Die Kadetten der Träume
Eine experimentalphilosophische Nivola
Die notwendigen Zitate, in denen der Text, wie ich sehr fein sagen will, in nuce gegeben ist:
„Der Raum muß der erste actus der göttlichen Allgegenwart sein, wodurch die Dinge in nexus kommen.“ Herder, Mitschrift einer Kant-Vorlesung
„Die Scham, ein Mensch zu sein – gibt es einen besseren Grund zum Schreiben?“ Deleuze
„[E]s ist mein Beruf zu erzählen, was mit mir geschieht, und ich freue mich, […] ohne Empörung erzählen zu können.“ Deszö Tandori, Stafette
„deusdcg3n Land verrekce“ @ressentimaus.bsky.social
„Ja jeder einzelne Mensch, der mit mir redet erreicht mein Herz.“ Phettberg, Twitter
„Wenn man sich in einem Zustand befindet, den man nicht kennt, wird man schnell unversöhnlich.“ Linda Boström Knausgård
„Man verlangt von mir Handeln, Beweise, Werke – und alles, was ich bieten kann, ist transformiertes Weinen.“ Cioran
„Er löste sich ständig auf in Firlefanz.“ Beckett, TvmbmsF
„What is it, what nameles, inscrutable, unearthly thing“ Melville, Moby Dick
Wenn ich in diesen Zeiten moralischer Umwälzungen und philosophischer Dürre, die eine unansehnliche Traube bizarrer menschlicher Absonderungen hervorgebracht hat – nicht zuletzt mich, wie ich mit introspektiver Kühnheit betone, wenn ich mir auch darauf noch keinen Charakter einbilde, der ohnehin erst für eine Romanfigur nötig wär – und die von einem Big Bounce eher bewirkt wurden als von einem Big Bang, von einem Rückprall sicherer als von einem Urknall, weil all die soziale Gülle, die unsere Gegend überschwemmt, nicht als Vorform angesehenen menschlichen Lebens imponiert, sondern unbedingt das vorläufige Schlusslicht einer vom Kosmos verschmähten Population sein muss, wenn ich in diesen Zeiten, die nach der Vivisektion einer präzivilisatorischen Substanz voneinander abgeschirmte und sich doch herzlos ineinander spiegelnde Sphären erzeugt hat, die noch keinen diskursiven Entscheid zwischen Hypertorus und Dodekaeder gefunden haben und in denen die tadellose menschliche Seele schlechter geachtet wird als das schlafzimmerliche Kerbholz, dem die lumpigsten Sünden eingeritzt sind, wenn ich in diesen Zeiten, in denen jede Träne über dem Wangenknochen das Abzeichen eines vulgären Schwindels ist, wie überhaupt jedes Weinen und Lachen nur mehr wie vom Tonband zugespielt tönt, Zeiten, in denen der Frevel mit feixender Fratze seine unendliche Runde im Spiegelkabinett dreht und die Scham übers Treuherzigste wie noch übers Unverfrorenste zum übelst Beleumdeten gehört, Zeiten, in denen das Wort eines Menschen von derselben Lauterkeit ist wie die Echolalien eines Graupapageien, in denen alles Räumliche, Materielle, jede Hyle und jedes Sujet so ungefähr anmutet wie in allen übrigen Zeiten, präterpropter von derselben Façon ist, indes nicht von derselben Güte und schon gar nicht vom selben Wert, da Menschen wie Objekte, und zwischen beiden wird von der gegenwärtigen Nomenklatura kaum noch im Ernst unterschieden, nur mehr abgefertigt und als dereferenzialisierte und zu unerklärlichen Spasmen neigende Entia durch einen belanglosen Alltag geschleust werden, was eine ephemere Mentalität in allem Umher- und Daseienden erzeugt hat, die noch die erbärmlichste Nachlässigkeit im Umgang wie einen Akt der Güte erscheinen lässt, wenn ich nun, in dieser Zeit und zumal in dieser Gegend, über die der Himmel, sofern man ihn mehr fühlt als betrachtet, in furchtbarster Treue wie ein schmutziges Laken gespannt ist, in der sich jede Jahreszeit bloß in ihrer ordinärsten Manier erzeigt, in der der Sommer zu heiß und der Winter zu kalt, der Herbst zu trüb und der Frühling zu fad ist, weil er sich, während er uns die Sonne bereits genehmigt, doch nicht gegen die harte Kühle des aussickernden Winters wendet, einer Gegend, in der Menschen das Vergangene beschwören und das Künftige verdrängen, in der das Heilige eine Trope allein noch der Gauner und Ehebrecher ist, in der alle – oder beinahe alle – vom selben Unwert sind und in der aber jeder – oder fast jeder – dem andern noch in der geringsten Zuwendung seine Höherwertigkeit einreden will, wenn ich also, um diese sorgsam einbalsamierende Vorrede in eine erste psychologische Problematik zu überführen, in diesen raumzeitlichen Verhältnissen, summa summarum, ein Vogel wäre – ich bin keiner, oder darf mit dem haptischen Genius des Anthropologen wenigstens annehmen, keiner zu sein -, dann wäre ich einer von der Sorte, die hochdroben am pastellblauen Himmel ihre Kreise oder von einer Erdhälfte zur andern ziehen, obwohl man im Grunde von Vögeln, die man in der Höhe erspäht, nie ernstlich sagen kann, wo genau sie hinfliegen oder was sie verflucht noch mal da oben eigentlich treiben, es sei denn, man ist einer dieser beckmesserischen Hochgucker, die ihren Daseinssinn an die Vogelkunde verraten – wenn nun ich einer dieser Vögel wär, und eben ganz bestimmt keiner von der anderen Sorte, die an touristischen Ufern nach Krumen schnorren, wonach sich die Hinwerfenden im erhebenden Realkontakt mit der Natur meinen, wenn ich sozusagen ein Luftvogel und kein Ufervogel wäre, d.h. so ca. normal, dann wär ich ein Greifvogel, ein Bussard, langflügelig und langschwänzig, mit steifem Kopfgefieder, näher: ein Wespenbussard, der nach den Faltenwespen nur so schnappen, der ihnen tagein, tagaus den Garaus machen würde. Oh, mit welcher Inbrunst würde ich ganze Schwärme von Wespen mit einer bestialischen Attacke nach der andern auslöschen, ohne einen auch nur ansatzweise empathischen Anfall, ohne jedes Mitleid, allenfalls mit Bienen und Hummeln, aber niemals auch nur mit einer einzigen Wespe, die würde ich vertilgen, sobald ich sie nur erahne. Unter Baumkronen würd ich ausharren und dann ihre Nester ausgraben, ihre Larven und Puppen fortfliegen, bis ich jede Wabe bis aufs Letzte ausgebeutet habe, bloß weg mit den Viechern, weg mit den Papier- & Feldwespen, den Lehm- & Töpferwespen, weg mit den Gemeinen und Echten.
Unerfreulicherfatalerweise bin ich kein Vogel, wenigstens anatomisch nicht, meine überwiegende Bewegungsmethode ist der Marsch, lässigstenfalls ein Traben durch die Finsternis eines der Fahndung verschriebenen Lebens, die fallweise durchlöchert wird von Blitzen viszeraler Impulse, bakterieller Eingebungen und üblicher temperamenteller Marotten eines cholerischen Phlegmatikers, der in den düstersten Nischen dieser Finsternis bewegende Lieder auf die obskure und hier nicht näher erläuterbare Reize ausstrahlende Matrizia Maltempo abfasst, die von klassischer Poesie dominiert und überdies ganz flott vertont sind. Unter solchen Umständen bildet sich leicht die Phantasie, ein Vogel sein zu wollen, denn was mich am meisten anwidert, was mich wirklich noch um den Verstand bringt, das sind ja nicht die Wespen, ganz ehrlich, natürlich würd ich die alle weghacken, alle aus der Welt schaffen, aber das eigentliche Übel am Nichtvogelsein ist dieses dauernde, dieses verdammte, peinliche Ambodenbleiben, dem man nicht entkommt. Hüpfen, klar, kann man, kann kurz aufspringen oder irgendwo drunterfallen, aber letztlich bleibt man immer am Boden, was man auch tut, im Wasser ist man im Wasser, an Land auf Lehm oder Ton, Sand oder Stein, aber immer bleibt man drauf, von dieser scheiß Erde kommt man einfach nicht los. Als ich es Matrizia so erzählt hab, hat sie fürchterlich zu lachen angefangen, und wenn ich ohne Manieren gewesen wär, hätt ich aber gewaltsam zurückgelacht, so jedoch hab ich es nur beschämt hingenommen, wie ich, wenn ich ehrlich bin, alles von Matrizia beschämt hinnehme, ihre ganze ominöse Existenz, ihr komisches Aufderweltsein, das man ja keinem Menschen erklären kann. Sascha Kasun, er handelt mit Wachsbrüsten, hat mich, als wir Kinder waren, unschuldig, rein, unbefleckt vom Schmutz diverser Einsichten, am Dan pobjede vor der Kirche mit ihr bekannt gemacht, und eines Tages werd ich ihm dafür mächtig eins drüberziehen, oder ihm danken, weiß noch nicht, wahrscheinlich beides. Warum willst du von der Erde los? fragte Matrizia, als sie vom Lachen ermüdet war und mir meine Krawatte zurechtrückte, während wir insgesamt wie Vogelscheuchen auf der Trauerfeier von dem kurac Jano Juskowiak herumstanden, der übrigens auch ein paar Lieder für Matrizia geschrieben hat, aber ziemlich üble, wenn man mich fragt, irgendwas mit Baby, Baby und sie soll ihn halt lieben und so was. Ihn hat sie auch ausgelacht, stell ich mir vor, aber möglich auch, dass sie ihn rangelassen hat, kann immer beides bei ihr sein, sie ist für einen wie mich nicht einzuschätzen. Aber, bei Gott, wenn sie ihn rangelassen hat, beschimpf ich ihn so böse am Grab, dass er noch im Sarg aus der Nase furzt. Um Matrizia, sag ich ehrlich, würde meine Rüge einen großen Bogen machen, aber die pička Jano würde sie mit aller Wucht treffen, denn, ganz ehrlich, so ein Hurenbock wie er musste doch klar einsehen, dass eine wie Matrizia nicht seine verdammte Liga ist. Und solche wie sie, so die richtig Krassen, die wissen ja meist nicht, dass sie die Krassen sind und lassen sich auf gewöhnliche Mutterficker wie Jano Juskowiak ein, obwohl sie’s besser haben könnten, und ich mein gar nicht mit mir oder einem, der mit mir vergleichbar wär, sondern so Zuckerweiber wie Matrizia könnten sich eigentlich nur mit Gott oder schlimmstenfalls mit Engeln einlassen, das ist so die Liga, von der man bei ihr reden muss. Im Lichte heutiger Erkenntnisse und unter Zuhilfenahme mathematischer Methoden kann man wohl sagen, sie ist selber ein Engel, aber eben ein komplett kaputter, drumrum wie eine heilige Matrjoschka, aber innen drin mega zerfurcht wie von Panzern usw, insgesamt eben ein Mensch aus unserer Gegend. Und diese Menschen sind entweder kaputte Engel oder leuchtende Dämonen, und, klar, es gibt bei Matrizia schon auch Indizien für letzteres, aber wenn einem ein Mensch einmal die Krawatte gefestigt hat, kann man von ihm nicht reden wie von einem scheiß Dämon, das gehört sich nicht. Und dann hab ich halt gesagt, bisschen versunken, aber schon auch auf seriös: Ich kleb an der Erde wie ein Magnet, aber Magneten sind nicht frei und ich – jetzt bleib doch mal ernst – habe überhaupt nur eine Zukunft, wenn ich – was soll denn das jetzt – frei bin, und da hat sie sich vor Prusten kaum halten können, hat sich gekrümmt, sag ich, als hätt sie sich um einen unsichtbaren Ball aus Spott und Hohn gewölbt, und ihren insgesamt ziemlich spektakulären Bauch hat sie gehalten und mich, als sie wieder Luft bekam, eine Ulknudel genannt, als wär ich der Letzte, den sie ranlassen würd. Und so kann man mit mir nicht reden, wirklich, da musste ich mit vollem Ernst dazwischengehen, musste ein Machtwort sprechen, aber, klar, keinen Ton hab ich gesagt, beschämt hingenommen hab ich’s, wie immer, wie alles.
Wenn man Sascha Kasun zufällig auftreibt, und anders als zufällig ist es nie möglich, aber das hat er mit Matrizia und all den andern aus unsrer Gegend gemein, hat er immer seinen Saurüden an der Leine, einen gierigen Scherenschleifer, der dich schon an der Wade hat, während du noch am Grußwort überlegst, denn man darf seinen Gruß nicht bedenkenlos formulieren und gewohnheitsmäßige Grüße verteilt man hier nicht, man muss im Voraus genau abklären, was der Gruß über einen selber verrät, und Sascha ist ziemlich gut darin, gleich am Gruß zu erkennen, ob einer was will, ob einer ihm was Gutes oder was Schlechtes will, was eben so sein Anliegen ist. Herzlich braucht man ihm gar nicht zu kommen, denn weil er selber kein Herz hat, hält er Herzlichkeit eh nur für Schwindel, und wenn Sascha einen Schwindel wittert, kannst du mit seiner Töle reden, weiter vor lässt er dich nicht. Auf militärische Grüße ist er allergisch, und als ich ihm einen Namen abluchsen wollte, musste ich beiläufig tun, knapp, kalt & kurz, als wär ich nicht auf ihn angewiesen, auch wenn jeder in unsrer Gegend mindestens einmal im Leben auf Sascha Kasun angewiesen ist. Anđelko, ob ihm der Name bekannt sei, schon mal begegnet irgendwo, wie nebenher hab ich’s gefragt, und Sascha hat den Kopf geschüttelt, aber Kann sein genuschelt, das war verräterisch. Ich achte auf diese Dinge, ich schau mir bei jedem genau an, was sein Mund sagt und was sein Körper, das hab ich in einer Doku gesehen über Galina Mistrovich, der großen Detektivin, die es aus unsrer Gegend rausgeschafft hat, aber nicht tot wie die andern, sondern als große Nummer, mit ihrer Lupe linst sie den Mächtigen unter Mantel und Rockzipfel, wenn man versteht. Nachname, hat Sascha mehr befohlen als gefragt, aber den kannt ich nicht, hab nur mit den Schultern gezuckt, das Gesicht verzogen. Woher solle er irgendeinen Anđelko kennen, hat er gesagt, auf Anhieb sage ihm dieser Engel gar nichts, ob ich vielleicht den Kos meine oder den Andrejević, und ich hab gemeint, ob er hier vielleicht eine Schippe sehe, und er, Weit und breit keine Schippe, was diese Scheißfrage solle, und ich, er solle mich nicht auf eine Schippe nehmen, die er nicht bei der Hand habe. Einfach damit wir uns direkt verstehen, dass keine Missverständnisse zwischen uns herrschen, dass er gleich weiß, mit mir treibt man diese Späße nicht, ich bin da bisschen empfindlich. Und seine Kacktöle hat direkt rumgeknurrt, als hätt ich sein Herrchen mit ’ner Flasche Pisse übergossen, aber das hatt ich mir fürs nächste Leben aufgehoben, das wird schon kommen, erst mal wollt ich ja was von ihm, also ruhig bleiben, dacht ich. Wir standen vorm Schrottplatz zwischen Industrie und Forst und ich hab meinen Mantelkragen hochgestellt, weil der Wind da wie der Schnitter persönlich rumpfeift. Ist so ’ne kahle Stelle, nirgends gegen Natur abgeschirmt, und wenn man ein Penner wär oder ein Waschbär, könnt man sich in einen der rostigen Container legen zu den Katalysatoren und dem ganzen scheiß Metall und sich den Bauch mit Müll vollschlagen oder sich mit dem Nichts anfreunden oder schlummern, bis man für alle Zeiten ausgeschlafen ist. Probier’s mal im Manastir, hat Sascha dann gemurmelt, als würd er eine gute Tat vollbringen, und sich abgedreht, was mein Stichwort zum Abflug war.
Aber bevor ich dieser Spur hier narrativ nachstapfe, einzweidreivier Worte zu mir selbst und meiner Absicht, überhaupt irgendwen zu behelligen mit diesem Firlefanz: Nach einem Recherchesprung ins kalte Wasser, d.h. in die Untiefen der gemeinsten Gerüchte auf unseren Straßen, heiße ich Volomir Wundt, wovon mir elend ist, denn ein Name verhindert, mich vor andern geheim zu machen, was ein Trumpf gewesen wäre in meiner Suche nach Anđelko, den klapprigen Andeutungen meiner Mandanten zufolge der Wasserkopf einer prächtigen Verschwörung. Besser wär nur ein Name von besonderem Klang gewesen, von ehernem Prestige, aber bei meinem klingelt nichts, nicht mal ich selber fühl was in mir anschwellen, wenn einer ihn ruft. Mit Ausnahme, klar, von Matrizia, aber auch zwischen uns ist mein Name ohne Nimbus, nämlich bloß die Leine, an der sie mich durch die Sphären der menschlichen Irrtümer führt. Das sind so die groben Fakten, mal was Handfestes in einer sonst nebulösen Geschichte. Handloseres beträfe bloß meinen porösen Charakter, von dem alles und nichts abhängt, das heißt: alles, was mich betrifft – nichts, was die Welt betrifft. Die Auswirkungslosigkeit meiner Existenz, einer Existenz, die nicht zum Resümee verlockt, ist auf eine Art also das Beste, auf andere Art das Schlechteste, was man von ihr sagen kann. Aber warum gerade sie sich eignen sollte, einen Halunken zu detektieren Ganoven ausfindig zu machen, ist mir schleierhaft. Aber warum nicht, zumal vor der Drohkulisse kulturloser Marterungen.
Und zu diesem Behufe, d.h. Zweck suchte ich das Manastir auf. Ein Schönheitssalon, Kloster genannt, weil ihn nur Mönche und Nonnen frequentieren, darunter auch welche im Zeugenschutzprogramm. Mit leicht zusammengezogenen Augen harrte ich einen Moment davor aus. Das elektrische Licht, das den Raum bis in die letzte Fuge aggressiv erhellte und noch verstärkt wurde von den weißgekachelten Wänden, an denen links und rechts jeweils ein riesiger Spiegel keine Nischen visueller Enthaltsamkeit erlaubt, wirkte tendenziell ausladend auf mein licht- und auch sonst scheues Wesen. Überhaupt hat die Anmutung des Ladens keinen verführerischen Reiz auf mich, schon draußen nicht, wo auf beiden Fenstern, neben dem Eingang, in pinken Lettern und der Schriftart Pristina Beauty for Bösewichte angebracht ist. Als ich dann doch eintrat, wie ein Fronthund, der den feindlichen Panzern entgegenkraucht, sah ich gleich drei aus besagtem Programm in einer Reihe auf den Liegestühlen links neben der Tür, die umgehend bimmelt, wenn man sie öffnet: eine ehemalige Heimleiterin (jetzt Gordana Gujic), eine ehemalige Försterin (Besima Babic) & Bucky Burston (Esad Nussbaum), der als einziger von ihnen, als die Klingel erscholl, seinen Kopf nervös zur Tür wandte, obwohl er mit den blassen Gurkenscheiben auf den Augen eh nichts sehen konnte. Alle drei knabberten frittierte Hasenfüße, eine Spezialität in unserer Gegend. Ohne sie weiter zu beachten, trapste ich direkt ins Hinterzimmer, in dem auch OPs vorgenommen werden, auf Selbstbeteiligungsbasis, versteht sich. Es war abgedunkelt, so ungefähr, nur durch ein kleines schmales Fenster, hinten unter der Decke, wie man es aus Kellern kennt, schimmerte die verschmutzte Version von gedecktem Tageslicht hindurch. Anđeo, brümmelte ich durchs Zimmer wie auf einen Freund hin, du unverzwickte, reine Seele, are you there? Aber die Gestalt auf der Behandlungsliege, mit einem Lappen oder einem mickrigen Handtuch auf dem Gesicht, zuckte mit keinem Nerv, und das konnte nur Franjo Osman sein, unsere austriakische Wüstlingsfratze mit einer Seele aus Kupfer und Blei, der würde sich nicht mal rühren, wenn man ihm mit einem Bajonett an den Eiern schabte. Möglich auch, es war Lazar Biskup, der mich nicht verstanden hat, er ist mit meinem dialektalen Vielerlei aus Torlakischem, Ekavischem & Štokavischem nicht vertraut, und weil er’s nicht kapiert, verachtet er’s und lernt’s erst gar nicht, eben ein ästhesiologischer Hurenbock, der weiters in unsrer Gegend keine Funktion hätte, würd ihm die Gegend nicht insgesamt gehören und so. Fortan schlich ich durch diverse Flure und Geheimgänge und befand mich unversehens im Büro des Direktors. Aus Ehrfurcht vor seinem Identitätsproblem hat sich Blagoje Bašić diese alberne Tarnbezeichnung selbst gegeben, und sein Büro ist die Abstellkammer des Salons, denn er ist verflucht noch mal der Hausmeister von dem Laden. Kennst du einen Anđelko, hab ich ihn gefragt, als würd ich ihn um ’nen Tschick anhauen, weißt du, wo ich ihn finde? Ich war so ca. in gereizter Stimmung, die Suche nach dem Jungen hatte mich abdominal gestresst, und Blagojes einfältige reaction war nicht nach meinem Geschmack: Anđelko, das klinge ihm wie ein Lasso aus Lauten, das meine Sehnsucht auswerfe, um Liebe einzufangen, und da hätt ich ihm am liebsten schon eine verpasst, aber in der scheißheiligen Transition vom Jungvölkischen zum Erwerbslebemann habe ich mir abgewöhnt, anderer Leute faziale Front via Fäustling zu imprägnieren, bevor nicht das Abenteuer Informationsbeschaffung restlos absolviert wurde, stattdessen habe ich die Kunst der Insistenz auf ein nie dagewesenes Level gehoben und noch mal nachgehakt: Ob dieser Name nicht vielleicht hier & da mal sein Trommelfell gekratzt habe, beiläufig nur, unpriorisiert, und er stützte sich an seinen Besen, die gelbblaue Zipjacke überm weißen Unterhemd, und murmelte diesen Namen immer wieder verträumt vor sich her, Anđelko, Anđelko, nein, habe er nie gehört. Ich schnaubte und sah verdrießlich drein, was für Blagoje wohl unerheblich war, denn da er selber an nichts leidet, kann er’s auch keinem andern ansehen. Aber Vova, fragte er mich, ob du nicht doch etwas anderes suchst, die Liebe, die Leidenschaft, die Kohabitation? Und wieder wollt ich ihm eins dreschen, aber dann war ich plötzlich gerührt: in diesem scheißengen Raum, aufgehitzt von der Dramatik der letzten Jahrhunderte, wo der Schweiß an mir herunterlief wie an einem Tropfstein, nahm dieser verdeppte Blagoje jede Prügel in Kauf, nur um mir sein Lebensthema aufzutischen; das hatte Respekt verdient, und daher küsste ich seine Stirn und zischte rasch wieder raus, directly zum opening room, und als die Türschelle läutete, schnäuzte Gordana Gujic, an deren Philtrum eben das Rasiermesser angesetzt wurde, in ihre schwarzweiße Kutte, was ihr Besima Babic, Opfer ihrer Spiegelneuronen, gleich nachtat.
Ich muss ein Wort zur Rasanz anbringen, u.a. einer Geschichte, die sich aus der Engführung von Plot & Gefühlswelt ergibt, aber ich kann diese Rasanz nicht erzeugen, meine ganze Natur spricht Bände von bangen Gedichten dagegen, summa summarum bin ich ein unrasanter Typ, leicht ablenkbar, von umländischen Reizen stantape verführbar, und wenn auch dieser rührselige Hohlkopf Blagoje fehl in der Annahme ging, Anđelko sei die Chiffre unbewältigter Passionen, so macht mich die Erinnerung an seine speculatio amoris doch sentimental genug, um in einer narrotologisch unraffinierten Erzählsiesta ein paar Ehrenworte über Matrizia abzufassen. Man kann nur in dubioser Absicht von Liebe reden, wenn dieselbe das Letzte ist, woran der Frau gelegen ist, es sei denn man meint eine Liebe von mehr geschwisterlicher Art, nach der ich bloß der Dalk wäre, dem sich Matrizia, die selber überhaupt nicht nach Liebe Ausschau hält, als Samariterin dartut. Herab lässt sie sich und tut doch bei jedem Kontakt mit einem Unwürdigen so, als bewege sie sich hinan zu ihm. Denn das Wenige hab ich meiner Erblindung in Sachen Matrizia zum Trotz durchschaut, dass sie von ihrer menschlichen Extravaganz keinen Schimmer hat, dass sie einen lebhaft vergesslichen Umgang mit ihrer biologischen Beispiellosigkeit pflegt, dass sie verblüffend unbeeindruckt ist von ihrer phänomenologischen Exklusivität, sie bildet ihre eigene monophyletische Rubrik, eine unikale Klade, und gibt einen Pfifferling drauf; auf so ein eigentümliches Geschöpf muss die Natur erst mal kommen! Und die Natur kommt ja auf nichts, was nicht nötig ist, sie schafft ja das Einmalige und Neue nur, wenn es unentbehrlich ist, und wenn man sich in unserer Gegend umschaut, dann ist all das Miese und Gemeine und mit den Gesetzen kosmischer Schönheit Unvereinbare, in dessen Schoß die geschmackvoll proportionierte Matrizia als Allerletzte hätte fallen dürfen, der unumstößliche Beweis für die physikalische und soziale Notwendigkeit ihrer Existenz. Wie, verflucht, konnte sie nur Jano Juskowiak ranlassen! Gut, gut, wer weiß schon, aber warum sonst soll er gestorben sein? Dieser Hurenbock hat genau gewusst, was Bessres kommt nicht mehr, in keiner Hinsicht, er hat in Himmelsschaum gelangt und sich mit eingerieben, das war’s, mehr ist nicht drin, alles ab jetzt ist nur noch Sterben. Ich bin da von anderer Konstitution, wenn Matrizia mich ranließe, würd ich mich nicht wegmachen, العكس تماما, jeden einzelnen verbleibenden Moment würd ich mich an diesem Dusel delektieren, am Glück mit Matrizia Maltempo, der Hohepriesterin anti-imperialer Finzlinge und Krämer, die ihre Kleidung kompiliert wie das Kol Nidre, als Refus aller beiläufigen Schwüre, alles inzident Beeideten, als Forfait aller Bannungen, die selbst von einem Geist wie Matrizias einmal ausgegangen sein könnten. Jeder Rock und jede Hose, jedes Shirt und jedes Kleid an ihr ist eine Abfuhr ans Unernstgemeinte, das man einst mit Ernst gemeint zu haben meinte, so ungefähr. Und wie kultiviert sie den Balken über der Sickergrube erklimmt und wie edel sie hierbei die Anwesenheit eines von ihrer Nonchalance verreizten Lausers hinnimmt, ja, wie verträglich sie überhaupt mit dem Einriss des Absurden ins Gewöhnliche umgeht, daran würd ich mich allen folgenden Lebtag laben. Jano Juskowiak hat das, zu meiner Gleichgültigkeit, anders gehandhabt, und übrigens hat er sich nicht ausdrücklich weggemacht, er wurde in den Karpaten von einem Heuballen erfasst und rollte gut tausend Meter hinab vor einen dösenden Luchs, der den benommenen Jano über einige Stunden hinweg konsumierte.
Vom Kloster weg ging ich die Laktische Meile, dem einzigen Straßenabschnitt in unserer Gegend mit Bodenmarkierung (der Legende nach nahm die laktierende Asja Daskalov infolge einer Totgeburt auf diesem Weg ihre letzten Schritte, bis sie von Gott heimgeholt wurde), zur Rennstrecke, einem schmalen Schotterkurs unweit der Stadt, umsäumt von welken Stauden und sonst präriehafter Weite, an dem eben eine Fernsehshow produziert wurde (Arbeitstitel: Tote für Quote) – Häftlinge, die gegeneinander Rennen in aufgepimpten Seifenkisten fuhren, ausgestattet mit Lanzen und Flammenwerfern. Manche waren in Freiheit Fluchtwagenfahrer gewesen, andere nur gewöhnliche Schlächter, und gewinnen sollte nicht, wer als Erster, sondern wer als Einziger ins Ziel käme. Die Produzenten nahmen in der Konzeption der Show besondere Rücksicht auf die Sehgewohnheiten der Bevölkerung, es war alles abgestimmt auf ihre Vorlieben. Am Absperrzaun, hinter dem eine beträchtliche Anzahl johlender Schaulustiger dem Treiben auf der Strecke folgte, hielt ich Ausschau nach dem Dompteur, wie der Apotheker Humbert Holm vor allem deshalb genannt wird, weil er sämtliche Schurken unserer Gegend medikativ nach seiner Pfeife tanzen lassen kann, wovon er aber nur im Notfall Gebrauch macht, da er ansonst ein Mann ohne Herrscherdrang ist. Jedenfalls sind ihm wohl alle möglichen Gauner im Umkreis von Hunderten Pariser Linien so ungefähr geläufig, warum nicht auch Anđelko. Erkannt habe ich ihn an seinem konischen Tschako und dem heckflossenartig geschnittenen Schnauzer, den er, während Adim Kovac der Vierfingrige Entbeiner mit ausgestreckter Lanze in Nusret Terzics Spanten raste, angespannt zwirbelte. Puis-je me renseigner auprès de vous, cher monsieur ? Beim Dompteur begebe ich mich gern ins Vornehme, eine verfestigte Laune meinerseits in Gegenwart von Herren in Dreiteilern und verzierten Budapestern, und diese feine Artikulation hob ihn bei Fuß aus seiner Versunkenheit, die ihn eben noch als kritischen Connaisseur der gehobenen Knallchargerie erahnen ließ. Bitte? fragte er so verwundert, als könne er sich nicht an seine Existenz erinnern, geschweige denn an mich und meine gesuchte Art der mündlichen Zuwendung. Ob ich ihm wohl mit einer harmlosen Frage zusetzen dürfe, antwortete ich in meinem einstudierten Verhaltenshybrid aus unterwürfig & fidel. Nach einer Phase der kommunikativen Metamorphose einigten wir uns auf ein knappes Gespräch abseits des Getöses. Unter der einzigen Birke weit und breit, in Sichtweite der Rennstrecke, fanden wir die adäquate floristische Bettung für einen informativen Gedankenaustausch. Machen Sie rasch, was wollen Sie? Wie abgelenkt von einem Ereignis historischen Ausmaßes sah er an mir vorüber auf die Attacken der Nuckelpinnen und zwirbelte, nun bereits nicht mehr nur angespannt, vielmehr im Ansatz gereizt, sein Schnäuzerchen. Ich sei beauftragt, gab ich mich diplomatisch, im Auftrage meiner Auftraggeber, die mir Folgendes aufzutragen die nötige institutionelle Tragweite aufwiesen, das gesellschaftliche Geröll abzutragen, in dessen Nischen ein Gesuchter sich verberge. Hiernach leckte ich mir die Lippen feucht, die über so viel rhetorische Anlage beinah ausgetrocknet waren. Was reden Sie da, drücken Sie sich deutlich aus! Dem noblen Herr stand offenkundig nicht der Sinn nach sprachlichen Geheimgängen, er scharrte dezent mit den Füßen, grummelte unüberhörbar, ihm war gewaltig nach freier Rede und die sollte ich ihm nicht versagen. Ich suche Anđelko, Nachname unbekannt, kennen Sie ihn? Und auf der Stelle blitzte seine linke Augenbraue in die Höhe, derweil er den Trubel der Arrestanten nicht aus dem Blick verlor. Mir war, als sei ich auf ein Minchen getreten. Dem Herr ist der Name vertraut? fragte ich feinfühlig. Er kenne mancherlei Engel, gab er seelisch abgetönt zur Auskunft, aber doch wohl nur wenige, nach denen klandestin gefahndet würde. Vielleicht sogar nur einen, setzte er nach, von seiner Verblüffung zu einer weitreichenden Auskunft verleitet. Einen Ort zu Anđelkos dinglicher Auffindung wisse er indes nicht zu benennen. Im Nest solle ich nach ihm fragen, dort habe der eine oder andere, den er freilich auch nicht benamen könne, womöglich schon Notiz von ihm genommen. Und ohne ein übliches Wort der sozialen Abspaltung ließ er mich an der Birke stehen und trabte in gesetztem Schritt wieder vor zum Streckenrand. Als er außer Hörweite war, trat ich aus einer kindlichen Laune einige Male gegen einen exkavierten Wurzelstock und genoss das Gefühl der abfedernden Schuhspitze.
Belastet vom rüden Binnenklima eines je von sich selbst beschämten Ichs habe ich in den unzähligen Perioden der Selbst- & Weltfindung verschiedentliche Auffassungen vom Sosein der Dinge favorisiert, mal mehr, mal weniger konsistente Weltbilder, vorgeladen aus allen Dimensionen, aus denen ein menschlicher Geist sich bereichern kann, Mode-Kolumnen, Talkshows, Podcasts, Podiumsdiskussionen, Flaschenposten, Höhlenmalereien, Ted Talks, Gesprächen mit bürgerlich untadeligen wie geradezu anti-bürgerlichen, auf die eine oder andere Weise nahezu restlos heruntergekommenen Menschen oder eben, lieber gehört als gelesen, Reddit-Threads, bis mir eines Tages aufgegangen ist, dass die verlockendsten Weltbilder immer auch die schlichtesten und, nach meinem Eindruck, die falschesten sind. Und ein Weltbild gibt es, das im Besonderen von dieser Einsicht zeugt, ein Weltbild, das so überzeugend tönt, dass man meint, es brauche nicht mehr als einen einzigen Satz, um sich vollendet auszudrücken – es lautet: Alles hängt mit allem zusammen. Was für ein famoser, was für ein verlogener Satz! Mag schon sein, im kosmologischen Sinne, alles hänge miteinander zusammen, sei auf die eine oder andere Weise, offenkundig oder verborgen, miteinander verquickt, und mag auch sein, nur weil eine Aussage über die Welt meinen Verstand übersteigt oder sich mit meiner Intuition nicht deckt, dass sie dennoch treffend ist. Aber dann ist es nur eine Aussage, von der kundige Leute sagen können, ob sie richtig ist oder falsch. Um jedoch als Weltbild zu taugen, muss sie wohl oder übel von meinem privaten Welteindruck gestillt sein, altmodischer gesagt: von meinem Lebensgefühl, das nicht verlässlich nach der einen wie der andern Seite abkippt, ins Richtige oder Falsche, naopak, in seinem Bannkreis hebt sich das Genre der Logik schlussendlich auf, aber was bleibt, was immer besteht, ist die Gegebenheit der Welt auf die eine oder andere Weise, ein beinah theologisches Es ist so, in dem das Vage das Absolute und das Absolute immer vage ist. Und ich denke die Welt weder in Parzellen noch in toto, oder: ich denke sie durchaus in Parzellen, fühle aber ihr Verhältnis zum Größeren, in das sie eingefasst sind. Und mir scheint es mittlerweile verlockender, zufällige Daseinseindrücke in Worten zu festigen, die wie Polaroids funktionieren, sprachliche Schnappschüsse eines mittelmäßig aufmerksamen Geistes. Und wenn mir am Endes meines Lebens, d.h. dieser Geschichte, einige treffliche Bemerkungen geglückt sind, scheine ich weiter vorgedrungen zu sein zum fallweise dubiosen, fallweise herrlichen Geheimnis des Lebens, das vielleicht gar keines ist, als wenn ich jeden absonderlichen Einfall abgetan hätte mit dem schnöden Scheißsatz: Alles hängt mit allem zusammen. Ich wär gern ein Vogel, aber ich bin keiner. Von droben seh ich gar nichts. Kann nichts aus der Weite fassen. Und wenn ich jetzt gleich vom Nest erzähle, dem nicht einzigen, aber einzig bedeutsamen Club in unserer Gegend, dann geschieht das in diesem Sinne.
