibe er fortan noch so rechtschaffen für den Rest seiner Tage.“ „Aber …“ Momentelang stammelte ich Laute des Widerspruchs, die verebbten, als mir die Ausweglosigkeit meiner Lage bis ins Innerste hinein gewahr wurde. „Da hilft wirklich keine Salbe mehr“, bemerkte Amon mit beinah kaltem Gesichtsausdruck. Ohne mich noch einmal anzusehen, ohne mir irgendeinen Trost anzubieten, schwang er sich auf seinen Esel und trabte davon. Schwindlig sah ich ihm nach und ergab mich meiner Bestürzung. Oh, hätte ich es nur vorher gewusst! Hätte ich nur geahnt, beim entscheidenden Diebesgut, es könne das eine sein, das alles verändernde, freilich hätte ich davon abgelassen! Aber wie hätte ich es ahnen sollen? Nichts sagt von sich aus, ab hier kippe die Welt ins Jenseitige.

Entrückt starrte ich auf meine Hand. Rötliche Blasen, groß wie Pusteln, vergilbte Haut – die Hand, zweifellos, eines Sterbenden. Gebeizt von nichts als tiefer Schuld. Und, mag sein, vom Mangel an Sorge um Recht und Unrecht. Und wenn ich sie mir abhackte, die Schuldhand, wäre ich dann erlöst? Oder würde sich dann nur am Rest erzeigen, an Arm und Schulter, Brust und Hals, dass mich die Verderbtheit bereits restlos erfasst hat? Mit dem Vorsatz, mich zum Torso zu schlagen, mich abzuholzen bis zum dürftigsten Stamm, schlich ich mich aus dem Gässchen heraus, lugte den Kopf an der Ecke heraus, schaute mich links, rechts, links um und hetzte sodann, wie vom Teufel gejagt, nach Haus. Und hier sitze ich nun und schreibe mit dem Fuß, dem verbliebenen, den Stift zwischen den Zehen, und kann sagen, nachdem ich mich von nahezu sämtlichen Gliedern getrennt habe, nachdem ich mir die Haut unter großem Geschrei vom Leibe zog, nachdem sich in meinem Kämmerchen nun Bein und Arme, Po und Penis, Knochen und Hautlappen über Hautlappen türmen, nach alldem kann ich nun sagen: Es war vollkommen umsonst! Nämlich erreichte mich soeben ein Telegramm – von Amon! -, in dem er mir schreibt: „Spaß! – bringe dir heute Abend Lotion vorbei – dazu Zink und Vitamin A – hast es bald überstanden – rofl“

Aus der Traum

Orum und Berem treffen sich in einem Lokal. Es ist später Nachmittag und nasskalt, die Taghelle wird mählich matt und diesig, wahrscheinlich ist es London oder wenn nicht, so eine Stadt, die beschämend vorlaut an London erinnern oder ihr unangenehm uninsgeheim ähneln will, Vogelgezwitscher hat man hier seit Jahrhunderten nicht mehr gehört, dröhnende Motoren und knautschende Reifen sind die einzigen Elemente des umgebenden Lärms. Die an weltliterarischen Sensationen geschulte Leserin wird sich auf diese Aufzählung hin schon eine Atmosphäre zusammenfühlen und wissen, was hier allein passieren kann: Berem macht mit Orum Schluss. Gewiss wäre die Witterung Grund genug für jene Gemütslage, deren dominierender Kurs die Trennung von gewohnheitsmäßig einverleibten Bindungskonstanten ist, wonach der dauernde Aufschub solcher Trennung nichts weiter als eine großstädtische Marotte ist, aber es sammeln sich daneben andere und nicht minder gut begründete Ursachen für Berems Entschluss, von denen sie Orum, der zeit ihrer Beziehung darauf bestand, keineswegs Orüm genannt zu werden (ein krimineller Onkel hatte so geheißen, mütterlicherseits), wenigstens manche nun vorträgt, nachdem sie Gründe aufsagt, die allerdings keineswegs zur Trennungsabsicht geführt hätten.

Kein Grund, da könne sie ihn beruhigen, sei sein absonderlicher Sexualtrieb, sie kenne nicht eine Frau, sich selber eingeschlossen, die etwas einwenden würde gegen seinen beim Akt praktizierten Karottenkonsum; wie er, seinen linken Ringfinger in ihrer Nase, die Möhren zermalme, unterdes der Möhrenmus seimartig auf ihre Brüste tropfe, habe sie in manchen Momenten vielleicht sogar erregt. Weshalb, könne sie nicht sagen, er möge Nachfragen vermeiden. Sie selber schiebe es auf ein Erlebnis in der Kindheit, sie habe ihm beim ersten Date davon erzählt, der Vorfall im Schweinestall der Großeltern. Auch kein Trennungsgrund seien die Basteleien, mit denen er ganze Abende verbracht habe; aus Buntpapier hat er kleine Hütchen gefertigt, die er namentlich beschriftete und morgens den futternden Vögeln vorm Fenster aufsetzte. Da fraßen dann, aus dem Schälchen mit den Erdnüssen und Sonnenblumenkernen, nicht Amsel Drossel Fink & Star, sondern Napoleon, Plutarch und Der kleine Prinz, an sonders verregneten Tagen auch Lenin, Martina Hingis oder Robert Blum. Zuweilen habe sie das süß gefunden, nur erzählt habe sie niemandem davon, auch Freunden nicht, ganz geheuer sei es ihr nicht gewesen, aber als Schrulle, von denen sie selber genügend besitze, allemal verkraftbar. Auch sein foreign accent syndrome dürfe er nicht als Grund vermuten. Es habe sie manches Mal durchaus erheitert, wenn er von der Morgentoilette zu ihr ans Bett gekommen sei und verkündet habe: Well, ick have an dolle News for you, ick worke nu als Rennhase beim Dog Racing. Und keinesfalls solle er glauben, sie hätte sich je an seinem Penisbart gestört – sein Mutton Chops habe immer einen ehrwürdigen Eindruck auf sie gemacht, wenn er es vielleicht mit der Färbung gelegentlich übertrieben habe (ihre Aversion gegen Grün hätte ihm bekannt sein dürfen, es sei die Hautfarbe ihres Vaters gewesen, Gott habe ihn selig). Auch sein irritierend intimes Verhältnis zum Nachbarshund habe sie nicht zur Trennung bewogen; wer komme nicht hin und wieder in Stimmung, einem Rollmops im Hausflur stundenlang den Anus zu kraulen. Nein, diese und vergleichbare weitere Kaprizen haben sie nicht von ihm entfernt, sie machen ihn, im Gegenteil, sogar zu einem liebenswürdigen Partner. Etwas anderes sei es gewesen und er möge ihr einen Moment der Mutfassung erlauben und derweil schweigen.

