blg 26 juli

04 07 – 05 07 26, verstreut

Nach siebzehn Jahren der Eindruck: ihr Akku für mich lädt nicht mehr richtig auf. Langsamer, schwächer, nie mehr vollständig. Auch entlädt er sich schneller, in nun kürzeren, unpersönlicheren, unintimeren Gesprächen. Ihr Gesicht scharrt mit den Hufen, wenn ihr ein Gespräch zu lang dauert. Es liegt nicht nur an mir. Auch ihre Akkus für alles andere sind geschwächt, sie ist in einer seelischen Ausnahmesituation. Nur bin ich ein Faktor dessen und nicht mehr Entlastung von ihm. War ich es je? Eine dreiste Frage; antworten könnte nur sie. Und wenn sie es täte, dann mit Rücksicht auf mich, ohne verheerend zu sein, mit Blick eher auf mein Heil als auf Wahrheit.

Immer habe ich gedacht, sie nicht hinreichend zu verstehen, sie als Geschöpf nicht ganz zu begreifen, sei ein lebenslanger Ansporn. Als etwas, das die Bindung prolongiert. Aber das war nur Selbstbezogenheit, aus der sich eine bleierne, wenn auch trächtige Illusion kreiert hat. In Wahrheit kann und mag sie sich wohl von meinem Unverständnis nicht mehr entlasten müssen. Früher dachte ich manchmal: Wer passt auf sie auf, wenn ich nicht mehr bin, so oder so? Aber womöglich kann sie es selber besser, gerade wenn ich nicht mehr bin, nicht mehr an ihr. Es ist nicht nur meine Krankheit, auch wenn sie mir und uns vieles verargt hat, wenn sie mir manche Vorzüge, die ich vielleicht entwickelt hatte, wieder nimmt. Es ist wohl, wie schon S. vor fast fünfundzwanzig Jahren gesagt hat, meine „ganze Art und Weise“. Ich wollte immer Lebensmensch sein und war es zuletzt für niemanden.

Warum sie so lange an mir geblieben ist, trotz allem? Weil sie, ich weiß es, mich geliebt hat. Und vielleicht kommt der Tag, an dem das ein Trost sein wird. Oder mehr als Trost, eine schöne, tiefe Erinnerung. Ein Verständnis dafür, was wir einander gewesen sind; auch ich ihr, trotz allem. Was aber immer ein Schmerz bleiben wird, was ich immer grausam bereuen werde: ihr nicht mehr, ja unzählige schöne Momente vermacht zu haben. Aus Selbstsucht, einerseits, weil ich ihr gern als etwas Schönes bliebe. Andererseits weil die Vorstellung, wie sie es schön hat, von nichts übertroffen wird.

Beinahe unentwegt rasseln Mörsergranaten durch meinen Bauchraum, unterbrochen von den wenigen Momenten, in denen ich mir doch eine Zukunft zusammenfixe, in der sie es gut an mir haben kann.

Was sie ehedem als Schrulle abtun konnte, teils durchaus als unangenehme, hat sie nunmehr beim ersten Anzeichen bereits über. Dieser rasche, abrupte, ständig mögliche Entzug – von Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, von Zugewandtheit und Interesse – ist zugleich ein Tau um meinen Hals, mit dem ich mählich aber rigoros abgeschnürt werde. Nicht von ihr, sie tut ja nichts, hats auch gar nicht im Sinn, will mir nichts Arges. Nur von der Pein, es wieder nicht vorausgesehen zu haben und mich nicht bei Fuß an ihr Bedürfnis anpassen zu können. Ich fürchte, es ist wirklich so: sie hat mich satt. Als käms ihr nicht mehr auf mich an. Will es sich so aber noch nicht sagen, oder mir.

Wenn man jemanden nicht mehr für eine Anhörung gewinnen kann, nicht mal weinend, ist er fort.

Oder nur so angespannt, in so furchtbarem Stress, dass sich selbst ihre einmalige Begabung fürs Mitleid nicht mehr ergeben kann. Auch hier wieder, wie so oft, bin ich ohne Argument: wie sie verstehen, und nur sie, wenn ich in keiner Angelegenheit von mir absehen kann. Wenn ich bei allem, was sie angeht, und nur sie, mich selber ins Spiel bringen muss. Ich sage es oft und denke es oft, weil ich es oft fühle, nur handle ich kaum je danach: dass sie mich moment- wie phasenweise als Hauptsache ablösen muss, in praxi. Sie durch ihre Augen betrachten, nicht durch meine. Manchmal gelingt es, aber nur in Sachen, die mich nicht mal potenziell betreffen könnten, und auch dann nur annäherungsweise. In der einen Hinsicht, in der man es sich nicht erlauben darf, bin ich immer Kind geblieben: beinah jede angesprochene Weltmöglichkeit auf mich zu beziehen. Mich noch in der abwegigsten Sache als Betroffenen zu meinen. Nur treib ich sie auf die Art fort von mir.

Auf D. einmal, vor zwanzig Jahren: „Ich war ihr nie so gut wie sie mir.“ Das Eingeständnis entlastet nicht. Bei L. immerhin habe ich es versucht, jeden Tag, aber mit zu geringen Mitteln, und es war mir immer bewusst. Aber jetzt, wo es sie wohl fortzieht von mir, kann ich es doch nicht einsehen. Oder ertrage die Einsicht nicht.

06 07 26

Es war nicht nur Liebe, weshalb sie blieb, auch Fürsorge, ein inniger Sinn für Verantwortung, zumal in den letzten Jahren. Sie hatte Sorge, und hat sie wohl noch, mich allein zu lassen. Sie fürchtet an mir eine grundlegende Unselbstständigkeit; ein Eindruck, den mein Benehmen in all der Zeit nicht entkräften konnte. Und vielleicht auch nicht wollte. Und dann war es womöglich nicht nur ein Eindruck, sondern eine Tatsache. Ihr ein Problem zu überlassen, hat mir die innere Schwere genommen. Ein Gefühl von Aufgehobenheit, von Sicherheit, das ich ihr umgekehrt nicht geben konnte. Und dann haben wir beide die Trennung verdient, aus je anderen Gründen; ich als Schuld, sie als Erlösung. Für eine Phase war es mir möglich, das zu kehren, in den wenigen Jahren vor der Krankheit. Da fühlte ich endlich eine Stabilität, einen unersättlichen Bewältigungshunger, nach dem ich alles Erforderliche für sie leisten wollte und, wie ich glaube, auch konnte. Von der Krankheit habe ich mir diese Zuversicht nehmen lassen. Seither habe ich mich nur mehr als Resteverwalter empfunden, oder mir das Narrativ darum zu leicht gefallen lassen. Jeder Gedanke um meine Lage war vom Reiz des Abgesangs geführt. Auf ihre Kosten, was ich zu leicht hingenommen habe. Gerade dagegen hätte ich mich innerlich wehren müssen. Stattdessen habe ich mich eingerichtet in meiner Bedürftigkeit. Und ich weiß wohl, es geht nicht drum, was ich verdient habe oder nicht, es geht allein noch drum, was sie verdient hat. Freiheit, ein aus ihr und für sie geschöpfter Lebenssinn, ein Leben in erster Linie für sie. Warum ich überzeugt bin, trotz allem, ihr das noch ermöglichen zu können? Aus Angst auch, bestimmt, aber mindestens so sehr aus der Einsicht, es käme auch mir zugute. Ob mit ihr oder ohne sie, in der Art kann ich ja doch nicht weiterleben. So oder so muss ich fokussieren, was ich noch kann und nicht, was ich nicht (mehr) kann. Und das ist mehr, vielleicht weit mehr, als ich mir bislang zugemutet habe. Unbedingt muss ich dieses Bullshit-Leben aufgeben, dieses Blabla-Leben, in dem alles Bedeutsame von meinem Hang zur Vermeidung, zur dauernden Erleichterung erdrückt wird.

07 07 26

Sie fand auch Sachen gut an mir. War einmal angetan, wie frei und aufrichtig ich lobe, noch in der Konfrontation. Solche Einschätzungen meines Naturells haben mich gerührt. Weil, was sie manchmal an mir mochte, absichtslos war und mir selber als lobenswert nie eingefallen wär. Aber insgesamt war es zu wenig. Neben meinem Schreiben, an dessen Potenzial sie so rührend glaubt, habe ich kaum was ausgemacht. Ich nehme an, auch an mir als Menschen hat sie überwiegend das Potenzial geschätzt und weniger, was ich Kümmerliches draus gemacht hab. Jetzt endlich genügt ihr das Potenzial nicht mehr und es gibt nichts dagegen als Versprechungen für die Zukunft, die ob der Vergangenheit über keine ernste Schwurkraft mehr verfügen. Es wird eine Übergangsphase geben, wenigstens einige Wochen, aber selbst wenn ich ihr in denen einen Wandel vorleben kann, wird der kaum ihre gefestigten Vorbehalte ausräumen. Denn sie sieht, wie schon D. in unserer letzten Zeit, nicht mehr das Potenzial an mir, sondern jemanden, der in seiner Selbstverhinderung sie gleich mitverhindert. Ich habe das kommen sehen, sehr früh, sicher aus der Erfahrung mit D. heraus, habe es viele Jahre gefürchtet, aber war doch beseelt von dem Glauben, es würde einmal anders sein. Aber siebzehn Jahre, insbesondere die letzten vier, fünf Monate, sind in ihrer Erfahrungstiefe zu gewaltig, um sie mit rhetorischer Verve zu überspielen. Es gibt, bei Verstand, kein Argument mehr für mich. Selbst wenn ich das, woran ich glaube, von jetzt auf gleich wahrmachen könnte, würde es wohl nicht genügen, eine neue Zuversicht in ihr zu initiieren. Versuchen aber muss ich es, ob für uns oder nur für mich.

Aus manchem Gespräch gehe ich beinahe mit Wohlgefühl; nur irre ich später, allein, wieder jedem Detail nach und deute es, vielleicht um nicht überrumpelt zu werden, zu meinem Unglück. So dann der annähernd konstant aufgescheuerte Magen.

Wie es genau ist, weiß ich nicht einmal; wenn es so wäre, als könnten wir gut und gerne bleiben mit dem Risiko, ich könne es durch Passivität oder Selbstbezüglichkeit noch leicht versauen, so wäre es mir das Liebste, Rechteste, rundum Beste. Aber ich fürchte, es ist andersrum: dass ihr die Aussicht aufs Ende ein Anfang ist, der sie schon jetzt erleichtert. Und dann wäre es an mir, den Glauben in ihr zu begründen, diese Art Erleichterung sei auch mit einem gemeinsamen Neuanfang möglich. Aber für diesen Glauben, den ja auch nur sie entwickeln kann, muss man es insgeheim auch wahrlich wollen, muss der Wunsch dafür noch lodern, und ich fürchte, das ist in ihr nicht mehr so ausgeprägt wie nötig.

Wenn ich mich ihr in der nächsten Zeit als genügend selbstständig erwiese, so könnte das freilich eine Trennungsabsicht noch verschärfen, so könnte sie mit gutem oder doch besserem Gefühl von mir gehen. Und wenn es nur das auslösen würde, so wäre es schon gerechtfertigt, weil es unaussprechlich unlauter wäre, ihr einen Abschied mit Verweis auf meine Bedürftigkeit zu erschweren. Aber darauf, in aller Offenheit, geht mein Denken nicht; es geht nur dahin, uns weiter zu ermöglichen, wieauchimmer.

Was ich immer brauche, für eine gewisse Ego-Stabilität, ist eine Art Fahrplan, ein So-kann-es-gehen. Nur gibt es diesen Fahrplan nicht, insbesondere für L. nicht, die sicher schon Tendenzen, aber noch keine Gewissheit für sich hat. Ihr diesen Raum zu geben, auch diese Zeit, ohne sie im Dauerfeuer zu bequatschen, zu beeinflussen, zu bedrängen, ist das Nötigste und Schwerste. Einmal, weil es gegen meine Natur geht, die immer alles umgehend ausbereden und durchthematisieren will, um es aus der Welt zu schaffen. Und einmal aus der unbewältigbaren Furcht, sie werde, wenn sie nur für sich ist und denkt, zuletzt gegen mich sein und denken. Denn was sie will, weiß sie ja schon; nur nicht abschließend, ob mit mir oder ohne mich. Ohne mich stellt sie es sich leichter vor, oder ungezügelter erreichbar. Sie hat ihren Weg schon vor Augen, so ungefähr, und will ihn unbedingt gehen; im Zweifel, ob ich ihn mühelos und ermutigend mitgehen kann. Ich glaube unbedingt, dass ich es kann, ihr Weg wäre auch für mich der bessere. Nur kommt es ihr wohl anders vor. Nämlich als würde es eine Schwernis für mich bedeuten, als würde mir dadurch mehr abverlangt, als ich hinbringen kann oder will. Sie nennt Situationen, künftige, und sieht mich hadern in ihnen. Ich schüttle leicht den Kopf, aber weiß, sie hat recht – nicht fürs Künftige, aber für vieles, was gewesen ist. Gar nicht mal alles; denn Situationen, in denen ich, wo ich gekonnt hätte, nicht gehadert habe, fallen nicht derart auf, bleiben auch nicht derart in Erinnerung. Das hatte sich gehäuft eine Zeit lang, zwei, drei Jahre. Aber es war nicht lang und nicht signifikant genug, um ihr jetzt, mit Blick aufs Künftige, einzufallen. Zumal es eben auch wieder anders wurde, gerad im letzten halben Jahr.

Es gab keinen Streit. Wenn wir reden, dann freundlich und zugewandt, im Grunde durchaus lieb. Und doch sind die Gespräche auf einen Sachverhalt beschränkt; ist der erledigt, gehen wir auseinander. Wir geben einander Informationen, treffen Abmachungen, sie gibt mir auch Raum für Bekenntnisse; aber alles Sprechen ist eines auf Klärung hin. Wir hängen nicht mehr ’nur so‘ aneinander rum. Von einem Tag auf den andern, nachdem sie sich erstmals zu ihren Überlegungen geäußert hat. Vielleicht kommt das wieder, immerhin momentweise, für eine Zeit noch. Aber in diesen Phasen, in denen sie in einem, ich im andern Zimmer bin, jeder für sich, denke und fühle ich mich alsbald ins blanke Entsetzen hinein. Dann wieder kurz zu ihr, zu einem von mir aufgeblasenen Anlass, um einzuschätzen, ob sie schon einen Schritt weiter von mir fort ist.

Im Grunde glaube ich nicht mehr daran, dass sie sich für uns entscheiden wird. Wenn ich ihr von einer Neuerung erzähle, die ich wage und mir gut tut, freut sie sich aufrichtig, aber deutlich nur für mich; es wirkt, als würde es für sie nichts mehr ausmachen, als wäre es nicht etwas, das auch ‚uns‘ zugute käme. Sie wirkt wie unbeteiligt an allem, was ich ihr im Hinblick auf ‚uns‘ eröffne. Oder vielleicht nicht unbeteiligt, nur reserviert. Ich muss nun abwarten, nur so besteht überhaupt eine Chance, aber es vergrößert zugleich die auf eine Trennung.

Jetzt bin ich eben, auf den letzten Satz hin, kurz zu ihr in die Küche und sie war offen und herzlich und annähernd gelöst. Hat von sich aus, noch bevor ich ganz vor ihr stand, eine Äußerung getan, die für nichts weiteres nützlich war, die eben so Gerede war unter Menschen, die voreinander keine Scheu haben, vom Trivialsten zu künden (Jetzt hab ich die ganzen Pfefferonen auf einmal gefressen), Gerede wie allezeit zwischen uns. Und wie ich um was gefragt hab, was Gemeinsames, hat sie lieblich reagiert wie sonst, natürlich usw. Aber so geht es eben: jeder Kontakt als Stimmungsbild, als Deutungsstoff. Nur diesen Eindruck von eben, den will ich mir lieber nicht vergraulen. Oder nicht gleich sofort, denn über die nächste Stunde wird er gewiss wieder abgelöst von meiner grundlegenden Befürchtung, die noch darin ihr Einfallstor findet.

Kaum eine Stunde vorbei und ich halte es für wahrscheinlich, dass ihre gelöste Art von einer Entscheidung herkommt: sie habe den Cut gemacht, innerlich, und sei nun befreit. Eben trafen wir uns wieder für einen Augenblick in der Küche, und wieder war sie lieblich gelöst, und ich aber, die Schlussfolgerung im Sinn, befangen – nur weil ich gefuhrwerkt habe, war davon abzulenken.

Was mir den Magen zerreißt, sind einzelne Dinge, die mich an das erinnern, was ihr lieb war. Dieses Gefühl beim noch so kurzen Gedanken: das hatte sie gern, das fand sie schön – brennt mich innerlich ab. Wie man füreinander gefiebert hat, wie man Sachen für den andern mitbrachte, weil er sich drüber freute – das schmerzt nicht, weil es was Besonderes war, sondern das Gegenteil, das Gewöhnliche, der pure Alltag. Den nicht mehr haben zu können – (fängt an zu heulen)

Vielleicht hat es sie erschreckt, wie ich weinend vor ihr hingestürzt bin, an den ersten Tagen, immer wieder. Und wenn sie jetzt lobt, was ich Gutes hingebracht habe an einem Tag, dann vielleicht in der Annahme: wenn er so weitermacht, wird er stabiler sein für den Exit.

08 07 26

Annähernd täglich dasselbe; morgens bedrückt erwachen, nachmittags den Hauch von Zuversicht entwickeln, nachts bedrückt ins Bett.

Was die Zuversicht dann auslöst: ein Ansatz, wie ich ihr ein konkreter Beistand, wie ich konstruktiv für sie da sein kann. Etwas tun, das ihr ermöglicht oder hilft, dem ihr Wichtigen nachzugehen, für sich selbst. Aber immer wieder, spätestens wenn es dunkel wird, die vermeintliche Einsicht: sie ist nicht mehr auf Beziehung mit mir aus; egal, was ich leisten würde. Lieb hat sie mich noch, sie sagt es und ich fühl es auch, seh und hör es ihr an. Aber noch beziehungslieb? Was ich ertragen würde, unter Pein und Jammer, unter viel, viel, viel, viel Schmerz: dass sie mich nicht kompatibel meint mit dem Weg, den sie gehen, mit dem Leben, das sie führen will. So wäre es mir leichter, uns als eine Episode, eine schöne, tiefe und lange Episode zu begreifen, als etwas, das ruhig gewesen sein kann. Aber die Mutmaßung, sie liebe mich nicht mehr auf eine Beziehung hin, schnürt mir den Atem auf eine Weise ab, dass ich mich nur noch bestialisch heulend ausdrücken kann. Wenn sie aus diesem Grund gehen wird, werden meine übrigen Jahre von bloßer Trauer bestimmt sein. Der reine Schmerz, der wird vergehen, der wird sich für eine Zeit unaushaltbar anfühlen, doch er wird vergehen – aber die Trauer nicht. Vielleicht, wenn ich noch wirklich ein halbes Leben vor mir hätte. Aber nicht in der Zeit, die mir noch bleibt. Und es ist mir unausdenkbar, wie ich mit diesem Wissen diese letzten Jahre anders als würdelos hinbringen soll. Als jemand, der ihr nicht mehr zählt; zumindest nicht wie ich bis eben noch gezählt habe, siebzehn Jahre lang, als der, auf den sie sich vorrangig bezog.

Natürlich schwante mir immer, der Gap zwischen uns müsse einst gegen mich gehen; sie ist so viel schöner, klüger, interessanter als ich, es müsse ja der Tag kommen, an dem sie genug davon hat und sich an Menschen ihrer Klasse wendet. Klasse nicht im soziologischen, mehr im phänomenologischen Sinne. Menschen, die wahrhaft zu ihr passen, die attraktiv sind, warmherziger als ich, weicher in ihrem Umgang, offener in ihrer Welt- und Menschensicht, deren Witz geistreicher ist als meiner. Aber vor allem Menschen, die sie auf Anhieb besser verstehen – oder überhaupt verstehen, ohne dass sie sich erst mühsam erläutern muss. Vor vielen Jahren habe ich einen Scherz gemacht, der seither zum Running Gag wurde: wenn ich was Dummes sage oder tue, rufe ich zum Spaß aus: „Komm, morgen suchen wir dir einen richtigen Freund.“ Ein Ulk, der überhaupt erst nach längerer Beziehungszeit funktionieren kann, der aber wohl doch nicht ohne Ernst gewirkt war: mir war immer klar, dass ich für sie nicht sein kann, was sie für mich ist. Ich habe mir vorgemacht, es könne vielleicht genügen, sie zu bewundern, durchweg fasziniert von ihr zu sein, als könne mein dauerndes Anhimmeln kompensieren, dass ich sie als Mensch nie ganz begriffen habe. Aber daran, sie zu begreifen, wollte ich eben mein Leben geben. Es kann an dessen Stelle nichts anderes treten; es hat alles Leben davor nichts Vergleichbares gegeben und wird es danach nicht. Nichts wird mich mehr so faszinieren wie sie. Es ist eben nicht allein die Liebe, die gehen würde; lieben kann man unzählige Menschen, verschiedenster Art. Aber so angetan, so gerührt von menschlichem Leben war und bin ich nur von ihrem. Das restliche Leben bestünde nur aus Nachtrauern, aus dem sich nichts weiteres ergeben würde. Nicht mal Literatur, denn dafür wäre es nötig, sie zu begreifen.

Wie ich mit ihr umgeh, das erschöpft sich natürlich nicht in Anhimmelung. Sicher stell ich sie auf ein Podest, hab es immer getan, aber wiewohl es mein Verhältnis zu ihr ganz begründet hat, ging ich eben doch gelöst und unbefangen mit ihr um. Wie sie auch mit mir, größtenteils. Aber war meine Unbefangenheit grenzenlos, war es ihre vielleicht nicht. Ihre machte sich geltend, wenn nichts Schweres anlag. Wenn doch, hat sie geschwiegen oder notgelogen. Manchmal gestand sie es später, auch nicht immer (was sie wiederum gestand). Ihre Geständnisse, so dankbar ich für jedes einzelne war und so gleichgültig mir die seltenen Lügen waren, haben mich dennoch bestürzt; dass sie sich nicht frei genug fühlte, jederzeit alles zu sagen, lag nicht immer allein mir; sie hat gravierende Vorerfahrungen gemacht. Aber es lag auch an mir, an meiner früher fürchterlichen Engstirnigkeit, an meinem blödsinnigen Eifer in den belanglosesten Dingen, an meinem Hang zum dauernden Urteil. Dem wollte sie sich nicht aussetzen. Nicht mit einer Sache, an der ihr lag, die wichtig für sie war, von der sie sich wesentlich betroffen fühlte. Oft waren es dann aber für mich ganz unerhebliche Dinge, die es kaum rechtfertigten, sich mit ihnen zu beschweren. Nur jetzt, die letzte Angelegenheit, das war und ist die erheblichste Sache, und dass sie darüber nicht im Ernst mit mir reden mag, sie nur antönt, knapp skizziert, sie mehr hinsagt als sie auszuführen, das habe ich vor langer Zeit, vor zehn, fünfzehn Jahren verschuldet. Da habe ich über diese Dinge, abseits von ihr, nur verächtlich gesprochen. Natürlich hat sie kein Zutrauen, in mir einen Verständigen zu finden. Und wahrhaft verständig wäre ich auch jetzt nur bedingt; was wegfiele, wäre das Urteil. Jetzt würde ich wirklich nur verstehen wollen, die Sache selbst wie auch sie. Aber wie daran glauben, wenn sich über so viele Jahre ein Misstrauen gegen mich gefestigt hat, das in seiner Entstehung auch noch wahrlich begründet war. Und so besteht all mein Tun ihr gegenüber jetzt im Versuch, dieses Misstrauen abzutragen, vorläufig in Beteuerungen aus Verzweiflung heraus, im Überschwang formuliert, was nicht funktionieren kann, weil es ihr wie erzwungen wirken muss. Sie brauche Zeit, und die braucht sie wirklich und unbedingt, nur ist das Zeitgeben für jemanden in liebeskümmerlicher Ungeduld am schwersten zu erbringen.