Das Nest, eingetütet in eine dinarische Hütte, vor der letzten Zeitenwende eine Bibliothek, ist ein Club oder, in der Sprache früherer Generationen, eine Disko, die nach den Maßstäben zwar nicht der übrigen Welt, aber wohl denen unserer Gegend durch keine besondere Aufmachung besticht. Was einen direkt frappiert, noch bevor einem die Lage auch nur schummrig vor Augen ist, bevor man nur die Bühne oder die Theke gesehen hat, ist dieser fürchterliche Gestank, schon beim Eingang, den man allerdings noch Tage später in der Nase hat. Beinah etwas süßlich, aber unbedingt verdorben, wie von einem fauligen Apfel her, mit dem unleugbaren Aroma von einsetzender Verwesung. Das Bild einer geröstet werdenden Schildkröte mag der Vorstellung vielleicht eher beihelfen. Und während man sich gerade so mit diesem Gestank arrangiert, indem man sich rezeptiv totstellt oder ihn als Odeur einer paradiesischen Kräuterwiese verklärt, kämpft man sich schon durch die dicht gedrängte, ihr Leben runtergammelnde Meute, hangelt sich an verschwitzten Schultern, strassbesetzten Handtäschchen und ausfallenden Ellbogen, an piekfein gestriegelten Toupets und tatöwierten Unterarmen vorbei zur Bar. Im Nest tummeln sich Menschen, die in ihren teils kantigen, teils welligen Motionen die Ambition zur Highperformance verkörpern, aber in ihrem Leben doch nie weiter aus ihrer Krätzerjauche gekommen sind als hinein ins Nest. Als hätten sie sich alle immer wieder vorgenommen, der hiesigen Tunke zu entfliehen, ein für allemal Schluss zu machen mit dieser Gegend, und als hätten sie in Fühlweite der Grenze, wie traurig-heilige Pijanci, immer wieder schlapp gemacht. Als hätte die Einkehr ins Nest der letzte Bogen sein sollen, den sie vor der Flucht aus dem Niemandsland nehmen wollten. Denn im Nest, ganz wie ein Trinker auf dem ersten Suffgipfel, fühlen sich alle groß und bedeutsam, als hinge wirklich was von ihnen ab, vielleicht die gesamte Gegend, mindestens aber ihr Leben. In Wahrheit haben sie es sich bequem gemacht, haben sich häuslich eingerichtet in ihrer holotischen Nichtigkeit, und der ganze Zirkus im Nest ist weiter nichts als eine affektierte Flaute, das bitterste Begängnis im Hohlraum interstellarer Èvènements.
Am zerkratzten Tresen, an dem ich mich auf meine gekreuzten Unterarme stützte, zwinkerte mir die greisenhafte Bardame zu, als wüsste sie schon, was ich gleich bestellen würde, und natürlich wusste sie das, aber aus Trotz bestellte ich keinen Kakao, sondern einen Martini. Den hätte ich von einem Gin oder einem Tokajer nicht unterscheiden können, für mich ist alles, was Alkohol ist, einfach Alkohol, alles dieselbe beizende Pisse. Ich trank nur, um mir im vollen Nest keinen Namen von der ungünstigen Sorte zu machen. Als sich die Bardame, die hinreißend unehrwürdige Balalaika Florence Hunnicutt, in ihrem schwarzweißkarierten Rock behäbig zum Flaschenregal wandte, sprang mir die glitzernde Aufschrift ihres Shirt-Rückens ins Auge: „Ich liebe Fell in der Arschritze.“ Es gab Zeiten, da bin ich mit diesem Satz ins Bett gegangen und wieder aufgestanden, bin mit ihm eingeschlafen, bin mit ihm aufgewacht, war ich eins mit ihm in den urinsteinernen Ären der Kupidität, dem kannibalischsten, also rechtschaffensten Säkulum unserer Gegend – mais c’est du passé, vraiment du passé. Während ich das Glas an meinen Mund hob, drehte ich mich zur mehr oder weniger bewegten Menge hin, l’immobilité en mouvement, und nippte am Martini, um einem heimlichen Glotzer Versunkenheit vorzutäuschen. Tatsächlich aber musste sich mein Blick zunächst schärfen, musste Einzelne aus der Masse herauskonturieren, und in der Regel klaubt sich das Auge aus ihr fürs Erste die Geläufigen, die das Heimische sonders markant vertreten, zumal unter akustischem Bahöl, der das Trommelfell bestürmt wie die Kaldaunenfresser einst die Bastille. Es stank, es war laut und dunkel, aber im fahlen Zwielicht schimmerte, wie ein roter Lotus auf einer Schutthalde, das schnatze Antlitz Matrizias, wie von innerm Gold ein Widerschein. Wenn es mir auch erst gewahr wurde, nachdem mich beim flüchtigen Anblick ihrer bewegten Schultern ein Gefühl von Nähe überkam, worauf mir aber, innert Sekunden, übel wurde, denn die tätowierte Hand, die sich soeben auf sie legte und die das Motiv der breitbeinigen Maria in Betstellung offenbarte, war gleichsam eine namhafte, die fettig-klebrige, frivole Hand von Pedja Ćosić, die in düsterem Rhythmus pulsierende Urquelle menschlicher Übeltaten, das Fettwanst gewordene Unheil, der Bürger als Bestie, die sich das Unschuldige krallt, um es nichts weiter als zu verderben, aus reiner Gier, jeden Anschein von Unschuld zu vereiteln; das Böse, muss man sagen, an und für sich. Sranje mu izlazi iz nosa, wenn man versteht. Wie zur Verdauung eines Verlusts nahm ich meinen Blick von Matrizia, die sich in der Fummelecke, schräg rechts von der Bar, gerade noch sittlich betatschen und amüsieren ließ, und schwenkte ihn wahllos durchs Nest.
Ich konnte nicht erwarten, Anđelko auf den ersten Blick zu erkennen, ein Wurf meinerseits ins Getümmel war nötig, aber nicht als Granate, vielmehr als Windhauch, den niemand gesondert wahrnahm. Und wie zur Ausgründung eines Muts schoss ich mir den restlichen Martini ins Gemäul, stellte das Glas, ohne mich zu wenden, hinter mir auf dem Tresen ab und wehte mich hinein ins Gewurl, zupfte mich hauchzart an Westen und Arschtaschen voran zum Nabel des Harsts, als wachte dort endlich die Anonymität über das Empfindlichste, die Einlasspforte zu den Mysterien unserer Gegend, dem Theorem für die Auffindbarkeit von Anđelko. Und als ich mich mühsam ins Innerste des verdichteten Distrikts hineingeigelt hatte, löste sich derselbe abrupt auf, stoben die bepinselten Hes, Shes & Theys an die Ränder des Areals, als sei ich durch ein geheimes Warnsystem ertappt worden. Von höllischer Beschämung ergriffen, den brennenden Wunsch nach Auslöschung schon im Schoße, bemerkte ich, wie vom Verdacht poetisch postiert, nämlich in der Bewegung erstarrt, dass dennoch niemand mich erspähte – wie entblößt von aller Schirmung harrte ich aus, zum Abschuss freigegeben, zur sozialen Exekution, und doch nahm mich niemand wahr. War mir nun die endgültige Tarnung gelungen? Hatte ich den Übertrag ins Invisible gemeistert? Weit, weit, weit gefehlt. Das Geäug der Übrigen, und mit ihm jeder weitre Sinn derselben, war zur Bühne gewandt, und erst in diesem Augenblicke, wie ich mit einer altmodischen Vorliebe fürs Dativ-E sagen will, nachdem ich mir vor einigen Zeilen bereits das Oxford-Komma gegönnt und, im Zuge einer unnötigen Reformulierung, wieder gelöscht habe, erst als nun das aggressive Gedudel aus den Lautsprechern erlosch, begriff ich so ganz die nunmehr sich als harmlos outende Lage. Gospe in gospodje, Ladies & Gentlemen, jaulte der untersetzte, dickliche Ansager Veselko Marković ins Mic, begrüßen Sie mit mir und einem please, please stürmischen Aplavz den CHOR DER GERECHTEN, worauf die Bühne von vielzähligen Kinderfüßchen betrippelt wurde, die sich ihrer Größe nach in einer Dreierreihe platzierten, wonach die Gesichter der Kindchen beängstigend stumm und mimenlos ins sich vor ihnen öffnende Rund starrten. Endlich fand ich die Besinnung, mich aus der Mitte desselben, und zwar ebenso hastig wie schleichend, ins hinter mir aufgestellte Publikum einzugliedern. Alle Kinder trugen dasselbe: schwarze Hosen, weiße T-Shirts, und auf allen Shirts prangte ein Buchstabe, aber je anderer, mal ein k, mal ein n, hier ein l, da ein o, hüben ein a, drüben ein e, sie waren wie ein Rätsel platziert, das den Analytiker und Logiker in mir spitzbübisch herausforderte. Und als ich eben meinte, seiner Lösung auf die Schliche zu kommen, erklang ein leises, anschwellendes Stöckeln, bald beinah rhythmisch, und an seinem steifen Bodyshaking mit aufeinandergepressten Lippen, das den Stolz über seinen Eingriff ins Menschliche aussprach, erkannte ich im Eck hinter dem Chor den DJ, die wulstigen Kopfhörer wie ein Triumphbogen überm Schädel, und sogleich ertönte ein mit Ntzntzntzntz unterlegtes Sample, das jedem, der nur ein paar Stunden in dieser Gegend verbracht hatte, gleich der vertrauteste Ton sein musste, Tražim te, Tražim te von unserer heiligen Trobairitz Farida Grbić. Und nachdem es jeden, der in diesem Raum war, wirklich jeden in ein Gefühl der seligen Heimeligkeit versetzt hatte, flammte der Chor auf, und aus vergoldeten Kehlen läutete der träumerische Text: Hinter den Karpaten, hinter den grünen Kämmen, im morschen Beiboot der Schande, machst du dich auf und davon, tražim te, tražim te … oh, wie konnte ein Mensch, dessen Herz wenigstens einen aufrichtigen Schlag pro Woche tat, verschont werden von der tragischen Wucht dieser Verse, chauffiert von diesen geleckten, von aller Verderbnis unvermischten Stimmen, wie konnte nur ein Mensch sich nicht ergriffen an die Brust fassen, derweil das andere Händchen scheu die Augen wischt, wie konnte – nur einer! – aber um mich her reckten alle ihre Brachia, filmten, fotografierten, als hausten sie nur einer weiteren Darbietung unter tausend andern bei, keiner von ihnen auch nur annähernd animalisch erschüttert wie ich, keiner bestürzt von der Einkehr des Himmlischen in unser Nest.
Infolge der abhuschenden Yeladim erklomm Veselko Marković erneut das magere Bühnchen, mit derselben schmierigen Grimasse wie ehedem, Akklamieren Sie den kleinen Engeln, die uns vom Schönsten wie vom Traurigsten sangen, und cheißen Sie nun mit vergleichbarer Verve die wunderbare, in ihrer Art einzige Teja Kolar willkommen, und schon brandete weniger Applaus als vielmehr unziemliches Gejohle auf, es tönte so fanatisch aus allen Trielen, als randalierten zwanzigtausend Schwänze in ihnen, Sie wird einige bewegende Liederchen aus ihrem New Album Eklektisches Rauschen zur Begutachtung preisgeben, und da faltete sich die krakeelende Bagage bereits wieder zum Pulk auf dem Dancefloor zusammen, Let’s gooououououou, und als der Hurenbock Veselko abtrat, glitt die wahrlich zarte Teja aus dem Dunkel ins Licht vor zum Microphone, der DJ mischte sein Ntzntzntzntz mit einem neuen Sample und ich schmolz mich aus der Menge heraus ins dunkle Eck zwischen Bühne und Bar, halb noch aufgewühlt, halb längst schon erschöpft, summa summarum grundlos perplex, linste vom braunen Ledersofa, das außer mir niemand bestieg, in die aufgeheizte Crowd und fühlte mich, als sei mir eben was entgangen, was wie auf dem Präsentierteller vor mir ausgebreitet lag, ein Hinweis für meine investigative Expedition, ein praktikables Indiz, ein Wink aus dem Jenseits, und wie zur Synchronisierung von Body & Soul tasteten meine Hände, während ich stumm Tražim te, tražim te summte, ebenso schaffig wie ratlos die Sofalehne ab, irgendwas musste ich verpennt haben, irgendwas war durch die losen Maschen meines unlüsternen Geistes geschlüpft, und als ich mich schon gemütsmäßig aufgeschmissen fühlte wie eine Henne, in deren Nest sich eine seelenvolle Katze auf ihre Eier legt, fasste meine linke Hand etwas leicht unter der Sofalehne, was sowohl Hartes wie Weiches, und aufgeputscht von der Anmutung einer Entdeckung grabbelte ich es wüst aus der Klemmung und hielt es mir teils gerührt, teils verzagt, summa summarum unschlüssig vor Augen: ein Buch.
Wahrscheinlich ein Relikt aus früherer Zeit, übersehen beim Umbau. Warten auf Godot, der Titel sagte mir nichts, und nach Reinlesen war mir auch nicht, ich hatte genug vom Warten, zu viele Etappen meines Lebens hatten aus nichts als Warterei bestanden, und hätte man mir nicht unter Androhung diverser Barbareien die Suche nach Anđelko aufgebürdet, hätte ich mich ohne Witz noch zum Tod hingewartet. Die absichtslose Verweilung inmitten eines sinnlos bedrängenden Alltags hatte mich in einen motivationalen Engpass geführt; nur im Schlaf hab ich gefunden, wonach meinem Naturell der Sinn stand, oder vielmehr im Traum, in dem ich ohne jede Ermüdung die existenziellsten Adventures absolvierte, denn nur im Traum war ich nie müde, nie mürbe, nie powerless, im Traum versandete nichts, wo mir im Leben, wenn ich wach war, alles versandete. Und jetzt, mit diesem Auftrag, der mir erst als infernalischer Einbruch in meine Grotte voll Nichts erschienen, der mir summa summarum unwillkommen war, weil ich ja nichts wollte, zunächst, als nur mal in Ruhe gelassen zu werden von der verschissen-verfickten, mich pausenlos attackierenden Welt, der aber, sobald ich ihn in mir zuließ, als erlösende Maßnahme Eindruck machte, wollte ich bei Gott nichts weniger als noch das Geringste abzuwarten. Niemals, sagte ich mir, hat irgendein Hurenbock1 einen Vogel beim Warten beobachtet, Vögel warten nicht, sie balzen, sie fressen, sie fliegen, sie füttern, aber sie verweilen nicht. Sie bauen ein verficktes Nest.
Ausseufzend kippte ich das Buch wieder hinters Sofa, und diesmal rutschte es durch bis zum Boden, selbst unter Tejas hitzigen Kantus hörte ich seinen dumpfen Aufprall. Nun fehlte mir aber etwas, ich brauchte was in der Hand, ein volles Glas, eine Zigarette, irgendwas zum Ziehen oder Schlucken, also etwas, das mich beschäftigt aussehen ließ, denn einerseits war es nicht schicklich, tatenlos auf einem Sofa im Nest zu sitzen, so nahm man Leuten einen Platz weg, an dem sie konsumieren könnten, andererseits lud man auf diese Weise unfreiwillig andere ein, sich zu einem zu setzen, weil sich diese Bande von Saatverdammern und Blutschwänzen, genannt Menschheit, nur für lebendig hält, wenn ständig andere um einen sind, also sah ich, weil ich mir weder das eine noch das andere zuführen wollte, weder Stoff noch Mensch, verbissen in die Käsete, blickte mich durch Rümpfe, Hinterköpfe und Gesichter, war aber simultan so fahrig in meiner inneren Haltung, dass mein Blick nirgends konzentriert hängenblieb. Wonach sollte ich auch seriös Ausschau halten? Meinte ich, ein fremdes Gesicht würde auf einmal anđelkoesk dreinschauen? Oder auf eine Weise so verräterisch zucken, dass es zur näheren Befragung anhielt? Mit beiden Händen, wenn auch nicht sehr energisch, kratzte ich seitlich meine Oberschenkel, meine Seele war ins Schlottern verfallen, alles an mir drückte meine heikle Lage aus, summa summarum wurde ich immer nervöser, einmal, weil ich bald jemandem auffallen würde, der mich in Sachen Herumlungern zum Rapport bestellen könnte, aber einmal auch, weil ich bislang ohne ernstzunehmenden Indikator für Anđelkos Standort geblieben war, ich hatte für meine Suche nach ihm nicht das Mindeste im Gepäck. Oder nur diesen Namen, der mir dazu nichts weiter vermittelt hatte. Warum sollte auch jemand gefunden und gefasst werden, der durch nichts als seinen Namen bestach? Man wird, sagte ich mir, schon gewusst haben, weshalb man mir keine übrigen Informationen überließ. Nur weiter herumsitzen durfte ich nicht, ich musste geschäftig bleiben, dauernd in Bewegung, auf die eine oder andere Weise, die mir noch nicht bekannt war, würde sich was ergeben.
Als ich mich wieder reinschob ins Gewühl, schleppte sich Teja Kolar eben schluchzend von der Bühne und ließ sich von Veselko, der beim letzten Ton wie ein Fuchs aus dem Dunkel hervorgesprungen war, die hängende Schulter tätscheln. Die Menge, da ihr nichts anderes einfiel, grunzte frenetisch. Und jetzt darf ich Ihnen, gospe in gospodje, die Gewinner unserer Tombola verkünden, und für einen Augenblick blieb ich stehen, aus bloß einem Impuls heraus, als wäre ich für diesen Moment nur zum Spaß im Nest gewesen, und hörte mir, eingepfercht zwischen größeren und kleineren Menschen, die darüber hinaus keinen relevanten Unterschied zu mir aufzuweisen schienen, die von Veselko im Jubelton titulierten Namen an und war in derselben milden Aufregung, mit der ich Ankündigungen beiwohne, die nicht mich selber, aber sonst irgendjemanden betreffen, der mir noch als Fremdester deshalb nah ist, weil er aus denselben chemischen Verbindungen besteht wie ich. Eine junge hagere djevojka, auf deren Top in Brusthöhe Beastmode stand, ein Rentner mit karierter Schirmmütze, dessen rechte Hand sich auf seinem Gehstock versteifte (wie sein Geist, nahm ich tiefsinnig an, auf seine Erinnerungen), und eine schwangere barfüßige žena mit Dreadlocks traten nacheinander auf die Bühne, als mich plötzlich – und ich meine die Plötzlichkeit hier, wie sie von Dostojewski in die Literatur eingeführt wurde – etwas oder jemand am Arm fasste, und als ich es oder ihn rüde abschütteln wollte, weil mir fremdes Gehäut generell nur aus gewisser Entfernung lieb ist, hörte ich ihre auf berückende Weise zugleich helle wie raue Stimme, Vova, flüsterte sie mir ins Ohr, komm mit, und weniger rausgerissen aus einer freudigen Angelegenheit als eher erlöst durch einen intimen Zwischenfall, folgte ich Matrizia, die mich sanft am Arm hinaus aus der fiebrigen Legion ins dunkle Eck zwischen Bühne und Eingang auf ein rissiges Sofa zog. Schau sie dir nur an, sagte ich zu ihr, als wir uns gesetzt hatten, mit einem Nicken Richtung Grunzbande, stehen da wie versteinerte Leuchtraketen. Matrizia aber schien gar nicht zu hören, unverwandt – oder, auf einer Ebene sozusagen seelischer Motivationen, geradezu eng verwandt – sah sie mich an, mit ihrem leicht verschobenen Grinsen, als meine sie es mit einer ernsten Sache doch nur gut, und dann fiel mein Blick auf ihren Schoß, wohl nicht aus brisantem Ansporn, vielmehr lag ein Buch darin, umschlungen von ihren blassen, signifikant geäderten Händen. Wo hast du das her? – Aus der Sofaritze. Im Titel fahndete ich sekundenlang nach einem Hinweis auf Anđelko: Die Geheimnisse der Weinbrennung, aber darum wollte ich mich später kümmern, erst mal war zweierlei unter einen Hut zu kriegen: jeden von Matrizias annähernd in Schmeckweite getätigten Atemzügen zu genießen und ihr andererseits eine gehörige Standpauke zu halten: Was hast du mit dem Pestfetzen Pedja zu schaffen? gab ich ihr als Einstand in dieselbe mit, fernhalten solle sie sich von diesem djinoyatche, die Nähe zu ihm sei auf Dauer noch niemandem gut bekommen. Ach Vova, seufzte sie und grinste und grinste, ohne ihren Blick von mir zu nehmen, Nein, im Ernst, wollte ich noch einen draufsetzen, aber da legte sie mir ihren Finger auf den Mund. Vova, sagte sie, hör mir zu – und da nahm sie zum ersten Mal ihren Blick von mir, besah sich, als müsste sie sich absichern, die Gefilde um uns und griff dann steif, beinah eisern meine Hand – Man redet über dich, Vova, sagt, du suchest jemanden, und ich zog meine Augenbrauen hoch (der Absicht nach nur die rechte, aber die linke zog mit, ich kann sie nicht separat steuern), Ich bitte dich, hör auf, ja? Lass es sein, und dann peilte ihr Blick den meinen wie eine Strenggläubige an, aber ihre Warnung oder was immer das war, ihrem Ton nach ein jenseitiger Ratschlag an einen Dummkopf, schürte erst so recht wieder das Feuer, das nach dem Fiasko im andern Eck annähernd verglimmt war in mir, Was ist los, fragte ich, was soll denn sein, aber sie – oh, ich habe die für die Immersion ganz und gar notwendige Beschreibung ihres Äußren, ihrer Kleidung usw. vergessen, kurzum: 120cm groß, jedenfalls sitzend, im Stand hab ich sie nie abgemessen, mal kleiner, mal größer als ich, je nach Laune der Quanten, die uns allaugenblicklich neu anordnen, Haare blond oder brünett, ich hab leider kein Foto von ihr, und getragen hat sie an jenem Abend im Nest eine Komposition unserer großen heimischen Modeschöpferin Julika Padar, ein Stück Stoff hier, ein Stück Stoff da, es sah hinreißend aus – Du kannst ihn nicht finden, flüsterte sie, er ist nicht hier, nur gab sie das in einem Ton von sich, der mir sonst bloß aus düsteren Hörspielen bekannt war, ein Geisterstück, er ist nicht hier, er ist nicht hier, obwohl die Zuhörerin mit bebendem Herzen ahnt, oh, oh, er ist durchaus hier, nur halt nicht in diesseitiger Formation. Aber mein Herz bebt nicht bei solchen Einflüsterungen, es bleibt kühl und tut sein Übriges, d.h. schlagen, denn was ich durchschaue, verwirrt mich nicht, indessen Matrizia – oh, heilige Madonna von Medjugorje! – da kam ja einiges zusammen, da wurd mir rasch blau in der Birne, in Erwartung von innigem Diskurs zur Wartung unsrer Kumpanei wurd ich plötzlich von Suggestionen ominösen Gewebes überrumpelt, also täuschte ich ihr einen Schwindelanfall vor, kreiste meinen Schädel wie von herben Böen durchgeschaukelt, tastete wild nach dem Sofa, als müsse ich mich, anivisiert vom Wahnsinn, eines festen Untergrunds versichern, und wandte mich mit immer langsamer wirbelndem Kopf schielend und mit offenem Mund zuletzt wieder Matrizia zu, deren weicher, besorgter Blick mich unbedarft in Empfang nahm, ihre linke Hand fasste behutsam mein Handgelenk, die rechte kraulte mein abschwellend rotierendes Köpfchen, bis es arglos in ihrem feinen Händchen lag, Vova, flüsterte sie, Vova, mein liebes Vögelchen, aber da hatte mich der Schwindel über meinen Schwindel bereits erfasst, fake it till you make it, und in Matrizias schummrigem Anblick lag – eben nicht was wie Erlösung, ihr Lidschlag mimte gerade nicht die Pforte zum Jenseits, nein, ihr Anblick, der sich vulgär von mir wegdämmerte, während sie mit leicht verkniffenem Gesicht hinaufsah wie zu jemand anderm hin, versprach was Gemeines, näher konnte ich ihn nicht deuten, dann sank ich weg.
Als ich erwachte, flitterte mir der Geruch von Bratwurst ins zuckende Näschen. Meine Schultern räusperten sich, meine Lider blinzelten mich aggressiv in die Wirklichkeit hinein, dann hob ich meinen Kopf. Wie ein Embryo gekrümmt lag ich, meines Mantels entledigt, in sengender Hitze auf dem Tresen eines Foodtrucks. Der blonde Hühne Lirim Hyka stand mit Zangen bewaffnet am Grill und pfiff Tražim te, tražim te. Ich traute meinen Augen immer mehr als meinen sonstigen Sinnen zusammen, aber als ich das Terrain um den Foodtruck inspizierte, d.h. mich umsah, war meine Affäre mit der Realität prompt getrübt; weit und breit nichts, Wüstenei, sandiges, rissiges Gestein, die Ferne visuell identisch mit dem Allernächsten. Gut Morning, Volomir, jubelte Lirim in akzentueller Fasson, Willst ein Würstchen?, aber ich wehrte mit erhobener Hand ab, Wo bin ich, Liridon?, und sein Lächeln war so verräterisch wie nichtssagend: Draußen. Mit den Fingerknöcheln berieb ich die Mulden meiner Augenhöhlen, erst zur Entlastung, dann genießerisch, bis es leicht brannte. Ich muss ins Nest, Lirim; wie? – Kannst meinen Esel nehmen, sagte er, als gebe er einen aus, steht hinterm Truck. Bevor ich abritt, genehmigten wir uns, derweil ich die Beine vom Tresen baumeln ließ, ein bisschen Konversation, Kindheitserinnerungen, musikalische Vorbilder, Frauen, na, tut hier nichts zur Sache. Wer hat mich hier abgelegt, fragte ich zuletzt. Einer von Pedjas Bulldozern brachte dich her, im Leichenwagen, hob dich auf den Tresen; dann sagte er was Komisches: E n d e – weißt, was er meinte? Aber ich hatte keinen Schimmer; welches Ende, meines? das meiner Fahndung nach Anđelko? Jetzt musste ich umso dringender ins Nest. Dort hatte alles angefangen, dort würde alles enden, zitierte ich sinn- und zusammenhangslos in Gedanken eine Stelle aus der Doku um Galina Mistrovich. Als ich den Esel bestieg, ließ ich mir von Lirim doch noch ein Würstchen in die Hand drücken und verabschiedete mich von ihm: Wänn i nöd schriibe, muesch nöd antworte.
Die an konventioneller Erzählweise geschulte Leserin wird nunmehr eine den Plot reflektierende Passage erwarten, nicht nur eignet sich ein Eselsritt ohne weiteren sozialen Beistand insbesondere dafür, er macht sie dramaturgisch nahezu unumgänglich. Wenn die Fadheit der Umstände nicht zu Handlungen einlädt, muss gedacht werden! Obwohl ich nicht mit Gewissheit sagen kann, was von dem, das im Kopf stattfindet, wirklich Denken ist, ob erst die Analyse einer Problematik oder schon die kommentierte Dia-Show nutzloser Eindrücke – und demnach ist es vielleicht angebracht, sofern man weder den Homo academicus noch den Dolm beleidigen will, denjenigen Vorgang Denken zu nennen, der wohl wenigstens ein mutwilliges Moment aufweist, sei es die Anspornung überhaupt zur gedanklichen Einlassung oder gar der dauernde Ansporn in praxi, nach dem auf jeden einzelnen Gedanken an einem Urteil gefeilscht wird, das notwendig einen weitern Gedanken auslöst. Und ich dachte, sozusagen, in der Tat etwas. Während ich das ausladende Nichts durchquerte, das Landschaft zu nennen ich nicht genügend Ironiker bin – herrlich, wie geschliffen ich mich hier ausdrücke, beinah ein Kulturschaffender alten Schlages, ein wahrer homme de lettres -, derweil ich also auf einem Weißen Barockesel, der neben der äußern Anmutung auch die Moderhinke mit einem üblichen Schaf, aber mit einem Alprind nur die Schlegelfäule gemein hatte, mählich das unkartierbare Nichts beritt und unterdes das fettige Würstchen wegknabberte, synaptierte Diverses in meinem Cerebrum so günstig herum, dass ich mir kaum sehr angestrengt einen Gedanken vornehmen musste, da wurde ich von allerlei solchen bereits überhäuft, nur leider nicht in der für einen referierbaren Monolog nötigen Stringenz, nämlich folgte auf die sehr ernste Frage, was Matrizia mir am Abend zuvor subtextuell antragen wollte, sogleich die viel unsachlichere, was sie am Leibe trug, und weiters, ob der Leib des Weibs zum Verbleib des Hypes geführt habe, worauf ich hinwiederum ausnehmend sachlich bedachte, ob nicht mein Fimmel für Matrizia ein Fetisch fürs Feminine sei & ich sie als Hyperbel des Fraulichen überhaupt in einer Weise rühme, dass die eingehende Beschreibung aller übrigen Frauen unserer Gegend darüber hinfällig werde, worauf ich mich gütig rügte und gleich beabsichtigte, mir die Geschichte unserer Gegend fortan als eine Chronik der Herrinnen und Gnädigen wiederzugeben, die Protagonisten durch Protagonistinnen zu ersetzen, aber in der Wirklichkeit, der ich mich als sentimentaler Historiograph verpflichtet fühle, ist nun mal der Begriff der Geschichte identisch mit dem des Mannes, und unsere Gegend gab sich hierbei nicht die Ehre einer Ausnahme; es war nun Lazar Biskup, der den tapirnäsigen Pedja Ćosić als Capo duldete, der wiederum auch als Exekutoren und Laufleute sämtlich nur Muškarci einsetzte, wie auch ich, und von wem immer ich geschrieben, figuriert, erzählt werde, nichts als ein Mann sein kann oder mindestens irgendwas mit Pimmel dran, dem schalen Schwenkbolzen der Macht, aber wenn auch das alles notwendig ist, die Anschauung des Weiblichen muss nicht zwangsläufig mit dem Realen korrelieren, sie kann auch eine Idee des Wünschbaren repräsentieren, und so wollte ich meiner Anbetung Matrizias, die mir bislang nie als dubios erschienen war, fürderhin ebenso feinere wie festere Füßchen fertigen, dieser Dunkelschwan hatte eine auf Realismen fußende Latrie verdient, von Mensch zu Mensch sozusagen, nicht von Mann zu Frau, will sagen keine hormonell motivierte oder strukturell benachteiligende, und schon gar nicht eine von Narr zu Prinzessin, kurzum keine fabulöse, sondern eine seriöse, die, wenn sie doch märchenhafte Züge trüge, wenigstens nicht wesentlich vom finnischen Nationalgedicht Prinsessoja & astronautteja abweichen dürfte, das ich kürzlich längs in der Hand hielt, um Matrizia, die kein Wort Finnisch versteht, auf der Beerdigung von der Heulboje Jano Juskowiak die bewegendste Stelle zu zitieren: Jos rakastat minua, rakastan sinua – jos et rakasta minua, kuolen, wonach sie wiederum in jenes höllische Lachen verfiel, das wie aus der Warte der heiligen Mutter getan ward, der man außer ihrer Unverletzlichkeit nichts ankreiden kann, wo doch meine ganze Natur wie eine Schleuder danach strebt, allen alles zu verübeln, weil mir nichts unerträglicher ist als die Einigkeit noch der marginalsten Kreatur mit sich selbst, meine ganze Existenz ist eine Attacke gegen die Identität von Person und Position, von Bewusstsein und Hirnstrom, von Selbstsein und Gutfinden, denn nichts ist doch schäbiger als ein Mensch, der sich Einverständnis mit seinem Dasein gönnt, der seinem naturgemäßen Daseinsfrust abschwört zu Gunsten einer seelischen Balance, die die verlogenste aller menschlichen Erfindungen ist, die aber von den Menschen gebraucht wird wie das Einmaleins der Psychologie, und ich ertrage diesen künstlichen Konsens nicht, diese falsche Solidarität mit der eigenen Kümmerlichkeit, ich akzeptiere das nicht, ich akzeptiere das nicht, wiederholte ich fortlaufend in jenem Sinne, wie der Esel unter mir immerfort lief und lief, derweil ich im Zuge meiner Alteration immer weiter nach hinten gerutscht war und mir die scheiß Eier auf seiner Kruppe eingeklemmt hatte, wovon aber, wie ich mit philosophischer Genugtuung sage, kein Wort meiner Philippika eingefärbt wurde, auch wenn jetzt wohl der rechte Augenblick ist, etwas Genaueres von dem Ritt selbst zu sagen, der gerade in seiner frappanten Ereignislosigkeit etwas zweifellos Markantes aufwies, indes es wohl die Hauptsache aller erzählenden Menschen ist, das Eklatante im Dezenten aufzuspüren, und der irenische Galopp im erst sandigen, bald geschotterten Nichts mit dem zahm scheppernden Hufschlag des Esels im Ohr gab mir mit einem Mal die Eingebung, wiewohl keine Eingebung jemals mit einem anderen als dem einen Mal geschieht, Matrizia, zu der ich keinen biographischen Fond liefern kann, weil es ihn wie bei allen guten Feen nicht gibt – oh, ich kippe wieder in die antrainierte Heiligsprechung -, könne eben drum auch von selbst gar kein Interesse an finsteren Machenschaften haben, sie konnte, war ich mir mit besagtem einem Mal sicher, gar nicht verstrickt sein in die mafiöse Macchie, in der sich Anđelko verheddert oder von der er profitiert haben musste, sie, Matrizia, die auch von ihrer ganzen Wesensart her, ihrem Naturell oder was immer, auf nichts einzuschwören war, musste in dieser Angelegenheit in einer Sonderrolle ohne eigene Auftraggeber oder obskure Interessenten fungieren, sie musste, eben weil sie eine Solistin ist, in ureigenem Interesse handeln, und demnach, wenn sie Anđelkos Auffindung selbst von mir, ihrem mentalen Wasserträger, nicht gewollt hat, musste etwas an Anđelko sein, das mich, wär es publik gewesen, auf eine Weise hätte anrühren müssen, dass ich sämtliche Schweinereien meiner Auftraggeber in Kauf genommen hätte, nur um das Eigentümliche an Anđelko zu wahren, aber in der stupenden Vermutung, von der nichtigen Umgebung zum Phantasieren verleitet worden zu sein, besann ich mich mit gebotenem Starrsinn auf meinen Auftrag, womit ich der Chronik eines angekündigten Monologs, der im Dienste eines modischen narratologischen Konzepts teilweise mit dem traditionellen stream of consciousness bricht, ein angemessen unspektakuläres Ende setze.
Wer auf einem Esel das Nichts bereiten muss, wird sich von seiner unräumlichen Aufmachung wohl ähnlich verneint fühlen wie von seiner extratemporalen Fitness, und vielleicht wie in einem Verlies wird man den Mangel an jeglicher Hinterlassenschaft bedauern, sind es doch die Hinterlassenschaften, die uns eine Idee vom Zeitlichen wie Räumlichen, summa summarum vom Menschlichen geben. Die eigentliche Erfahrung solcher Ausgesetztheit, in der Ursprung wie Ende aufgehoben scheinen, ist aber die Anmutung einer durch und durch bedeutungslosen Existenz, die ja von Bezügen lebt, die dann im wahrsten Verstande des Wortes nichtig sind. Und der Ausweg aus diesem trostlosen Um- wie Zustand kann immer nur die Verblüffung sein, und die offenbart sich je nur als Hexis einer Erlösung, nämlich wenn man, wie ich, plötzlich wieder Land sah, wieder echte Umgebung, Hinterlassenschaften: eingedrückte Red Bull-Dosen, Lavash-Reste, an denen sich halb stöckelnde, halb hüpfende Krähen bereicherten, eingerissene Discountertüten, Schuhe mit hydrolysierten Sohlen, halbierte Kloschüsseln, Windeln mit eingetrockneten Dejekten, Tapetenreste, Trinkpäckchen, demolierte Fernseher und Monitore, pliierte Regenschirme, Türzargen, Kabeltorsi, Rohrfragmente, Plastikstühle, auf dem Rücken liegende Kühlschränke mit aufgeklappten Türen, in denen abgemagerte Braunbären Schläfchen hielten, digitale Bilderrahmen, analoge Bilderrahmen, Natels mit ramponierten Displays, ausrangierte Rasierer, Nagelbürsten, Glühbirnen, Kleiderbügel, Handpuppen, Topfstelzen, Kescher, Wasserwaagen, Stempelkissen, Teleskope, Schmusetücher, Vampirgebisse, Waschkörbe, Binden und Tampons und Spritzen, Batterien, Strauchschnitte, Pedalos, Wattestäbchen, Vasen, Katzenstreu, Residuen von Kerzenwachs und Medikamenten und endlich oder vielmehr unendlich Kippenstummel um Kippenstummel, Myriaden von Kippenstummeln2, kurzum die wilde Deponie als moderner Grenzwall, um vor Frohsinn kochende Hospitanten mit der Leidenschaft des Teufels zu refraichieren und so nur seelisch abgekühlte einzulassen oder denen, die ihrem Frohsinn treu bleiben, nicht den Eindruck einer wohligen Heimstätte zu machen; delectu mentium.
