………………………………… ich war neun Jahre alt, als mich Tante Réka zu den Katzen mitnahm, in einer zerschlissenen braunen Cordhose und einem nicht mehr weißen Nicki, dazu in alten Schuhen, die vom Toben im Hof verschmutzt waren, denn meine guten Sachen sollten nicht zerkratzt werden, und Tante Réka hielt mich dauernd an der Hand, vom Anfang bis fast zum Ende des Dorfes, weil nämlich das Dorf für mich damals nur einen Anfang und nur ein Ende hatte, hinter dem es weltmäßig nicht mehr weiterging und nur noch eine menschliche Auslaufzone lag, und der Anfang war da, wo das Haus meiner Großeltern stand, es war das fünfte oder sechste Haus, nachdem man von der großen Stadt her ins Dorf reinfuhr, und nicht eine Sekunde ließ Tante Réka von meiner Hand, auch nicht, als wir von der langen Hauptstraße, die einerseits das Dorf, andererseits den Fluss entlangging und auf der uns durch jeden Zaun ein Hund angebellt hatte, in eine Nebenstraße abgingen zum Haus von Onkel Bence, von dem es hieß, er halte ein Zimmer nur mit Katzen, die er den Kindern der Nachbarschaft vermachte, wenn die eine wollten, und die ganze Zeit, während wir das Dorf durchquerten, ich in den schmuddeligen Fetzen, Tante Réka in einer feinen violetten Bluse, denn sie hatte keineswegs vor, näheren Kontakt zu den Katzen aufzunehmen, die ganze Zeit dachte ich, wer immer uns so sähe, würde Tante Réka für meine Mutter halten und mich für ein Kind, das an der Hand genommen werden muss, dabei hatte mich meine Mutter, die mir als Begleitung lieber gewesen wäre als Tante Réka, schon lange nicht mehr an der Hand genommen, zwischen uns hatte sich herausgestellt, dass ich bereits allein gehen konnte, ich war längst im Stande, das Tempo der Großen mitzugehen, es war nicht mehr notwendig, mich an der Hand zu nehmen, es war auch, eben weil nicht mehr notwendig, auch nicht schicklich gewesen, nach meinem Eindruck damals, aber meine Mutter konnte nicht mitkommen, sie verstand die Sprache nicht genug, vielleicht hätte sie sich eine ganze Katzenfamilie aufschwatzen lassen, denn so waren die Gerüchte um Onkel Bence, lieber gab er eine Katze zu viel mit als zu wenig, und deshalb musste Tante Réka mitkommen, die sich mit Onkel Bence in ihrer Muttersprache unterhalten konnte, auch wenn wiederum ich dann kaum ein Wort verstand, ich konnte nur die Kindersprache, in der man Bedürfnisse wie Essen, Trinken und Schlafen äußern kann, aber Geschäfte konnte man in der Kindersprache nicht verhandeln, dazu brauchte man Kenntnisse der Erwachsenensprache, und die hatte ich nicht, also brauchte ich eine Begleitung, und da war mir Tante Réka lieber als mein Vater, der mich zwar auch nicht an der Hand genommen hätte, aber der hätte mich, wie es unzählige Male vorgekommen war, während er sich mit anderen Erwachsenen unterhielt, zu irgendwelchen fremden Kindern zum Spielen geschickt, was ich schon verabscheute, wenn ich sie verstand, dann vielleicht sogar noch mehr, aber ich verabscheute es auch, wenn ich die andern Kinder nicht verstand, und insgesamt war ich gut davonkommen mit Tante Réka als Begleitung, ein bisschen Deutsch konnte sie auch, alle paar Häuser fragte sie mich, Freust dich schon?, und immer sagte ich Ja, obwohl ich gar nicht wusste, ob ich mich freue, denn tatsächlich wollte ich immer eine Katze, aber das davor wollte ich nicht, den Kontakt mit Onkel Bence, den ich nicht gut kannte, den ich nur ein paar Mal im Hof der Großeltern gesehen hatte, wenn zwischen Hühner- und Schweinestall gegrillt wurde und er auf ein paar Bier vorbeigekommen war und dreckige Witze erzählt hatte, wie meine Mutter später zugab, über die alle gelacht hatten, sogar mein Vater, der uns alle dreckigen Witze immer verboten