Wenn wir gehen voneinander, wird jeder wieder seine Bücher nehmen. Der Vorsatz, sie seien unsere gemeinsamen, wird sich als unangenehmer Trugschluss erweisen. Ich hatte mir immer gewünscht, wenn es aus sei mit mir, werde sie sie verwahren, ihrem eigenen Bestand einverleiben, sie alle ein- und durchsehen und noch einmal vielleicht erahnen, was für einer ich gewesen bin, so ungefähr. Wenn ich allein sterbe, werden ein oder zwei Entrümpler kommen und alles in blaue Säcke stopfen, und niemand wird wissen, was mich ausgemacht haben könnte. Denn wenn L. geht, werde ich allein sterben. Niemand wird bei mir sein, und ’niemand‘ meint nicht die mögliche Welt, nur die notwendige Alternative zu L.

Es ist fraglos der Horizont eines Kindes; alles hängt an der Frage: bleibt sie bei mir oder geht sie? Bleibt sie, alles gut; geht sie, alles schlecht. Alles, alles übrige ergibt sich nur daraus.

Was verblüffend ist in dieser Art dauernder Anspannung: der Körper funktioniert besser. Ich schlafe wenig, esse kaum, aber bin fast durchgehend auf den Beinen. Heute waren wir draußen, ich ohne Scooter, bestimmt eine halbe Stunde insgesamt lief ich neben ihr her. Am Abend eine weitere Stunde nur durch die Wohnung gegangen, hin und her, vom Wohnzimmer durch den Flur in die Küche und zurück, manchmal bis auf den Balkon, immer wieder, durchweg grübelnd. Daneben verräume ich manches, sortiere Bücher aus, schrubbe Küche und Bad, mache meine Übungen, kann Steigungen und Treppen beinah schmerzlos nehmen, fünf Tage am Stück schon – das Pensum sonst von einem Monat oder mehr, und auch dann nur, wenn ich ausreichend schlafe und esse. Sicher, es ist vor allem was Körperliches; ich werde voll sein mit Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol, Glucose, etc. Aber es ist auch was Mentales. Wahrscheinlich weil mir außer ‚uns‘ alles übrige annähernd egal ist und ich mich daher auch nicht mehr von meinen üblichen Einschränkungen einschüchtern lasse. Und weil ich gehen muss, unentwegt gehen, um meine Angst in wenigstens halbwegs geordnete Gedanken zu überführen. Und zugleich ist es ermutigend, weil es mir den Anschein vormacht, ich könne das auch leisten, wenn die Aufregung dereinst, so oder so, vorüber sein mag. Eine Art mentaler Wandel: dass ich mich nicht mehr von meinen Einbußen her begreifen und behandeln muss, sondern von den Möglichkeiten, die noch sind. Dass ich wieder was anvisieren kann, nicht nur im Großen, auch im Kleinen, Tag für Tag.

13 07 26

„Ich möchte die Beziehung nicht fortführen.“ Sie sagt es leise und ganz ruhig, sehr gefasst, wie als eine Aufgabe, die sie verantwortlich und respektvoll, vielleicht sogar gütig, aber notwendig erledigen muss. Manches von dem, was ich erahnte, hat sich bestätigt; anderes, von dem ich nichts ahnte, kam erschwerend hinzu. Insbesondere eine Sache vor ein paar Monaten, als ich über Tage ohne jede Verantwortung agiert habe. Die Ernüchterung darüber sei, anders als sie vermutet hatte, nie mehr so ganz gewichen von ihr. Es war nicht das allein, aber ohne das wäre es vielleicht noch möglich gewesen zwischen uns (vermute ich). Es war die eine Schwächephase zu viel. Wir sitzen auf dem grünen Samtsofa vor der Bücherwand, jeder ins Eck gelehnt, einander zugewandt. Manchmal stehe ich auf, gehe kurze Schritte aufs Balkonfenster zu, stütze mich am Tisch, am Stuhl, und will mich für Augenblicke weiter von ihr fortsetzen, um auch in mir eine Distanz zum Ereignis zu kriegen. Dann setze ich mich doch wieder zu ihr aufs Sofa, um jeden Moment, den ich so mit ihr noch habe, auch wirklich haben zu können. „Tut mir leid“, sagt sie und ich spür, wie aufrichtig sie es meint, „ich habe mich entschieden.“ Mein Bewusstsein, jetzt total verengt, ist doch wie aufgespalten in eines, das um die Wirklichkeit dessen weiß, und eines, dem es das Unwirklichste ist. Sie hat ein anderes Leben im Sinn, ein ganz anderes, und was man auch alles für oder gegen mich sagen könnte, es hebt sich auf in ihrem Bekenntnis, dass sie es nicht mit mir führen möchte. Bleibe ich im ersten Drittel des Gesprächs noch ruhig und beinahe, beinahe gefasst, gerate ich zunehmend doch aus der Fassung. Eben durch diese Einsicht: sie möchte nicht mehr mit mir. Sie liebt mich, liebt mich noch, aber wie ein Leben mit mir zu führen wäre, möchte sie es nicht führen. Ich soll nicht mehr ihr nächster Mensch sein. Es ist die tiefe Achtung vor ihr, die das als irreversible Tatsache anerkennt, als etwas, das für sie richtig und gut ist, und es ist zugleich meine frappante Rückgratlosigkeit, die das dennoch nicht wahrhaben kann und will. Während wir reden, habe ich nur vor einer Sache wirklich Angst: vor dem Moment, in dem ich es wahrhaft realisiere, in dem ich mir das Ende ernstlich eingestehe. Vor dem Siegel, sozusagen. Davor, dass es auch in meine Wirklichkeit überführt wird, in der es jetzt noch nicht gelten kann oder soll.

Sie will es so schonend wie rücksichtsvoll abwickeln; ein halbes Jahr, „oder länger, wenn du magst“, können wir noch zusammenleben. Und danach ein Leben lang Freunde bleiben, Menschen, die einander wichtig sind. Aber was für ein Leben wäre das für mich? Ein Leben in Trauer und Armut. Der reine Schmerz wird vergehen, der Körper würde seiner schlechthin überdrüssig. Man wird müde vom Schmerz, er ist das Vergänglichste an allem. Aber die Trauer, das einzig gute Leben nicht mehr leben zu können, würde nicht vergehen. So desolat alle Umstände immer waren, sobald ich sie sah oder hörte, war alles Schlimme fort. An ihr war meine Seele in Idylle. Das gab es vor ihr nicht und wird es nach ihr nicht geben. Das ist das Unersetzliche. Und ich könnte mich am Glück laben, das einmal erlebt zu haben – aber warum noch weitere Zeit, wenn es per se unwiederbringlich ist? Warum sich ein solches Leben, das ein bloßes Ableben wäre, noch antun? Warum da noch unbedingt durch, wofür?

Die leidenschaftliche, vorbehaltlose, totale Hingabe an einen anderen Menschen – das sei das Attraktivste für sie an einem Mann, und es mache mich durch und durch aus. Überhaupt die Leidenschaft, nicht nur für sie, auch für anderes, Kunst, Literatur, all das. Wie kompromisslos ich im Schreiben gewesen sei, das habe sie sehr geschätzt, wenn es mich auch, wie sie bedauert (und immer bedauert hat), dran gehindert habe, mehr zu schreiben und überhaupt zu veröffentlichen. Ihr fällt viel Gutes, Liebes zu mir ein. Nichts, das mich rettet, aber den Abgrund dekoriert. Sie erinnert auch, weil ich sie frage, einige schöne, für sie bewegende Momente. Ich war nicht nichts für sie. Und würde ihr bleiben, für immer, als etwas unbedingt Gutes. Unsere Kämpfe hebt sie hervor; auch ich hatte letzte Woche an sie gedacht und gehofft, vielleicht die würde sie als etwas Schönes, Eigenes bewahren. Dieses Rangeln miteinander, als ich es noch konnte, die intime Verausgabung aneinander, die lieblichen Frechheiten, der süße Ehrgeiz, dem andern eins zu verpassen; unsere love language. „Ich habe mich immer geliebt gefühlt von dir“, sagt sie leise, sehr innig. Aber mehr habe ich auch nicht gekonnt als sie zu lieben.

Man kann fortfahren mit sich, allein weil man ein Mensch ist, weil man vom Grund her schon für sich ist. Man muss es nicht einmal wollen, vielleicht nur mehr als den Tod, oder muss nur feige genug für den sein. Aber etwas muss ja kommen. Sie hält es, wie wohl jeder vernünftige Mensch, für einen Trugschluss, dass für mich nichts mehr kommen soll. Aber ich weiß es. Ich werde mich, meinen Körper, mein Leben, meine Art und Weise, niemandem mehr zumuten. Nicht mehr intim, nicht mehr mit dem Anspruch auf ein Leben. Diesen Anspruch kann ich von niemandem mehr erwarten, und niemand kann es mehr von mir. Während L. ihr Leben angeht, irgendwann mit einem Nächsten an ihrer Seite, wird sich mein Leben auf 30qm abspielen, ohne Aussicht auf irgendwas, das lohnt. An einem guten Tag werde ich vielleicht einmal spazieren gehen und einen Gedanken haben, den ich später aufschreiben kann. Das werden meine Höhepunkte sein, wenn sie um die Welt reist und bewegende neue Erfahrungen macht, wie ich es für uns beide ersehnt hatte. Und alles immer im Gefühl von Verlust. Alles im Bewusstsein, dass mein Lebenshöhepunkt hinter mir liegt. Dass alles jetzt nur noch Verwalten von Schrecknis ist. Dass ich mich nicht mehr täglich auf L. beziehen, dass ich mich nicht mehr auf sie und auf uns hindenken, hinfühlen, hinleben kann. Dass ich von ihr nicht mehr gesehen werde im Leben, nicht mehr mitgenommen, dass sie als die eine nötige und geltende Referenz entfällt. Zu welchem Sinn soll ich mir dieses Leben abverlangen.

14 07 26

Ich weiß wohl, ich schreibe, denke und fühle aus dem Schock heraus; und aus ihm heraus ist alles düster. Aber der Schock kommt nicht von ungefähr, und dass es düster wäre ohne L., das war mir immer klar. Und der erste, abrupte Schock, der wird weichen mit der Zeit, aber ein leiserer, stiller Schock wird an seine Stelle kommen, dass es wirklich, wirklich unwiederbringlich ist, dass mein Leben ohne sie trostlos ist und ihres ohne mich besser. Das anzuerkennen, ist keine Arbeit – es lag unleugbar in ihrer leisen, aber klaren, festen Stimme. Es war was Unbeirrbares drin, an dem nicht mehr zu rütteln ist. Aber mit dieser Anerkennung zu leben, das würde eine Arbeit, für die ich keinen Sinn habe, oder eben nur den düstersten.

Vor dieser ersten Erschütterung vor ein paar Monaten, wo ich mich hab gehen lassen auf ihre Kosten, meinte sie uns unbeirrbar für immer. Dann das und dazu ein grundlegendes Erlebnis, das sie unabhängig von mir hatte, das nur in ihr war, da kam was Zweifelndes in ihr auf. Ich habe das in keiner Sekunde abgesehen, aber vor ein paar Tagen sprachen wir im Bad miteinander, und sie redete so offen, so eindringlich, so rückhaltlos von dem, was sie für sich nun leben will, dass mir so vieles um sie aufging, dass ich endlich verstand, worum es ihr im Grund schon immer ging. Noch hab ich auch an dem Tag nicht eingesehen, dass es ohne mich besser wär, aber ich habe das Fundament gefühlt, auf dem sie lebt. Und ich wusste, ohne Zweifel, dass es das Richtige für sie ist. Denn noch nie hat sie so erfüllt, so durchdrungen von je was gesprochen, und das so eindrücklich an ihr zu erleben, war, wie arg es in der Sache auch für mich ist, das schönste Gefühl.

Als ich das anspreche, es habe sie wohl mehr mein Potenzial gereizt als das, was bei rumkam, vor allem menschlich, wehrt sie entschieden ab. Gerade mit dem, was ich ihr tatsächlich war, sei sie in Liebe und Achtung, und immer noch. Wieder bin ich düpiert von mir selbst; so viele Spekulationen um sie, auch früher schon, wenn auch nicht in dieser Erschütterung wie jetzt, und kaum eine traf je, was wahr für sie war. Was sie mir gewesen ist, von Anfang an, das wirklich Neue, das wirklich Einmalige, habe ich in diesen Spekulationen nie genug eingefasst, sondern hab weiter aus dem gedacht, was mir vorher Wirklichkeit war. Dem, was sie mir war, bin ich nie gerecht geworden.

Leise, damit ich sie nicht wecke, durch die Wohnung zu gehen, aus der Küche ein Glas Wasser zu holen, einen Moment Platz im Wohnzimmer zu nehmen und mir alles anzusehen, was ich jeden Tag kaum noch bewusst wahrgenommen habe, den Wasserhahn, den Kühlschrank, das Sofa, die Bücher, ist natürlich Abschiednehmen – mir wird bewusst, das war einmal, das ist gewesen, bis gestern noch. Woran ich hing, was mein Leben war, mein innerer wie äußerer Alltag, ist vorüber. Und der Impuls ist schon da, der natürlichste: dass an seine Stelle ein anderer treten wird, ein neuer Alltag mit neuen Dingen, die in mir zu was Bedeutsamem anwachsen können. Als müsse ich mir den Bruch nur als Verlauf klarmachen. Aber dann die Einsicht: ich muss nicht; es kann dies Ende auch mit dem letzten zusammenfallen.

Umsonst war dieses Leben nicht. Es war kein verschwendetes. Ich habe es lange geglaubt, oder befürchtet, und immer davon abhängig gemacht, ob mir Literatur gelingen wird und welche. Aber ich hatte siebzehn Jahre mit L. Dafür hatte sich alles vorher gelohnt. Es kam so viel besser, als ich es mir, bevor sie da war, vorstellen konnte. Als ich sie kennen lernte, war bald das Gefühl da, sie könne das Beste werden, das mir im Leben geschehen würde, und sie hat es seither jeden einzelnen Tag wahrgemacht, bis zum letzten Augenblick.

Mir ist klar, wie grausam es wäre. Von allen Taten die rücksichtsloseste. Und gerade L., unbedingt sie, müsste davon verschont bleiben. Ihr einen solchen Abgang zuzumuten, ihr das Ende gerade nicht erträglich, sondern unerträglich zu machen, im Grunde verbietet es sich. Es verbietet sich überhaupt, ihr was anzutun, noch das Geringste. Aber um ihr Herz zu schonen, muss meines zerrütten; schone ich meines, wird sich ihres erholen. Sie hätte wenigstens manches, das ihr hülfe; ich hätte nichts. Und die Aussicht darauf, auf das würdelose Nichts, das unserm gemeinsamen Leben nachfolgen würde – ich will das nicht. Es wird nichts mehr kommen, das mich so erfüllt wie sie. Sie hingegen wird von dem, worauf sie jetzt hinlebt, erfüllter sein als je von mir.

Auch andere würden zu Schaden kommen, wenigstens finanziell – das Ordnungsamt würde sich an die verbliebene Familie wenden, die überhaupt erst so von mir erfahren würde, um die Bestattungskosten einzuholen. Auch das ist rücksichtslos. Aber ich habe das Geld nun nicht, ich kann es nicht bereitlegen. Und am Geld ist schon so viel Leben gescheitert, es kann nicht auch mein Tod noch daran scheitern. Diese kapitalistische Pointe wiegt das Leid nicht auf.

Nachts um vier treffen wir uns zufällig im Flur, wehen langsam aufeinander zu, umarmen uns, fassen uns zärtlich aber fest und weinen lange, immer wieder. Ich bin dankbar dafür, weil es mir zeigt, wie schwer es auch in ihr ist; dass ich etwas Gewichtiges für sie bin, noch immer. Bedrückt aber auch, weil es ebenso ihre Ablösung von mir beweist. Sie nimmt Abschied, auch wenn er ihr schwerfällt, sie trennt sich wahrhaftig.

Was gelingen muss, ist der Zeitpunkt; nämlich so, dass wir noch innig sind, wenn auch im Lebewohl. Dass sich noch keine neue Sprache zwischen uns ergeben hat. Das sind im besten Fall noch ein paar Tage, vielleicht eine Woche. Zu gehen, solang sich in mir noch nicht das Gefühl gefestigt hat, wirklich getrennt von ihr zu sein. Das wird aber kommen, ich befürchte, rascher als ichs absehen kann; wenn unverkennbar würde, wie sehr sie sich schon anderm hingewandt hat. Für sie hingegen wäre es ein Schauder, weil sie, da sie sich aufs Neue einließe, wieder zurückgemalmt würde ins Alte, dem sie ja meinte gerade zu entkommen.

Was mit der Zeit kommen würde, jetzt aber unverdaulich ist: dass alles, was ich tun könnte, wozu ich imstande wäre, und all mein Wille dafür von einem Tag auf den andern obsolet ist durch ihren Entschluss: nicht mehr zu wollen mit mir, egal wie gut ich mich anstellte. Und wenn ich mein bestmöglichstes Selbst in bestmöglichster Verfassung für lange Zeit perpetuieren könnte, es würde keinen Unterschied mehr machen. Was in ihr gegangen ist, hat sich vor Monaten schon auf den Weg gemacht, und keine Version von mir könnte es noch einholen und vom Bleiben überzeugen. Die letzte Woche bestand täglich aus dem Ansporn, ihr und mir zu zeigen, wofür ich noch taugen kann, von morgens bis abends – vergebens, weil ich für ihr Gefühl nicht mehr tauge, das sich von Äußerm nicht mehr prägen lässt.

Dieses Gefühl für uns weichen zu sehen, es klar vor Augen zu haben und in den Sinnen, wie es einem bewusst wird, wo man selber von diesem Gefühl aber durch und durch erfüllt ist, ist in seiner Gnadenlosigkeit so erschütternd, dass kein Gedanke und kein erzwungener Mut es kurieren kann. Nur die Aussicht auf etwas Neues, noch gar nicht umfänglich Abschätzbares, nur etwas, das einem wie eine Initiation vorkäme, könnte es. Wie es L. damals für mich war, da sie mich zugleich vom Verlustkummer um E. wie von D. erlöst hat. Aber so jemanden wird und kann es nicht mehr geben für mich. Mit dem Kummer um sie und um uns wäre ich allein. Man könnte etwas aus sich selbst erschaffen und sich und sein Leben daran aufrichten. Aber ich sehe nichts, was das lohnen würde, gar nichts.

Alles, was ich ansehe in der Wohnung, alles, was auf uns verweist, hat mit einmal seine Bedeutung verloren. Nichts Gemeinsames wiegt noch was. Weil ich meine Bedeutung verloren habe, für sie, und das alles war, worauf mein Lebenssinn stand. Auf eine Art, natürlich, ist das armselig. Eine unrühmliche Rückgratlosigkeit, die erst recht beweist, dass ich für ihr weiteres Leben nicht tauge. Aber die Hingabe, von der sie sprach, diese vorbehaltlose Ergebenheit an einen andern, sie zieht das naturgemäß nach sich. Wenn ich auf einen andern hin lebe, wird er zum Fundament für das, was ich mir selber bin. Fällt das weg, bin ich mir nichts mehr. Eine Zeit immerhin, und auch in der vielleicht nicht restlos, weil ja wenigstens der unsägliche Schmerz, diese drastische Pein von einem Selbstverhältnis zeugt, das sich auch über eine Bindung hinweg erhält. Aber es ist nur das Niederste, was sich erhält. Das, worauf sich aus dem Stand kein würdiges Menschenleben errichten lässt. Nach L. aber in der Gewissheit, dass auch mit der Zeit nichts Würdiges mehr bei rumkäme. Woher diese Gewissheit? Weil ich keine Zwanzig mehr bin und weiß, welches Leben ich, nur für mich, führen würde. Diese Gewissheit ist eben keine negative Fata Morgana, die mir das Schlechte und Aussichtslose aus Schwermut bloß vormacht, sie ergibt sich aus der Selbstkenntnis von über vierzig Jahren und der Lebenslage, in der mich notwendig befinden werde, nicht zuletzt körperlich. Beziehung, das war für mich nur noch mit L. möglich. Weil dieser Wandel zu einer Art Torso, diese körperliche Regression, die zwangsläufig auch eine soziale ist, nur möglich war auf der Grundmauer einer langjährigen Beziehung, in der man einander so zu Herzen ging, dass diese Defizienz einbindbar war. Und selbst dieses Fundament hat zuletzt nicht genügt. Nur kann man ja in dieser Verfassung einem noch Fremden nicht ein neues Leben verheißen. So taugt man ja niemandem mehr als Glücksversprechen, aber gerade ich nicht, weil zum Körperlichen eben eine Mentalität käme, die vom Bewusstsein ums absehbare Ende so erfasst ist, dass ich mir schon selber nichts mehr verheißen könnte; wie erst jemand anderm. L. konnte sich darauf einlassen, eine Zeitlang immerhin, wie wenig mit mir anzustellen ist; bisschen spazieren, ich oft auf dem Scooter neben ihr, in nichts mehr rein können mit lauter Menschen und wenn, nur mit Maske. Das kann man jemandem zumuten, mit dem man schon ein Leben hat, aber niemandem, mit dem es sich erst ergeben soll. Worauf soll dieser Mensch denn mit einem hoffen. Kurzum, ich würde in einer Einzimmerbude versauern und dem Glück nachtrauern, das ich einst hatte mit jemandem, der sein eigenes Glück nur ohne mich sieht. Dafür lohnen sich die verbleibenden Jahre nicht.

4h geschlafen, Traum durchwirkt von allem, was sie betrifft. Müsste weiter, aber kann nicht, der Schmerz hält mich wach.

Ihr nicht mehr erzählen zu können, was mich beschäftigt, mich umtreibt, Großes wie Kleines, mit nichts mehr zu ihr zu kommen, ihr von keinen Entdeckungen mehr zu berichten, aus der Literatur oder sonst woher, kleine drollige Anekdoten, von denen ich die selige Erwartung haben darf, sie mögen sie genauso angehen oder erheitern wie mich – was für ein trostloses, trauriges, armes Leben.

So einen Schlag noch mal zu erfahren, noch mal das Lebenswichtigste so entzogen zu fühlen, die Seelengrundlage, das muss es dann auch gewesen sein, das muss einfach der Schlusspunkt sein, mehr will ich nicht mehr verkraften müssen, dem soll nichts mehr folgen, kein Später, kein Danach.

Nein, ich will nicht dumm reden, es ist natürlich der Unwille auch zu diesem Schmerz, auf unabsehbare Zeit Tag für Tag; jedes Aufwachen mit diesem Stich von tief gegen die Bauchdecke, nicht nur einmal, sondern dreiviermal jede Nacht, so oft ich eben pissen muss, und dauernd der Krampf unterhalb der Brust, als würde mein Solarplexus würgen – nein, das ist es unbedingt auch, was ich nicht ertragen will, was ich mir nicht mehr zumuten will, was diese dumme Seele nicht auch noch als Leben verbuchen muss.

