informatio sui

Ausschnitte aus Notizen, in denen ich mancherlei über mich sage. Wahrscheinlich Hybris, das für relevant zu halten. Folgend u.a. aus einer Mail, die ich nicht abgeschickt habe; es geht nicht um wen anders, drum ist auch von ihm nichts drin.


Nov 19


Ich habe den Eindruck, [deine Mail] verlangt mir eine Stellungnahme, eine irgendwie verständige Reaktion ab, aber […] sobald ich, handschriftlich, im Notizheft, ansetze zu einer Erwiderung auf diesen oder jenen Punkt, notiere ich mich, wie es allem meinem Denken und Schreiben immer geschieht, auf einen Dissens hin. Denken und Schreiben, das ist bei mir genuin anti-konsensual. Ich kann nicht auf Konsens hin denken. Und weil Schreiben, das nicht zuvorderst poetisch sein will, ein Denken reflektiert, geht mein Schreiben aufs Trennende hin, nicht aufs Einende. […]

[…]


„Sich öffnen“, „sich verschließen“ etc. – ich weiß, theoretisch, für andere sind das Kategorien, in denen sie ihr Sozialverhalten adäquat ausgedrückt sehen; aber ich selbst habe zu dieser Metaphorik keinen sinnlichen Zugang. Ich weiß, von der Theorie weg, nicht, was das heißt. Wenn mir jemand signalisiert, er öffne sich soeben oder in Kürze oder habe das, wie du, vordem getan, so macht es mich ratlos, weil es offenbar eine gesonderte Behutsamkeit von mir verlangt, für deren Nichterbringung ich nachträglich sanktioniert werden kann (etwa durch einen Vorwurf oder eine teilweise Aberkennung meiner sozialen Tauglichkeit). Ein solches Signal also versetzt mich in die Lage, einen sozialen Dienst leisten zu müssen, was insgeheim darauf referiert, es gebe verschieden relevante Bezugsebenen zwischen Menschen, die je verschieden ‚bespielt‘ werden müssten. Ich kann mir das jetzt halbwegs theoretisch hersagen, und wahrscheinlich ist meine Beschreibung nicht mal hinreichend passend, aber von dieser deskriptiven Ebene ab fehlt mir das sinnliche Verständnis dafür.


Das hängt, wenigstens assoziativ, mit einer anderen Sache zusammen […] Die Differenz zwischen virtueller Persona und dem ‚in der Wirklichkeit‘ stehenden Menschen ist für mich, wie gesagt, nur eine formale. Zwar weiß ich um die Ausschnitthaftigkeit der virtuellen Persona, aber ich kann in diesem Bewusstsein nicht agieren. […] [I]ch habe ja von jedem Menschen nur einen Anschein. Alle Einsicht drüber hinaus kommt mir oft wie Einbildung vor, fast übergriffig (was aber nicht heißt, ich hätte mich solcher ‚Übergriffe‘ nicht fortwährend schuldig gemacht). Aber jedenfalls erkennt meine Wahrnehmung nicht diese Unterscheidung zwischen ‚virtuell‘ und ‚real‘, bei mir so wenig wie bei anderen. Die Unterscheidung, die mir als eine wirklichere vorkommt, ist mehr die zwischen der schriftlichen und mündlichen Artikulation. Ich habe im Mündlichen, z.B., Sprache für Beipflichtung, für Einverständnis; im Schriftlichen nicht. Mein Verhältnis zu diversen Vokabularien ist im Schriftlichen ein anderes als im Mündlichen. Auch anderes unterscheidet sich: Ich bin z.B. – um eine meiner unangenehmsten Eigenschaften zu nennen – jemand, der mündlich wahnsinnig viel unterbricht. Ich falle, unter Freunden, oft ins Wort (unter Fremden oder lose Bekannten nicht). Das heißt, eine wesentliche Unterscheidung liegt für mich im Moment des Mittel- bzw. Unmittelbaren. Im Mittelbaren, was durchs Schriftliche fundiert wird, bin ich naturgemäß distanzierter. Aber nicht zum Menschen, nur zum Sachverhalt. Das ist auch konditioniert gewissermaßen, durchs Schreiben. Wie ich es mir angewöhnt habe, verlangt es mir eine Vergegenständlichung dessen ab, was ich zutage fördern will. Manchmal, durchs Smileys oder „lol“, bricht das auf – aber selbst da ist mir bewusst, dass die Unmittelbarkeit letztlich eine inszenierte ist. Sie soll als solche vermittelt werden, aber sie krankt an einem naturgemäßen Authentizitätsdefizit.