Orum sieht an Berem vorbei aus dem Fenster, an dem die hinabrinnenden Regenfäden die Wirklichkeit verwässern. Er hatte ohnehin nicht vor zu reden, ihm ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr nach Ein- oder Widerspruch. Flink lockert er seine Krawatte, ohne Berem anzusehen; sein Blick soll sie nicht drängen, auch ist ihm unwohl beim Anblick eines Menschen, der gerade von ihm abrückt. Beiläufig lässt er die Hand vom Hals abfallen unter den Tisch und schiebt sie in seine Hosentasche. Er befingert das Taschenmesser, das er seit der Sache vor einem halben Jahr immer bei sich führt. Schrittweise und lautlos öffnet er es noch in der Tasche. Berem ist offenbar dabei, etwas zu beenden, und in einem launigen Trotz will auch er etwas beenden. Nicht im Dienste einer kosmischen Balance, eines raumzeitlichen Gleichgewichts oder so einem Scheiß, nur weil er es nicht erträgt, hintendran zu stehen. Nur mit Worten kann er gerade nichts beenden, er braucht etwas, das die Angelegenheit für ihn erledigt; nichts eignet sich im Augenblick mehr dafür als ein Messer. Sanft fährt er mit seinem Zeigefinger über die ausgeklappte Klinge. Er schärft sie jeden Abend mit einem Schleifstein an der Holztischplatte im Keller, stehend und summend, es hat was Meditatives für ihn. Der Stahl fühlt sich weich an, wie ein Himmelbett für seine Finger. Und wo er sich in zarten Streifzügen vom Blatt über die Schneide der Klinge anvertraut, als würde er sich zwischen Wagnis und Krise mit dem Schlimmstmöglichen aussöhnen, fängt er beinahe an zu weinen.

Es sei sein Sonntags-Ich. Jeden Sonntag dasselbe, und doch jeden Sonntag auf andere befremdende Art. Ihr fehle die Kraft, und auch die Phantasie, das weiter tatenlos zu ertragen. Jetzt schaut Orum sie doch an, verblüfft kettet sich sein Blick an ihren. Er will etwas sagen, hebt zu einem Satz an, verstummt aber. Müde senkt sich sein Blick auf die beige Tischdecke. Ihre geblümte Randmusterung erinnert ihn an seine Mutter, die jedes Mal, wenn sie zusammen aßen, beinah geräuschlos die Nahrung zerkaute und dabei unentwegt, in einer Mengung aus Manie und Verlegenheit, die Tischdecke an den Rändern um sich glattstrich. Er hat nicht die leiseste Ahnung, was Berem mit seinem Sonntags-Ich meint. Er wisse schon, sagt sie. Aber Orum schüttelt mit verzogenen Mundwinkeln den Kopf. Ob sie es jetzt wirklich ausführen müsse, ob er ihr das ernsthaft zumuten wolle? Er zuckt die Schultern, den Blick stur auf die Tischdecke gebannt. Berem wird mitleidig, aber sie ist auch verärgert. Sie tut sich schwer, ihm die Ahnungslosigkeit abzunehmen. Wenn er es tatsächlich nicht weiß, kann es nur heißen, dass er geisteskrank ist. Vielleicht wie so eine Art Schlafwandel, nur tagsüber. Sie will nun Gewissheit, will sein Gesicht studieren, und so erzählt sie ihm die erste der Sonntagsgeschichten.

Du hast mich früh morgens geweckt, draußen graute es noch, du trugst einen Trenchcoat. Hattest einen lächerlichen Hut auf und eine Sonnenbrille. Warte nicht auf mich, hast du gesagt, am Abend bin ich wieder zurück. Als du die Tür hinter dir zuzogst, habe ich mich wieder umgedreht, ich schlief bis zum Vormittag. Gähnend wachte ich auf, die Sonne blondierte das Zimmer. In der Küche, für den ersten Kaffee, sah ich dich am Tisch sitzen, in der frühmorgendlichen Montur, mit einer Zeitung vor dir. Meine Begrüßung ließest du unerwidert. Ich machte mir Kaffee und wollte Milch aus dem Kühlschrank nehmen; als ich ihn öffnete, erschrak ich: im obersten Fach lagen deine Schlafsachen, im mittleren Socken und Unterwäsche, im untersten, das man aufschieben kann, ein Paar deiner Schuhe. Die dunkelbraunen Halbschuhe, die meine Schwester dir zu Weihnachten geschenkt hatte. Ich konnte nicht einmal aufschreien, so verwundert war ich. Ich sah dich nur an, von hinten, versteckt in diesem Kostüm, und bevor ich etwas sagen konnte, erkannte ich, was du da tatest: du schnittest in die offene Zeitung zwei Löcher. Ich war mit den Nerven so ungefähr am Ende, also ließ ich dich allein und schloss mich im Bad ein. Vor lauter Aufregung konnte ich nicht urinieren. Ich saß nur da und versuchte, mir über die Sache klar zu werden. Also, was das für eine Sache überhaupt war. Dann hörte ich die Haustür zufallen. Aus Gewohnheit riss ich Papier von der Klorolle, und als ich mir klar machte, es nicht zu brauchen, schnäuzte ich hinein. Noch während die Spülung lief, hastete ich aus dem Bad und zog mir meinen roten Mantel über. Schlüpfte in meine Schuhe und öffnete leise die Haustür. Als ich nichts hörte, und dich auch nicht sah, schritt ich rasch die Treppen hinunter bis ins Erdgeschoss, um vorsichtig zu schauen, ob ich dich draußen sehen würde, sinnlos rumlungernd oder Schlimmeres. Nahezu lautlos huschte ich hinaus, schaute mich auf dem Gehweg um und sah dich gerade noch um die Kreuzung biegen, hinten beim Busch vor der Hauptstraße. Ohne zu rennen, aber so geschwind wie möglich folgte ich dir. Und folgte dir von da an den ganzen Tag, erst durch unser Viertel, dann durch die ganze Stadt hindurch. Und den ganzen Tag habe ich dich beobachtet, wie du irgendwas anderes beobachtet hast. Meistens, offen gestanden, nichts. Oder nichts, das ich sehen konnte. Nur hin und wieder hieltest du die Zeitung aufgeschlagen vor dir, mit den zwei Löchern auf Höhe deiner Augen. Einmal war da doch etwas – du hast dich, mit der offenen Zeitung, herabgebeugt, als würdest du, durch die Löcher, einen Käfer betrachten oder eine Ameise. (Es war ein Regenwurm, wirft Orum ein, der zugibt, sich sonst aber an nichts zu erinnern.) Ein Regenwurm – na, dann eben den. Aber es würde mich schon interessieren, kurzum: was das sollte?