Denn in Wahrheit will ich diese Trennung nicht und nichts, was für sie nötig wär. Eben dass ich mich wahrhaft löse von ihr, an jeder wesentlichen wie unwesentlichen Stelle mühsam abpelle von ihr, das ist es ja auch, was ich nicht ertrage, dass ich das, was sie war und ist für mich, mein Leben, meine Liebe, mein Hier&Jetzt und meine Zukunft, ersetzen soll durch gleich was anderes. Wäre möglich, würde sich allmählich von selbst ergeben, aber genau die Aussicht darauf ertrage ich nicht. Dass ich dann endgültig und wahrhaftig ohne sie bin, für fucking immer, von Grund auf.

Das Paradox meines Naturells: dass ich unbedingt ein Alleinmensch bin, als solcher aber nur in der Zweisamkeit selig sein kann.

Der böseste, schrecklichste Traum ist immer die Wirklichkeit einer Wahrheit, die einen zurücklässt.

Und immer, vom Bett wie vom Schreibtisch aus, der Blick auf Modiglianis „Leidenden Akt“, wie ein abartiger Schelmenstreich der Zeitläufte.

Wie wenn man aus dem Heim verstoßen würde, aus dem innersten Zuhause.

Auch sie wird ja gehen aus diesem Heim und sich ein neues bauen. Wir verlassen es ja beide. Auch sie nicht ohne Wehmut, aber aufrecht, wo ich herauskrieche und mich heulend an alles klammere, worauf ihr nur deutlicher wird, dass auf mich und mit mir nichts mehr zu bauen ist.

Auch sie ist ja, unabhängig von mir, in einer Krise, in einer mindestens so existenziellen wie ich mit meiner Scheißkrankheit, und dennoch gibt sie und gibt sie und gibt sie, wo ich nur nehme und klage und all meine Verzweiflung an ihr zulasse, während sie die ihre zurücknimmt. Dieser Kontrast schärft ein letztes und unwiderrufliches Mal meine Untauglichkeit für sie. Es ist sagenhaft, was für ein guter und starker Mensch sie ist.

Obwohl in Trauer, beide, hatten wir einen schönen langen Nachmittag draußen. Auf der gewellten Holzbank in den Menzinger Gärten, wo es bald zu schwül war, am und im See, im Café, auf den Spazierpfaden. Ich, außer im Café, immer wieder mit Heulkrämpfen, sie mit schönen klugen Sätzen, wie es einmal sein kann zwischen uns. Sie malt es aus, wie wir als Freunde durchs Leben gehen, als Menschen, die immer wieder Tage miteinander haben werden, die einander als inniger Bezug nie verloren gehen. „Du wirst immer mein Bruder sein“, sagt sie und es ist gerade nicht verletzend, sondern ergreifend, weil sie ihr Leben unbedingt mit mir sieht, nur nicht wie bisher. „Wir sind eine Familie.“ Sie beteuert es nicht, sie sagt es ganz ruhig und aufrichtig. Und mit der Zeit, ich weiß es ja, würde ich es nicht nur ertragen können, sondern selig sein für sie, wenn sie ihren Alltag dann mit einem andern teilt, wenn diese Liebe, die sie bislang für mich hatte, für jemand andern haben wird. Wie ich selig bin um jeden Menschen, der einmal näher mit mir war und jetzt in anderen, aber schönen Verhältnissen ist. Das käme mit der Zeit. Und wie sie davon spricht, fühle ich das unbedingt Gute daran, fühle ich wirklich, wie es was fürs Leben sein kann. Ein Mensch, der nie mehr verloren geht, der bleiben wird, auf seine Weise. Und nicht nur ein Mensch, sondern gerade sie. „Wann versteht man sich schon mal so mit jemandem wie wir uns beide“, sagt sie und ich bin so tief verblüfft; ich hatte nicht mehr erwartet, sie würde es noch so empfinden. Und einen Freund zu haben, einen Lebensfreund, mit dem einen das verbindet, was uns verbindet, mit dem man eine so lebenswesentliche, innige Geschichte hat wie wir, der einen auch so innig kennt und einen dennoch ganz annimmt als das Wesen, das man ist, das gibt mir für Augenblicke eine Phantasie für ein Leben nach unserem gemeinsamen. Aber was mir wegbricht an ihr, kann dennoch durch nichts ersetzt werden. Wie ich einen Lebensmut entwickeln soll für ein Leben ohne sie, ohne das, was mir zum ersten Mal überhaupt so was wie ein Lebensglück, eine ungetrübte Freude am Dasein ermöglicht hat, dafür habe ich eben keine Phantasie. Wie schön es wirklich wäre, ein Freund für sie zu sein, jemand Wichtiges, immer noch etwas Bedeutendes zu teilen mit ihr, das kann ich mir vorstellen, dafür habe ich ebenso einen Sinn wie für die Idee, im Laufe des Lebens bis an sein Ende es als ein Glück zu empfinden, sie in meinem Leben zu wissen und gewusst zu haben, in allen Weisen und Erscheinungsformen, in denen wir uns für einander ergeben haben, für die Idee von einem Wandel menschlicher Beziehungen, durch den uns ein dringlicher, inniger Sinn für den andern immer führen wird, und vor allem andern ein Sinn dafür, dass sie, wenn sie auf ihrem Weg nur fortgeht, wirklich einmal glücklich und zufrieden sein kann, wahrhaft erfasst, wie theatralisch das auch tönen mag, von der Liebe für alles, was Leben ist. Denn das fehlt ihr an mir, ohne dass sie’s so sagt, ich war nie imstande, hatte nie die Mittel, sie dafür zu ermutigen. Das kann nur ein anderes Leben, andere Menschen, ich weiß es ganz und akzeptiere es immerhin gedanklich. Aber die Idee von uns, die so lang getragen hat, die auch für sie so lang und tief gegolten hat, die es auch ihr schwermacht, von mir zu gehen, die muss ich aufgeben und kann und will es aber nicht. Und das kommt noch zu oft durch, wenn wir sprechen. Für einen Moment, am frühen Abend, ist sie doch kraftlos; es sei auch für sie nicht leicht, mich in meiner Verzweiflung zu hören, immer wieder die Worte hinzunehmen, die ich gegen mich finde. Sie will es mir inständig eingeben, wie viel an mir ist, wie viel Gutes, wie viel mir noch möglich sein wird. Aber ich hänge unlöslich an dem, was ich nicht mehr sein kann, nämlich ihres. Sie war mir, im Umgang, immer ein Vorbild, vielleicht das erste, das ich für mich so annehmen konnte; ihre Fürsorge, ihr Mitleid, ihre Güte, ihre Aufopferung, ihr kompromissloser und liebevoller Beistand in den desolatesten Momenten. Und sie ist es gerade auch jetzt; wie liebevoll, wie seelenvoll sie sich um mich kümmert, um dieses wehklagende Häufchen Elend, ist nur ergreifend – und ich will, aber kann diesem Vorbild nicht nacheifern, wie ich es über die Jahre durchaus mitunter konnte, denn ich müsste loslassen, im Frieden mit mir wie mit uns, dass sie sich endlich ganz um sich kümmern kann. Die dafür nötige Ruhe habe ich nur in den Momenten, in denen sie von dem spricht, worauf sie für die nächste Zeit eine gewisse Vorfreude fühlt. Wenn sie von sich spricht, von dem, wie es ihr einmal gut sein kann, bin ich so bei ihr, dass ich mich selber darüber hergeben kann. Aber es hält nicht lang, nur für Momente, dann verfalle ich wieder dem würdelosen Kummer um mich selbst. Längere Ruhe finde ich nur, als ich später noch einmal allein hinausgehe, im Regen, und die Verhältnisse um die Turmmauern, oben wie unten, inspiziere.

Ihr nichts antun; es ist wie ein Mantra. Ihr jetzt noch ein Leid mitzugeben, es verbietet sich von überall her. Ich nehm es auch nicht nur als ethischen Grundsatz, der es zweifellos ist. Ich will es nicht. Ich kann nicht mehr lieben und tiefer, als ich sie liebe, als das Ergreifendste alles Wirklichen, wenn an ihr auch immer ein zarter Schatten des Unwirklichen hing, den ich jetzt, nachdem sie zuletzt so offen von sich sprach, endlich verstehe als das vielleicht Wirklichste. Und einen Menschen, den man so liebt, darf man nicht versehren. Man muss immer, in allem, auf seine Unversehrtheit hinleben. Es ist mir nicht oft genug gelungen. Aber ihr jetzt noch einen Tod mitzugeben, da sie sich zu sich selbst entschlossen hat und zu einem Weg, der für sie der bessere ist und den sie gehen soll in der freiesten Weise, das wäre so grausam, es wäre so barbarisch, dass man allein den Gedanken reuen muss. Gerade wenn sie für Augenblicke heiter ist, ungezwungen, und ich eine Ahnung davon bekomme, wie gut sie es einmal haben kann, ist es mir undenkbar, ihr das anzutun. Nur ist mir in allen übrigen Momenten undenkbar, ohne sie zu sein, ohne das Leben, das ich mit ihr hatte und für immer haben wollte.

Wenn wir später einmal sprechen, als Freunde, vieles wird noch sein wie ehedem zwischen uns, aber das intime Vokabular, der vertraute Ton, der aus dem Alltag herkommt, der Eindruck: alles Sprechen miteinander sei ein Sprechen füreinander und für das gemeinsame Leben, das unvermittelte, jähe Anreden auf einen Einfall hin, das wird nicht mehr sein. Wir werden uns mit unseren Namen anreden, werden L. und A. sagen statt Maus und Maus, sie wird Sätze nicht mehr abbrechen, wie es ihre Art ist, aus Unlust am bloßen Sprechen und sich dann hinlegen mit mir, um trotzdem beieinander zu sein, es wird außer Umarmungen, zur Begrüßung wie zum Abschied, keine Körperlichkeit mehr geben, ich werde sie nicht mehr, wenn wir aneinander sind, hier und da einfach anfassen können, an der Schulter, an der Hüfte, am Schenkel, unvermittelt, ohne Hintersinn, nur aus dem Bedürfnis nach einem Augenblick der Nähe. Wir werden nur mehr gehen oder sitzen, nicht mehr liegen beieinander, wir werden nur noch reden, nur noch Gespräche haben und nicht die vielen stummen Momente, in denen wir nichts sagen und trotzdem füreinander sind. Wenn ich manchmal auf die Zeit mit D. zurücksah, fühlte ich ohne weiteres die Liebe nach, die ich für sie hatte, aber im Bewusstsein immer, wie gut es für uns beide war, voneinander zu gehen. Das wird und kann mit L. nie so sein. Ich werde immer wissen, bei jeder Begegnung, welcher unersetzliche Verlust sie für mich war und ist. Schon jetzt weiß ich es und fühl es mit jedem Mal, da ich sie ansehe. Trotz aller Bedrückung, allem Heimweh nach unserer Beziehung, ist es nur Freude, sie anzusehen, sie sprechen zu hören, alles an ihr macht mich noch immer nur selig. Es ist das Wissen um den Menschen, der sie ist. Nicht nur für mich, vielmehr für sich selbst. Ich habe niemandem lieber beim Leben zugesehen.

Sie will einen Aufbruch schaffen, für uns beide, und sie glaubt wirklich daran und gibt mir eine Perspektive, die es mir nicht nur erträglich, sondern gutmachen soll. Aber die Innigkeit am heutigen Tag, wie der Sinn für einander noch einmal ganz da war und wie es vielleicht morgen noch sein wird, wenn wir wieder hinausgehen, und wie es, nach ihren Worten, immer gehen kann zwischen uns, ist für mich kein Aufbruch, sondern Abschied. Noch einmal erfahren, was ich ihr war, was ich ihr bin, was ich ihr sein kann; es nimmt der Trauer nichts, gibt ihr aber etwas Schönes bei, etwas wirklich tief Bewegendes. Die Einsicht, sie fühlte und fühlt sich an und mit mir nicht verschwendet. Aber es wird ja nicht so gehen zwischen uns in der Zukunft. Ein anderer Alltag als jetzt wird sie einnehmen, andere Zusammenhänge, andere Wichtigkeiten, und was jetzt, wie aus einem zerdrückten Pickel, an Eiter herauskommt und wabert, wird dann längst vertrocknet sein; es kann dann diese Innigkeit, dieser besondere Sinn füreinander nicht mehr sein. Was es gäbe, wäre noch immer etwas Wunderbares, das sehe ich auch, denn auf einer bestimmten Ebene hängt unser besonderer Umgang miteinander nicht nur an der Intimität. Und sie wäre noch immer sie, wäre noch immer das Anhimmelnswerteste der Welt. Wie je würde ich über ihre Späße lachen, wie je wär ich bewegt von allem Ernsten, das sie spräche, wie je würde ich mich nur wohl an ihr fühlen. Aber für sie wären diese Begegnungen welche unter vielen, eine kleine Abwechslung, „Lass uns mal wieder was machen“, alle paar Monate, wenn es hochkommt, eher seltener – für mich wären es notwendig meine Lebenshöhepunkte, gefolgt von der Trübsal drum, das nicht mehr mein Leben nennen zu können. Sie würde heimgehen in freudige Verhältnisse, die ihre wirkliche Lebensgrundlage sind, und ich ins trostlose, nichtswürdige Verhältnis allein mit mir selbst. Nichtswürdig, weil es außer mir niemanden sonst beträfe. Vielleicht fände ich kleine Dinge, die noch etwas anstellten mit mir, gar nicht mal Menschen, nur Interessen, aber alles wäre nur Ablenkung von der Bedeutungslosigkeit, die ich allein für mich nicht überwinden kann. Für wen noch schreiben? Zwar ist sie verblüfft, als ich in Frage stelle, dass ihr mein Schreiben noch was wäre, aber alles Schreiben, das noch möglich ist, das aus Freude kommt, ist jenes für sie. Für ihren Spaß, ihre Unterhaltung, ihre Rührung. Alles Übrige gelingt eh nicht mehr. Aber das Schreiben für sie, das ergab sich ja nur aus dem Verhältnis, das wir hatten, aus dem innigsten, mutmaßlich unlöslichen Füreinandersein. So bliebe nur mehr Tagebuch, und auch in dem nur mehr das, was nicht mehr sein kann für mich, ob sie oder alles andere. Ein originärer Lebenssinn würde sich mir nicht mehr stiften. Aber ganz gleich, was ich mir hierhin und dorthin denken kann, das eine Grundlegende bleibt so unverrückbar wie die scheiß Berge hinterm See: dass ich das tägliche Leben ohne sie nicht will. Und es wird mir nur deutlicher mit jedem schönen Moment, der sich zwischen uns auftut.

Ich versuche es, versuche es wirklich, mir alles ohne sie vorzustellen, oder mit ihr nur mehr als Side oder Supporting Character. Und das gelingt und nicht bloß im Blitzlicht meiner Trauer. Ich kann es mir behutsam ausmalen. Und wenn ich dem noch beifüge, was sie mir ausmalt, ein Leben, in dem sie noch immer eine Konstante wäre, ist es etwas, das man leben könnte. Aber ich will dieses Leben nicht. Und nicht nur aus Trotz, der sicher auch drin ist, sondern aus der Einsicht, dass es für mich nichts mehr geben kann, das unserm Leben gleichkäm. Wenn sie an mir ist, nur schon im Telefonat, ist alles in mir gut. Aller innere Hader, alle Bedrückung, aller kleine wie große Kummer mit einmal stillgelegt. Als existierte nichts Arges mehr für mich. Und wie gewaltig, wie grenzenlos ist erst die Freude an ihr. Und alles nicht an einzelnen Tagen, in einzelnen Momenten, sondern immer, durchweg; es war jeden Tag Frieden in mir. Und jetzt wieder in ein Leben – gleich wo, gleich wie, ob mit wem oder nicht -, in dem das von Grund auf nicht mehr gegeben ist? In dem sie nicht mehr von Grund auf gegeben ist? Ich kann das sehen, annähernd klar vor mir, es fühlt sich nur wie Verbluten an. Der einzige Trost, auch jetzt schon, ist die Zuversicht, ihr werde es besser gehen. Aber daran kann ich mein Leben nicht stützen. Das Wissen drum, es gehe ihr gut, macht einzelne Tage, aber keine Jahre. Es würde ein Leben, in dem es niemandem mehr auf mich ankäme und zuletzt mir selbst nicht mehr. Das allerdings sehe ich klar vor mir. Ihrem Zutrauen zum Trotz, aus mir könne noch sonst was werden. Sie traut es dem Gesunden zu, der ich nicht mehr bin, auch nicht mehr werde. Wenn es bliebe wie in der letzten Woche, wo ich viel getan hab, viel körperlich, auch geistig in Teilen, selbst das würde lange nicht mehr selbst nur für einen Teilzeitjob reichen. Schon die Aminosäuren werde ich mir nicht mehr leisten können, wie erst Offlabel-Medikamente. So aber wird es gesundheitlich nicht nur nicht besser oder auch nur gleich bleiben, es wird schlechter werden, alle verbleibende Kraft wird dafür draufgehen, aufs Klo zu gehen, alle paar Tage mal zu duschen, halb den Haushalt zu machen und an einzelnen Tagen, wenn ich es hinbring, einkaufen zu gehen. Ich kenne sie ja, sie würde mir helfen, aber wie würdelos wäre das. Aber wenn das noch alles ginge, dann könnte ich noch immer nichts weiteres tun, gerade schreiben nicht. Es wär ein ewiger Leerlauf für nichts und wieder nichts. Ohne Geld, ohne mitreißende Perspektive, ohne Lebenssinn. Denn selbst wenn noch sonst was aus mir würde – wozu, wenn nicht für sie und für uns. Darauf ging ja alles hin. Alles, was mir Wert gab.

Wenn ich nicht schriebe, diesen ganzen Müll hier, und mich googlend in diversen Möglichkeiten erginge, ich würde keine fünf Minuten mit dieser Wehmut überleben. Versuche es immer mal, komme nie über zwei bis drei hinaus.

Kann seit zwei Tagen auch nichts mehr räumen. Nichts mehr putzen, nichts mehr sortieren, nichts mehr wegbringen. Auch wieder seit zwei Tagen nichts gegessen. Alles, was ich bis eben tat auf uns hin, täte ich dem Gefühl nach jetzt auf nichts hin. In nichts mehr, was ich in der Wohnung erblicke, ist noch dies Uns drin. Oder nur mehr als Erinnerung, was es bloß schwerer macht. In gewissem oder vielmehr sehr konkretem Sinn würde ich es natürlich ‚für uns‘ tun, immerhin leben wir noch zusammen, es ist noch immer unsere Wohnung. Aber alles ist wie abgestorben. Nichts davon hat mehr eine Zukunft als das, was es einmal in seiner Blüte war, und eine Gegenwart nur dafür, diese Hölle wahrzumachen.

Auch sie hat geweint an mir, einmal abends, einmal nachts, und sagt heute, auf eine meiner vielen Entschuldigungen nach einem Weinkrampf: allein für sich habe sie unendlich viel geweint. „Es ist so traurig“, sagt sie und ermutigt mich, nichts mehr zu denken, nur alles an Trauer und Schmerz hinauszulassen. Ich soll weinen, soll alles rausweinen. Aber es würde, ich weiß es, nichts ändern. Vielleicht wäre ich ruhiger, aber alles sonst wäre mir genauso klar und genauso trostlos. Und ich weiß, sie noch im Leben zu haben, für immer, wäre nicht ein Trost, es wäre ein Glück, ein Geschenk, und jeden Moment würd ich es wertschätzen. Und es wäre auch nicht nur was am Rande, vom Gefühl her, es wäre was Elementares, wie es mir meine Freunde vom Grund her sind. Aber Kontakt hätte man selten, und was dazwischen wäre, ginge auf nichts zu, das mir nur annähernd dasselbe sein könnte wie es mir unser Leben gewesen ist.

Sie eben hat etwas, worauf sie hinleben kann, und wird bald jemanden haben, mit dem sie es gemeinsam tun kann, in Liebe und allem, was zwei Menschen bindet. Und sie hat nicht bloß Hoffnung, sondern ein tiefes Zutrauen darin, mir werde es auch gut gehen können. Ich weiß, wo sie es herholt, aber ich habe diesen Schatz, aus dem sie schöpft, nicht in mir. Ich kenne diese Erfahrung nicht. Nur an ihr habe ich etwas erfahren, das mir solches Zutrauen geben kann. Ohne sie entfällt das.

Der Weg, der ihr vorschwebt für sich, der wäre ja auch kein leichter, er wäre sehr beschwerlich, es gäbe keine Garantie für das, was sie sich von ihm erhofft. Aber sie kann ihn gehen, ein langes Leben weit, und ich weiß schon, was sie nur wünscht: dass ihr dieser Weg gelingen wird. Sie ahnt ihre Möglichkeiten, aber erkennt in sich noch nicht dieselbe Stärke, dieselbe Kraft, die ich in ihr weiß und von der ich in meinem Leben keine vergleichbare erlebt habe. Das Risiko besteht, dass sie herausfällt und verlassen auf sich geworfen wird. Es ist nicht wahrscheinlich, es ist ganz und gar unwahrscheinlich, nur möglich ist es. Und das wäre ein Lebenssinn – Leben so lang hinzubringen, um in solchen Lagen für sie da zu sein, bloß als ein Freund. Aber so viel Leben ist nicht vor mir, nicht im günstigsten Fall. Und es ist eben auch nicht wahrscheinlich, dass sie mich je als Freund brauchen wird. Überhaupt denke ich das alles nur, um mir ihre Worte in eigenen wiederzusagen, dass sie mich immer gern um sich haben werde und es ihr sehr lieb wäre, würde ich in ihrer Nähe leben. Nur werde ich in dieser Lage nie sein können und in den ersten Jahren wohl auch nicht sein wollen. Und es wäre ja auch das Grundfalsche, mein Leben dann noch an ihr auszurichten, territorial oder emotional. Leben ginge überhaupt nur, wenn ich es an mir ausrichtete. Aber ich trage nicht, kein Leben lang und niemanden, warum dann mich.

Noch sagen wir Maus und Maus, es kommt ganz unwillkürlich, auch fassen darf ich sie noch, über ihren Rücken streicheln, wenn sie sich für einen Augenblick bückt, ihre Hand nehmen oder mich an ihrem Arm halten, wenn ich andernfalls bräche. Aber es ist wohl, gerade in der Sprache, noch die Gewohnheit und, mag sein, die Liebe, die ein letztes Mal aufschwemmt, aber sehr bald abebben wird, wohl spätestens, wenn sie wieder für einige Tage fort gewesen sein wird. Es muss ja auch so sein, es muss ein Fortkommen geben, wenigstens für sie, sie muss es an uns beiden erleben, um frei zu sein, um wirklich und endlich ans Neue zu gehen. Und es ist aber dieser Moment, in dem dies Vertraute zwischen uns nicht mehr sein wird, den ich ums Verrecken nicht erleben will.