hatte, er hatte sogar am meisten darüber gelacht, und ich hatte Angst vor der Begegnung, auch wenn ich nicht wusste, wovor genau ich Angst hatte, denn das Reden würde Tante Réka übernehmen, dafür war sie ja mitgekommen, ich musste nur sagen, die da, die will ich, mehr musste ich nicht sagen, wahrscheinlich hätte ich sogar nur auf sie zeigen müssen, die Hand ausstrecken und einen Finger draufhalten, aber es war mir unangenehm, mich entscheiden zu müssen vor einem Menschen, den ich nicht genauer kannte und der mich auch nicht genauer kannte und dem ich jetzt aber bewusst werden würde in einem für mich so entscheidenden Moment, in dem ich mich preisgeben müsste, in dem ich etwas wollte und in dem er mir, was ich wollte, geben könnte, das war mir nicht geheuer, und je näher wir dem Haus von Onkel Bence kamen, das ich noch nie gesehen hatte, desto mulmiger wurde mir, und ich überlegte schon, Tante Réka zu sagen, ich wolle lieber doch keine Katze, ich hätte gar nicht die Zeit für eine Katze und gar nicht den Raum, und auch würde ich Katzen gar nicht so mögen wie Hunde, was nicht stimmte, obwohl ich Hunde mochte, waren mir Katzen lieber, aber ich hatte so oft ihre Frage Freust dich schon bejaht, dass mir kein Grund für den Sinneswandel einfiel, vielleicht hätte ich sagen können, ich habe sie nicht enttäuschen wollen und daher angelogen, aber ich kannte Tante Réka auch nicht gut genug, um einschätzen zu können, ob sie daraufhin verärgert oder mitleidig gewesen wäre, und ich hätte ja ganz aufs Mitleid setzen müssen, also dachte ich, ich würde einfach in Onkel Bences Haus, im Zimmer mit den Katzen, sagen, hiervon gefalle mir keine, oder ich würde einfach nichts sagen, bloß schweigen, und vielleicht würde sich die Lage, in der mich befand, dann wie von selbst erledigen, aber so fühlte sich das alles nicht an, als würde sich irgendwas von selbst erledigen, da schon nicht mehr, nicht mehr im Alter von neun Jahren, da hatte ich schon erfahren, dass sich nichts von selbst erledigt, obwohl ich später, viel später erfahren würde, dass sich das, wovor man am meisten Angst hatte, in der Regel doch von selber erledigt, oder fast von selber, und als mir schon trostlos zumute war, standen wir endlich vor Onkel Bences Haus, einstöckig wie ein Bungalow mit deutlich bröckelndem Putz, wobei wir eigentlich nicht davor standen, denn wir gingen, von der Straße kommend, direkt hinein, klingelten auch gar nicht, die Tür stand offen wie jede Tür im Dorf meiner Großeltern, jeder konnte jederzeit rein, was aber nur Verwandte und Nachbarn nutzen, Diebe gab es keine, es gab auch nichts zu klauen, jeder im Dorf hatte nur das Nötigste, und wer mehr hatte, zog aus dem Dorf weg, und nur eine Sache, bestenfalls, haben sich manche erlaubt, die sie mehr hatten als das Nötigste, bei meinen Großeltern waren es zwanzig, dreißig Standuhren im Wohn- und im Schlafzimmer, jeden Tag jede Sekunde klackerte es in den Zimmern von den Sekundenzeigern, und wenn wir wieder fort waren und zuhause, konnte ich manchmal nicht einschlafen, weil mir das Klackern plötzlich fehlte, wie ich bei meinen Großeltern manchmal nicht einschlafen konnte, weil mich das Klackern wachhielt, und dann sah ich mir die Punkte an den Wänden an, die kleinen Erhebungen, Reste vom Spachteln, und verband sie zu Gesichtern, von denen ich mir nichts erzählte, weil sie an sich so eindrücklich waren, dass mir weiter zu ihnen nichts einfiel, und weil ich überhaupt ein Kind war, dem wenig einfiel, ich war neun Jahre und hatte kaum Phantasie, zwar sprach ich ständig mit mir selbst, ohne den Mund zu bewegen, aber ich sprach nur von dem, was ich eh sah, was eh vor mir war, wie als wollte ich es mir einverleiben