Orum gibt keinen Mucks von sich. Die rechte Hand in der Tasche, den Daumen an der Klinge wetzend, die Finger der linken Hand, vom Ellbogen gestützt, durch die Stirn furchend, muss er für Berem einen nachdenklichen Eindruck machen, indes er nackt durch die Leere seines Geistes stapft. Das Lokal ist halbleer, die Tische, die an ihren grenzen, unbesetzt, der Lärm der übrigen Gäste dringt an sein Gehör nur als gedämpftes Genuschel, mit dem er nicht intim werden muss. Abwechselnd schließt und öffnet er die Augen, je für zehn, fünfzehn Sekunden, einmal wühlt er sich dabei mit dem Handteller innig übers Gesicht. Sein Magen züchtet eine steinerne Knolle heran, als würde die Zeit stehen bleiben in der Sekunde, bevor er von einem Zug überfahren wird. Von der wenn auch zarten, so doch steten Reibung wärmt sich die Klinge zwischen seinen Fingern auf; die Kälte hatte ihm Halt gegeben, jetzt hält ihn nichts mehr. Zweifellos muss er dieser Situation entkommen. Irgendetwas, das nicht er selbst anstrengen kann, muss jetzt detonieren. Das scheint ihm die einzige Rettung zu sein: dass alles in die Luft fliegt, in der nächsten Sekunde. Aber es rührt sich nichts. Berem, die auf eine Reaktion gewartet hat, spult jetzt alles noch einmal ab, für sich selbst vielleicht mehr noch als für ihn.

Die Frage, was das soll, habe ich mir irgendwann nicht mehr gestellt. Obwohl sie sich von Mal zu Mal stärker aufgedrängt hat. Morgens hast du das Haus verlassen, auf immer dieselbe Weise, nur in immer anderer Verkleidung. Einmal hast du auf der Birke hinterm Haus gesessen, zwischen Stamm und Ast geklemmt, und ein Eichhörnchen gefüttert – im Astronautenanzug. Als endlich keine Haselnüsse mehr in deiner weiß umfaserten Hand lagen, ist es an dir hochgeklettert und hat sich, wie ein Flughörnchen, über deinen Helm gespannt. Einen ganzen Vormittag habt ihr so verharrt. Bis der Ast gebrochen ist und du bis zum Abend reglos neben dem Baum lagst, das Eichhörnchen noch immer auf dem Helm. Jede Stunde bin ich ans Fenster hin und habe dir Beeren hinabgeworfen. Zwischen Drei und Vier habe ich mit meiner Mutter telefoniert, sie sagte: Er kriegt sich schon wieder ein. Und ich habe darauf gewartet, aber das hast du nicht, es ging immer so weiter. Einmal hast du den halben Sonntag in Badehose und Schwimmflossen, mit Schwimmflügeln und Schwimmbrille, vorm offenen Kühlschrank masturbiert, ohne zu kommen. Und ohne dich sonst zu rühren, ohne dich unterbrechen zu lassen – ich habe dir Pflaster auf den Rücken geklebt, Sticker von der Tombola, habe dir Wattestäbchen in Ohr und Nase gesteckt, nur um zu sehen, ob du dich regst. Aber nichts, keine Reaktion. Es war, als würdest du mich gar nicht wahrnehmen, an keinem dieser verdammten Sonntage. Auch nicht an dem Sonntag im Herbst, als du zum ersten und letzten Mal gesprochen hast – irgendwie zu mir, aber auch irgendwie zu wem anders. Nur war da halt niemand. Ich feuchte das Lied an, hast du gesagt. Aber es war ja still, nichts lief ja! Ich werde mich in den Bergen nach einem Stück Butter umsehen – an diesen Satz erinnere ich mich auch. Jetzt, wo ich so dran denke, fällt mir beinahe der gesamte Monolog wieder ein, ich glaube, er ging so: Ich fühle mich von der Rose verraten. Ich setze Tee auf, für den Biber. Ich lecke den Besen nicht aus Liebe. Ich feuchte das Lied an. Die Wand hat einen Klaps verdient. Ich niese in die Morgenröte. Ich werde mich in den Bergen nach einem Stück Butter umsehen. Und diese Sätze waren umso unverständlicher, als du ein grünes Filzjäckchen trugst und eine Lederhose und einen braunen Filzhut mit einer Feder, wie ein Förster. Mit wem hast du da gesprochen, mit Gott? Mit Erkem, deiner Ex? Aber ich war schon froh, wenigstens mal deine Stimme zu hören an einem solchen Tag. Damals hoffte ich, ich würde sie öfter hören. Aber am darauffolgenden Sonntag hast du wieder geschwiegen und einen Feuerwehrschlauch um deinen Hals gebunden wie einen Schal und eine blaue Latzhose getragen und bist damit runter zum See, ganz geschwind, ich konnte kaum folgen, und hast den Schlauch abgerollt und das Strahlrohr stracks auf den See gehalten, ein paar Meter vom Ufer entfernt. Da standst du dann, zwei oder drei Stunden, ohne dass was aus dem Schlauch kam, ungerührt. Ich hatte mich hinter einen Strauch gehockt, ich weiß noch, wie ein süßes Paar Stockenten am Ufer entlangschwamm, seelenruhig vorüber an dir, der du zur Säule erstarrt warst mit dem Schlauch in der Hand wie ein Maschinengewehr. Ich weiß nicht, warum ich mir das immer wieder angesehen habe. Ich wollte es irgendwie verstehen. Ich dachte, wenn ich nur lang genug zusehe, würde ein Muster erkennbar, eine Motivation. Aber ich bin nie drauf gekommen, was dich an all diesen Tagen geritten hat. Was hat dich geritten, Orum? Was hat dich so entstellt?