Zwanzig Seiten mittlerweile voller Jammer und selbstmitleidigem Wiederholen der eigenen Trauer, voller Beklagen ums Verlorene, in immer ähnlichen Worten. Den Büchnerpreis gibt’s dafür nicht. Aber nur so ertrag ich die Phasen, in denen sie für sich ist oder arbeiten muss. Und heute war es auch der Versuch, schreibend in eine Zukunft vorzufühlen, in der wir einander noch sind, wenn auch anders. Es gab Momente, in denen ich es für möglich halten wollte. Aber wann immer ich mit mir bin und nur mit mir, auf dem Klo oder in der Küche, fährt diese bestialische Trostlosigkeit in mich, die unendlich wehmütige Einsicht: es wird uns nicht mehr geben. Bei Gott will ich nicht sterben, aber leben auch nur noch mit ihr. Wie ein Kind, immer wieder, oder wie ein Gefolterter, ruft es in mir: ich ertrage das nicht, ich ertrage das nicht. Das Ende dessen, was unser Leben war. Was es ganz fest und unbedingt auch für sie gewesen ist, noch bis vor ein paar Monaten. Was dann kam, sagt sie, hätte sie nie abgesehen. Auch für sie war es so: dies Leben, mit mir, bis zum Ende. Und für sie ist es gut, ich sehe es ein, für sie ist es gut, dass es anders kam, für sie wird es das Bessere sein, sie muss dem nachgehen und das schließt schon alles. Die Einsicht ist ganz da, nur lässt sie bloß zwei Gefühle zu: die Freude für L., die ich in Momenten aufrichtig fühle, und die untröstliche Traurigkeit um mich. Gefühle, Gefühle, ich weiß, die vergehen, sie kommen mit Ereignissen und gehen mit ihnen, Körper und Geist ermüden vom Schmerz, alles das wird vergehen, es wird ruhiger werden in mir, ich werde nicht mehr jeden Tag heulen, werde wieder essen und schlafen können, die jetzt klaffende Wunde vernarbt und mit der Zeit gehe ich wieder dem Alltag nach. In noch längerer Zeit werde ich das Gewesene als Gewesenes akzeptieren, werde es wertschätzen, werde mich über jeden Anruf von L. freuen wie ein Kind, das unermesslich beschenkt wird, werde mich kümmern um meine Krankheit oder Gesundheit (ich weiß immer nicht), werde mit Freunden sprechen, vielleicht wieder lesen und wenigstens Tagebuch schreiben, und man findet sich ja ab über die Zeit mit dem Wenigen, das man hat, an Geld, an Freude, an Lebenssinn, man richtet sich noch im Geringsten ein, ich kenne das ja schon. Aber gerad weil ich es kenne, und weil ich nun aber, über so lange Zeit, auch das ganz Andere erfahren hab, fehlt mir der Wille dafür.

Sie war am Abend auch schon gelöster als zuvor. Wieder zuhause, nach einigen Zigaretten und manchem Geschreibe, dankte ich ihr in loser Folge für manches sehr, insbesondere für ihre Worte am See. Und es war ganz aufrichtig, ich war dankbar und im Innersten erfasst (und bin es noch) von ihrem Gefühl für mich und dass es ihr bleiben werde. Und ich war auch wirklich bewegt, so tief bewegt von ihrem Bekenntnis, ihr Familie zu sein. Etwas, aus dem man nicht einfach ausscheren kann, dem man, wie entfernt auch immer, je verbunden bleiben, das man immer als seines anerkennen wird, als das, was einem am Seelengrunde zugehörig ist. Dankbar auch für ihren grundehrlichen Eifer, mir ein Leben in Aussicht zu stellen, das schön und lebenswert sein würde. Und für Augenblicke wollte ich es im Ernst für möglich halten, wollte mich wahrhaft in diese Phantasie einwirken. In allem also, was sie sagte, hat sie mich und auch unser gemeinsames Leben, weil sie so rückhaltlos und wahrhaftig sprach, auf die tiefste Weise gewürdigt. Und es war zweifellos ein Antidot für meine Sorge, ihr nichts Wesentliches mehr zu gelten und auch für jene, was wir hatten, könne nichtig für sie werden oder etwas, das man lieber verdrängt. Sie wird mich, in sich, nicht verdrängen. Und das gespürt zu haben, war ein Geschenk ohnegleichen, und ich wollte es ihr bekennen, wollte ihr ganz frei sagen, wie fundamental das für mich ist. Und sie hat vielleicht einen zarten vibe change in mir wahrgenommen, als würde ich Ansätze zeigen, mich zu stabilisieren. Aber davon eben gar nichts. Nichts von diesem Schrecken, nicht mehr leben zu können mit ihr, weicht nur einen Hauch. Aber es zeigt ja an, wie sehr sie des Gelösteren bedarf, wie sie es endlich als eine Befreiung fühlen will, als eine Möglichkeit, das Kommende langsam anzugehen, aber auch, um nicht auch davon noch, wie schon von ihrer sonstigen Lage, bedrückt und bedrängt zu werden. Und es läge wohl in meiner Verantwortung, ihr das annähernd zu ermöglichen, mich nicht von morgens bis abends als Gepeinigten zu offenbaren, ihr Freiraum vom Kritischen zu verschaffen. Aber ich kann dieser Verantwortung nicht gerecht werden und sehe auch nicht, wie es mir in nächster Zeit gelingen soll. Denn so ernst ich anerkennen kann, was für sie das Gute ist, so wenig kann ich es als mein Gutes begreifen, und wie egoistisch das immer sein muss und wie unbedingt ich gerade das nicht sein will, nicht jetzt noch, kann ich doch darüber nicht hinaus.

Und so sehr es ihr guttun würde, ihren Weg nicht allein zu gehen, so gut ihr ein Mensch täte, der ihr für diesen Weg aus eigener Erfahrung etwas mitgeben könnte, der ihr mehr sein würde als nur jemand, mit dem sich das bürgerliche Leben leichter hinbringen ließe, ein Mensch also, mit dem sie ihre ureigene Erfahrung teilen und vertiefen würde, die ich nie machen kann, so gut und richtig und, natürlich, wunderbar das für sie wäre, so wenig will ich doch erleben, wie sie sich nicht nur absetzt von mir, das hat sie schon, sondern sich hinübersetzt zu einem andern. Wenn ich’s mir denke, gar nicht in Paranoia, nur als seriöse Aussicht, macht es mich auch ruhiger und gefasster, weil es unser Ende in Momenten greifbarer für mich macht. Weil etwas hinter steht und nicht bloß das blanke Nichts. Weil ich mir dann vor Augen führe, wie eingebildet auch immer, wie gut es unbedingt für sie wär. Indes wahrhaft zu erleben, wie dies Ende wirklich, wirklich unwiderruflich beschlossen ist, das würde mich schnurstracks in mein eigenes Nichts versetzen, das würde meine Verlassenheit, die jetzt noch von L.s Fürsorge und Hingabe kaschiert wird, endgültig bloßlegen. Es ginge das nur, wenn ich dem, ganz in mir und für mich selbst, etwas entgegensetzen könnte, wenn ich bis dahin einen Ansporn für mich hätte oder etwas, für das sich Ansporn lohnt. Aber ich gehe ja immer wieder alles durch, alles, was sich potenziell ergeben könnte, selbst was vom Unwahrscheinlichen, aber wenn ichs dann auf Herz und Nieren prüfe, bleibt nichts, das mich vom Versauern abhebt. Am Donnerstag wird sie fahren und bis Sonntag, vielleicht Montag bleiben, und vielleicht gelingt es mir, mich in der Zeit an die Höhe zu gewöhnen, die mir heute, als ich oben auf der Mauer lag, doch wieder dieselbe Furcht gemacht hat wie allezeit, um ungefähr in Ruhe zu gehen. Wenn nicht, bin ich zum Leben ohne L. verdammt, und das sage ich mir immer wieder vor, ganz wie jemand, der sich Mut antrinkt.

15 07 26

Mehrmals nachts zum Pinkeln wach, und immer als erstes dieses bodenlose Entsetzen ums Ende. Nach dem dritten oder vierten Mal, nach nur wenigen Stunden Schlaf, drückt dieses Entsetzen noch die ärgste Müdigkeit weg und ich kann nicht weiterschlafen, nur wieder weiterdenken ums Ende, ums Ende, ums Ende.

Was ich aber auch denke, was ich mir so oder so vorstelle, wie ernst ich in Momenten auch ein alternatives Leben ersinne und mich probeweise in dessen Aussicht füge, wie unbeschreiblich schön noch jetzt jede Gelegenheit mit ihr ist, wie viel vom Tag ich auch ans Aufschreiben gebe, immer kommt der Moment zwischen diesen mal kürzeren, mal längeren Phasen, wo ich auf nichts mehr abheben kann, und was dann klarer als alles ist, was sich umgehend aufdrängt als das Wirklichste, ist das Eingeständnis von unserm Ende, vom Ende meines Lebensglücks, und für was ich darauf empfinde, gibt es im Grunde keine Sprache mehr und nichts, womit sich dieses Leid abmildern oder in ein größeres oder auch nur anderes Bild setzen ließe. Für ein Leben wie meines, in der zivilisierten Welt, kann es gar nichts Unbarmherzigeres geben als dieses endlose Loch, in dem sich das Fallen als einzige Lebensform beweist und der radikale Verlust des Bedeutendsten als das einzige Los, das einem noch beschieden ist. Unser Leben – einfach weg. Und ich bin nicht mit weg, ich bin noch da, und das ist das Widerlichste, das wirklich Unerträgliche. Dass ich durch dieses Loch muss. Ob für kurz oder lang, ist sich gleich, der Sturz hinein ist schon das Maßlose.

Und nicht nur ich bin nicht weg, auch das Leben ja nicht, es ist noch da; nur alles andere ist weg. Was es schön gemacht hat, was einen barg, woran man wie ein Kind geglaubt hat, alles weg. Und was bleibt, ist wirklich nur das Leben, ist nur die unergiebige Tatsache, am Leben zu sein.

Diese Geschichte wär auch sehr anders zu erzählen, nicht gleich ganz anders, aber in weiten Teilen, als eine von Erkenntnis und Aufbruch, von Lebensmut und Lebenswille, von Traurigkeit zwar, aber auch von Vorfreude, nur wäre das dann ihre Geschichte, nicht meine, und ich kann nur von meiner schreiben und die kann nur von Schmerz und Trauer handeln, von jenem so unwirklich-wirklichen Leid, das ich in diesem Leben nicht mehr verwinden will; vorgesagt in endlosen Wiederholungen, wie zur Einschärfung fürs Letzte.

Ein Versprechen auf gemeinsame Zukunft, wie es unser war, sicherte nicht nur gegen Unverlassenheit ab, sondern war eines, für mich, auf Glück bis ans Lebensende. Auch sie hat uns ja, bis vor ein paar Monaten, bis ans Lebensende gemeinsam gesehen. Und im Nu ist nicht nur alle Sicherheit fort und alles Glück, es gibt jetzt im Gegenteil die Sicherheit dafür, dass es das nie mehr, nie mehr geben wird für mich. Was schön war im Leben, was gut war in mir, hat sie schön und gut gemacht, von selbst oder nur durch mich wurde es das nie.

Ich hatte über den Jahreswechsel, wo es ihr noch verborgen blieb, und dann im Frühjahr, wo es ihr klar hervortrat, einfach nicht genügend Rückgrat, ich war nicht standhaft. Das wieder aufkommen zu sehen in mir, musste ihr Zutrauen in mich ja schwächen, daraus konnte ja nichts Initiatorisches mehr entstehen, gerade nicht in einer Phase, wo sie es unbedingt gebraucht hätte, wo sie selbst in der schärfsten Krise war. Vielleicht hätte ich ihr nicht da heraushelfen können, aber wenigstens entfallen als noch was Instabiles in ihrem Leben, das sie festigen muss, ohne sich selbst festigen zu können. Ich habe das nicht klar genug erkannt. Ich habe es an ihr als ein brisanter werdendes Kontinuum verstanden und nicht als die Markscheide, die es notwendig für sie war. Weil mich selber ein Ereignis resigniert hatte und ich wieder zu sehr mich selber im Sinn hatte, obwohl meine, im Gegensatz zu ihrer, eine harmlose Situation war, die ich aus Schwäche aufgebauscht habe, um mich ihr zeitweise geschlagen geben zu können. Erst rückblickend verstehe ich die ganze Fragilität dieser Phase und was sie fürs Kommende bedeuten musste. Aber wahrhaben, wirklich zulassen kann ich das in mir nur theoretisch. Als ein wirkliches Ereignis schnürt es mich komplett ab.

Mein Magen, wie mein Kopf auch, wartet auf den Moment, an dem es vorüber ist, an dem der Schrecken sich gelegt hat und man weiter kann im Gewohnten, im bisherigen Glück. Aber gerade das wird nicht passieren, gerade das ist ausgeschlossen, das aufgescheuerte Selbst wird bleiben, es wird nicht mehr heilen, es wird nicht mehr gut; was es gab, bis eben noch, wird es nie mehr geben.

Immer leben müssen, oder wenigstens die nächsten Jahre, mit dem Wissen, dass sie es besser hat ohne mich, wo ich es selber niemals besser haben kann als mit ihr? Soll ich darauf warten, dass sich eines Tages plötzlich das Edle in mir ergibt und ich, weil sie es gut haben wird, gleich alles gut finden kann? In Wahrheit gelang es mit allem Vergangenen auch nur, weil L. war. Durch sie allein ist in der Rückschau alles ins Selige gereift. Ohne sie wär ich ein Mensch, der seine Identität allein im Scheitern fände, und wenn ich darüber noch nicht ganz verbittert wär, mich sogar vertragen könnt damit, wär dadurch ja alles Vergangene für mich immer noch bloß Ausweis eines Unvermögens, in dem nichts reifen, nur alles Menschliche verfaulen kann. Und da wieder hin? Grundgütiger.

Nämlich die Erinnerungen an D., an S., an E. und M. oder sonst wen, sind die denn wirklich schön, kann ich mich wahrlich an ihnen erfreuen, sind sie denn ganz frei vom Schatten der quälenden Einsicht, es ihnen im Gesamten nicht gut gemacht zu haben? Natürlich nicht, sie sind durchtränkt davon, daher meide ich sie ja, ich schwelge nicht in früheren Momenten mit dieser und jener, weil es zuletzt nur bedrückend wär und nur Pein. Wie dann erst mit L.! So viele Erinnerungen, so viele Momente, viele schöne, wie sollt ich ertragen, wenn mir all das durchs Ende und wie es kam vergällt würde? Grausam wärs.

Es gibt kein Weiter für mich, ich fühl es in allem, was ich wahrnehm, alles Leben ist von ihm abgezogen. In schönen Bildern malt sie aus, wie wir noch eine Weile zusammenleben, ins nächste Frühjahr hinein vielleicht, aber irgendwann gingen wir ja doch voneinander, und was dann käme, wäre buchstäblich nichts für mich, und schon das Vorher hätte was Schneidendes, sie würde sich ja doch nur immer weiter absetzen, vielleicht auch jemanden mitbringen in dieses Zuhause, das so unbedingt nur unseres war, nur für uns gedacht und gezimmert, und wer weiß, ob es sie durch die eine oder andere Erfahrung oder Erkenntnis nicht schon eher zum Auszug drängte, zur Aufgabe dieses Zuhauses, von dem ich in seinem einstigen Ansinnen nicht lassen kann. Manches Mal in den letzten Jahren dachte ich, wenn sie einst gehen würde von mir, ich müsste ja trotz allem glücklich sein, glücklich ums Gehabte, und dass ich in allem übrigen Leben von diesem Glück zehren würde, zehren könnte und zehren dürfte. Ein törichter Gedanke, elendig naiv, denn er war nicht genährt vom sinnlichen Eindruck, wirklich ohne sie zu sein. Wirklich von ihr verlassen zu werden, als Lebenspartner aufgegeben, dieses Unaushaltbare konnt ich mir aus dem Glück heraus nicht vorstellen. Und jetzt kann ich mir kein Glück mehr vorstellen, weil alles ernste und tiefe Glück, das ich kenne, nur je mit ihr war.

Entgeistert bin ich, im einfachsten Wort. Als seien alle Geister entwichen, vor allem jener der idyllischen Oase, in der Lebensglück und innerer Friede, sonst umgeben von Dreck und Nichts, doch möglich war.

Aufs Letzte zurückgezogen, nämlich was als erstes kommt, wenn ich aufwach oder für einen Moment abseh vom Schreiben oder Spekulieren, was umgehend und allein drängend da ist, wie als sei es nun freigelegt, ist nur und immer dasselbe, ist nur und immer ein gravierendes, mich komplett durchwucherndes Nein – dann nicht auf irgendwas Künftiges hin, nur darauf, dass sie uns auflösen möchte, dass sie was anderes für sich möchte als unser Leben, als mich – das ist, unter und über allem, der eine Grundschmerz, der meine Kräfte übersteigt. Das eine, an dem ich mit allem Denken und Schreiben nicht vorbeikomm. An das nichts Weltliches mehr anschließen kann.

Nach einem Gespräch mit ihr, nach einem Nachmittag draußen, kommt es mir nur unwürdig vor, mich so peinlich wegzumachen; denn in ihr wirkt eine so große, so umfassende Würde, ein so ergreifender Sinn fürs Leben, dass die Vorstellung, wie ich in ihrer Abwesenheit von der Turmmauer kuller, nur unangemessen ist, inadäquat zu allem, was sie ist. Und wie grenzenlos schön ihr Wesen in ihrem Gesicht wiederschimmert, in jeder Bewegung, ihrem einmaligen Gang, in jeder Geste für sich wie für mich, und wie anrührend sie von sich selber spricht, von dem was war und kommen mag, wie bewegt sie Einzelnes erinnert, wie viel Mitleid sie für so vieles in sich zulassen kann, wie sehr sie vieles von lange her noch mitnimmt, wie aufrichtig sie sich dem hingibt, was sie rührt, wie ernst sie mit sich selber ist, den tiefsten Ängsten zum Trotz, wie sie sich, bei aller grausam erfahrenen Düsternis, dennoch allem mit Liebe zuwenden will, wie unverwüstlich das Leben in ihr wogt, das ist ins Innerste hinein so ergreifend, dass es unmöglich erscheint, sich so an ihr zu vergehen, ihrem heiligen Wesen – heilig, weil es das Allermenschlichste ist – diesen Schock einzugeben. Ich darf das im Grunde nicht tun. Vielmehr sollte ich, wie bislang, weiter ihrem Vorbild folgen, weiter mit meinen charakterlichen Einschränkungen, nur zur Würdigung dessen, was Menschsein heißen kann. Aber die Alternative zum Wegmachen – und das ist mein Gegenmantra – kann nur sein: ein Leben ohne sie, ein Leben nicht mehr auf sie hin. Ein Leben ohne alles, was mich an ihr so ergreift.

Mit dem Schiff nach Wallhausen, drüben im Regen, bisschen spaziert, dann was getrunken, für ein paar Augenblicke habe ich sie in einem rumstehenden Bollerwagen kutschiert. Auf einer Bank am Hafen erzählte sie frei und schön von früher, von dem, was einmal war und wieder werden könnte, was sie im Grunde wirklich will. Und mir war ganz klar, dass es ihr Weg ist und nicht unser sein kann, dass sie mit mir diesen Weg nicht in der Konsequenz und Freiheit gehen kann, wie es nötig und gut ist für sie. Es war keine traurige Einsicht, es war eine erhebende, in aller inneren Ruhe konnte ich anerkennen, wie sie sich und ihren Lebensanspruch dargelegt hat. Auch später im Restaurant, ganz allein draußen unterm Schirm, wo wir leicht in unsern nassen Kleidern froren, sprach sie so bewegend von sich, von einzelnen Erlebnissen, Erfahrungen, Wünschen, von dem, was für sie wahr ist, und auch von dem, was sie in mir sieht, und ich spürte, wie sie ein Fundament in mir anlegt für einen Weg, den ich gehen könnte und für Augenblicke beinahe wollte, aber wieder und unerbittlich, als ich daheim mit mir war, der tiefe Eindruck ihres Verlusts, der mit nichts zu bewältigen wär.

Wie lieb und frei sie dieser Tage mit mir umgeht, ganz wie wir immer miteinander waren, weiter gewitzt und neckisch, ohne jene Distanz, die doch bald kommen wird. Manchmal küsst sie mich noch, fasst mich zärtlich am Arm oder an der Hand, sagt auch: wir können weiter kuscheln. Und wenn das Körperliche auch schwinden, wenn die Nähe einst nur mehr eine seelische sein wird, würde sich ihr Umgang mit mir, stell ich mir vor, kaum wesentlich wandeln. Eine wirklich schöne Vorstellung. Aber um das zu ermöglichen und es nicht schon vom Anfang her zu vermiesen, müsste ich ihr langsam mal nachkommen, müsste ich selber frei agieren und ohne dauernde Schwermut, sobald nur mein Mund aufgeht. Gelänge das nicht, könnte sie sich gegen einen Überdruss kaum noch wehren. Auf der Rückfahrt im Schiff sagt sie es einmal: nichts, was sie sage, hole mich aus dem Kreislauf meiner Zukunftsgeißelung, so ginge ein Reden auf nichts Fruchtbares hin. Aber ich habe nur das, ich kann nur das thematisieren, und wie sollte das anders werden, wenn sich nach ihr nichts Sinnstiftendes mehr ergibt. Ich könnte, weil mir eh keine Arbeit mehr abverlangt würde, auch alle restliche Zeit nur lesen und manches drüber schreiben. Aber was käme, wären bloß noch Notizen, nie mehr was Ganzes, nichts mehr, das eine literarische Identität trägt und demnach etwas, an das man sein Leben, wenn ihm auch das Glück fehlt, notgedrungen binden kann. Und womöglich könnte etwas nach- oder aufkommen, mit dem sich annähernd arrangieren ließe, aber es soll danach nichts mehr kommen; für sie noch, unbedingt, aber nicht mehr für mich.

Und gerade diese Tage geben es mir nur deutlicher ein; wie schön, wie bewegend jeder Moment mit ihr ist, wie sehr ich alles an ihr nur genieße, wie mich allein ihr Anblick noch immer befriedet, bläut mir nur ärger ein, was fehlen wird und unersetzlich bleibt, wenn sie immer weiter und dann ganz fortgehen wird. Was sie ist, für mich und überhaupt, kann nie mehr sein. Ich will so sehr, dass sie das Letzte für mich ist, wenn ich auch das ihre nicht sein kann, da ein Leben ohne sie nicht wesentlich mehr würde als es das Nichts wär. Aber was ‚mehr‘ dran würde, wär nur deprimierend und unwürdig, und in mir ist nichts dafür. Und dennoch, ginge es weiter, so wären noch diese Tage jetzt, wofern mir die Erinnerung nicht ganz verstellt würd, ein schönstes Andenken. Mit ihr ist alles schön, noch im wildesten Schmerz.

Schon bei D. hat es mindestens anderthalb Jahre gedauert, bis ich so ganz von der Wehmut erlöst war, und ohne die Begegnung mit L. hätte sie weiter gedauert. (Und ohne E. wären diese anderthalb Jahre zu wahrhaft schrecklichen geworden; dass an der Zeit auch Schönes war, lag nur an ihr.) Dem Leben mit L. würde ich auf eine ganz andere Weise nachhängen, es wäre noch mal unvertreibbarer aus mir, es würde Jahre, viele Jahre dauern, bis Kopf und Bauch nur halbwegs frei genug wären, um sich unabhängig von ihr was vorzunehmen, um vielleicht wirklich was zu leben, was nicht auf sie hin motiviert wär. Aber selbst das schon bloß, diese mickrige Perspektive, gelänge nur mit einem Körper, mit dem sich ein eigenständiges Leben auch wahrlich anstellen ließe. Es muss einem unerträglich repetitiv vorkommen, was ich hier schreibe, aber es zeugt von ihrem Vermögen, noch jetzt so innig auf mich einzuwirken, dass ich zumindest mal die Vorstellung wage, wie und ob es sein könnte, dass ich es wieder und wieder durchgehe. Das kommt nur daraus, wie sie mit mir spricht, wie sie umgeht mit mir, von ihren aufrichtigen, herzlichen Ermutigungen. Es ist auch, nehme ich an, in Teilen der Versuch, dem gerecht zu werden, ihrem Zutrauen, ihr als Mensch. Auf eine Art will ich das unbedingt leisten. Nur müsste ich dafür weiterleben, und welches moralische Argument soll das rechtfertigen, wer wäre so unerschrocken, einem andern das aufzubürden. Man kann niemandem abverlangen, ein Leben zu führen, das er nicht führen will. Man kann ihm einreden, es zu können, aber nicht, es zu wollen.