Als ich den Wall passiert hatte, stieg ich mühsam vom Esel. Und der konnte die Reunion mit seinem Liridon wohl kaum erwarten, denn wie von der Hornisse gestochen schoss dieser Hurenbock davon. Mit mir war er geschlichen, und plötzlich stürmte er, dass er buchstäblich den Staub aufwirbelte, da durfte ich meinem Gemüt doch einen Moment der Verwunderung genehmigen. Als es fad wurde, ihm nachzusehen, machte ich mich auf zum Nest, oder vielmehr so ungefähr in die Richtung, und bei dieser Gelegenheit bietet es sich vielleicht an, den Duktus der Gegend mal durch einige territoriale Angaben vorstellbar zu machen, mit Tendenz zu anschaulicher Schilderung. Wenn ich meine Augen schließe, um mir unsere Gegend vors Innere aufzustellen, sehe ich immer eine leicht pendelnde Saloontür, daneben einen heubeladenen Pferdestall, weiter dran das Quartier vom Sheriff mit Waffenkammer drin und Zellen, alles hölzerne Hütten, kein Unterschied zwischen Saloon und Stall und Department, einer haust wie der andere, Pferde wie Männer im selben Kabuff, aber, klar, in Wahrheit gibt’s das alles bei uns nicht, wie auch keine Skyline, die mir bisweilen in die Vorstellung ragt, keine alten herrschaftlichen Villen aus der Renaissance mit Arkaden, dorischen Pilastern und Lisenen, keine Fachwerkhäuser mit filigran bemalten Fassaden, keine hölzernen Tiny Houses – was es gibt, sind Hütten und Plattenbau, Industrie-Container, fragmentarisch gepflasterte Straßen, 1 Moschee, 1 Synagoge, 1 Kirche (stadtplanerisch als theologisches Triptychon angelegt), 3 größere Discounter, 3 Drogerien, 1 Eisdiele (Schoko, Vanille, Erdbeer), 2 Schulen (kleine Kinder, große Kinder), 26 Apotheken, mehrere abgewirtschaftete, stickige Kneipen, dazu mal so, mal so besternte Restaurants, 1 verwilderter Park, 1 Spital, das Manastir und die Merkata, früher eine Markthalle, wo du alles bekamst: Milch und Eier, Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch, heute eine dreistöckige Shopping Mall in V-Form mit lauter Klumpläden, wo du dir den letzten Dreck kaufst und meinst, eine Anschaffung von großer Tragweite getan zu haben, blinkende Schuhe, sprechende Saugroboter, Mäntel aus Fakepelz mit Camouflage-Kapuzen, und benikte Schrumpfgören betteln ihre Majkas an für das Update eines Videospiels, das nahezu unverändert die Version vom Vorjahr verdrängen soll („Aber da gibt es ein neues Feature!“) für dieselben Hundert Kunarka, die der Familie schon im letzten Jahr für was Anständiges gefehlt haben, nein, da bin ich lieber auf dem Piac, bisschen weiter draußen in der Einöde nahe der Autobahn, wo auch alles fake ist, aber dafür billiger, und es riecht besser, nach Langos, Pljeskavica, Ćevapčići und vielleicht nach toten Hunden, während du diesen Radau im Ohr hast einer rumsenden, tranig vorankommenden Menge, das Klackern von FlipFlops, als würde dein Trommelfell bei jedem Schritt ’ne Schelle bekommen, und von überallher das Einzige, das du klar verstehst und das sich aber in seiner Frequenz von allem Sinn löst und zum Hauptgeräusch des Piac wird, zur akustischen Kulisse schlechthin, koliko, koliko? Auf dem Piac wird noch der harmloseste Hurenbock zum Händler.
Ein Wort zur städtebaulichen Anordnung der genannten Etablissments erübrigt sich; sie werden so rumstehen, wie sie in den meisten Gegenden rumstehen, alles eng beieinander, kaum Fahrtweg von einem zum andern, dass den Leuten auf dem Weg nicht plötzlich die Konsumlust abhandenkommt. Dazwischen Plattenbauzeilen, nicht ganz durchgängig, gelegentlich fehlt ein Block oder wenigstens ein halber. Wer’s genauer wissen will: die Gegend ist in Kreisen angelegt, wenn man von oben schaut, aber mittendrin fühlt sich’s kantig, gefrickelt, zerfahren an, teils geht’s geradeaus, teils muss man um Ecken usw. Vom Nest zur Merkata ist es ca. eine halbe Stunde, aber Luftlinie nur so 1 Kilometer etwa. Vielleicht war’s auch anders, 1h – 0,5 km, 2:5, 4 Tagesritte / 1 Morgen, irgendwas in der Richtung. Elementarer: In der Merkata verbringt man den Tag, im Nest die Nacht. Wenn dich Sascha Kasun im Nest nicht mit dem Arsch ansieht, kann er dich in der Merkata warmherzig in die Arme nehmen, Küsschen, Küsschen, Kako je porodica?, Mit der Familie alles gut?, oder Lazar Biskup, der in der Merkata wie ein Pfau an dir vorbeistolziert, mit hochgerecktem Kinn und von sich wegschwingenden Armen, dir aber im Nest angesoffen feixend einen Gin nach dem nächsten ausgibt. Zwischen diesen Polen wechseln die Masken, je nach Ort konvertiert man in eine von der Atmosphäre anberaumte und von allen übrigen kategorisch getrennte Charakterbranche, Küsschen hier, Kugeln da.
Sonst um die Gegend rum viel Flachland, irgendwann Gebirge. An schlecht bewetterten Tagen weiß man vom Eingang des Nest aus nicht, ob es Wolken oder Berge sind, ähnlich konturiert, und mit bloßem Auge kann man die Wirklichkeit des einen nicht von der des andern trennen. In der Nähe ist auch ein See, in dem aber nur badet, wen die Anwesenheit von Autos und Fahrrädern statt Fischen nicht kümmert, mit Ausnahme zugezogener Westler also unsere gesamte Gegend. Es macht wohl Unterschiede, ob man die Gegend durchläuft, -reitet oder -fährt, ob man was von ihr sehen oder sie, so gut es geht, ignorieren will; eine Alternative, im Grunde, nur für Touristen; wer hier lebt, hält nicht nach Motiven für Urlaubsfotos Ausschau, selbst wenn gebietsweise was gelungen wär, architektonisch oder landschaftlich, es würd ihm nicht auffallen, denn unterwegs ist hier nur, wer was vorhat, wie belanglos es auch sei, und wer was vorhat, schaut sich nicht zwecklos um. Aber ignorieren kann er’s auch nicht, muss sich ja zurechtfinden, und wenn man tausend Jahre hier lebte, mit geschlossenen Augen fänd man doch nicht durch, über die eigene Wohnung hinaus merkt sich kein menschlicher Sinn einen Weg, wenn es nicht drauf angelegt war. Was man als Einziges schön finden kann, oder was in der Art, sind die Orte, an denen man als Kind nicht mal gern, nur oft gewesen ist; die kleine Holzbrücke überm ausgetrockneten Fluss in der Nähe des Forsts, die Wäscheleinen auf der Wiese hinterm Haus, immer mit andern, nie allein, während das Gedächtnis aber nur Bilder zeigt für einen selbst, nie für andere, da es vom Sentiment geführt wird, nicht vom ästhetischen Blick, weil sein Verfahren die Palpation des Herzens ist. Oh, ein bewegender Skopus mit philosophischer Tönung, vielleicht bin ich ein Dichter.
Nachdem man infolge meines Beschriebs die Landschaft nun genau kartographieren kann in seinem Gebrain, wird man sicher auch problemlos imaginieren können, wie ich per pedes zwischen Deponie & Kirche transitierte, so ein Bein vors andere-mäßig, Kopf geradeaus oder runter, je nach Einfall der Sonnenstrahlen, nämlich schien mir die Kirche noch vor dem Nest die berufenere Anlaufstelle, da wohl wenigstens der abgemagerte Hamza Jug, unbestellter Pfarrer unsrer lausigen Gemeinde, ein paar Nachrichten zu meiner Orientierung auf Lager haben könnte. Früher, in den verworrenen Zeiten, war Hamza Jug Schatzsucher, ohne ernstlich nach Schätzen zu suchen, es gibt das Gerücht, er habe sich nicht mal nach einer Kunarka auf dem Boden gebückt, ein so phlegmatischer Schatzsucher sei er gewesen. Und heute ist er Pfarrer, wie auch immer er an diese Stelle gekommen ist. Vor der weißen Kirche mit der großen Rundkuppel, von der es links in Sichtweite zum Pepco und rechts nach dem Nichts geht, nahm ich einen Busch als Abschirmung für ein größeres Geschäft in Anspruch, wohl Liridons Würstchen, und aus der Hocke sah ich durchs Gesträuch den Juden Pedja aus der Kirche kommen. Wie ein Fahnder sah er sich um, bevor er sich eine Kippe in den Mundwinkel schob, ohne sie anzustecken, und sich dann, wie versunken in eine Abrede, in seinem schwerfälligen Gang vom Gelände machte. Mit akrobatischem Talent zog ich mir noch in der Hocke die Buchse hoch und verharrte für ein Weilchen hinter dem Gebüsch; wenn ich die Kirche betrat, so sollte für einen etwaigen Schnüffler kein Zusammenhang zu Pedjas Abgang bestehen, es sollte möglichst nach raumzeitlichem Zufall aussehen. Vom Warten kann einem gewöhnlichen Willen freilich auch mal mau zumute werden, und bevor er plörrig würde, kroch ich hinterm Busch hervor, tupfte mir die angehaftete Wiese von den Knien und lümmelte betont absichtslos auf die Kirche zu. Vorgenommen hatte ich mir, wie ein Blatt in die Kirche einzugleiten oder wie eine Maus hineinzuschlüpfen, die Tür aber ist so massiv und so schwer, dass man bei noch so vorsichtigem Eintritt zwangsläufig zum Krawallbruder wird. Wie ein Donner schlug sie hinter mir zu. Glücklicherweise war nichts mit all eyez on me, denn niemand war drin, oder fast niemand: Jug, Hamza stand mit gefalteten Händchen, verschränkten Fingerchen vor dem Altar in der Apsis, wandte sich aber nicht zu mir. Vom Donner ungerührt, dachte ich ehrfürchtig und schlich auf leisen Sohlen seiner platzsparenden Persona zu. (Auf leisen Sohlen, so hatte ich immer schon mal reden wollen.) Vova, mein Freund, noch immer ohne sich zu mir zu kehren, in den Beichtstuhl? Ich nickte, Ja, Oče. Ihm voraus peilte ich das verabredete Örtchen an, nahm drin Platz und starrte eine Weile, in der ich nichts hörte, bewundernd auf meine Handgelenke, die ich in Sachen Bio-Ästhetik immer einzig gelungen an mir fand. Dann plötzlich doch Schritte, tapptapptapptapptapptapptapp, in allerkürzester Folge, nach meiner Einschätzung musste er gesprintet sein. Als er sich in den engen Beichtstuhl hievte, horchte ich nach seinem Atem, vernahm aber kein Schnaufen. Wie erfreulich, Vova, nach so langer Zeit. In seiner Stimme lag etwas Weiches, beinah Unterwürfiges, aber wie einem Weltwunder unterworfen, er klang zugleich erstaunt und verständig. Ich hatte das Örtchen zur heimlichen Erörterung auserkoren, er aber schien wahrlich eine Beichte zu erwarten, die Preisgabe all meiner Sünden. Manchmal hopse ich zweimal in Folge über die Glavna Cesta3, flüsterte ich in meinem feinsten Bekenner-Timbre, nur um zu pupsen. Versonnen pendelte ich meinen Oberkörper mal aufs linke, mal aufs rechte Gesäßbäckchen. Wegen des Motorenlärms, stellte er mehr fest als zu fragen. Wieder nickte ich, Da fühl ich mich frei. – Verstehe. Nur sei das wohl nicht alles? Das nicht, Oče, aber was soll ich erzählen, womit Euch erheitern, nach welchem Schwank steht Euch der Sinn? Da schnaubte es süffisant aus seinem Näschen, Wie immer nur die Wahrheit, mein Freund. Notabene, wir waren keine Freunde, Freunde hat man in unserer Gegend nicht, Freundschaft ist hier eine Chiffre fürs Paradies, die niemand anders als ironisch verwendet – bis eben auf Pater Jug, der diesem Konzept selbst in dieser Urgrotte menschlicher Verwerfungen nicht abschwört, halb rührend, halb armselig. Ich suche Anđelko, Oče, wisst Ihr mehr? Und plötzlich huchte es nebendran, aber beinah lautlos, es war, als taumelten neue Schwingungen durch den unheiligen Stuhl, und mit einem Mal fröstelte es mich. Oče? Er atmete tief ein und stieß den Spiritus im Duktus eines Menschen aus, der sich respiratorisch für eine heikle Sache wappnet. Vova, mein Freund, warum suchst du nach ihm? Und jetzt klang er nicht mehr wie Bruder Hamza, er klang wie ein Bulle, zwar einer in Zivil, so mit vertrauenserweckender Stimme, aber eben verflucht noch mal wie ein Bulle. Oče, darüber kann ich nicht reden, genauere Angaben wären wie das Eis, das einer schlemmt, obwohl sein Zahn pocht, versteht Ihr? Und dann hat es angefangen in ihm zu spuken, vielleicht brach auch nur die Tollwut in ihm aus, irgendein Grusel ist über ihn gekommen, ich schwöre, denn auf einmal kam er mir mit vergrübelten Faxen. Was bedeutet dir die Freiheit, hat er mich irrwitzig um Diskurs ersucht, als könnte mir in der Kabuse der Sinn nach analytischen Meditationen gestanden haben, aber, wie die Dinge nun lagen, ich war bei Fuß inspiriert, d.h. Feuer & Flamme. Alles, Oče, alles – sie ist der ocean für meine thoughts & feelings, blockiert bloß durch einzelne Landmassen zufälliger Leibeigenschaft, sie ist das Spotlight für den act of life, Webstuhl des Atems, Spinnrad des Pulses, sie ist – Schon gut, unterbrach Hamza mich milde, aber meine Zunge war wie ein Pfeil mit Zug zur Aletheia – sie ist das Minenfeld für die Soldateska von Joch und Schikane, der Wassersturm auf dem heißen Steinchen der Knechtschaft, Stimulans der Op-, Sup- und Repressierten, Harnisch wider Kujonen, Kettenhemd des Körpers gegen die Lanzen der Zeit, Arteser fürs klare Wasser der Heimat in der Senke zwischen metamorphen Aquifugen der Fremde, sie ist die Glocke am Grab der scheintot Begrabenen, – Schon gut! – sie ist der Horizont zwischen Elend & Prunk, Pauper & Prosper, zwischen Gram und Wonne, Segen und Pein, die Brücke zwischen Schla und Massel, zwischen Heil und Kannä, der Nexus zwischen Faktizität und Geltung, zwischen Praxis und Utopie, sie ist die bezettelte Taube auf dem Weg vom Kotter zur Vermählten in spe, sie ist das picture derselben in der Kajüte des Captains auf der Kahnfahrt ans Kap der Angst, sie ist die Große Pause in der Schule des Kapitalismus, die Flut am Wattenmeer der Tristesse, die Ebbe an jenem der Panik, der Kuss zwischen zwei Verschimpften, sie ist – VOVA – das Gerücht, das die Menschen – SCHLUSS JETZT! – von der Bangnis befreit –
Mein Kopf, eben noch hochgereckt, sank leblos nieder, und von Leben in mir kündete allein noch unentwegtes Hecheln nach diesem Spurt des Geistes, mehr noch aber des Herzens. Ich hatte mich verausgabt, und Hamza ahnte es mit dem Feingefühl des Liturgen. Warum also suchst du Anđelko, mein Freund? Nunmehr war seine Intonation wieder die des gütigen, sanften Kuraten, wie eine Feder strich sie über meine Luftröhre, auch wenn ich meine Lobrede auf die Freiheit nicht als Widerspruch zu seiner Frage begriff. Begöscht sah ich zu ihm auf, derweil sich am oberen Rand meines Blicks die ins Holz geschnitzte Rose über dem Gitterfenster auftat, und obwohl sie mich hätte ermutigen sollen, war ich ihrem Ansporn nicht gewachsen; meine Loyalität war längst Sore der Oberen. Ich würde ihn gern einmal zeichnen, Oče, schlug ich Hamzas Angebot nach aufrichtiger Verständigung aus. Sein resignatives Seufzen hauchte als eisiger Wind über meine Nieren, und durchs Fenster sah ich wohl, wie sein Kopf vornüberkippte. Bekomme ich noch die Absolution für den Budenzauber meiner Backen? trutzte ich mittels frecher Dachsigkeit dem melancholischen Klima unter meinem Busen, worauf ich heiteres Gelächter oder eine Zurechtweisung erwartet hatte, aber Hamza Jug, der Edelmann, gab mir stur und ohne eine Irritation zu offenbaren den üblichen Text, Tod und Auferstehung, Vergebung der Sünden, Verzeihung und Frieden, im Namen des + Vaters und des + Sohnes und des + Heiligen Geistes, und ich war voller Anerkennung für sein Entgegenkommen, Wallah, miesgute Rede, Oče, mega der inspirierende Text, aber er seufzte wieder, und mit ironischer Ehrfurcht beschloss ich das Ritual: Ameeen.
Dem Beichtstuhl immerhin konnte ich mich schlupfweise entnehmen, stand mir vor demselben für ein paar Momente die Beine in den Bauch und wollte mich schiedlich-friedlich, furchtbar niedlich meinem Erlöser empfehlen, als mir prompt mitleidig zumute wurde in dieser Stille, nachdem Hamza einfach nicht den Vorhang zur Seite schieben und sich post confessionem darbieten wollte. Also flachste ich weiter, Gerade noch mal dem Fegefeuer enthopst, haha, aber ich hörte weiter keinen Ton, es war ruhig wie auf dem Friedhof. Oče? fragte ich im Herzen besorgt, im Schnabel heiter in den verhängten Beichtstuhl hinein, Alles ok in Taipeh?, aber noch immer hörte ich nichts, und mit einem Mal, wie es mir gelegentlich geschieht, wurde mein Geduldshain so ca. überrannt von der Reiterhorde der Ungeduld und ich riss den Vorhang beiseite und starrte dem zusammengesunkenen Hamza in den Schoß: mit seinen spindeldürren Fingern strich er ein Eselsohr in der Bibel glatt. Dann hob er seinen Kopf und lächelte, Vova, mein Freund, und ich war so ungefähr entsetzt über seinen Anblick, noch ausgemergelter als beim letzten Mal, denn Hamza Jug, unter uns, sieht aus wie ein Besen mit einem pflatschigen Knubbel auf dem Stiel, wohl sein Kopf, ins Blaue geraten – und sein Gesicht, wenn ich schätzen müsste, wie die leckgeschlagene Unterseite eines sehr schmalen Segelboots, irrsinnig eingefallen, mit synklinalen Wangen, leicht aufgeschrammt, es schaut aus wie von Rost überwachsen. Hier und jetzt aber, auf dem Thrönchen im Beichtpuff, stand es noch ärger um ihn, da machte er den Eindruck einer ultimativ abgeflauten Kreatur. Wohl wich sein Körper der Last des Amtes, aber es schien mir tragischer zu sein, denn während er meinen Namen sprach, bewegte sich kaum noch sein Mund, regte sich kaum noch ein Nerv in seinem Face, und allein von seinem Phlegma konnte das nicht mehr herkommen. Er war, mit den Worten des einst per viam cultus seliggesprochenen Amandus, den „Minnesänger der Gottesliebe“4, mit sich selbst überladen.
Oče, heiliger Hurenbock, why so gloomy in der Pose, hat man ein Trabrennen auf dir veranstaltet? erkundigte ich mich mit angelesener Empathie nach seiner Lage, beugte mich halb runter und half ihm mit einem Ruck an seiner Schulter auf. Nach einem weiteren Seufzer, ungefähr dem Haiku zwischenmenschlicher Konversation, legte er seine Hand sachte auf meinen Nacken und schob mich ein paar Schritte neben sich her. Gelehrig lustwandelten wir an den schmalen Bänken vorbei auf die Apsis zu und mein unschlüssiger Blick fiel aufs Mosaik der Kalotte: drei fahle Männer, in Lumpen gekleidet, im Trigon um eine mit gespreizten Schenkeln betende Frau konstelliert. Lass uns einen Augenblick setzen, bat Hamza mich und wies mir eine der Bänke zu. Halb zog sie mich, halb sank ich rein, Hamza nahm in der hinter mir Platz. Was los, Oče, fragte ich, während ich mich zu ihm hindrehte, Ist dir nach theologischem Deeptalk, so Lehrstunde mit komödiantischem Einschlag? Schwermütig verzog er das Gesicht, mir schwante mehr der tragische Einschlag, und zur dialogischen Auflockerung machte ich, wie ich meinen Blick darauf zutat, ein paar launige Bemerkungen zum Mosaik, Will alle ranlassen, aber schämt sich vor Christus, gab ich ihnen ein beklemmendes Fazit, mies das Dilemma, wenn man mich fragt. – Sie schämt sich nicht, sagte er wie einer, der lieber über was anderes reden würde, aber um diese Klarstellung nicht herumkommt, sie hadert. – Womit, Oče? – Mit ihren Möglichkeiten. – Du meinst, wen sie ranlässt? Na, wie die Hurenböcke da aussehen, könnt sie jeden von denen ranlassen. – Nicht doch, Vova; was zeigt uns das Bild? – Drei Nuttensöhne um ’ne Musche. – Vova, bitte!rief er beinah im Zorn aus, um nach einer Pause sanft fortzufahren: Viel einfacher: drei Männer, eine Frau; was tragen die Männer? – Säcke, summa summarum. – Leinenhemden, Vova; auf das erste, sieh hin, ist eine Feder gestickt, auf das zweite eine Flagge und das dritte – Auf dem dritten ist nichts, nada, es ist blank wie mein Brain, Oče – Das dritte ist vakant, Vova; aber der Mann hält etwas in der Hand; er knickt sie leicht hinter die Taille, halb zur Verbergung, halb zur Offenbarung; was hält er in der Hand? – Wallah, slawische Sokrates, Oče; keine Ahnung, was hält er da? – Eine Weinflasche, Vova. – Säufer, sag ich doch, klar ist das ein Nuttensohn. – Das sind Symbole, Vova. – Çüş, so mit verkehrtem Sinn und so? – Er lächelte süffisant und senkte den Kopf, Gerade nicht mit verkehrtem Sinn, sagte er und referierte mir so ca. die drei besten distinctive features zwischen Sinn & Bedeutung. Ihr Verweisungscharakter ist gerade der der Offenbarung, sie geben Indizien für ihre eigene Entblößung; sie stehen für etwas anderes wie für sich selbst, in gleicher Weise, im selben Moment; sie meinen das Eigene im Zeig auf das Andere. – Aber wer soll da drauf kommen, Oče, woher soll ich, ohne Kontext diesdas, das Korrelat der Feder kennen? – Das ist die Arbeit der Deutung, mein Freund. – Gib mal Tipp, Oče, so ersten Hinweis-mäßig. – Was denkst du denn? – Ich denke realrap gar nichts, Oče, aber ich will hier verflucht noch mal nicht raus, ohne das scheiß Bild zu kapieren; alsoerzähl, was ist die Feder? Er seufzte zum ungefähr vierhundertsten Mal, mit seinen Seufzern allein hätte er ein ganzes Lazarett beatmen können, irgendwann stopf ich ihm das Maul, bloß damit er nicht mehr seufzen kann, aber möglich auch, sie sind nur ein Zeichen, dass selbst seine Stimmbänder phlegmatisch sind, vielleicht beseufzte er auch immer wieder nur die Beschämung, am Leben zu sein, bei diesen spillerigen Gottesleuten weiß man ja nie. Die Feder ist die Freiheit. – Die Fahne? – Die Wahrheit. – Und der scheiß Wein? – Rate doch. – Ich zischte abschätzig und zog beide Augenbrauen hoch, Sag schon. – Die Liebe, erwiderte er. – Wein und Liebe, klares Ding, seh ich ein, aber, bei Gott, warum schreibt man nicht einfach Freiheit, Wahrheit, Liebe auf die trostlosen Hemden, warum dieser synaptische Abfuck mit 10x um die Ecke räuspern? – Weil das Kunst ist, Vova, und Kunst benachrichtigt uns nicht, sie zeigt uns; von allen menschlichen Ausdrucksformen ist sie daher Gott die liebste, denn er hält es ähnlich. – Ich schwöre, Oče, bei der heiligen Madonna, das ist safe der größte Scheiß, no offense, den ich post bellum gehört hab.– Fair enough, hauchte der unbeleidigbare Hamza und nickte wie zur Einwilligung in unsere diskordanten Gesinnungen.
Als ich die Kirche verließ – nein, so: Mit mulmigem Gefühl trabte ich – nein, anders – Es schien bereits wieder die Sonne, als ich mit heiteren Gefühlen – nein, nein – Es goss wie aus Kannen, als ich mit schweren Beinen – nein, dann wär ich ja nass geworden und hätt mich trocknen lassen müssen, aber wo könnt ich hintennach frottiert worden sein? Im Nest, nun gut, aber ich ging ja nicht schnurstracks drauf zu; im Spital? Da verschlug es mich später hin, das kann ich jetzt noch nicht erzählen. Aber ganz gleich, wohin ich ging und ob es regnete oder sonnte, ob ich vielleicht so oder so gestimmt war, ob ich Durst hatte oder nicht (in der Tat hatte ich keinen, obwohl der Martini im Nest das Letzte war, das ich bis dahin getrunken hatte), ob mir nach dieser oder jener Sauerei zumute war, als ich schließlich aus der Kirche trat und die Tür, die ich behutsam in den Rahmen gleiten lassen wollte, doch wieder monströs zuschlug, lag auf dem länglichen Steinquader, am Rande des Grüns neben dem Kiesweg, auf dem ich in frühen Jahren viele Herbste und Frühlinge gewartet hatte, bis Matrizia von der Beichte gekommen war, denn sie war in Glaubenssachen immer die Fleißigere von uns beiden, lag da nun, rundherum entkleidet, 1 draller, haariger Greis auf dem Rücken mit angezogenen Beinen, wie wenn jemand in Rückenlage Radfahren in der Luft simuliert, aber der Greis fuhr nicht Rad, er zog seine Füße ans Gesicht und leckte, wohl zur Säuberung, ihre Sohlen. Mir fiel kein Name zu ihm ein, aber irgendwo hatte ich ihn schon mal gesehen. Sein Anblick walkte unwillkürlich meine Erinnerungen durch, mir zogen Orte, Menschen, Phasen durch den Sinn, aber ich kam nicht drauf. Nicht jemand, war ich mir sicher, mit einer größeren Rolle, zweifellos eine Randfigur meiner Vita, aber ab einem bestimmten Punkt, wenn man jemanden ebenso erinnert wie man ihn nicht erinnert, kann man nicht mehr mit Gewissheit die Bedeutung nennen, die er einmal gehabt haben musste. Das Gefühl trügt da, es gibt eine Bedeutung vor, allein durch die Erinnerung selbst, und man fühlt sich alarmiert von ihr, aber wie oft war es ein Fehlalarm und es handelte sich bloß um jemanden an der Kasse oder gar um eine Verwechslung? Aber das Projekt: Anđelko war zu triftig, um mich von einer übrigen Sache ablenken zu lassen, und mir blieb nichts als der Beschluss, mich nicht weiter um den Greis oder meine Erinnerungen zu kümmern, und so ging ich weg von der Kirche, noch nirgendwo mit Absicht hin, nur erst mal und unbedingt weg von der Kirche, allein ergriffen vom Verlangen, sie hinter mir zu lassen. So ging es mir im Grunde mit allem, immer, nur mit Matrizia nie, sie war der eine Mensch, im größeren Sinne die eine Sache, die ich nie überwinden wollte.
Das vorsätzliche Abschlurren vom Schöpferschuppen, das zugleich aber ein zielloses war, eine krause Kursion aufs Geratewohl, das mir in dieser Ambivalenz eine seichte Panik vermachte, als würde ich mit einer Sig Sauer in einen Sandsturm ballern, weil ich im selben den Feind vermute, führte mich vom Kiesweg, der am Rande der Kirchanlage endete, über einen anschließenden Schotterweg und einen daran anschließenden Sandweg in einen am Sandweg anschließenden oder ihn vielmehr begrenzenden, abrupt abbrechenden, ihn sozusagen landschaftlich limitierenden Tümpel, einen Dauerteich am Fuße des angehöhten Wohngebiets Brdo Ružnih, Hügel der Hässlichen, und ich schmiss mich rundherum klamottiert vornüber hinein aus keinem weitern Antrieb, als bloß einmal in nähere Fühlung mit der Sonne zu geraten, ohne von ihr verkohlt zu werden, denn umarmen wollte ich sie, einmal nur umarmen, drum warf ich mich in den unverschilften Weiher, wie ich mich an eine Devojka nie werfen würd, mit Schmackes, mit offenen Armen, ohne jeden Vorbehalt, aus nur einem Impuls heraus, den man in der Regel nicht Liebe nennt, auch wenn man doch, stell ich mir vor, die Sonne vor allem weitern lieben sollte, niemand ist ja so loyal wie sie, und wie ich im Tümpel saß, das Wasser bis zum Hals, dachte ich ideomotorisch ans Mosaik in der Apsis und an Hamzas wohltönende Worte, an die Wahl zwischen Wahrheit, Freiheit und Liebe, aber ich sagte sie mir nur wieder her, ohne wirklich was Eigenes davon zu denken, und als ich mir vornahm, mir zu dieser begrifflichen Triade was einfallen zu lassen, mir das eine oder andere Noema auszuklügeln, ließ ich mich ablenken von der Scham, es doch nicht hinter mir lassen zu können, so ohne weiteres, denn hinter mir lassen konnte ich immer nur, was entweder belanglos war oder was ich restlos begriffen oder was mich schlechthin nur erschöpft hat, und weil ich nie etwas nur belanglos finden konnte (eine molestierende Angewohnheit, die ich auf Vererbung schiebe), war ich vom meisten hinter mir Gelassenen, ohne je ernstlich was begriffen zu haben, nichts als erschöpft. Aber diesen Komplex wollte ich jetzt unbedingt durchdenken und mir ein für allemal klarmachen, und keinen Finger wollte ich aus dem Wässerchen heben, bevor mir nicht ein Geistesblitz gekommen war, den man immer, wie ich damals schon wusste, gedanklich vorbereiten muss, denn kein intellektueller Geniestreich ergab sich jemals aus dem Nichts, wie sich nie auch nur das Geringste jemals aus dem Nichts ergeben hat, es sei denn väterliche Gewalt.
Warum sollte die Frau überhaupt wählen müssen, warum sich entscheiden zwischen Wahrheit, Freiheit, Liebe? Warum nicht alles, warum nicht nichts davon? Ich jedenfalls hatte nichts davon und lebte ja trotzdem. Aber vielleicht erschien ihr dieses Trotzdem als Drangsal? War sie ein Schürzenkind, eine mentale Niete? Ich kann nur jedem, dachte ich, während ich mein Kinn abkippte und vom Wasser nahm, um es lustvoll wieder auszuspucken, Auftraggeber wie die meinen empfehlen, wenn man sich artig in deren Kneifer fügt, hat man gar nicht genügend Spielraum für Trauer oder Trübsal, man bleibt da stur auf der main street des lifes. Und was soll man schon mit diesen Dingen anfangen, Wahrheit, Freiheit, die müssen doch auch für irgendwas anderes stehen, gerade die Liebe, da muss doch was hinterstecken, ein ganzer Batzen Leben, sonst sind das doch nur Scheinwerte, für deren Entscheid man nicht eine Sekunde hadern müsste, bloße Gräten, von denen nichts abzunagen ist. Nachdem mir im Wasser während meiner inneren Fragerunde allmählich warm geworden war, wurde mir nun allmählich kühl, und trotzdem blieb ich weiter drin, zögerte meinen Abflug aus dem Teich immer weiter hinaus, nahm mir nur weitere zehn Sekunden vor, um mir dann weitere zehn Sekunden vorzunehmen und immer so fort, ich wollte den perfekten Moment abpassen: mich erheben und rausgehen in jener Attosekunde, bevor ich anfing zu frieren, aber wie gewöhnlich verpasste ich diesen Moment und saß dann jedennoch weitere Minuten drin, nach dem Fehlschlag des Abpassens decouragiert, und als ich zuletzt doch hinauskrabbelte, ohne mich im Ernst zu erheben, schlotterte ich vor Kälte bereits wie ein Zitteraal. Während ich mich harsch im Sand wälzte, wovon ich mir Trocknung versprach, dachte ich an die freie Liebe der Proposition zur Tatsache bzw. an die wahre Liebe der Tatsache zur Aussprache bzw. an die wahre Freiheit der Proposition zur Unwahrheit und sehnte mich, vom Sand geschleift, nach einem weiteren Würstchen von Liridon. Ein Geistesblitz, war ich sicher, muss vorbereitet werden, aber vornehmen kann man ihn sich nicht, oder wenn, so nur vergebens; wer sich gedanklich für einen Geistesblitz schickt macht, wird beim Tanz von ihm übergangen. Wer sich zur Klugheit anhält, dachte ich sehr weise, bleibt erst recht der Dumme.
Weil mich vor allem verlockt, wonach ich zufällig äuge, ging ich die fahl begraste Anhöhe hinauf ins Brdo Ružnih. Es gibt nicht eigentlich einen Weg hoch, nur einen vorgetrampelten schmalen Streifen, ausgelegt mit Hundekötteln und leeren Bierdosen, denen man unmöglich sämtlich ausweichen kann. In Wochenendnächten lassen die Leute hier ihre Hunde aufeinander los, Bandogs vs Mastiffs vs Tosas vs Owtscharkas, und jeder Halter erzählt einem was von pädagogischer Lehrveranstaltung, während sie auf ihre abgerichteten Kampfköter einen halben Wochenlohn verwetten. Es gibt da schon Leute, die was zu sagen haben, aber nur dort und nur an diesen Abenden, sonst nie und nirgends. Hast du einen Hund, der was draufhat, dann bist du da ’ne große Nummer, und die meisten schaffen sich diese Köter nur an, um überhaupt mal irgendwo ’ne Kapazität zu sein. Aber wer im Ernst was auf seinen Hund gibt, der hält ihn fern von diesen Fights. Sascha Kasun zum Beispiel würde dich eher selbst bei lebendigem Leib fressen, als seine Töle in diese Konstellation zu nötigen. Anders der mickrige Fisnik Basha, schnauzbärtiger Ficksohn von Bacchus & Cloacina, der bei gleich welchen Temperaturen immer ein vergilbtes Unterhemd trägt, das nie zum Hosenbund reicht und seinen nach außen gewölbten Nabel preisgibt. Fisnik ist das menschliche Nichts und Niemand, U-Bahnfahrer in einer Gegend ohne U-Bahnen, aber sein grauer Kangal, ein tagsüber tranig anmutender, nachts dann bestialischer Molosser, fetzt jeden andern Kläffer so seelenruhig weg, dass Fisnik in diesen hündischen Fight Nights nicht der massigste Mafiosi irgendwas anhaben kann. Dieser Hund allein macht ihn zum Tartaros dieser Nächte, zum Herrscher von Nobiskrug, nur dieser Hund, nichts weiter. Und Fisnik selber besteht aus nichts als Milch, Müll und der elendigen Angst, seinen Status zu verlieren, weshalb er seinem Hund nicht mal einen Namen gegeben hat, sein Kangal ist für ihn nur eine Triumphmaschine und ein Name würde Emotionen wecken, die er fürchtet wie Hamza Jug den Teufel. Im Übrigen weiß ich nicht, weshalb Leute sich Hunde anschaffen, ein Dog verlangt einem ein Sozialleben ab, dem man als Mensch gar nicht gerecht werden kann, es sei denn man geilt sich daran auf, irgendwas und am besten ein Lebewesen unter seiner Karbatsche zu haben. Dass man mir nichts, dir nichts drauflospfeffern kann und es einen trifft, der nicht zurückpfeffert, sondern einen weiter anbetet für fucking lau.
Als ich mich den Bühel hochgehechelt hatte, schrubbte ich mir die letzten Reste Sand von den Unterarmen und lief durch die Wäscheleinen hinterm ersten Plattenbau, der das Wohngebiet vom Hügelrand her eröffnet. Mit dem Kopf voran stieß ich mich durch Bettlaken und Handtücher, die Arme auf dem Rücken verschränkt; ich habe immer das Gefühl geliebt, in frische Bettlaken einzulaufen, sie spannen sich angenehm, nämlich ebenso sanft wie fest um die eigene Stirn, und wenn man es geschickt anstellt, kann man sich in einer Bewegung in sie ein- und wieder aus ihnen herauswickeln und das zehnmal, zwölfmal, fünfzehnmal hintereinander, und wie von selbst, unaufhaltsam aus dem tiefsten Innern, fängt man selig an zu johlen und hat unversehens den besten Moment seines Tages. Die Plattenbauten sind angeordnet wie zu einem Fächer, im Halbrund um einen Dorn aus zwei mal drei Blöcken, und aus den Fenstern hängen die Flaggen unzähliger Nationen: Sterne, Kreuze, Kronen, Adler, Wappenschilder und Streifen in allerlei Farben, wenn auch das Rot beinah alle verbindet; das für die Freiheit vergossene Blut der Ahnen. Es ist in Wahrheit nicht, wie es manchmal heißt, ein Fahnenmeer, denn im Meer mischt sich alles, hier aber steckt jede Flagge ein Gehege ab und sei es nur ein imaginäres, das aber in den Ideenwelten der Eigner das allerwirklichste ist. Und noch im Meer würden sie eher die Flagge als den eigenen Kopf über Wasser halten.