Berem blickt ihn mit einem fragenden Blick an, der wie ein Manöver aussieht, dem gleich ein vernichtendes Urteil folgt. Als er nichts erwidert, sackt etwas in ihr zusammen und sie blickt sich ermattet im Lokal um. An einem Tisch im Eck, drei oder vier Tische von ihnen entfernt, beugt sich ein alter Mann über eine Suppe, die er aus einer grauen Anglermütze schlürft. Am Tisch daneben kippt eine nackte Frau Rotwein durch ihren Ring, den sie zwischen Zeigefinger und Daumen über ihren Mund hält. Berems Blick streift im Halbrund durchs Lokal, über Orums gesenkten Kopf hinweg. In einem andern Eck liegen vier Kinder übereinandergestapelt auf einem Stuhl. An einem weiteren Tisch sitzt ein bärtiger Mann mit schwarzem Zylinderhut und Rotstift in der Hand über der Karte und streicht Worte an, als würde er eine Schularbeit korrigieren. Berem denkt an ihre Schwester, die mit einem Immobilienmakler an die Westküste gezogen ist, in ein Dorf mit sieben Einwohnern, das hunderte Kilometer vom nächsten Ort entfernt liegt. Der Immobilienmakler saß in der Schule neben ihr, sie hätte ihn haben können, Algum hat sich zu einem prächtigen Mann entwickelt. Aber dann traf sie Orum, auf einer Party ihres Hausmeisters, er hielt Moby Dick in der Hand und stand zitternd vor dem Kamin. In diesen Anblick hat sie sich auf der Stelle verliebt. Hat sie an diesem Abend etwas übersehen? Sie schaut an die Decke des Lokals, ein silbern schimmernder Kronleuchter erhellt den Raum. Sie verliert sich im lichtbrechenden Glas, krault versonnen ihre Kinnbäckchen und – schreckt plötzlich auf.

Ein hartes, dumpfes, in der letzten Schallsequenz beinahe schon helles, ebenso metallen wie hölzern tönendes Klopfen, das aus ihrem engsten Sichtfeld kommen muss, kneift ihr Herz zusammen und zerrt ihren Blick unumwunden auf Orum. Er krümmt sich um die Tischkante, auf die er sich mit dem linken Unterarm stützt, und starrt mit einem strengen Blick, der ihm etwas unvertraut Gemeines verleiht, in seinen Schoß. Berems Entsetzen bei diesem Anblick weicht in wenigen Augenblicken, in denen Orum das Taschenmesser immer wieder manisch in sein Geschlecht rammt, jener beispiellosen Gleichgültigkeit einer Frau, deren Herz sich soeben vom Geliebten lossagt.

Hüten

Vor dem Fenster in Pauls Zimmer ist ein Gitter montiert, acht schmale Eisenstäbe längs, drei dicke quer. Wenn er das Fenster aufzieht, hält er sich manchmal an ihnen fest. Er mag das Gefühl von kaltem Eisen in der Hand. Die dickeren fasst er lieber, sie schmiegen sich fülliger in die Faust. Dafür muss er die Hände durch die schmalen Stäbe schieben, und für einen Moment fühlt es sich ein bisschen wie Entkommen an. Als sei eine Hürde genommen, und wenn nur die niedrigste. So hängt er daran, mit den Knien auf dem Stuhl, und schaut auf den ungepflasterten Parkplatz unterm Fenster. Kies und Schotter als Grund für die wenigen Autos, jeden Tag dieselben, postiert wie in einer halbleeren Pralinenschachtel. Von der anliegenden Straße sieht er kaum was, sie führt seitlich weg hinters Haus. Nach vorn, in die Ferne, wölben sich begraste Felder übers Land, gesäumt von einem endlosen Waldstrich. Es ist diesig draußen, die Landschaft milde ausgegraut, kalte Luft stiebt ihm wohlig in die Nase. Solang sie was von draußen ist, mag er sogar die Kälte.

Paul löst die Hände vom Gitter und steigt geschickt vom Stuhl herab. Vom Flur hört er Frau Klaubenbauer, die die Kinder aus ihren Zimmern zum Essen ruft. Beinahe alle liegen in Mehrbettzimmern. Nur Paul und Artur, der Rotschopf, haben Einzelzimmer. Sie machen nachts manchmal ins Bett. Artur hängt am Tag viel in den Zimmern der übrigen Kinder, Paul bleibt in der Regel für sich. Er mag es nicht zu sprechen, auch ist es ihm zu anstrengend, dauernd ein Interesse für das Gerede vorzugeben. Außerdem bliebe sonst sein Opossum zu lange unbeaufsichtigt. Behutsam nimmt er es von der Schulter, drückt ihm einen Kuss aufs Köpfchen und klebt ihm ein Pflaster aufs Schnäuzchen. Dann verstaut er es in einer größeren Pappschachtel, die er unters Bett schiebt. Bevor Frau Klaubenbauer bei ihm klopfen kann, hat er schon die Zimmertür aufgerissen und steht stramm auf der Schwelle zum Flur. Aus dem Nebenzimmer ruft Artur durch die verschlossene Tür: „Bin gleich so weit!“ Frau Klaubenbauer, die in ihrem weißen Kittel davor steht, erspäht Paul im Augenwinkel und wendet ihm lächelnd ihr Gesicht zu. „Hast du dich auch gewaschen?“ fragt sie. Paul nickt. Wenn er wolle, könne er schon vor in den Essraum. Aber Paul schüttelt den Kopf und bleibt stehen. Sobald er abgezogen wäre, könnte sie sein Zimmer durchsehen, vielleicht würde sie auch unters Bett schauen. Und niemand darf das Opossum finden, schon gar nicht Frau Klaubenbauer. „Ich warte auf Artur!“ ruft er zurück. Frau Klaubenbauer, die ihre Hände in die breite Taille stemmt, murmelt gefällig. Sie nimmt es als Anzeichen einer vorsichtigen Geselligkeit, die sie sich von Paul erhofft. Dem aber ist daran nicht gelegen, er will nur sein Geheimnis schützen. Da sein Zimmer das letzte am Ende des Ganges ist, werden sie, wenn Artur herauskommt, alle drei gemeinsam in den Essraum gehen. Dann hat er wieder einen Tag überstanden.