Es ist nicht mehr möglich, mit ihr zu leben, es ist nicht mehr möglich. Wir werden nie mehr sein, was wir waren, und ich werde nie mehr sein, was ich mit ihr war. Dass sie es nicht mehr möchte, aus klarer Einsicht und ihrem Innersten nicht, trotz ihrer Liebe und trotz ihrer mutmaßlich unerschöpflichen Zuneigung, dass etwas Wesentliches aus ihr gewichen ist, das will ich nicht aushalten müssen, da will ich nicht hindurch. Auch was kommen würde, was mir an Leben übrig bliebe, das seelische wie körperliche Hindämmern, der gewöhnliche Weg für arme und kranke Menschen, alles ohne mit ihr zu sein, will ich schon keine Spur, aber dem ich als Schwerstes so hauruckweise aus dem Weg gehen will, dem ich mich unter keinen Umständen aussetzen will, ist das Nächste. Wie wir so wirklich auseinandergehen, unwiderruflich und ohne Aussicht, vielleicht später einmal wieder gemeinsam sein zu können, will ich nicht erleben. Ich will es aus tiefster Seele nicht.

16 07 26

Dass nichts an mir sie mehr für ein gemeinsames Leben überzeugt, nicht das Geringste noch, wodurch sie eine Möglichkeit für uns sähe oder fühlte, dass sie wirklich ab ist von mir und nichts mehr in mir für ein gemeinsames Leben genügt und ich nicht die mindeste Perspektive beschwören kann, durch nichts von mir, ist in der Theorie schon begreiflich für mich, auch weil sie es klar (und so liebevoll) erzählt hat, es ist ganz nachvollziehbar und plausibel. Aber in jener Zone in mir, in der sich Liebe und Hoffnung und Willen und Sehnsucht und auch, mag sein, Anhänglichkeit und Bedürftigkeit zu einem einzigen unabwendbaren Antrieb massieren, rumort es als das Implausible schlechthin und wandelt jenen Antrieb in eine amorphe Masse aus reinem Schmerz.

Als Erste hat E. das in mir ‚angeweckt‘, dass Streit kein notwendig integraler Teil welches Miteinanders auch immer sein muss. Diese Möglichkeit einer Alternative war da nur erst zart in mich gesetzt, ich habe es zu der Zeit weder recht überschauen noch ganz begreifen können. Und mit L. dann hat es sich mählich durchgesetzt, hat es sich über die Zeit rigoros in mir eingegraben, dass ich heute und künftig Bindungen nie mehr so führen wollte wie einst, dass ich Zwist und Groll als angeblich natürliche Elemente irgendeines Verhältnisses nie mehr als Norm oder Status quo annehmen würde oder könnte. Es war nicht nötig, mich dafür zu ändern, mein Wesen grundlegend zu wandeln, im Gegenteil, es hat freigelegt, was ich ohnehin eher und lieber war und bin. Sicher eine der erstaunlichsten Erfahrungen für mich, angesichts meiner Historie, dass man nicht jede mögliche Uneinigkeit unerbittlich durchstreiten muss und sie anders beilegen oder sogar verständig gelten lassen kann. Dass nicht jedes Missverständnis dazu zwingt, sich in engstirnigster Weise behaupten zu wollen, dass man es lösen kann, ohne den andern anzugehen. Wie man auch im Gefühl, womöglich missachtet worden zu sein im eigenen Bedürfnis, die Achtung vorm andern nicht einbüßt, sondern gerade diese Achtung auch die Art der Klärung führt. Es ist mir nicht immer gelungen. Heillos gestresst oder unterschlafen, haben wir uns bisweilen auch momentelang angezickt. Aber es war doch selten und hielt nie lange, in der Regel zehn, zwanzig Minuten, schlimmstenfalls eine Stunde, in der ich abseits von ihr schmollte, um bald aber einzusehen, wie wenig man es im Grunde will, wie schlecht man den Zwist untereinander erträgt, aber auch wie unrecht zumindest mein Vorgehen jedes dieser Male gewesen ist. Trotz aller charakterlichen Entwicklung, und die letzten dreißig Seiten sind der finale Beweis dafür, habe ich meine ungeheuere Selbstgerechtigkeit nie überwunden, und dennoch gab es in all der Zeit kein einziges Mal, in dem mir nicht sehr bald klar wurde, dass ich es war, der sich an ihr verfehlt hatte. Dann rüber zu ihr und mich nur entschuldigen, weil nichts es lohnte, sie versehrt zu haben. Für mich wenigstens war es selten, mit meiner Geschichte, meiner Grunderfahrung im Elternhaus, die sich in späteren Beziehungen zerstörerisch reflektierte, für mich war es insgesamt der kleinste Klecks, aber für sie war es schon was mehr, nichts an sich Verhältniserschütterndes, aber in der Rückschau sieht und fühlt sie es häufiger und eindrücklicher als ich. Alles in allem aber war es eine Randerscheinung, und das kann ich sagen, weil mir anders als früher, zu D. oder S. oder K., noch in der Unstimmigkeit die Achtung bewusst war, mit der ich sie lückenlos ehren will. Ein etwas hoher Begriff vielleicht, aber nach meinem Eindruck gar nicht hoch genug, denn in der Tat war sie mir von Beginn an, schon als wir nur schrieben, das eine Wesen, an dem ich mich nicht vergehen wollte. Wohl auch aus der Erfahrung mit E. heraus, die ich erst sehr viel später wahrhaft bereute, aber schon damals immerhin als Skandalon empfunden hatte. Ich sage „Erfahrung“, aber das ist unangemessen diplomatisch und ich will nicht diplomatisch gegen mich selber sein, demnach ist ein richtigerer Ausdruck eher Schandtat, weil es wirklich eine Schande war, einem Menschen das anzutun. Und es kann auch wahrlich nicht alles, was ich seither tat, als Ehrung von L. begriffen werden, ich habe mich auch an ihr verfehlt, wenn vielleicht nicht in dieser Weise, gleichwohl war es überwiegend mein Antrieb. Dass L. aber manches vielleicht anders gewichtet als ich, liegt auch an unserer Verschiedenheit, biographisch wie charakterlich, wir nehmen vieles anders wahr: kleinste Spannungen, mir vielleicht als solche gar nicht recht bewusst, alarmieren sie bereits. Sie ist noch mal sensibler, ihr Sinn für soziale Mikroebenen ist noch mal ausgeprägter; was für mich bloß Böe, ist für sie schon Sturm. Und es ist mir nicht gelungen, wiewohl ichs versucht hab, in diese Sphäre zu kommen, etwas so abzufühlen wie sie, so außergewöhnlich aufmerksam zu sein. Denn es war mit das Beeindruckendste an ihr, diese so leichte Verletzlichkeit bei dieser unabschätzbaren Robustheit, wie sie das ein Leben lang hinbekommen hat, wird mir immer uneinsehbar und eine Art menschliches Wunder sein. Für diese Sphäre war ich nicht begabt genug. Aber sie erfahren zu haben, an ihr, war einer der tiefsten Eindrücke überhaupt im Leben.

Wie jetzt, im Augenblick, könnte ich beinahe leben. Nicht im Ansatz ausgesöhnt mit dem Unglück, eh unmöglich, aber fest innerlich und ruhig, mit einem Sinn für mich, der immerhin momentweise unabhängig ist von ihr. Aber das ist nur, weil ich was vorhab, ob es gelingt oder nicht, und weil ich es sorgsam vorbereit. Es ist auch, was ich vorhabe, das einzige, das meinem Verlust an Bedeutung nahekommt. Alles übrige, was es auch wär, verfügte nicht über diese ebenso heilsame wie perfide Macht. Und lasse ich nur einen Moment ab davon, ist schon alles wieder nur schrecklich und unaushaltbar.

Es lässt sich denken, das Überstehen dieses Schrecknisses könne mir auch Zutrauen geben, für egal was, weil ich nun selbst für das Verwinden des größten Unglücks noch die Kraft gehabt haben würde. Daraus ließe sich ja wiederum ein novelliertes Selbstverständnis ableiten, und wenn es für sonst nichts taugen würde, wenigstens für mein Lebensgefühl, als Ausgang für eine charakterliche Aufwertung oder als Einsicht in eine unzerstörbare Grundnatur. Aber das zu denken, genügt schon. Leben muss ichs nicht.

Feige ist es, natürlich, dem so Gewaltigen nur aus dem Weg, gleich welchen Schmerz nicht erdulden zu wollen. Gerade in Ansehung des Kommenden, so oder so, ob man noch länger miteinander wohnt oder doch eher geht als angedacht. Wie sich die Wohnung leeren, wie man sie nach und nach abtragen wird als Reflexion unseres Lebens, das wird ekelhaft. Und man kann da durch, man ist nur einer unter Unzähligen, denen das fast allerorten widerfährt, es ist zweifellos machbar und es wäre auch meine Verantwortung, es derart für L. gut zu machen, ihr ein ungetrübtes Fortkommen zu ermöglichen, den Eingang ins Neue nicht so bodenlos zu erschweren. Um nichts im Grunde will ich sie trüben, darf es auch nicht; ich darf es nicht, nichts darf das. Sie ist die weicheste Seele, man darf sie nicht angehen. Aber wenn es, nur weil es sich verwirklicht, auch das Möglichste war, fühlt es sich dennoch für mich wie das schier Unmöglichste an. Und dass sich auch übers Unmöglichste durchaus hinausdenken lässt, belegt die profane Möglichkeit, über dasselbe auch hinausgehen zu können. So kann es nun kommen zwischen Menschen, auch zwischen allernächsten. Aber weil es möglich ist und nur moralisch, nicht jedoch ontologisch oder sonst wie notwendig ist, hat man auch eine Wahl, man kann sich noch immer entscheiden. Und bei aller Eintrübung ist es eine Entscheidung, eine der am leichtesten nachweisbaren, denn man wählt ausdrücklich aus zwei Optionen, wie verstellt sie sich dem Trauernden auch zeigen mögen. Und auch Moral birgt ja die Gelegenheit, an ihr zu scheitern, und dies Scheitern ergäbe sich auch nur, weil man sie gerade nicht willentlich oder unwillentlich ignoriert hat, sondern ihr gerecht werden wollte, nur dafür die mentalen Mittel nicht besaß oder anwenden konnte. Oder eben, weil ihr etwas so Wesensinnerliches entgegensteht, dass einem die Durchführung des moralisch Gebotenen, seinem Sinn zum Trotz, nur wie eine Hinrichtung erscheinen kann. Aber eine ungleich quälendere als jene, die man an sich selber vollzöge.

Sie wird mich anrufen morgen, was schön wird, und hat mir auch für die nächste Woche schöne Tage hingedacht, Ausflüge und Gespräche, was mir nur innig sein könnte. Und ich will auch jeden Moment, der möglich ist mit ihr, so unbedingt erleben, ob in nächster Zeit oder in fernster. Jeden würde ich immer nur genießen. Aber jeder würde mir, in Anfühlung des Schönsten, meinen unsäglichen Verlust markieren, jedes Highlight mit ihr würde mir das grundlegend Düstere oder Trostlose drumrum belegen. Und das wirkliche Leben, für mich, bestünde nur in diesem Drumrum.

Immer wieder, in allem Denken, der Rückprall auf den Schmerzkern. Ich habe und finde ja Freude auch an anderen Dingen, an im Grunde sehr vielem, aber summa summarum doch eingefasst ins Leben mit ihr. Und wenn ichs auch wiederhole, eben weil ichs nicht umgehen kann, weil es sich immer in mir aufdrängt: dass sie dieses Leben nicht mehr möchte und es sich nie mehr ergeben kann, nimmt mir die Freude für anderes nicht nur im Schock jetzt, sie wird auch später in dieser Intensität nicht mehr aufkommen. Ich weiß ja, wie es vor ihr war. Mag ich auch nicht mehr der Mensch sein, der ich im Leben vor ihr gewesen bin, würde ich ebenso wenig nicht mehr der sein, der ich mit ihr war. Nicht etwas Wesentliches würde fehlen, sondern das Wesentliche. Wesentlich wenigstens für meine Freude an diesem und jenem, für meine Lebensfreude. Die hatte ich in der Art nur mit ihr. Und Anfang Vierzig, ich weiß schon, ist gewiss ein Alter, dem noch einiges bevorstünde, nicht mehr alles, aber vieles. Sicher könnte man noch mal was Gewichtiges anstellen für oder mit sich, allein L. beweist es ja. Aber auf der zellulären Ebene habe ich den Körper eines Neunzigjährigen, und da dann kommt eben nicht mehr viel an Gewichtigem, da bleibt einem nur die Freude am einzelnen Tag, an kleinen Dingen, die mir aber ohne sie grundlegend fehlen wird.

Vier Tage ohne was zu essen, kaum geschlafen, wollte mir eben die Zigarette mit einem Glas Wasser anzünden.

Ein originäres Sterbebedürfnis ist ja nicht da, das macht es nicht ganz leicht. Ich will nur nicht das durchleben, was mir bevorsteht, ob das in nächster Zeit oder später. Als ich auf der Turmmauer lag, als eine Art Vorübung, dieselbe Höhenangst und dieselbe Ehrfurcht vor dem Gewaltigen wie je. Mein Körper wehrt sich dagegen, auch Segmente meiner Seele, in mir ist nicht genügend drauf angelegt. Und diese ganzen Vorbereitungen, Recherche, Einübung, Abfassen letzter Regelungen, werden wohl gar nicht zuletzt davon bestimmt, mich vorm erwähnten Loch zu bewahren, vor der dauernden Qual, sie sollen sicher die Psyche und wie vorgeblich auch immer nur mal konsolidieren. Aber was mich dazu überhaupt erst motiviert, was diesen Anlauf überhaupt nur absichert, ist besagtes Gegenmantra: Sonst muss ich weiterleben. Und wann immer ichs mir denke, für noch so kurz, wie das wahrhaft wäre, bin ich nur fester im Vorsatz, dann ist er das Einzige, das mich lotst. Die Ausnahme davon sind jene Momente, in denen ich mit L. bin und sie ein Später vorzeichnet, in dem ich noch wirklich was bin für sie und was Wichtiges und Gutes und in dem sie mir, wie sie mir dringlich eingibt, beistehen wird für immer. „Ich lass dich nicht absaufen“, sagt sie, „du wirst es gut haben.“ Und wie ich ihr da folge in Gedanken, weil es fürs Gefühl eine wahre Ermutigung ist, fühle ich mich in knappen Augenblicken auch davon gelotst, wie schwach es immer sein mag, sich im Leid von der an die Hand zu nehmen, die von einem ab will. Nicht aus unserer Seelenbindung, wie sie beschwört, nur aus dem Verhältnis, wie es war. Und mich rührt dann beides; wie sie sich mir im Innersten zusagt und dazu ihre unermüdliche Kümmerbereitschaft. Aber neben der seelisch und menschlich unverwischbaren Bindung, die was Durchgehendes würde, wären alle wirklichen Momente mit ihr immer nur was Punktuelles, der Alltag wäre einer ohne all das, ohne sie, ohne das Erhebende und Befriedende, das mir in ihrer Gegenwart so umstandslos geschieht. Ihre Präsenz wäre nicht mehr die Kraft, die mich jede Stunde mit aller Lebenssorge, mit allem Unleidlichen aussöhnt, die mir nach dem Erwachen schon diese Grundfreude auf den Tag gibt, die mich vergessen lässt, was ich mir selber bin, worauf mir überhaupt erst Freude und Frieden möglich sind. Für den Alltag auf was auch immer hin müsste mich allein mein Wille für mich lotsen, und sicher ginge das, aber alle Kraft, körperlich wie geistig, würde je nur fürs Nötige reichen, im allerbesten Fall, der auch nicht garantiert wäre, würde ich gerade so nicht komplett verlottern. Aber es bleibt der wie immer eingetäuschte Eindruck des Unmöglichen, dass sie ab von mir will und das im Wesentlichen bereits ist. Auch die Nachwehen, die Traurigkeit drum hat sie in sich schon nahezu überwunden. Und in diesem Eindruck nicht zu krepieren, dagegen feit mich nur besagter Vorsatz, der mich paradoxerweise auf eine Art aufleben lässt, dass ich ihm für Momente schon nicht mehr rigoros folgen will, um dann doch wieder zu fühlen, wie lieb- und trostlos und peinigend das fürderhin wär. Diesen Verlust durchzugehen, das Gefühl ganz zuzulassen, das mich beim Anblick der inneren Bilder überwältigt, während ich mir leise aufsage: das möchte sie nicht mehr, das würde mit der Zeit sicher dazu führen, selber entscheidend loslassen zu können, das Ende ganz hinzunehmen als Teil eines Lebens, das dies Große immerhin bereithielt für mich, eben als Teil eines Lebens und nicht als sein Ganzes. Aber für jetzt führt all das nur dazu, und dankbarerweise, den Vorsatz zu festigen. Denn diese Differenz: dass mein Leben mit ihr nicht das Ganze sein kann (und an und für sich auch gar nicht muss), aber so unbedingt sein soll, kann keine Weisheit und Einsicht und Zuversicht für die eigene Überlebensfähigkeit aufheben. Und drum ist es auch eine Entscheidung und nicht bloß ein Ergeben, weil ich fest und klar genug in mir bin, ein Soll für mein Leben festzulegen. Eine Grundbedingung, nach der es sich lohnt. Ich kann mir selber solchen Lebensanspruch auferlegen, und kann es auch wirklich nur selbst, und kann freibestimmt handeln nach ihm, weil es im eigensten Sinne geschieht. Ein Handeln, schon klar, nicht frei von Betrübnis, aber doch klarem Blick darauf, was mir blühen würde und dass es diesem Anspruch nie gemäß wär.

Diese allumfassende, alles Innere ganz durchdringende Traurigkeit; als strömte durch Körper und Geist das tödlichste Gift.

Bisschen der Drang, ihr zu schreiben; sonst hab ich ihn nicht. Was ihr gilt, will ich unbedingt sagen, will es sprechen. Im Eindruck, sie würde mich hinter fühlen, mir dann ansehen und anhören, wie wahr alles ist. Auch aber verwischt Gesprochenes mit der Zeit, die Essenz vielleicht nicht oder einzelne Satzfragmente, aber der gesamte Wortlaut, der so nötig ans Akute gebunden ist. Und wenn sie’s wiederläse, in einem Jahr oder drei oder später, so hätte sie wieder das Akute vor Augen und im Gefühl und nicht das, was sich in ihr mit der Zeit darüber ergeben hat. Und es ist nicht heuchlerisch, das zu sagen, es ist ganz aufrichtig, aber natürlich trotzdem grunddumm und pervers, wenn man bedenkt, dass ich in den Tagen erst einen Abschiedsbrief für sie abgefasst hab. Aber manches muss sie notwendig gesagt kriegen von mir, was nur schriftlich möglich ist, weil sie’s sonst nicht zulassen würd. Vielleicht könnt ich eine Audioaufnahme machen und sie hinterlassen, statt des Briefs, aber das wär ihr vielleicht noch schwerer, ich weiß nicht.

Man könnte sehr finden, wenn man’s so läse, sie sei viel Nanny gewesen und seltener Freundin. Und sie würde es wohl als Scherz mit gar nicht unwahrem Kern schmunzelnd benicken. Es war schon manchmal so, was soll ichs leugnen. Sie hat mehr für mich gesorgt als umgekehrt, grundlegend mehr, finanziell wie emotional. Ob sie mir einzeln aus der Patsche geholfen oder mir eine Grundstabilität gegeben hat. Ich habe nicht dasselbe für sie getan. Finanziell konnte ich es nie, und emotional habe ich nie ganz das füllen können, was in ihr fehlte, meiner grenzenlosen Hingetanheit zum Trotz. Ich habe es mir bis zuletzt als Makel ausgelegt; aber seit sie so offen von sich gesprochen hat und von dem, was sie für sich gefunden hat, verstehe ich, dass ich es nie hätte können. Es war kein Makel, es war eine Grundverschiedenheit, die man nur hinnehmen kann. Aber das Geben und Nehmen als soziales Prinzip war nicht im Ernst, was uns ausmachte. War nicht das sozusagen ‚Eigentliche‘ zwischen uns. Es war der einmalige Umgang, der besondere Sinn füreinander, wenn ich sie vielleicht auch nie ganz erfasst habe. Noch in den letzten Wochen und Monaten, wo ihr Sinn für ein gemeinsames Leben schon leicht geschwächt war, war jeder Moment so lieblich und zugeneigt wie allezeit. Noch in der ärgsten Krise, in der jeder für sich mitunter war, blieb dieser Sinn füreinander unantastbar. Selbst jetzt ist er es noch und würde es bleiben. Das hat uns ausgemacht, das war es, warum wir miteinander waren.

Mag sein, auch eine Art Scheinrationalisierung, sich den Vorsatz zu rechtfertigen, nur um nicht durch dieses unansehbare Elend zu müssen. Es wäre ja Elend, das furchtbarste, über so lange Zeit. Nach der Trennung von D. habe ich ein halbes Jahr lang fast jede Nacht von ihr geträumt; tagsüber nur zu verkraften, weil E. da war und es mit ihr eine eigene Innigkeit gab, einen originären Bezug. Und weil was möglich war für mich, unter Menschen, ob ich es mehr oder weniger angenommen hab. Schlimm war es nur nachts, vorm Einschlafen und in den Träumen, und tagsüber hat es gewiss auch seine Wirkung getan; mein Lebenssinn war lausig, ich war mir wertlos, bin verlottert, aber nach einem halben Jahr, immerhin, hab ich zumindest wieder was im Sinn gehabt, noch gar nichts Großes oder Bedeutendes, nur Alltägliches, wenn auch die Wehmut noch wirkte und mich für vieles hemmte. Und ich war Mitte Zwanzig, ein ganz anderes Alter. L. aber war nicht nur, wie schon D., ein Versprechen auf Zukunft, sondern auf eine, in der mir alles gut sein würde, trotz allem. Und wie soll ich der Trauer, wo es sich nie mehr ergeben kann, jemals abschwören können. Für allen Lebensrest würde das mein Urgrund bleiben, der Unterboden von allem, was sich stattdessen ergeben würde. Ich wäre nur noch da; nicht in toto, aber in was Wesentlichem entseelt und könnte mich für nichts Bedeutsames mehr aufbringen.

Eine Revue nur aus Klagen, und dass ich noch immer nicht drum ermüde, beweist, wie wenig ich von uns ab kann. Auch ahne ich, wie schlecht das alles hier geschrieben sein muss, aber ich habe keine Distanz und nehm mir keine Zeit und so kann kein Gefühl und keine Eingebung zum Gedanken reifen. Sobald sich nur ein halber Satz in mir ergibt, tipp ich schon ins Handy und übertrags bloß noch ins Dokument, ohne formkritische oder propositionale Ambition. So kann dann nur repetitives Gejammer bei rumkommen, aber nichts sonst ist mir möglich.