und als könnte ich auf die Weise ebenso wirklich werden wie die Dinge, die sich vor mir abspielten, aber es gelang mir nie, immer blieb ich außen vor, immer wie durch eine Glaswand vom Wirklichen getrennt, auch als wir ins Haus von Onkel Bence eingingen, vor dem kein Hund uns ankläffte, Tante Réka schnurstracks voran, ohne Scheu, vielleicht zu stören, aber im Dorf meiner Großeltern fühlte sich niemand von niemandem gestört, jeder war jedem immer willkommen, mit Ausnahme meines Urgroßvaters, der ein Schwein war, wie mein Vater sagte, ein mieses Schwein, den mein Großvater einmal aus dem Haus getreten hatte, wie er sagte, was in mir das überwältigendste Bild war, weil ich meinen Urgroßvater in wirklich hohem Bogen aus dem Haus fliegen sah, von der Haustür bis vor den Zaun, und er hatte mir leidgetan, was mein Vater aber abtat, mein Urgroßvater, sagte er, sei immer besoffen gewesen und habe jeden beleidigt, was mein Großvater lange auch hinnahm, bis mein Urgroßvater meine Großmutter beleidigte, das nahm mein Großvater nicht mehr hin, meine Großmutter beleidigen durfte nur er, und das tat er, jeden Tag rund um die Uhr, immer sei sie faul und mache zu wenig, auch wenn ich sie immer nur hab arbeiten sehen, in der Küche oder im Stall oder im Garten, immer kochte sie oder bereitete was zu, während mein Großvater auf dem Sofa schlief, und er schlief viel, das komme vom Alter und vom Trinken, sagte meine Mutter, früher habe auch er von morgens bis abends gearbeitet, in zwei Fabriken, wie meine Großmutter auch, sie haben beide in denselben beiden Fabriken gearbeitet, das seien andere Zeiten gewesen, sagte meine Mutter, und ich konnte mir nicht vorstellen, auch nur in einer Fabrik zu arbeiten, oder überhaupt zu arbeiten, und Onkel Bence, der im vergilbten Unterhemd, aus dem oben die Brusthaare rauskringelten, erst Tante Réka und dann mich in die Arme nahm und links, rechts, links auf die Wange küsste, muss das ähnlich gesehen haben, auch er arbeitete in keiner Fabrik, und auch sonst nirgendwo, Onkel Bence sei ein Fuchs, der komme immer irgendwie an Geld, sagte meine Mutter mit etwas zu hoher Stimme, hisste ihre Augenbrauen und verzog die Lippen, die sich wie ein Halbmond nach unten bogen, aber seither habe ich Füchse bewundert, ohne arbeiten an Geld kommen, sie hatten raus, was ich nie raus haben würde, und als Onkel Bence Tante Réka, wie er sie vom Flur in die karge Küche führte, in der neben dem Waschbecken nur eine Kochstelle mit zwei Herdplatten stand und im Eck ein kleiner weißer Tisch mit vier Plastikstühlen umher, ohne Regale an den Wänden, ohne Gardine vorm Fenster, sanft an der Taille fasste, war meine Angst etwas gelindert, ich hatte befürchtet, sobald sich die Tür des Hauses öffne, müsse ich sogleich eine Entscheidung treffen, überrumpelt von den Eindrücken, aber es ging zunächst in die Küche, wie bei allen Verwandten, erst in die Küche und einen Schnaps, dann weitersehen, Onkel Bence goss Tante Réka ein, dann sich und zwinkerte mir zu mit der Flasche in der Hand, Du nicht, lachte er und wies mich an, mich zu setzen, was ich mich nicht getraut hatte im fremden Haus, denn ich hab mich von allem Unbekannten immer einschüchtern lassen, außerdem war ich es nicht gewohnt, eigene Entscheidungen zu treffen, mein Vater war dagegen, ein Kind hat nichts zu entscheiden, sagte er, und er sagte das auch von Hunden, denn er war gegen alles, was Unordnung stiften konnte, gegen alles, was nur einer Laune folgt, das war ihm nicht geheuer, ihm war das Vorhersehbare das Höchste, Was du heute redest, hatte er immer gesagt, muss auch morgen noch stimmen, sonst gelte es nichts, aber ich habe das in meinem ganzen Leben nicht hinbekommen, und