Der hölzerne Esstisch ist zwölf Meter lang und zwei Meter breit. Er wirkt wie aus einem großen Bootsrumpf geschlagen und dann nur notdürftig bearbeitet. Acht Drehstühle an jeder Seite, je einer an den Enden. Allein der Anblick versetzt Paul in Anspannung. Unwillig lässt er Artur, der sich ein Lätzchen umlegt, den Vortritt und nimmt zwischen ihm und einem dunkelhaarigen Jungen Platz. Er mag es nicht, zwischen zweien eingezwängt zu sein, lieber säße er an der Ecke. Aber er hat sich als Arturs Gefährte ausgegeben, dem muss er jetzt treu bleiben, und Artur sitzt gern inmitten der anderen. Während Paul nur auf die Tischkante vor ihm starrt, grinst Artur vorfreudig in die Runde. Der konfuse Lärm, wenn sich Kinder an einen Tisch setzen, stachelt ihn an. Etwas, das Paul fremd ist; er sinniert sich vom Lärm weg. Anders als die Füße der anderen Kinder reichen seine nicht ganz zum Boden hin. Nur Artur ist noch kleiner als er, eine Spur bloß, von weiter weg kaum zu sehen. Aber manchmal stellt sich Paul direkt neben ihn und vergewissert sich heimlich seines hauchdünnen Größenvorsprungs. Er zieht dabei die Haare ab und misst nur bis zur Stirn. Sein klarer Scheitel macht, im Hinblick auf die Größe, weniger Eindruck als Arturs rötlicher Wuschelkopf. Im Sitzen jetzt kann er es allerdings nicht mehr abschätzen. Seine Beinchen baumeln für einen Moment ratlos hin und her. Aus dem Drang nach Halt heraus löst er die linke Ferse aus seinem Schuh und schiebt die rechte Schuhspitze in die Klaffung. So ersetzt er sich den Boden. Er muss nur aufpassen, den linken Schuh nicht vom Fuß rutschen zu lassen.

Frau Klaubenbauer, durch deren Kittel eine dunkle Bluse aufblitzt, setzt sich ans hintere Tischende; das vordere, nahe der Tür, bleibt leer. Paul weiß schon warum, er ist lange genug hier. Nachdem Frau Klaubenbauer ihre Stuhllehne eingestellt und die Hände über dem Tisch ineinandergefaltet hat, ist es plötzlich still in dem weiten, sonst leeren Raum. Die Wände sind kahl, vor den Fenstern hängen keine Gardinen. Auf der Tischmitte liegt ein kleines geblümtes Deckchen, 40x40cm, als Untersetzer für einen gewaltigen, dampfenden Hirschbraten. Er scheint noch leicht nachzubrutzeln, für Paul sieht er etwas angebrannt aus. Unwillkürlich verzieht er das Gesicht, ihn ekelt der nussige Geruch. Die Kinder ringsums indes geiern förmlich auf ihn. Ihre sturen, knittrigen Blicke sind Paul unheimlich. Da er weiß, was nun folgt, schlüpft er wieder ganz in den linken Schuh. „3, 2, 1 …“, flüstert Frau Klaubenbauer, dann ruft sie laut: „LOS!“ Und wie ein Schwarm Frettchen, in sich ohne Ordnung, stürzen die Kinder auf allen Vieren über den Tisch, krabbeln neben- und übereinander, hacken rasch ihre Zähnchen in den Braten und schlucken hastig abgenagte Fetzen unverdaut hinunter. Vier, vielleicht fünf Kinderköpfe haben um einen Braten dieser Art herum Platz, und diese vier oder fünf geben ihn nicht frei, bis der Braten verschlungen ist. Die übrigen gehen leer aus. Artur und Paul sind meistens unter den Übrigen. Artur hat nicht das Durchsetzungsvermögen, Paul nicht den Antrieb. In der Regel schwingt Paul sich nur zur Schau auf den Tisch, um mit halber Geschwindigkeit den vorderen nachzukriechen. Er hat es nicht auf den Braten abgesehen, will aber keinen Verdacht stiften.

Sowie der Braten vertilgt ist, robben die Kinder, alles Jungen, wieder zurück zu ihren Plätzen und lassen sich im Schneidersitz auf ihren Stühlen nieder. Zeit zu meditieren. „Findet eure Mitte“, gibt ihnen Frau Klaubenbauer in gedämpfter Tonlage mit, „aber ohne zu suchen.“ Paul meditiert nicht gern. Sobald er die Augen schließt, sieht er immer dasselbe, und er hasst es: einen Eisbär, der durch eine geschlossene Shopping Mall streift. Er folgt dem Eisbär durch die Gänge, geht mit ihm auf glänzendem Marmorboden an den Geschäften vorüber, teils vergittert, teils von Rollläden geschützt, und findet keinen Ausgang. Jeden Tag muss er durch diese Mall, und der Schrecken nutzt sich nie ab. „Eure Mitte ist kein Ort“, sagt Frau Klaubenbauer mit sanfter Stimme, „sie ist ein Gefühl.“ Die Kinder sitzen schnaubend um den Tisch gereiht, eines räuspert sich, ein anderes durchbricht die Stille mit einem kurzen Husten. „Nichts mehr denken – nichts mehr meinen – nur da sein – ganz für sich.“ Paul kann sich auch nicht abwenden; wenn er den Eisbär sieht, muss er ihm folgen, wie ein Magnet. Und immer kommt der Moment, in dem sein Widerwille plötzlich schmilzt, in dem er sich dem Eisbär zeigen und mit ihm befreunden will, in dem er so tief ins Bild taucht, dass er meint, mittendrin zu sein. Und immer tönt es in genau diesem Augenblick: „Gut, Jungs, das war’s! Räumt den Tisch ab und geht auf eure Zimmer.“ Wie morgens, wenn die Hausklingel schrillt, wacht Paul aus der Phantasie auf und braucht immer einen Augenblick, sich zurechtzufinden. Mühsam windet er sich aus dem Schneidersitz und gleitet träge vom Stuhl. Eben noch war er kurz davor, dem Eisbär eine Komplizenschaft anzutragen, jetzt räumt er mit den Kindern, die auch vom Braten nichts bekommen haben, den Tisch ab. Gemeinsam tragen sie das fettvertropfte Deckchen ans Fenster, klopfen es am Sims aus und pusten es trocken. Dann knobeln sie aus, wer es sich von ihnen am nächsten Tag als Lätzchen um den Hals binden muss. Paul hat rasch gelernt, die Impulse der anderen Jungs zu studieren; beim Schnickschnackschnuck gewinnt er fast immer, beim Würfeln hat er meistens Glück, bei Schätzfragen bewegt er sich für gewöhnlich zwischen den Extremen. Anders als Artur, der einsame Rekordverlierer. Wie immer schwankt Paul auch heute zwischen Mitleid und einer zahmen Verachtung dafür, auf beinah immer dieselbe Weise zum Leidtragenden zu werden.