Ich erlebe mich im Umgang mit andern nicht als „mal offen, mal verschlossen“. Und ich erlebe auch andere so nicht. Ich sage nicht: für sie sei es keine Realität oder diese Raum-Metapher sei von der Einbildung gestiftet; gar nicht. Nur: Für mich ist sie Teil einer Fremdsprache; demnach irritiert es mich auch nicht, wenn andere sich ‚plötzlich öffnen‘ oder ‚verschlossen‘ geben, weil ich eine solche Differenz gar nicht ausreichend wahrnehme. In der Folge kann ich mich nur düpiert fühlen, wenn ein anderer von einer Öffnung spricht, weil sie mir notwendigerweise entgangen sein muss. Das heißt nun nicht, ich könne mich gar nicht anpassen; aber dann eher an eine Thematik, die aber so krass sein muss, dass sie mir als Zäsur erkennbar wird, ob bloß für den anderen oder für unser Verhältnis. […] Dass ich bisweilen Gefühlsäußerungen fehldeute oder, wie du sagst, „Gefühle missachte“, gegen diese Einschätzung wehre ich mich nicht. Aber ich bestreite niemandem das Anrecht auf sie oder sozusagen ihren Geltungsanspruch. Was soll ich, bitte, Gefühle anderer Leute judgen. Vielleicht hat es eine soziale Funktion, andere Menschen im Umgang mit ihrem Leid disziplinieren zu wollen („reiß dich mal zusammen“ o.ä.), mir aber kommt das absurd vor. Noch einmal: das spricht mich nicht frei vom Vorwurf der Missachtung, aber den einen Unterschied möchte ich doch machen, dass eine solche Missachtung, wenn ich ihrer schuldig geworden bin, nicht aus einem quasi-protestantischen Mindset resultierte, nach dem ich anderen einen besonderen Verarbeitungsfleiß abverlange, sondern aus Unkenntnis oder einer Fehlwahrnehmung.

[…]


Du sagst: ich würde „Empfindungen auslösen“ und dann aber einen „Rückzieher“ machen und „den Rationalen fahren, ohne ihn zu sein“, „auf Abwehr schalten“ und damit meine „Verwundbarkeit zeigen“ […]
Mehrerlei ist in diesem Abschnitt enthalten, etwa: der Abhub aufs Rationale in vermeintlich unpassenden Momenten, gleichwohl ich dafür gar nicht präpariert sei. Das stimmt in der einen Hinsicht, dass ich tatsächlich keine natürliche Befähigung zur Rationalisierung habe, aber trotzdem nach ihr strebe. Ich muss, in dieser einen Hinsicht, beinah zwangsweise gegen meine Natur arbeiten, weil mir sonst alles Leben unaushaltbar vorkommt. Wenn ich das nicht mehr versuchen würde, die irre Heterogenität all meiner Welteindrücke wenigstens zu plausibilisieren, würde ich, was ich nicht leichtfertig sondern aus Erfahrung sage, einen Tag später von der Brücke hopsen. Das ist die generelle Ebene. Die etwas spezifischere ist: Du hast sehr trefflich bemerkt, ich würde im Disput zum „Arschloch“ – und, in der Tat, ich reiße die Stange der Arschlöchrigkeit fast reflexhaft. Nur ist es ja nicht so, dass mir das selber nicht bewusst wäre – andere, vielleicht darf ich mit einem Zwinkern so reden, haben das Glück, das nur fallweise und von außen zu erleben; ich indes muss permanent damit leben, in mir. Andere, auch wenn sie sie nicht nutzen, haben die Freiheit, sich von meiner Arschlöchrigkeit zu lösen; für mich entfällt diese Option. Ich bin ihr ausgeliefert, jeden Tag. Ich beschreibe damit ein quasi passives Verhältnis, und das einzige, was ich aktiv dagegen machen kann, ist, den Ausbruch dieser Arschlöchrigkeit zu inhibieren. Da mir aber emotional und sozial jede Reife fehlt, kann ich das nur, indem ich mich selber in die Vergegenständlichung des Sachverhalts dränge. Daher, wie oben angedeutet, das Schreiben; im Schreiben erlöse ich mich von meiner Impulsivität. Aber das ist kein „Rückzieher“ und kein „den Rationalen fahren“, sondern es ist zum einen der Versuch, in mir selber Rücksicht für den anderen zu organisieren, also nach meinem Verständnis eine besondere Art der Zuwendung, und zum andern ist es der Versuch, jener Dummheit zu entgehen, die ich als natürliche Folge meiner Spontaneität erfahren habe. Letztlich erfahre ich auch als dumm, was ich mir im Zuge einer Vergegenständlichung erarbeitet habe, aber es ist dann ein Scheitern, das ich eher anerkennen kann, weil ich mich darin selber als aufrichtiger erlebe als in den Momenten, in denen ich mich Reflexen statt Reflexionen ergebe.