Aus einem Fenster aber hing keine Flagge, sechster Stock, äußerer Rand, die Bude von Valton Qosja. War früher manchmal bei ihm oben, gab immer was zu rauchen, an manchen Sonntagabenden hat er für die ganze folgende Woche vorgestopft und die Kippen lagen auf seinem Tisch gestapelt wie ein Arsenal an Waffen, mit denen man sich vor dem rabiaten Einbruch des Alltags ins friedliche Sosein der Dinge wappnen konnte. Bin irgendwann nicht mehr hoch zu ihm, weiß gar nicht mehr warum. Ich glaube, als er mit den Online-Rollenspielen angefangen hat, da war mein Feeling für ihn irgendwie weg. Aber im Grunde war er ein Phänomen, etwas an ihm hat mich fasziniert, genauer gesagt sein Gehirn. Hab es nie von innen gesehen, kann von Framing, Priming, Summation nichts Genaues sagen, aber von außen war es erstaunlich. Nicht in der aktiven Praxis, mehr in der passiven. Die Art, wie es Eindrücke verarbeitet hat, die hab ich immer bewundert. Valton konnte sich eine filmische Gewaltszene ansehen, um sich in der nächsten ruhigen Minute des Films, wenn sie ihm kein Spektakel bot, einen Porno anzumachen und sich wollüstig einen abzukeulen. Kaum zehn Sekunden vorher sah er dabei zu, wie ein Beil in einen Kopf gehackt, wie einem Flehenden die Eier abgetrennt oder der Arsch zugenäht wurde, und gleich drauf stand sein Schwanz abrupt beim Anblick koitaler Intermezzi. Und das eben, obwohl Valton kein Soziopath ist, damals jedenfalls war er es nicht, er war nicht gefühllos, kein unbeseelter Hurenbock, er war vielleicht sogar der gefühlvollste Mann unserer Gegend, streichelte jedes Kätzchen auf dem Weg, fütterte die Enten im Teich, nahm sich alles schrecklich zu Herzen, summa summarum war er ein Sentimentalist vor dem fucking Herrn. Aber er war süchtig nach passivem To Do, und das war jetzt möglich in dieser Zeit, Blutrausch und Ständer in weniger als einer Minute, und zwar nicht, weil das eine das andere bedingte, sondern weil es miteinander nichts mehr zu tun hatte, weil nichts mehr einen Bezug zueinander aufwies, Valtons Gehirn dachte nur noch chapterwise, auf eine Szene musste zwingend die nächste folgen und Szene hieß: es muss was los sein, Action, Performance, unentwegter Attack-Mode, ohne den mindesten narrativen Nexus, und so auch im Porno: ihm bekamen nur noch Clips, kein ganzer Film mehr, nur Ausschnitte noch vom wirklich Wilden: Fuß auf dem Kopf der gebückten Frau und reingehämmert in ihren Arsch, Schwanz in ihren Mund und reingehämmert, zwischen Titten und Füße und reingehämmert, die dauernde Aktion, die aber in ihrer Invariabilität was so Stagnatives hatte, dass das, was Valtons Gehirn bald nötig hatte, immer noch säuischer sein musste, immer noch abgedrehter, immer noch maßloser und perverser, und die Phasen der Annäherung, im Porno zwar gekünstelt, aber immer noch da, galten ihm nichts mehr, waren für ihn nur mehr Zeitverschwendung, und obwohl er seine Zeit auf diese Weise Tag für Tag vertat, wollte er sie dabei gerade nicht vertun, wollte high sein all day long und sah sich Zeug an, auf das er nicht mal stand, das nichts Spezielles in ihm triggerte, sein Gehirn erfand ihm einfach Fetische, rassistische, podophile, zoophile, um keine zwei Atemzüge after second of eject beim Doomscrollen auf Insta über unterernährt aufgefundene und dann aufgepäppelte Hunde zu weinen oder gickelnde Füchse zu belachen. Valtons Aufmerksamkeit vertrug keine Pausen mehr, und nur das schien ihn von der Tatsache zu kurieren, dass sein Leben summa summarum eine einzige Pause war, socially auf standby, freezed forever, und das nur, weil ihm nichts Funktionales zu ihm einfiel, er hielt sich für grundlegend unbrauchbar, zu nichts nütze, eine Existenz für die Katz, und die hier notwendige Tiefenanalyse führt uns straight down in his poorly childhood, in seine Parasitenrolle zwischen Babai dhe Nëna, ins Schlachtfeld ihrer Ehe, die Keimzelle seiner sozialen Unfruchtbarkeit, denn dort entsprang sein Eindruck von der essenziellen Runtergeputztheit seines Daseins, dort hatte er sie beklemmend erlebt, die wüsten, rüden, haarsträubenden Beschimpfungen seines Vaters, nicht an sich selbst, oder nicht sehr rabiat jedenfalls, aber an seiner Mutter, die nach den Worten des Vaters alles Unheilige verkörperte, eine faule, nutzlose, hässliche fette Hure, nichtswürdig und zu nichts fähig, eine Fotze, ein Stück Scheiße, das nichts könne als Fressen und Einkaufen, nur nichts Nützliches, nichts annähernd Unvergebliches, und obwohl Valton ja genau mitbekam, dass all das nur seine Mutter traf und doch nicht ihn, ausdrücklich nur sie traf, hat er diese Vorwürfe gewissermaßen übernommen, hat sie aufgesogen, als meinten sie ihn, eben weil er mit der Mutter, anders als mit dem Vater, innig verbunden war, unauflösbar verknotet, sie war ihm wie was von sich selbst, ein notwendiger Teil von ihm, der nicht abgetrennt werden konnte, fester an und in ihm als Organe und Glieder, und was sie traf und vernichten sollte, traf zwangsweise auch ihn und vernichtete ihn gleich mit, für alle Zeit, denn bis weit ins Erwachsensein hinein, bis weit nach dieser Erzählung lebte er nicht in der Annahme oder dem Glauben, sondern im unverrückbaren Bewusstsein, er sei eine nutzlose Fotze, zu nichts tauglich, für nicht das Mindeste und Beiläufigste und Unnennenswerteste gut. Und in diesem Vollgefühl, in diesem Wissen, fraß er sich tagein, tagaus durch die Süßigkeitenregale der Migros5, verlor früh sein Haar, gewann früh an Bauch, blähte sich mit jedem Monat in einer Weise auf, dass er, von Matrizia abgesehen, die ihn liebevoll Valty nennt, von allen Übrigen auf Teufel komm raus immer nur Balloon Belly oder wenigstens Belly gerufen und gleich drauf wieder fortgewunken wird, dass ihm nur nicht einfalle, man suche auf ernst Umgang mit ihm. Den Leuten geht es bloß um den Ruf, in beiderlei Sinne, die Verlautbarung eines Nicknames und den Boykott des dazugehörigen Lümmels im selben Moment, mittlerweile müssen sie nach Nennung des Nicks gar nicht mehr abwinken, Valton weiß schon, er ist ebenso gemeint wie nicht gemeint. Er nimmt diesen Nimbus, als wäre er keiner, nämlich als offenbare sich in ihm Valtons wirkliches Naturell, das Wesen eines pränatal von Gott eigenhändig Verkloppten, einer sinnlos abgeprügelten Kreatur, von der nichts zu erwarten sei und die auch selber, was das ursprünglichste und letztgültigste Fatum seines Leben ist, nichts erwarten könne. Und doch ist ihm ja klar, es ist Mobbing, ništa drugo, und es muss ein zwiespältiges Gefühl für ihn sein, auf die Weise gemeint zu sein, unumgänglich, der Finger wird auf ihn gezeigt und er kann diesem Gemeintsein nicht entkommen, kann ihm durch nichts entweichen, und dennoch hat Valton diese Bastion in sich erzeugt, auf all den Spott, all die Verachtung nicht zu reagieren, was an Schmählichem auch gesagt und getan wird, und das permanent simultan zu erleben, innerlich abgewandt und doch getroffen zu sein, diese dauernde Dissonanz, sagte mir Matrizia einmal, wird ihn noch umbringen eines Tages. Für einen Moment überlegte ich, bei ihm zu klingeln, hatte aber Sorge, er könne da sein, drum ging ich mit angezogenem Schritt an seinem Block vorüber. Auf dem Spielplatz um die Ecke sah ich den Knaben Ylli Duro auf einer Bank sitzen, die weißblonden Haare kurzgeschoren und den Laptop wie immer im Schoß, zapfte bei irgendwem aus den Bauten umher das WLAN an und lud sich Pornos runter. Wurde mal erwischt, von der alten Emina Tusha, die ’s überall rumerzählte, hat ihn aber nicht geschert. Im Vorbeigehen zwinkerte ich ihm zu und imitierte einen Wichsenden, aber statt verschwörerisch zu grinsen, zeigte er mir nur genervt den Finger.
In den Himmel zog was Dunkles ein, und zügig schritt ich den Weg zum Dorn ab, die Hände in den noch immer nassen Hosentaschen, wo ich sie zu halboffenen Fäustchen ballte, um ihre Innenflächen vor der Feuchtigkeit zu schützen. Es war kaum jemand draußen, nur Blerta Molla hatschte zu den Leinen und nahm ihre Wäsche ab. Früher war sie bei der Fremdenlegion, heute sammelt sie Pilze, manchmal kommt mir das traurig vor, wie ein Abstieg vom Dreiteiler in einen Lumpensack, aber manchmal halt ich es auch für sehr idyllisch. Es war noch nicht kalt, so rasch schlug es nicht um, aber der Wind ging schon schärfer. Ich wollte unten sein, in irgendwas drinsitzen zum Essen, bevor es stark zu stürmen begann. Denn es würde stürmen, und es wurde mir erst so recht klar, als ich Blerta Molla mit den weißen Laken auf ihrem Arm sah. Aber ich hatte auch sonst nichts zu tun hier; wenn man nicht drin wohnt, kann man mit einem Wohngebiet nicht viel anstellen. Nur eine gute Ahnung kriegt man, gerad wenn niemand heraußen ist, wie sich der im Haufen abgeschottete Mensch um nichts als sich selbst kümmert und noch das schon kaum mehr. Ich habe leider immer nur Skizzen im Kopf, selbst wenn ich ans Vertrauteste denke, sonst würde ich hier bildhaft und im Detail die Auslagen der Fenster im Brdo Ružnih beschreiben, neben den Flaggen die Blumen und die nach den Festen nicht abgenommenen Lichterketten, manche kleben sich Poster an die Scheiben, mit nach außen gewandten Motiven, andere schreiben mit Lippen- oder Farbstift edle Sinnsprüche drauf. Aber das Liebste sind mir die Wohnungen, in die man nur halb hineinsehen kann, wo man nichts zu schauen kriegt in der unteren Hälfte, wo es aber in der oberen Hälfte auch nichts gibt, nur weiße Wände, unmöbliert, unbehängt von Bildern, wo man nur eine herabbaumelnde Birne erkennen kann. Das ist Plattenbau für mich, Menschen, denen jede Lust nach Einrichtung vergangen ist, deren Leben sich in der Abwesenheit von Schönem definiert, die von was Grundlegendem verlassen sind, mit ihnen fühl ich was wie Verwandtschaft. Nachdem ich in eine solche Wohnung gelinst hatte, war ich heiter genug, einen Kieselstein vor mich her zu kicken, erst sachte, dass seine Bahn sich ungefähr auf meinem Weg hielt und ich ihn wieder kicken konnte, dann einmal mit Schwung, und schon sprang er vom Trottoir und rollte in ein Gulli. Es hätte mir egal sein müssen, und sehr bald war es mir auch egal, aber für einen Moment fühlte ich was wie Unschlüssigkeit, nachdem ich nichts mehr zu treten hatte. Vom Himmel her nun wahrlich düsterer Vibe, und als ich den Dorn passiert hatte, hinter dem es steil hinab ins Zentrum geht, spürte ich die ersten Tropfen auf meinem Gesicht.
Zaco Zoto (Insta Handle: Fisting-Champ3000) biss in seine Shawarma und sagte, als ich im Augenwinkel dem schlipfenden Regen am Fenster im Rubut Kabab folgte, mit vollem Mund: Regen tönt wie Applaus, Vova, aber Applaus nicht wie Regen; ist doch seltsam. Ich versuchte es zu hören, aber der Regen klang für mich nur nach Regen und der Applaus, da ich ihn mir vorstellte, nur wie Applaus. Wahrscheinlich, weil ich beide Klänge mit Bildern verband, weil ich sie von den Bildern nicht losbekam. Sagen dir die Geheimnisse der Weinbrennung was, fragte ich ihn und wischte mir mit dem Handrücken die Dönersoße vom Maul. – Weinbrennung, was? – Die Geheimnisse der Weinbrennung. – Ist das ’n Porno? Manche Stücke schluckte er ohne zu kauen. Kein Porno, oder weiß ich nicht, glaub nicht. – Nee, nie gehört, und nach einer Weile, in der er schmatzend dasaß und manchmal kaute, manchmal nicht, Aber wenn’s ein Porno wär, dann so ein Gayscheiß, mit Mönchen, weißt? Erst trampeln sie auf den Trauben rum, alle nackt, und in der nächsten Szene, Magie des Übergangslosen, trampeln sie auf ihren Schwänzen rum, boom! Ich war so ca. enerviert von diesem dialogischen Desaster, Zaco, fluchte ich, es ist k e i n Porno, ok? – Ok, ok! – Ich dachte eher an was Politisches. Oder vielleicht geht es wirklich um Weinbrennung. Ach, keine Ahnung. Es hatte was Beruhigendes, ihn beim Essen zu sehen. Vor jedem Biss schielten seine Augen auf das Stück, das er gleich reißen würde, es hatte so was sinnlos oder naiv Konzentriertes, so was Hier&Jetzt-Mäßiges, mir war ganz wunderlich zumute, ihn so zu schauen. Von jemandem, der so selbstvergessen aß, konnte nichts Heimtückisches erwartet werden, und sein schwarzes Wuschelhaar flankierte diesen Eindruck. Shawarma beste, murmelte er und schluckte und schluckte. Zaco war ein Schulfreund, na, das stimmt nicht mal – eben jemand, mit dem man zur Schule ging und die eine oder andere Pause verbrachte. Keiner, mit dem man ständig beisammen war, aber hin und wieder, wenn es sich ergab, wenn sich die Dynamik auf dem Pausenhof für einen Tag unerklärlich verschob. Und wenn wir uns später irgendwo sahen, auch lang nach der Schulzeit, verbrachten wir kurz Zeit miteinander, eine Stunde, manchmal zwei, es war wie ein Gesetz ohne tieferen Sinn. Wir hatten nichts gemein im Grunde, es war nur die Tatsache, dass wir uns kannten, die dazu zwang, sich bei jeder zufälligen Begegnung zeitweise aneinanderzuhängen. Außerdem war Zaco gut vernetzt, jedenfalls für jemanden ohne weitere Bedeutung für die Gegend, er war kein Ansprechpartner für solche, die was zu sagen hatten, er war einfach nur Zaco Zoto, der Wuschelkopf, der seine Identität darauf baute, mit diesem und jenem, mit allen möglichen Leuten mal zur Schule gegangen zu sein. Es drängte mich, über Pedja und über Matrizia zu reden, aber als ich ihm dabei zusah, wie er das letzte Stück Fladenbrot, das wie ein Schiffchen in seinen Händen lag, mit einem Mal längs in seinen Mund erst schob, dann stopfte und gleich drauf mit seinen Fingern die Mundränder abtupfte, wurde mir wieder klar, dass Zaco niemand war, dem man wirklich was anvertraute. Über die Bekanntschaft hinaus teilten wir nichts miteinander und so erübrigten sich weitere Fragen oder Auskünfte, die er wohl ohnehin nur als Material für Gespräche mit anderen ehemaligen Kameraden gebrauchen würde. Das war bei ihm nichts Tratschhaftes, im Gegenteil, er nahm alles gleich wichtig und gleich unwichtig, und bei Gott wäre er nicht darauf gekommen, irgendjemand könnte Infos priorisieren oder unversehens preisgeben, und demnach war das Thema Geheimhaltung für Zaco nicht existent. Der Regen prasselte immer unregelmäßiger ans Fenster, die Abstände wurden länger, die Geräusche leiser, und wie als Intro meines Abgangs wischte ich mit der Serviette die Soßenreste vom Tellerrand. Aber wär schon geil, sagte Zaco, als ich mich zum Gehen erhob, wenn sie auf Schwänzen herumtrampeln würden, vor allem auf so halbsteife, al dente quasi, die so richtig mies gequetscht werden, wo man nur beim Anblick schon selber den himmlisch-süßen Schmerz spürt, no homo. Mir war so ca. nach Abgang. Es ist ein Buch, sagte ich und legte ein paar Geldstücke auf den Tisch, kein Film, Zaco. – Ach so, hauchte er, fuhr sich mit der Hand über den Bauch, weitete seine kleinen Augen und bauschte seine Backen, um auf geisteskrank vollgefressen zu machen.
Jede Sekunde, die man auf Abwegen ist, die man abseits der main road auf unsoliden Pfaden vergammelt, tut ihre Prise zur Einschläferung der Absicht bei, derentwegen man die main road überhaupt becruist hat. Aber als ich gesättigt aus dem Rubut Kabab trat, erwischte ich die eine Sekunde, in der es sich entscheidet, ob man zurückfindet oder sich in der Verirrung breitmacht. Und obwohl satt, und obwohl müde, und obwohl dadurch vor allem fahrig, revitalisierte ich mein Ansinnen, Anđelko ausfindig zu machen. Und gerade der trübe Anblick der Straße, das nasse Trottoir, das assonante Abtropfen des Regenwassers aus den Dachrinnen der Geschäfte umher, der Eindruck also des Unwirtlichen schärfte meinen Willen, dem vom Zaudern längst öd geworden war. Je unheimeliger die Aussicht, desto schlagkräftiger der Instinkt zur Schaffung, die eher Erlösung verheißt als der lustlose Verbleib im herben Jetzigen. Ich nahm den Weg nach Norden, vielleicht auch Süden, maybe east or west – wenn ich mich in eines nicht hineinfühlen kann, dann in einen Kompass -, jedenfalls wollte ich nunmehr schnurstracks zum Nest, ohne sehr bedeutenden Plan, nur schien mir, dort lasse sich am ehesten Klärung ergattern. Irgendwie weiterkommen, irgendwie Anschluss finden, und dafür eben zu was Gewohntem, to some familiar place, und wenn ich auch sonst im Nest nicht viel meiner Lebenszeit draufgab, in der Sache mit Anđelko war es doch eine Art Heimstätte, ein Knotenpunkt, in dem ich zeitweise versacken konnte und zugleich Auftrieb bekam. Nur musste ich unbedingt an Technik, Taktik, Strategie feilen, bloß rumfragen war offenbar aus der Mode gekommen. In kürzester Zeit, vom Rubut Kabab zum Nest, hatte ich einen Werdegang vom Journalisten zum Spion hinzulegen und mir ohne Lehrbücher diverse Kenntnisse draufzuschaffen. Ich wusste noch nicht wie, hatte keinen Schimmer, aber ein unerklärliches Zutrauen, das sich aus nichts als einer kruden Bewältigungslust ergab.
in all den sseit wo i bin gelauf von den hier nach den dort von ein haus ssu ein other, gansse street entlong und ein other street und viel andere streets au noch, wo ging durch berge, tale, haine, strauche, wo i bin mit mein ellbogen gekomm an ein blum wo hat scheisen gebrannt an mein arm, gansse sszeit i hab gedakt scheise wo muss i hin??? ni von fuß her mehr so in kopf, wo musen i hin mit mein gedank??? weil war viel los in mein head viel hin/her von bilder worts, wie remix von memories & desires und i versuch mit den worts zu den bildern nachkomm aber bin i too slow mit den lingo, bilder immer schneller als den worts und i renn so mit den worts an mein feets wie sportenschuh aber too slow too slow i komm ni dran und dann i hab ein idea gehabt von wie i mach picture und wort in eine und gansse sseit i hab mein arm kratzen von jucken wie scheise, i hab denken i mach ein formel wo is ni bild ni wort aber wo is troszendem beiden in eine oder wo gibs aus den beide ein neue so ca kartesische product mäßig so A mal B und so tupel wie xyz in die klammers für kanonische bijektion und i hab denkt ob jetzt (a,[b,c]) oder (a,b,[c]) es is in den endenfekt allen de gleiche wenn au nie selbe, macht in de wirklichkeit kein von de nennenwert difference und so drum es ist safe assoziativ au wenn certified hurenbock since anno irgendwann um christi rum sascha kasun mit voll den ernste face wie ein dictator sagt no, no, es is keinenfalls assoziativ weil so oder so es is building von ein ganss neue object aber in mein wahrnehmung es is nur ein sache von aufmachung nix weiten und jeden de falls wenn A, B oder diese is leer von de meng her, andere au leer, und wenn i hab kein wort ssu de bild es gibs kein gedank und hab i kein bild ssu de wort es gibs auch kein gedank, und von philosophy her es is ein miese dialectic wo is mega ernüchternd aber mega rich an aufenschluss – aber wo war i? yep, an ein street vor ein haus wo i bin higstandn wegen ratlos in de head & gleiso in de heart
Man wird mir nachsehen, für eine Page einen alternativen Erzähler ausprobiert zu haben, nicht zur Verwischung meiner Spuren oder aus narrativem Raffinement heraus, nur um der first option of narrative voice mal eine Pause zu geben, sich zu besinnen, Kraft zu tanken, einfach mal abzuspannen, den Akku aufzuladen, wie es unter anständigen Bürgern, nämlich Kapitalisten zum Zwecke des Prestigegewinns heißt, und nach diesem Intervall der erzählerischen Regeneration ist nun wieder the original Volomir Wundt am Start mit einigen nötigen thoughts zum weiteren Hergang der Story, auf die ich mich hier verpflichtet habe. Auf dem längsten Abschnitt zum Nest, auf der Ulica Korpi, einem endlosen Streifen sagenhaft einfältiger Händler, der perverserweise dennoch der schönste in unserer Gegend ist, obwohl – oder weil, bin nicht sicher – beinah sämtliche Händler dasselbe feilbieten, Körbe, lauter geflochtene Körbe aus Rattan & Ruten, Rinden und Rippen, Bambus und Esparto, nichts als Körbe, die ganze verfickte Straße entlang, unterbrochen nur von einzelnen Obsthändlern mit mehr Schnaps in den Regalen als Obst in den Kisten, auf dieser Rue des rêves, die ich mal im Galopp, mal schlendernd abschritt, je nach aufkommender childhood memory, fraktionierten die Pensées untereinander zu Fragen, reflections, conversions & bets und sollen hier in zufälliger Reihenfolge abnotiert werden: Wenn Anđelko meinerseits nicht aufzuspüren war, mochte das triftige Gründe haben, aber den allertriftigsten – dass es ihn nicht gebe -, bedachte ich nicht in besonderer Ausführlichkeit. All meine Anstrengungen, mein regelrechtes Craving nach ihm wären auf der Stelle zu Staub zerfallen, und wer wär so arg mir zu verargen, wär mir das ärgerlich geworden – doch wohl nur ein ausgewiesener Hurenbock. Unter der mählich aufkommenden Sonne, in deren warmem, sanftgoldenem Licht die Körbe vor den Läden & Ständen museal vor sich hin ruhten, nahm ich mir vor, Anđelkos Existenz nicht als regulative Idee, sondern als das denkbar Wirklichste zu behandeln.Wenn es ihn doch nicht gäbe, würde mir nichts geschehen, es läg dann kein Grund zur Bestrafung vor, und wenn es ihn aber gäbe, würde ich nicht nur nicht bestraft, sondern womöglich noch belohnt werden. Na, dieser Gedanke hatte sich schnell erledigt, da musste ich ja nur 1 und 1 summieren. Aber ich müsste meine Ausrichtung changen, man hatte mir bislang keine seriösen Hinweise anvertraut, da die Struktur meiner Fragerei eine unbedacht oppositionelle war, bei meiner tolpatschigen Herangehensweise mussten ja jedem directly die scales von den eyes fallen, nein, ich musste mich als Beistand gerieren, musste die Hebamme zu Anđelkos Seligkeit mimen, in irgendeiner Weise musste ich als Player wahrgenommen werden, als Supporter für Anđelkos Einzug in den Himmel, als guy with a function, und zu diesem heiligen Zweck hatte ich mir eine Verkleidung zu fertigen, die mich auf eine Entfernung von zwei- oder dreitausend Polnischen Linien bereits als Adjuvanten auswies. Als ich von der Ulica Korpi in die Aleja Smrti einbog, einer engen Gasse, in der Krähen auf den Fenstersimsen und Flughunde unter den Dachfirsten eisige Wache halten, designte ich im brain die details meines Outfits, ein Hybrid aus Schugger und Medikus mit einem Hauch Papst an den edges. Aber es musste noch etwas anderes sein, dachte ich, als ich in die Aleja mira einkurvte, in der auf den Absätzen der Hauseingänge Schwäne und oben an den Fenstern weiße Tauben Spalier standen, es musste mehr sein, denn wenn auch die Kleidung auf den ersten Blick für sich spricht – denn kein Wort muss man ja sagen, wenn man entsprechend gepellt ist, da genügen Handzeichen oder Blicke, um den Unterschied zwischen Lebewesen und Wachsfigur zu vermitteln -, das Gewand allein balanciert noch keine Konversation zu den Gunsten meiner Auftraggeber, es mussten auch ein Schnäuzer und Wimperntusche sein und dazu eine vertrauliche Redeweise, ein verschwörerischer Soziolekt, ein paar Vokabeln und Floskeln aus dem dictionary of conspiratorial talks, Weißt du schon das Neuste, Hast du das mit Usw gehört, Schlimme Sache da in Usf oder Ich hab mir im Urlaub die Warze vom Finger gebissen etc. Nach meinem Seitfallschritt in die Aleja mrtvih gavrana spulte ich, um mich vollends zu präparieren, gedanklich diverse Dialoge ab, die sich mit Sascha oder Pedja oder Lazar oder, wenn es sein müsste, auch mit Matrizia zur Durchführung eigneten, und flüsterte sie, während ich im Zickzack um die Viecher sprang, leise mit, Heute schon getankt?; Muss nicht, hab Elektro; Aber schau mal Osim da hinten, der hat richtig getankt; Haha, ja; Apropros Tanken, wo ist Anđelko? Oh, da werden mir die Hinweise nur so in die Öhrchen flutschen! In diesem Augenblick konnte ich kaum stolzer auf mich sein; wenn es drauf ankam, blühte ich erst so recht auf, da war ich fokussiert wie ein Falke, da formten sich in meinem Enzephalon eilends die besten Ideen zusammen. Die Aleja pčela ubica jedenfalls durchhopste ich geradezu und wurde, was mir das sicherste Anzeichen meines Erfolges war, zum ersten Mal nicht gestochen.
Von der Allee der Schnäuzenden Könige kam ich über die Lippenbärstraße in die Gasse der Sprechenden Blumen und pustete die Schatten der Revoluzzer von den Binsen der Vorgärten, wie schwere Sargdeckel hatten die sich über sie gelegt und wie fliegende Teppiche zogen sie davon, Bolde der Bosheit, die zu verjagen man niemals müde werden durfte, worüber sie auch schwebten, allerorten musste man sie vertreiben mit dem Hauch der göttlichen Gunst, der einem wie von selbst aus dem Mündlein schlich. Und sogleich erhoben die Eriken und Funkien ihre Häupter wie Haselwurz und Pfeifengras, Purpurglöckchen und Frauenmantel, Tränendes Herz, Lavendel. Ich biete diese vergleichsweise harmlose Allegorie für students in den ersten Semestern an, um an ihr das eine oder andere Wesentliche zu exemplifizieren, für weitere Hilfestellungen kontaktiere man das Zentrum für Vertrackte Lappalien (ZVL), ich für meinen Teil muss an dieser Stelle meinen Bericht fortsetzen, muss ja sagen, wie ich von der Gasse der Sprechenden Blumen in die Chaussee der Chauvinisten übersetzte, erst mit dem linken, dann dem rechten Bein, was ich übrigens für jede weitere Einbiegung beibehielt, links vor rechts, das ist mir ohne elterliche Beihilfe bereits als Kind klargeworden, & mit welchen Eindrücken ich besagte Chaussee durchquerte, u.a. mit folgenden: das Viertel der Vorgärten grenzt verblüffend prompt ans vorstädtische Viertel mit diversen zweidreivierstöckigen Häuslein, die noch nicht Platte, aber schon lustlos steinern sind, geometrische Skandale mit waghalsiger Dämmung, abbröckelndem Putz und kleinen weißen Gardinchen vor den Fenstern, als trügen sie Lätzchen, summa summarum eine trostlose Ecke, in der zu hausen mir immer purgatorisch vorkam; zu viele Nachbarn, um still und in glücklichster Verlassenheit zu leben, zu wenige, um in der Anonymität zu verschwinden. Warum gerade dieser Müllhaufen an geistlos geformtem Stein an die Ehre der Chauvinisten erinnern soll, ist mir schleierhaft. Diese dörfliche Anmutung, aber ohne die Idylle, nur arm und verschissen, scheint mir aus gebietsmorphologischer Sicht blamabel zu sein, ein territorialer Topflop, eine raumkonzeptuelle Schlappe, ein städtebaulicher Griff ins Klo, summa summarum. Etwas Gutes aber gibt es an dieser Ecke, insbesondere der Chausee, nämlich führt sie so ca. geradewegs ins Nest, und wenn ich geradewegs sage, meine ich so ca. ungeradewegs, denn einige Kehren und Windungen hat man schon zu bewältigen, mal hier lang, mal da lang, durch bisschen Wald, über bisschen Wüste, durch bisschen Meer, über viele Berge, aber dann ist man so ca. direkt am Nest. Allerlei Vögelchen hatten mir auf dem Weg hin mit ihren Schnäbelchen mein ersonnenes Outfit angelegt, mit ihren Krallenfüßchen meinen Schnäuzer drapiert und die Wimperntusche aufgetragen, und restlos gedressed fiel ich ins Nest.
Wie von den fetten Pratzen der Traute geschubst droppte ich in die rauchgeschwängerte Hurenhütte, hatte gleich wieder den fauligen Geruch im Näschen und keine Sekunde drauf schon im ganzen Körper, probierte auf dem Weg zum Tresen mal den Tölt, mal den Stechschritt und hauchte Florence Hunnicutt, während ich mich ebenso verstohlen wie vergebens nach meinem Mantel umsah – ein Wort dazu verlor ich nicht; je empfindlicher die Ohnmacht, desto gleichgültiger tue ich; ein behavioristisches Überbleibsel meiner frühesten Tage -, meinen souhait de boire ins mehr oder minder erwartungsfrohe Face: Einen Kakao, por favor. Als ihr mancherlei Fragen zu meinem Befinden, ihrem Befinden, der Lage der Nation etc. einfielen, wendete ich meinen Körper auf dem Hocker flugs ab von ihr hinein ins Nestherz, Dancefloor & Fummelecke, ich wollte meine Gesprächsreserven, die für einen introvertierten Lebemann nur sehr begrenzt vorrätig sind, nicht an die Bardame verjockeln. Nichts für ungut, Florence, murmelte ich gerade noch hörbar, aber i bin a man on a mission, verstehst? Sie reagierte dankbar knapp, aber frevelhaft, nämlich mit süffisantem Kommentar zu meiner Montur. Fasnacht, hm? Die homoerotische Dreifaltigkeit, lachte sie. Irgendetwas an dieser Bemerkung setzte mir zu, nötigte mich zur körpermäßigen Umkehr, und als ich ihr fideles Fickface fixierte, war mir nach Predigt: Hör mal zu, Hunnicutt, nichts an einem Dottore ist schwul, nichts an einem Konstablen und schon gar nichts am Heiligen Vater! Aber wenn, so wär es mir auch gleich, mir doch wumpe, wer – Kriege er sich ein, Hohepriester, unterbrach sie mich abwinkend und schob mir das Tässchen zu, und trink deinen Kakao, Babsi. Im ersten Moment fügte ich mich, nippte am Porzellan, züngelte vorsichtig am Nass, bis mir doch etwas, wie vom Innersten und mit voller Wucht, aufstieß: Nein!So musste es getönt haben, als Gott den Dichter abwies, der ihm in der Gestaltung der Welt seinen Vorrang vor den Physikern und Biologen vorschlug. Nein, Florence, deklamierte ich und stampfte die Faust auf den Tresen, nein! So darf man nicht reden, so darf man auch nicht denken, das sind ehrenwerte Berufe, die darf man so nicht entwürdigen! Von dieser Rede hatte ich mir einigen Eindruck erhofft, aber Florence schien gänzlich frei von ihm. Mit erhobener linker Augenbraue und jetzt tatsächlich geballtem Fäustchen wies sie mich zurecht, Alle Vertreter der Macht sind Schwuchteln, Vova, je höher, je gayer. Ich verbrannte mich am Kakao und zuckte mit dem Kopf von der Tasse weg; mir war nach Gegenrede, aber ich oszillierte stumm zwischen Irritation & Entsetzen. Sie trug immer noch das T-Shirt vom gestrigen Tag, und ich fragte mich, ob ich nicht was missverstanden hätte. Aus der naturgemäßen Wortlosigkeit des Schocks heraus trat ich in Diskurs: Meinst du schwul als pejoratives Label mit existenzvernichtender Betonung oder, summa summarum, alsVorzug? Aus dem Spülbecken griff sie sich einen dreckigen Lappen und wischte mit leerem Blick den Tresen. Ob schwul oder nicht, Vova, es sind Schwuchteln. – Aber du kannst doch ein Wort nicht von seinem Ursprung lösen, er trägt ihn doch durch alle Wandlung mit sich. Was haben die Schwulen mit den Vertretern der Macht zu tun? Doch nichts, gar nichts, sie sind am weitesten von ihnen weg. – Gerade deshalb, Vova, sagte sie mit absinkender Stimme, als sei der Talk für sie nun am Ende, und nickte Richtung Fummelecke.
Von da kam mir Kasun entgegen, der sekkante Sascha, der in der Schule sicher nie einen Zahnputzwettbewerb gewonnen hat, und hielt mir ein höhnisches Grinsen vor. Delikates Kostüm, zischte er und setzte sich am Tresen neben mich, lächelte Florence an, Gin, Hunny, und wandte sich dann halb zu mir, links den Ellbogen, rechts den Handballen auf der Platte. Der brave Bürger Wundt und sein Kakao, das Wahrzeichen unserer Gegend, spottete er, nur an den Schnäuzer muss ich mich gewöhnen. Dieses eklige Grinsen, es hatte was Hinterhältiges, und außerdem wurde ich seit der Kindheit nicht mehr von ihm angesprochen, in der Regel lässt er sich ansprechen, und was sollte das mit dem braven Bürger? Natürlich war mir wieder danach, ihm akut eins auf die Zwölf zu geben, aber sofort besann ich mich, trimmte mich durch und durch auf Schmeichelei. Heute schon getankt? fragte ich. Er schüttelte den Kopf, Hab kein Auto, und hielt mir einen gefühlt mehrstündigen Vortrag über Umwelt etc., Ich reite nur. Dann drehte ich mich auf dem Hocker wieder Richtung leerer Tanzfläche, es waren kaum Leute da und fast nur Männer, zu zweit oder zu dritt versprenkelt in den dunkleren Ecken, und in der Fummelecke saß Pedja mit ein paar wenigen seiner Bluthunde auf dem roten Halbrundsofa. Sie hockten in seltsamer Ordnung beieinander, vom Tresen her sahen sie gemeinsam aus wie zu einer Hand geformt, Pedja der Daumen, die anderen die Finger. Jetzt mal ehrlich, Vova, rief Sascha mir halblaut über die Schulter zu, was soll dieser Aufzug? Gründest du eine Clownschule? Im nächsten Moment zuckte ich zusammen, Florence hatte plötzlich die Musik angestellt, Fischia il vento, und während ich noch vor Schock zweidreimal kräftig blinzelte, sah ich auf Pedja, wie er den anderen zuhörte und die Lippen zum Text mitbewegte, es schien unwillkürlich, als würde er es selbst gar nicht bemerken, zu vertieft in die Worte der anderen blickte er drein. Hab hier nachher einen Auftritt, gab ich Sascha als Antwort, bisschen unbedacht, denn bislang war von einem Auftritt nichts geplant, ich hatte keine einzige Nummer im Repertoire und außerdem niemand sonst davon unterrichtet. So? fragte Sascha, einen Auftritt? Dann sprach er Florence an, Weißt du was von einem Auftritt? – Nein, mir hat niemand was gesagt, aber wer weiß, vielleicht hat er die eine oder andere Sensation im Gepäck, dann feixten sie beide wie zwei würdelose Hurenböcke.