In seinem Zimmer, das ihm nach jedem Essen wie ein Fluchtraum erscheint, zieht er die Schachtel unterm Bett hervor und lässt behutsam das Opossum raus. Wie ein Pfleger reißt er ihm das Pflaster von der Schnauze, kurz und schmerzlos. Das Opossum jault leise auf. „Alles gut, alles gut“, flüstert Paul ihm zu und küsst sein Köpfchen. Dann lässt er, den Rücken an die Bettkante gelehnt, die Hände so sorgsam von ihm, als wäre etwas angerichtet. Sogleich braust es davon und schnellt unwirsch durchs Zimmer. Erklimmt zunächst den Tisch gegenüber vom Bett, hechtet mit einem wuchtigen Satz aufs leere Regal darüber und von dort auf den grauen leeren Kleiderschrank, um über den Umweg zum Waschbecken, das neben der Tür vor dem Bett an der Wand hängt, den Fall in die Tiefe zu wagen auf den Linoleumboden, auf dem es so flink herumflitzt, dass Paul es momentweise aus den Augen verliert. Vielleicht ist es gar kein Opossum, denkt er. Aber er bleibt bei dem Namen, er hat sich an ihn gewöhnt. Im Augenwinkel erspäht er es wieder, und im nächsten Moment hopst es schon auf seinen Nacken. Paul hebt seinen Arm hinter sich und krault es sachte. Sein Fell ist so weich, am liebsten würde er den ganzen Tag so verbringen. Auf dem Boden sitzen, den Rücken an die Bettkante gelehnt, und das Opossum kraulen. „Wenn ich dich nicht hätte“, seufzt er. Draußen trübt sich der Himmel. Er ist jetzt ganz bedeckt von einer grauen Wolkenschicht. Aber es ist ein helles, schwaches Grau, es wirkt ungetränkt. Zum Opossum sagt Paul: „Ich wette, es wird heute nicht mehr regnen.“ Dann klopft es an der Tür.

Aus Schreck fasst Paul das Opossum fester, dann wiederum ereilt ihn vom Anblick des halb zerdrückten Tierchens der nächste Schreck und er lässt beinah ab von ihm. Wo er die Hände schon so gut wie geöffnet hat, schließt er sie doch wieder, wenn jetzt auch sanfter. Denn jetzt erst recht darf ihm das Opossum nicht entwischen. Vor allem keinen Mucks soll es machen. Mit einem Blick, der die stumme Entschuldigung inniger ausdrückt, als der Mund sie sprechen könnte, verklebt er dem Tierchen wieder die Schnauze. „Ja?“ fragt er in einem Ton, der ihm zu ängstlich gerät, obwohl er sich ihn als entschlossenen vorgenommen hat, und staucht das Opossum zurück in die Schachtel, die schnurstracks unter dem Bett verschwindet. „Artur hier“, tönt es von draußen. „Ja?“ fragt Paul erneut, diesmal schon mit festerer Stimme und etwas gedehnt. „Kann ich reinkommen?“ Und Paul, der von der Müßigkeit solchen Hin und Hers erschöpft ist und sich darauf die Frage nach dem Warum versagt, gewährt ihm geschlagen den Einlass. „Klar, komm rein.“

Paul, der einen Anlass von höchster Zeit erwartet, nicht aufschiebbar, ist verdutzt von Arturs schlenderndem Einfall in sein Zimmer. „Hi“, sagt der und schlurft gleich seinem Blick zum Fenster nach. „Sieht nach Regen aus“, sagt Artur und legt die Hände aufs Fensterbrett. Was er wolle, wäre von Paul zu fragen, aber vielleicht ziert sich Artur auch nur mit der dringlichen Angelegenheit, die Paul angesichts solchen Besuchs noch immer für zwingend hält. Aber Artur hat dergleichen nicht im Sinn. „Meinst du auch, dass es bald regnet?“ fragt er Paul, ohne ihm das Gesicht zuzuwenden. „Nein“, sagt der und rückt seinen Hintern ein Stück nach links, genau vor die Schachtel. „Die Wolken sind nicht dunkel genug.“ Artur ist verblüfft. „Aber warum sollte sich der Himmel zuziehen, wenn nicht zum Regnen?“ Paul hält diese Unterhaltung für ganz unnütz. Langsam löst er sich auch von der Sorge, das Opossum könne entdeckt werden, und setzt über in einen gelinden Missmut, dass Artur offenbar kein ernstliches Anliegen habe. Er will seine Zeit nicht mit einer Plauderei vergeuden, die Artur, wie er es zu oft erlebt hat, am Folgetag bereits wieder vergessen hat. Paul jedenfalls kann nichts vergessen, nicht den sinnlosesten Wortwechsel, und daher will er ihn meiden, wo er nur kann. So fragt er es doch, wenn auch höflich: „Was willst du?“ „Ach nichts“, sagt Artur, „nur bisschen rumhängen.“ Auf der Stelle verhärtet sich Pauls Gesicht. Ihm wird mulmig bei der Aussicht, Artur könne für länger bleiben. Wo es nichts aufzulösen gibt, gibt es auch kein fest ins Auge nehmbares Ende. Er stützt seine Arme weiter seitlich von sich weg, um Artur, der hin und wieder zu ihm runtersieht, keinen noch so unwahrscheinlichen Einfallwinkel unters Bett zu erlauben. Innerlich betet er dafür, das Opossum möge sich in der Schachtel nicht bewegen, ein Rascheln oder Poltern könnte er nicht plausibel erlären. Also geht er, wenn auch zaghaft, in die Offensive: „Warum bist du nicht bei den andern?“ fragt er betont verwundert, dass Artur es als Frage von ernstem Interesse nehmen kann. „Will nicht“, sagt Artur und blickt in Pauls ungläubiges Gesicht, in dem sich unwillkürlich eine Augenbraue erhebt. Selbst Artur kauft sich diese Antwort keine zwei Sekunden lang ab. „Haben sich lustig gemacht“, seufzt er und schaut wieder aus dem Fenster, „wegen dem Einnässen.“ Paul begreift gleich, ohne von sonderlichem Mitleid gerührt zu sein, dass Artur jetzt nicht allein sein kann. Er benötigt eine Portion Solidarität, und die kann er nur von dem einen Jungen erhalten, der am selben leidet wie er. Am besten scheint es Paul, jetzt nicht davon zu reden. Man muss sich, findet er, von der Scham ablenken, jederzeit, und sie nicht noch durchforsten. Lieber will er Artur was Aufmunterndes anbieten. Und dann macht er, von der Fürsorge verleitet, einen Fehler. „Magst du Tiere?“ fragt er Artur.