Dazu kommt ein anderer Punkt, der latent auch schon in manchen vorigen wirkte. Für das wechselseitige Bekennen von Gefühlslagen gibt es (viele) geeignetere Menschen als mich. Wenn sich daraus nichts Theoretisches ergibt, macht es mich in der Regel ratlos. Nicht weil ich um die Bloßlegung meiner „Verwundbarkeit“ fürchten würde – wenn ich eine solche Furcht hätte, könnte ich keinen Satz schreiben. Zumal mir meine Verwundbarkeit, wie wohl den meisten Menschen, ja bereits seit Kindertagen vertraut ist. Ich war vielleicht immer etwas verwundbarer als ‚der Durchschnitt‘, aber ich habe mir das selber nie als Defizit ausgelegt. Die einzige Verwundbarkeit, mit der ich nur schwer haushalten kann, sind die fast krankhaften Verlust-Ängste in Bezug auf den Lebenspartner oder allerengste Freunde. […] Aber ich fürchte nicht meine Gefühligkeit. Ich fürchte auch nicht, von anderen be- oder gerührt zu werden. Das ist mir ziemlich fremd. Nur: So frei andere darin sind und sein sollen, berührt, betroffen, glücklich, traurig oder verärgert zu sein, so frei will ich selber in meiner Reaktion darauf sein. Eine Freiheit, die indessen nie eine totale sein kann, sondern immer eine eingeschränkte sein muss. Weil man selber bereits mit Erwartungserwartungen operiert und sich immer dem mal stillen, mal weniger stillen Gebot ausgesetzt sieht, angemessen reagieren zu müssen. Ich will mich von diesem Gebot auch nicht grundsätzlich emanzipieren. Aber man lernt ja mit der Zeit immer mehr, was man kann, was man nicht kann, was man ist, was man nicht ist – und ich bin, mitunter zu meinem Unglück, ein loyaler Mensch; aber kein solidarischer. Wenn andere etwas sind – z.B. berührt –, dann kann ich mich nicht zwingen, es ‚mit‘ zu sein. Ich verstehe das Konzept der Solidarisierung theoretisch, wenn auch nur so ungefähr; drüber hinaus fehlt mir der Sinn dafür. Und wenn jemand von dem, was ich von mir gab, „berührt“ ist, ob im Schönen wie im Schlechten, dann empfinde ich mich in einer sagenhaften Aufgeschmissenheit, weil die Äußerung dessen nicht ernstlich in mir andockt. Sie passiert mich, weil ich sie nicht greifen kann. Ich will natürlich nicht, dass jemand z.B. von meiner Art oder einer Äußerung von mir verletzt wird; das besorgt mich durchaus. Weil ich das als unfair empfinde; kein Mensch, so meine (vielleicht etwas kindliche) Vorstellung, darf sich damit arrangieren, einen andern verletzt zu haben. Und auch will ich nicht in der Schuld sein, mich an eines andern Wohlbefinden vergangen zu haben. Noch kindlicher gesagt: nach mir soll kein Mensch leiden; grundsätzlich nicht, aber meinetwegen schon dreimal nicht. Nur: wie das vonstatten gegangen sein soll, kann ich mir nie erklären. Ich habe keinen Sinn für meine Wirkung auf andere. […]