Wenn man dem Spott was an die Hand gibt, kann man sich nicht wehren, indem man auf große Ignorance Tour geht, mit den Äuglein, die sonst alles mit innigem Ernst einfangen, an den Spöttern vorbeischielt, als gäb es sie nicht oder immerhin in der eigenen Welt nicht, im eigenen Kopf und im eigenen Herz nicht, weil, das kauft einem ja keiner ab, niemand glaubt einem die Seelenruhe, wenn man wie ein Papagei gekleidet oder auch nur geschminkt ist, ein geschminkter Mensch in unserer Gegend, ob Gebärmutter oder nicht, neigt zur Hysterie, während derselbe Mensch unter Naturvölkern als die inkarnierte Seelenruhe schlechthin gelten kann, über den niemand spotten würde, nasprotno, ehrfürchtig würde man ihm folgen oder vor ihm knien, hier aber, im naturwidrigen Nest vor Kasun mit seinem Glas und Florence, die ihre Hand wie eine Adlerklaue in den Lappen krallte, blieb mir nur, mich zu verdrücken unter einem Vorwand, der selbst den gemeinsten Tratzbatzen der allervertrauteste ist, vulkanisches Lodern im Blasenhals, und nachdem ich einmal schwer auspustete, bat ich die beiden, die jetzt still und ausdruckslos die Leere anvisierten, weil sie außer meiner Kledage wohl nichts zu reden hatten, um Vergebung für meine folgende Absenz, die ich für die Transition des Kakaos in die Kanalisation gebrauchen wolle. In zugigem Gang, mit starrem Blick, weil ich unter andern gern den Eindruck mache, in was Wichtigem eingespannt zu sein, schritt ich das braune Linoleum der Tanzfläche ab, mittig zwischen Bühne und dem Tisch von Pedja samt seiner Koterie, von der gerade Gelächter ausging, um knapp vorm Eingang wie ein Geist hinter der schwarzen Tür zum Keller zu verschwinden.
Die granitgrauen Fliesentreppen hüpfte ich wie ein behindertes Känguruh hinab, als wär ich ernstlich angespornt gewesen, bis mir im ungefähren Verstande des Wortes ein Licht aufging, nämlich das elektrische, das nur ein Menschenfeind erfunden haben kann, so lästig sticht es einem durch die Augen ins Gehirn. Es macht einen blinder als die Dunkelheit, und anders als diese ist es der wahre Kontrast zum Tageslicht. Elektrisches Licht alarmiert ununterbrochen jeden einzelnen Nerv im menschlichen Körper, und wie ein Imperator kennt es keinen Zufall, alles in ihm verliert in der Tat auf Knopfdruck seine Natur als möglicher Glücksfall, es dient nur dem Nutzen und nie der Schönheit, es macht alles hässlich. Vor allen Schicksalsschlägen und neuronalen Inhibitionen ist es das eigentliche Fundament jeder Depression. Am liebsten hätt ich es wieder ausgeschaltet. Aber wer dann nachgekommen wär, hätte mich für einen Aberwitzigen halten müssen. Um etwas ausharren zu können, stellte ich mich nicht an ein Pissoir, sondern verkroch mich in die äußerste Kabine und probte auf dem Klodeckel das Konzept der Sesshaftigkeit. Dumpf erscholl von oben Katyusha, und während ich leise mitsummte, drang von draußen einer ein, wie ein Hieb, mit derbem Schritt ans Pissoir. Ächzend öffnete er Gürtel und Hose. Aus der Kabine war nicht zu entscheiden, ob er sich Zeit ließ oder schwertat. Ich verstummte, und aus einem Reflex, der mir gleichso erklärbar wie unerklärlich war, verstummte mein gesamter Körper gleich mit. Als dürfe ich nicht ertappt werden, atmete ich lautlos mit offenem Mund und regte sonst nichts an mir. Der Hurenbock an der Schüssel furzte, bevor er pisste, und stöhnte auf. Mich hat diese männliche Unbefangenheit auf öffentlichen Klos immer eingeschüchtert, wenn man die Einschüchterung wiederum zerteilt in zwei vergleichbar große Anteile von 1) Faszination und 2) Anwiderung. Ich lauschte seinem robusten Strahl, als würde ich von ihm durchschossen, und starrte so ca. gelähmt auf die Kabinentür; sie war beschriftet, mit einer Kack- und Wichsliste, daneben Telefonnummern. Zum ersten Mal, seit ich hier verkehrte, erregte es mich nicht. Mit rohem Stoß, als der fremde Pisser noch Hose und Gürtel schloss, sprang erneut die Tür auf. Ein Nächster, der den Raum augenblicklich zu einem öffentlichen machte. Unterm rauschenden Lauf der Pissoirspülung, unterm tösenden Knirschen der Schuhe hob ich sachte den Klodeckel unter mir an, lehnte ihn behutsam an den Spülkasten und schob, ohne den Reißverschluss zu öffnen, mühselig die Hosenbeine an den Waden runter. Hat Pedja dir Bescheid gegeben? fragte der eine, während ich mich unhörbar auf der Klobrille niederließ, Socho reitet uns später hin, sagte der andere, der umgehend in eine der Kabinen ging. Mir waren beide Stimmen nur so ungefähr vertraut, allein am Ton konnte ich sie keinem zuordnen. Ohne sich die Hände zu waschen, verließ der Erste das Etablissment, und schon wollte ich gleich drauflos pissen, aus dem komischen Gefühl heraus, ich würde dem Verbliebenen was vorlügen, harrte aber weiter aus, wollte nämlich erst schauen, was sich bei dem ergab, ob es schnell ging oder dauerte. Er pisste, bevor er furzte, dann seufzte er und blieb zunächst ruhig, hatte wohl was Größeres vor. Dem, dachte ich, könnte ich mich bemerkbar machen. Was er mit dem andern besprochen hatte, war ja nichts Konkretes, enthielt keine nützlichen Informationen, kein Was noch Wie, kein Wo noch Wann, aber es ist eine stille Abmachung an diesem Ort: weder kackt noch pisst, noch wischt man zeitgleich, so sieht der eine sich im verletzlichsten Moment nicht im Tun des andern gespiegelt. Und je länger ich außerdem totenstill auf dem Deckel stockte, desto schwerer wurde es, mich doch als anwesend zu outen. Nur wurde es auch immer unmöglicher, wie angewurzelt dazuhocken, denn sobald man sich auf physische Lähmung verpflichtet fühlt, drängt es einen erst recht zur Regung, zu einem Zucken bloß einzelner Gliederchen, ein somatischer Trotz gegen die abgeklauselte Paralyse. Also wollte ich, von oben Nazad im Ohr, die leibliche Versteinerung zu dem einzigen Zweck nutzen, dem sie neben meiner Imperzeptibilität dienlich sein konnte, zum Denken, das freilich einer eigenen Positur bedurfte, des auf dem Handballen gestützten Kinns. Als ich mich aber vornüber beugte und meinen Ellbogen auf den Oberschenkel stemmte, rutschte die Klobrille, auf der sich mein Oberschenkel leicht verklebt hatte, knapp aus der Passung, und wenn auch wie von Gott persönlich gedrosselt, ertönte dennoch ihr Aufschlag aufs Porzellan, ganz leise, kaum hörbar schon für mich, wie erst für den andern, zwei oder drei Kabinen weiter. Und dennoch erschrak ich, lauschte in die Stille hinein nach Indizien, ob ich bemerkt wurde, wenn mir auch nicht klar war, wie solche Indizien hätten beschaffen sein sollen. Vielleicht eine Bewegung des andern, als natürlicher Impuls auf ein Geräusch, oder im Gegenteil eine vielsagende Stille als selber Impuls. Dann Erleichterung; er ächzte, gleichschon nichts kam; einer dieser ergebnislosen Versuche, die ich von mir selber kannte, die mit weitem Anlauf und energischem Ansporn nur zu einem oralen, aber nicht analen Ausstoß führen. Und plötzlich, obwohl bis dahin nichts gedrängt hatte, fühlte ich selber was wachsen im Schlackdarm. Was habe ich nur, dachte ich, für einen ideenlosen Arsch, dem mit Buchsen runter nichts anderes einfällt als zu kacken. Aber jetzt gerade, als ich vom oberen Stock Mitraljeza vernahm, durfte es nicht sein. Den in der vorderen Kabine musste ich noch abwarten, das war klar, und es gab einen erbitterten stummen Fight zwischen Brain & Ass, Ratio & Emotio, Logos & Mythos, Brain tendierte zu Frege, Ass zu Blumenberg, Final Fight zwischen den Konzepten Stellungs- und Bewegungskrieg, diverse Blitze flogen zwischen Rima ani & Neokortex hin, her, hin, her, bis es beim andern mit einem Mal flutschte, Tschtschmachte es mit einem knalligen ersten Tsch und einem hauchweise sanfteren zweiten, das länger austönte, er war eindeutig was losgeworden, hatte der Schüssel sein Anliegen überbracht, einen steinartig fallenden, steinartig aufprallenden, wohl auch absinkenden, vielleicht sogar steinartig verdichteten Stuhltrumm, vorm Ausschiss bereits formvollendet, was auf einen fleißigen, unphlegmatischen, entscheidungsstarken Darm schließen ließ, und dann ging alles ganz rasch, die Perforation des Papiers, der einmalige Aufschlag der Klobrille, während er wischte, dann schon die Spülung. Das Wischen schien mir bei ihm nur eine Art Förmlichkeit, eine Versicherung an mich, falls er mich wahrgenommen oder für möglich gehalten hatte, oder auch nur ans eigene Gewissen, die Sitte zu wahren. In nahezu einer Bewegung, so kam es mir vor, zog er die Hose hoch, schloss sie und öffnete die Kabinentür. Und noch bevor die Spülung ganz abgeklungen war, war der Hurenbock schon aus der Tür und nahm die Treppe rauf, ohne sich gewaschen zu haben. Oh, dieses warme Gefühl, wenn der Vorletzte ein öffentliches Klo verlässt und keiner direkt nachkommt, wenn man allein zurückbleibt in der plötzlichen Stille: als wär man übersehen worden, während einer Räumung; eine sanfte Verlassenheit, wie im eigenen Heim. Jetzt endlich konnte ich stürzen, was sich in meinen Eingeweiden verdichtet hatte. Was sich dann aber zur Niederkunft entschloss, war in Umfang und Güte enttäuschend oder wahrlich Ausdruck einer ärschlichen Langeweile, gemächlich aus dem Gedärm geträufelte Köttel, platsch, platsch, platsch, ein trotz Anspannung ehrgeizlos bröckelnder, poco a poco ins Nass stiebender Arsch. Und als ich, während oben gerade Na juris! ausklang, den Rumpf halb anhob und die Wirbelsäule krümmte, als würde ich mich wegducken, um mit der zur Klaue gebogenen Hand hinter mich zu fassen und das unterdes umgeschlagene Papier, wie Ware über einen Kassenscanner, mehrere öde Male vom Damm über die Furche zum Steißbein zu ziehen, war denn auch kaum eine blasse Spur darauf. Für nichts und wieder nichts, wie es mir so oft widerfahren war, hatte ich die Hosen runtergelassen, nahm aber gleich den Vorteil daraus: Bevor noch ein Weiterer kam, konnte ich mich rasch wegmachen vom Klo, wischte noch zweimal, ohne aufs Blatt zu sehen, riss mir im Aufrichten das labbrige Beinkleid hoch, spülte und eilte hinaus, schnurstracks an den Waschbecken vorbei.
Oben an der Treppe zog ich die Tür an der lockeren Klinke bedenkenlos auf, wie man generell bedenkenlos agiert, wenn man nichts erwartet. Und ich hatte keineswegs erwartet, das Nest plötzlich so voll zu erleben, die Leute formierten sich wie kleine massive Bataillone eng an eng auf der Tanzfläche, an den Tischen, und hätte ich das abgesehen, wäre ich möglichst unauffällig in die Menge geschlüpft, aber so prompt, wie ich aus der Tür trat, fielen die Blicke ruckartig auf mich oder vielmehr mein Outfit und mutierten aus dem Stand zu verblüfften. Hochgezogene Augenbrauen standen Spalier, als ich mich zum Tresen durchdrängelte. Mein auskundschaftlerisches Ansinnen aber war direkt hinüber, denn eine weitere, intensivere Befragung war bei dem Tumult nicht mehr denkbar. Florence schob volle Gläser von hier nach da, Kasun war umzingelt von jungen Rabauken in Lederjacken, und vom Rest der befragbaren Meute war niemand zu sehen. Statt Musik aber immer lauter werdendes Getuschel, und als ich Florence, während ich am Tresen lehnte, schon nach dem Grund fürs selbe interviewen wollte, schlurfte bereits Veselko Marković auf die Bühne, ein Mikrofon in der Hand. Gospe in gospodje, leider, wie ich eben von seinem Chauffeur erfahren habe, fällt unser erster geplanter Act heute aus, Perparim Prifti, Künstlername Nero the Necromancer, erlitt vor einer Stunde beim Schmusen mit seinem Hausmarder einen epileptischen Anfall und erstickte an dessen buschigem Schwanz. Gewiss, natürlich, aber ja doch, wir könnten den zweiten Act vorziehen, durchaus, kein Zweifel, wir würden es tun, nur wenn sich aber jemand fände, aus dem Publikum, der einspränge, oh, das wäre ja der cheiligste Glücksfall, dem wäre aber der feierlichste Aplavz, in Gedenken an den heldenhaften Perparim, nun sicher! Und ich weiß nicht, ob es ein trefflicheres Bild gibt für die Offenbarung eines gesellschaftlichen Naturells als ratlos umherglotzende Erwachsenenköpfe, jeder einzelne auf der Suche nach dem oder der Auserwählten, wenn er es nur nicht selber sein muss. Kreisende Köpfe allüberall! Und ex abrupto, unvermutet wie ein Projektil durch die offene Flanke, rief Kasun plötzlich aus: Volomir! Für einen Augenblick tänzelten die Köpfchen im Raum umher, bis sie mich, alle wie zum selben Moment, am Tresen erspähten, und dann schallte es choral durchs Nest: Vo-va, Vo-va, Vo-va, die Hurenböcke skandierten hämisch immerfort, Vo-va, Vo-va, Vo-va, es war, als spießten sie mich mit meinem eigenen Namen auf, und hilflos hing ich an diesem Spieß und wurde tobend an ihm auf die Bühne geschleudert. Neben mir war Veselko Marković der einzige verblüffte Mensch im Nest, ich war verblüfft, wie sich eine Stimmung ohne meine Zutun derart zu meinen Ungunsten wenden konnte, Veselko darüber, wie er mit mir als Opener eine eindrückliche Show hinkriegen sollte. Wie ich aber spürte er die Unabwendbarkeit, gegen so viel gespannte Meute war nichts auszurichten, und anders als ich, der ich wie ein nasser Lappen neben Veselko stand, ergriff er die Flucht nach vorn: Gospe in gospodje, Ladies & Gentlemen, mit Volomirs Einstieg hat sich soeben ein unvergesslicher Abend angekündigt, ein Event für die Ewigkeit, und schauen Sie sich diesen Paradiesvogel hier an, gospe in gospodje, es kann nur legendär werden, aber, Volomir, hauchte er ins Mikro und wendete sich mir zu, die Hand auf meiner Schulter, was dürfen wir denn heute Abend von dir erwarten, was hast du uns mitgebracht, mein Lieber? Und was sollte ich sagen? Ich hatte keinen Schimmer, mit welchen wohlfeilen Worten ich das gleich folgende performative Vakuum veredeln sollte – was war der zuversichtlich rumatmenden Meute vorjauchzen? Hinten rechts, vom Tresen her, zwinkerte mir Florence zu, und in ihrem Zwinkern lag zwar ein leichter Spott, aber es hatte auch was unerklärlich Warmherziges, wie von einem Großmuttchen her, und aus diesem Gefühl heraus griff ich mir Veselkos Mikro, räusperte erst zaghaft, dann zünftig hinein und sprach so ca. diese oder andere Worte: Veselko, mein Verehrter, mein Konzept für heute Abend – bist gespannt?, er nickte und sah mit dünkelhaft hochgezogenen Augenbrauen einen Moment ins Publikum, Mein Konzept, Veselko, trägt den Titel: Die homoerotische Dreifaltigkeit, dann zog er seinen Rücken leicht nach hinten, um mich in Gänze schauen zu können, dann nickte, dann lachte, dann zwinkerte er und riss euphorisch das Mic an sich. Gospe in gospodje, die Hautabtraktion des Abends, der einmalige Volomir Wundt, Die homoerotische Dreifaltigkeit, here we go! rief er aus, drückte mir das Mikro ins Fäustchen, schnippte die flache Hand zum Gruß von der Stirn weg und huschte unter so ca. tosendem Jubel hinab vom Bühnchen, auf dem ich ohne Vorwarnung schlagartig vereinsamte. Wenn man von unten schaut, zum Act hinauf, kommt er einem ewig weit weg und unerreichbar vor, aber von oben wirkt das Publikum, als würde es einen jede Sekunde erdrücken können. Dessen Anwesenheit hat etwas derart Promptes, dass man ungefähr einen an der Klatsche haben muss, wenn man nicht geradewegs von da oben desertieren will.
Wo jetzt aber, zu Titel & Outfit, die Performance herholen? Eines jedenfalls kann ich sagen, man hat keine Zeit da oben. Jeder Augenblick, den man still für einen Gedanken drangibt, wird zum scharfen Bumerang, der einen wahrscheinlich köpfen wird. Jeder einzelne Moment, in dem man nicht als Operateur bemerkbar wird, zählt einen an, denn in jeder reglosen Sekunde ist es, als würde Gott in ihr aussetzen. Und weil es einem bewusst ist, als würden einem tausend Messerspitzen an die Gedärme drängen, verfestigt sich erst recht die Lähmung, die nicht ohne weiteres weicht, die nur weichen kann durch einen Witz, der das starre Auditorium unvermittelt aufbricht. Nun, einen solchen Witz hatte ich nicht bereit, ich war die Unbereitschaft in Person, die rechte Hand umklammerte steif das Mikro, die linke krallte sich auf Höhe meiner Taille sinnlos in die Luft – vor jedem dieser traumatisch dumpfen Gesichter wollte ich in die Knie gehen. Diese Gesichter musste ich mir aus dem Kopf schlagen, musste unbedingt auf ihren Anblick verzichten und dann irgendwas sagen, ganz gleich was, denn im Reden schindet es sich am leichtesten Zeit. Aber aus einem Impuls, den ich heute nicht mehr erklären kann, der mir im Rückblick wie die Inkarnation des Irrwitzes, schaler gesagt als eine flüchtige Narretei oder, tiefenpsychologisch gedacht, wie eine schamlose Selbstaufgabe vorkommt, leckte ich – endlich doch aus dem Nichts – am Mikrofonkorb, erst nur mit der Apex Linguae, leicht antippend, die Papillen (fungi- u. filiformes) hauchzart an ihm reibend, mit einem Mal aber wie ein Kätzchen vorm Milchtrog, d.h. mit rapide tänzelnder Zungenspitze, und bald sinnlich oder vielmehr wie von Sinnen, mit der Inbrunst eines von seiner Selbstvergessenheit angeheizten Erotomanen, bis ich mir den Mikrofonkorb, wie im Halbschlaf, als Köpfchen eines Dackelwelpen vorstellte und vor lauter Drolligkeitswut flugs in den Mund schob. In diesem für mich auf so okkulte Weise erhebenden wie zugleich erniedrigenden Moment, der sich ebenso für eine Abschlussarbeit an einer Schauspielschule wie auch als Format für japanisches Trash-TV geeignet haben würde, hielt ich einen Augenblick inne, und ein gescheiterer Kopf als der meine hätte sich denselben zur Besinnung hergenommen, meiner jedoch schabte seinen Blick an den Häuptern der Meute entlang (ich nahm es für klug, den Leuten nicht direkt in die Gesichter zu sehen, sondern leicht über ihre Köpfe hinweg), und während mir mittlerweile die Knie schlotterten wie das Netz der Zitterspinne, rastete mein Blick, auf den Schärfegrad schummrig skaliert, plötzlich in einem heimlich funkelnden, unheimlich bannenden, so ungefähr mit weißer Magie arbeitenden Blick ein, der ihn einfing wie eine Mutter ihr vom Wickeltisch fallendes Kind, wie die Kirche den Obdachlosen, er klebte sich fest am bauchigen, lichtsteinig schimmernden Augenpaar Matrizias, die eingeigelt in den hinteren Reihen stand, meinen Mantel um ihren rechten Unterarm gefaltet, und einstweilen so ca. zu lächeln anfing in einer Weise, die mir endlich was wie Zutrauen vererbte. Und mit diesem Zutrauen, während ich von den Körpern unter mir bloß noch die Köpfe zu erkennen schien, als würden sie aus nichts weiterm bestehen, begann ich mit dem Mic im Maul zu sprechen: Gofpe in gofpodje, Wadies & Wentlemen, my name if so firca Volomir Wundt, if habe daf grofe Gluck, Ihnen – LAUTER, herrschte es von drunten, DEUTLICHER, Was redet der Typ da? – und das Mikro endlich aus dem Mund ziehend fragte ich Was ist Freiheit? in die vermutungsweise betröppelte Menge, Oder Wahrheit, hm? Oder Liebe? Na?Da niemand Anstalten machte, zu antworten, ich nehme an aus philosophischer Faulheit, fuhr ich unbeirrt fort: Bloß regulative Ideen, bloß Narreteien aus dem Noankastl — Sinn des Lebens? Diesen moralisch und ästhetisch fruchtbaren Fragen, dragi kurvini sinovi i kćeri, widmet sich der folgende Tanz.Und dann scherbelte ich ihnen nach allen Regeln der Unkunst ein sehr bezauberndes Schrittmaterial vor – paar vor, paar zurück, paar zur Seite, hier mal ein ins Nichts stoßendes Unterbein, da mal ein wedelndes Füßchen -, bevor ich so ca. auf allen Vieren kniete und nach dem Mikro schnappte, das ich mir wie ein Würstchen vor die Flappe hielt und zehnfünfzehnmal wegzog, bevor sie’s zu fassen bekam, derweil ich nach jedem Fehlschlag ausfallender meinen Hintern wedelte, erst spielerisch, sehr bald aber aggressiv, wobei ich knurrte und bellte, zwischendrin versehentlich maunzte und fiepte, ich hatte offenbar leichte Anlaufschwierigkeiten, mich in die Rolle einzufinden. Nur tat ich dann etwas, was man besser nicht tut, wie man auf einer Wackelbrücke hunderte Meter über dem Abgrund auch nicht nach unten schauen darf, nämlich genehmigte ich mir, zweifellos berauscht von meinem Vermögen, in einer noch so waghalsig-nichtigen Idee etwas unabweisbar Wesentliches zu vermuten, einen Blick ins Publikum, in fragende, skeptische, teils weinende, teils nicht weinende, aber auch nicht gleich lachende, meistenteils jedoch angewiderte Gesichter, manche von ihnen farbig beschmiert, manche verpickelt, andere überbrillt, wieder andere naturbelassen, d.h. von jenem aschgrauen Teint überdeckt, den eine ebenso ruhm- wie schamreiche Geschichte (engl. history) als faziales Exempel unserer Gegend fundiert, und dieser Blick in jene gleichso viel- wie einfältige Menge, nun gut, wirkte sich ernüchternd auf meinen Elan aus, das kann ich gerne zugeben. Etwas musste den Leuten gefehlt haben, und weil mir aus Gründen eines erlahmenden Performancefleißes selber danach war, nahm ich an, es sei eine Art Fazit, und genau das gab ich ihnen, auf allen Vieren: Wo ist hier die Freiheit, fragt Ihr Euch, ist es der Köter, ist es der Stumpen, und ich gebe Euch recht, wenn Ihr diese Fragen für sehr gewieft haltet, für unabdingbar sich aus der reinen Anschauung ergebend, aber die Freiheit, was ist die Freiheit, die Freiheit ist doch wohl weder ein Würstchen noch ein Hund, nur man selber ist entweder der Hund oder das Würstchen, nein, die Freiheit, gospe in gospodje, die Freiheit wird in diesem Bilde nur ex negativo offenbar, ich nenne es die Präsente Absenz, das Dasein im Nichtdasein, versteht ihr – denkt an Eure Väter, Eure Kindheit, an Euer Geld, denkt an die schönen Erinnerungen, an eure Heimat, alles irgendwie da, alles irgendwie nicht da. Die Liebe, nicht? Ist es mit der Liebe nicht ähnlich? Man weiß, man liebt, wie man es nicht weiß, spürt es, wie man es nicht spürt, und sind Euch nicht Eure Liebsten am nächsten, wenn sie fort sind? Die Chatverläufe, die Sprachnachrichten, all die Memes und die Bilder von verschmusten Tieren mit dem Untertitel this could be us, s i e sind das Zeugnis Eurer Liebe, sind aber ebenso Zeugnis einer eklatanten Abwesenheit, und das, gospe in gospodje, ist die Wahrheit, der Ihr ebenso nachgeiert wie der Liebe und der Freiheit und die sich ebenso erst im Verlust manifestiert – nicht wahr, ist es nicht so? Meine nächste Nummer wird Euch vielleicht ein eindrücklicheres Bild davon geben, schloss ich meine bewegende Rede und begab mich – bei starrem Blick ins Publikum (jetzt war ich nervlich gefestigt genug für die unverschämte Ansehung auch seiner Fratzen), das in Teilen die Köpfe wog wie zur Reflexion meiner Worte, in anderen Teilen auf Handys schaute und mit tränenden Äuglein Chatverläufe durchscrollte -, in aufrechte Positur, nahm das Mikro erneut am Körbchen in den Mund und breitete meine Arme schlapp aus wie zu erschlafften Flügelchen, die ich, gemächlich erst, wie zufällige Zuckungen, dann plötzlich bestimmter, in rhythmischer Abfolge zu schwingen begann, als würde ich sie zu einer unhörbaren Musik bewegen, und aus meiner Kehle stieß ich dumpfe aber weiche, beruhigende Laute aus, wie zur Einäscherung letzter flackernder Reste jenes Ehrgeizes, das Leben zu verstehen, und ich ging in die Knie, während ich die Arme weiter schwang, und kam wieder hoch und raunte ins Mic, ging in die Knie, kam wieder hoch, in die Knie, wieder hoch, als würde ich das Gewicht der gemeinen Erwartung auf meinem Nacken stemmen, und die Laute aus meinem gestopften Mund formten sich zu einem Fly, Fly, Fly, durchs Mikro aber erklang nur ein um den lateralen alveolaren Approximanten kupiertes Fei, Fei, Fei, und obwohl sich mein Stand, während ich die Crowd ins Nichtige dressierte, immer stabiler, ja beinahe eisern anfühlte, wurde mir selber immer mulmiger, denn zwar verstummte im Laufe meines bahnbrechenden Actings noch der letzte Hurenbock im Publikum, aber in dieser Verstummung lag auch ein Schmerz, eine eigentümliche Verlassenheit, trainierte ich ihnen doch sukzessive das Feedback ab, ihre Körper wurden träger, ihre Gesichter indolenter, ihre Augen immer lebloser, Fei, Fei, Fei, und je mehr ich zu mir selbst fand, desto ferner wurde ich ihnen, desto evidenter der Riss zwischen uns. War das eine notwendige Etappe auf meinem künstlerischen Werdegang, hatte jedes Kunst machende Wesen diese resonanzielle Flaute zu überstehen, war es vielleicht unserer großen Dramaturgin Dorina Csomor ähnlich ergangen bei ihrem Inszenierungsflop Sechs Kühe und ein Melker? Jahrelang hatte sie keine Aufführungen mehr gewagt, bis sie eines Tages mit ihrem Einakter Pferd im Regen auftauchte und prompt wieder, wie es auf ihrem Grabstein heißt, Radost Naroda, Die Freude des Volkes war. Wie sie musste auch ich nun aus dem Steinbruch des Scheiterns hervorkraulen, musste ich die Welt mit ungeheurem Trotz wider meines Fehlschlags verzaubern, und auch für diesen Trotz ward mir Matrizia zur seligen Hebamme, ein Stoß meines Blickes in die Umlaufbahn ihrer baryzentrischen Miene und schon fühlte ich mich in meiner Burleske aufgehoben, wie im Nonsense beheimatet, und mit mehr Verve jetzt, mehr Esprit schwang ich die Arme, ging ich in die Knie, kam ich wieder hoch, und gleich fühlte ich auch, meine Darbietung müsse gekrönt, müsse mit Pomp beschlossen werden, aber einen Übergang brauchte es, der die Leute einbezog, eine chorale Transition, eine kollektive Metamorphose, kurzum, naturellement, ein Quiz! Feierlich zupfte ich mir das Mikro aus dem Mündlein, grinste Matrizia an, die mich spitzmädelig begriente, und versteifte mich stimmlich umgehend in den Ton eines Quizshow-Moderators, der das Größte zu vergeben hat, auch wenn es nichts war. Gospe in gospodje, japste ich die Menge an, während ich meinen verschwitzten Kopf seitlich neigte, die Wurzeln meiner Hände an meinen Brustkorb stauchte, wie toll geworden mit den Fingern zappelte und den Augenlidern zu flimmern begann, Wie heißt wohl diese Figur? Na los, ratet schon, traut Euch!Aber, aber, kein Mienchen verzog sich, kein Stimmchen erhob sich, also nickte ich, denn wenn niemand beitut, muss man sich einen erfinden, einen imaginären Sozius, den man sich als lautlos schlummerndes Unterbewusstsein der Kundschaft denkt, Ja, ja, genau, rief ich aus, Der Schwan in der Dunkelkammer. Sogleich fahndete ich in der Menge nach jenem Strahlen, das ich selbst in mir erfuhr über diese famose Darbietung, jedoch, indessen, nichts da. Die Meute verblieb statuarisch. Oh, welche soziale Depression, welche kommunale Kalme, welche öffentliche Leistungsschwäche hatte ich hier ausgelöst und gleich noch zu therapieren! Beim Anblick solch gemeinschaftlicher Trübsal rammten sich meine Selbstzweifel wie Pflöcke in den aufgeschotterten Boden meiner Nämlichkeit, da rettete mich mein Einfall zur nächsten Figur – eng stemmte ich meine Ärmchen an meinen Körper, von den Achseln runter zur Taille lagen sie fest an, nur das linke Händchen spreizte ich weg, das rechte fasste starr das Mikro, und meinen Kopf rotierte ich mit wieder flimmernden Lidern & offenem Mund und züngelte in die schwere Luft hinein, ungefähr für eine, vielleicht zwei Minuten, bis ich das public pack mit meinen Augen zur Raterei aufforderte und dabei nickte, aber – wieder nichts, kein Laut, kein Räuspern, vereinzelt nur lieblos zuckende Schultern, und in diesem Moment wurde mir klar, wie gotthässlich eigentlich die Gesichter unserer Gegend sind, zumal von Schweiß überfilmt, eine Bande von Primaten, evolutionär gedemütigt. Aber, gut, sollten sie eben aufgeklärt werden. Hase im Eisbecher, hauchte ich ins Mikro und wollte nun eine Nummer wagen, die den Leuten vielleicht vertrauter war, die mit ihren Ängsten etc. spielte. Zur Stärkung nahm ich einen tiefen Blick von Matrizia, dem Körper gewordenen Luftschloss, und sie lächelte und nickte mir tröstlich zu, wie als einzige Beteiligte an meinem Auftritt, während die anderen langsam ihre Arme vor ihren Brüsten verschränkten und teils gelangweilt, teils genervt ausseufzten. Next number es is ein sensation, quiekte ich ins Mikro, das ich mir sogleich zwischen die Unterschenkel schob, um mit der linken Hand ein imaginäres Stielchen mit Blasring in ein imaginäres Fläschchen zu tunken, das ich in der rechten hielt, und mit gar nicht mal so sehr gespielter, schon teils aufrichtiger Wonne pustete ich durch dies Ringchen und, was soll ich sagen, in einem fort strömten die Seifenblasen heraus, in kürzester Zeit hatte ich zwanzig, dreißig von ihnen erzeugt, und wie diese hübsch schimmernden Seifenbläschen über die Bühne schwebten, ließ ich Stiel und Flasche fallen, um in der nächsten Sekunde, die mir in meinem Eifer wie zur selben Zeit erschien, ein imaginäres Gewehr zu greifen und wie zugedröhnt mit Pervitin auf diese Seifenblasen zu ballern, bäm, bäm, bäm, bäm, bäm … bäm … bäm ……. bäm ………… BÄM! Nach der letzten abgeschossenen Schimäre verneigte ich mich vor dem Publikum, als würde es toben, hielt mir das Mikro vors Gesicht und ächzte: Die Kadetten der Träume! Kein Zweifel, ich wähnte mich auf dem Höhepunkt meines Schaffens, und wie das Meiste in meinem Leben war es nichts als Täuschung, vom Rausch in den Irrsinn innerhalb eines Wimpernschlags, die Augen unter mir bewiesen es, Augen von Menschen, die mich aufgegeben hatten, die nichts mehr von mir erwarteten, Augen so tot wie die Fliegen an den Tapeten unserer Gegend. Ich atmete schwer aus, keuchte, schwitzte wie ein Schwein auf der Schlachtbank; mehr noch als die Ballerei hatte mich der ausbleibende Respons erschöpft. Alles blieb still, kein Zuspruch und kein Gegenwort, kein Laut des Protests, sie ertrugen einfach, was aufgespielt wurde, und so hatte das Fiasko doch was Verträgliches für mich, die Erkenntnis: Wenn man nur überzeugt tut, egal was man tut, lassen sich die Leute alles gefallen, ob Ausdruckstanz oder Völkermord. Im Spotlight kann man ihnen alles vormachen, und an diesem Punkt, wenn sie mürbe sind und man selber weiter intensiv bleibt, machen sie einem auch alles nach. Haben wir heute Abend Engel hier? fragte ich, Hurenböcke mit unsichtbaren Flügeln? Wieder sahen sich alle um, als würde jeder von ihnen ausschließen, selber gemeint zu sein. Dann griff ich mir Einzelne heraus, zunächst einen brünetten Buben mit Seitenscheitel, Bist du ein Engel?, und mein Blick stocherte in seinem tranigen Dogface rum, aber er zuckte auf eine Weise mit dem Kopf, dass mir zu ihm nichts weiter einfiel und schon gar nicht der Verdacht, er könne Anđelko sein. Weiter ging es mit einem bulligen Typen in Lederjacke, dessen Nacken so hervorstach, als würde er von der Faust Gottes daran gezogen, Bist du vielleicht ein Engel? Nein?, aber er starrte mich nur ausdruckslos an, Definitiv nein. Also weiter zum Nächsten, einem dürren Bürschchen mit randloser Brille und den schmalsten Augenbrauen, die ich je gesehen hatte, Sag, mein Junge, bist du ein Engel? Und er schüttelte nervös seinen Kopf wie jemand, der nur noch ein Ziel im Leben hat: so ca. im Boden zu versinken, weil er öffentlich befragt wird. Nein, so wäre ich nicht weitergekommen, es waren zu viele im Nest, ich musste anders vorgehen, konträr, nach dem Ausschlussverfahren: irgendwas musste ich tun, bei dem gerade Anđelko nicht mittat, denn ich schätzte ihn als jemanden ein, der sich allem Massentreiben entzog. Zu manchen Menschen hat man einfach eine Connection, die nicht von der Bürde der Bekanntschaft belastet sein muss. Wollen doch mal sehen, schnauzte ich die Crowd an, wer hier ein wahrer Engel ist, und schon flatterte ich wieder mit meinen Ärmchen herum, Fly, fly, fly, vertonte ich hierbei die Schwingungen meiner Seele und nickte animierend in die Menge, Mitmachen, Leute, das hier ist interactive, und ganz plötzlich, als hätten sie in sich die tiefste Grube erreicht, in der jedes Nein und jeder Trotz sein letztes Szenarium findet, in dem man spontan und zwangsläufig zur Affirmation bekehrt wird, weil es doch selbst für den paralysiertesten Körper einen Punkt geben muss, an dem er sich endlich bewegen will, jählings also wedelten die ersten Ärmchen vage in meinem Rhythmus, hoben und senkten sich zunehmend weitere Rümpfe, Die Arme schön ausstrecken, wir sind alle Engel, rief ich mit beseelter Stimme über diesen Triumph aus, Das hier ist das Festival der Engel, dann schaute ich Einzelnen feixend ins Gesicht und nickte ihnen zu, Ja, auch du bist ein Engel, jauchzte ich zum Zwecke der Fraternisierung, Flieg, Engelchen, flieg, fly to the moon etc., und wie von einer Welle ergriffen, turnten nun alle mit, als schwirrte ein Meer aus Möwen vor mir, alle, alle stimmten ein, mit Ausnahme, klar, von Pedja und seinen lederjäckigen Hurenkötern, die ich aber in Sachen Gemeinschaftstanz eh schon für verloren hielt, und auch mit Ausnahme von mio Maltempo, die sich aber, anders als Pedja, nicht reglos und mit der griesgrämigen Miene eines von Gott aus Spaß ins Paradies verschleppten Dämonen verweigerte, sondern die da unten auf eine Weise stand, die ich mir nur als Anspitzung meines Wagemuts auslegen konnte, nämlich bildete sie an beiden Händen Daumen und Zeigefinger zu Kreisen und hielt sich dieselben vor ihre schielenden Augen, derweil sie periodisch ihr Becken kreiste, als balancierte sie einen Trudelreifen an und um sich; Verweigerung und Bejahung verkörperten sich in ihr zum gemeinsamen Werk, das mir als Carte blanche diente: ab diesem Augenblick, spätestens, vielleicht auch frühestens, konnte ich meine madige Seele besinnungslos nach außen rasseln, zum SUMMUS FINIS, dem endigsten aller Enden, dem Ende über alle Enden hinaus, aber trotz meiner viszeralen Ekstase, die darum notwendig florieren musste, verlor ich nicht meinen bleiernen Trübsinn über den Aufschluss, dass sich Anđelko noch immer nicht offenbart hatte. Ich musste die Schlagzahl erhöhen, einen Zahn zu- und eine Schippe drauflegen, auf die Tube drücken, aufs Tempo, aufs Gas, jedenfalls mächtig Radau machen.