So sehr Paul sein Opossum verschweigen will, verschweigen muss, so sehr will er auch von ihm reden. Mehr noch, er will es zeigen, er will es zum Objekt von gemeinem Interesse machen. Er selber hält es für das Wunderbarste auf der Welt. Und wenn ihm etwas wie Glück beschieden ist, dann kommt es von jenem Nachdruck, mit dem das Opossum mit ihm zu tun haben will. Mit dem es sich, wenn es ihn erblickt, auf ihn bezieht. Wie es ihn leise anquiekt oder ihn verspielt bekrabbelt. Und ein solches Glück, das für einen Einzelnen in seiner Wucht nicht zu fassen ist, will besprochen, will mitgeteilt werden. Nur weiß Paul, das geht nicht, es darf nicht sein. Auch wenn er sich täglich verlockt fühlt, wenigstens einem sich anzuvertrauen. „Klar mag ich Tiere“, sagt Artur, „warum fragst du?“ Erschrocken über seinen Leichtsinn zuckt Paul zusammen, seine Augen weiten sich und federn umher. Wie jetzt noch das Thema wechseln? Panisch klammert er sich ans vorige: „Die andern, was?“ sagt er dann wie nebenher, „Sind schon doof irgendwie.“ „Ach was“, sagt Artur, der sich längst nicht so auf die Tierfrage versteift hatte wie Paul und sich leichter von ihr abbringen lässt als dieser, „die meinen es bestimmt nicht bös.“ Von dieser Treuherzigkeit nun ist Paul doch gerührt, wenn sie für ihn auch was Tragisches hat. So sehr hat sich Artur den andern Jungs aufgedrängt, dass er beinahe zu ihnen gehört. Aber doch nur beinahe, nie wirklich, nie ganz. Das Einzelzimmer, und für was es steht, trennt ihn auf gewisse Weise durchaus von ihnen. Paul hingegen drängt es so wenig zur Gruppe der anderen, wie es diese zu ihm drängt. Da er sich entzieht, oder mehr absichtslos außen vor bleibt, ist er kein Material für sie, höchstens als Gerücht. Und von dem bekommt Paul nie was mit. Er müsste unter anderen sein, um von ihm zu erfahren. Von Artur jedenfalls erfährt er es nicht.

„Meinst du sicher, es wird nicht regnen?“ Paul streckt sich, weil ihm vom Sitzen an der Bettkante die Schultern schmerzen, und schüttelt den Kopf. Man darf Artur, denkt er, nicht zu lange unbequatscht lassen, andernfalls rückt er die nutzlosen Fragen raus. Die nach dem Wetter schien seiner Meinung nach jedenfalls geklärt. „Bin sicher“, sagt er und nimmt nach der Streckung wieder die vorige Positur ein, kerzengerade an der Bettkante, die Arme seitlich von sich weggestützt. Ihn quält der Gedanke, dass seinem Opossum an einem Tag schon zum zweiten Mal die Schnauze verklebt ist. Irgendwie fürchtet er, es könne diese Maßnahme gegen ihn auslegen, es könne sie ihm übel nehmen. Er will es ihm ja nicht antun, er hasst es, nur fällt ihm nichts besseres ein. Aber mittlerweile könne man Artur ruhig wieder vertreiben, auch wenn es Paul schwerfällt, in fremden Gesichtern die Grade von Betrübnis einzuschätzen. Vorsorglich blickt er, wenn Artur ihn ansieht, zwischen ihm und der Tür hin und her. So unauffällig wie möglich, es soll nicht nach Absicht aussehen. Aber vielleicht ahnt es Artur, denn mit einem Mal kommt er wieder auf die Frage nach den Tieren zurück. „Ich mag Schlangen“, sagt er und setzt sich aufs Fensterbrett, „hast du schon mal eine gesehen?“ Jetzt wurde Paul übertölpelt. Er hätte verhindern müssen, dass Artur sich setzt. Wer einmal sitzt, den kriegt man noch schlechter weg, der fängt ja erst an, sich einzurichten. Aus Missmut wie aus Verneinung verzieht Paul die Mundwinkel und schüttelt den Kopf. Wie hätte er jemals einer Schlange begegnen sollen, denkt er. Artur grinst ihn verschwörerisch an. „Willst du mal eine sehen?“

Ich hasse Schlangen, will Paul gerade sagen – auch um Artur so vielleicht zu vergraulen -, als beide vor Schreck erstarren. Die Sonnerie, oben an der Wand über Pauls Bett, schellt plötzlich los. Sie schellt und schellt und schellt, viel länger als am Morgen, fürchterlich laut. Als würde der Teufel kreischen, mit heiserer Stimme. So ohrenbetäubend dieser Krach ist, so totenstill ist es in den beiden Jungs. Wie Wachsfiguren sitzen sie da. Nach mehreren Durchgängen ist die Klingel ebenso plötzlich wieder still. Beide atmen schwer aus, wie nach einem Schock. Artur findet als erster zu sich. Flott hopst er vom Sims und reckt sich ins Hohlkreuz, als ginge ein langsamer, kräftiger Schauder durch ihn. Dann lächelt er Paul an, der noch wie versteinert an der Bettkante lehnt. Von draußen, auf dem Flur, tönt der erste Tumult. „Feueralarm!“ schallt es von manchen der Jungen. Ihr Getrampel weckt auch Paul aus seiner Starre, der erst sehr zögerlich, dann ruckartig seine Lage begreift. Wie vom Blitz getroffen, fasst er hinter sich, unters Bett, und hält dann, mit Blick auf Artur, inne. Soll er sich jetzt verraten? Muss er es vielleicht? Artur reicht ihm die Hand. „Komm hoch“, sagt er, „wir müssen raus.“ Aber Paul kann sich nicht rühren, er ist vom inneren Schwindel wie gelähmt. „Geh schon vor“, flüstert er, aber Artur schüttelt den Kopf: „Ach was, lass uns zusammen gehen.“ Ob es wirklich ein Feuer gibt, ob es nur eine Übung ist, weiß Paul nicht. Aber er hört Frau Klaubenbauer vom Flur: „Alles liegen lassen, nichts mitnehmen, ihr kennt die Regeln!“ „Na los, komm“, ruft Artur ihm zu, „wir müssen jetzt raus!“ „Ich kann nicht“, wimmert Paul, „ich muss ..“ „Was musst du?“

