the business of words keeps me awake
Anne Sexton
[…]
Er sagt sich ein Gedicht auf, zerfleddert von seiner schlampigen Erinnerung. All night dark wings, flopping in my heart, each an ambitious bird. Er hat sich damit einmal verständlich machen wollen, vor einem Mädchen, vergebens. Der helle Klang seiner Stimme, angenehm fremd, hebt ihn aus sich heraus. Wie auf einem fliegenden Teppich spreizt er sich auf ihr, angeschoben wie von einem tönenden Energiestoß. Er spricht es laut, mehrmals, und immer lauter, ALL NIGHT DARK WINGS, FLOPPING IN MY HEART, EACH AN AMBITIOUS BIRD, singt es bald, mit hochgerecktem Rumpf, bis er es, als wäre er falsch abgebogen, deklamiert, mal so, mal so betont, mehr von Ulk als von Bedrängnis geführt, all niiight dark wiiings, floppihing in my heart, eaheaheach an ambitious wooord. Er wird erst frei, im Gebrauch der Wörter, wenn er sie von der Bedeutung löst. Bedeutung ist Knechtschaft. Ist Treibsand für jeden scheiß Vogel in ihm.
In der Jugend hat er hier schon einmal gesessen, abends, auch in der Kälte. Vom Elternhaus weg, in der Hoffnung: für immer, in Wahrheit nur für eine halbe Nacht. Hat dann Menschen angerufen, wahllos, aber jeder Anruf kam ihm vor, als würde er genau diesen Menschen jetzt meinen. Es war nur Ablenkung, nun versteht er es. Im Grunde hat er nie ertragen, auf sich zurückgeworfen zu sein. Wen könnte er heute anrufen, in diesem Moment? Eine Fluggesellschaft, eine Bank, den Notruf. Alles Reden mit anderen war immer Wegbringung von sich selbst. Alle Gesellschaft nur Zuflucht. Aber beängstigende Zuflucht. Er flüchtete vor sich zu anderen und vor anderen zu sich. Eine Rotation des dauernden Entzugs, ein Meidungskreisel. Von allem, das ihm in unbedingter Nähe zu bleiben schien, hat er sich verscheucht. Eine, die damals länger mit ihm sprach, stöhnte zuletzt für ihn. Wenn ihm nichts mehr einfiel von sich, bekehrte er sich zur Lust. In ihr hob sich die Zeit auch auf, erstarrte aber nicht. Es war, als würde sich die Zeit, in der Lust, allaugenblicklich überflügeln. Sich die Zeit vom Hals zu schaffen, ihr verschwörerisches Wesen, hat ihn sprechen lassen.
The bird wants to be dropped. Er hatte sich fallen lassen wollen, aus dem Elternhaus. Hatte nicht gehen, nicht mal davonschleichen wollen, nur entschwinden, von jetzt auf gleich. Ein stiller Entzug, der sein Beisein auch rückwirkend unterschlägt. Auslöschung nach jeder Seite. Dass man einander keine Erinnerung schuldig ist, kein schmerzliches Gedenken. Dass man sich als Versehen begreift, dramatisch Familie genannt. Was ihm andernfalls vorschwebte, war eine ferne Anwesenheit. Zwischen sich und den Eltern ein tiefer Wassergraben, in dem ihr Verhältnis von dessen unausweichlicher Intimität gereinigt wird. Vielleicht würden sie ihn noch etwas angehen, aber er sie nichts mehr. Das Gespenst der Angehörigkeit wäre vertrieben. Er wäre kein Anhang mehr gewesen, nicht mehr unmittelbar gebunden. Das Unmittelbare in der Familie hatte ihn ausgelaugt. Und jede Abweichung, nur in Gedanken, war ihm wie ein Verrat vorgekommen, für den man schon büßt, wenn man ihn nur erwägt. Bis er nichts mehr denken, bald nicht mehr sprechen konnte und seiner Familie selber zum Gespenst wurde. Niemandem mehr was bedeuten, das war sein Ideal.
[…]
Menschen anrufen, Mädchen in der Regel; ein Reflex bloß, eine unwillkürliche Abwendung von sich. Was er alles besprach, es muss ihm ja bedeutend erschienen sein, kann er nicht mehr erinnern. Kann sich überhaupt kaum an Gespräche erinnern, oder nur an die, die alles veränderten. Was ihm davon geblieben ist, als Absud, ist das schaurige Verlangen, von sich zu künden. Und ein Zeugnis wollte er, von seiner Umwelt – jederzeit werde sie ihm verfügbar sein. Bojen, dicht an dicht, das waren seine Freunde für ihn. Und er griff umso panischer nach ihnen, je weiter sie scheinbar auseinandertrieben. Dann bekannte er sich, verzweifelt, zu Gefühlen. Oder gestand seine Unwürdigkeit. In der Verzweiflung, wie in der Lust, fiel ihm alles leicht.