Es würde eine grauenhafte Zeit und ich will da nicht durch, ich will das nicht erleben. Will nicht, dass nach diesem langen und großen und erfüllenden Schönen am Ende meines Lebens dieser unendlich tiefgreifende Scheißdreck stattfindet; über Jahre hinweg nur Elend. Es wäre für nichts mehr brauchbar, es würde mich für nichts mehr wappnen oder ausbilden. Nicht mal romanhaft drüber zu schreiben, wäre sinnvoll, denn wie sollte ich was beklagen, was für sie das Beste war, wie sollte ich allgemeine soziale Grundstrukturen herausarbeiten, wo ihr Entschluss ja gerade nicht auf solchen beruht, sondern grundlegend anderen Parametern folgt. Ich wäre allein damit. Es würde alles Wesentliche ausmachen und mir das Ende auf eine Art vermiesen, die ein jetziges nicht für mich bedeuten könnte. Denn zwar verstehe ich das Schrecknis – sie möchte nicht mehr – und sehe es ein, kann es aber als Einsicht für mich noch nicht annehmen und hätte so auch die letzten Tage mit ihr gehabt, im Gefühl des Gemeinsamen, wie es später nicht sein könnte. Ganz dumm hab ich sie gefragt, ob sie, wenn ich dereinst stürbe, bei mir sein würde; natürlich, sagt sie und sieht mich so liebevoll an. Aber sie wäre dann nicht bei mir als die Meine, mein Ende wär nicht unsers, das wär lange her. Aber jetzt, wo sie ja auch schon nicht mehr ‚Meine‘ ist, bin ich ja noch ganz erfüllt vom Gefühl – und nicht nur von der Erinnerung -, wie es ist als der Ihre. Von diesem Gefühl eben kann ich mich ja nicht lösen und will es auch nicht, das ist ja das Ringen gerade, dass ich die Einsicht ins Ende als wirklich nehme. Noch ist es nicht ganz so, noch ist das Gefühl für ‚uns‘ ganz da, und ich will gehen, solang es da ist, weil nach ihm nichts mehr kommen soll.

Neben dem wirklichen Gefühl und der wirklichen Erfahrung ist es sicher auch das Narrativ von ‚uns‘, dessen Auflösung mir diesen Schmerz macht. Auf eine Art also was Eingebildetes. Aber diese Einbildung fällt, wie bei Gläubigen, mit dem Wirklichen so zusammen, dass mit seinem Entzug das Wirkliche gleich mitentzogen wird. Es ist das, worauf alles fußt, worein alles gefasst ist, von dem alles Übrige ausgeht; wenn man einmal wirklich religiös will: das Qi oder Prana. Es so auf L. zu sagen, gewiss, wäre eine metaphysische Entstellung; religiöser Glaube ist vielleicht ein kategoriales Novum, das nicht sinnvoll oder begründet ähnlich wirkenden oder ähnlich wirksamen relationalen Prinzipien oder Ordnungen oder auch mentalen Zuständen gleichgestellt werden kann. Zumal Wesentliches fehlt, etwa die epistemische Ebene, heiligende Praktiken, der Habitus oder generell die Annahme, erst der Glaube überhaupt eröffne einem die Wirklichkeit. Und doch, würde ich sagen, gelten einzelne Relata zwischen beiden Phänomenen, analoge Elemente, unter vielleicht anderem insbesondere die Annahme, etwas stofflich Unnachweisbares sei nicht bloß potenziell gegeben, also nichts, auf das man hofft oder das einem so plausibel erscheint, dass man sein Leben dran ausrichtet. Sondern es wirkt dann eine Grundgewissheit, die sich in allem bestätigt, was man wahrnimmt, was man erlebt, wovon man notwendig ausgeht. Als sei die Wirklichkeit, wenn dieser Glaube entfiele, etwas fundamental anderes, als würde sie einem erst dann wahrhaft unwirklich erscheinen. Was für Ungläubige Fiktion oder Hypothese ist, dichterische Spekulation, ist für Gläubige unbedingt Tatsachenbeschreibung. Es gibt für sie diese theoretische und praktische Auftrennung nicht. Und so war mein Glaube an ‚uns‘ gewirkt; es war die einzig mögliche Realität, zu der eine Alternative weder denk- noch fühlbar war. Für L. war das in dieser Krassheit, glaube ich, nie der Fall. Oder wenn, erst in den späteren Jahren, und auch dann wohl nicht in dieser Absolutheit wie für mich. Es hat sie nicht zu anderem gezogen, aber vorstellen, nehm ich an, konnte sie sichs. Das war mir nicht möglich. Weil es mir alles ausgemacht hat; für mich war, mit ihr zu leben, die einzig mögliche Existenzweise. Nur lebbar, natürlich, in der Gewissheit, sie wolle es von selbst. Da sie es jetzt nicht mehr will und ich diese Realität nicht mehr leben kann und auch nichts möglich ist, das diese Realität adäquat substituiert, fällt für mich auch der Glaube an alles sonst weg, erscheint die jetzt geltende Realität als der kalte und trostlose und sinnlose Kosmos, gegen den ich mein Leben lang angeschrieben, angedacht und angefühlt hab und der das eine widerlegt, von dem ich mich insgeheim, ohne es mir je ganz bewusst zu machen, so grundlegend ernährt hab: dass ich in Liebe leben und enden kann.

In vielem Wichtigen, gerad in den letzten Jahren, habe ich zu sehr mich im Blick gehabt, zu wenig sie. Ich ahnte ihr Grundleid, aber wusste nichts, das es beheben könnte. Aber jetzt hat sie etwas, und es ist was, das das Lebenskritischste in ihr an der Wurzel fasst, und ich hätte ihr das, bei noch so viel mehr Anstrengung, nie mit nichts was ermöglichen können.

Es ist so grundfalsch, so grundwiderlich, sie gerade jetzt, wo sie auf mein Mittun angewiesen ist, allein zu lassen mit allem, nicht zuletzt finanziell. Es ist unsäglich egoistisch und muss für andere zwingend mitleidlos wirken. Aber ich bin randvoll mit diesem Mitleid. Dass ich mich dennoch nicht hintanstellen kann, dass ich diesem Mitleid zu trotzen gedenke – weil ihr Leid, unterstelle ich, noch immer geringer wäre als meines, müsste ich fortleben. Seit Tagen werde ich alle zwanzig Minuten abgestochen, und diese Spanne würde sich mit der Zeit dehnen, es wär bald nur mehr alle Stunde mal, bis ich vielleicht einen halben Tag schaffe ohne. Aber abgestochen würde ich immer oder für unabsehbar lange Zeit. Und es wäre auch nur eine kurzfristige Abschwächung, eben weil mein Nervensystem es nicht in der Frequenz ertrüge, aber nach ein, zwei Wochen würde es ja nur wieder schlimmer, wo mich alles in der Stadt an uns erinnert, während sie immer weiter zu dem Leben hinüberrücken würde, das sie endlich angehen will. Ich würde ja nur schlimmer gestochen als jetzt, da noch das Liebevoll-Innige zwischen uns wirkt. Zwar sagt sie, das werde nicht weichen, das werde bleiben, aber das jetzt, das ist ja eine Ausnahmesituation, auch für sie, mein Hyperstress geht ja auch sie an, macht ja auch mit ihr was. Und wie lieb sie mir zuspricht und wie Schönes sie mir in Aussicht stellt und wie viel Zeit sie mit mir und meinem Jammer verbringt, beweist ja nur, wie viel sie im Augenblick auf mich hin tut. Das wird und darf ja nicht so bestehen bleiben. Aber mein Elend würde bleiben, für lange Zeit, für viel länger, als sie es ertragen könnt, und es würde sich schärfen an manchem, das sie von mir weglenkt. Das soll mir nicht sein, und ihr auch nicht. Im Irdischen aber würde es sein, fort nur im Nichtmehr. Und mir fehlt die Kraft, dies Elend kleinzudenken oder ums selbe herumzuhandeln, um vornehmlich ihr gut zu sein und eine wahre Hilfe. Es ist nicht verzeihlich, nichts, das man mir nachsehen kann, ich weiß es unbedingt, aber ich kann das nicht erbringen.

Dieser Gedanke, noch irgendwas zu tun, sei’s was noch so Gutes und Sinnvolles nur für mich, aber es nicht mehr auf sie hin zu tun, auf das Leben mit ihr oder nur darauf, von ihr im eigenen Tun gesehen zu werden als etwas, das auch ihr gilt, macht alles für mich, was möglich wäre, vom Grund her sinnlos. Und das bliebe vielleicht nicht so, nicht in dieser Totalität, würde sich wahrscheinlich wandeln, aber für jetzt ist diese Vorstellung unmachbar. Was ich auch Gutes noch für mich erreichen würde, und sei es gar nicht mehr als eine stabilere innere Ruhe, mehr Ausgeglichenheit und so was, so wär es mir doch nichts, wenn ich es mit ihr nicht teilen könnte wie bisher. Nur sie hat mich ja jemals so gesehen, dass ich ohne Scham sein konnte. Sie war mir eine Schicht, eine warme Haut oder ein Fell zwischen Seele und Kosmos, und wenn das fort und wieder würde wie früher, wär mir alles, jedes mindeste Tun wieder nur beschwerlich, müsste ich mir das Geringste wieder mühsam abverlangen. Es würde nichts mehr einfach gelingen, nichts mehr unbeschwert sein, weil sie mich nicht mehr umhüllte und freimachte für schlechthin alles.

Paradoxerweise, bin ich sicher, wären wir füreinander sogar besser, wenn sie ihren Weg erfolgreich geht. Sie wär offener und ich verständiger, der Umgang würde noch geschmeidiger, das Verständnis noch tiefer, wir wüssten uns noch besser zu nehmen, würden einander noch klarer erkennen. Aber für den Weg selber bin ich nicht der Geeignete. Und wär auch später nicht der Geeignetste, weil ich noch immer nicht leben würde, was sie lebt. Sie braucht dafür Gleiche, die ihre eigenste Erfahrung teilen und aus der heraus auf sie hinwirken. Das könnte ich von Grund auf nicht erbringen. Denn wenn ich auch so offen dafür bliebe, wie ichs jetzt unbedingt bin, in vielem sonst bliebe ich ein Zweifler, ein Infragesteller, der abseits von ihr oder uns eher aufs Trennende schielt als aufs Einende, der ihre Lebensvision, aller Voraussicht nach, nicht bedingungslos für sich selber annehmen könnte. Aber genau das braucht und will sie, demach könnte ich anderes als ein Freund oder ein Bruder, das sehe ich ein, nie mehr sein.

Und wie tiefs mich auch bewegt, ich sags im Schwur, wie rundum gut ichs auch finde, dass und wie sie es gut haben wird – dass sie in all dem ohne mich sein wird, dass ihr ganzes weiteres Leben an anderm ausgerichtet sein wird als an uns – ich weiß ja, Grundgütiger, wie beschämend das klingt -, aber das wirkt in der Vorschau wie etwas, das mich immer auch kränken, das immer die eine unverschließbare Wunde bleiben würd. Bestimmt nicht so frappant wie jetzt und noch in den nächsten Wochen, vielleicht Monaten, aber bleiben wird das, fürchte ich, weil niemals vergessbar sein wird, wie leicht das Gedächtnis auch ermüden mag, was ihre Gegenwart und ihr Lebensbezug mir gewesen waren. Es kann nicht stimmen, wenn ich zum Beweis vorige Lieben heranziehe; ich trauere ihnen als Liebende nicht hinterher, nur manchen als Freunde, und für jede wünsch ich das nackte Glück in anderen Zusammenhängen. Und ich müsste ja auch L. nicht hinterhertrauern, auch nicht als Freundin, sie bliebe mir als Mensch, wie sie ist. Nur dem Lebensglück würde ich nachtrauern, das sich wie mit ihr, aus Gründen, nie sonst ergeben kann. Und wie bedeutend ich ihr innerlich auch bleiben mag, in ihrem Alltag würde ich was von Außen sein, was Gelegentliches.

Es stimmt, ich war nie so gerührt wie von ihr, aber allein ihr Vorbild hat gewandelt, wie ich auch sonst alles, insbesondere Menschen wahrnehme und behandle. Mit den Jahren wurde ich einfühlsamer, konnte fremde Perspektiven leichter annehmen, war ich rascher überhaupt gerührt. Vielleicht wäre das, mit Abstrichen, über die Zeit auch ohne sie gekommen; aber wenn, hätte es Jahrzehnte länger gedauert und wäre wohl auch nicht so grundlegend geschehen. Die Rührung für sie hat mich für alles geöffnet. Es war nichts, das ich mir ‚draufgeschafft‘ hab, es wurde nur freigelegt, was seit frühestem anlag und von Erfahrungen meiner Art begraben wurd.

Wenn ich ihr von meinem Schmerz spreche, von dem, was er ausmacht in mir, von seiner Gewalt, so ist es noch immer, als spräche ich zu ihr wie je. Ganz aufs nächste Du hin, auf den engsten Menschen. Aber wenn ich antöne oder auch ausführe, wie mir der Verlust das Künftige verleidet oder überhaupt ein solcher essenzieller Verlust ist, wird es mir peinlich. Denn solche Auskunft geht nicht mehr auf uns hin, wo ich aber nur auf uns hin sprechen will. Es ist keine Auskunft mehr für ihr Leben. Und es ist auch keine Erfahrung, die wir teilen, weder als Gemeinsame noch als Einzelne. Sie fühlt noch mit, und wirklich wie ein nächster Mensch, aber für sich fühlt sie was anderes. Für sie ist dieser Verlust notwendig, um das für sie Bessere anzugehen; mir nimmt er das schon Beste. Und in dieser Differenz entwirft sich die Scham; ich klammere mich an das, was sie loswerden will, und beglaubige mich so noch einmal als Ungleicher. Ich werde nicht ihr Glücklichstes gewesen sein, wo meines nur sie sein konnte. Und weil ihr Glücklichstes aber nicht von einem andern Menschen abhängt, sondern von einer radikalen Lebenseinsicht, der sie nachleben will, komm ich mir noch kümmerlicher vor, da meines so sehr in ihr begründet ist.

In mir ist kein Zweifel, ich bin grundlegend im Frieden mit dem, was sie für sich will. Mir könnte nicht klarer sein, wie gut und passend und nötig es für sie ist. Ich könnte daran nie so mitwirken, dass sie ganz erfüllt davon wär. Ich bin nur nicht im Frieden mit dem, was es für mich heißt. Und sehe auch nicht, wie sich dieser Frieden je ergeben soll; bestenfalls fände sich man sich mit dem Unfrieden ab, was für mich so möglich wär wie für so viele sonst. Und ich würde mich an allem erfreuen, was sie für sich schafft, was alles ihr gelingt, nur wär ich zu alledem das Antonym.

Wenn aber wenigstens was deutlich und klar wird in diesem Wust an blamablem Selbstmitleid, dann die Tatsache, wie sehr sie der so viel bessere Mensch von uns beiden ist. Ein mutiger Mensch ganz aus Herz und überragender Stärke. Und ich war vielleicht nicht immer so mickrig wie auf den letzten vierzig Seiten, aber lange nicht auf ihrer Ebene.

Wenn ich nur auf den Holzboden schau, wie ich durch den Flur geh, direkt scharfe Wehmut. Er ist nicht mehr unser, nichts mehr hier ist unsers, alles, was unsers war, wirds nie mehr sein, hat seine Wärme, seine stille Magie, seine Bedeutung verloren.

Habe ihr Bilder auf einen Stick gezogen, viele hunderte, und kam nicht umhin, sie selber durchzusehen. Wie so viele Momente, Ausflüge in mir aufblitzten, kam natürlich Wehmut auf, aber eine viel größere um das, was mir nun deutlich in den Sinnen stand: die Charakteristik unseres Miteinanders; wie es sich angefühlt hat, mit ihr zu sein, mit ihr in einem Moment zu sein. Das nicht mehr zu erfahren, ist verheerend. Und im selben Moment war es das Schönste, es noch einmal in mir aufleben zu fühlen.

Noch kann ich es in mir nicht auftrennen: das Gefühl, verstoßen zu werden, vom Eindruck, sie verstoße alles von uns. Als würde es ihr nichts mehr gelten, als müsse es so sein. Sie findet es haarsträubend, das anzunehmen. Und ich kenne sie doch, weiß doch, was ihr alles Frühere ist, sie gibt, was ihr bedeutend war, innerlich nicht her. Sie stößt sich ab von uns oder von dem, was wir für sie waren, doch auf ihre Weise wird sie es in sich aufheben. Und etwas daran befriedet mich auch, ich nehm es aufrichtig als Geschenk, ihr wahrhaft was Bedeutendes zu sein. Aber das sind Augenblicke, in denen ich ein Leben für denkbar halte, in dem meine Identität nicht genuin an sie gebunden ist, in dem weiter das Schreiben, wie kümmerlich auch, ebenso mein Selbstverständnis wie meine Tage ausmacht, egal in welchen Umständen. Und trotzdem aber diese Kränkung auch in solcher Aussicht, dass jenes Leben, das ich im besten Fall führen könnte, nur beweisen würde, wie richtig es für sie war zu gehen. Und obwohl ich weiß, wie sehr die Selbstbezüglichkeit, die in dieser Kränkung liegt, einen viel stärkeren Beweis dafür liefert, kann ich von ihr nicht ab. Sie ergibt sich aus so vielem, das mir jetzt verloren ist oder das ich mir denk für später, etwa wie sie die Beziehungs-L. dereinst einem andern zutragen wird. Dass sie immer sein wird, wer sie im Miteinander war, nur nicht mehr für mich; der Gedanke zermalmt mich so ca. Und dem Verstand ist es klar, daher auch der Schmerz, aber sinnlich gelingt es mir nicht, uns im Gefühl voneinander abzuspalten. Dem Gefühl nach bin ich auch jetzt mit ihr, ich kann noch gar nicht davon lassen, wie sehr ich auch weiß, dass sich nur das Phantom von uns nicht gleich vertreiben lässt aus mir.

Wie mich der Vorsatz klarer und fester macht, ahn ich seine Funktion, mich aus der Ohnmacht zu lösen, aus dem Eindruck der Handlungsunfähigkeit. Und ich merk ja auch, wie meine Stimmung in der Vorbereitung, na, nicht gerade anhebt, aber was vom Finsteren hergibt. Aber es hält nie lang, kaum zwanzig Minuten, dann streift irgendein Gedanke L. oder etwas, das bis vor zwei Wochen noch unverrückbar galt, und ich bin wieder bang und aufgescheuert. Da wieder raus, im Vornehmen des Letzten, bis es mich wieder bricht; in diesem Kreislauf seit Tagen.

Für sie werde nichts von Unserm je an Bedeutung verlieren. Als ich sie frage, ob sie irgendwas von mir bewahren werde, ein einzelnes Stück nur, was immer, sieht sie mich ungläubig an. Alles, sagt sie, sie werde alles behalten, jeden kleinen Zettel, den ich ihr schrieb, jeden Brief, alles, was ich ihr geschenkt oder hier und da mal mitgebracht habe. Sie wolle mich doch nicht aus dem Leben haben, wolle nichts von mir verschwinden lassen. Sie hofft ganz für sich, fürs eigene Glück, dass wir einander bleiben werden, für immer. Und ich bin nicht bloß gerührt, ich spür, was sie sagt, als mein Eigenes. Es bewegt mich so tief und macht mich für Augenblicke beinahe fest. Nach einer Zeit aber doch wieder bedrückt, denn das eine, das mir das Meiste und Bedeutendste ist, will sie gerade nicht mehr. In so und so vielen Jahren, wenn wir tatsächlich einander geblieben sind und auch so, wie sie es jetzt wünscht, wird mir vielleicht was anderes das Meiste und Bedeutendste sein, nämlich dass sie mir im Leben war, auf gleich welche Weise, dass ich an ihr etwas Besonderes erfahren durfte. Für Augenblicke kann ich mich da hineindenken, auch fühlen, aber ich werde, noch mit ihr als Schwester, das kümmerlichste Leben haben.

Ich muss nicht erst einsehen oder eingeredet bekommen, dass ich allein für mich selber was sei, allein für mich ein Leben ausmache, dass in mir schon alles sei, um mein Dasein zu begründen. Ich weiß das, und wenn es noch nicht meine Selbsterfahrung wär, so beweist ja, wie ich um mich bekümmert bin, wie viel mir – das tönt so blamabel – an mir und meinem Leben liegt. Das ist wirklich das letzte Leugbare, gerade an mir. Ich will ja leben, will nichts mehr, will es mit allem – nur nicht so. Und man weiß ja, mit Vierzig, um seine Möglichkeiten und kann taxieren, wofür sie reichen und wofür nicht. Und kann für sich festsetzen, ob man das, wofür sie nicht genügen, dennoch an sich erdulden will.

17 07 26

Es fängt jetzt an; seit gestern träume ich von ihr, sofern ich für ein paar Stunden wegsink. Kann ich tagsüber aber in was andres über, wenigstens für kurze Phasen, bin ich dem schrecklichsten Gefühl im Traum ohne Absicherung ausgesetzt. Und da immer wieder durchmüssen, jede Nacht über Monate, wenn nicht länger – es würde, wie grausam auch, der inneren Abspaltung helfen, würde meiner Emanzipation sowohl vom Traum, der war, als auch vom Alptraum, der ist, was beitun. Es würde die Einsicht fördern, dass diese „Grundgewissheit“ um uns nicht meine tatsächliche Lebensgrundlage sein muss, sondern in der schlichten Tatsache bestehen kann, nun ja, am Leben zu sein. Das alles müsste mich nicht zerstören, würde es wahrscheinlich auch nicht. Aber was übrig bliebe, und das weiß ich, würde mir nicht annähernd geben können, was mir unser Leben, was mir ihre dauernde Nähe gab.

Sitze bei Sonne am See, an der Wölbung zwischen Silvesterkapelle und Uferpark, und es ist wunderschön; das türkise Wasser, der dichte Wald am andern Ufer, der die Marienschlucht birgt, rechts ruhen Sipplingen und Ludwigshafen in weichem Sonnenlicht, links fasst das Alpsteiner Kalkgebirge den Blick in die Ferne – und ich kann nichts davon genießen. Was ich Schönes daran erkenne, kommt nur aus der Erinnerung.

Jetzt mit ihr telefoniert und es fühlte sich an wie immer, es war nur schön, sie zu hören, ihr was zu sagen, die obligate Blödsinnsbemerkung zu machen, kurz zu weinen und einfach zu reden, wie wir eben reden miteinander. Und aus diesem Gefühl heraus, das ich dann habe, ist es undenkbar, sich wegzumachen. Undenkbar einfach. Aber nur deshalb, weil diesem Gefühl mit ihr noch nicht die sinnliche Einsicht eingeprägt ist, dass es gerade nicht so weitergehen, dass es anders kommen wird, brutal anders. Und wenn ich mir das denke, bin ich wieder am Turm.

Es funkt nahezu nichts mehr in mir; was noch funkt, wie von einem kaputten Gerät hier, ist der Code für mein Leben: L. — L. — L. — L. — L. — L. — L. — L. — L. — L. — L. — L.

Diese Wucht an Willen und Entschlossenheit, mit der ich alles für uns geben will, in was ich mich alles reinengagieren will, nur um uns weiter zu ermöglichen; manchmal will ichs ihr sagen. Aber es wäre so urpeinlich, ihr von einer Hingabe zu reden, die für sie ins Nichts liefe, die ihr ganz vom Grund schon nichts mehr gälte. Auch das, wenn ichs mir gewahr mach, greift mich elendig an.