Dann ertönt, wie von allen Seiten, ein grausamer, gellender Ton, der sich dumpf aufbaut und in einen immer helleren Dauerpiep übergeht. Die Rauchmelder des Hauses, offenbar brennt es wirklich. Und plötzlich dröhnt über den ganzen Flur Geschrei. Wie von der Tarantel gestochen fallen die Kinder dem Krach nach zurück in ihre Kammern ein, Paul hört lautes Gepolter. Auch Artur zuckt panisch zusammen, in seinem verzerrten Gesicht liegt mit einem Mal eine Angst, die Paul nur von sich selber kennt. „Ich muss!“ ruft Artur aus und stürmt wie toll geworden aus dem Zimmer. Durch die offene Tür dringt Gewinsel und Schluchzen aus den übrigen Zimmern herein, es klingt, als wäre das ganze Haus übergeschnappt.

Auf dem rechten Arm, vom linken Bein gestützt, hebt Paul sich hinauf, bleibt für einen Augenblick ratlos stehen und sieht dann aus dem Fenster. Frau Klaubenbauer, im schwarzen Mantel, an dessen Ärmelspitzen ihr weißer Kittel heraushängt, steht draußen auf dem Parkplatz und sieht missmutig hoch zu den Zimmern. Noch ist keines der Kinder um sie. Ob er noch Zeit hat? Hadernd sinkt er wieder auf den Boden und kauert vor dem Bett. Wenn er die Pappschachtel öffnet, wenn er sein Opossum nur einen Moment ansieht, muss er es mitnehmen, das weiß er, dann brächte er es nicht übers Herz. Aber er darf nichts mitnehmen, nicht mal ein Buch, gar nichts. Aber das Opossum schon dreimal nicht. Niemand darf ja davon erfahren. Niemand, niemand. Nur kann er es doch nicht zurücklassen!

Das Piepen der Rauchmelder hat sich in Pauls Ohr wie zum letzten Ton versteift. Vor dem Fenster wabert die Luft, Rauchschwaden vernebeln den Blick. Paul kann sich nicht entscheiden. Sein kleiner Körper krümmt sich zitternd über die Bettkante, sein Gesicht liegt vertränt auf der Matratze. Von nebenan hört er Artur, der flehentlich, als würde seine Stimme sich überschlagen, „ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht“ jammert. Und noch bevor er sich das erschließen kann, steigt ihm, als Anstoß zu einer Einsicht, Qualm in die Nase. Dann wird er ruhig. Aus dem Nichts pendelt sich seine Atmung gleichmäßig ein, er hört auf zu schluchzen, sein ganzer Körper entspannt sich. Auf einmal ist er ganz bei sich, ganz unmittelbar, wie vielleicht noch nie in seinem Leben. Als hätte er sich erstmals seiner selbst bemächtigt, mit dem klarsten und unbeirrbarsten Fokus. Und wie an der Schnur gezogen nimmt er die Schachtel unterm Bett hervor, legt sie sorgsam auf die Matratze, steht auf und schließt die Tür. Wieder am Bett, greift er vorsichtig das Opossum aus der Schachtel und zieht ihm in einem Ruck das Pflaster von der Schnauze. Leise jault es auf, und innig drückt er es zwischen Kopf und Brust an sich. „Tut mir leid“, flüstert er.

Ihre linke Schuhspitze kreiselt auf einem Kieselstein, ihre Arme verschränken sich erst lasch vor ihrem Bauch, bald angespannt unter ihrer Brust, ihr schwarzer Kragen steht hoch: mit wehendem Haar sieht Frau Klaubenbauer vom Boden des Parkplatzes hinauf zum brennenden Stockwerk. Der wallende Rauch hüllt das Haus in dichten Nebel ein. In schmalen Wolkenzeilen zischt er aus den Traufen und Balkenritzen hervor, um sich geschmeidig übers Dach zu winden und, jäh anschwellend, um die oberen Fenster zu bauschen. Es knistert und rauscht, und wenn auch vom fuchsroten Feuer noch nichts zu sehen wäre, das Unweigerliche ist da lang erkennbar, vom natürlichen Lauf der Dinge gefestigt. Immer wieder verzieht sich der Rauch, wird für Augenblicke vom Wind in rauen Böen vom freistehenden Haus geweht, in einem tiefgrauen, teils schwarzen Wolkenzug bläht er sich fort. Dann sieht sie die Jungen vor den offenen Fenstern an den Gitterstäben hängen. Die in den Mehrbettzimmern vom flirrenden Feuer schon umrahmt, jeder mit seinem Tier vor der Brust. Ein Junge mit seiner Spornschildkröte, einer mit seinem Bambuslemur, einer beugt sich winselnd um seinen Katta, ein anderer um seinen Quoll, einer staucht sich seinen Tamarin an die Brust, der nächste sein Gürteltier, andere wiederum sind umwunden von Haubenlangur und Kronenmaki. Rechts Artur, die Python um sich gewickelt, daneben Paul mit seinem Wiesel. Hasserfüllt schaut Frau Klaubenbauer auf diese Tiere, beinah unbeirrt von den Jungen. Jetzt schnappen sie panisch nach Luft, kreischen ratlos in die Weite, von den Flammen in ihren Zimmern unfliehbar gestellt.

Nur Paul, vom Schimmer hell erleuchtet, bleibt stumm. Andächtig küsst er das Wiesel und quetscht es ungerührt zwischen die Gitterstäbe. Dann lässt er es fallen und schaut ihm bis zum Boden nach. Für einen langen Augenblick regt es sich nicht, vor Sorge sinkt Paul schon in sich zusammen, bis es plötzlich leise quiekt und in einem Satz davonjagt. Als er aufschaut, sieht er Frau Klaubenbauer mit gesenktem Kopf vom Parkplatz abgehen, ohne Regenschirm. Solange er kann, blickt er ihr nach. Für Momente wird sie vom Rauch verwischt, und als Paul sie wieder erkennt, scheint sie über die Grasfelder, die sich übers Land wölben, beinahe zu schweben. Und während es an Pauls Nacken anfängt zu zwicken, verschwindet sie, wie ein Phantom, im endlosen Waldstrich.