Gesang, mehr vibrierend als rhythmisch, fast schon noch sprechend, sanft wie eine Schwester am Bett ihres wimmernden Brüderchens: Wir fliegen, wir fliegen, wir sind ein Schwarm, wir fliegen nach Süden, wir fliegen zusammen, Graugänse, aber ja, auf dem Flug zur Adria, auf dem Flug zum Fraß, wir fressen die Stauden und Gräser, die Kräuter und Raps, wir fliegen, wir fliegen, sind die Staffel der Rhizophagen, hacken sämtliche Flora weg, denn wir lieben das Fressen, wir lieben das Saufen, wir lieben aber auch – gospe in gospodje – die Freiheit, die Wahrheit, wir lieben das Fliegen, fly, fly, wir wahren die Freiheit, sind Freier der Wahrheit, wir fliegen nach Süden, fressen allen alles weg, fliegen fort und fort, mal Graugans, mal Schwalbe, bald Kranich, dann Wespenbussard, wir picken ihnen die Augen aus, im Süden am gerunzelten Meer, wir fliegen, wir fliegen, tauchen ein in die See, wir schnattern, trompeten, tun den Hiesigen weh, wir lieben die Bataille, den sauberen Murks, den Dolch im Nacken unseres Schwagers, die Fut unsrer Schwester – soll Gott uns doch ficken – am eignen Maul, wir fliegen, wir fliegen, fliegen hoch und irre tief, bilden Schwadrone am milchig überschäumten Blau, rattern die Verse unseres Herrn an den Gräbern der Liebsten, bespucken, bepissen die letzten Stätten der Ärgsten, wir fliegen weit, weitweit, in hohen Bögen, tiefen Geraden, wir fliegen, wir fliegen, machen Rast am Weiher in einem verzauberten Wald, rupfen das Reh, das sorglos an ihm nippt, dann feiern wir krächzend am Ufer die Tat, laden alles Getier zu uns an den Schmaus und schrauben aus Spaß uns mit Geheul in die Luft, dann fliegen wir weiter, fliegen bis an die See, mal im lockren Geviert, dann im strengen Karree, wir fliegen, wir fliegen, sind eins im Geflug, und stellen den Ahnen nach, den mythischen Festen, auf der Blutwiese in Buda, dem Kessel in Viktring, dem Amselfeld mit der Gusle und der Schweißscholle von Bleiburg, wir fliegen, wir fliegen, mit gespreizten Flügeln zur Vorzeit, bejubeln die Herren auf ihren weißen Gäulen, von oben herab, von oben herab, wir fliegen, wir fliegen, sind Engel der Nacht, erst Vögel, dann Engel, wir heben ab, sind das Geschwader der Taboriten und auch das der Kelchner, Nachhut der Skythen und Mannequins der Utraquisten, im Sinkflug wie Blitze auf die Leiber der Lausigen, der Schäbigen, der nichtswürdigen Anderen, oh, s i e sind des Fortdauerns nicht wert, sie kriechen, krakeelen, kullern rum wie Steine, Sedimentbröckchen im Ödland, wo w i r fliegen und fliegen, wo w i r aufsteigen ins All, denn wir sind Engel, moji ljubitelji moći, wir fliegen voran, nach dem Edikt des Herrn, wir fliegen, wir fliegen
In der Folge noch ein Gebet zugunsten unserer Heimat, das aber nicht lohnt, hier aufgeschrieben zu werden, und ein paar atemlos gerappte Lines zuungunsten des Devisenhandels und einiger Höhlentierarten, die mir für eine getreue Wiedergabe zu ungenau im Gedächtnis sind. Das Entscheidende ist auch etwas anderes, nämlich wie die Adressaten meiner Aufmunterung begegnet sind, kurzum die crowd reaction, die bloß bewegend zu nennen mir untertrieben erscheint. Alle, alle – mit Ausnahme, nun gut, der Ausgenommenen – segelten mit mir durch die virtuellen Lüfte, in feinster Konkordia flatterten die hominiden Elemente durch die Sphären ihrer Phantasie und gaben der Dichtung den tentativen Primat über ihre Regungen, eine dichte Front aus zappelnden Engeln in verschwitzten Trachten. Wohin noch hätte ich sie fliegen lassen können, in welche Ferne treiben, wäre ich nicht jener peinlichen Kalamität verfallen, die den Triumph unversehens ins Debakel wandelte. Inbilder solcher Wenden gibt es vielerlei, wenn im kosmologischen Sinne auch nur im eng begrenzten Raum irdischer Fauna, frühestens bei Tieren, spätestens bei Menschen. Sobald etwas lebt, wird Gott es düpieren. Denn was lebt, bestätigt und kränkt ihn in selber Zeit. Jedes weitere Lebewesen macht ihn unanfechtbarer, und jedes einzelne beschwört seine Unvollkommenheit. Er muss es also feiern und abstrafen, anders hält kein Gott von ihm geschaffenes Leben aus. Und in einer seltenen und vielleicht nur Göttern und Müttern vorbehaltenen Mengung aus Spott und Zärtlichkeit flüstert er dabei: Soll die Vojska dich necken. Oder etwas in der Art. Der Puma, dem der Sumpfhirsch unter der Abendsonne entwischt, weil ein Schmetterling auf seiner Schnauze absinkt, wird genügend Tröstung dabei empfinden. Ich für meinen Teil habe von dieser Genügsamkeit nichts. Wenn meinem Glücksrad ein Gottstockerl in die Speichen gerät, jaule ich auf, mit allem Dekor. Sei es in diesem Fall auch nur ein inneres gewesen, da ich im Ergebnis, wie man gleich noch nachfühlen kann, keinen Ton mehr aus mir bekam.
Ein stickiges, wohliges Dampfbad – so, in etwa, war die klimatische Beschaffenheit im Nest zu jener Stunde. Und obwohl man nicht von Stille reden kann, um den vorherrschenden Geräuschpegel zu bezeichen, unbedingt laut war er auch nicht, noch heute klingt mir in der Retrospektive ein Ton nach, der ebenso Geräusch wie Ungeräusch war, ein geflüstertes Schreien, ein gebrülltes Summen, im Grunde etwas, für das es in unserer von Dialektik und Binarität geprägten Metaphorik der Weltbeschreibung keine Vokabel gibt. In jedem Falle war es betörend. Wenn man Betörung hier wiederum paradoxal verstehen möchte, insofern ich, pars pro toto für die Menge, und die Menge, totum pro parte für mich, eine Anheizung der innigsten Sehnsüchte, der Zukunftsleidenschaft, des Gestaltungstriebes und im gleichen Moment eine Abkühlung alles desselben empfanden, den Ansporn zu Verkörperung und Auflösung im selben Atemzug, im Nu weltab- und -zugewandt. Die esoterische Terminologie, geheiligt von Hurenböcken der ungnädigsten Art, würde diese kollektive Disposition, diese entrückte Fete der onto-bio-ästhetischen Präsenz, dieses Gebet in corpore angesichts der Wunderlichkeit aller unserer Vorkommnishaftigkeit, liederlich als Trance beschreiben und es damit als Lappalie abwerten. Aber was dort vor sich ging – und daher kann ich es auch nicht schildern, nur beteuern -, war zu lebensgewaltig, auch zu viszeral, um es terminologisch einzukeschern. Es war eben gerade keine Abdämpfung, sondern eine Ermächtigung des Bewusstseins. Na, es war eben was ganz Dolles, und das muss man sich klarmachen, wenn man verstehen will, wie mir schließlich dieses Unglück widerfahren konnte.
Mit ausgebreiteten Armen, nicht wie, sondern als ein aufsteigender Engel, im wahrsten Gebrauche des Wortes beflügelt vom performativ beeideten Gemeinsinn meines, nun ja, Schwarms, oder eher mit halb ausgebreiteten, halb auch abhängenden, leicht angewinkelt halb wippenden, halb schaukelnden, fast schon federnden, aber gar nicht pendelnden, keineswegs baumelnden und erst recht nicht wedelnden, wohl nicht schlenkernden und noch weniger geschleuderten, vielmehr mit vibrierend wogenden Armen sank ich ab in die Hocke und hob ich mich auf in den Stand, sank ich ab in die Hocke und hob ich mich auf in den Stand, und sanken alle andern und hoben alle andern sich auf, eine sich im Gleichklang rührende, funktionell analoge Engelsschar im ambitionierten Trockenflug; ein Rudel Ringelgänse hätte sich nicht harmonischer benehmen können. Und wie ich da auf alle hinabschaute, auf ihre himmelsbejahenden Scheußnisse, ihre flugwilligen Körper, ergriff mich ein Gefühl, das ich selbst als Kind kaum je empfunden hatte, ein eigentlich fremdes und zugleich so vertrautes, in das ich mich endlos suhlen wollte: das Gefühl von Verwandtschaft. Oh, ein Mensch kann meiner Rührung nicht nachspüren, der nicht sein ganzes inneres Leben vornehmlich im Monolog verbringt, der nicht noch sein Spiegelbild wie eine Täuschung wahrnimmt, weil es ihm die Wirklichkeit seiner Existenz vormacht, die seine innere Stimme, wie vom Teufel souffliert, immer leugnen muss und der daher nichts erlebt, nur alles erleidet. Kein Mensch kann das begreifen, dessen lebenslange Sinnsuche nicht nur eine Fülle von Luftlöchern ist, der sich nicht als inverser Sisyphos empfindet, weil er zwar jeden Augenblick lang den scheiß Stein hinaufrollt, aber trotzdem Nein sagt zum Leben, kein Mensch, kein Mensch kann das empfinden, der sich nur einen Moment in etwas um ihn herum annähernd aufgehoben gefühlt hat. Ich wollte da hinein! Und für immer darin bleiben. Endlich wirklich ich werden, endlich wirklich werden in der Obhut der andern. Wird es einer verstehen? Wie von der allmächtigen Kraft des Sehnens angeschoben löste ich mich vom Hartholz der Bühne, ich spürte es in den Knien, wie von Geisterhand waren sie erlöst vom Druck, von der Schwere meines Körpers, meine Arme streckten sich, meine Handflächen wendeten sich nach oben, meine leicht umschuhten Füße hingen herab,und in mir, wie nach einem kolossalen Schiss, wurde alles ganz leicht – wahrlich, ich flog – für einen Augenblick schloss ich meine Augen, atmete langsam aber tief ein, um einmal, in Verkennung meiner physiognomischen Beschaffenheit, den Eindruck der mühelosen Existenz zu enjoyen, dann schoben sich meine Lider auf, und von stiller Vorfreude erfüllt, durch und durch erwartungsfroh blickte ich hinab in die dicht gedrängte Menge, die mich als einen der ihren nehmen würde, als neuempfangenen Associé, als Abgeschnitztes aus demselben Holz, und es war, wie mir schien, ein Sinkflug in den moosigen Schoß einer heiligen Bande, die nun aber, da ich ihre Häupter beinah zu greifen bekam, schon den Saum vorfühlte, in den ich im nächsten Moment absacken würde, drauf & dran war, auf & davon zu sein, also zuckend und hell raunend und mit aufgerissenen Augen auseinanderstob –
Wie ich an diesen Ort gekommen war, lässt sich so wenig sagen, wie man auch den Hergang eines Zufalls nicht im Ernst nachbilden kann, aber als würde ich notwendig dorthin gelangt sein, segelte ich im grellen Sonnenschein gemächlich über eine schmale Straße knapp über dem Grund hinweg, durch ein Spalier von roten Backsteinhäusern, vereinzelten Eschen, Buchen, auch Linden, von Oldtimern, die halbseitig auf dem Trottoir parkierten, von schemenhaften kleinen Gestalten, die sich so ungefähr wie Menschen benahmen, leichte Bück- oder Hebe- oder Wendebewegungen vollzogen, und als ich dieser Art von Umgebung genügend versichert war, schoss mein Blick weit, weit nach vorn, ans schimmernde Ende der Straße, an dem, gleichsam aus rotem Backstein, gewaltige Türme aufragten mit wunderlichen bunten Kuppeln und winzigen, kaum erkennbaren Fenstern, als lohnte es nicht hineinzusehen, als gäbe es ohnehin kein Leben dahinter, oh, wie mich diese Weite ergriff, dieser sich so ungeniert ausladende Raum, als hätte der kleinstmögliche Punkt sein ganzes irrsinniges und auf eine Art unbegreifliches Potenzial im wahrsten Verstande entfaltet, dass er aus dem Allernächsten, aus sich selbst heraus Ferne entwerfen konnte, aber keine langweilige, mit bloß sich selbst auskommende, vielmehr eine gefangene Weite, nämlich gefangen von den Bauten, die zugleich dicht und doch weit voneinander in die Höhe ragten, dicht genug, dass ich es als Gebiet empfand, und weit genug, dass ich eine Phantasie vom Platz entwickelte, worin meine Sehnsucht pendelte, zwecklos ein großes Gelände zu überqueren, die Sehnsucht nach überschüssigem, ungenutztem Raum, aber mehr noch faszinierte mich die riesige, gewaltige Rampe, die sich auf elektrisierende Weise am Ende der Fahrbahn erhob, indem sich dort die anlangenden Autos, von denen es erst wenige, dann auf einmal viele gab, in kleine Raumkapseln verwandelten und ins dunkle All hinaufschossen, und nichts wollte ich in diesem Augenblick mehr, als in Erwartung bestechender Eindrücke selbst von dieser fabelhaften Rampe ins All aufzusteigen, und wie an einer Schnur gezogen reihte ich mich ein zwischen den Autos, die sich nunmehr bloß in den Farben unterschieden, von Modell, Typus, Aufmachung her aber einander aufs Genaueste glichen, und ängstigte mich plötzlich, als ich der Rampe bedrohlich nahe kam, dass es mich wie in einem Looping wieder zurückschleudern könnte und ich orientierungslos, ins Nichts panisch nach Halt fassend, zum Gespött der andern würde oder nicht mal zum Gespött, nur zum allgemeinen Interesse, zu jenem Politikum also, das die Fremdesten zueinanderfügt und bindet, zum frappanten Schmutzfleck auf einem weißen Samtkanapee in leicht pikierbarer Gesellschaft, worauf es in den näheren Kreisen nicht mehr Budden-, nur noch Schmuddelbrooks heißt, und tatsächlich, als hätte es meine Befürchtung erst ausgelöst, ergab sich kein ausreichender Schwung und ich bouncte lasch back, wie schon im Schulsport, wenn ich im Anlauf auf den Bock vor lauter Zweifeln ins Straucheln geriet und den Sprung nicht hinbekam, stattdessen dumpf gegen den Bock prallte und mit dem Kopf schroff vornüberkippte, nur dass diesmal, als ich unwirsch kehrtmache, die Blamage ausblieb, die Schande, der stille Eklat in mir selbst, denn wie von einem gutwilligen Gott geführt kam ich nach kurzem Taumel in einen angenehm festen Halt, der sich gleichso anfühlte, als könne mir auf diesem Flug nicht das Geringste passieren, als könne nichts gegen mich laufen, so furchtsam ich es auch prophezeie, als wären meine Ängste, anstelle meiner Träume, bloß Seifenblasen, und als ich ein langes Mal, das mir wie viele kürzere vorkam, um mich selbst gekugelt wurde, flog ich, als wär nichts gewesen, nunmehr in enger aber ausreichender Bahn, gesichert wie im Cockpit einer überwältigend großen Maschine, die mich fest angeschnallt auf dem Sitzchen hielt, nur eben ganz frei und gerade nicht umbaut von Stahl oder legiertem Aluminium, so frei, wie es im Grunde nur ein Kobold sein kann, der in einen Vogel verwandelt ward, ja, nicht mal ein Engel kann in solcher Freiheit leben, der doch immer angestachelt ist von einem Auftrag, der ihn im Irdischen herumwandeln oder -flattern lässt, auch nicht mal ein Vogel, der vom Hunger oder vom Peer Pressure getrieben wird, nur ein Kobold, in vogelhafter Gestalt, kann in jener Freiheit durch die Gefilde ziehen, mit der ich urplotzenlich knapp über einer Sandbahn dahinflog, links und rechts Pferde in furchtbar gehetztem Galopp neben mir, die, wie ich gleich selbst sah, einem Rotfuchs nachjagten, oder vielmehr die Reiter auf ihnen jagten ihm nach, erst schemenhafte, anonyme, dann mir plötzlich ganz und gar bekannte, Sascha Kasun, Pedja Ćosić, Lazar Biskup und ein paar Weitere, die ich nur den Gesichtern, nicht den Namen nach kannte, alle mit straff überm Pferdrücken gebeugten Körpern wie Jockeys, die mit einem Mal, während sie die immer selbe Parole ausriefen, die mir wie „um einen Diener“ oder „um jeden Dinar“ in den Ohren tönte, nicht mehr parallel, sondern in einer strengen Formation den sich sputenden Fuchs hetzten, der zwar, als wäre es ihm das Natürlichste, flink und souverän von uns wegschoss, der mir aber, eben weil ich auch der Natur der Reiter versichert war, dennoch wie ausgeliefert schien, dem einen hier erzwungenen Schicksal unentrinnbar, und da sich in mir ein undienliches Mitleid ballte, ohne dass es mir irgend absehbar sein konnte, hatte ich mich flugs selbst in diesen Fuchs gewandelt oder, wenn schon nicht unbedingt Fuchs, nur in dasjenige, dem aber gleich dem Fuchs nun von der Reiterhorde eilends nachgestellt wurde, und gleich dem Fuchs wich nun auch ich mit uriger Selbstgewissheit den kleinsten Schlaglöchern oder Stolpersteinen aus, gleich ihm zischte auch ich um mein Leben den Barbaren davon, und gleich wie um ihn bangte ich nunmehr um mich, denn wer mir nachschoss, war geübt im Jagen, hatte sein Leben an die Jagd gegeben, während mein eignes nur fürs Sammeln unnützer Einsichten und noch unnützerer Paras draufgegangen war, und in dieser Konstellation blieb mir, im schärfsten Kontrast zum Wünschbaren, keine andere Aussicht als die, erlegt zu werden, und doch – und ich weiß nicht, woraus das kam – stob und stürmte, sprang und scheste ich den Häschern davon, zwar gewann ich nicht den mindesten Abstand zu ihnen, aber auch sie verringerten den ihren nicht zu mir, und wäre ich in diesem Moment bei Verstand gewesen, hätte ich mir eine philosophische Rede zur Stagnation des gleichförmig Bewegten aufgesagt, aber ich war nur bei Sinnen und diese selbst nur bei der Anstrengung zu flüchten, als ich vor einem sich auftuenden Waldstück plötzlich – oh, wie lieb ist mir die Plötzlichkeit, wenn sie sich einmal auf extraliterarischem Terrain zu meinen Gunsten ereignet, wie ich, was ebenso eine Binse wie die Fassung meines ganzen Charakters ist, alles nur lieben kann, das sich zu meinen Gunsten bewegt – als ich also plötzlich, d.h. in jenem scheinbar letzten Augenblick, da mich in jenem darauf schon die Pranken der Eiferer am Nacken gegriffen haben würden, vor einem Waldstück, das sich gleichviel aus dem Nichts wie aus der Not ergab, hinaufzog und haarscharf an den untern Zipfeln einer feengrünen Baumkrone den Schergen entflog, die sich, wohl weil sie fester in ihren Naturen verankert waren, nicht auch mitwandeln und den weitern Weg ebenso im Fluge nehmen konnten wie ich, dessen Zeit als Fuchs auf Erden mit der selben unvermeid- und unankündigbaren Notwendigkeit zu Enden gekommen war, wie auch alle bisherigen Naturen, in die mich einzufinden ich genötigt gewesen war, immer ein jähes und nicht von mir selbst, d.h. eines auf meine Bedürfnisse spekulierenden Willens, sondern je wie von äußern Kräften bewirktes Ende fanden, und nun endlich weilte ich, über dem Wald letztlich mehr schwebend als ausdrücklich fliegend, wieder in jener vollkommenen Ruhe der Seele, die den Blick aufs Innere hin ganz überflüssig und den aufs Äußere zum einzig erforderlichen und sinnvollen und fruchtbaren macht und mit dem ich die dichten Bäumlein, die wie ein filzgrüner Teppich unter mir lagen, genussvoll schaute, ohne sie im Besonderen zu besehen, ein Schauen, das über die reine Wahrnehmung der Dinge keinem weitern Reiz erlag, nicht dem der Einordnung noch dem einer möglichen Einsicht ins Wesen des Geschauten, ein genügsames Hingucken, ein bloßes Draufschauen auf eine leicht schimmernde Feuchtwiese, die das Wäldchen säumte, auf krautige Weißseggen, deren Blättchen schlaff im lauen Wind wogten, auf geöhrte Blattscheiden & ausgelaugte Spirren von Binsen, die sich zu kleinen Horsten aufbüschelten und wie eine Schar grünbräunlicher Perücken über das Wieschen gesprenkelt waren, auf Stauden und anderes unverholzenes Pflanzallerlei, auf eine eng gestauchte, gar nicht sehr große Herde von bräunlichen Milchschafen, kein Hirte bei ihnen, der sie mit langem Stock beisammenhielt, kein schwarzer magerer Hund, der endlos um sie kreiste, nur ein sinnlos gedrängter Haufen Schafe, hinter denen sich ein milde ansteigender Hügel erhob, der sich zuoberst mit drei, vier hageren Tannen krönte, von denen die kleinste abgeholzt daniederlag, nadellos und wie zum ewigen Schlaf bereit, und der sich nach kaum fünfzig Metern wieder hinab ins Tal abwalmte, in dem ein nackter haariger Greis zu seinen abgegrasten Füßen auf dem Rücken lag und eine übergroße Stachelbeere mit seinen Sohlen rotierte, und vielleicht war es auch keine Stachelbeere im engeren, floristischen Sinne, vielleicht nur eine mattgrüne Kugel mit zuunterst gewölbten und oben spitz zulaufenden Stacheln dran, für eine nähere Betrachtung war ich zu rasch drüber hinweg, und überdies war mein Blick verlockt von der pompösen Versammlung, die sich überraschend wenige Meter weiter auf einem parkähnlichen Gelände ergab, umgeben von hier & da platzierten Laubbäumchen auf einer wahrlich geschniegelten Wiese, ordentlich wie in einem wohl nicht gerade englischen, auch nicht mal französischen und vielleicht nicht mal spanischen, aber wenigstens österreichischen Garten, eine Versammlung wohl von gesellschaftspolitischer Ausrichtung mit nicht zu unterschätzender Sprengkraft, wenn ich nach den bunt beschrifteten Pappschildern gehe, die mit choralem Schimpf in die Höh gereckt wurden: „Keine halben Salben“, „Frühstück für Bluter“, „Liebe aus der Steckdose“, „Frösche auf den Laufsteg“, „Singles in deiner Nähe“, „Furzen wie die Kurzen – Windkraft im Schlafzimmer“, „Tatkräftige Waschfrau gesucht“, „Warum???“, „Grün & Blau schmückt die Sau“ und mancherlei mehr dieser Art, die mich tief betroffen machte, war doch auf jedem Schildchen ein bitterer Vers meiner Lebenskrise ausbuchstabiert, aber auch hier war mir nicht nach näherem Bedenken, auch hier wollte ich weiter vom süßen Wahnwitz der nichtigen Weltbeschau schmausen, mich also in den Wind hängen zur Wanderschaft durch das eine oder andere Lüftchen, mich als Fußnote des Kosmos heimelig am gepuderten Samt der existenziellen Belanglosigkeit reiben, bis mir plotzenurlich etwas hoch & tief Befreudendes ins Kammerwasser einstieg, das zwischen Korpulenz und Zierlichkeit je anmutig pendelnde und von jedem Lichtstoß, aus gleich welchem Einfallswinkel, als Schönstes herausgestellte Eidos meiner Seelenikone, dasselbe nämlich von Matrizia, die sich andächtig zugleich und teilnahmslos am Rande des Protestpulks eingehegt hatte und ihren Blick so absichtslos in die Gegend tat, als wäre es ihr nach den Bedingungen ihrer Vollkommenheit unmöglich, nach etwas Ausschau zu halten, da ja ein Wesen, das sich bereits vollendet hat, nach nichts Übrigem verlangt, es sei denn, unter Ablehnung des Präsentismus, sogar auch des Possibilismus, demnach unter Voraussetzung des Eternalismus, nach dem Erhalt seiner selbst, und noch das Letztere könnte ich ihr ohne Weiteres, d.h. ohne nähere Befragung, nicht im Ernst attestieren, und gar nicht mal so sehr aus dem Antriebe solcher Befragung, vielmehr aus jenem anonymen, der sich allein aus dem Druck eines zermalmten Herzens ergibt und sich seiner Natur nach nicht erklärt, schoss ich rasch hinab, um nichts weiter als bei ihr zu sein, obwohl, so läppisch kann man das nicht sagen, in Wahrheit stand mir ja doch der Sinn nach einer bestimmten Rede, aber mehr einer wirklichen Rede und keiner Befragung, ich wollte mich auskippen und mit nichts beladen, wollte das seit je Drängendste, das unter der Fassade der Faxen, unter den Klamotten der Kalauer, unter der Juxschale unselig Schlummernde endlich von mir geben, es ihr eintrichtern, freilich, aber ja doch, naturellement mit der mordsweich befellten Röhre der Unruppigkeit oder gleich dem Schaumschlauch der Schwärmerei, supersoft & velvety, nur gelang mir die Landung, als würd ich von lausebengeligen Kräften gehindert, nicht directly nearby Maltempo, denn von einer Böe, die klar schon Ruck war, wenn auch der Sprung von gust zu squall wohl noch nicht erlangt war und ich weder snapte noch jouncte, vielmehr zwischen jerk und jolt oszillierte, von einer Böe wurde ich, soll ich sagen: getragen, wohl eher auf oder in ihr, wie an Luftplanken geseilt, ebenso energisch wie hauchzart über den Pulk gepustet, an Matrizia – Matrizia! – unnachgiebig vorbei, beklemmend zum einen, weil ich, was ich am dringlichsten wünschte, nicht bekam, und zum andern, weil eine Kraft am Werk schien, die so wesentlich das Negativ meines Willens war, die ihn im selben Moment, wo er sich auftat, mit einer unmatchbaren Wuchtigkeit hinderte, dass ich mich gleichermaßen sehnsüchtig und ausgeliefert fühlen musste und immer verzweifelter von Matrizia fortgeweht wurde, von fremdem Kopf zu fremdem Kopf weiter weg von ihr, bis ich beinah am andern Ende der dicht gestaffelten Demo-Horde doch auf den Boden absank, endlich nicht mehr Vogel oder was immer, endlich wieder ganz Mensch oder wenigstens insoweit, mit etwas wie Beinen und Füßen, auch wenn ich das am schwächsten empfand, so ca. auf festem Boden zu stehen, für den knappsten aller Augenblicke, denn umgehend wühlte ich mich von dorten durch die Menge, mühsam zwischen dumpfen, schweren Leibern hindurch, Matrizias liebliches Köpfchen mehr im Sinn als im Blick, und wie sich auch jeder überwundene Korpus als bescheidener Triumph ausnahm, so kam ich ihr dennoch kaum näher, stellenweise blitzte ihr geschliffenes Profil in den Nischen des Brüllhaufens auf, nur blieb es je vom selben Volumen, es wuchs nicht, ward nicht größer, es war, als würde ich selbst, indem ich zu ihr hinschritt, sie weiter von mir stoßen, als wäre mir ein Abstand zu ihr verordnet worden, den ich buchstäblich nicht unterschreiten durfte, und so wogte ich vor und doch ab von ihr, und wenn man ein Stichwort dazu haben wollte, könnte es das vom bewegten Stillstand sein, aber es war nicht nur diese Sperre zwischen uns, immer wieder wurde ich, von den Rufen der Leute, auch abgelenkt vom Schleppgang zu ihr, „Milchtüten für Verstorbene!“, „Spielplätze für Pflanzen!“, „Kein Fußbreit den Fischen!“, „Sonnenlicht in der Nacht!“, und mit einem Mal, wie als sei ich von ihnen gemeint gewesen, war ich böse auf diese Dummheiten, fühlte ich eine so tiefe Verachtung für die Schamlosigkeit, mit der erwachsene Menschen auf nichts als Unsinn bestehen, dass mir nurmehr der Drive zur Flucht gegeben war, raus, raus aus dieser Menge, weg von den Leuten, in eine Niemandshaftigkeit hinein, in der ich mich geistig regenerieren könne, und es war vielleicht keine Flucht, weil niemand mich jagte, mehr ein aggressives Entweichen, ein Echappement, ich habe das nicht mehr ausgehalten, konnte keine Sekunde mehr diesen Ernst ertragen, mit der man sich Betroffenheit in den lächerlichsten Verhältnissen attestiert, selbst Matrizia, für die ich immer noch viel Impuls empfand, hielt mich nicht mehr innert der Bande, und wie am Schnürchen jetzt, ohne dass mir auch nur ein Körper zum Hindernis wurde, zog ich mich raus der Masse, mit einem leichten Ärger, ja doch, auch für Matrizia, die sich das offen- oder scheinbar geben konnte, ohne sich vor Gram in Luft aufzulösen oder wenigstens ihre Existenz als gemeine Niederlage zu begreifen, raus, raus, und als ich am Letzten vorbei war, stand ich schon, als wäre ein weiterer Weg nicht nötig gewesen, als hätte es eh nur des Ausbruchs an sich bedurft, auf einer flach geschnittenen, aber sonst ungeblümten und karg bebäumten Wiese auf einem Abhang, wie ich ihn vor vielen Jahren einige bewegende Male mit Hamza Jug hinabgeschritten war, als wir über die religiöse Insuffizienz gesprochen hatten, von der ich früh befallen war, schon in der Kindheit im Grunde, ich erinnere mich noch an die süße Anspannung, mit der ich ihm meine Krux vortrug, Gott für möglich zu halten, ihn hier oder da durchaus annehmen zu können, dass ich sogar mental ganz auf ihn eingestellt sei, ihn aber trotz alledem nicht für gegeben halten oder auch nur eine Sekunde von ihm überzeugt sein könne und mein Glaube mehr ein struktureller oder mechanischer sei, eben weil sich mir kein intimes Verhältnis zu Gott ergab, obwohl ich im Selbstgespräch unablässig auf ihn pochte und oft für mich selber sprach, als gelte das lautlich oder auch nur im Kopf Gesprochene ihm und keinem sonst, und wenn ich auch die Erfahrung einer sozusagen zweiten Anwesenheit gemacht habe – nicht nur in den Selbstgesprächen, auch wenn ich was verbrochen oder Nötiges unterlassen hatte, und wenn es auch niemand bemerkt hatte, litt ich doch wie ein Hund an diesem säuischen Verdacht, insgeheim ertappt worden zu sein -, und dem allem zum Trotz war mir immer, als sei diese zweite Anwesenheit nur eine auktoriale Version von mir selbst, ein übergeordneter Beobachter zwar, aber einer, der nichts Fremdes und daher nichts wirklich Anwesendes aufwies, denn wirklich anwesend, seien wir mal ehrlich, war ich mir nicht mal selbst je gewesen, nicht mal auf meine eigene Anwesenheit hätte ich blind wetten können oder zumindest nicht darauf, ein Mensch zu sein wie die anderen, ein Wesen in etwa, von dem sich gar nichts anderes sagen ließe, in erster Linie, es sei unzweifelbar ein Mensch, zu dieser Gewissheit war ich selbst in meinen kühnsten Momenten nie vorgedrungen, und wenn ich vorgab, von meiner Anwesenheit zu wissen, von meiner verbindlichen menschlichen Präsenz, so hatte ich immer nur den Eindruck der anderen nachgeplappert, ich nahm mich als Gerücht, dessen Widerlegung ich jeden Augenblick erwartete, und wenn ich schon meine eigene Existenz für eine Täuschung hielt, wie hätte ich da Gott für wahr halten sollen, das war unmöglich, das schloss sich nach allen irdischen Logiken aus, und das Gegenteil zu behaupten, hätte mich zum Faiseur gemacht, zum Schwindler vorm unerbittlichen Gerichtshof des Mundus, wozu ich es sicher ohne weiteres hätte bringen können, die Anlage ist ja unverkennbar, aber ich hatte seit jeher Bammel vor den Urteilen der Nachwelt, immer waren sie mein kraftvollstes Motiv für moralische Solidität gewesen, für nichts habe ich mich je mehr hergerichtet als fürs allgemeine Nachwort auf mein belangloses life, wenn ich auch dies Letztere dem beifällig nickenden Hamza Jug verschwiegen hatte, der vermutlich weniger beeindruckt von meinen Argumenten als von der Inbrunst war, mit der ich ihm mein Dilemma vortrug, ich hatte ja aus sabberndem Herzen und mit gleichso zitternder wie fester Stimme intoniert, und so nahm er – Kenner sämtlicher Moralen und Herzensmusiken – meine Reden als Ausdruck einer Geradsinnigkeit, die ihm, wie er sagte, lieber sei als jede Form naiver Nachbeterei, die in sich eine stupende Unterwürfigkeit mit einer unverzeihlichen Gleichgültigkeit verband, eine Lebens- und Denkmanier, sagte er, die in der Geschichte der Menschheit, aber insbesondere unserer Gegend immer in Krieg geführt habe, und dieses Fazit – immer in Krieg geführt – tönt mir noch nach, während ich im Geiste unsere kleinen Märsche den Abhang rauf und runter nachgeh, die ich je mit dem innigsten Eifer tat im belebenden Empfinden, ernst genommen zu werden, auch wenn mir heute klar sein muss, dass man einen jungen Menschen, kid or teen, nicht auf dieselbe Weise ernst nehmen kann, wie er es sich in solchen Momenten vorstellt, selbst wenn man ihm gut ist und Anspruch auf ihn hat, denn zwischen sich und ihn schiebt sich die Erinnerung ans eigene jüngere Selbst und man hört einem bei, dessen letztes Wort noch lange nicht gesprochen oder nur gedacht ist, der sich noch so und so oft Irrtümer eingestehen wird (denen man in der Erinnerung dieses Menschen, weil man ja auch die Eitelkeit nicht überwinden kann, nicht assistiert haben will), an dem es rührend oder vielleicht auch eine Spur enervierend ist, mit welcher Wallung, welchem Elan er die da gesprochenen Dinge für das Finale seines Denkens, ja für die Krönung des menschlich Denkbaren überhaupt hält, auch wenn Hamza Jug, was ihn eben auszeichnet, was ihn auf eine cusanische Weise begehrenswert macht, mir damals von dieser Distanz nichts zu verstehen gab, denn wohl tat er manches mäßigende Wort, manche mit dem gravitätischen Pathos des Pädagogen formulierte Einrede, aber doch immer bemüht, die Illusion der Augenhöhe zu wahren, Abhang rauf, Abhang runter, bisweilen an weidenden Kühen oder Schafen entlang, den Blick manches Mal auf den zertrampelten Boden auf einen Feuerkäfer hin oder eine Ameisenschar, und während sich das Bild vom gütig dreinblinzelnden Hamza Jug mählich in mir abschwächte, befand ich mich leicht unterkühlt (das erfinde ich jetzt aus dem Grunde anschaulicherer Erzählbarkeit, in Wahrheit habe ich keine Temperatur gespürt) auf dieser Wiese und erblickte, nach einem winzigen Moment der Zurechtfindung, der endlich so kurz war, dass auch mein Sinn ihn nicht weiter zergliedern kann, Matrizia an einen schmalen Lindenbaum gelehnt, ein Bein angewinkelt, die Fußsohle an den Baumstamm gestützt, den Kopf leicht vornübergekippt, den Blick – seiner Linie nach – auf die Knie, seinem Ausdruck nach in ein vom Sein ausgefülltes Nichts gewandt, obwohl das vielleicht nur Einbildung war, denn wenn ich mir jetzt ihren Blick vors Auge führen will, so kann ich ihn kaum ausmachen, kann nicht mal mit Sicherheit sagen, wie sie am Baum gelehnt war (oder ob überhaupt), jedoch scheint es mir so, wie ich es hier vermerkt habe, die sinnvollste Positur gewesen zu sein, immerhin musste sie mir ja wohl den Eindruck erzeugen, sie habe gegen Gesellschaft, vielleicht sogar meine, nicht viel einzuwenden gehabt, und auch war sie, was ich nun aber unbedingt beschwören würde, vom Sonnenlicht gestreift, ohne im Besonderen von ihm fokussiert zu werden, will sagen, sie