wenn ich es hinbekommen habe, war es falsch, dann war, was ich dachte und sagte, nicht das Richtige, aber schon als Kind, und das nahm ich als Anzeichen für was Wahres, habe ich mich nicht geschämt dafür, obwohl ich mich mit neun Jahren und mit zwölf Jahren und mit fünfzehn Jahren und mit achtzehn Jahren und mit achtundzwanzig Jahren und in allen übrigen Jahren für beinah alles geschämt habe, aber dafür nicht, nicht dafür, einer Einsicht über den nächsten Augenblick hinweg nicht treu geblieben zu sein, weil ich mich nicht bewegen konnte, wenn ich beharrlich war, Beharrlichkeit war ein Sumpf für mich, Treibsand oder was immer, und wenn ich auch von der Unerschütterlichkeit meines Vaters immer beeindruckt war, konnte ich mich selbst nie einfinden in sie, mir wars immer lieb, wenn alles so unbestimmt wie möglich war, auch wenn ich erst im Nachhinein gemerkt hab, dass es mir lieb war, wie in der Küche im Haus von Onkel Bence, der so unbeschwert mit Tante Réka lachte, dass mir auf unvertraute Weise wohl wurde, und der mich plötzlich, aus dem Nichts, an der Hand nahm, noch während er sich vom Stuhl am Ecktisch erhob, und mich durch den engen Flur mit mehreren unbehängten Kleiderhaken und dem Geruch von Zigarettenrauch, der für mich das Aroma der Erwachsenenwelt war, ins Zimmer mit den Katzen führte, das auf einen Schlag meine Angst verbannte, der Anblick von zwanzig, vielleicht mehr Katzen, die in einem unmöblierten Raum friedlich aneinanderhingen, stieß mich wie in einen Traum hinein, der noch so unfasslich sein kann und den man trotzdem für wirklich hält, und mit einem Mal fiel es mir gar nicht schwer, mich für eine der Katzen zu entscheiden, ich wählte eine orange befellte mit vanillefarbenem Unterbauch, die aus einem kleinen Pulk an der Wand entlang der Tür mit grauen und grau-weißen Katzen herausstach, wie an der Schnur gezogen lief ich auf sie zu, griff sie mit beiden Händen am Bauch, nahm sie hoch auf den Arm und streichelte zart ihren Rücken, einmal um ihr meine friedlichen Absichten anzudeuten, dann meine Inbesitznahme ihrer gesamten Existenz und einmal wollte ich mich nur im Glück suhlen, eine Katze zu streicheln, die, wenn sie genug davon hat, nicht einfach weiterziehen und mich zurücklassen kann, wie es mir auf dem Hof der Großeltern so oft mit den Katzen aus der engeren Nachbarschaft ergangen war, und obwohl ich aus diesem Raum mit all den Katzen niemals wieder raus wollte, obwohl mir nichts lieber gewesen wäre, als für immer darin zu leben, allein mit all den Katzen, wandte ich mich rasch wieder um und huschte, vorbei an Onkel Bence, der die Tür hinter mir zuzog, raus in den Flur, in dem Tante Réka freudig lächelnd stand und, als ich mit weiten Augen vor ihr stehen blieb, sogleich die Katze streichelte, wie Menschen, wenn sie Katzen sehen, kaum jemals was andres einfällt als sie zu streicheln, und sie versicherte sich, als könnte jetzt noch ein Irrtum vorliegen, Die, ja?, und ich nickte, ohne ein Wort zu sagen, unentwegt grinsend, Tante Réka und Onkel Bence um mich wie zwei zufriedene Wolfseltern, die ihr Junges sattgekriegt hatten, und konnte mein Glück kaum fassen, ich war neun Jahre alt und hatte eine Katze, und auf dem Rückweg durchs Dorf, nachdem uns Onkel Bence noch eine Flasche Schnaps mitgegeben hatte, lief ich wie in Trance, die Hände um die Katze auch als Schutz, dass Tante Réka mich an keiner fassen konnte, und zuhause wäre das unmöglich gewesen, mit einer Katze auf dem Arm durchs Dorf zu laufen, man hätte sie in einem Tragekorb gehalten, aber im Dorf meiner Großeltern nahm man sie auf den Arm, stauchte sie an die Brust, notfalls fasste man sie am Nacken, wenn sie nicht ruhig blieb, ein Tragekorb