Am Abend zwei, drei kurze Momente, in denen ich nicht im Unfrieden bin. Dann wieder kein innerer Zug zur Mauer. Bis mir einfällt, warum nicht: eben weil er es ist, der mich befriedet. Körper und Geist wollen zum Gewöhnlichen hin, zum ganz Trivialen, essen, Filmschauen, so was. Und vorhin konnte ich was essen, hab auch was geschaut; aber es ging nur, weil sich der Vorsatz, im wiederholten Durchgang dessen, was mir sonst bevorstünde, versteinert hat. Er ist jetzt der Boden, auf dem ich meine Schritte tu.

18 07 26

Ich ahnte gestern abend beinah mit Gewissheit, dass ich nicht von ihr träumen würde. Etwas ungewisser, ob ich auch gut träumen würde, aber noch das ahnte ich. Weil ich im Frieden und bald alles in mir still und klar war. Und so kam es; wie oft ich erwachte, war ich selig um das, was ich geträumt hatte. Bis zur vorletzten Stunde traf ich Freunde wieder, ganz frühe wie spätere. Und was den Träumen an Plot auch Absurdes einfiel, ich war so fein mit ihnen. Als ich ein vorletztes Mal erwachte, schwelgte ich etwas drin und dachte: vielleicht ist es gut, dass ich nicht von L. träume, weil es nicht gut sein könnte, aber insgeheim wünschte ich mir, sie wär das Letzte, wovon ich träume. Und dann schlief ich wieder ein, träumte tatsächlich von ihr, träumte eine denkbar unangenehme Lage, war aber dennoch nicht am Boden, weil es noch immer gut war, nur mit ihr zu reden, wie unlieb sie auch gestimmt war. Ich wachte nicht bedrückt auf, ich war zufrieden, leicht beseelt von ihrer unaustreibbaren Präsenz in mir.

Wenn mich etwas hindern wird, im letzten Moment, dann was wie Todesangst, die ich in manchem Vorversuch zuletzt gespürt hab. Irgendwo in der Wohnung könnte noch eine letzte Xanax sein, unsere gemeinsame Notfall-Xanax, aber ich hab sie nicht gefunden. Was ich sonst zur Beruhigung angeschafft hab, wird vielleicht nicht genügen.

Was mich vor diesem letzten Moment hindern könnte, ist die tief empfundene Einsicht, sie mit all dem hier, der Wohnung, dem Nachlass, der ganzen Arbeit und Organisation nicht allein lassen zu dürfen. Wann immer ichs mir nur eine Sekunde denke, ist es mir ganz klar, wie unmöglich das wär. Es wäre eine Art von Überforderung, die man niemandem anlasten darf, aber vor allem ihr nicht. Und wenn ich es doch tue, so im profunden Bewusstsein einer gewaltigen Schuld und der abgründigen Reue um das, was ihr ansteht.

Und von dem abgesehen, was ihr jetzt aufgeladen würde, wäre auch grausam, was bliebe; sie würde einen Freund verlieren, einen wichtigen Menschen. Er würde nicht bleiben, sondern wäre gegangen. Alle Erinnerung an ihn, aber auch an eine eigene Lebensphase wäre mit dieser Tat und diesem Verlust verbunden. Unmöglich, das einem andern aufzubürden. Das soll sie nicht durchs Leben tragen, von so was soll sie nicht beschwert sein. Ihr das nicht antun, ihr das unbedingt ersparen zu wollen, können Worte nicht wahrmachen, das könnte nur mein Weiterleben. Aber das ist mir ebenso unerträglich. Überhaupt bin ich in dieser Trias von Optionen, die ich an und für sich vermeiden will: ihr den Verlust antun, sterben, weiterleben. Nichts von dem will ich. Das Sterben ist in dieser Auswahl das, was mich am wenigsten bedrückt. Ich fürchte gar nicht, wie ich früher immer meinte, die Aussicht aufs Nichtmehrsein; diese Aussicht ist gerade die Lockung. Und es wäre was, das ich nur einmal hinbringen muss; das andere immer wieder, jeden Tag.

19 07 26

Sobald ich vom Vorsatz ablasse, weil ich für Augenblicke nicht verwinden kann, wie schwer ihr der Verlust wär, und mir nur mit einem Hauch Zuversicht vorstelle, wie es sein könnte ganz für mich, ist aber der Magen gleich wieder unruhig, rumort es wieder quälend in ihm, selbst wenn ich nicht den Verlust ins Auge fass, der’s mir wär. Eben weil er notwendig in allem wäre, was käm.

Ziehe ihr auch einzelne Texte auf den Stick, und wie ich manches überfliege, schon der Eindruck: könnte was Lohnendes sein. Nicht die Texte selber, nur das Schreiben an und für sich. Da fühl ich was ganz von mir drin. Manchmal hatte ich den Eindruck, es sei nicht ganz umsonst, dass ich schreibe, es habe vielleicht was auf sich damit und notwendig etwas, das am Ende nicht nur mir selber gilt. Als könnte ich eines Tages etwas hingebracht haben, das auch andern was sein kann. Gar nichts Großes, nur ein winziger Moment, in dem ich etwas nicht ganz Unwesentliches günstig getroffen hab, in dem sich Eindruck und Vokabular so glücklich gefügt haben, dass andere was in sich fühlen. Aber dafür alles sonst über sich ergehen lassen, dafür so leiden und im Übrigen verkümmern? Früher schien mir das ein vertretbarer Preis zu sein. Aber das war nur Romantik.

Alles ließe sich ertragen, ich weiß es, wie schmerzhaft es auch wär, die menschliche Konstitution genügt, das alles auszuhalten und sich durchzutragen in eine Zeit, in der es leichter würde. Aber wenn ichs mir klarmach, immer die Frage: wofür. Was soll noch lohnen, und was soll lohnen, das ihr oder meinem Gefühl für sie nur annähernd gleichkäm. Es wäre ein entseeltes, liebloses Leben, das man allein noch rumbringen würde, aber ohne Hoffnung auf was Herzenswichtiges und ohne die grundlegende Freude daran, überhaupt am Leben zu sein. Mir ist ganz klar, es steht wie ein Fels in mir, dass ich das nicht will. In gleicher Weise aber will ichs ihr nicht irgend schwermachen oder gleich noch so schwer, wie es mein Tod für sie wär. Sie soll jetzt für nichts mehr gehemmt werden.

Immer wieder, wenn ich die Augen schließ, seh ich sie vor mir, wie sie vor ein paar Tagen dies oder jenes tat, nichts Besonderes, nur wie sie barfuß im Nachthemd oder im schwarzen Kleidchen auf den Wasserkocher wartet, Kaffee aus dem Küchenschrank nimmt, und ich von all dem gerührt bin wie von nichts jemals. Es mag umnachtet tönen, aber nur, wie sie einfach dasteht, ist schon ein Ereignis für mich. Sobald ich sie im Nebenzimmer höre, und das wurde noch ärger mit den Jahren, immer umgehend der Impuls, zu ihr zu hopsen, bloß an ihr zu sein, für nichts weiter. Wo ich sie wahrnehme, nur durch ein Geräusch, bin ich unmittelbar ab von allem sonst, selbst vom Schreiben. Ich kann es nicht, wenn ich sie sehe oder höre, so sehr spielt sich mein inneres Leben an ihr ab. Ich kann gar nie anders, als in jeder Sekunde von ihr innig erfasst zu sein, sie in allem nicht nur schlechthin schön zu finden, sondern für das faszinierendste Geschöpf überhaupt zu halten, das sich als solches nur schon im Herumstehen beweist. Dieser Eindruck hat nie abgenommen, er wurde durch jeden weitern Moment bestätigt. Freilich schaut man den, mit dem man ist, je mit Liebe, aber es ist nicht nur das, vielmehr kommt es mir vor, als sei ich nur dazu bestellt, ihre wahre Natur anzuerkennen, die man, wirklich wie was Göttliches, gar nicht mit Worten einfassen, nur im Erleben für wahr halten kann. Was notwendig dazu zwingt, fasziniert von ihr zu sein, weil sie – und ich beschwöre es wie eine Offenbarung – die höchste Ebene natürlicher Schönheit verkörpert. Sie selber hält es, wenn ich ungefähr so von ihr rede, natürlich für Quatsch; es sei nur meine Perspektive, und weil sie nur in mir gelte, könne sie nicht verallgemeinerbar sein. Aber das fasst nicht, was sie mir ist. Ihrer ansichtig zu werden, noch im Nichtigsten, ist die Erfahrung von etwas, das notwendig über mich hinausgeht, über den Moment, in dem ichs erfasse. Wenn Menschen sagen, sie haben Gott gesehen, so weiß ich nicht, wovon sie reden, aber ich kenne die Erfahrung. Das soll und kann nicht heißen, L. sei im landläufigen Sinne etwas Göttliches; es ist gerade das Gegenteil, sie ist diejenige, die mir das Menschlichste fühlbar macht. In ihr vollendet sich das Menschliche zu jener Schönheit, die die Liebe fürs Leben erst begründen kann.

Warum soll man, warum will man leben? Am eigenen Grunde doch nur für das dialektische Erlebnis von Verstehen und Liebe. Wenn man von sich schafft, wirklich forträumt, was einem gesellschaftliche Erfahrungen, was einem bürgerliche Gebote an Denk- und Verhaltensweisen auferzogen haben, wie soziopolitische Umstände einen dazu nötigen, den eigenen Lebenssinn kleinzudenken und bescheiden zu halten oder die externe Wertung von Erfolg zu adaptieren, wenn man das alles abwirft, nur schon in der Vorstellung, was gibt einem dann Sinn, was lässt einen dann das Leben wirklich wollen? Sehr grob gesagt: sich im Leben zu erfahren und das Leben in sich, nach jener Art, die einem eben einfällt; und die Welt als Ordnung, in der sich Sinn nicht als Mangel verdingt oder als kontingenter Fall. Sinn, sozusagen, als dauerndes Erlebnis, in dem man sich, über die Offenbarung des Natürlichen, in das man gefügt ist wie alles, als liebenswert begreift und nicht als verachtenswert, mit dem steten Eindruck, es sei gut, gut und wert und notwendig, dass man da ist und alles andere auch. Das Leben, wenn man so will, als diskreter Rausch. Würde ich dann noch schreiben? Ich glaube, ja. Aber nicht mehr von mir, sondern von allem sonst.

Die menschliche Realität, ich weiß, ist anders. Menschliches Leben ist barbarisch, Menschen schlachten sich ab, sie sichern Ordnungen, in denen unzählige geopfert werden fürs trivialste Wohl der wenigsten, sie lassen Menschen in Moria krepieren oder im Mittelmeer ersaufen, überlassen sie tyrannischen Machthabern, massakrieren aus weltanschaulichen Schandgründen Frauen und Kinder, nehmen Pandemien und Krankheiten als Anlass, Sozialsysteme zu entlasten und beweisen in einem fort die Wertlosigkeit aller Machtlosen. Sie töten buchstäblich den Sinn ab und pervertieren in ihrer ganzen Niedertracht die Idee von Liebe und Schönheit, die in solcher Welt nur ex negativo gelten kann. Und wenn man trotz allem von dieser Idee spricht, so kann sie bloß eine hymnische Phantasie sein, uneinsetzbar in das, was alles menschliche Leben als Tatsache ausmacht. Aber von dem, wovon man nicht absehbaren darf und kann, dennoch abgesehen, ist sie auch die absolute Gegenwelt zum Eindruck eines Kosmos, der grundlegend gleichgültig gegen alles ist, was sich in ihm ereignet, der so oder so verläuft, gleich was auch geschieht, ob sich ein Mensch an irgendwas stößt oder eine Sonne verglüht. In solchem Kosmos ist die Idee von Sinn oder Liebe oder Schönheit eine Anomalie, ein schlechter Witz, an dem man ein Leben lang leiden kann.

Dieses Leid hat L., sobald sie nur an mir war, aufgehoben. In ihr ist alles herangebildet und gestaltet, was diese Idee für mich wahrmacht. Nichts hat mir das je so ermöglicht wie ihre Nähe. Ohne Absicht, ohne wirklich auf mich hin, nach meinem Eindruck könnte es jeder an ihr erfahren, es war nur der Zufall, der mich an sie trug. Wohl jedem Menschen könnte man, wo man wollte, auch anderes nachsagen, könnte angeben, was einen ‚gefuchst‘ hat. Aber das war mir an ihr immer nichtig. Selbst wenn wir in Augenblicken unleidlich miteinander waren, konnte ich sie nie anders schauen als liebend und fasziniert von dem, was sie ist. Sie ist das an und für sich Vollkommene. Und so rede ich eben nicht allein aus Liebe, aus dem Hochgefühl einer privaten Bindung, denn gleichwohl ich weiß, sie ist ein Mensch wie man von jedem sagen kann, er sei ein Mensch, wird diese Einsicht von meinem Sinn geführt, das von mir Unabhängige zu konstatieren, und dieser Sinn ist durch persönliche Liebe nicht bestechlich. Es mag nicht nachweisbar sein, es mag durch neurobiologische, biochemische, anthropologische oder sonstige Erkenntnisse sogar widerlegt werden können, es reicht vielleicht schon die alltägliche Erfahrung mit Menschen, um es für einen liebestrunkenen Einfall zu halten. Aber das rüttelt nicht an der Wahrheit. An L. verwirklicht sich, was wahr sein muss für Menschen.

Und wenn sie lächelt, mein Gott; wo soll mir nur jemals wieder diese Freude herkommen.

Sie bedauert, in den letzten Wochen unfair gewesen zu sein, ungerecht gegen mich. Diese Deutung, weil sie sich verantwortlich fühlt, rührt mich, aber wahr ist sie nicht, sie beweist sogar ihre eigene Unwahrheit. Was über jemandes Kräfte geht, kann man nicht gegen ihn wenden. Für Momente habe ich mich abgewürgt gefühlt, habe ich mich vielleicht nicht hemmungslos ausagieren können, aber das war nur, weil Krise in ihr war, weil sie von allem zerschlissen wurd. Ich habe sie in siebzehn Jahren niemals unfair gegen irgendwen erlebt, aber schon gar nicht gegen mich, das war sie nie. Ich hingegen war es, in den letzten Jahren viel seltener als früher, aber immer wieder mal, vielleicht auch öfter, als es mir bewusst ist. Ich habe ihr zu viel überlassen, habe ihr kaum jemals was leichter gemacht. Das immerhin war mir bewusst und mein Ansporn war immer, es einmal zu wandeln, ihr alles, alles abzunehmen, davon war ich beseelt. Und vor fünf, sechs Jahren, vor der Erkrankung, schien es mir endlich möglich, wollte ich endlich alles tun, um ihr das Leben wesentlich zu erleichtern. Und noch in den ersten anderthalb Jahren der Erkrankung war ich davon nicht ab, ich wollte die Erkrankung verdrängen, sie sollte nicht zum Zug kommen, sollte mir nichts verhindern. So habe ich mehr gemacht, als ich sollte, und als dann der schwerste Einbruch kam, war manches wieder wie früher. Nicht alles, gar nicht alles; ich war verständiger, geduldiger, anerkennender, aber dem Eindruck, nichts Relevantes mehr leisten zu können, habe ich mich zu radikal ergeben. Ich habe mich eingeigelt in meiner Unbrauchbarkeit und ihr auf die Art wieder abverlangt, für zwei zu leben. Und mein Ideal, grundsätzlich von Beziehung, jeder möge für sich leben, nur eben auch füreinander, war vom Grund her zersetzt. Es sollte niemals sein, dass sie mehr Krankenschwester als Freundin würde, aber dieser Befürchtung hat sie jeden Tag die Grundlage entzogen. Noch in meiner unleugbarsten Bedürftigkeit hat sie mich als ihren Mann gesehen und behandelt. Ich nutze dieses Wort sonst nicht, es drückt alles aus, was mir an Menschsein widerlich ist, und ich habe mich nie als solchen empfunden. Aber hier soll es sagen, wie wenig sich unser Verhältnis für sie verschoben hat dadurch. In der täglichen Praxis vielleicht, aber nicht im Sinn füreinander. Ihre Fürsorge verdrängt nicht die Achtung, sie begründet sich erst in ihr. Es liegt nicht in ihrer Natur, unfair zu sein. In ihren Gedanken kann sie es, sie kann sehr Finsteres denken, aber in Ansehung eines Menschen, auch unbedingt von Tieren, fühlt sie eine Verantwortlichkeit, die ihr alle Unfairness verunmöglicht. Und in Momenten mal, wie man so sagt, kurz angebunden zu sein oder nicht die Kraft zu haben, sich jetzt ganz aufs Ansinnen eines andern einzulassen, Grundgütiger, das hat nichts mit Unfairness zu tun. Aber dass sie es so nimmt, zeigt nur, wie gerecht sie allem immer werden will, wie notwendig es für ihr Selbstverständnis ist. Und wenn sie auch nichts sonst sein sollte von dem, was ich ihr nachsage, das eine ist sie mindestens: ein von Grund auf guter Mensch, und jedem, der je mit ihr sein wird, kann sie nur das Wertvollste sein.

Das Unvermögen, sich eine Sache, noch so verblendet, schönreden zu können. Nur dass es ihr gut ist, ist ein Wert für mich, auch wenn er nicht dafür sorgt, mich damit abfinden zu können. Ich würde es müssen und irgendwann käme es so, aber dann wär vom Kummer noch nichts weg. Er wär nur nicht mehr so drastisch, nicht mehr so einschneidend, er wäre mehr Wehmut als Schmerz, und die Kenntnis jetzt, man würd es überstehen, nimmt von beidem nichts. Also Nacht für Nacht wieder auf die Mauer, um mich einzuüben, und heut endlich das Gefühl, meine Angst im Dunkel fassen zu können, ich krauche nicht mehr unsicher drüber. Ich kann nur nicht abschätzen, ob es im Grunde mehr Vorsicht ist oder von einer wirklichen Gleichmut herkommt.

Wahrscheinlich mein Hauptmakel als Partner, dass viel Eingesehenes und Erkanntes ins Schreiben eingeht, weniger ins Leben.

Es lässt sich für mich noch nicht hierarchisieren, welcher Grund der vorderste sei zum Vorsatz. Die Hauptsache wird das Akute sein, das eklige Gefühl, tiefeklig, wie der Mensch, in den ich mich restlos eingegeben habe, fort will und in gewisser Weise auch schon ist von mir. Die Aussicht, das täglich über viele Monate zu ertragen, drängt mich prompt ins Aus. Aber auch die weitere Aussicht, dass sich dem Schmerz und dem Entsetzen, die geringer würden, ein Leben anschlösse, das trost- und lieblos bliebe, erweckt keinen Lebensehrgeiz in mir. Alles, was ich mir an Möglichem denke, wäre nur um die Leere herumgebaut, zur Billigung einer Einsamkeit, die nicht bloß vom Alleinsein käme, sondern von der Erinnerung ans vollendete Lebensglück, das mir einst gegeben war.

Was nie so möglich war, und auch nie möglich würde, hat sich an L. realisiert: mich ausnahmslos frei zu fühlen, ihr mit allem ankommen zu können in jeder Weise, die mir einfiel. In einer Sekunde von diesem in jenes Niveau zu verfallen, vom Verzwicktesten ins Vulgärste, vom Ernsten ins Spinnerte, ohne mein Vokabular zu bedenken, in jedem Augenblick mit offenstem Herzen. Ich konnte ihr alles sagen, in jedem Moment, und mich vorbehaltlos zeigen in jeder inneren wie äußeren Lage, und wenn mir für einmal was peinlich war, hat sie mir durch ihre Offenheit und Großherzigkeit, häufig ausgedrückt im Scherz, umgehend jede Scham genommen. Mein Körper ist kaputt, innen wie außen, oben wie unten, er ist unannehmbar, aber sie hat ihn angenommen. An ihr durfte ich nicht nur rückhaltlos sein, wie ich bin, ich durfte auch erkunden an ihr, wie ich sein könnte. Alles, weil ich mich grenzenlos frei mit ihr gefühlt hab. Das würde so nie wieder.

Irgendwann, wohl schon demnächst, würde ich es realisieren, so wirklich, dass wir nicht mehr sind. Es ganz einsehen und auch im Gefühl sein, das Leben ist jetzt ein anderes. Nur wenn ich mir denk, wie es möglich wär ohne sie, schwillt der Schmerz an über das, was bis dahin wäre. Denk ich aber, wie das zu überstehen wär, gleich der Schmerz über alles danach. Das nun Kommende würde rabiat, aber zeitlich überschaubar; das Folgende würde glimpflicher, aber ginge in eine Lebenstrauer über, die für unüberschaubare Zeit bliebe.

Der Abschied gälte nicht nur einer Beziehung oder der Nähe zu einem besonderen Menschen, was allein schmerzlich genug wär, sonderm dem, was meine Existenz beschließen sollte; die Gewissheit, ein Leben mit L. gehabt zu haben, dass wir einander Glück waren bis zu meinem Ende, dass ich in ‚Uns‘ gehen darf. Auch davon kann ich nicht lassen. Daher will ich jetzt gehen, wo immerhin noch das Gefühl dafür in mir ist.

Die letzten zwei Wochen, ich weiß, das ist kein professionelles Tagebuch mehr, kein literarisches Journal, nur noch fanatisches Selbstmitleid, ein privates Trauerbüchlein, ein Schmerzjournal, in dem für jeden Tag die Regenwolke gestempelt wird statt der Sonne. Es ist die frappante Regression eines literarischen Spirits zu einer Art vorgeistigem Stadium, in dem man einem Gefühl bloß einen Laut zuordnet, immer dasselbe Gefühl, immer derselbe Laut.

Manchmal die Vorstellung in den letzten Jahren: wenn ich bloß noch bettlägerig wäre und nichts mehr selber durchführen oder gar nicht mehr lesen und schreiben könnte, dann irgend zu gehen, dass man nicht würdelos im Spital endet. Etwas romantisch die Vorstellung, wie L. mir vielleicht ein Kissen aufs Gesicht drückt. Aber wie viel mir auch verloren ginge, dachte ich, L. wäre noch da und ich hätte Momente von Wohlgefühl, könnte lachen über ihre Scherze, über ihre vielen Frechheiten. Und lieber so, lieber an ihrer Seite krepieren, als mit mancher Kraft ohne sie zu sein.

In den ersten Tagen schrieb ich etwas übermütig: „weil die Vorstellung, wie sie es schön hat, von nichts übertroffen wird“ – aber offenbar gibt es etwas, von dem es übertroffen wird, nämlich die Vorstellung, wie ich es schlecht hab. Was schon meine ganze Unwürdigkeit beweist, ihr wie auch dem Leben gegenüber.

Als ich sie am Abend der Trennung frage, ob sie erleichtert sei, sagt sie: Sollte eigentlich so sein, nicht? Aber sie fühle es nicht. Da dachte ich noch, vielleicht weil auch sie sich noch nicht ganz freimachen kann oder will von mir. Jetzt gedacht: es gelang ihr nur nicht, weil ich es ihr schwergemacht hab, durch mein Entsetzen und meine Heulkrämpfe und mein Unvermögen, loszulassen. Ich darf ihr mein Leid nicht täglich antragen, ich muss sie für sich lassen, dass sie sich wahrhaft frei fühlen kann. Aber wohin dann mit dem in mir? Es gibt für all das nur sie als Adressatin.

Nachts auf der Mauer für einen Moment gedacht: Beim nächsten Mal mit Jacke, sonst erkält ich mich noch.

20 07 26

Wenn ich wach werde, aber noch nicht ganz in der Welt bin, diese halbe Minute oder Minute, wenn ich schon ‚da‘ aber noch ungeschützt bin, wo sich radikal offenbart, wie es am Grunde um mich steht; als fräße sich was Gewaltsames großflächig und unaufhaltsam durch meinen Magen, während aller Körper sonst im seimigen Trauerbad versinkt und innen wie von Giftsträngen verzurrt wird.