schien matt erhellt und nicht, wovon ich sonst umgehend erdrückt werde, gleich wie die Sonne selbst, und weil mir daneben nichts übriges einfiel, machte ich rasch hin zu ihr oder stand ihr vielmehr unverzüglich nahe, als habe es, da sich kein Hindernis auftat, keines Weges bedurft, und sogleich, ohne weitere Annäherung etwa zum Zwecke der sozialen Prävention, steckten wir schon im Gespräch, wovon ich jedoch den lockeren Plausch, d.h. die unverbindliche Plauderei direkt ausklammern will, denn was wir nun zu sprechen hatten, konnte nur vom allerverbindlichsten Stoffe sein, wonach das Nötigste gleich auch das Wünschbarste war und das Grundlegende zugleich Desiderat, oder: wo Bedrängnis & Sehnsucht zusammenfallen – nein, nicht in der Gefangenschaft -, in der Tiefsee der Geständnisse, darein hatten wir beide zu tauchen, davon hatten unsere Münder zu nippen, und ohne ein närrisches Vorwort zu meinem aufströmenden Ergusse sprach ich drauflos, ungefähr: Matrician, Mullemaus, wetterfühlige Matrizierin, Malefizia, Magic Maltempo, launige Kirmesboxerin und Aufsagerin ungeschönter Unwahrheiten, solide unarischer Plasmahaufen, Lebensverfaulenzerin, Unwerktätige und Bauchrednerin der Sterne, Matrizia – nein, von all dem natürlich nichts, denn wenn einem ein Mensch wie aus demselben Schwamm gewrungen scheint, dann nennt man ihn nicht beim Namen, man duzt ihn, weiter nichts, und vielleicht das nicht mal, und entgegen meiner hier erfundenen Eröffnung ging ich in medias res, so ungefähr: Hast du Jano Juskowiak rangelassen?!, und sie schien mir wirklich zu überlegen oder wenigstens schwieg sie darauf lang genug, dass es mir wie eine Überlegung vorkommen konnte, Ich weiß nicht, sagte sie dann auf eine Art zweifelnd, auf eine Art auch vollkommen gleichgültig, als sei es nichts, worüber ein Mensch ihrer Güteklasse nachdenken oder gar sprechen sollte, und ich, warum auch nicht, gab mich damit zufrieden, ja, nahm unbeirrt eine Diskurschiebung vor, Damals, sagte ich also, während wir leicht abgesetzt vorm Lindenbaum standen und es sich doch anfühlte, als stützte er uns, oder wenigstens mich, sie mal links, mal rechts von mir – jetzt weiß ich es wieder: sobald ich ins Bekenntnis kam (Damals), verrutschte sie nach rechts, vielleicht weil ich nach rechts hin eher vom Wirklichen spreche und nach links hin mehr phantasiere, Damals, setzte ich meine weihevolle Sinnrede fort, am Dan Pobjede, und ich musste gar nicht das Jahr nennen, sie wusste wie ich, es könne nur das eine gemeint sein, als ich mich erst schweigend zu euch gestellt hatte, überrascht in Teilen, dass Sascha, als ich vor euch erschien, nicht prompt von eurem Gespräch ließ – überrascht, aber auch beeindruckt; du musstest wichtig sein -, da sah ich zunächst auf Saschas Gesicht, eben weil er der Vertraute war, aber die Unbeirrbarkeit, mit der er zu dir sprach, lenkte meinen Blick bald auf dich, schüchtern in den ersten Momenten, bisschen verschämt auch – man beglotzt einen Fremden ja nicht ohne weiteres, zumal wenn man sich als Übergangener fühlt -, und natürlich, was soll ich sagen, warst du schön usw., bildschön, meinetwegen, aber das war nicht, was mich besonders erfasste, nein, was mich innig ergriff, war die Intimität deines Gesichts, eines Gesichts, dem ich, stellte ich mir gleich vor, alles würde sagen können, alles was mich betraf, jedes Geheimnis, jeden klammheimlichen, verschämten Gedanken, eines Gesichts, dem ich mich ungeschönt ausgeben könnte, ich sah in die Fügung deiner fazialen Organe, Augen, Nase, Mund etc.,und gleich fühlte ich mich, aber im errettenden Sinne, geheimnislos vor dir, obwohl du – und das war das Wunderliche und ist es bis heute – für mich immer Geheimnis geblieben bist, was auch von deinem Gesicht verhängt wird, nämlich ist es eines, dem man, wo man’s erblickt, die Erlösung zutraut, die eigene kaum weniger als die der ganzen Menschheit, wenn die es denn ernstmeinen würde, mit sich und der Welt, d.h. der Wahrheit, ein Gesicht, dem das Arge, wie in einer liebevollen Behandlung, ausgebeizt wurde, das über die Zeit keinen Ausdruck für den Akt der Verurteilung entwickelt hat, das einen, wenn man von ihm angeblickt wird, zu meinen scheint, wie man immer gemeint sein müsste, von den Übrigen aber niemals gemeint wird, ein Gesicht aber auch, das trotzdem, obwohl es das einer Barmherzigen ist, das allereigenste ist, ein auf andere zugleich wie auf sich selbst gerichtetes, das Gesicht eines Menschen, der sich unablässig selbst bedenkt, ohne sich als wichtig zu nehmen, und als mich Sascha, der mich zwar schon bemerkt, aber noch ignoriert hatte – einem kurzen Nicken nach mir folgte eine starre auf dich gewendete Kopfhaltung -, jetzt doch in seine Situation aufnahm und uns einander vorstellte und du und ich ‚Hi‘ flüsterten, da war schon alles klar für mich, da wusste ich bereits, wie als wär’s mir was Angeborenes, mit keinem Menschen will ich mehr zu tun haben, ab jetzt, als mit dir, und wie als müsste sie es nur beglaubigen, nur einfach testieren, dass es wahr ist, sagte sie Ich weiß, und als ich dann nachschoss, indem ich ihr meine Scheu und meine Komplexe und Inhibitionen detailgetreu schilderte, während sie aber kein einziges Wort über sich machte, da wurde es mir auch endlich klar, die ganze Unanzweifelbarkeit meiner Annahmen, denn nämlich sie hatte, anders als ich, kein Geständnis nötig, sie wusste alles das schon längstens, ich hatte mir die intime Zugetanheit unter uns nicht eingebildet, sie war etwas vom Wirklichen, und wer sich für meine Scheu und meine Komplexe und Inhibitionen interessiert, dem wollte ich meine genauen Worte nachschieben, wenn ich sie nicht, oh heilige Gnade des Oblivionismus, vergessen hätte, aber drei Begebenheiten, Szenarien, habe ich Matrizia, während wir schon nicht mehr am Lindenbaum standen, sondern nachts um den See spazierten, der unter sternenlosem Himmel wie mit Lack überzogen schien, wiedergekäut, 1) den bedauerlichen Vorfall in der siebenten Klasse am Rande des Pausenhofs, der dort von einem hohen, mir seinerzeit unüberwindbar scheinenden Maschendrahtzaun begrenzt wurde, an dem an manchen Tagen die vom Alter gebückte Ardita Leko ihren Einkaufstrolley mit leeren Flaschen vorüber zum Pepco zog, was von den gröbsten der Jungen unter gespieltem Ächzen imitiert wurde, als sich die beiden, Arvid und Flamur, mit denen ich sonst über den Pausenhof gezogen war, um den Kleinsten und Schwächsten, die wie Oasen der Hilflosigkeit auf dem Hof verteilt waren, die unnötigsten und sinnlosesten Dialoge aufzudrängen, die zuletzt immer mit einer unsüßen und mal mehr, mal weniger verkraftbaren Beleidigung als Pointe schlossen, plötzlich um Matrizia sammelten, die mit offenen Augen und zwei weiteren Mädelchen an sich wie eine als Arme getarnte Königin über den Schulhof zog, wie zwei Narren scharrten sich Arvid, der hellhäutige Rotkopf (Vater Puppendoktor, Mutter Dichterin), und der bebrillte Flamur, dessen schwarzes Haar schon im Kindesalter von der Stirn zurückwich (Vater Hundetrainer, Mutter unbekannt), um Matrizia, deren Anblick mir bereits in der ersten Sekunde die unerklärlichste Lebensfreude erzeugte, und ihre beiden Kammerdienerinnen, und traktierten erstere mit Gerüchten zu ihrem Liebesleben, Hat Edber in eine der letzten Nächte deinen Nektar abgezapft?, Hast du dich mit Lutvo in der Umkleide vergnügt?, Stimmt es, dass du Zulko im Kuhstall seiner Eltern abgemelkt hast?, etc., etc., und während sich die Jungs bei ihrem Ulk nichts weiter dachten, sich nur im Vergnügen suhlten, die Frechheiten des andern zu übertrumpfen, bemerkte ich eine Verschämung im Gesicht Matrizias, von der ich damals dachte, sie rühre vom Entsetzen über die Vulgarität der beiden Idioten her, wovon ich mir in späteren Jahren aber die Erklärung machte, sie sei über die ungehemmte Zudringlichkeit an sich erschrocken gewesen, und diese Verschämung, dieses leicht erschauderte Gesicht setzte mir zu, wie sich drin die Iris erst zurückzog, dann bauschte, der Mund sich allmählich auftat, das verpasste mir eins in die Magengrube, aber statt ihr beizuspringen, statt sie aus dieser Attacke zu erlösen, lachte ich drauflos und bei jeder weiteren Impertinenz nur immer hämischer, und wenn man ein Motiv für diese Verfehlung einholen will, dann kann es nur dieses sein, das sich mir ebenso empirisch wie normativ begründete, nämlich war es nicht lang her, vielleicht wenige Wochen, da wir an einem Tag, an dem zwei Klassen zusammengelegt wurden (die Lehrerin der andern war am Abend zuvor, während sie Shining sah, an einem Lachanfall erstickt), im Unterricht von der Lehrerin genötigt waren, nach einer mündlich gelösten Aufgabe den Nächsten oder die Nächste selbst aufzurufen, die Buben ein Mädel, die Mädels einen Buben, und weil nach jedem aufgerufenen Namen entweder verschwörerisch geraunt oder latent gegröhlt wurde, befand ich mich in einer heillosen Klemme, nur nicht Matrizia, dachte ich mir, sag nur nicht Matrizia, aber da ich mich in der Kürze der Zeit nicht für einen übrigen Namen entscheiden konnte – teilweise kannte sie nicht einmal -, warf mein klapperndes Mündlein dennoch diesen Brocken hinaus, Matrizia, und wie ich darauf lebendig begraben wurde, abgeknallt zunächst durch ein langgezogenes chorales Uuuuhhh, beerdigt dann durch ein knappes, aber meinen sozialen Tod vom Provisorium zum Definitivum transferierenden, rabiat ausgetönten a–hA, diese peinigende Zeremonie hatte ich noch in den Knochen, als Arvid & Flamur auf Matrizia einblödelten, und ich wagte es nicht, diese Art von Tod zu reproduzieren, ich w a g t e es nicht, beschwor ich Matrizia am See, wo wir, obwohl wir uns nach meinem Gefühl laufend bewegt hatten, noch immer am selben Strauch standen, den wir schon vor meiner Retrospektive neben uns hatten, ich war feige, 2) den in seiner intimitätsverratenden Wucht weit schwächer ausgeprägten Moment in spätjugendlichem Alter auf dem Volksfest des Dan rada, als Matrizia und ich, was da schon seltener geworden war und sich an einem Abend mit oder unter anderen nur mehr durch wilde Zufälle ergeben hatte, zunehmend aneinanderblieben und uns mählich von den andern lösten und mit einmal am Rande verblieben, wo ich, wie andere auch, vor der Klohütte stand und, wie andere auf wieder andere, auf sie wartete, und während ich so mancher, die wie neugeboren aus dem Hüttchen kam und in Begleitung ins Festinnere zurückstampfte, unschuldig nachsah, bemerkte ich ein Augenpaar, dem es ähnlich erging, ein Junge ungefähr meines Alters, der im nahzu selben Moment meine Tätigkeit entlarvte, worauf wir, in stiller Übereinkunft, dieselbe nun gemeinsam bestritten mit der hinzukommenden Besonderheit, uns nach jedem Girl, das aus der Hütte vorüberkam, anerkennend zuzunicken, nicht – und das muss ich, wie ich von der Politik gelernt habe, bekräftigen – aus den Rollen unsittlicher Taxatoren, bloß aus der Hingabe fürs Weibliche generell heraus, selig erfreut über die unabschreibbare Schönheit des Anderen, die Schönheit also gerade desjenigen, das in uns selbst nicht erzeugbar war, dem wir ausgeliefert waren wie ein Floß den tosenden Wellen des Ozeans, wofür das Nicken, so kann man vielleicht sagen, eine Geste sowohl der Anerkennung einer Überwältigung wie auch der momentweisen Emanzipation von derselben war, und als nun Matrizia hinaustrat aus der Hütte und mich gleich, als gäbe es neben mir nichts mehr, in Beschlag nahm und fortriss, sah ich ein letztes Mal, wie zur Verabschiedung eines Gefährten hin, zum Jungen, der nun, selber mit Blick auf Matrizia, wiederum anerkennend nickte, was ich mir – und hierin war vielleicht eine Art Verrat – auf eine Weise gefallen ließ, als ob kein Zweifel bestünde, dieses schöne Mädchen und ich seien, in der Sprache der damaligen Jugend, ein Pärchen, – dieser Anschein war nicht von mir selber, gleichwohl von den Umständen, an denen ich mitgetan hatte, bewirkt worden, und da wir uns die Minuten, in denen unsere Bekanntschaft schwelte, nicht lautlich verständigt hatten und es einen Bruch dieser Bekanntschaft bedeutet hätte, ihn nun sprachlich aufzuklären über den eigentlichen Zustand meines Verhältnisses zu Matrizia, war es wohl doch unstatthaft, besagten Anschein schlechthin gewähren zu lassen, da ich Matrizia hierdurch auf eine Weise beanspruchte, zu der sie sich nicht eigenmächtig, ja überhaupt, weil sie von derselben nichts ahnte, nicht verhalten konnte, ich hatte sie übergangen in einer Sache, die ich zu nichts weiterm als dem denkbar kurzlebigsten Prestige bloß auskosten wollte, ich profitierte von ihr, während sie dabei allein ihrem physiognomischen Kapital wegen eine Rolle einnahm, für die sie nie vorgesprochen hatte, kurz, ich hatte sie – auch wenn sie jetzt, da ich’s ihr innig einbekannte, nur süffisant lächelte, wie auf einen Frechdachs hin, dem sie nichts übelnahm – missbraucht, 3) nein, die dritte Begebenheit ist zu infam, von der kann ich hier nicht erzählen, das muss, weil es in die intimsten Gefilde zwischen zwei Freunden dringt, unter Matrizia und mir bleiben, und um die Scham zu zerstreuen, die durch meine Eingeweide marschiert, will ich fortfahren: wir waren nun doch etwas vorgeschritten, und durchaus viel weiter, als es mir beim Sprechen vorgekommen war, bis an den Obelisk, der bisschen ab vom See ein schmales, aber dichtes Waldstück eröffnet, und ohne auch nur hinzusehen, las ich schon, was auf ihm steht: À L’ÉTERNELLE MÉMOIRE, Denkmal für irgendwelche irgendwann mal Gefallenen, ein pimmelartig in die Höhe ragender, oben spitzeichelig zulaufender Steinscheiß mit mehreren eingewirkten Kupfertellern, auf denen man die stolzen Visagen nemanjidischer Popstars bewundern kann, von einem Metallzaun umgeben, an dem die mintgrüne Farbe vielerorts bereits abgebröckelt ist, Ich bin jetzt mit Pedja zusammen, sagte Matrizia plotzürlich, aber gar nicht sehr bekennerhaft, mehr wie man jemandem mitteilt, Milch gekauft zu haben, und ich begriff die Kränkung, die mit ihren Worten einhergehen musste, ich sah das Wort K r ä n k u n g ausgeschrieben vor mir, aber ich fühlte sie nicht, ich war ein Farn an einem windstillen Ort, mir fiel kein Einwand gegen diese Verbindung ein, mein Verstand war gemäßigt überrascht, weil er es nicht hatte kommen sehen, aber in meinem Herzen wühlte sich nichts auf, denn die Art, wie Matrizia es ausgesprochen hatte, wies nichts Triumphales auf oder den Anschein, sie habe sich von einer Einschüchterung freigemacht, es war nur eine Information, derer ich offenbar wert war, ich musste mich nicht ausgesondert fühlen, und so gingen wir weiter – ich will noch einmal so zu uns sagen – als Freunde dahin, vom Obelisk schon wieder weit entfernt, eine an sich unbedeutende Straße entlang auf dem Trottoir, eine Straße, deren Einzeichnung auf einer Karte nichts für sie änderte, an ungefähr gleichmäßig geschnittenen – so gleichmäßig, wie es in unserer Gegend möglich ist – Hecken vorüber, eine nichssagende, durch nichts auffallende Straße, eine Straße bloß, die ich in allen Zeiten meines Lebens oft allein abgeschritten war, im Dunkeln eher als über den Tag, hingegeben an verwildernde Gedankengänge, die auf nichts Nennenswertes zuliefen, hunderte, vielleicht tausende Male, die ich auf dieser Straße dies und jenes gedacht hatte, das mir nicht den mindesten Ertrag einbrachte, von dem mir nichts geblieben war außer der Verschwendung von Lebensstunden, die ein nur etwas ehrgeizigerer Mensch mit einer einzigen ambitionierten Tat hätte in den Schatten stellen können, vertane, tote Stunden, die mir indessen – und es muss etwas Paradoxes daran sein, aber auch das fühle ich nicht – keine nichtigen waren, da ich mir selber in ihnen ganz lebendig vorkam, in einer seltsam innigen Weise bei mir war, abgeschieden und demnach erst recht involviert in alles, was so ca. mein Leben oder gerade nicht mein Leben war, und nun ging ich die Straße, unter trockenem, fahlem Sonnenschein, ab mit Matrizia, nicht sehr eng, aber eng genug, um uns als Beigehörige auszumachen, an Hecken vorüber wie an offen einsehbaren Grundstücken mit für unsere Gegend stattlichen, für alle übrige Welt vielleicht lausigen Häusern und wildwüchsigen Gärten, in denen verlassenes Spielzeug, Schaufeln und Eimer und Bälle, von Familiärem zeugte, und zuletzt unter einem kleinen Torbogen hindurch, der allen Beschüssen in der Geschichte standgehalten hat, mit Einbußen, gewiss, der Fassade, und nichts Außergewöhnliches passierte uns, wir gingen bloß so dahin, und falls wir was sprachen, so weiß ich’s nicht mehr, erinnere nur den robusten Eindruck von natürlicher Dringlichkeit, als sei ich am Allerwichtigsten dran, insgeheim fühlte ich einen überschwänglichen Drang zur Hinwendung, als habe alles, was sich in mir ballte an Gefühl und Gedanke, an Aufmerksamkeit, Andachtsbereitschaft, an Sinn und Motorik, summa summarum an Dasein, zu ihr tendiert, und ich fügte mich ganz in ihre Gewalt, in ihre Präsenz, es war eine Inkorporation, ohne dass ich mich selber dabei aufgab oder verlor, sie war wie eine Hülle, eine warme Folie zwischen mir und der Außenwelt
Eeh, irh, ääh, ihf, äeäe, au .. au .. au, au, au .. auu! Wie von einer Pinzette gezogen öffneten sich meine Augenlider. Es hatte was Mechanisches, zugleich aber auch Schlagartiges, wie von einer Not her, die sich nicht im Innern bildet. Und was darauf meinen Blick wenn nicht vollständig erfüllte, ihn wenigstens zentrierte, entsprach ungefähr einer solchen Not; eine kurzhaarig-brünette, hier und da beleibte Frau im weißen Kittel, die mit nüchtern-skeptischem Blick, als würden ihre Augen seufzen, auf mich heruntersah. In ihrer linken Hand hielt sie einen Igel. „Schön, Sie sind wach.“ Offenbar eine Detektivin. Sehr langsam, so ca. in Zeitlupe blinzelte ich einige Male, meine Lider lösten sich immer nur zögerlich von den unteren Augenrändern, sie schienen beinahe drauf zu verkleben, und jedes Mal musste ich mich überwinden, sie wieder aufzukriegen. Es war nicht nur der Schlaf, in den es mich bestialisch zurückzog, vor allem das heimelige Beisammensein mit Matrizia wollte ich mir nicht so abrupt nehmen lassen, das endlich weihevolle Amlebensein. „Nicht wieder einschlafen“, brummte die Frau im weißen Kittel, „sonst muss ich noch mal mit dem Igel drüber.“ Und wenn ich auch nicht gleich begriff, worein ich hier genötigt war, den letzten Wink verstand ich umgehend. „Schon gut, schon gut“, tat ich das alles ab, als würde sich folgend ein Missverständnis klären, „ich bin auf.“ Zum Beweis riss ich die Augen auf und hielt sie übertrieben lange offen. Der Igel, mit dem Bauch auf ihrem Handteller, streckte sich, alle vier Gliedmaßen standen straff von ihm ab. Nachdem von meiner Wachheit genügend Zeugnis abgelegt war, nahm ich meinen Blick von ihrem unerfreulichen Gesicht und ließ ihn weiteres erkunden. „Oberschwester Varvara“ stand auf ihrem Kittel, in roter Farbe über der linken Brust eingestickt. Nun boten sich Fragen an, teils triviale, teils verzwickte, aber zunächst begab ich mich weiter auf stumme Recherche und blickte mich unenergisch durch den Raum: vier weitere Betten, alle belegt, auf den ersten Blick mit älteren Herren, für einen zweiten war ich zu müde.
„Warum bin ich hier?“
„Das wissen Sie nicht?“
„Jetzt gerad, wenn Sie so unverblümt fragen, nein.“
„Retrograde Amnesie, verstehe.“
„Ich verstehe gar nichts.“
„Die Doktorin wird es Ihnen bald erklären.“
„Bitte, ich erwarte kein epistomologisches Seminar, sagen Sie mir doch einfach, warum ich hier bin.“
„Warten Sie auf die Doktorin.“
Als wäre ich bloß eine Plastikverpackung, die man aufreißen und wegwerfen muss, um das Wesentliche zu erhaschen, hatte sie den letzten Satz gesprochen und dabei bereits von mir abgesehen, durchs Zimmer geschaut und einem andern zugerufen, er solle das lassen, Aus!, schallte es zu ihm. Und wie ich gerad meinen Kopf mühsam erhob, um in etwa zu ihm hinzusehen, wandte sie sich nochmals an mich: „Nicht wieder einschlafen!“, worauf ich erneut wie vom Wahnsinn bedrängt meine Augen aufsperrte und nicht ohne Ehrfurcht auf den nun wieder zusammengerollten Igel in ihrer Hand sah. Sie nickte knapp und schroff auf eine Art, als sei jetzt abgemacht, dass ich nie wieder einschlafen würde, und nachdem sie mit dieser letzten Bewegung abgedreht war und die Tür ebenso knapp und schroff hinter sich zugezogen hatte, war es einerseits angenehm, andererseits unangenehm still. Der Fuchs hatte den Hühnerstall verlassen, aber jetzt war ich mit den übrigen Hühnern allein. Mit offenen Augen stellte ich mich tot und wartete einige Minuten ab; als ich sicher genug war, dass niemandem an einer Identitätsdebatte lag, sah ich zu jenem Herrn, der nach Kopfhaltung der Oberschwester von ihrem Ausruf gemeint sein musste. Er scherte sich offenbar nicht um ihre Worte, denn bereits knabberte er wieder mit den Zähnen etwas Tapete von der Wand.
Natürlich, ich hätte wieder einschlafen können. Hätte mich zurückduseln können zu Matrizia, wenn nicht an den See oder auf die Straße, dann woanders hin, Hauptsache mit ihr. Aber der Igel, nun ja, hatte Spuren hinterlassen. Ob auch sichtbare, war noch nicht zu sagen, aber er hatte wie eine Akupunktur gewirkt, irgendwelche scheiß Meridiane freigelegt, was weiß ich. Immer wieder schloss ich die Augen, entkrampfte meine Lider, stellte mir abseitige Bilderchen vors innere Auge, zu denen sich kein ernstlicher Gedanke ergab, aber das finale Absinken gelang nicht. Nach zehn, fünfzehn Minuten, vielleicht zwanzig, gab ich es auf und fand mich mit der bodenlosen Blamage meiner Wachheit ab. Oh, es gibt im Leben nichts Perverseres, als aufzuwachen – und zwar egal wie, egal wodurch, das Aufwachen selber ist der Skandal. Niemals, nicht mal im luzidesten Traum, entwickelt man den Wunsch, aufzuwachen, und aus gutem Grund nicht – nirgends als im Traum fühlt man sich mehr am Leben, und nirgends aber muss man weniger dafür tun, nirgends ist man unverbundener mit Pflichten, gefühlten oder tatsächlichen. Sobald man wach ist, fühlt man gleich die Bürde alles kommenden Lebens auf sich, nicht nur bloß des anbrechenden Tages. Im Laufe der übrigen Stunden mag sich die Bürde weniger belastend anfühlen, weil man abgelenkt wird von Aufgaben, Tätigkeiten, manchmal sogar Freuden. Aber im Augenblick des Aufwachens prangt sie felsenschwer am Herzen. Nichts fühlt sich dann anstrengender an als da zu sein. Es wird abgeschwächt, geb ich zu, wenn man im Spital liegt, aber in den Traum zurück will man auch dann. Ins Gefühl dieser einmaligen, unhinterfragbaren, auf eine Art stressenden, aber doch anstrengungslosen Dringlichkeit. Weil im Wachsein, wenn man noch nicht abgelenkt wird, alles öd, alles fad ist, was es im Traum niemals ist. Im Traum pausiert man nicht, nie von nichts was, immer muss man, immer hat man was zu bewältigen. Sicher, das Vokabular ähnelt dem, das man dem bürgerlichen Leben draufzieht, aber der Stoff ist ein anderer, die Atmosphäre. Im Leben ist die Pausenlosigkeit bestialisch, sie verschnürt einen, und sie ist so grausig, weil alles doch mal ein Ende findet, das auch im Traum immer wieder droht, aber nie eintritt – oder nicht als Tod. Im Traum fühlt man nichts als ein Immerweiterimmerweiter, man ist gehetzt, aber so bei sich, wie man’s im Leben nur in Situationen ist, die man ganz für sich selber und für niemand sonst bestreitet, also barbarisch selten. Im Leben meint man sich von allen Erfordernissen zerklüftet, im Traum von denselben in sich geballt, verdichtet, in eins. Der Tag ist ein Marathon, der Traum dagegen ein Sprint, der sich wie eine lange, unnachahmlich bewegende Reise anfühlt.
Manchmal, wenn ich mit mehreren Leuten in einem Raum bin, ohne dass einer was sagt, muss ich lachen. Es ist dann, als würde sich das Schweigen der andern in mir aufbauschen zu einem gewaltigen Witz, weil ja doch was Verqueres dran ist. Im Spitalbett war’s anders. Ich war froh drum, nichts äußern zu müssen, die Stille lag wie ein wollenes Leinentuch über uns ausgebreitet. In anderen Lagen, auf der Straße, im Bus oder im Café, im Pepco oder vor allem im Nest, sind einem Menschen oft näher als im Krankenzimmer, man streift ihre Arme, kann ihre Parfums riechen, aber da jeder in der Regel auf einem Weg ist, auf einer noch so läppischen Tagesmission, in einer Episode seines Alltags gefangen, ist man ihnen ungleich ferner und hat daher die Freiheit, Einzelne etwas zu schauen, ihnen beim Erledigen der Dinge momentweise zu folgen, und so kann man einen Gedanken zu ihnen fassen, ein Fazit ihrer Erscheinung, in solcher Menge ist man den Anderen anonym. Im Krankenzimmer ist das unmöglich. Dort wird jede Regung registriert, in keiner noch so klammheimlichen, stillen Bewegung bleibt man ihnen verborgen, und wenn man nicht in noch nähere Fühlung mit ihnen geraten will, muss man alles vermeiden, das als Kontaktaufnahme gedeutet werden kann. So lag ich nur da, die Augen überwiegend geschlossen, und wenn ich sie für Augenblicke doch öffnete, sah ich nur an die Decke, bloß nicht auf irgendwen hin.
Dann aber – und ich muss an dieser Stelle den Begriff der Epiphanie einführen, denn wie in diesem Moment, und zudem noch wie aus dem Nichts oder, weil ich es auch hier leugnen will, doch aus einem Etwas, das sich unter meinen Sinnen sammelte, hatte ich nichts im Leben jemals begriffen und hatte ich aus nichts jemals Begriffenem solche schwerwiegenden Folgen zu ziehen die Absicht empfunden – dann also ließ ich mich von der Eingebung geradezu hinreißen, dass ich ja doch nicht, wie ich es unbedingt gefühlt und mir auch für alle Augenblicke meines Lebens immer gewünscht hatte, als Privatperson dort zugegen war, d.h. lag, sondern in einer Funktion, naturellement als Spion, und dass ich in einer Funktion nur die eine Pflicht, das eine Lebensrecht habe, ihr zu entsprechen. Rumliegen, mir nichts dir nichts, war nicht drin. Auch im Liegen noch kann man die Welt manövrieren. Zumindest das bisschen Welt, die um einen herumliegt. Und wie als wäre es ein Gesandter meiner Anwandlung, ebnete mir das Niesen meines Bettnachbarn den weiteren Weg. „Gesundheit!“, gab ich zu jenem unaufschreibbaren Protokoll des Lebens, das man eben deshalb Alltag heißt, da es nun alle Tage geschieht und keine kosmische Mutation, keine Neuerung der kommenden Tage zeitigt. Ordnungsgemäß erwartete ich eine wenigstens mühsam gemurmelte Dankung, wurde aber enttäuscht, und als ich, meinen Kopf leicht anhebend, doch herübersah, band ich meinen aufkeimenden Ärger übers ausgelassene Danke umgehend ab. Der Herr hatte im Schlaf geniest. Und wie mein Kopf, der sich im übrigen geschoren anfühlte, schon einmal gelüpft war, traute ich mir auch einen gemächlicheren Rundblick durchs Zimmer zu und nahm hierbei gleich eine Neuigkeit in mein Informationsdepot auf: Der Bursche gegenüber, neben dem Tapetenbeißer, kam mir bekannt vor, und je klarer sich seine Identität in meiner Vorstellung fügte, desto ehrfürchtiger rückte ich vom Ausdruck „Bursche“ ab, denn, moj Bože, da lag der zwar sehr verändert wirkende, nämlich verglatzte, schwer atmende und trübsinnig an den Plafond starrende Körper, man halte sich fest, von Humbert Holm. Joj hopa, damit war hier nicht zu rechnen, wobei mir eh die Eignung fehlt, auf oder mit Menschen zu rechnen, was ich aber, weil ich mir über die Pros & Contras meines Wesens wohl im Klaren bin, keinem von ihnen anlasten will, sondern allein meiner gesellschaftlichen Rechnungsschwäche, meiner dyscalculia in relationibus socialibus, wenn man versteht. „Gesundheit“, wandte ich mich nun an den traumatisiert dreinblickenden Humbert Holm und stellte zur besseren Identifikation meinen Rücken auf, „ist nun das Wichtigste, n´est-ce pas ?“ Auch er aber, und mit wohl viel weniger Recht als der vorige, schwieg zunächst auf meine seelenvollen Worte, und weil ich mich aber, immerhin mochte sein Blick von Tieferem als meiner Lage künden, nicht pampig verhalten wollte, zumal es nicht irgendeiner, sondern immerhin der Druide unserer Gegend war, Humbert Holm, der Leidensflüsterer, der Seuchenrecke, Kämpe gegen Infekt und Siechtum, zwinkerte ich obendrauf, als nähme ich seine Lautlosigkeit als Zeichen der Vertraulichkeit, und benahm mich gegen die Stille sehr gehörig, indem ich aufs Fenster hinsah und so tat, als gäb es nichts Schöneres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein. Einzelne Wölkchen, gruppiert und geformt wie eine Entenfamilie, zogen dahin wie die Zeit, von der ich mir immer weniger versprach, und als ich meinen Anlauf schon versanden fühlte und ihn abtat als einen der unzähligen, rupfte ihm die mir nun schon nicht mehr peinliche Stille ein Geständnis vom Gaumen: „Gesundheit ist Utopie – ein nötiges Hirngespinst, um eine Gesellschaft zu kuratieren, um sie in Gang zu halten, ein dämonisches Scheinregulativ, das unerlässliche Proömium zum Werk des Kapitalismus, eine Lebensvorschrift, das Ideal in absentia, das der Mensch aber behandelt wie eine Tugend, weil es nur so, als Perversion, aus der phantasierten Gültigkeit seine Geltung bezieht.“ „Astrein extemporiert!“, machte ich aus meiner Zustimmung keinen Hehl und schlug die Decke beiseite, um so was ähnliches wie aufzuspringen, denn der Impetus seiner Rede hatte mich innig erfasst, und wie ein Herold wollte ich das Schlachthorn blasen zum Kampf wider die Gräuel der angewandten Verwertungslogik, nur kam ich nicht hoch; Schläuche diverser Art und Farbe hatten mich von der Brust ab eingekreist und ans Bett gezurrt. Entsetzt blickte ich an mir hinab. „Nehmen Sie es nicht persönlich“, versuchte mich Holm wohl zu beruhigen, „so liegen wir hier alle.“ Im Nu war ich aber erst recht in Unruhe. Nicht die Krankheit, dachte ich einsichtig, das Krankenhaus fesselt einen ans Bett.“Nichts Schlimmres unter den Schläuchen als unter den Schläuchen zu sein“, setzte er hinzu und nahm auf einen Schlag meine gesamte Existenz hops.
– Wie lang liegen Sie schon hier?
– Seit 62 Tagen.
Ich darf mir an dieser Stelle vielleicht erlauben, und wohl nicht zu früh, nämlich gerade noch recht, um auf eine literarische Verwandtschaft mit Hemingway zu pochen, die Handlung dieses postdramatischen Vaudevilles anzugehen, denn so erbaulich der lausebübische Remix aus Nō und Kyōgen auf eine von Natur gleich elegische wie vergnügte, kurzümchen seelisch luxuriöse Leserin auch wirken wollte, um von der Ballade in die Novelle überzukippen, braucht es endlich Trouble in der Bude, wat sachste? Warum aber die Dinge sich so plötzlich vom Schleppgang in einen Sturzbach wandelten, lag in einer Wandlung des Pharmacopola selbst begründet, litt doch derselbe an einer Krankheit, die ich folgendermaßen ermittelte:
– Was stinkt hier eigentlich so nach Fisch?
– Das bin ich.
Gleich drauf fiel das Wort von der Trimethylaminurie-Diagnose, nach der betroffene Geschöpfe einen annähernd unsäglichen, weil wahrhaft kaum sagbaren Geruch annehmen, der sich verblüffenderweise doch in einem Worte fassen lässt, zu dem ich bereits eine klandestine Spur legte: einen erbarmungslos fischigen Geruch. Heidernei, stank dieser Knabe! Sicher will man in ebenso wortreichen Aufzählungen wie sinnlichen Schilderungen vorgeführt bekommen, wie etwas riecht, das der Bestimmung nach wie Fisch riecht, und ich will dieser Aufgabe gar nicht säumig werden und in artiger Grundhaltung wenigstens eine frappante Andeutung wagen: Zunächst würde ich von einem schon länger liegenden, älteren Fisch ausgehen, die Adjektive faulig oder säuerlich bieten sich an, aber das gibt noch keine genügend genaue Vorstellung, vielleicht mag man sich einen Lachs in die Sinne atmen und hierbei einen eher öligen Duft vernehmen, gemengt mit einem stechend-metallenen, den man, als weitgereiste Parvenue, von größeren Häfen her kennt oder, als besitzschwache Supplikantin, wenigstens von Fischmärkten, zwischen dessen Ständen er als Parfum des Teufels herumgeistert. Gleichwohl ertrug ich dies Odeur mehr oder weniger gern im Abtausch mit jenem Wesensumbruch des Aromatarius, wonach er seine vormalige Tendenz zur traumatisierenden Verschwiegenheit auf- und sich einer nunmehr dramatischen Redseligkeit hingab, die selber weniger dem Vorbilde Hemingways als vielmehr demjenigen Melvilles nachformiert war und im Zuge derer mir viel nachrichtendienstliche Tätigkeit erspart blieb.