wäre verdächtig gewesen, und die Hunde bellten wieder, an jedem Zaun, aber ich erschrak nicht mehr vor jedem wie auf dem Hinweg, und wie von einer erfolgreichen Schatzsuche kommend trat ich am Haus der Großeltern durch die Zauntür, die Tante Réka mir spaßhaft dienerisch aufhielt, und präsentierte meinem vom Hof heranstürmenden Bruder die Kostbarkeit in meinen Armen, die er, wie Tante Réka, gleich zu streicheln anfing, und ein paar Momente, Tante Réka war ins Haus gegangen, standen wir nur so da und kraulten das stille und sich kaum regende Kätzchen, Jetzt haben wir eine Katze, sagte ich, und mein Bruder kicherte und drückte sein Gesicht an den Kopf der Katze, jetzt haben wir was nur für uns, dachte ich oder fühlte es zumindest, und schon überlegten wir uns einen Namen für sie, Julika wollte ich sie nennen, so hieß eine entfernte Cousine, die ich schön fand, aber nicht näher kannte, aber mein Bruder wollte sie lieber Tiffany nennen oder Vanessa, Namen von Schauspielerinnen aus Baywatch, und ich versprach ihm all meine Poster und einen Teil meiner Matchboxes, wenn wir sie Julika nennen würden, und er bedachte es, stimmte zu und nannte, wie zur Aneignung, die Katze, die ich nicht vom Arm ließ aus Sorge, sie könne davonrennen, viele Male Julika und kraulte ihr dabei das Köpfchen, und diese Einigkeit zwischen uns, meinem Bruder und mir, die sonst selten war, die sich nur daraus ergab, gemeinsam die Katze aufzuziehen, machte mir ein Gefühl beinah wie von Erfüllung, plötzlich fand ich es keinen Skandal mehr, am Leben zu sein, ich war gleichgültig gegen alle Verletzungen, die ich je erlitten hatte, und verharrte in der Phantasie, alle Uneinigkeit hiermit für alle Zeiten überwunden zu haben, als meine Mutter, mit einer Küchenschürze um ihr blasses Kleid, aus dem Haus kam, Na, da haste dir ja eine schöne ausgesucht, hinter ihr mein Vater, oberkörperfrei in einer blauen Kurzhose, Aber mit nach Hause nehmen kannste die nicht, weißte ja, und ich urplötzlich versteinerte, keinen Ton bekam ich raus, und mein Vater fragte, warum ich so betröppelt glotzen würde, Die ist nur für den Hof hier, sagte er, In mein Haus kommt mir kein Vieh, womit er alles meinte, was haaren kann, und ich hing entgeistert an seinem Weißte ja, ich wusste gar nichts, oder vielmehr schien ich gewusst zu haben, die Katze natürlich mit nach Hause nehmen zu dürfen, warum sonst dieser Aufwand, warum sonst dieser Eindruck, man würde mir eine Freude machen, ein Geschenk, warum sonst dieser Anschein von meiner Mutter und von Tante Réka und von Onkel Bence, ich hätte eine Anschaffung fürs Leben gemacht, ich verstand die Welt nicht mehr, und mein Vater ging wieder ins Haus, meine Mutter verzog ihr Gesicht zu einem tonlosen mitleidigen Seufzer und folgte ihm, und ich setzte mich mit der Katze auf die kleine rostige Bank an der Hauswand, mein Bruder neben mir, der sie weiter lieb kraulte, als sei sie uns nicht gerade von Grund auf genommen worden, und ich sah über den Hof mit den Ställen und dem Garten hintendran, an dem ich am Morgen noch mit meiner Großmutter Kartoffeln ausgebuddelt hatte, da noch von nichts ahnend, auch nichts vom Zimmer mit den Katzen im Haus von Onkel Bence, dann stand ich auf, mit der Katze im Arm, und ohne mich zu meinem Bruder zu wenden, ging ich zur mürben Holzhütte am Ende des Hofes mit dem Plumpsklo drin und schloss mich darin ein, es war nahezu dunkel, nur mancher Lichtstreifen zog sich vereinzelt durch einen Spalt im Holz, und ich kraulte die Katze am Kinn und flüsterte sekundenlang Ich hab dich lieb, ich hab dich lieb, beugte mich zu ihr herab und küsste ihr Köpfchen, und zum ersten Mal rührte sie sich, hob ihren Kopf so, dass ihr Kinn