Heute kommt sie voraussichtlich wieder, und mein Magen rumort durchgehend. Ich weiß nicht genau, warum. Das Natürliche wäre, wie seltsam auch immer, eine Vorfreude darauf, sie zu sehen, sie um mich zu haben, was immer das Beste ist. Aber zum einen fühlt es sich an, als wolle sie vielleicht gar nicht zurückkommen, als wolle sie sich die Schwere nicht mehr antun. Vielleicht ahnt sie auch, was mir vorschwebt, und scheut den Moment; solang sie fort ist, bin ich Schrödingers Katze für sie. Und zum andern, weil ich verpasst habe, was mir im Sinn war; am Wochenende zu gehen, tagelang allein mit mir, dass ich nicht gehemmt werd durch ihren Anblick und sie auch erst heimkommt, wenn alles wirklich und endgültig vorüber ist. Aber ich kann nicht noch eine Woche warten, ich will durch keinen einzelnen Tag mehr und würde ich ihn auch mit ihr verbringen.

Ich nehme an, es ist nur die Überwältigung; man fühlt sich radikal bezwungen von dem, was außerhalb der Vorstellung war, überhaupt außerhalb der Verhältnisse, in denen man sich zutrug. Aber diese Überwältigung ist ja real, ihre Gewalt ist ja die wirklichste, die ich nur erfahren kann, und sie räumt eben nicht bloß Vorstellungen ab – was schon tief erschüttern kann -, auch das Wirkliche, worin sie begründet war. Und dann ist es gleich, ob es Überwältigung ist oder was anderes, ob es wahrlich trost- und lieblos käme oder ob ich noch Sinn fände oder nicht. Denn ihr Schrecknis eröffnet das Künftige als bloßen Schatten von Sinn und Leben, der aus ihr heraus wahrer erscheint als zumindest denkbare Alternativen und so den Mut löscht, dies Risiko zu wagen. Manchmal tröstet mich das Bewusstsein, L. werde es gut haben, für Augenblicke macht es mich beinahe friedlich. Nur kann ich in diesem Bewusstsein nicht vollendet aufgehen, weil es mich aus der Gleichung nimmt und mich in eine versetzt, in der ich es, wie annehmbar es auch kommen wollte, nie so gut haben würde wie mit ihr. Und das ist eben nicht eine Phantasie, die der Schrecken schafft, die sich aus der Überwältigung bildet, sondern das unbedingt Klarste. Es war mir immer bewusst, jeden Tag, denn jeden Tag hat mich jeder Moment mit ihr so ergriffen, dass es die je notwendige Erkenntnis daraus war, und für diese Erkenntnis brauche ich nicht erst ihren Verlust.

Kann mir nichts mehr ansehen, nichts mehr hören, nichts mehr lesen von Menschen in ihren üblichen Zusammenhängen. Alle sind unerschüttert von dieser Sprengung, niemand spricht oder schreibt aus dem Schock heraus, der für mich so universal ist. Kann keinen Ton mehr ertragen, der nicht von ihr kommt. Und auch Licht nicht, so sitz oder lieg ich am Abend bis in die Nacht im Dunkeln.

Wollte sie eben vom Bahnhof abholen; sie hatte nicht geschrieben, aber ich nahm an, sie käm spätestens um diese Zeit. Vermutlich scheut sie die Rückkehr in ein Heim, das von Schwermut so belegt ist.

Hat sie auch gescheut, so kam sie später als gewöhnlich. Und obwohl es mein Herz bläht und füllt, sie zu sehen, hatte ich sehr gehofft, sie käme heute nicht mehr. Nachts raus an die Mauer, da wollte ich sie in der Ferne wissen. Nicht zuletzt fällt es auf die Art schwerer, unbemerkt aus dem Heim zu schleichen. Es muss heute gelingen; mehr Tage will ich nicht. Nicht erleben, wie sie Tag für Tag von mir abrückt, wie sich die Sprache wandelt, sich das Intime noch der letzten Woche schrittweise abbaut. Schon jetzt, wie sie da ist, trau ich mich nicht mehr, ‚Maus‘ zu sagen. Sage oder tue ich was Nettes, bedankt sie sich bereits wie auf einen andern hin, noch lieb, aber beinahe förmlich. Vielleicht nur Befangenheit auch in ihr. Aber das fortschreiten zu fühlen, auch wie sie mein Leid nicht mehr als Noch-Liebende aufnähm, nur mehr als Freundin verwaltete, diese Beschämung will ich nicht erfahren, nicht an ihr, nicht nachdem, was wir einander waren. Ich akzeptiere, nicht ihr Letztes zu sein, nach Einsicht der Gründe stimmen Herz und Verstand ganz dafür; aber hinnehmen, sie sei nicht meines, und erleben, wie es sich im Ernst auflöst zwischen uns, von dieser einen Pein will ich verschont bleiben dürfen.

Und eh fühl ich mich seit zwei Tagen überfällig, weil ichs mir schon fürs Wochenende vorgenommen hatte. Was ich jetzt noch bin, für wie lange auch, ist nur noch Geist.

Ihr Bezug hat mir Wert gegeben; jeder einzelne Moment, in dem sie mich annahm oder an mich ging, in dem sie an mich gedacht hat, in dem ich ihr ein Anliegen war. Und es war auch Freundschaft, unbedingt, aber im Einverständnis mit einer Lebensgemeinschaft lag die unausgesprochene Zusage, ich bin wert, ein Menschenleben auf mich zu setzen. Und das muss sich vielleicht nicht daran entscheiden, ob es diese oder jene so meint, aber für mich entscheidet es sich daran, ob gerade L. es so meint. Und da sie es für sich nicht mehr meint, ist dieser Wert, ob er objektiv gegeben ist oder nicht, nicht mehr fühlbar für mich.

Selbst wenn ich in Schuss wär: wie sollt ich jemals wieder jemanden als Nächsten annehmen können, bei dem ich mich nicht so vollkommen frei und vollkommen wohl fühle? Wie mich noch vertragen mit der Mühe, mich angleichen zu müssen, die ja das Gewöhnliche unter Menschen ist, von der L.s Präsenz und Art und Weise mich aber so grundlegend erlöst haben? Vielleicht möglich, aber nicht verlockend.

Ich kann nichts mehr anfangen; weder mit wem noch überhaupt ein neues Leben, das gibt mein Körper nicht her. Ich würde allein noch die Zeit absitzen und hin und wieder was schreiben. Würde wie die letzten zwei Wochen, wohl weniger dramatisch, mein Siechen dokumentieren. Aber kein noch so gelungener Satz lohnt dieses Leben.

Was sie in manchem eingeengt hat, meine lächerlichen Neuröschen, mein Hader in den belanglosesten Dingen, mein Abscheu gegen so viel Nebensächliches – mit einmal weg. Hätte sie mal früher Schluss gemacht, da wär ihr viel erspart geblieben.

In so subjektivem Erleben lässt sich kaum objektiv abrechnen, aber sicher kann man dafürhalten, der Verlust eines Menschen, der sich weggemacht hat, wiege schwerer oder sei ungleich gravierender als der ‚bloß‘ eines Partners. Denn als Mensch, als Freund, würde sie mir nicht verloren gehen, als solcher würde sie mir bleiben. Und wenn auch nicht, sie bliebe am Leben, würde weiter in der Welt sein, nur nicht in meiner. Ich wüsste sie weiter irgendwo. Das wäre umgekehrt nicht zu sagen. Was an mir weg wäre, wär es ganz. Fraglos ist das grundlegender als der Schwund an Nähe oder eines Narrativs, an das man sein Leben band. Aber in sehr gewisser Hinsicht wär es für mich ein Verlust von Leben, während ich aber weiterlebte, vielleicht noch Jahre, und diesen Verlust in allem wüsste, was noch würde.

In der Küche eben, nach Mitternacht, noch einmal einen Beziehungsmoment gehabt. Gar nichts Besonderes, nur sorgloses Hin&Her-Gerede, Was ess ich bloß, Hast du noch Tabak, Lass uns das morgen raussuchen, mitunter einander angefiept, ohne Schwere umarmt, sie leicht aufs Gesicht geküsst, Maus hier, Maus da. Es war noch einmal, als stünde nichts zwischen uns, in Ton und Umgang wie jeden Tag jemals. Aber wohl nur, weil wir beide enorm übermüdet waren und sich der Körper in solcher Verfassung aufs Vertraute verlegt. Und doch schön, dass ihr noch was vertraut ist von uns. So gleich wieder der Impuls, das noch mal erleben zu wollen, noch mal, noch mal. Aber das sind nur Residuen einer Unbeschwertheit und Nähe, die sich allmählich verflüchtigen werden. Und so ist der Moment, der mich instinktiv zum Bleiben verlockt, weil er mir das Liebste noch einmal erzeugt hat, gerade der, mit dem ich es vollenden sollte.

21 07 26

War zu müde, nachts um drei, um entschlossen zu sein. Demnach auswärts mit ihr gewesen, zwischen Henkersberg und Heiligenberg, in einem kleinen Örtchen eine halbe Stunde weg. Etwas in der Sonne spazieren, dann draußen in einer Bäckerei, sprachen über dies und das, es war schön. Auf der Rückfahrt aber wieder so beklommen, dass ich nicht an mich halten konnte. Ob sie aufgehört habe, mich zu lieben? Überhaupt nicht. Aber was sie brauche, in ihrer Lage, sei unbedingt Stabilität; sie könne sie nicht mehr geben, sie brauche sie jetzt selbst. Sie sagt nicht ausdrücklich, dass ich sie ihr nicht geben kann, aber es ist klar. Und ich beweise es auf dem Rest der Fahrt, da ich wieder und wieder in Heulkrämpfen ersticke und sie, die wie ohne Schutzschicht ist, mitfühlen lasse, was ich fühle. Aber einmal wollte ich es ihr noch gesagt haben, was sie war für mich und weshalb ich nicht einfach ab kann davon. Ich rede wahr und aufrichtig, verliere aber nicht alle Diplomatie – würde ich ganz und gar sagen, was mir mit ihr verloren ist, wüsste sie umgehend, dass es kein Leben mehr für mich gibt. So offen, weil auch bewegt von der Einsicht: ich wäre nicht nur nicht geeignet für ihren Weg, ich wäre schlecht dafür, schlecht für sie. Und das schmerzte nicht, es half. Sie mag mich noch, wie sie mich immer mochte, aber meine Bedürftigkeit, an der sich kaum was ändern würde, und mein tendenziell resignativer Umgang mit ihr – und gar nicht nur die körperliche und finanzielle Bedürftigkeit, auch wie nahezu ungefiltert ich L., meine ich, grundsätzlich mein Leben aufhalse – und dass sie immer für zwei tun müsste, was sie kaum für eine leisten kann, ohne dass ich ihr fundamental was beigeb, innerlich wie äußerlich, das kann nicht nur, das darf auch nicht so sein, unter keinen Umständen. Wer einen je so belastet, für den schwächt sich dann wohl das Beziehungsgefühl ab; der Wunsch regrediert, mit diesem Menschen noch zu wollen. Sie sagt es so nicht, aber so verstehe ich es unbedingt. Und darauf kommt, wie sehr sie ihr Leben an eine Sache binden will, in der ich ihr kein Gleicher bin und würde. Für die aber muss sie frei sein, ob an wen gebunden oder nicht, darf sie sich nicht alle Umstände im Voraus festlegen, wie es mit mir zu sehr der Fall wäre. Sie hat nur diesen Weg, um sich von der Krise zu erlösen, und ich wäre auf diesem Weg eine dauernde Erschwernis, ich würde ihn blockieren. Es stimmt nun eben: ich bin bedürftig und kann selber nichts mehr geben. Ich mache in niemandem mehr was fest. Und wie widerlich es gerade jetzt sein muss, sie in dieser Lage noch einmal so drastisch zu erschüttern, diesen Angriff auf ihre Seele abzugeben, es bliebe eben eine unwürdige Existenz, für mich selbst wie für jeden, der an oder mit mir wär. Unwürdig, weil man immerhin das Bewusstsein davon hat und in sich den Drang, auch andern oder nur irgendwem, wenn schon nicht L., Haut und Fell und Schutzschicht zu sein. Aber ich tauge dafür nicht mehr.

Nach einer halben Stunde war ich ungefähr gefestigt und habe ihr noch ein letztes kleines Geschenk gemacht. Wie sie sich drüber freute, auch wie sie gleich drin versank, wie heiter und lieblich sie war, nachdem ich ihr Mut zusprach für alles, was kommen würde, weil sie unbedingt in der Lage dafür sein wird, das hat es wieder gelöster gemacht zwischen uns und ich weiß, das würde meine Aufgabe in der nächsten Zeit: ihr da und gut zu sein, stark zu sein für sie und mich selber zu stärken in dieser Funktion, wonach sie leichter gehen kann, von mir wie für sich; ihr in praxi ein Freund zu sein. Und ich wünsche ihr diesen Freund zutiefst und dass gerade ich der für sie sein kann, ein Mensch, mit dem sie so lange so besonders war. Aber das sein zu wollen für sie, das ist nur eine Idee, ein sentimentaler Einfall; in Wahrheit werde ich mich doch nicht schlagartig zu allem in ein grundlegend anderes Verhältnis setzen und mein Leid, das ihr so Last ist, verbergen können. Die Absicht, ihr ein Freund zu sein, nützlich allein dadurch, ihr nichts weiter aufzubürden, schwächt freilich den Vorsatz, mich ihr ganz zu nehmen. Wie heilsam wäre die Erfahrung, vielleicht für uns beide, wäre ich in der letzten Zeit noch einmal gut für sie. Aber was käme, wäre dasselbe: ein Leben, in dem ich in Krankheit und Armut vereinsame ohne Aussicht, es je anders zu haben; in den Sinnen aber das Phantom eines Glücks, das mir einmal gegeben war und nur mehr als Hohn in mir spuken würde. Und jeden Morgen die Frage, die L. in mir ausgelöscht hat: wofür.

Unmöglich ihr das aufzugeben, nachdem ich sie so heut erlebt hab, so liebevoll, so geschwächt, später vergnügt und so bewegt von dem, was ihr gut ist. Vielleicht können wir ein paar Tage haben, in denen es nur lieb ist und leicht, in denen ich sie ganz verschone von meiner Not, dass ihr etwas Schönes von den letzten Tagen bliebe, ein Gefühl von Einigkeit vielleicht.

Aber das leichte Hochgefühl, das ich am frühen Abend empfand, das kam ja nur aus dem Eindruck, wir würden noch einmal etwas gemeinsam tun, aus unserem Bündnis heraus für dieses Bündnis. Aber das eben ist eine Täuschung. Ich kann nur nicht aus diesem Gefühl heraus; in mir mischt sich noch alles, das Gewesene und Verlorene sind mir als Möglichkeit noch so eingegeben, dass alles, was ich mir vornehme, noch immer was für uns wär. Aber sobald ich mir klarmach, es gibt das Bündnis nicht mehr, nicht wie bisher, wieder nur bedrückt und lebensunwillig.

Mein Leben war ein beinahe dauernder Notfall, nur selten gab es kurze unproblematische Phasen. Das musste einem andern, gleich wem, zu viel werden. Und dass es gerade ihr, der so elementar Geplagten, für aber so lange Zeit nicht zu viel war, zeigt mindestens ihre unbeschreibliche Kraft, der man mit Worten gar nicht nahekommt, und ihre tiefe Liebe, die überhaupt nur der Grund sein kann, einen siebzehn Jahre andauernden Notfall zum eigenen Leben zu machen.

Sie hat so viel um mich getan, mir unermüdlich alles schön gemacht, war um mein Heil so bemüht. Ob wir wo waren und sie alles auf meine Lage hergerichtet hat oder wie oft sie, was sie kochte, auf mich abgestimmt hat; und so viele tausend Dinge mehr. Und dann die Geburtstage; an und für sich gab ich auf diese Tage nichts, fühlte nichts anders an ihnen, aber L. hat jeden einzelnen mit so viel Liebe für mich gestaltet, hat mich an jedem einzelnen so ergriffen. Ich habe immer gewusst, dass wir einander nicht gleich viel tun, und wollte das nie nur hinnehmen. Aber sie ist anders als ich; wo ich mich, wenn auch nur in einer Beziehung, offen äußere über alle Bedürfnisse, nimmt sie sich je zurück. Sie will sich andern nicht aufladen, vom Grund her nicht, mit nichts. Was sie nicht will, äußert sie in Momenten, aber was sie will, wonach es sie verlangt, bleibt meist in ihr. Manchmal nahm ich auch an, sie sei genügsam, ganz einschätzen konnte ich es nie. Und vielleicht gar nicht so Weniges oder Geringes hätte ich ihr ermöglichen können, aber zuletzt eben nicht mehr und in der gewaltigsten Sache ohnehin nicht, das können nur andere. Aber das vielleicht Gewaltigste an ihr ist, wie sehr sie ihre eigene Krise je vor andern abgeschirmt hat, so oft auch vor mir. Da hat sie eine fast unmenschliche Kraft. Sie musste nur viel allein sein und ich hab lang gebraucht einzusehen, weshalb.

Wie schön es wäre, sie an mir zu erleben, wenn es ihr einmal gut ginge, wenn alles Arge aus ihr wär. Allein die Tage, wenn es für kurz so war, waren schon die besten für mich. Wenn sie für Momente frei ist und heiter, wirklich, es gibt nichts Ergreifenderes.

Die Tage, nach denen ich ihr das erste Buch geschrieben hatte, waren mit die schönsten zwischen uns. Noch aus dem Zug rief sie mich an, auf der Rückfahrt, ganz ergriffen, überwältigt, so tief gerührt, wovon wiederum ich ergriffen, überwältigt, gerührt war. In dieser Rührung waren wir furchtbar eng aneinander, unser Bezug war intimer und noch offener als sonst. Für gewöhnlich war es ihr, wenn wir nicht gemeinsam wohnten, zu viel, aber da sprachen wir für fast zwei Wochen jeden Tag miteinander. Ich bin so stolz auf dich, hat sie gesagt; dein Name auf einem Buch; wo er hingehört. Angetan wohl auch, glaube ich, weil ich endlich mal was hingebracht hatte. Das ist der Beweis, hat sie gesagt, du kannst ein Buch schreiben. Mich hat es von den Zweifeln nicht erlöst, aber bewegt, dass sie ihr Zutrauen, wenn nur für sich, bestätigt sah. Wann immer mir was gelang, dachte ich, vielleicht gibt mir das ein weiteres Jahr mit ihr. Die Ahnung war immer da, sie würde nicht ein Leben lang bleiben können. Erst in den letzten Jahren, seit wir hierher gezogen waren, schwand diese Ahnung. Wie bedingungslos sie meine Krankheit angenommen hatte, wie gut sie meine ganze überschäumende Art vertrug, meine Schrullen und Neurosen, ich dachte: wie absurd es auch ist, dass gerade sie mit mir sein will, es wird seine festen Gründe haben. Aber die hat es jetzt eben auch und fester nun mal als die für mich.

Vor zehn Jahren etwa hat sie einmal gesagt: Du bist das wandelnde Aber. Und es stimmte, zu allem fielen mir Einwände ein, nichts sollte mir ein Risiko abverlangen. Sie war immer mutiger. Nicht nur im Leben, wie sich jetzt wieder zeigt, auch im Alltag oder im Spaß; worauf sie alles geklettert ist, was sie alles erkunden, alles bewältigen wollte, nur für sich, fürs eigene Gefühl. Das hab ich in der späten Kindheit verloren. Und auch sie war die letzten Jahre zeitweise darin gehemmt; aber jetzt hat sie es für sich wieder erlangt. Und das ist gut.

22 07 26

Sobald ich erwache, immer dasselbe; das Skandalon ihrer Ablösung durchgiftet mich.

Der Schmerz folgt nicht der Einsicht, sie mildert ihn eher oder suspendiert ihn für Minuten, mal auch eine halbe Stunde, in der ich mir einpräge, wie gut es für sie kommen wird. Wenn ich aber nichts denke, für Momente nichts ins Auge fasse, überfällt mich seine Attacke aus dem Nichts und überwalzt alles, was mich für Augenblicke hielt.

In sehr vielem war Trotz mein erster, oft stärkster Impuls. Trotz gegen populäre Meinungen, gegen Gruppendynamiken, aber Trotz auch zur Selbsterhaltung in einschneidenden Momenten. Als mir E. am Telefon sagte, es sei aus für sie, habe ich sie als erstes um Geld gebeten. Ich war zudringlich, um ein Gräuel abzuwehren, um nicht einzubrechen vor dem, der geht. Eine schweinische Reaktion, wann immer sie einfiel, habe ich mich tief geschämt. War aber auch froh drum, so nicht mehr zu sein. Trotz als psychisches Manöver ist mir aber geblieben, wenn auch diskreter als früher. An L. ist es mir nicht möglich; an ihr hieße es, mich von ihr wegzutrotzen, schon nur in Gedanken, etwa wenn ich mir ernstlich vorstellte, wie es sein könnte ohne sie, wo ich leben würde und wie. Trotz im Umgang ist eh unmöglich, weil ich nur lieb zu ihr sein will. Aber auch innerlich kommt kein Impuls zu ihm auf. Vielleicht wirklich ein Zeichen, dass was Wesentliches in mir aufgegeben hat.

Na klar, na klar, Millionen, heut wie ehedem, um die es ärger stand und die sich trotzdem hielten. Wie weinerlich, wie schwach dagegen ich, worauf man sagen könnte, das wirklich und vielleicht einzig Würdelose sei überhaupt nur mein Umgang mit alledem. Aber man soll sich nun nehmen, wie man ist, und nicht sich verstellen um den Eindruck einer Würde, die man sich manches Mal attestiert, aber nie für sich gefühlt hat.

Der Schock weicht nicht; wo er zunächst eingebrochen ist in die sozusagen heile Welt, ist nun er diese Welt. Wohl kann man sich dran gewöhnen, auch in solcher Welt zu leben, aber nur verblendet oder in der Hoffnung, ihr dereinst zu entkommen.

Vor einem halben Jahr, vielleicht etwas mehr, als ich wieder einmal beschämt war um meine Lage und was sie für L. bedeutet, sagte sie: Was dir passiert, passiert uns. Und in diesem Satz lag mir eine Versicherung, er hat mich im Hinblick auf uns ganz gefestigt. Vielleicht hat mich dieses Zutrauen nachlässig gemacht. Ich konnte nie anders, als sie im Sinn zu haben, jeden Tag, aber auf eine Art habe ich aufgehört, mich selber als Beistand zu denken. Nicht mehr in dem, was ich tue und denke, im Sinn gehabt, was es notwendig für sie heißt; oder es verdrängt aus Scham, weil mein Körper über Monate so schwach geworden war und ich mir nichts mehr zutraute. Aber gleich wie es war, jetzt ist es so.

Wie sie ihr Leben gewinnt, verlier ich meines; wo sie aufsteigt, stürz ich ab. Mehr Beweis braucht es für sie nicht.

Ich will da nicht durch. Ich will durch dieses Lebensunglück nicht. Ohne sie ist alles weg, aller Sinn, alle Freude. Was bliebe, wären Vertuschungen der Qual.

Ich werde nie mehr so gelten, wie ich ihr gegolten habe.

Nur Dankbarkeit und Liebe für jede, die mit mir war. Im Erkennen von einzigartigen, grundguten Menschen, die mir Freunde sein können, war ich ein Genie. Möge mir jede verzeihen, die sich von mir im Herzen angegangen fühlt.

Die Möwe hinter mir stürzt und schreit.