Eieiei, schon wieder vergessen, die Kulisse zu beschreiben! Nämlich hatte sich in der Zwischenzeit einiges verschoben, und bevor ich Holms bewegende Inspektion der Weltgeschichte wiedergebe, will ich das nur schnell abarbeiten. Zunächst hatte sich was am Himmel getan, wenn es auch nach menschlichen Maßstäben ungenau ist, davon zu reden, es tue sich was am Himmel, als könne man das sagen wie auf eine Schießerei, aus der man entfernt einen motivierten Blick wirft, oder auf das Geschehen an der Pepco-Kasse, am ehesten kann man es noch mit dem Umgang zwischen Matrizia und mir vergleichen, wofern man den auf einen romantischen Nexus hin denkt, jedenfalls machte die lückenlose und damit tröstliche, weil die menschliche Reinheit wie summierende Bläue nurmehr ein knappes Drittel des Himmels und ein Viertel oder Fünftel des Fensters aus. Von rechts her zog wie ein fleckiges, zerschlissenes Wischtuch eine gräuliche Wolkenschar ein, der einzelne lose und noch schwanweiße Wölkchen vorgelagert waren, die fast wie mit Schlieren durchzogen selber leicht verwischt wirkten wie auf einer unscharfen Fotografie, und wenn ich in Abständen darauf schaute und das tiefere Grau, das wie vom Wolkenweiß herabhängender Schmutz aussah, der sich als nächstes lösen würde, bald die ganze Sicht einnahm und mich noch inniger vielleicht als das umfassende Blau zurechtdimensionierte, als sei ich das Kleinstmögliche und Zerquetschbarste im Universum, dann mutete es wie ein Überwurf an, mit dem Gott uns, weil er unseren Anblick nicht mehr ertrug, für seine seelische Regeneration zudeckte. Das alles darf keineswegs, wie es vielleicht nützlich wäre, als Metapher missverstanden werden, ich würde in gleicher Art davon schreiben, wenn ich eine Reportage übers Stadtfest abzufassen hätte. Dazu soll auch das Zimmer selbst hier nicht ohne Eindruck bleiben. Den an Ort und Stelle verübten Praktiken nach ein gewöhnliches Krankenzimmer, designt aber wie von einem Menschen, für den die weite Welt immer nur ein Metonym für einen ewig unbesichtigbaren Ort geblieben war oder für eine versäumte Chance, der er trotzig nachtrauerte. Halbhoch gekachelt wie in einer Küchenzeile, darüber nachlässig verputzte Wand mit kleinen Spachtelresten, die sich in den Augen des wirklich kleinstmöglichen und zerquetschbarsten Wesens vielleicht wie Pyramiden darstellten, in der menschlichen Größenordnung aber was vom Egalsten auf der Welt sind. Kleine Deckchen, Tischdeckchen, waren dekorativ an den Wänden befestigt, fünf oder sechs, vielleicht sieben, zweifarbig bestickt mit energischen Parolen und Errettungsbitten, Auferstanden aus Ruinen – Gott, rette, Gott, ernähre – Es mögen Blitze treffen – Kein Gift soll je ertöten – etc., mit hellrotem Hintergrund und dunkelroter Schrift. Mittig hing eine mickrige Birne an einem langen Kabel von der Decke, an der daneben einzelne Luftballons hafteten, worin ich endlich doch eine metaphorische Fährte witterte.
Kaum dass ich der aber lyrisch nachsinnen konnte, schnellte, dem der anderen gleich, mein Kopf zur Tür, an der ein resolutes Rütteln zu vernehmen war, dem metallisches Klackern und darauf ein rabiates Schimpfen folgte. Jemand muss endlich diese Scheißtür reparieren, hörten wir von einer zwar hellen, aber sehr festen Stimme, der eine verschlossene Tür, wie es mir gleich den Eindruck machte, niemals zum Hindernis würde. Und als müsste sich, nur weil ich es denke, schon daraus eine Wirklichkeit ergeben, ertönte ein dumpfer Knall und gleich drauf stürzte eine schmale, irgendwie zwingend dreinschauende Frau in mittleren Jahren ins Zimmer, die sich rasch aufrichtete und, mit einem Türknauf in der Hand, ihr hellbrünettes Haar aus dem Gesicht wischte. Hinter ihr, wie eine Stabschefin, die jetzt schon vertraut anmutende Oberschwester Varwara, die sich keinen Deut um dies Ereignis zu kümmern schien. Auch die andern um mich blieben stad, wohl weil sie es gewohnt waren, ich aber weitete Augen und Mund auf diese Szene hin und klammerte mich beidseitig an der Matratze fest. Und obwohl ich naturgemäß nichts eher wollte, als entweder aufgeklärt oder entlassen zu werden, hoffte ich beim Anblick dieser leicht aufgebracht wirkenden Frau doch darauf, von ihr ignoriert zu werden, wie ich es überdies von Frauen in der Regel auch gewohnt war. Freilich, wie ein Kind, das sich vorm schimpfenden Vater sonders zurücknimmt, um den Schimpf auf eins der Geschwister zu lenken, oder wie vor der fragenden Lehrerin, um nicht aufgerufen zu werden, gab ich mich etwas zu betont unauffällig, blickte mit hochgewandten Augen durch die Gegend, pfiff ein heiteres Liedchen, worauf sie, da sie sich überhaupt erst gefangen hatte, erst recht auf mich verfiel. Contusio aut Laceratio cerebri – nondum satis certi sumus. Aliam imaginem per resonantiam magneticam faciemus. Quomodo te habes? Durfte ich darauf frei extemporieren, ohne Zeitlimit und Engführung von Psyche & Physis? War es die rechte Zeit für meine Lebensgeschichte? Hatte ich hier meine Seelenverwandte vor mir stehen, der ich alles, wirklich alles sagen konnte, von meiner postnatalen Depression als gerade Entbundener über die verstörenden Homophantasien der Adoleszenz bis hin zu meiner Entscheidungsschwäche im Pepco vor dem Süßigkeitenregal? Sollte ich vielleicht von Matrizia anfangen, von meiner quälenden Sehnsucht nach unverbrüchlicher Freundschaft oder nach einem Bündnis, in dem ich, sofern mir die Ewigkeit versprochen würde, gar nicht auf Romantik pochen wollte? Oder wäre es angemessener, gerade sie nach Anđelko zu befragen? Ehe ich diese Eingebungen aber ernstlich ordnen konnte, war sie schon an mein Bett getreten, zog ein stiftförmiges Lämpchen aus ihrem Kittel und beugte sich in der Pose einer Dartspielerin, ohne dass sich die Zehen des Spielbeins aber, wie dessen Ferse, vom Boden erhob, leicht zu mir herab. Augen auf und nicht blinzeln. So tat ich. Und wo ich nun wie ein Edelgas durchleuchtet worden war, sollten meine Augäpfel dem Lampenstift so folgen, dass seine Erscheinung unentwegt auf meine Fovea centralis fiel, worin ich mich annähernd meisterlich hervortat; keine Attosekunde verlor ich den zierlichen Leuchtzapfen aus den Augen und hätte wohl Ausschau nach einer Belohnung gehalten, hätte nicht die Doktorin meine bahnbrechende Performance gekonnt ignoriert, um diesen Augenblick, wie es den Genialen unserer Zeit vorbehalten ist, zu ihrem eigenen zu machen und den Erfolg – Motorik i.O., keine Nystagmen etc. – als ihren zu verkaufen. Und wie als wäre ich, nachdem ich mich auf die Frage nach meinem Befinden als nicht reaktionsschnell genug erwiesen hatte, als Ansprechpartner disqualifiziert, wandte sie sich mit weiteren Instruktionen an Oberschwester Varwara: Bluttest & CT waren unauffällig, morgen noch ein MRT. Das letzte Wort aber, und das nahm ich als angemessene Würdigung meiner Existenz, galt denn doch wieder mir: Ruhig halten und wachbleiben, gab sie mir auf und drehte hierbei nur ihren Kopf und nicht ihren ganzen Körper zu mir. In der Sekunde drauf war sie, ohne wenigstens noch dem ehrenwerten Holm, der nun im Schneidersitz auf seinem Bettchen saß, ein feines Gesinnungswort zu sagen, auch schon verschwunden, und Oberschwester Varwara, deren Blick auf mich konstant missliebig blieb, setzte dasselbe nach, aber wie sie es sagte, langsam und mit sonorer Stimme, war es mehr eine Drohung als ein Ratschlag: Ruhig halten und wachbleiben. Und auch sie, als gäbe es sonst nichts mehr zu holen, tat ihrem Verschwinden das Nötige bei, freilich nicht ohne jenen letzten Ausruf an unseren nagenden Genossen: Aus!
Wo ich nun also dies Unwichtige alles nachgetragen habe, böte sich ein Rückgriff auf Holms weltgeschichtlich bedeutende Causerie an, die ich dessentwegen unterbrochen hatte, wäre mir im Augenblick nicht mehr nach einer Ausfahndung der Leere, die sich im Krankenbett um den unbesuchten Leidenden wie eine tarkowskieske Zone ausweitet. In der Anwesenheit der Abwesenheit, wenn ich mich einmal so gebildet ausdrücken darf, nachdem sämtliche Seelenmoleküle wie vom Teufel ausgepumpt aus allem greifbaren Umfeld evakuiert worden sind und sich aber nichts Alternatives auftut, während man selber im viszeralen Oppositionsdruck gegen den peinlichen Aufzug des Nichts peu á peu verkümmert, kann man sich noch so angestrengt nicht selbst ins Glück setzen, kann sich nur dessen Absenz gerade so erträglich machen, durch Kunst oder Onanie oder im Zwiegespräch mit jenem blamablen Rest, der von einem übrig ist, der sein Feedback zum eigenen Leiden aber nach den Normen der schwarzen Pädagogik ausübt und einen dafür schilt, ganz selbst die eigene Verniemandung zu betreiben. Was bleibt man da, eine unfressbare Wurst, ein Lump, der sich seine Verlassenheit fleißig erschuftet und, indem er in allen Lagen sinnlos auf sich pochte, ans Nichts verschachert hat. Die Umwelt kollabiert, aber in Wahrheit nicht, weil irgendjemand abgezogen ist, sondern weil in jene Grube, die man verbissen für sich selbst ausgehoben hat, nur immer andere hineinstürzen, das ist die wahre Schuld, die man sich aufgeschüttet hat. Und da ich für meine Jeremiade eben das passende Schlusswort setzte, wurde die Tür, weil sie ohne Knauf nicht mehr fest einrastete, nahezu aufgestupst, und mit der unseriösen Synchronizität von vager Evidenz und präziser Verschwommenheit, deren unbedingte Geltung nur auf Fata Morganen zu sagen ist, die dem Garantierten das Unglaubwürdige, dem Paraten das Ideelle beistellen, schwob Matrizia wie auf einem Luftbüffel reitend hinein, das erotische Phantom, das schwarzgoldene Kalb, mein privates Stenogramm für die gleichzeitige Nähe und Ferne der Liebe, mein weltliches Suchtfleisch, die fressbarste Wurst östlich von Böhmen, der es schon im zweiten Augenblick gelang, den ersten zu trüben, indem sie mich noch vor den andern in ihrer Anrede sozial zurechtwies und aller Umwelt den Anschein romantischer Vertraulichkeit nahm und den fast geschwisterlicher Bindung gab: Na, du kleiner Racker! wuffte sie mich jovial an, wenn sich in der knappen Pause danach das Joviale auch verzog und etwas an dessen Stelle trat, das eine psychologisch geschulte Person wohl ernste Besorgnis nennen würde. Was machst du bloß für Sachen, schob sie mehr in Art einer Rüge als einer Frage nach. Nur ein klein accident, gab ich unbekümmert zurück, in wahrsten Sinn ein süsn Fehltritt. – Was redest du da? Und mit dem Kopf zu Holm: Hat er ein Trauma? Holm aber hob nur leicht die Schultern, ohne sie gleich wieder fallen zu lassen, weshalb ich entgegen meines ersten Impulses nicht von einem Schulterzucken reden will, also wandte sie sich wieder zu mir, kam einen Schritt auf mein Bett zu, lehnte sich, obwohl sie ihr Bein schon anhob, mehr dagegen als sich wirklich darauf zu setzen und bettete meinen Mantel auf ihrem Schoß, strich ihn glatt und flüsterte vergleichsweise unheiter: Das war alles, Vova, nur kein Unfall. Mein Blick sprach Bände, u.a. biblische, in denen die Ungläubigkeit als existenzielles Phänomen erkundet wurde, und sie fühlte sich wohl genügend verreizt davon: Du hast das Nest in Schutt und Asche gelegt! Ihr mehr erstaunter als empörter Ton gab mir genügend Grund, einen klammheimlichen Stolz über ihre Bemerkung zu fühlen, indessen befand sich dieser Ton in peinlichem Gegensatz zu meiner Erinnerung, wonach ich – die Wonnen der Gewöhnlichkeit! – wieder einmal nur und ausschließlich mich selbst in Schutt und Asche gelegt hatte. Ach, das bisschen Blut, das hat Florence sicher rasch weggewischt bekommen, gab ich vor allem an, um nicht vom angebotenen Stolz verführt zu werden. Oh, ti blesavo malo stvorenje! Das bisschen Blut! Lud si. – Selber Kloppi, tat ich mich nun, wie ich gar nicht mehr leugnen will, wahrlich wie ein Brüderchen hervor. Was ich nun als kleines rhetorisches Vergnügen nahm, an dem wir uns beide gütlich taten, war für sie freilich keines; durchs feine Taupe ihrer Klüsen segelte ein fatales Entsetzen. In Schutt und Asche, wiederholte sie dramatisch und griff mit beiden Händen fest den Mantel, als wolle sie die Idee von mir zerdrücken. Dann aber, wie erschrocken über den Gram, der wohl dem Anlass, indes nicht ihrem Wesen gemäß war, lockerte sie ihre Pfötchen, strich über den Mantel wie über eine Katze, die zu besänftigen war, und wechselte, während sie flüchtig meine Lage überschaute, ihre Tonlage: Da haben sie dich ja fein verkabelt. Und bevor ich, wie es naturellement mein Impuls war, darüber abgrollen konnte, schob sie in jenem tiefsinnigen Nonsense, der ihr in seelisch aufgekratzten Momenten eigen war, fast flüsternd nach: Du hältst die Maschine am Leben. Die Weltmaschine.
Die Stille, die sich darauf zwischen uns ergab und die jeden Übrigen im Raum sicher in selber Art erfasst haben musste, war durchaus von jener Art, die soeben, da ich ihr Zitat absetzte, in mir selber streute, denn wie nach solchem Satz den Anschluss finden, den Übergang ins Weitere, in ihre verstörende Nachdichtung vom Abend im Nest? Wem das Minutiöse erzählerisch gelingen soll, darf hier nicht wieder vom Plotze Gebrauch machen, muss dagegen die soziologischen Feinheiten ausziselieren, um der Wahrheit den Beistand der Tatsache zu vermitteln, wofür sich ein schlechtes Gedächtnis besser eignet, ist die Phantasie doch viel genauer als noch das beste Gedächtnis. Ich soll dich von Pater Jug grüßen. – Padre, Faðir, Isä, Tatang, verehrter Oče, geliebter Seelenbummler. – Er arbeitet an deiner Genesung. – Wie? – Er betet. – Wirf ihm, wo ihr euch geistig mählen wolltet, doch meinen Dank und meine Ehrfurcht wie dem Löwen im Zoo das Huftier vor die Füß. – Drückt er sich eigentlich immer so aus? (Holm) – Sie, nickend: ~rolleyes~ (was ich als vorerotische Bewirtung des Kräuterclowns missverstand; in Wahrheit, wie ich erst jetzt begreife, lag darin eine zärtliche Duldung meiner gekräuselten existence) – wieder zu mir: Was hast du kurac dir nur gedacht? Was ist in deinem Schwanzschädel nur vorgegangen? – Ich bin geflogen, Matrizia, wahrhaft geflogen. Das nimmt mir niemand mehr. – Du hast das ganze Nest gegen dich aufgebracht, sranje. Ti si sjeban. – Aufgebracht? Ich habe sie b e f l ü g e l t. – Jedi govna, du hast die ganze Gegend einmal durchbeleidigt, drkadžijo. Als du da in deiner Blutlache lagst, musste ich ex abrupto ein Psychogramm von dir erstellen, nach dem du ein Umnachteter bist, sonst hätten sie dein gesamtes Sonnensystem gefickt. – Wer sich von Poesie & Kunst beleidigen lässt, wer das Schöne an und für sich als Affront gegen seine Wirklichkeit nimmt, wer den allermenschlichsten Drang zum Höhenflug nur als sühnenswerte Torheit begreifen will, der hat nichts als sein Brot gefickt und von mir kein Wort der Schonung verdient! – Du redest wie mit Pilz am Schwanz. Oder du weißt wirklich nicht, was passiert ist. – Ich habe meinen Kakao getrunken und eine abstrakte Bühnenshow dargeboten. Ich habe diese Halunken mit der Kunst vertraut gemacht. – Kakao, haha! Du hast gesoffen, Vova, du hast dir den Spiritus in die Gurgel gepladdert, als hättest du keinen Tag Leben mehr vor dir. – Was redest du da? Ich trinke keinen Alkohol. – An dem Abend jedenfalls hast du das ganze Nest leergejodelt. Und das war ja erst der Anfang, dann kam dein Stand-up. Den man ausradieren müsste aus der Geschichte der Präsentationen, um die Seelen aller vor der schwarzen Sonne zu schützen. – Oh, übertreib doch nicht. Das war Meta-Acting, eine rührende Flugshow und eine saloppe Fragerunde. Kein Grund, irgendwas auszuradieren, bei Gott. – Oh, deine berühmte Fragerunde; weißt du überhaupt noch, was du da ‚gefragt‘ hast? – Irgendwas mit Engeln. – Irgendwas mit Scheiße, kurac. Aber du sollst wissen, bevor man dich hier entlässt, welche Klötze du vom Stapel gelassen hast, besser ist es, also erzähle ich dir, was du tatsächlich alles gefragt und getan hast. Und Sie, Holm, hören lieber weg.
Ich war verwundert, iskreno govoreći, über deinen Konsum. Kenn dich so nicht. Kenn dich nur mit deinem Tässchen Kakao, an dem du mit leichtem Buckel am Tresen sitzt, während du der liebsten Florence moralische Lehrstunden erteilst. Irgendwie tapsig in deiner Rigorosität. Als suchest du Halt, weil du ihn sonst nirgends findest, in belanglosen Überzeugungen. Warum du an dem Abend gleich Wodka geordert hast, und auch noch so, als tätest du es jeden Tag, hab ich nicht verstanden. In diesem Anschein von Gewöhnlichkeit, oprosti, lag doch was Armseliges. Zu Pedja sagte ich, Guck dir Vova an, trinkt Wodka, aber Pedja lachte nur, sagte, Er wird erwachsen, lass ihn machen. Aber Saufen, oprosti, hat nichts Erwachsenes, nicht dieses plötzliche Reinsaufen von jedem Scheiß, dieser jähe Bruch mit der eigenen Identität, verstehst du? Es ist diese Spontaneität, dieses Unvermittelte, dieses aus dem Nichts-Mäßige, daran ist einfach gar nichts erwachsen, das ist ein blinder Kopfsprung in die Kindheit. Nur Kinder glauben, sie könnten mit einmal ein anderer sein, und was sie dann zustande bringen, sind nur Posen, Identitätsattrappen, sie täuschen sich durch ihr mimetisches Talent. Und dein Saufen, Vova, das war nur Pose, das warst nicht du, kurac. Es war, als wolltest du einmal im Leben unreinen Tisch machen, einmal ein Desaster anrichten, wirklich was hinterlassen, und in deiner uncharmanten Hilflosigkeit fiel dir nichts ein als sozialer Trash, als der Ansporn zum Scherbenhaufen. Schon dein erster Aufruf war ein Affront. Bringt mir eure besten Kinder, – ja, mit diesem gottlosen Vorschlag hast du eröffnet – eure dämonische Bälger-Elite, die mickrigen Parasiten, und ich boxe jedes von der Bühne, bis zu fünf gleichzeitig, jedes einzelne schick ich euch mit Schmackes zurück aufs Linoleum, und danach sind eure Haustiere dran, bringt mir eure Katzen, Kaninchen, Kanarienvögel, ich bretter sie alle weg, hast du mit verzerrter Visage gefaucht und, kao šovinista, Schattenboxen gemacht und dann wieder losgelegt, Ich face mein Über-Ich, ich stalke mein göttliches Ebenbild, ich jage der ersten echten Träne nach, und dabei immer diese monotonen Rechts-Links-Kombinationen, als wollest du dich in die finale Gleichgültigkeit eingraben. Ich führe ein Leben, in dem das Wahre nur den Tod bandagiert, Jeden Tag dusche ich in Gottes Spucke, Warum kann ich nicht über mich selbst lachen, und als wär dir zu schwer geworden im steten Bekenntnis, wie es uns im Übrigen nur fad war, weil sich seine Sinnlichkeit bloß im Bekennenden aber in keinem sonst erzeugt, bist du wieder auf alle andern losgegangen, hast wieder alle ankrakeelt, Ich hab euch alle ficken gesehen, und ihr fickt wie die trübesten Krüppel, ihr siecht euch zum Orgasmus hin, Skender, wo ist er, Skender, da, Skender, du fickst wie ein Esel auf Ritalin und tönst auch so, iiii aaaa, iiii aaaa, als wären Ekel und Lust eins bei dir, als wären sie unzertrennlich wie das Notwendige und das Zufällige, und Arben, du welke Schwanzblume, wo bist du, da, du fickst wie im Sarg, nur kein Schwung, nur keine überbordende Motorik, fickfickfick, wie ein Roboterhund, und Gaso, hahaha, immer schön breitbeinig in der Hoffnung, sie fingert dein ausgedörrtes Arschloch, aber immer vergebens, was, keine fingert dich, du musst dich selbst fingern, wenn sie später im Bad ist, um sich deine Hässlichkeit vom Körper zu rubbeln, und Kreshnik, du lackierter Holzschwanz, wenn sie dich ranließe, würdest du deine Schwester ficken, deine Nichte und – möge Gott ihre Hurenseele ficken – deine verstorbene Baka, du würdest Fisniks Hund rammeln, Schwäne, Tauben, Muscheln, du würdest in alles reinficken, wenn du nicht dauernd damit zu tun hättest, dich als noblen Herrn von Welt zu inszenieren, oh, ihr ganzen Missgeburten solltet nichts als verrotten, in my humble opinion, aber wir sind ja Menschen, nicht?, und Menschen verrecken nicht an ihren Amoralismen, sie atmen auf, wenn sie das Gute in den Wind schießen, die Verfehlung entlastet sie von der Bürde des Anstands, und da du sie gerade zu deinem Mord kommandiert hattest, bist du, gar nicht aus Taktik, glaube ich, nur aus einem Gespür, einem Instinkt heraus, wieder auf dich umgeschwenkt, Und geht es mir denn anders, bin ich denn ein ganz anderer als ihr, richte ich als Apostel über euch? Weit weit weit gefehlt. Ich bin die dreckigste unter uns heillosen Ratten, voll mit Scheiße, randvoll mit Scheiße, Fašizam, mržnja prema pederima und Kot, Kot und wieder Kot, ich bin der Über-Jugo, der Gottgesandte, und kann nicht kacken, mein heiliges Kismet, voll mit Scheiße und kann nicht kacken, und dann hast du dir die Buxe runtergezogen, dich gebückt und uns allen, bei Gott, deine riesige Venenthrombose gezeigt, direkt am Arsch, und hast ins Publikum gefurzt und geschrien: Das war ein Schiss! Aber der kann nicht raus! Der scheiß Blutpfropf versperrt ihm den Weg! Den Weg zu euch, ihr Scheiße fressenden pičke. Für meinen Geschmack, oprosti, unangenehm anschaulich und als mutmaßliche Feier des Lebens auch tendenziell unwürdig. Aber in deinem Rausch, und nichts weiter war es, keine performative Schöpfung höchster Ebene, keine moralische Kampfrede, nicht mal eine maulige Standpauke, nur dusseliges Bubengeschwätz im Rausch, und in diesem Rausch warst du blind gegen deine würdelose Selbsterniedrigung und musstest nicht nur dich, auch uns alle immer weiter reinziehen in diesen Gräuelsog. Kommt auf die Bühne, hast du uns angefleht, kommt rauf und legt euch hin, pärchenweise, dann küsst ihr euch unter meinem verstopften Arsch wie unterm Triumphbogen und ich furz euch in eure Schwänze kauenden Fressen! Nur kam freilich niemand hinauf, alle brüteten über die beste Methode, dich abzumurksen, ohne vor den Kadi zu müssen, also hast du dich umgewandt und hinter die Kulisse gejault: Komm, Veselko, komm her und friss meine Scheiße, sei so lieb, komm und verschling sie! Auch er natürlich wenig angetan, kam deinem Vorschlag nicht nach, saß das Debakel im Dunkel aus, wahrscheinlich an Tejas Brust, der Hurenbock, und wie niemand dir nachkam, wurdest du melancholisch, ein wahrer Trauerbub, ein Häufchen Elend wie alle saufenden Warzenschwänze. Dann kam viel Jeremiade aus dir, auch wo sie mitunter fröhlich klang, zu fröhlich, eben weil du ein feiges Schwanzgesicht bist, das die Bitternis aller Wahrheit nicht verträgt: Ich hab meine Eltern nie bei was Unelterlichem gesehen, hast du uns als Beichte aufgebürdet, und das ist doch ein Glück, nicht?, ein Lebensglück, sonst wär ich am End noch erwachsen geworden, scheiß der Teufel sich eins! Was auch ein Glück wäre, für all unsere Gegend, wäre Kastration, ja, Mateja, ich blicke dich scharf an, oder wenn man Kinder nur noch durch Gedankenkraft zeugen könnte, dann wärt ihr auch alle kinderlos, ihr glaubt ja nicht, wie grundverblödet ihr alle seid, in euren saftlosen Hirnen strömt einsam das Nichts. Und bevor du dich selber wieder in die Depression reingeschwafelt hattest, kamst du erneut aufs Ordinäre und hast, weil hinten nichts kam, eben vorne alles rausgelassen. Ja, guck mich nicht so an, du hast kao beskućnik auf die Bühne gepisst und, wirklich, wie ein Schwanzkind mit deinem Strahl geprotzt, So einen festen Strahl kriegt nicht mal Kasun hin!, und hast weiter geprahlt mit der Weichheit deiner Innenschenkel, deiner Pobacken, auch deiner Handballen und eine Ode an den rührenden Nutzen der Weichheit intoniert, man wusste nicht, ob man dich töten oder verlachen soll, und aus dieser Unentschiedenheit resultierte eine Art gemeinschaftlicher Stupor, den du aber schon mit dem nächsten Bissen aus dem Laib der Torheit wieder lockern konntest, indem du Veselko aufgefordert hast, sich auf der Bühne mit dir zu fetzen, Das hier ist interactive, hast du gejohlt und dir wie ein Gorilla auf die Brust getrommelt. Man kann es nicht mal peinlich nennen, es ging drüber hinaus, weit drüber. Es war mehr erschütternd, diese gewaltsame Demaskierung des Trivialsten, wie ein Mensch seine Würde preisgibt, wie er seine eigene Verfemung bewirkt. Du warst so entsetzlich verwahrlost, Vova. Und wie du dann die Leute parodiert hast. Du wolltest sie lächerlich machen, sie als soziale Anomalien outen, aber klar wurde da nur, wie sehr du zu uns gehörst und unbedingt zu uns gehören willst. Wer bin ich, hast du gefragt und feierlich in die Luft onaniert, oder jetzt, wer bin ich jetzt und hast deine Hände geschichtet, die Finger verschränkt und mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen irgendwas gemurmelt, hast mit imaginärer Knarre in die Gegend gefeuert und dann über den Lauf gepustet, bist gehumpelt wie Relja, hast gestottert wie Uroš, den Kopf gezuckt wie Dušan und den Blinden gemimt, um Talka zu schänden. Du warst der allerletzte Schwanz, auf den sich ein Mensch mit solider Blutpumpe setzen würde.
Aber die Bühne, die hat dich irgendwie geschützt. Da war ein Graben zwischen dir und den andern oder ein Wall, irgendeine Barriere. Vielleicht doch eine Ehrfurcht vor einem Menschen mit Mikrofon. Oder ein Anstand, dass man auf den mit Mikrofon nicht losgeht, dass man ihn nicht in Stücke reißt. Wahrscheinlich hast du das gespürt, aber die falschen Schlüsse draus gezogen. Sobald man ein Mikrofon in der Hand hält, hat man eine Verantwortung für alle, die einem zuhören. Du aber hast es genutzt, um alle über die Klippe springen zu lassen. Wie ein rhetorischer Massenmörder, ako mene pitaš. Ein Narr in der Rolle des Tyrannen. Ein Dusseldespot. So schöne Dinge kannst du sagen, kannst aus aller noch so minderen Erscheinung ein Loblied aufs Leben klöppeln, kannst durch eine redliche Schmeichelei eine lädierte Seele wahrhaft einmal durchatmen lassen, oh, was hast du mir nicht alles schon Feine und Artige und Beflügelnde auf meinen Kopf zugesagt, wie innig hast du, wenn auch vergebens, meine Seele viele Male mit wonnigen Laudationes zur Selbstliebe angefeuert, ich weiß es, Vova, ich weiß von deinem Bündnis mit der Sprache der Götter, aber auf der Bühne war dein Reden, warum nur, vom đavo gelenkt. Wie bodenlos musst du das Leben verachten, dass du so ungeniert auf andere spucken kannst. Kein Wunder, dachte ich, dass man dich zu Anđelkos Büttel erkoren hat. Denn seine Häscher sind vom selben Hass beseelt, vom selben Menschenekel, vom selben Abscheu gegen das Volk. Und du paniertes Čudovište hast mich kao zla vila dastehen lassen, kao vještica, der man kein Wort glauben darf. Denn ich glupa patka wollte dich mit Anđelko bekanntmachen, wollte dich einführen in seinen Kreis, aber Pedja und Sascha, beide, sie haben es geahnt, sie haben dich im Verdacht gehabt, ein izdajnik zu sein, ein unsolidarisches Scheusal.
Aber Vova, ich kenne dich, seit wir nichts als Fleischwürfel waren und uns reziprok in die Windeln geschissen haben, wir haben kollektiv blau gemacht und statt Kindergarten brutale Ćevapčići-Tour durch unsere Gegend, wir sind am Wandertag ausgebüchst und haben Käfer und Molche gefressen, wir haben Tage und Nächte in der Merkata verbracht und Rolat und Krofna und Lokum geklaut, wir haben bei Valty, während er grünweiße Plasteknarren verschraubte, Gintama durchgesuchtet, du hast am Dan nezavisnosti in meine offene Bluse geweint, wir haben Deutsche gejagt und für Tito gebetet, haben Pater Jug die kühnsten Phantasien gestanden und Bomben entschärft, alles bis zum Alter von Sieben, du warst ein Bettnässer, hast über meine Witze gelacht und Gedichte geschrieben, bože moj, ich glaube nicht an das Gerücht vom Scheusal. Und als du zuletzt via Moonwalk von der Bühne gepurzelt bist und wie ein Ungeziefer in unruhigen Träumen auf dem scheiß Linoleumboden lagst, konnte ich das, klar, nicht sagen, denn wie eine Mördertraube standen alle um dich rum und wollten dich so ca. meucheln, also habe ich ihnen eben erzählt, dein armer Geist sei mit Finsternis umhüllt, Schuldwahn, Pechwahn, Verarmungswahn, schizophreniforme gepaart mit schizoaffektiver Störung, ich habe dir in aller Eile einen syndromatischen Cocktail verpasst, nur um dein Heil zu wahren oder den sehr kümmerlichen Rest davon.
Nach dieser spaßigen Brandrede gegen meine Existenz et al. schnaufte Matrizia sachgemäß durch. Und auch ich hätte durchschnaufen, hätte mir einen Moment der Besinnung nehmen sollen, denn wie quer ihre Ausführungen auch zu meiner Erinnerung und überhaupt meinem bescheidenen Selbstverständnis lagen, fühlte ich doch was unverrückbar Wirkliches an ihnen, was bestimmt Notwendiges, aber mein Hirn, wie noch zum Selbstschutz – eben weil ich auch nicht drauf stehe, so von den Geschossen der Wahrheit durchlöchert zu werden – verfing sich in einen mutmaßlichen Widerspruch, den ich unbedingt jetzt und noch vor aller Reue, die ohnehin ein Leben lang Zeit für ihren Durchbruch hat, klären musste:
– Das heißt, im Nest steht noch alles, ist noch alles heil?
– Aber ja.
– Du sagtest was von Schutt und Asche.
– Du hast unsere Seelen in Schutt und Asche gelegt, die drolligen Seelen einer gotteswerkgetreuen Gemeinde, die das Nest erst zum Nest machen, und das ist ein weit größeres Verbrechen als die physische Vernichtung eines Etablissements, kurac.
Mit verblüffender Großmut, die ich mir aus der Wonne über ihre Anwesenheit stibitzte, ließ ich Matrizias kathektischen Bezug zum Seelenkonzept, wie nicht sehr oft in unseren Debatten, unkritisiert und begab mich professionell ans Wesentliche:
– Du kennst Anđelko also persönlich? Wie nah seid ihr euch? Lässt du ihn ran?
– Du mit deinem ranlassen. Hältst du das für einen edlen Wortlaut?
– Er trägt all meine Ehrfurcht vor der Frau als solcher in sich.
– Das Podest, auf das du Frauen stellst, ist in Wahrheit eine Senke, in die du rhetorisch reinejakulierst. Ranlassen – das ist nicht Wert-, das ist Geringschätzung. Nicht Ehrfurcht, nur Verachtung.
– Und das Wasser, mit dem du meinen Kopf wäschst, ist ein Vomitat. Aber im Ernst: Wie ist Anđelko so? Was sind so seine Macken, seine Vorlieben, wie äußert sich die Extravaganz seiner ontologischen Aura, wie verhält er sich als Monade in der ordo creationis, wie liebt er seine Nudeln, bissfest oder taoistisch?
– Ich sage dir gar nichts zu ihm. Das hast du dir durch deine Hassrede im Nest vergurkt.
– Wenn ich wirklich so gesprochen haben soll, wie du es eben mit viel Verve rezitiert haben wolltest, muss man mir zugutehalten, dass ich wohl aus sehr offenem Herzen sprach.
– Oh, du runtergebumste Fischeule, die Entschuldigung, die für deine Rehabilitation nötig sein wird, hat die Welt in Größe und Tiefe noch nicht gesehen. Und das solltest du wirklich tun, du solltest dich entschuldigen. Gar nicht, um irgendwas wiedergutzumachen, das wird kaum möglich sein, nur um nicht als prokleti pas zu sterben.
– Meine Entschuldigung muss man sich verdienen.
– Hochmut auch, Vova.
– Wir von caesarischer Machart ..
– Ma daj, ušuti.
Seit jeher machte mich Matrizias zärtliche Handhabung der in unserer Gegend umläufigen Skatologismen so ca. sentimental und außerdem wollte ich sie nicht abrauschen sehen, während der mehr oder weniger latente Groll zwischen uns noch nicht lieblich ausgewrungen war, also täuschte ich, weil sie sich bis jetzt nicht aufrichtig ergeben hatte, Einsichtigkeit vor:
– Gut, gut, ich werde mich entschuldigen. Auch wenn ich mich frage, wozu, wenn ich alleweil doch ein Verstoßener bleib.
– Weil es nicht um dein Heil geht, kurac, sondern um ihres, das der Vielen, das sich durch deine schmutzherzige Misswürdigung in der Abwesenheit zu konstituieren beginnt. Du hast ihre seelische Libido zermürbt und eine melancholische Masse hinterlassen. Ob ein Wort der Wiedergutmachung dir selbst zugute kommt, muss dabei gleichgültig bleiben, es geht um die Regeneration einer Gattung, um die Bedingung der Möglichkeit von Liebe überhaupt. Kapierst du das, du Hund? Aber jetzt werd erst mal gesund, ja? Sei brav, mach alles, was die hohen Frauen dir hier befehlen und probiere dich dann an der Genesung der Gemeinde.
[…]
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1Ornithologe
2Um dem lit.wiss. Forschungsbereich, der für meine Erzählung errichtet werden wird, den Einstieg zu erleichtern, sei hier die Anmerkung stationiert: Die Enumeration als literarische Methode ist D. F. Wallace (1962-2008) und gewöhnlicher Gegenwartsliteratur entlehnt (s. Volomir Wundt: Logbuch eines lispelnden Landschaftsmalers, S. 2, Zitat: „hab mirs Aufzählen bei Suicide Fosty und den Hurenböcken vom Entrée im Orell Füssli abgschaut [sic!]“).
3mehrspurige Hauptstraße in unserer Gegend
4Horst Wolfram Geißler
5Migros – das stimmt freilich nicht, das sag ich nur, um summa summarum einen Schweizbezug vorzutäuschen, aber natürlich gab und gibt es keine Migros in unserer Gegend, wie es überhaupt nichts Schweizerisches in dieser Gegend gab und gibt oder auch nur geben kann, niemals hat sich ein Schweizer, und nicht mal der ärmste und abgeschissenste, hierher verirrt oder gar niedergelassen, eine Schwede noch, nun gut, aber ums Verrecken kein Schweizer, hier gab es nie was Schweizerisches, es war immer eine weit und breit unschweizerische Gegend, eine Gegend ohne den mindesten Schweizverdacht, nachgerade eine Anti-Schweiz, nur in der Anti-Schweiz konnten die hiesigen Menschen überhaupt leben, nur im ganz und gar Unschweizerischen war ihnen ein Auskommen möglich, eine Gegend, in der alles auch nur im Ansatz Schweizerische die Vernichtung der Menschen hier bedeutet hätte, die sofortige Auslöschung, den prompten Niedergang unserer gesamten Gegend, in der es, wenn sie nur hauchzart florieren will, ich meine menschlich florieren will, nichts und gar nichts Schweizerisches geben kann, das Schweizerische wäre im Nu unser aller Tod.