ganz frei lag, eine Aufforderung, nicht aufzuhören, und ich kraulte sie innig, behutsam, wie als könne wirklich einmal Frieden sein, aber mit einem Mal, wo das auch herkam, ruppig und dann beinah aggressiv, aber immer noch, will ich mir glauben, liebevoll, viel zu liebevoll, und sie fauchte und sprang mir vom Arm und fahndete nach einem Ausgang aus dem Plumpsklo, am Türboden versuchte sie, durch eine schmale Öffnung zu schlüpfen, bekam aber ihren Kopf nicht durch, und ich kniete mich hin zu ihr und streichelte sie, wieder sanft, wieder friedlich, und wie sie langsam wieder Vertrauen fasste, dachte ich, vielleicht könne ich sie heimlich im Rucksack mitnehmen und zuhause, hinter unserm Mietshaus, würde ich ein Loch graben für sie, eine Höhle, in der ich sie verstecken und aus der ich sie zum Spielen und Streicheln rausholen könnte, es wäre ein Bau nur für sie, wie ich es in einer Geschichte gehört hatte, die mein Vater einmal über seine Vorfahren um die Jahrhundertwende erzählt hatte, die sich kein Haus und keine Wohnung leisten konnten und im Wald eine Grube ausgehoben hatten und die herrichteten, um drin zu wohnen, mit einer Schlafstätte für die Eltern und einer für die Kinder, und die tagsüber im Wald Beeren und Pilze für die Nahrung und Blätter und Äste für die Grubenwohnung gesammelt hatten, und so was Ähnliches würde ich für sie bauen und niemand würde was von mitkriegen, und auf der Fahrt nach Hause würde ich ihr heimlich Wurstscheiben in den Rucksack schieben, den Reißverschluss nur so weit offen, dass die Wurstscheibe durchpasst und die Katze atmen, aber nicht ihren Kopf durchstecken kann, nicht mal meinem Bruder würd ich was davon sagen, aber plötzlich wurde ich mutlos, sie würde ja maunzen, und auch wenn nicht, mein Vater würde es merken, er merkte fast alles, wahrscheinlich würde er mich auf der Autobahn aus dem Auto lassen, mich einfach laufen lassen, nicht mal nach Hause, nur irgendwohin, und dann hab ich Angst bekommen, oder was in der Art, und mir wurde klar, mit der Katze zwischen meinen Knien, ich würde sie nicht behalten können, sie würde niemals mir gehören, wie sehr ich unsere Verbindung auch gerade beschwöre, und dann schlug was um in mir, alle Empfindung für die Katze schien wie erstickt, und ich fasste sie am Nacken, dass sie von meiner Hand runterhing, stapfte aus dem Plumpsklo über den Hof bis vor zum Zaun und warf sie, als ginge sie mich nichts an, auf den Gehweg, wo sie einen langen Moment einfach nur stehenblieb, sich umsah, als wüsste sie auch nicht, wohin jetzt, und dann drauflos rannte, rein ins Dorf, und ich ging zurück und setzte mich wieder auf die Bank zu meinem Bruder, der kein Wort sagte, und auch ich schwieg, zeigte ihm nur meinen rechten Unterarm, nach unten gedreht, fahle Kratzspuren, die mich unterschwellig freuten, vielleicht würden sie bleiben für eine längere Zeit, und in leicht unsicherem Gang kam meine Mutter aus dem Haus, mit ihrem traurig-heiteren Zwischendringesicht, nämlich dem nach einem Zank mit meinem Vater und vor der Zuwendung zu ihren Kindern, die vom Zank nichts wissen sollen, Wo ist denn die Katze, fragte sie so unschwermütig wie möglich, auch um in ein heilsames oder nur unbeschwertes Gespräch mit ihren Söhnen zu kommen, und ich zuckte die Schultern, Keine Ahnung, sagte ich und schaute weiter meinen Unterarm an, ist davongelaufen, und sie seufzte und wandte sich dann zu den Blumentöpfen auf dem Fensterbrett schräg über der Bank, drückte die Blumenerde zurecht und summte betont zwanglos, was sie immer tat, wenn sie ihre Stimmung verbergen wollte, und als ich in einem Reflex für einen Moment zu ihr rübersah, rann ihr ein Tränenfaden vom Augenrand über die Wange